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Veröffentlicht am 15.10.2021

Durchs Licht strömende Erinnerungen

Wenn wir heimkehren
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Die Autorin Andrea Heuser begibt sich mit ihrem epischen Familienroman „Wenn wir heimkehren“ auf autobiografische Spurensuche ihrer eigenen Familie und Großeltern. Über mehrere Jahrzehnte und Generationen ...

Die Autorin Andrea Heuser begibt sich mit ihrem epischen Familienroman „Wenn wir heimkehren“ auf autobiografische Spurensuche ihrer eigenen Familie und Großeltern. Über mehrere Jahrzehnte und Generationen hinweg entwirft sie ein authentisches Bild des gebeutelten Nachkriegsdeutschland anhand von weitgestreuten, persönlichen Geschichten durch 80 Jahre Zeitgeschehen.

Im Mittelpunkt stehen Margot und ihre Männer (einschließlich Sohn Fred) in einer schwierigen Zeit. Im Köln der 1950er-Jahre trifft die alleinerziehende, resolute und doch innerlich zerrissene Margot auf den lebensbejahenden Willi, der trotz seelischen und physischen Kriegstraumata nicht die Lebensfreude verliert. Er ist fasziniert von Margot und es entsteht eine jahrzehntelange Liebe voller Widrigkeiten, Auseinanderdriften und Wiederzueinander finden, voller Schuld, Verdrängen und einfach Weitermachen. Heuser erzählt unheimlich detailverliebt, erschafft für jedes Jahrzehnt eine dichte, detailgetreue und gut recherchierte Zeitreise mit viel Lokalkolorit und melancholischen Erinnerungen. Auf den umfangreichen 600 Seiten ist die Geschichte rund um das ungleiche Paar Margot und Willi sowie dem intellektuellem Sohn Fred mit zahlreichen Rückblenden, Anekdoten und Abschweifungen in der Zeitleiste und an verschiedenen Orten versehen, bis das berührende und atmosphärische Epos am Ende in der Gegenwart ankommt. Darüber hinaus streut Heuser zahlreiche Liedzitate und anderen Redensarten auf verschiedene Sprachen ein – leider ein wenig zu viele.

Von den 1930er bis 90er-Jahren spannt Heuser eine weitläufig verzweigte Familiengeschichte, in denen verloren geglaubte Seelen immer weitermachen, zwischen Hoffnung, Freude und Schmerz schwanken und am Ende sehen, wie sich ihre Leben transgenerational verbinden, samt Traumata. Die Farben des Lichts und der Erinnerungen spielen eine zentrale Rolle, aber auch, was am Ende von all den Begegnungen bleibt.

Leider verliert sich die autobiografisch geprägte und poetisch in zwei Teilen erzählte Familiengeschichte an einigen Stellen zu sehr im Detail und in den vielen persönlichen und historischen Abschweifungen – eine Straffung und präzisere Strukturierung rund um einen roten Faden hätte hier sehr gut getan. Trotzdem insgesamt ein akribisch und gut recherchierter (Liebes-)Roman voller Erzählfreude über persönliche und fiktive Erinnerungen – und wie unterschiedlich diese betrachtet werden können, je nachdem „wie das Licht fällt“. Und ein unterhaltsames Stück deutsche Zeitgeschichte aus den (Nach-)kriegsjahren, den dazugehörenden Wunden und Träumen sowie der schwierigen Rolle als Frau – auch wenn es einige Längen beinhaltet, die den Lesefluss bremsen.

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Veröffentlicht am 14.10.2021

Satirisch kreisende Monologe

Die Party
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Ulrike Haidacher ist die eine Hälfte des österreichischen Kabarett-Duos „Flüsterzweieck“ und legt nun mit „Die Party. Eine Einkreisung“ ihren Debütroman vor, der aus Teilen aus ihrem letzten Soloprogramm ...

Ulrike Haidacher ist die eine Hälfte des österreichischen Kabarett-Duos „Flüsterzweieck“ und legt nun mit „Die Party. Eine Einkreisung“ ihren Debütroman vor, der aus Teilen aus ihrem letzten Soloprogramm basiert. Darin verläuft sich eine junge Softeis-Verkäuferin mit Aussicht auf einen Lektorenjob an der Universität auf groteske Weise auf dem Versöhnungsweg zu ihrer Schwester – sie landet in der Donau und danach pitschnass auf einer absurden Koch-Party mit pseudotoleranten und pseudointellektuellen Menschen und Möchtegern-Weltverbesserern. Partygeber ist ein selbsternannter hipper Regisseur, der selbstverliebt mit seinem Feminismus-Standpunkt prahlt, dahinter sich aber purer Sexismus versteckt. Seine Juristen-Bekannte Verena wird mit jedem Glas Prosecco unangenehmer – nicht nur, was ihre Meinungen betrifft, auch ihr Verhalten wird markanter und aufdringlicher. Ein junger Mann mit Hornbrille knackt auffällig laut seine Wasabi-Nüsse, während ein scheinbar „glückliches Paar“ seine eigene Fremdenfreundlichkeit lobt, aber ein spießiges Trachtenlabel entworfen hat und auf sich auf die alten Werte des Frauseins besinnt.

