Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2022

Joni geht ihren eigenen Weg

Frau in den Wellen
0

Eigen war Joni schon immer: allein durch ihren Vornamen aus der Zeit gefallen, sie war nämlich von ihren Hippie-Eltern, die sich eher umeinander als um sie kümmerten, nach Joni Mitchell, deren Idol benannt ...

Eigen war Joni schon immer: allein durch ihren Vornamen aus der Zeit gefallen, sie war nämlich von ihren Hippie-Eltern, die sich eher umeinander als um sie kümmerten, nach Joni Mitchell, deren Idol benannt worden. Und das in Westdeutschland Mitte der 1960er Jahre, wo so etwas eher ungewöhnlich war.

Sie heiratete früh und wurde Mutter, begann dann erst so richtig mit ihrer beruflichen Karriere, die das Zentrum ihres Daseins wurde. Jedenfalls der Punkt, um den sie den Rest ihres Lebens ansiedelte - Kinder, Mann bzw. inzwischen der Ex mit neuer Partnerin und ihre Männer - eine zunächst verwirrende Masse für mich.

Bis mir klar wurde, das Joni ihr gesamtes kleines Imperium mit absolut klarer Hand und Respekt gegenüber anderen regiert, sich Gedanken macht und auf ihre ureigenste Weise sowohl ein großes Guthaben als auch eine ganz besondere Art von Familie erschuf. Bis diese Erkenntnis allerdings in mir reifte, brauchte es einige Zeit, wobei es am Ende zu einer riesigen Krise kommt, die nur durch Jonis ganz besondere Art gemeistert werden konnte. Ein Roman, für den ich einen extrem langen Atem brauchte, der für mich am Ende aber doch ausgesprochen rund und schlüssig erschien, trotz etlicher Stolpersteine auf dem Weg dahin.

Beatrix Kramlovsky ist eine sehr ungewöhnliche deutschsprachige Autorin. Sie macht es mir als Leserin nicht leicht, dennoch empfinde ich die Auseinandersetzung mit ihrem Werk als durchaus bereichernd.

Veröffentlicht am 15.11.2022

Eine etwas enttäuschende Passage

Die Passage nach Maskat
0

Jedenfalls für mich, die ich ein großer Fan des Autors bin, vor allem seiner historischen Hamburg-Krimis, die man wahrscheinlich aus heutiger Sicht zu seinem Frühwerk zählen darf. Aber auch die ...

Jedenfalls für mich, die ich ein großer Fan des Autors bin, vor allem seiner historischen Hamburg-Krimis, die man wahrscheinlich aus heutiger Sicht zu seinem Frühwerk zählen darf. Aber auch die späteren Bücher zu Frankreich habe ich sehr genossen, so dass ich mich mit absoluten Riesen-Erwartungen an Lektüre begab.

Ich liebe auch die 20er Jahre, bin aber dabei ausgesprochen wählerisch - ich vergöttere bspw. die Berlin-Krimis von Susanne Goga, die von Volker Klüpfel als "Babylon Berlin-Serie" verfilmten dagegen überhaupt nicht. Man sieht, es ist schwer mir etwas recht zu machen.

Zumal ich bei Cay Rademacher überhaupt keine Zweifel hatte und mich somit gleich beim Autor entschuldigen möchte - hielt ich mich bisher für eine seiner pflegeleichtesten Leserinnen, muss ich das jetzt realivieren.

Den von seinen angeheirateten Verwandten gehassten Theodor Jung und seine kapriziöse Frau Dora fand ich irgendwie langweilig, obwohl ihre Schiffspassage sehr farbig geschildert wurde. War aber irgendwie nix für mich, was mir überaus Leid tut. Cay Rademachers anderen Werken bleibe ich natürlich treu!

Veröffentlicht am 14.11.2022

Ein kleiner Junge ganz allein im Krieg

Ein Zuhause in Afrika
0

Der kleine Charles - er ist zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst fünf Jahre alt und zum Zeitpunkt seiner Verschickung zu einer Großtante in Schottland sechs Jahre alt - wird auf tragische Weise blitzschnell ...

Der kleine Charles - er ist zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst fünf Jahre alt und zum Zeitpunkt seiner Verschickung zu einer Großtante in Schottland sechs Jahre alt - wird auf tragische Weise blitzschnell erwachsen. Denn er muss schnell lernen, sich selbständig neu zu orientieren, in einer vollkommen fremden Umgebung einzuleben - was ihm tatsächlich gut gelingt. Mehr noch - er verliebt sich richtiggehend in seine alte Tante Grace, die so viel mehr Zeit für ihn hat als sein Vater in London - und fast noch mehr in das kleine schottische Dorf, in das es ihn nun verschlagen hat. Hier findet der kleine Junge, dem das Lernen in manchen Fächern so schwer fällt, seine Erfüllung - das Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof. Dessen ist er sich schon in jungen Jahren ganz sicher. Dennoch verschlägt es ihn ganz gegen seinen Willen nach Südafrika - wieder muss er sich neu orientieren. Ebenso wie Oswald, der enthusiastische Nationalsozialist, der in sowjetischer Gefangenschaft noch mal sein ganzes Leben überdenkt und in ein Deutschland ohne Hoffnung, in dem er nicht bleiben kann, zurückkehrt.


