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Veröffentlicht am 11.03.2025

Die Tänzerin lernte ich kennen, den Menschen dahinter nicht

Der ewige Tanz
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Einen Roman über jemanden zu schreiben, dessen Leben wirklich der reinste Roman war, ist eine ausgezeichnete Idee und so war ich sehr gespannt, wie Steffen Schroeder die schillernde Anita Berber erfassen, ...

Einen Roman über jemanden zu schreiben, dessen Leben wirklich der reinste Roman war, ist eine ausgezeichnete Idee und so war ich sehr gespannt, wie Steffen Schroeder die schillernde Anita Berber erfassen, darstellen würde. Ich wußte bis dahin über sie und ihr Leben einige Dinge, über sie als Mensch aber noch recht wenig. Um es vorab zu sagen: ich habe durch dieses Buch viel über sie erfahren, der Mensch Anita Berber blieb mir leider trotzdem fremd.
Das liegt zu einem Großteil an der distanzierten Erzählweise. Steffen Schroeder schreibt einen an sich guten, sehr eigenen Stil und mir gefiel diese Individualität seines Schreibens. Dazu kommen zahlreiche gekonnte Formulierungen, an denen ich viel Freude hatte. Auch die Atmosphäre der Zeit erweckt der Autor gelungen zum Leben. Mit vielen Details schafft er die Welt, in der Anita Berber sich bewegte, die Leser machen praktisch mit ihr einen Streifzug durch das Nachtleben Berlins und Wiens, durch drogengeschwängerte Feste, betrunkene Auseinandersetzungen, desillusionierte Morgenstunden in diversen Hotelzimmern. Ich konnte in das Buch richtig eintauchen.
Was der Autor bei der Atmosphäre so meisterhaft beherrscht, konnte oder wollte er beim Charakteraufbau leider nicht leisten. Neue Charaktere werden plötzlich in die Geschichte hineingeworfen, irgendwann taucht ein neuer Name auf und man fragt sich, wer das sein soll. Manchmal gibt es einige Erklärungen und manchmal eben nicht. So bleiben die Charaktere oft bloße Namen, manchmal lernt man sie ein wenig kennen, aber während die Handlungsorte sich so eindrucksvoll entfalten, wabern die Charaktere größtenteils konturlos durch die Geschichte. Auch Anitas Familie bleibt blass, was sehr enttäuschend ist. Die innige Beziehung zu ihrer Großmutter klingt ein wenig durch, die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, die so viel erzählerisches Potential geboten hätte, wird nur gelegentlich angedeutet. Auch die Beziehungen zu ihren Ehemännern werden höchstens angerissen. Man erfährt seitenlang, wie Anita Berber sich schminkt und welche Tanzschritte sie in welcher Formation verwendet, aber ihre Beziehungen zu den Menschen in ihrem Leben, die doch den Menschen Anita geformt haben und ausmachen, bekommen in diesem Theater ihres Lebens Plätze in der hinteren Reihe. Das liegt unter anderem auch an dem oft berichtsartigen Schreibstil, der nur wenige Dialoge verwendet und uns Gespräche oft erzählt, anstatt uns an ihnen teilhaben zu lassen. Es fehlt zu oft die Unmittelbarkeit.
Im Gegensatz dazu steht dann hingebungsvolles Infodumping, ein Aspekt, der mich an diesem ansonsten guten Buch geärgert hat. Unablässig läßt Schroeder seine Charaktere Vorträge halten, deren Inhalt mit der Handlung höchstens marginal zu tun hat und meistens komplett entbehrlich ist. Selbst bei den für die Geschichte notwendigen Fakten ist es leider eine sehr plumpe Art, diese so in die Geschichte einzubauen. Im Buch erfahren wir also nun seitenweise etwas über Schmetterlinge, über technische Aspekte von Ton- und Stummfilm, über Heiligenfiguren, Schminktechniken, Bauweisen von Filmstudios, eine stereotype Showhypnose und vieles mehr. Vieles ist komplett unnötig, anderes hätte sich wesentlich eleganter einflechten lassen. Auch einige bekannte Zeitgenossen Anitas werden etwas plump zum Gesprächsthema gemacht, nur um sie mal erwähnt zu haben, überhaupt sind viele Dialoge keine echten Dialoge, sondern Infodumping. Wenn diese Detailfreude und dieser Aufwand stattdessen in die Charakterentwicklung gegangen wäre, hätte das Buch m.E. sehr gewonnen.
Insgesamt aber ist das Buch lesenswert. Der Stil ist zugleich gekonnt und leicht lesbar, es gab abgesehen von den Infodumping-Passagen keinen Moment, in dem ich mich gelangweilt habe. Es wird episodisch erzählt, was gerade am Anfang dazu führte, dass ich mir einige verbindende Informationen gewünscht habe, aber letztlich erfährt man alles Wichtige über Berbers Leben und merkt in jedem Satz die sorgfältige Recherche. Die Szenen ihres langsamen Dahinsiechens, welche immer wieder eingestreut sind, haben etwas leise Sensibles, etwas Anrührendes. Hier sieht man auch wieder Schroeders Talent für das Atmosphärische – man erlebt im Buch so viele verschiedene Stimmungen mit und spürt sie beim Lesen ganz hervorragend. Diesen eigenen, gekonnten Schreibstil des Autors kann ich nur noch einmal erfreut hervorheben und er hat einige der Punkte wettgemacht, die mir nicht zugesagt haben. Eine überwiegend erfreuliche Leseerfahrung mit hohem Informationsgehalt und interessanter Sprache.