Die namenlose Softeis-Verkäuferin und Protagonistin ist die stille Beobachterin des illustren Geschehens, ihr Entsetzen über die gesprochenen Aussagen und ihr weitverzweigtes Denken gibt sie in kreisenden Monologen und assoziativen Verschachtelungen wider. Dabei trifft sie überspitzt und sarkastisch auf die wunden Punkte unserer Gesellschaft und enttarnt die Pseudo-Toleranz und leeren Plattitüden ihrer umstehenden Partygäste, ohne viel zu sagen. Wenn sie Wort ergreift, kommen nur wirre Sätze aus ihrem Mund, was die ganze Situation noch obskurer wirken lässt. Die Gäste frönen am Rohschinken und dem vielen Alkohol, Essensreste und Körpergerüche fliegen durch den muffigen Partykeller, während mit zunehmender Stunde die Erzählerin nicht nur physisch, sondern auch mit Worten immer weiter eingekreist wird und die fanatische Gesellschaft aus dem Ruder läuft. Eine Flucht gelingt ihr nicht, so muss sie bis zum bitteren und überraschenden Ende bei der egozentrischen Meute bleiben und sich eben so gut wehren, wie es ihr verbal möglich ist.

Der literarische Stil des satirischen Buches ist an Thomas Bernhard angelehnt, der in seinen Werken der Polemik häufig durch einen monologisierenden Ich-Erzähler Ausdruck verschafft hat. So besteht auch „Die Party“ aus kreisenden, bissigen und weit verschachtelten Monologen, während die Protagonistin auf der Party ein stummer Zuhörer ist und ihre Sicht auf die Dinge nur denkt. Diese seitenlangen Gedankenspiralen sind beim Lesen mitunter sehr anstrengend und schwindelerregend – auch wenn Haidacher durchaus provokante und pointiert-skurrile Sichtweisen auf die rechthaberischen Diskussionen über Feminismus, Frauenquote, Migration & Co. entwirft. Wie in einem endlosen Karussell, das sich immer schneller und ohne Stopp dreht, spielt auch Haidacher mit diesem sich steigernden, assoziativen Gedankenstrom über bestimmte Themen und fixe Meinungen und hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor – österreichische Mundart und irre Petersilien-Situationskomik inklusive.

Ein nicht einfaches, intensives und schwindelerregendes Werk, das bissig-zynische Höhen und Lacher hat und im Bernhard-Stil treffsicher so manche gesellschaftliche Schwachstelle und idealistische Idee entlarvt, aber nicht jedem Lesevergnügen bereiten dürfte.

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Veröffentlicht am 07.10.2021

Zeiten des Wahnsinns

Alles Dunkel dieser Welt
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Schon in seinen Liedern der zahlreichen Solo-Platten singt Mark Lanegan bewegend und rau von langen dunklen Zeiten und harten Wegen, aber in seiner Biografie „Alles Dunkel dieser Welt“ legt er seine Seele ...

Schon in seinen Liedern der zahlreichen Solo-Platten singt Mark Lanegan bewegend und rau von langen dunklen Zeiten und harten Wegen, aber in seiner Biografie „Alles Dunkel dieser Welt“ legt er seine Seele und Drogensucht radikal und knallhart detailliert offen. Aufgewachsen mit einer lieblosen Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater, war die Musik seine Fluchtmöglichkeit aus der Kleinstadt Ellensburg – doch die Grunge-Zeit der 90er-Jahre war für Lanegan vor allem durch Heroin geprägt. Viele nahe Wegbegleiter wie Kurt Cobain oder Kristen Pfaff starben und Lanegan liefert mit seiner intensiven Autobiografie eine schonungslose und lakonische Chronik seiner jahrelangen Sucht, dem körperlichen und psychischen Verfall, der Entzugserscheinungen sowie den vielen verästelten Wegen der Drogenbeschaffung. Bis ihm eine berühmte Bekannte seine Rehab bezahlte und er den Weg aus Abhängigkeit, Kleinkriminalität und Obdachlosigkeit schaffte.

