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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.02.2026

Adolf Loos - ein Provokateur

Der Luxus ist ein sehr notwendiges Ding
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Der österreichische Architekt Adolf Loos (1870-1933) ist ja für seine Provokationen wie sein Nein zu Ornament, zu dekorativen Aufputz oder zu Verschwendung jeglicher Ressource beweist, bekannt.

Sein ...

Der österreichische Architekt Adolf Loos (1870-1933) ist ja für seine Provokationen wie sein Nein zu Ornament, zu dekorativen Aufputz oder zu Verschwendung jeglicher Ressource beweist, bekannt.

Sein Statement auf S. 13 über das Sparen zeigt, dass er auf einem ziemlich hohen Ross sitzt. Dies ist für mich ein wenig unangebracht, da Loos in den Jahren 1893 bis 1896 in den USA lebt und sich selbst als Hilfsarbeiter durchschlagen muss. So bezichtigt er die Proletarier des leichtsinnigen Umgangs mit Geld, weil „der Arbeiter ohne lang nachzudenken, Geld für ein Glas Bier ausgibt“. Ob die Mehrheit der Bevölkerung, nämlich jene, die am Existenzminimum leben, diese Weisheiten erkannt und ihm, Loos, beigepflichtet hätte? Wie viel Geld gibt Loos für seine Feste aus? Und wie sehen es jene Kinder, die Loos gegen geringe Bezahlung für Aktstudien (und noch anderes) zur Verfügung gestanden sind, diesen Vorwurf?

Um es selbst provokant auszudrücken: Mit voller Hose ist leicht stinken.

Wenn er das Diktat der häufig wechselnden Moden anprangert, ist dies eine leicht zu verstehende Parallele zur Gegenwart. Grundsätzlich hat er recht, wenn er Kleidung, die zeitlos und aus Stoffen guter Qualität gefertigt ist, empfiehlt, statt jede Mode(torheit) mitzumachen. Der Rat, in ordentlich verarbeitete Kleidung zu investieren, statt in billige Fetzen, kann nur für jene gelten, die es sich auch leisten können. Die Heimarbeiterin, die vielleicht jene Kleidung herstellt und dafür nur unzureichend bezahlt wird, hat davon nichts. Dabei sind jene das Gros der Menschen zu Adolf Loos‘ Lebenszeit.

Fazit:

Teile dieser Sammlung von philosophisch-literarischen Texten des Architekten Adolf Loos können durchaus auf heutige Verhältnisse umgelegt werden. Einiges ist so gültig wie provokant, damals wie heute. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 22.02.2026

Australisches Roadmovie

Zuflucht
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Untertauchen bei jemandem, der selbst untergetaucht ist - kann das gut gehen?
Im Mittelpunkt dieses Thrillers steht Grace, die ihr Leben durch raffinierte Diebstähle finanziert. Dabei hat sie so etwas ...

Untertauchen bei jemandem, der selbst untergetaucht ist - kann das gut gehen?
Im Mittelpunkt dieses Thrillers steht Grace, die ihr Leben durch raffinierte Diebstähle finanziert. Dabei hat sie so etwas wie ein Gewissen, denn Opfer sind ausschließliche die Reichen Australiens. Ihr abgebrühte Professionalität lässt sie dabei von einer Identität in eine andere schlüpfen. Was ihr fehlt, ist ein Zuhause, denn sie ist mit Adam in einer Pflegefamilie aufgewachsen.

Wenig später trifft sie auf Erin Mandel und kann in deren Antiquitätenladen, zu dem auch eine Einliegerwohnung gehört, vorläufig zur Ruhe kommen. Doch auch Erin hat so ihre dunklen Geheimnisse.

Gleichzeitig schwenkt das Buch auf Adam, der für eine Detektei diverse Arbeiten erledigt und dabei auch vor Drecksarbeit nicht zurückschreckt. Nun gerät er unversehens in einen Entführungsfall und soll einen Jugendlichen überwachen, dessen Vater Teil eines Zeugenschutzprogramms ist.

Und dann gibt es noch einen Detective Senior Constable, der kurz vor seinem Pensionsantritt schwer verletzt wird und einen Gewalttäter, der vor einiger Zeit von seiner Frau verlassen worden ist, und sie nun auf einer Videoüberwachung zufällig entdeckt.

Ob und wie die vielen Handlungsstränge zusammenhängen, müsst ihr selbst lesen.

Meine Meinung:

Garry Disher gilt als in Australien als bekannter Thrillerautor., der zahlreiche Stand-alone-Krimis sowie zwei Reihen verfasst hat. Für mich ist dieses Buch das erste, das ich von ihm lesen. Es wird auch vermutlich das letzte sein, denn ich bin weder mit den Protagonisten noch mit dem Schreibstil so richtig warm geworden. Zudem gibt zahlreiche Handlungsstränge, die jeder für sich spannend ist, zusammen genommen, letzten Endes auch gut zusammengeführt werden, aber für mich einfach zu viele sind. Hier wäre weniger mehr gewesen. Aber, das ist Geschmackssache.