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Millenial-Bridget Jones

No Hard Feelings
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Bei „No Hard Feelings“ fühlte ich mich gleich an Bridget Jones erinnert und war neugierig darauf, wie diese Art Geschichte fast dreißig Jahre später erzählt werden würde. Auch war ich gespannt darauf, ...

Bei „No Hard Feelings“ fühlte ich mich gleich an Bridget Jones erinnert und war neugierig darauf, wie diese Art Geschichte fast dreißig Jahre später erzählt werden würde. Auch war ich gespannt darauf, wie bzw. ob Penny ihr Leben in den Griff bekommt.
Man kommt erfreulich gut in das Buch rein, der Schreibstil liest sich gut weg. Er passt zu diesem Genre, ist leicht lesbar, nicht sonderlich anspruchsvoll. Als abendliche leichte Unterhaltung perfekt. Er ist etwas flapsig und von einigem Denglisch durchsetzt – nicht mein Geschmack, passt aber zum Thema und zur Zielgruppe und ist insofern stimmig. Sehr unangenehm fand ich allerdings, dass leseunfreundliche Genderdoppelpunkte verwendet werden. Wenn man schon glaubt, unbedingt gendern zu müssen (was der Großteil der Bevölkerung ablehnt), dann könnte man doch wenigstens eine der lesefreundlicheren Varianten wählen, gerade in einem Roman, in dem auch der Lesefluss zählt. Die grammatikalische Absurdität dieser Methode zeigt sich im Buch u.a. an der seltsamen Wortschöpfung „eine:n Praktikanten:in“.
Auch störte mich die teils mangelnde Sorgfalt. So wird „o nein“ manchmal korrekt, manchmal aber fälschlich „oh nein“ geschrieben. Die englische Serie „The Great British Bake Off“ wird an einer Stelle übersetzt, die anderen Male beim englischen Namen genannt, obwohl so etwas einheitlich gehandhabt werden sollte. Das englische „when“ ist an einer Stelle falsch als „wenn“ übersetzt worden – ein ziemlich plumper Anfängerfehler, dort gehörte ein „als“ hin und der Satz ergibt mit „wenn“ keinen Sinn. Auch einige englische Redewendungen werden wörtlich übersetzt und verlieren dadurch ihren Sinn oder klingen ungeschickt, weil sie zu sehr an der englischen Vorlage kleben.
Die Geschichte entwickelt sich wie erwartet sehr in einem Rahmen, den Vertraute des Genres schon aus den 1990ern und frühen 2000ern kennen. Penny ist eine Millennial/Gen Z Bridget Jones oder Becky Bloomwood: in einem politisch korrekteren und von sozialen Medien geprägten Umfeld, aber ebenso gefangen in einem Job, den sie nicht mag und halbherzig erledigt, mit dem üblichen Freundeskreis, mit dem üblichen unzuverlässigen Kerl und dem üblichen guten Kerl, den sie zunächst nicht als solchen erkennt. Das liest sich überwiegend also nicht innovativ, aber lange durchaus unterhaltsam. Insbesondere die Szenen bei der Arbeit fand ich interessant, da wir die Geschichte aus Pennys Sicht erfahren, während sich allmählich herausschält, daß diese Sicht nicht unbedingt der Realität entspricht.
Auch hat „No Hard Feelings“ etwas mehr Tiefe, da Penny durchaus erhebliche psychische Probleme hat. Das war eine gelungene Abwechslung von den üblichen „Job blöd, vergebliche Partnersuche“-Themen, wenn ich auch die Umsetzung nicht ganz gelungen fand. So ist z.B. ihr ganz erheblicher Alkoholkonsum und das gelegentliche Kombinieren dessen mit Valium irgendwie kein wirkliches Thema und liest sich, als ob das völlig normal dazugehöre. Auch stellte Penny meine Geduld beim Lesen auf manche Probe, denn ihre Handlungen sind oft absolut nicht nachvollziehbar (sollen sie aber auch nicht sein, insofern ist dies stimmig), und sie nervt mit endlosen gedanklichen Selbstmitleidsmonologen. Auch die sich oft sehr ähnlichen Szenen und mehrere Wiederholungen nahmen mir ein wenig die Lust am Lesen. Wirklich enttäuscht hat mich die absolute Vorhersehbarkeit des Buches. Wie es partnerschaftlich ausgeht, ist ziemlich schnell klar, weil die üblichen Versatzstücke des Genres verwendet werden, und wie es beruflich ausgeht, wurde nach etwa der Hälfe des Buches deutlich und erinnerte mich einmal mehr sehr an einige der früheren Bücher des Genres. Ich hatte bis zum Ende hin gehofft, daß die Autorin mich vielleicht doch noch überrascht, aber leider war dem nicht so, alles traf haargenau so ein, wie ich es die ganze Zeit vorhergesehen hatte. Es wäre schön, wenn hier einige neue Wege gegangen worden wären.
Insgesamt bot „No Hard Feelings“ leicht erzählte nette Unterhaltung und einen aufschlussreichen Blick in die Welt der Mitt-/Endzwanziger, mit ein wenig Lokalkolorit. Die Geschichte geht ein wenig tiefer als manch andere des Genres und hat in dieser Hinsicht interessante Ansätze.