Doch als Sänger der Screaming Trees kann Lanegan neben der Suchthölle auch ausgiebig und präzise aus dem Grunge-Nähkästchen sowie der Hochburg Seattle plaudern, auch wenn die Band nie so erfolgreich war wie Nirvana & Co. – von ausgearteten Auftritten, Backstage-Eskapaden, zahlreichen Frauengeschichten sowie Aufstieg und Fall so mancher Vorzeigeband. Auf 440 soghaften, intimen und teils tragikomischen Seiten blickt der Leser mit viel schwarzem, derben Humor und erschütternden wild-düsteren Geschichten voyeurístisch in Lanegans Leben, das so oft am seidenen Faden hing. Lanegan erzählt nüchtern und ehrlich, ohne zu reflektieren – er bittet nicht um Sühne für seine Verfehlungen und Abgründe, schildert sein Dunkel dieser Welt sowie Musikerlaufbahn bissig-sachlich und liefert dabei neben einer grandiosen Reise in die Grunge-Ära, einen aufrüttelnden, sarkastischen und verstörend-radikal offenen Blick in die Heroin-Sucht.

Grandios übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner und am besten untermalt mit Lanegans von seinen Memoiren inspirierten Soundtrack „Straight Songs Of Sorrow“ ist diese direkte und kraftvolle Musiker-Autobiografie wahrlich keine klassische, aber jetzt schon legendär und auf seine ganz eigene berührende Art lesenswert!

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Die Frauen aus Zelle 3

DAFUQ
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In ihrem rasant-modernen Debütroman „DAFUQ“ verwebt Kira Jarmysch, Sprecherin von Kreml-Kritiker Nawalny, sechs bewegende Frauenschicksale im Gefängnis zu einem Bild vom heutigen Russland voller Gegensätze. ...

In ihrem rasant-modernen Debütroman „DAFUQ“ verwebt Kira Jarmysch, Sprecherin von Kreml-Kritiker Nawalny, sechs bewegende Frauenschicksale im Gefängnis zu einem Bild vom heutigen Russland voller Gegensätze. Jarmysch kann dabei auch auf eigene, persönliche Erfahrungen zurückgreifen – sie war bereits mehrfach in russischen Gefängnissen inhaftiert.

Protagonistin Anja demonstriert auf einer oppositionellen Kundgebung gegen Korruption seitens der Regierung und wird festgenommen – die 28-jährige Studentin wird im Schnellprozess verurteilt und kommt für zehn Tage in Arrest in ein Moskauer Gefängnis. In Zelle 3 stößt sie auf fünf weitere junge weibliche Insassinnen, mit denen sie die schier endlose und trostlose Zeit mit vielen Gesprächen vertreibt. Alle sehr unterschiedlichen Frauen sind wegen kleinerer Delikte hier – Natascha wegen Polizisten-Beleidigung, Irka wegen fehlender Alimenten-Zahlung und Maja, Katja und Diana wegen Fahrens ohne Führerschein. Unfreiwillig sitzen sie jetzt zusammen auf engem Raum und teilen ihre Sehnsüchte, Ängste und Auszüge aus ihrem Leben, während das russische Justizsystem mit seiner willkürlichen Härte zuschlägt. Da die Zellengenossinnen aus sehr verschiedenen Milieus stammen, ergibt sich ein vielschichtiges soziografisches Gesamtbild über weibliche Lebensentwürfe in Russland.

Anja ist die Politischste unter den Frauen, kämpft aber auch mit privaten Dämonen und Zweifeln – immer wieder blickt sie länger in die Vergangenheit: In ihre Kindheit im Dorf, in die komplizierte Pubertät, zu ihrer traumatischen Beziehung mit ihrem Vater, einer schwierig-intensiven Dreiecksbeziehung und ihre fortschreitende Politisierung, während es ihr in der Gegenwart psychisch zunehmend schlechter in der Haft geht. Halluzinationen und Tagträume vermischen sich mit der Realität, in der Kira Jarmysch mit vielen dichten Dialogen authentisch und bewegend die unterschiedlichen Biografien der Frauen ineinander laufen lässt, aber auch eindringlich-detailliert die Schikanen im Gefängnis beleuchtet und auch Nebendarsteller wie Gefängniswärter plastisch-komplex schildert.