Großen Raum nehmen toxische Beziehungen und misogyne Männer ein. Dieser Thriller ist eine Art australisches Roadmovie. Als Film kann ich mir den Stoff gut vorstellen.

Die Geschichte spielt in den Adelaide Hills, einer Bergkette in South Australia, eine Gegend, die ich gar nicht kenne. Das war ein Anreiz, dieses Buch zu lesen.

Fazit:

Diesen Thriller, der eine Art australisches Roadmovie ist, kann ich mir als Film gut vorstellen, als Buch hat er mir nicht ganz so gut gefallen. Daher gibt es nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 20.02.2026

Fakten und Fiktion zu einem dramatischen hist. Roman verknüpft

Das Haus in Charlottenburg
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Beate Sauer entführt uns mit diesem Buch in das Fin de Siècle nach Berlin. Die steigende Industrialisierung, die zahlreichen Unternehmern große Gewinne beschert, geht auf Kosten der Arbeiter, die in unbeschreiblichen ...

Beate Sauer entführt uns mit diesem Buch in das Fin de Siècle nach Berlin. Die steigende Industrialisierung, die zahlreichen Unternehmern große Gewinne beschert, geht auf Kosten der Arbeiter, die in unbeschreiblichen Elendsquartieren hausen. Spekulanten, die den ohnehin geringen Bestand an bezahlbaren Miet- und Untermietwohnungen künstlich niedrig halten, verstärken die Wohnungsnot zusätzlich. Gleichzeitig schwelgen Gutsbesitzer und Adelige in unvorstellbarem Luxus und frönen dem Standesdünkel.

Stellvertretend für die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten lernen wir den Architekten Johann, der als erster seiner Familie studieren konnte, den adeligen Arzt Louis und die begabte Schneiderin Elise, deren Familie von Spekulanten um ihr kleines Haus gebracht worden ist, kennen. Louis und Johann wollen der Wohnungsnot und dem Elend wenigstens in kleinen Schritten ein Ende bereiten und beschließen, ein Wohnhaus nach genossenschaftlichen Richtlinien zu bauen. Mit an Bord ist auch Elise, die endlich den prekären Wohnverhältnissen und den Erpressungen des Hausverwalters entkommen will.

Auch wenn alles sehr gut durchdacht und geplant ist, rechnet niemand mit dem Gegenwind der Eigentümer der feuchten Mietskasernen, mit denen ordentlich Gewinn gemacht wird. Allen voran Louis‘ Mutter Eleonora, die ihre Macht und ihre Willkür schwinden sieht.

Ob sich der Traum von Genossenschaftshaus erfüllen wird, müsst ihr schon selbst lesen ...

Meine Meinung:

Die aus der Perspektive von Elise, Johann und Louis und an manchen Stellen aus Sicht von Eleonora, erzählte Geschichte ist von Beate Sauer fesselnd und authentisch erzählt. Ähnliche Geschichten, in denen Familien erst kürzlich hoch gezogene und feuchte Wohnung „trocken wohnen“, danach wieder auf die Straße gesetzt werden und sich dabei mit Tuberkulose infizieren, gibt es auch aus meiner Heimatstadt Wien. Manche sind auch gezwungen, Betten an sogenannte Bettgeher zu vermieten. Da schlafen dann tageweise wildfremde Männer in den Betten der Familie, damit die einen schlafen und die anderen ihre Miete bezahlen können. Die Zustände sind mehr als unhygienisch und sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung.

Beate Sauer, die ich schon von ihrem Zweiteiler um Friederike Matthä kenne, hat einen mitreißenden Schreibstil. Man kann förmlich den Gestank der muffigen Gemäuer oder des Kohlgemüses in den Mietskasernen riechen und anderseits duftet es in der Villa von Eleonora nach Parfum und erlesenen Speisen.

Die Handlung wird durch das Trio Elise, Johann und Louis getragen, denen Freundschaft sehr wichtig ist. Als sich beide Männer in Elise verlieben, lässt Louis Johann den Vortritt, nachdem er erkennt, dass Elise in ihm, Louis, nur den Arzt sieht, in Johann aber ihren Partner. Auch die Freundschaft zwischen Elise und politisch aktiven Grete spielt eine große Rolle, auch wenn sie einer schwere Belastung ausgesetzt ist.

Geschickt und unaufgeregt wird die politische Situation dieser Zeit eingeflochten. Die erzkonservativen Adeligen und die Neureichen stehen im krassen Gegensatz zu den Kleinbürgern und der riesigen Zahl der ausgebeuteten Arbeiter. Die Arbeiterbewegung fordert die Einhaltung der Regeln Arbeitszeit für die Arbeiter und gerechte Bezahlung. Auch Rechte zum Schutz der Mieter werden eingefordert. Der übliche Usus, wöchentlich Mieten einzukassieren und diese willkürlich zu erhöhen, lässt Familien wie jene von Elise ins Elende abgleiten. Da politische Frauenvereine, die das Wahlrecht für Frauen fordern, verboten sind, organisieren sich die Frauen in Handarbeits-und Theatergruppen. Beate Sauer schildert diese Zeit der sozialen Unruhe, so als wären wir dabei gewesen.

