Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.07.2020

Ein Blick über den Tellerrand

Ein Sonntag mit Elena
0

Wie soll ich ihn nennen, den Protagonisten dieses Romans? Denn im Buch ist er grundsätzlich "mein Vater", denn die Erzählerin ist Giulia, seine iüngere Tochter, das mittlere von drei Kindern ...

Wie soll ich ihn nennen, den Protagonisten dieses Romans? Denn im Buch ist er grundsätzlich "mein Vater", denn die Erzählerin ist Giulia, seine iüngere Tochter, das mittlere von drei Kindern und das, mit dem ihn sein sehr emotionales und gleichzeitig schwieriges Verhältnis verbindet. Ich werde ihn also mit Blick auf die Erzählerin als "Giulias Vater" bezeichnen.

Dabei ist sie gar nicht bei allem, was sie uns, den Lesern verrät, zugegen. Aber wie auch immer, sie weiß es und sorgt dafür, dass uns genug Hintergrundwissen über die Familie vermittelt wird.

Eine originelle Konstellation also, aus der ein ausgesprochen atmosphärischer Roman entstanden ist, bei dem der besagte Sonntag nicht ganz so zentral ist, wie es durch den Titel vermittelt wird. Oder vielleicht doch, aber auf andere Art und Weise.

Giulias Vater ist nämlich vor recht kurzer Zeit verwitwet , vor acht Monaten erst, unerwartet noch dazu. Er, der bis vor kurzem als Ingenieur an internationalen Brückenbauten überall in der Welt beteiligt und mehr unterwegs als zu Hause war, sucht nun nach einem neuen Platz, einer neuen Bestimmung im Leben - und findet sich in der Situation einer Hausfrau. Er hat nämlich - zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben - für einen Teil seiner Familie gekocht und erwartet sie zum Sonntagsessen, kurzfristig erfolgt eine Absage.

Durch Zufall trifft er Elena, eine junge Frau - nur wenig älter als seine eigenen Kinder - mit ihrem Sohn Gaston im Park, es kommt zu einem gemeinsamen Mahl in seiner Wohnung. Die etwas in jedem der drei Beteiligten anstößt. Auf eine gewissermaßen beiläufige Art, wie es oft so im Leben ist.

Der Autor Fabio Geda macht deutlich, dass sich die Bedeutung dieser gemeinsamen Zeit erst im Nachhinein zeigt. Wie es so oft im Leben der Fall ist. Aber ich habe es noch nie so lebensah dargestellt in einem Roman erlebt. Wenngleich ich die technischen Beschreibungen, wenn es um den Job des Vaters ging, jetzt nicht so spannend fand. Und einiges andere auch nicht. Insgesamt aber ein lebendiger, farbiger Roman über das Leben als solches - und darüber, wie sich gewisse Gemengelagen von einem auf den anderen Moment verschieben, einfach so, bei jedem von uns. Das ist mir im Rahmen dieser Lektüre erst so richtig klar geworden!

Veröffentlicht am 14.07.2020

Patti on the road

Im Jahr des Affen
0

Und das nicht nur physisch. Es ist ein weiter Bogen, den die Autorin hier schlägt. Für Patti Smith war das letzte Jahr des Affen, das meistenteils in das Jahr 2016 unserer Zeitrechnung fällt, ein sehr ...

Und das nicht nur physisch. Es ist ein weiter Bogen, den die Autorin hier schlägt. Für Patti Smith war das letzte Jahr des Affen, das meistenteils in das Jahr 2016 unserer Zeitrechnung fällt, ein sehr Besonderes. Und das leider vor allem im Hinblick auf Verluste. Sie muss sich von einigen langjährigen Weggefährten verabschieden.

Das tut sie mit großer Wärme, Anteilnahme und in Rückblicken auf gemeinsame Zeiten, auf geteilte Erlebnisse. Und zwar quer durch Amerika hindurch, denn Patti Smith ist rastlos. Eigentlich ist sie immer unterwegs. Auch wenn Ruhe und Verharren, bewusste Wahrnehmung für sie essentiell ist. Und diese nimmt sie überallhin mit - ebenso wie ihre Lieben, gerade auch die, die es nicht mehr gibt. Wer je ein Konzert von ihr miterleben durfte, weiß, dass sie diese stets einbezieht, sie sind dauerhaft ein Teil von ihr.

