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Veröffentlicht am 23.06.2020

Dunkle Schatten & Geheimnisse

Im grausamen Licht der Sonne
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Die Pianistin Anahera kommt nach dem Tod ihres Ehemanns zurück in ihr neuseländisches Heimat-Küstenstädtchen Golden Clove. Doch so sonnig und golden wie es der Anschein erweckt, sieht es in den Seelen ...

Die Pianistin Anahera kommt nach dem Tod ihres Ehemanns zurück in ihr neuseländisches Heimat-Küstenstädtchen Golden Clove. Doch so sonnig und golden wie es der Anschein erweckt, sieht es in den Seelen der Bewohner nicht aus - viele bergen dunkle Geheimnisse und Schattenseiten in sich. Auch Anahera kommt hierher in ihr Elternhaus zurück, um den Dämonen und Verletzungen aus ihrer Vergangenheit zu entkommen und Frieden zu schließen. Doch so einfach wird es nicht werden: die junge, wunderschöne und lebenshungrige Miriama verschwindet spurlos beim Joggen - schnell werden schlimme Erinnerungen aus der Vegangenheit wach - es sind schon drei Wanderinnen in der wunderschönen, aber auch gefährlichen Gegend verschwunden. Hatten sie einen Unfall - oder gibt es einen Mörder in Golden Clove?

Zusammen mit dem einzigen und neu hierher versetzten Polizisten Will macht sich Anahera auf die Suche nach Miriama und wird duch die Anziehung zu Will mit ihrem Schmerz konfrontiert. Und auch Will hat einige Traumata aus der Vergangenheit, die er ihr anvertraut. So entsteht in dem spannenden Thrillergewebe noch eine kleine, zurückhaltende Romanze.

Leider kenne ich noch kein Buch der Bestsellerautorin Nalini Singh und ihr Schreibstil hat mir sehr gut gefallen - flüssig, szenisch, schöne Sprachbilder (die sich leider manchmal wiederholen), ein gutes Gefühl für subtile Wellen im Zwischenmenschlichen und die Gabe, dass man einfach weiterlesen möchte. Sie zeigt die Schönheit von Natur und Menschen, aber auch, wie rauh und gewalttätig beides sein kann. Obwohl die zwei Protagonisten Will und Ana eher Einzelgänger sind und etwas schroff, waren sie mir sympathisch.

Als einzigen Minuspunkt ziehe ich das Ende und die Auflösung des Falles ab - da ging es mir persönlich etwas zu schnell und die Mordsabsichten waren mir nicht ganz zu erschließen. Aber Singh macht auch hier deutlich, was hinter den schönen Fassaden lauern kann - und das in einem tollen, neuseeländischen Setting mit der Māori-Kultur.

Fazit: Ein unterhaltsamer Thriller in sehr schöner Sprache - leider für mich etwas mit Schwächen im Plot.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.06.2020

Tragikomischer Tanz des Pandas

Pandatage
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Danny ist das, was man heute leider als Loser bezeichnet: chronisch pleite, perspektivlos, ohne richtige Ausbildung und als ihm nach dem Jobverlust der Vermieter mit einem Hammer nach Geld droht, vor dem ...

Danny ist das, was man heute leider als Loser bezeichnet: chronisch pleite, perspektivlos, ohne richtige Ausbildung und als ihm nach dem Jobverlust der Vermieter mit einem Hammer nach Geld droht, vor dem Existenzverlust. Doch noch schlimmer knabbert an ihm das Verhältnis zu seinem elfjährigen Sohn Will - dieser ist nach dem Unfalltod seiner Mutter Liz traumatisiert und spricht kein einziges Wort mehr. Auch Ärzte können nicht weiterhelfen. Als Danny Straßenkünstler im Londoner Hyde Park sieht, kommt ihm eine Idee - er kauft sich ein ausrangiertes Pandakostüm und probiert als Tanzbär im Park Geld zu sammeln. Doch seine Tanzkünste sind miserabel - da trifft er die resolute und sehr freche Bartänzerin Krystal, die ihm Tanzunterricht gibt. Das zeigt Früchte, aber noch besser ist, dass Will anfängt, mit dem Panda zu reden - nichts ahnend, dass sein Vater unter dem Tierkostüm steckt. Schritt für Schritt nähern sich die beiden wieder an, bauen Brücken über Verletzungen und beide finden einigermaßen zurück ins Leben.