Fazit:

Ein dramatischer historischer Roman, der die Zustände des Fin de Siècle bildgewaltig beschreibt. Gerne gebe ich hier eine klare Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.02.2026

Witzig und cozy

Vier Hunde und ein Todesfall
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In ihrem zweiten Fall sind Wilhelmine „Willi“ Groß und ihre Freunde einem fiesen Hundekidnapper auf der Spur, der in Bad Kissingern die Lieblinge vermögender Damen entführt, sie ein paar Tage gefangen ...

In ihrem zweiten Fall sind Wilhelmine „Willi“ Groß und ihre Freunde einem fiesen Hundekidnapper auf der Spur, der in Bad Kissingern die Lieblinge vermögender Damen entführt, sie ein paar Tage gefangen hält und sie gegen eine Aufwandsentschädigung wohlbehalten zurückbringt.

Da trifft es sich gut, dass Elvis mit Hound Dog einen passenden Lockvogel, pardon, Lockhund hat. Doch leider läuft nicht alles ganz so glatt, wie Willi durch Kopfschmerzen erfahren muss. Zudem muss in einer Pensionistenresidenz ermittelt werden, in der Bruno Gefahr läuft, von einer ebenso resoluten wie einsamen Witwe an die Leine gelegt zu werden.

Meine Meinung:

Beim Lesen dieses Krimi musste ich mehrmals schmunzeln, denn zum einen gibt eine TV-Krimi-Serie, die Vier Frauen und ein Todesfall, heißt, und zum anderen gehört diese zweite Band für Willi in das Sub-Genre Cozy-Krimi.
Der Krimi lässt sich super lesen und die Charakter sind durchwegs sympathisch.

Da muss ich mir doch gleich den ersten Band besorgen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem humorvollen Krimi 4 Sterne.

Veröffentlicht am 20.02.2026

Fakten und Fiktion gut verquickt

Illumination für Franz Joseph
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Dieser historische Roman entführt uns in das Wien von 1908. Man feiert das 60. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph. Doch nicht allen ist zum Feiern zu Mute. Armut und Unzufriedenheit lässt vor allem ...

Dieser historische Roman entführt uns in das Wien von 1908. Man feiert das 60. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph. Doch nicht allen ist zum Feiern zu Mute. Armut und Unzufriedenheit lässt vor allem auf dem Balkan zahlreiche Verschwörer auf eine günstige Gelegenheit warten, den greisen Kaiser zu töten. Während die Hauptstadt im Lichterglanz erstrahlt, planen Serbische Nationalisten unter der Führung des berüchtigten Dragutin Dimitrijevic ein Attentat. In den dunklen und stinkenden Kanälen wird eine große Menge Sprengstoff versteckt.

Nachdem das Todesdatum des Kaisers mitten im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1916 hinlänglich bekannt ist, gelingt der Plan nicht, was der (fiktiven) Journalistin Emilia Freifrau von Ferteci zu verdanken ist. Sie bekommt Wind von der Verschwörung und beschließt, das Komplott aufzudecken, ohne an ihre eigene Sicherheit zu denken ...

Wie das gelingt, müsst ihr schon selbst lesen.

Meine Meinung:

Das Geld, das für die Feierlichkeiten, die dem Kaiser ohnehin zuwider sind, ausgegeben wird, wäre für soziale Zwecke sicher besser angelegt gewesen. Aber, Spektakel muss - damals wie heute - in einer Monarchie sein, um den Untertanen Sand in die Augen zu streuen und von den Missständen abzulenken.

Hofschranzen, Polizei sowie Geheimagenten machen Jagd auf mögliche Unruhestifter, weshalb auch immer wieder Sozialisten und Personen aus den Kronländern in deren Visier landen. Die Illumination für den Kaiser gelingt, wenn auch die Erleuchtung, im wahrsten Sinn des Wortes, nur sehr kurzlebig sein wird.

Der historische Roman enthält durchaus sozialkritische Töne und lässt das Zerbröckeln der Habsburger-Herrschaft vorausahnen. Wir dürfen in das Wien des Fin de Siècle eintauchen, das bald nicht mehr existieren und Millionen Menschen in bitterer Armut zurück lassen wird.

Die Charakter haben so ihre Ecken und Kanten. Natürlich spielt die scharfsinnige Journalistin Emilia Freifrau von Ferteci, die sich allen Konventionen dieser Zeit widersetzt, eine große Rolle.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der mit penibler Recherche und eine ungewöhnlichen Frau aufhorchen lässt, 5 Sterne.