Teilweise sind ihre Erkenntnisse, Erinnerungen und Ansichten er- und abhebend, dann wieder macht sie absolut normale Beobachtungen. Bspw. über das Aussehen von Menschen, die ihr zufällig über den Weg laufen. Und äußert Befürchtungen. Wenn man weiß, welche US-Wahl in das Jahr des Affen fiel, kann man sich schon denken, in welche Richtung sie gehen. Es sind nicht nur Worte, die sie mit uns teilt, sondern auch Bilder. Fotos nämlich, auch diese natürlich selbst geschaffen.

Ich freue mich über jede einzelne Sekunde, die ich im Patti-Smith-Universum verbringen durfte - ich wünschte, ich wäre ein Teil davon. Aber eigentlich bin ich das ja schon durch die Einblicke, die diese großartige Frau den Lesern in ihrem Werk gewährt! Eine Warnung noch: das Buch ist sehr pattimäßig - man muss sich also auf den Menschen Patti Smith einlassen, mit ihm etwas anfangen können. Ansonsten ist es - so könnte ich mir vorstellen - ausgesprochen irritierend.

Veröffentlicht am 12.07.2020

Alles begann im Zeltlager

Nordsee-Nacht
0

Und zwar bereits 1987: damals verschwand ein kleines Mädchen, das nie wieder auftauchte. Die polizeilichen Ermittler haben versagt; Sascha, eine Betreuerin von damals, gibt sich die Schuld, weil sie abgelenkt ...

Und zwar bereits 1987: damals verschwand ein kleines Mädchen, das nie wieder auftauchte. Die polizeilichen Ermittler haben versagt; Sascha, eine Betreuerin von damals, gibt sich die Schuld, weil sie abgelenkt war. Bis in die Gegenwart - die im Jahr 2012 liegt - begleiten sie diese Selbstvorwürfe.

Dann wird der Fall nochmal aufgerollt - Grund dafür ist eine im wahrsten Sinne des Wortes gestrandete Frau, der die komplette Erinnerung fehlt. Ist das etwa Friederike, das kleine Mädchen von damals?

Eigentlich ein interessanter Ansatz. Leider habe ich mich mit diesem Buch unendlich schwer getan und empfand es als langweilig, langatmig und es fehlte jegliche Atmosphäre. Keinen Moment lang habe ich mich an die Nordsee versetzt gefühlt.

Die Charaktere wurden zumeist im Hinblick auf ihr Innenleben geschildert, ob aus eigener Sicht oder aus der eines anderen. Auch dies konnte mich leider nicht erreichen.

Am Ende dann eine komplette Zerfaserung - aus meiner Sicht konnten die Erzählstränge nicht abgeschlossen werden, ja, einige davon passten gar nicht so richtig zueinander. Nein, leider konnte mich dieses Buch so gar nicht begeistern, weswegen ich es auch nicht weiter empfehlen kann.

Veröffentlicht am 11.07.2020

Althergebrachte Bräuche

Ein verzehrendes Geheimnis
0

Alte Bräuche - sie können etwas Warmherziges beinhalten und das Herz erfreuen. Sie können aber auch kalt, böse und abschreckend sein. So wie der Brauch vom Sündenmann, den Einwanderer aus Schottland Mitte ...

Alte Bräuche - sie können etwas Warmherziges beinhalten und das Herz erfreuen. Sie können aber auch kalt, böse und abschreckend sein. So wie der Brauch vom Sündenmann, den Einwanderer aus Schottland Mitte des 19. Jahrhunderts in die Staaten mitbrachten, zusammen mit viel anderem Alten, Kalten und Schrecken bringendem.

So wie den "Sühnemann", der sich selbst die Sünden der Sterbenden aufladen soll und durch diese Stigmatisierung am Rande der Gesellschaft lebt und geächtet wird.

Cadi, erst zehn Jahre alt, hat ihn angesehen - ein Vergehen. Aber sie will ihn finden und mit ihm sprechen - auch das Tabus in der nach strengen Regeln lebenden kleinen Gemeinschaft. Aber sie hat aus ihrer Sicht schon in jungen Jahren schwere Schuld auf sich geladen.

Eine ungewöhnliche, eine kraftvolle Geschichte, die verschiedene Stilrichtungen in sich vereint: Eine Sage, ein Mythos, ein Gleichnis, eine Parabel. Ein bisschen von allem etwas. Und zwar mit einer klaren christlichen Botschaft hinsichtlich der Vergebung. Mir war die Handlung teilweise zu einseitig, aber Francine Rivers erzählt mit einer solchen Vehemenz, einer Stärke, dass ich dieses Buch immer in Erinnerung behalten werde!