James Gould-Bourn lässt in seinem filmreifen Debüt "Pandatage" Tragik mit Komik, Trauer mit Humor tanzen und oftmals ist dies auch zu lachen und besonders die Vater-Sohn-Annäherung sind die emotional stärksten Stellen im Buch. Auch werden Werte wie Mut und vor allem Freundschaft groß geschrieben - Danny hat seinen ukrainischen Hünen Ivan mit großem Herz zur Seite und Will seinen Mo, der selbst eine Behinderung hat. Doch der Wert eines freundlichen Miteinanders fehlt an vielen Stellen - so gingen mir Krystals Sprüche oftmals zu weit und der schwarze britische Humor konnte mich nicht erreichen. Manche Figuren sind so plakativ geraten, dass sie für mich die Situationskomik nicht mehr ganz rund gemacht haben.

Das Hörbuch wird präzise, professionell und mit stimmlicher Variation sehr unterhaltsam von Hendrik Duryn gesprochen, was der Geschichte nochmal mehr Farbe und Unterhaltungswert verleiht. Fazit: Eine emotional mitreißende Geschichte, für mich leider mit kleinen Schwächen in Logik und Figurenzeichnung. Weniger Paukenschläge hätten an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch mehr Wirkung und Nähe erzeugt.

  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.05.2020

Fingerabdrücke im Leben

Der restliche Sommer
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„Der Fingerabdruck eines Paares liegt in einer Sprache, die nur ein anderer Mensch auf der Welt wirklich vollkommen richtig entschlüsseln konnte.“ (S. 196)

Vier sehr unterschiedliche Menschen sind miteinander ...

„Der Fingerabdruck eines Paares liegt in einer Sprache, die nur ein anderer Mensch auf der Welt wirklich vollkommen richtig entschlüsseln konnte.“ (S. 196)

Vier sehr unterschiedliche Menschen sind miteinander verwoben und reflektieren in einem Sommer ihr Leben, ihre Vergangenheit und Zukunft - in der Liebe, der Gesundheit und im Beruf. Paul ist Zeitungskolumnist über Stil- und Benimmregeln, der langsam von seinem Arbeitgeber aufs Abstellgleis rangiert wird - er verbringt mit Künstlerin Sara einen längeren Urlaub in Portugal. Zwölf Jahre lang war Paul vorher mit der Paartherapeutin Sonja verheiratet. Sara war mit dem ruhigen Programmierer und Social Media-Spezialist Tin zusammen. Als Ereignisse das Leben der Menschen auf den Kopf stellen, kommen Veränderungen, Selbszweifel und viel Hinterfragen der eigenen Lebenslinien ins Spiel - spiele ich nur eine Rolle, geknüpft an bestimmte Erwartungshaltungen und komme ich da nochmal raus? Doch viel leichter tun sich die Protagonisten mit dem Prokrastinieren von eigenen Entscheidungen, denn der Sommer ist ja noch lang.

Max Scharnigg ist selbst Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, hat schon Romane, Reiseführer und ein Buch veröffentlicht. In seinem neuem Roman „Der restliche Sommer“ lässt er abwechselnd verträumte, sonderbare und teils auch witzige Charaktere von ihrem Leben erzählen. Dabei wird die Handlung nie ktischig, der Grundtenor ist eher ernst mit verspielten Elementen. Lebensklug, gesellschaftskritisch, aber auch mal gerne ausschweifend mit fantasievollen, kleinen Nebensächlichkeiten aus dem Alltag, die er zeitgeistig scharf beobachtet. Mit einem überraschenden Setting, das in der nahen Zukunft spielen könnte, verblüfft er den Leser: So sind terroristische Anschläge an der Tagesordnung und die Menschen haben viele neue soziologische Vorlieben. Max Scharnigg hat einen außergewöhnlichen, versierten und abwechslungsreichen Schreibstil, der länger nachhallt, auch wenn die eigentliche Geschichte schon in Vergessenheit gerät.

  • Cover
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.05.2020

Kleine, intuitive Schritte zur Gesundheit

Flow flow flow mit Ayurveda
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Vicky (Vata), Pia (Pitta) und Karla (Kapha) sind Freundinnen und die Stellvertreter für die verschiedenen Doshas in der indischen Heilkunst Ayurveda. Auf spielerische, authentische und humorvolle Weise ...

Vicky (Vata), Pia (Pitta) und Karla (Kapha) sind Freundinnen und die Stellvertreter für die verschiedenen Doshas in der indischen Heilkunst Ayurveda. Auf spielerische, authentische und humorvolle Weise führen sie durch ihr Leben, ihre Gewohnheiten und wie sie mit Ayurveda viel besser für ihre Gesundheit sorgen können. Dabei harmonieren die leicht verständliche und doch mit viel Wissen angereicherte Sprache von Lisa Fenger mit den wunderschönen und liebevoll warmen Illustrationen von Mareike Engelke. Die Autorin schreibt schon seit Jahren einen sehr gut besuchten Blog über Ayurveda.