Ich habe bereits einige Bücher der südafrikanischen Autorin Irma Joubert gelesen und bin mittlerweile zum Fan geworden. Denn sie eröffnet neue Perspektiven, Blickwinkel und Aspekte auf Historisches und zwar nicht nur durch akribische Recherchen. Nein, auch der Glaube und sein Einfluss auf die Menschen spielt stets eine Rolle, wobei er in diesem dreiteiligen Romanzyklus um Hildegard, Mentje und in vorliegendem Band vor allem um den kleinen Charles ganz besondere Bedeutung erlangt - hier geht es sowohl um den christlichen Glauben als auch um das Judentum. Ich habe viel gelernt durch dieses Buch, bin Irma Joubert mit Begeisterung nach Ostpreußen zu Hildegard, in die Niederlande zu Mentje, mit Charles nach Schottland und schließlich allen Protagonisten nach Südafrika gefolgt. Auch wenn die Geschichte in großen Teilen eine traurige ist, entbehrt sie doch nie der Hoffnung. Mitreißend, aufwühlend, ab und an auch überraschend: jedes ist ein eindringlicher Roman über zwei Lebenswege (wobei der zweite etwas weniger im Vordergrund steht) die sich in schweren Zeiten kreuzen und der ausgesprochen lesenswert ist!

Veröffentlicht am 07.11.2022

Beide Seiten Berlins in den 1960ern

Kinder des Aufbruchs
0

Alice und Emma haben inzwischen auch räumlich zueinander gefunden und leben beide mit Ehemännern und Alice auch mit Kind in Westberlin. Allerdings stolpern sie wieder und wieder über ihre familiäre Vergangenheit ...

Alice und Emma haben inzwischen auch räumlich zueinander gefunden und leben beide mit Ehemännern und Alice auch mit Kind in Westberlin. Allerdings stolpern sie wieder und wieder über ihre familiäre Vergangenheit und haben es dadurch schwer, sich ein friedliches Leben aufzubauen

Ein wundervoller Roman um eine überaus tragische Familiengeschichte vor der Kulisse des zweigeteilten Deutschland und des kalten Krieges. Autorin Claire Winter hat akribisch recherchiert und schreibt unglaublich spannend, mitreißend, aber auch ausgesprochen einfühlsam. APO-Zeit, Schah-Besuch, Ermordung des Studenten Ohnesorg durch den Polizisten Kurras und das so ungerechte Entscheiden der Justiz - hier kommt alles zur Sprache!

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich stimmt hier absolut alles! Ein Buch, das man sich selbst kaufen, aber noch viel mehr verschenken sollte, an Menschen, mit denen man es besonders gut meint. Und die mehr über die Vergangenheit des geteilten Berlins erfahren wollen und sollen.

Claire Winter ist seit Jahren das Beste, was dem deutschen Literaturbetrieb in Bezug auf historische Romane über das 20. Jahrhundert passiert ist! Ich würde ihr, mehr noch aber dem internationalen Buchmarkt gönnen, dass "Kinder des Aufbruchs" in unzählige Sprachen übersetzt wird!

Veröffentlicht am 01.11.2022

They call me the wanderer

Der Fußgänger
0

Von tochteralice


Das Müllern ist des Wanderns Lust: eine etwas gemeine Einleitung in den Txt. Weil Wigald eben Wigald Boning ist. Die Wahrheit ist: ich habe mich direktemang und geradewegs verliebt ...

Von tochteralice


Das Müllern ist des Wanderns Lust: eine etwas gemeine Einleitung in den Txt. Weil Wigald eben Wigald Boning ist. Die Wahrheit ist: ich habe mich direktemang und geradewegs verliebt in sein ebenso persönlich wie warmherzig gestaltetes Buch über das Gehen.

Wir richten das Augenmerk für die Dauer der Lektüre auf ein recht wuseliges kleines Männlein, das wir auf seinen vielfältigen Wegen nicht nur durch unsere eigene Republik begleiten dürfen.

Herrlich seine Ausführungen zur ersten Wandergruppe samt Familienfoto aus den 1970ern (der Zusammenhang ist unschwer erkennbar). Erstaunlich, dass der Autor selbst in tiefsten Zeiten des Post Punk - wohlgemerkt seines Post Punk - Weggefährten findet, die - ebenso wie er - verkatert, aber unverdrossen losziehen. Dann jedoch habe ich mich auch wieder entliebt: denn die Wahrheit ist, der gute Wigald treibt es immer mal wieder ein bisschen zu doll. So wie ein Kind, das man ständig zur Ordnung ruft und das einfach nicht aufhört.

Dieses Buch ist ebenso witzig wie ernsthaft, es ist eine Art persönliche Wanderbiografie - aber eben nur stellenweile. In anderen Teilen ist es dann doch auch ziemlich anstrengend zu lesen, finde ich.