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Veröffentlicht am 06.02.2025

Ein im wundervollen Stil verfasster Blick in die späte Kaiserzeit

Frau Hempels Tochter. Roman
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Es ist schon eine ganze Weile her, daß ich ein Buch so genossen habe. Alice Berend, vor der Nazizeit gefeierte Autorin, dann verfemt und vergessen, nun zum Glück wiederentdeckt, schildert in ihrem ursprünglich ...

Es ist schon eine ganze Weile her, daß ich ein Buch so genossen habe. Alice Berend, vor der Nazizeit gefeierte Autorin, dann verfemt und vergessen, nun zum Glück wiederentdeckt, schildert in ihrem ursprünglich 1913 erschienenen Roman das Berlin der späten Kaiserzeit herrlich lebendig. (Mit dem Berlin der 1920er Jahre hat das Buch nämlich entgegen des Untertitels gar nichts zu tun). Vom ersten Satz an ist man in der Geschichte drin, erlebt die Charaktere und Schauplätze so köstlich geschildert, als ob man sich mitten unter ihnen befände.
Das Buch ist mit einem haptisch angenehmen Einband versehen, dessen angenehme Farbgebung sich im Lesebändchen fortsetzt. Das Titelbild der androgynen jungen Frau aus den späten 1920ern fand ich dagegen nicht gut gewählt – es paßt nicht zur im Buch geschilderten Zeit und auch nicht zu der titelgebenden Tochter Frau Hempels.
Alice Berend schreibt in klarer, gut lesbarer Sprache einen ganz eigenen Stil, eine interessante Mischung aus teils ulkigen Wortwendungen, etwas kalenderblattartigen aber treffenden Aphorismen, geradezu poetischen Ausdrücken und vor allem einem herrlich trockenen Humor. Ich dachte hier manchmal an Walter Kempowski, dem es ebenfalls gelang, mit der Sprache so zu spielen, daß er einen sofort erkennbaren, unverwechselbaren Stil schrieb. Es war ein Vergnügen, Berends Sätze zu lesen.
Auch inhaltlich erfreut das Buch. In dem Nachwort, das gut über Berends Leben und Werk informiert, wird sie mit Fontane verglichen und dem Vergleich stimme ich zu. Bei beiden finden sich köstlich geschilderte, lebensechte Charaktere, Lebensweisheit und pointierte Schilderungen. Berend schildert das kleinbürgerliche Milieu ebenso gekonnt wie die gelegentlichen Blicke in das Leben der Großbürger und verarmten Adeligen. Man hat das Gefühl, neben Frau Hempel in der Kellerwohnung zu sitzen, die Straßenbahnen zu hören, man ist dabei, wenn die verarmte Gräfin sich mit tieftrauriger Miene in ihren von einer besseren Vergangenheit kündenden Räumen bewegt. Obwohl nicht viel mehr passiert als der normale Alltag, wird es keine Sekunde langweilig, ich hätte sogar gerne noch viel mehr gelesen. Das liegt zum einen an dem bereits erwähnten prächtigen Humor. Ich habe oft geschmunzelt und einige Male laut gelacht – ganz lakonisch wirft Alice Berend treffende Sätze ein. Zum anderen liegt es daran, daß selbst die alltäglichen Vorgänge kurzweilig und farbig geschildert werden, ebenso wie die Charaktere. Zuvörderst natürlich Frau Hempel, die so patent und liebenswert ihren Weg macht und für deren Schaffenskraft man nur Bewunderung haben kann. Aber auch das ganze Umfeld ist so treffend und unterhaltsam beschrieben, daß man von dieser Charaktervielfalt gar nicht genug bekommen kann. Inmitten dieser farbigen, leicht anmutenden Schilderungen gibt es auch sehr zärtliche Momente, die ohne Sentimentalität geschildert werden, und anrühren.
Das Ende war mir dagegen zu zuckerwattig, alles geht zu glatt, wie es auch im ganzen Buch nie wirkliche Probleme gibt und sich alles immer schnell zum Besten fügt. Während der Alltag realistisch beschrieben ist, hätte der Handlung gerade im letzten Teil eine Prise mehr Realismus gut getan, so ist es mir zu idealistisch. Aber auch das ist ausgezeichnet geschildert. Und so war „Frau Hempels Tochter“ für mich ein besonderes Lesevergnügen, mit stilistisch höchst erfreulichem Zeitkolorit und köstlichen Charakteren. Die weiteren Bücher der Autorin stehen schon auf meiner Wunschliste.

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Veröffentlicht am 01.02.2025

Tolle Idee, die leider zäh und konstruiert umgesetzt wurde

Das Dinner – Alle am Tisch sind gute Freunde. Oder?
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Der Klappentext in Verbindung mit dem ausgesprochen gelungenen Titelbild hat mich gleich angesprochen. Ein Krimi-Dinner, das zum Aufbrechen alter Situationen und Einreißen freundschaftlicher Fassaden führt, ...