Das Aufteilen der Doshas in drei bebilderte Persönlichkeiten bringt Nähe, Lebendigkeit und spielerisches Interesse, das man im Alltag integrieren kann. Nach einem aufschlussreichen Dosha-Test erfährt der Leser sehr viel über seinen Rhythmus in Sachen Jahres- und Tageszeiten, mit welchen Mahlzeiten und Lebensmittel er sein Dosha harmonisieren kann und welchen Einfluss die morgendliche Zungenhygiene, eine Ölmassage und ein warmes Zitronenwasser hat.

In der zweiten Hälfte dreht es sich um Selbstfürsorge, besseren Schlaf und entspannte Wochenenden zur Regeneration. Abgerundet wird es mit einem schön aufbereiteten Ayurveda-Bingo und Raum für eigene Notizen.

Das Buch liegt mit der Größe und dem festem Papier sehr gut in der Hand - eine sehr schöne Haptik und Optik. Ermutigend fand ich die stressfreie und spielerische Aufforderung, kleine Schritte im Ayurveda zu gehen, um die eigene Intuition wieder zum Erwachen zu bringen. So dass jeder in seinen eigenen, entspannten Ayurveda-Flow finden kann.

Ein toller und etwas anderer Einstieg in die Heilkunst - locker, frisch, bunt, humorvoll & viele kleine Schritte zur Gesundheit.

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Veröffentlicht am 11.05.2020

Jäger und Gejagte

Das wirkliche Leben
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Das wirkliche Leben der namenlosen, 10jährigen Ich-Erzählerin ist kaum zu ertragen. Der sadistische Vater und Großwildjäger misshandelt die Mutter psychisch und physisch, trinkt und guckt Fernsehen. Die ...

Das wirkliche Leben der namenlosen, 10jährigen Ich-Erzählerin ist kaum zu ertragen. Der sadistische Vater und Großwildjäger misshandelt die Mutter psychisch und physisch, trinkt und guckt Fernsehen. Die Mutter gleicht einer Amöbe, hält sich so gut es geht aus allem raus und kümmert sich aufopferungsvoll um ihre Ziegen, während im Keller im Kadaverzimmer die ausgestopften Tiere des Vaters hängen.

Wie in einem Pulverfass nehmen die erschreckenden, brutalen und quälenden Ereignisse in einer sich konstant aufbauenden Thriller- und Angststimmung ihren Lauf. Bei einem schrecklichen Unfall müssen die Protagonistin und ihr vier Jahre jüngere Bruder Gilles mitansehen, wie der Eismann ihres Viertels in seinem Wagen explodiert. Die beiden sind schwer traumatisiert und erhalten zuhause keine Hilfe - im Gegenteil. Gilles verliert sein Lächeln und fängt an, Tiere bestialisch zu quälen, während der Vater immer mehr die Kinder als Zielscheibe seiner Misshandlung entdeckt. Das fantasievolle, empfindsame und von Schuldgefühlen geplagte Mädchen hegt von nun an den Wunsch, eine Zeitmaschine zu bauen, um wieder in die Vergangenheit vor den Unfall zu reisen. Sie beginnt sich bei einem alten Professor in Physik unterrichten zu lassen, kommt in die Pubertät und schwärmt für einen älteren Nachbarn. Je mehr ihre weiblichen Formen zunehmen, desto rasender wird der Vater, der sie eines Nachts als Beute für seine Treibjagd benutzen wird. Doch die unbändige Widerstandskraft des Mädchens ist nicht zu bremsen und erwacht da erst recht zum vollen Leben.

Adeline Dieudonné ist mit ihrem Debütroman ein faszinierender und ambivalenter Wurf gelungen - Grobheit trifft auf Zartheit, Beklemmung und Angst auf Lebensmut. Mit einer präzisen, filmischen Sprache, die trotz Gewalt und Blut mit poetischen, außergewöhnlichen Sprachbildern glänzt, katapultiert sie den Leser direkt in das scheinbar aussichtslose Leben des Mädchens und ihrem unbändigen Willen, sich daraus zu befreien, um keine Beute mehr zu sein. Und sie gibt den Leser erst wieder frei, wenn er die Geschichte zu Ende gelesen hat - abgeschreckt aufgerüttelt, hypnotisiert durchgeschüttelt und die brachialen Schläge noch im Nacken, die der Vater verteilt hat. Das entsetzt, wirkt lange nach und muss verdaut werden.

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