Zwar blitzt zwischen den Zeilen immer wieder Humor auf, doch insgesamt ist es ein neben einer feinfühligen Coming-of-Age-Geschichte sowie Identitätssuche ein realitätsnaher Gefängnisroman, der ohne erhobenen Zeigefinger auf die rechtsstaatlichen Systeme und die allgemeine Lage in Russland blickt, dabei aber unterhaltsame, weibliche Standpunkte einnimmt. Das ist Jarmysch in ihrem tragikomischen Debüt präzise gelungen, bevor sie am Ende ins Mystische und Mythologische abdriftet: Anja ist alleine in ihrer Zelle und leidet an wirren, verstörenden Albträumen – zudem sinniert sie bis zum finalen Emotionsausbruch, der zum deutschen Buchtitel geführt hat, immer intensiver über Frauensymbole und anderen esoterischen Gedanken.

Wie Jarmysch, die biografische Züge mit der fiktiven Protagonistin aufweist, das heutige Russland mit seinen Spannungen und Repressionen in einem wertfreien, beklemmend-komischen Gefängnis-Kammerspiel spiegelt und dabei mit einem aufregend-vielstimmigen Schreibstil den facettenreichen Blick der russischen Frauen beleuchtet, ist erhellend und bemerkenswert!

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Veröffentlicht am 23.09.2021

Essen ist fertig!

Sonntagsessen
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Seit fast zehn Jahren gibt es schon die beliebte Rezept-Kolumne „Sonntagsessen“ auf ZEIT Online, auf der spannende und außergewöhnliche Foodblogs aus aller Welt vorgestellt werden. Ein Rezept macht sofort ...

Seit fast zehn Jahren gibt es schon die beliebte Rezept-Kolumne „Sonntagsessen“ auf ZEIT Online, auf der spannende und außergewöhnliche Foodblogs aus aller Welt vorgestellt werden. Ein Rezept macht sofort Lust auf mehr und die Gerichte potenzieren sich in ihren Möglichkeiten, die die/der jeweilige Urheber*in des Blogs noch bietet. Jetzt werden die 85 besten Foodblog-Rezepte in einem hochwertig und ansprechenden Kochbuch präsentiert: In „Sonntagsessen“ finden sich modern bebilderte Rezepte, mit und ohne Fleisch, vegan, vegetarisch oder mit Fisch, verteilt über die Tageszeiten von Frühstück, Brunch, Mittagessen, Nachmittagskaffee, Dinner und Dessert – eigentlich für den arbeitsfreien Sonntag gedacht, eignen sich viele vorgestellte Gerichte auch für einen Wochentag und geben einen facettenreichen Überblick auf eine kreative internationale Foodszene.

Die pointiert formulierten Vorstellungstexte der internationalen Foodblogger samt Link zu den Blogs liefern einen tollen und persönlichen Touch: Einblicke, Anekdoten und dann ein ausgewähltes, saisonales Wohlfühl-Rezept dazu. Und gleich die erste Rubrik Frühstück macht klar, warum die Kolumne so erfolgreich ist: die reizvollen Speisen sind teils nachhaltig, mit alternativen Ernährungsformen gespickt und sehr verlockend zum Nachkochen präsentiert. Ob herbstliches Hirseporridge mit Birnen, Kürbisbrot mit Pflaumenchutney, Mohn-Zitronen-Pancakes, Spinat-Ziegenkäse-Hummus mit Spinat-Pita-Broten, Spinatknödel, veganer Zitronen-Mohn-Kuchen, Rote-Bete-Brownies, Süßkartoffel-Linsen-Suppe mit Koriander-Erdnuss-Pesto, Brotlinge mit knusprigen Ofenpommes, der Zitronencouscous mit Knusper-Feta, Risotto mit Quitte & Kürbis, gebackene Birnenhälften mit Gorgonzola, Topfenknödel oder das Heidelbeereis – auf knapp 200 Seiten findet jeder aufgeschlossene Koch etwas für den schönsten Tag in der Woche. Gut angeleitet, mit Tipps und Mengen-/Zutatenangaben verfeinert und mit der modernen Vorstellung des Blogs mit tollem Einblick in die Koch-Welt von Heisse Himbeere, Holunderweg 18 & Co. Eine kurze Einleitung von Eva Biringer schildert den erfolgreichen Werdegang des ZEIT Online-Blogs und das abschließende Blog- sowie Rezeptregister sorgt für den passenden Überblick.

Ein rundum gelungenes, inspirierendes und empfehlenswertes Kochbuch mit zahlreichen kreativen Ideen aus aller Welt und den Anreiz, weiter in den vielen facettenreichen vorgestellten Foodblogs weiterzustöbern!

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