Der Klappentext in Verbindung mit dem ausgesprochen gelungenen Titelbild hat mich gleich angesprochen. Ein Krimi-Dinner, das zum Aufbrechen alter Situationen und Einreißen freundschaftlicher Fassaden führt, das klang originell und versprach psychologische Raffinesse.
An Originalität mangelt es dem Buch dann auch nicht, selbst wenn der Anfang nicht darauf hindeutet. Dort findet sich nämlich der ewiggleiche öde Prolog, der Bücher dieses Genres mittlerweile mit solcher Vorhersehbarkeit einleitet, als ob sein Vorhandensein und Inhalt gesetzlich vorgeschrieben wären. Nach diesem absoluten 08/15-Einstieg wird es dann aber um einiges besser. Wir lernen die fünf Protagonisten kennen, im momentan so beliebten multiperspektivischen Erzählen. Leider klingen alle Erzählstimmen komplett gleich. Das stört anfänglich noch nicht, weil die Geschichten und Situationen unterschiedlich sind. Später im Buch führte das bei mir aber gelegentlich zu Verwechslungen. Es ist schade, daß so viele Autoren gerne multiperspektivisch schreiben, ohne ihre Erzählstimmen hinreichend unterschiedlich zu gestalten.
Insgesamt ist der Schreibstil aber flüssig. Er ist eher einfach gehalten, aber für das Genre ausreichend. Erfreut haben mich einige treffende Vergleiche und gelungene Schilderungen der Umgebung. Weniger erfreut hat mich die teilweise Verwendung des Kunstbegriffs „Mitarbeitende“. Dieser wird dann auch in einem Dialog verwendet und das ist sehr unrealistisch, denn die Anzahl der Leute, die diesen Begriff in einer Unterhaltung mit Freunden verwenden, ist – zum Glück – verschwindend gering und bei dem Charakter, um den es hier geht, ist es äußerst unglaubwürdig, daß er den Begriff benutzen würde. Hier wurde also leider die Plausibilität zugunsten der Sprachbevormundung aufgegeben.
Ebenfalls störten mich mehrere unbeholfen wirkende Satzstellungen (die mich bei diesem renommierten Verlag auch erstaunten) und der falsch verwendete Begriff „echote“. Wenn man etwas echot, wiederholt man es. Hier wird aber nichts wiederholt, sondern auf eine Frage geantwortet – ein ziemlich plumper Fehler.
Trotz dieser kleineren stilistischen Mankos gefiel mir das erste Drittel des Buches sehr gut. Während man die Charaktere kennenlernte, gab es schon mehrere Andeutungen, wie viel zwischen den vermeintlichen Freunden im Argen liegt. Das Spannungsniveau war hier hervorragend, ich las gebannt und sah den so ausgezeichnet geschilderten Handlungsort regelrecht vor mir. Man spürte das in der Luft liegende Unheil geradezu und ich war äußerst gespannt und freute mich auf das, was kommen würde. Der Beginn des Krimidinners und der immer stärker werdenden unterschwelligen Spannung war ausgezeichnet. Vorne im Einband finden sich ein Sitzplan und eine Namensübersicht, so daß man nicht durcheinander kommt, wenn alle Protagonisten ihre Krimi-Dinner-Persönlichkeit annehmen – ausgezeichnete Idee.
