Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.08.2020

Mahler reflektiert

Der letzte Satz
0

Gustav Mahler sitzt an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach New York. Er, der sein Leben lang kränkelte, weiß nun, dass er nicht mehr lange Zeit hat. Was ihn nicht beschleunigt, sondern dazu ...

Gustav Mahler sitzt an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach New York. Er, der sein Leben lang kränkelte, weiß nun, dass er nicht mehr lange Zeit hat. Was ihn nicht beschleunigt, sondern dazu bringt, zurückzublicken. Mit dem inneren Auge eines lebenserfahrenen, wenn auch nicht immer lebensbejahenden Menschen.

Alma, seine Frau - sie ist mit ihm unterwegs, aber eigentlich schon weit weg. Der nächste (Heirats)Kandidat in Person von Walter Gropius (wird nicht namentlich erwähnt) steht schon parat. Alma, die leichtfertig scheint, es aber keineswegs einfach hatte mit dem sehr speziellen und schon zu Lebzeiten bekannten Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler. Aus Mahlers Überlegungen wird deutlich, dass sie nicht dazu gemacht war, als Frau an seiner Seite zu leben - dafür hat sie viel zu viel Potential in sich.

Momente aus dem Leben mit Alma treten hervor, der Verlust einer der beiden Töchter, der gemeinsame Besuch in Rodins Atelier in Paris, wo der Bildhauer auf Wunsch von Alma und ihrer Familie eine Büste von Mahler modelliert. Dass dies nicht Mahlers Wunsch ist, wird schnell deutlich.

Mahler auf dem Schiff - er pickt sich Momente heraus, wie es auch Menschen tun würden, die keine Jahrhundertkomponisten sind - Autor Robert Seethaler hat hier die ganz normalen Gedanken eines zufälligerweise sehr berühmten Mannes am Ende seines Lebens herausgearbeitet. Wohlgemerkt: die möglichen Gedanken, denn Seethaler spielt hier mit der Geschichte. Er verleiht einem Bereich Worte, die sonst verborgen bleiben, denn Gedanken sind - wie es in dem bekannten Lied heißt, um im Bereich der Musik zu bleiben - frei und ziehen wie nächtliche Schatten vorbei.

Ein kurzes Werk, ob es knackig ist, soll jeder Leser selbst bewerten. Ich zumindest habe es sehr gerne gelesen und Sprache wie auch Stil des Autors genossen. Hier schreibt Robert Seethaler, nicht sein Landsmann Thomas Bernhard: weswegen Mahler im letzten Satz seines Lebens viele mögliche letzte Sätze denkt. Aus meiner Sicht vermag es der Autor, hier ein ebenso privates wie kraftvolles Statement zu schaffen. Eines, das ich - so kurz es ist - in guter und andauernder Erinnerung behalten werde!

Veröffentlicht am 17.08.2020

Wer war Miranda?

Alles, was zu ihr gehört
0

Das soll Kate in Erfahrung bringen. Sie ist aus ihrem Job als Journalistin in New York gegangen worden und versucht nun, auf eine andere Art weiterzukommen: Die Künstlerin Miranda Brand, eine Fotografin, ...

Das soll Kate in Erfahrung bringen. Sie ist aus ihrem Job als Journalistin in New York gegangen worden und versucht nun, auf eine andere Art weiterzukommen: Die Künstlerin Miranda Brand, eine Fotografin, ist vor Jahren verstorben und ihr Sohn Theo, inzwischen Vater zweier Kinder, hat Kate mit der Ordnung des Nachlasses beauftragt.

Das Spannende daran: alles ist mehr oder weniger vorhanden, wie Miranda es vor ihrem Tod verlassen hat. Allerdings hat Theo die Lage verändert und alles zusammengeworfen. Doch es gibt noch mehr Geheimnisse zu Miranda in diesem Haus - es stand seit ihrem Tod leer, Theo lebt dort mit den Kindern erst seit kurzem wieder.

Kate hängt dadurch zwischen zwei Familien, denn sie kommt in Kalifornien bei ihrer Tante unter, die in dem kleinen Ort eine große Nummer ist und unter deren Neugierde Kate, die eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben hat, ganz schön leidet.

Ihre Wühlerei bringt informationen in einer Art Tagebuch Mirandas zum Vorschein, in dem allerdings Teile zu fehlen scheinen. Und sie findet Mirandas Arbeiten - all das wirft mehr Rätsel auf, als dass es zur Klärung beiträgt.

Ein Roman, der auf Stimmungen und auf Atmosphäre basiert - wem kann man trauen, wem nicht. Das bezieht sich übrigens sowohl auf Kate als auch auf Miranda.

Einer, der sehr viel Konzentration erfordert, der sicher auch nicht unsperrig ist - andererseits fand ich die Sprache der Autorin Sara Sligar zumindest teilweise durchaus faszinierend, ihren Ansatz ungewöhnlich. Ein Buch für Leser, die das Rätselhafte lieben, auch wenn es sich nicht um einen Krimi handelt.


