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Veröffentlicht am 03.01.2022

Nicht nur ein Besuch im Zoo

Die Frauen von Schönbrunn (Die Schönbrunn-Saga 1)
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Einfach nur den Zoo besuchen? Nein, das reicht der jungen Emma nicht und nun, im Sommer des Jahres 1914, erfüllt sich endlich ihr größter Wunsch: sie wird als Tierpflegerin in Schönbrunn eingestellt, auch ...

Einfach nur den Zoo besuchen? Nein, das reicht der jungen Emma nicht und nun, im Sommer des Jahres 1914, erfüllt sich endlich ihr größter Wunsch: sie wird als Tierpflegerin in Schönbrunn eingestellt, auch wenn ihr Traum eigentlicb darin besteht, Tierärztin zu werden und damit in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, der den Zoo neben seiner Praxis betreut.

Aber nicht mehr lange, denn der Erste Weltkrieg bricht aus und nachdem die jungen Männer alle an der Front sind, wird auch ihr Vater einzogen. Und die wirtschaftliche Situation in Wien wird zunehmend schlechter - nicht nur die Tiere im Zoo hungern, sondern auch - und vor allem - die Menschen. Und immer weniger verstehen, warum die Tiere erhalten bleiben sollten. Emma fühlt sich in dem Kampf oft allein gelassen, zumal sie sich auch um ihre hochschwangere Schwester Greta, deren Ehemann als vermisst gemeldet ist, kümmern muss. Da begegnet ihr Dr. Julius Winter, ein junger Tierarzt, der ihren Vater vertritt. Und sie spürt Verbundenheit nicht nur auf beruflicher Ebene - längst nicht.

Ein faszinierender Roman über Menschen im Wien im Ersten Weltkrieg - die Autorin hat verstanden, sowohl historische Fakten als auch die Atmosphäre der 1910er Jahre zu vermitteln, was ich sehr zu schätzen wusste, zumal mich auch Emmas Geschichte gepackt hat. Ein wenig wurde das durch die Sprache, die - so fand - desöfteren aktuelle Redewendungen, Ausdrücke und Wörter beinhaltete, deren Gebrauch ich mir in den Jahren 1914-1918 nur schwerlich vorstellen kann, geschmälert. Aber das stört andere Leser möglicherweise weniger als mich und auch ich habe den Roman dennoch sehr gern gelesen!

Veröffentlicht am 29.12.2021

Ein Erbe der besonderen Art

Die Enkelin
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Ja, es ist ein ganz besonderes Erbe, mit dem sich Kaspar nach dem plötzlichen Tod seiner Frau konfrontiert sieht: sie, der er Mitte der 1960er Jahre zur Flucht aus der DDR verhalf, hatte eine ...

Ja, es ist ein ganz besonderes Erbe, mit dem sich Kaspar nach dem plötzlichen Tod seiner Frau konfrontiert sieht: sie, der er Mitte der 1960er Jahre zur Flucht aus der DDR verhalf, hatte eine Tochter. Die allerdings in die Untiefen rechter Gesinnung abgetaucht ist und, als Kaspar sie nach langer Suche findet, auch kein Interesse hat, daraus wieder aufzutauchen.

Doch sie hat selbst ein Kind, eine knapp fünfzehn Jahre alte Tochter namens Sigrun, die in ihrem bisherigen Leben nur völkische Gesinnung und rechtes Gedankengut mitbekommen hat und - wie könnte es anders sein - davon vollkommen überzeugt ist.

Dennoch schafft es Kaspar, ihre Eltern - der Vater ist um Längen schlimmer, also völkischer und "rechter" als die Mutter, davon zu überzeugen, Sigrun in den Ferien zu ihm zu lassen. Und zwar mit schnödem Mammon, der auch in völkischen Kreisen seinen Reiz hat.

Sowohl für Kaspar als auch für Sigrun bedeuten diese Besuche das Kennenlernen einer vollkommen neuen Welt, in der es zunächst kaum Gemeinsamkeiten gibt. Doch - überraschend für Kaspar - erfolgt eine Annäherung über klassische Musik.

Zerbrechlich allerdings, wie bald klar wird. Ein Roman, der zwei vollkommen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen Deutschlands einander gegenüber stellt: einen immer noch eher links orientierten Intellektuellen der 1960er Jahre und einem lange nach der Wiedervereinigung geborenen Mädchen, das nur die Kreise der Neurechten kennt und sich darin bisher wohlgefühlt hat.

Mir hat gefallen, dass Bernhard Schlink in diesem Roman krumme Wege geht. Es gibt überraschende Gegenüberstellungen, Aburteilungen erfolgen auf beiden Seiten, wobei aber immer klar bleibt, auf welcher davon der Autor selbst steht. Auch wenn ich ab und an über ein - kleines - Klischee stolperte, habe ich den Roman mit großem Gewinn gelesen - denn ich bekomme niemals genug von verschiedenen Sichtweisen auf Deutschland und dies ist eine durchaus besondere! Gewissermaßen in der Tradition des "Vorlesers", aber beide Romane sind Kinder ihrer jeweiligen Entstehungszeit und damit völlig unterschiedlich!

Veröffentlicht am 19.12.2021

Och neeeeee!!!

Morgen, Klufti, wird's was geben
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Weihnachten hatte ich noch nichts vor (zumindest lesenderweise nicht) und da kam mir der Gedanke, ich könnte es doch bei Kluftingers verbringen. Richtig, beim gemütlichen Ermittler Klufti, seiner Frau ...