Dann aber fiel das Buch rapide ab. Mit Beginn des Krimidinners wurde auf zwei Zeitebenen geschildert (ebenfalls ein sattsam benutztes Stilmittel, das aber durch die Krimidinner-Perspektive trotzdem etwas Frisches hat). Die Geschehnisse um das damalige Verschwinden der sechsten im Bunde, Maria, spielen sich auf einem Musikfestival ab und werden in quälender Zähigkeit und ad nauseam aus mehreren Perspektiven geschildert. Jede Einzelheit wird ausführlich dargelegt, jede Information mehrmals erwähnt, dazwischen führen die Charaktere ausführliche Dialoge voller Mutmaßungen. Letzteres mag realistisch sein, aber als Lektüre ist es unendlich langweilig, vor allem, wenn es unablässig vorkommt. Ich versank beim Lesen in Einzelheiten und Wiederholungen. Viele Geschehnisse ähnelten sich, vorwiegend wird getrunken und rumgemacht, werden Drogen genommen und Handys hochgehoben und wieder weggelegt. Irgendwann wurde es zu einem zähen Einheitsbrei, der mich mit jeder Seite weniger interessierte.
Hinzu kommt, daß die Geschichte immer konstruierter wird. Auch das fast krampfhafte Bemühen der Autorin, jedem Protagonisten ein Motiv gegen Maria zu geben und alle gewissermaßen fast im selben Moment mit Rachegedanken losziehen zu lassen, führt zu zunehmend seltsamen, übertriebenen Konstruktionen. Was da in einem Tag alles zufällig ans Licht kommt, ist schon abstrus. Auch die Gegenwartshandlung kippte genau in dem Moment, in dem ich mich auf ein psychologisch ausgefeiltes Kammerspiel freute, ins Übertriebene und Platte. Anstatt von Raffinesse bekam ich dann so etwas zu lesen: „Ich höre Knochen brechen, dann spritzt das Blut in alle Richtungen wie bei einer kaputten Sprinkleranlage.“
Diese Mischung aus viel zu langgezogen, viel zu übertrieben und viel zu plump traf meinen Geschmack überhaupt nicht und wirkte für mich wie eine verschenkte Möglichkeit.
Trotzdem gelang es der Autorin, mich mit zwei Wendungen zu überraschen, die ich gelungen fand. Besonders das Ende konnte vieles wieder wettmachen. Dieses war unerwartet, originell und größtenteils plausibel. Man könnte also sagen: eine ausgezeichnete Vorspeise, köstlich mundend und Appetit machend. Dann leider gefolgt von einem völlig überwürzten, zähen und schwer im Magen liegenden Hauptgang, dem aber immerhin ein kreatives Dessert folgt. Man hätte aus dieser originellen Idee wesentlich mehr machen können. So bleibt sie halbgar.

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Zäh und gleichförmig

Verlassen
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Eigentlich liebe ich Geschichten, in denen sich nach und nach Vergangenes offenbart und so manche heile Fassade eingerissen wird. Leider mache ich aber oft die Erfahrung, daß nur wenige der vielen Autoren, ...