Veröffentlicht am 17.08.2020

Im Stil eines Tagebuches

Die Villa
0

Eher eine persönliche Familienbiografie, nicht das, was ich von einem bekannten Autor erwartet hätte . Die Villa steht nicht durchgehend im Fokus des Geschehens, sie ist ein Handlungsort, der erst spät ...

Eher eine persönliche Familienbiografie, nicht das, was ich von einem bekannten Autor erwartet hätte . Die Villa steht nicht durchgehend im Fokus des Geschehens, sie ist ein Handlungsort, der erst spät dazukommt, dann aber bleibt. So richtig eindringlich empfinde ich die Schilderungen nicht, eher als Aneinanderreihung von Ereignissen.

Veröffentlicht am 17.08.2020

Träume bleiben nicht immer Schäume!

Die Liebe fällt nicht weit vom Strand
0

Die Endzwanzigerin Sophie sitzt am Empfang eines durchaus innovativen Unternehmens, hat aber keine Aussicht, jemals von dort wegzukommen. Stattdessen träumt sie von einem ganz anderen Leben: ...

Die Endzwanzigerin Sophie sitzt am Empfang eines durchaus innovativen Unternehmens, hat aber keine Aussicht, jemals von dort wegzukommen. Stattdessen träumt sie von einem ganz anderen Leben: Als (Event)Köchin in einem mintfarbenen Foodtruck. Außerdem trauert sie um ihre Mutter und muss sich mit ihrem Freund arrangieren, der doch sehr eingefahren ist. Und dann auf einmal ändert sich so einiges: Sophie hält den Vortrag einer kranken Kollegin und gerät an einen Kunden, der das Gleiche will wie sie.

Im Handumdrehen findet sie sich in Dänemark am Strand wieder, als Marketingfrau für einen neuen Film! Das alles geschieht in unheimlich hektischen Abläufen, versetzt mit Situationskomik - ständig kaspern haufenweise Leute um Sophie herum: einige sind ihr wohlgesonnen, andere wieder mißgünstig und/oder zickig. Als Leser muss man sich jede Menge Namen merken, was bei dieser wenig in die Tiefe gehenden Handlung besonders schwierig ist.

Jedenfalls schafft Sophie es sozusagen nebenher und mit mehr als nur a little help from her friends, in kurzer Zeit, ihr Leben komplett umzukrempeln. Dabei trauert sie zwischendurch um ihre Mutter, findet zu ihrem Vater und ganz nebenher noch zu ihrem Lebensglück. Und auf einmal wollen alle Sophie...

Alle außer mir. Ich habe das Buch am Ende sehr erleichtert weggelegt, denn es hat mir wenig Freude beschert. Dafür war die ganze Handlung zu wenig aussagekräftig. Und deswegen rate ich trotz des ansprechenden Covers vom Kauf ab - dieses hier ist aufgrund der darin transportierten Hektik eher anstrengend und definitiv kein Traum, sondern nur Schaum!

Veröffentlicht am 16.08.2020

Leider keine Friedentauben

Der Leutnant und das Mädchen
0

Eine Menge Tauben schwirren in diesem Roman durch den Westen Europas. Leider sind es keine Friedenstauben, sondern vielmehr das Gegenteil: es sind kleine Krieger im Dienste der Alliierten, die Nachrichten ...

Eine Menge Tauben schwirren in diesem Roman durch den Westen Europas. Leider sind es keine Friedenstauben, sondern vielmehr das Gegenteil: es sind kleine Krieger im Dienste der Alliierten, die Nachrichten der Briten zu den Franzosen und umkehrt befördern.

Wir befinden uns nämlich im Ersten Weltkrieg und zwar gefühlt mittendrin, auch wenn dieser eigentlich schon fast zu Ende ist. Denn wir schreiben das Jahr 1918 und den jungen britischen Leutnant Colin Mabry, ein Kriegsopfer - er hat seine Hand im Kampf eingebüßt - erreichte eine zunächst vermessen wirkende Bitte. Die junge Johanna bittet ihn um Unterstützung bei der Suche ihrer SchwesterJewel - Colins großer Liebe - die offenbar von einem Deutschen verschleppt wurde und zwar in Frankreich. Rasch stellt sich heraus, dass einiges anders ist als es scheint und der Leser begibt sich mit dem Duo auf eine Odyssee durch den Westen Europas, bei der Brieftauben eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Ein spannender und ungewöhnlicher Roman, in dem Gottes Kraft gewürdigt wird, aber leider nicht die Emanzipation der Frau. Im Gegenteil, wenn man genauer hinschaut (-liest), ist es gewissermaßen ein Loblied auf das Heimchen am Herd, das seinem Mann den Rücken freihält.

Was mir den Roman ein kleines bisschen madig machte - aber nicht zu sehr, dafür war er einfach zu ungewöhnlich!