Weihnachten hatte ich noch nichts vor (zumindest lesenderweise nicht) und da kam mir der Gedanke, ich könnte es doch bei Kluftingers verbringen. Richtig, beim gemütlichen Ermittler Klufti, seiner Frau Erika und dem Rest der Truppe, der nicht nur aus den Verwandten, sondern auch aus dem allseits beliebten (Achtung: Ironie) Doktor Langhammer mitsamt Gattin besteht.

Ob eingeladen oder nicht, irgendwie ist der Doc nie weit vom Kluftinger entfernt.

Und bisher mochte ich sie alle auch wirklich gut leiden, inklusive eben den Doc - nicht als Gesellschaft, sondern zu meiner ureigenen Unterhaltung.

Was also war es, was dies mir an Weihnachten madig machte? Irgendwie schien es mir, als beschäftige sich jeder mit demselben Zeug wie sonst, nur eben weihnachtlich verbrämt.

Und das hat mich ganz schön gelangweilt. Wie ernüchternd war es, herauszufinden, dass Kluftis Weihnachtsfest genauso öde ist wie alle anderen - von außen betrachtet jedenfalls. Ich werde Klufti an Feiertagen in Ruhe lassen und mich ihm wieder anlässlich neuer dramatischer Fälle (nicht nur als Rahmenhandlung) zuwenden. Dan weiß ich auch, was mich erwartet!

Veröffentlicht am 19.12.2021

Annabel stirbt

Sein Name war Annabel
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Ja, Annabel stirbt: sie ertrinkt zusammen mit ihrem Vater. Und zwar gleich zu Beginn des Buches. Annabels Mutter Thomasina nennt nun Wayne, bei dessen Geburt sie zugegen war, beim Namen ihrer verstorbenen ...

Ja, Annabel stirbt: sie ertrinkt zusammen mit ihrem Vater. Und zwar gleich zu Beginn des Buches. Annabels Mutter Thomasina nennt nun Wayne, bei dessen Geburt sie zugegen war, beim Namen ihrer verstorbenen Tochter: Annabel.

Dabei legt vor allem Waynes Vater großen Wert darauf, dass dies ein Junge ist, er also einen Sohn hat. Der auch entsprechend erzogen wird. Aber Wayne ist nicht nur Wayne, er ist auch Annabel. Auch wenn diese Seite seines Ichs so gut wie möglich unterbunden wird - sogar operativ im Krankenhaus.

Doch die weibliche Seite in Wayne will heraus und dabei hat er nur eine Verbündete: Thomasina nämlich, die zudem längst nicht immer zugegen ist.

Ja, Sie werden es erraten haben: Wayne ist ein Hermaphrodit. Geboren 1969 in der kanadischen Wildnis, also in einer Umgebung, die einem solchen Phänomen nicht wohlgesonnen war. Es sollte möglichst unterbunden werden.

Wie Wayne und seine Umgebung damit zurecht kommen, das ist Thema dieses Romans, eines Romans, aus dem ich über lange Strecken hinweg nicht so recht schlau wurde. Ich habe einfach nicht begriffen, was genau die Botschaft dieses Romans sein sollte.

Was ich sehr schade fand, aber wenn Sie einen wirklich packenden Roman zu diesem Thema lesen möchten, dann greifen sie zu "Middlesex" von Jefferey Eugenides.

Veröffentlicht am 18.12.2021

Der Winter danach

Der schwarze Winter
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Nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles so chaotisch und noch weitgehend ungeklärt war mit dem Territorium von Deutschland. Die Schwestern Silke und Rosemarie begeben sich zu Fuß aus ihrer ...

Nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles so chaotisch und noch weitgehend ungeklärt war mit dem Territorium von Deutschland. Die Schwestern Silke und Rosemarie begeben sich zu Fuß aus ihrer Heimatstadt, die nun - so viel ist bereits klar - polnisch ist - gen Westen. Hamburg ist ihr Ziel, doch zunächst befinden sie sich in einem kleinen Dorf auf einem Bauernhof, auf dem sie quasi Zwangsarbeit erledigen müssen. Als der Bauer der jungen Rosemarie an die Wäsche will, wehrt sie sich und es gibt einen Grund zur Flucht. Und natürlich dazu, nach Hamburg weiterzuziehen. Sie begegnen Egon, der sie mitnimmt und beim Friseur Hans zurücklässt. Bei ihm und seinem Mitbewohner Gustav fassen die jungen Frauen neuen Lebensmut und auch Egon verschwindet nicht ganz aus ihrem Leben.

Ein Roman mit einem spannenden Plot, in dem sich aber so viele angedachte Geschichten, so viele Handlungsstränge finden, dass sie in einem Roman gar nicht zu Ende gedacht werden können. Das hier scheint eher ein Folgeband einer Reihe zu sein, allerdings längst nicht der Erste. So viele Figuren, so viele Wege werden erwähnt, aber nicht richtig in die Erzählung eingebaut.

Zudem entwickelt sich die Handlung stellenweise zu einer rechten Räuberpistole ohne jeglichen literarischen Anspruch, was ich sehr schade finde: gute Idee, aber die Durchführung ist nicht ganz gelungen. Daher empfehle ich den Roman nur sehr eingeschränkt als lesenswert.