Eigentlich liebe ich Geschichten, in denen sich nach und nach Vergangenes offenbart und so manche heile Fassade eingerissen wird. Leider mache ich aber oft die Erfahrung, daß nur wenige der vielen Autoren, die sich diesem Thema widmen, dieses gekonnt umsetzen können. Dieses Buch reiht sich in diese Erfahrung ein, denn währen der Klappentext vielversprechend klang, hat die Umsetzung mich enorm enttäuscht.
Es beginnt ansprechend – Island als Schauplatz gefiel mir und der Handlungsort ist ausgezeichnet gewählt: ein ungewöhnliches Hotel in einem Lavagebiet. Das Hotel wird anschaulich geschildert und verbreitet eine gelungen unangenehme Atmosphäre. Auch der erste Blick auf die Charaktere macht neugierig. Wir erfahren die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; ein gutes Werkzeug, um Eindrücke zu komplettieren und manchmal auch umzuwerfen. Ein großes, sich immer mehr bemerkbar machendes Manko war allerdings, daß diese verschiedenen Personen alle dieselbe Erzählstimme haben. Ob Teenager Lea, ihre Mutter Petra, die Hotelangestellte Irma oder der ältere Schreiner – alle haben sie denselben Duktus, unabhängig von Alter, Hintergrund, Erfahrungen. Das ging mir zunehmend auf die Nerven und war alles andere als gekonnt.
Ebenso enervierend waren überflüssige Erklärungen des Offensichtlichen und häufige Wiederholungen. Insbesondere die Tatsache, daß die Familie Snæberg steinreich ist, wird quasi in Dauerschleife erklärt. Bei manchen Einleitungen dachte ich schon: „Ah, jetzt kommt der nächste Hinweis auf den immensen Reichtum. Ist ja auch schon mindestens fünf Seiten her, daß es erwähnt wurde.“
Trotz dieser stilistischen Schwächen ließen sich die ersten etwa hundert Seiten gut an. Man lernte die zahlreichen Familienmitglieder kennen und erhielt mehrere Andeutungen, die neugierig machten. Ein Stammbaum am Anfang des Buches war hier sehr hilfreich, denn es sind eine Menge Charaktere vor Ort – und die meisten von ihnen bleiben blass und eindimensional, wie sich zunehmend herausstellte. Der Blick hinter die zuerst so perfekt scheinenden Fassaden offenbarte zunehmend Dunkles und das ist anfangs überwiegend gut gemacht und spannend. Nur die Ermittlungskapitel, die nach der Tat spielen, sind von Anfang an blass und ziemlich inhaltslos.
Irgendwann aber begann sich die Geschichte im Kreis zu drehen. Nach dem ersten Drittel hatte ich angefangen zu hoffen, daß es nun endlich mal etwas abwechslungsreicher wird, denn die Handlung zog sich entsetzlich. Ich hatte vermehrt das Gefühl, daß die Autorin versucht hat, die Spannung künstlich in die Länge zu ziehen. Lange introspektive Passagen, Erinnerungen, belanglose Ereignisse und zähe Unterhaltungen bestimmen die Buchseiten. Hinzu kommt, daß nicht nur die Erzählstimmen gleich sind, auch die Erlebnisse ähneln sich ziemlich. Natürlich gibt es Variationen, aber letztlich ähneln die „Charaktere trinken zu viel, führen allerlei Unterhaltung ähnlicher Art, haben Erinnerungen voller Andeutungen, werden bedrängt oder erinnern sich, bedrängt zu werden“-Passagen so sehr, daß ich sie manchmal verwechselte. Dazu kam, daß diese Häufung an dunklen Geheimnissen ausgesprochen übertrieben wirkte.
Etwa ab Seite 200 war ich nur noch gelangweilt und enerviert. War ich anfänglich noch ungemein gespannt auf die weiteren Entwicklungen und Auflösungen gewesen, hatte ich das Interesse an der Geschichte zu diesem Zeitpunkt komplett verloren. Den Rest habe ich mehr oder weniger überflogen, weil ich mich nicht mehr durch diesen zähen Brei durchkämpfen wollte. Das Ende, das in Großteilen ebenfalls sehr konstruiert war, lohnte sich dann leider auch nicht mehr. Schade, die Ansätze waren hervorragend, aber die Umsetzung sehr schwach.

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