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Veröffentlicht am 13.05.2021

Es brennt, auch im Nachhall!

Drei Kameradinnen
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Erst einmal gilt zu sagen, dass das Cover grandios ist. Auf dem Bild kommt es nicht ganz so gut rüber, aber das Gelb ist in Wirklichkeit ein glänzendes Gold. Deutschland, wie es brennt.
Das Bemerkenswerte ...

Erst einmal gilt zu sagen, dass das Cover grandios ist. Auf dem Bild kommt es nicht ganz so gut rüber, aber das Gelb ist in Wirklichkeit ein glänzendes Gold. Deutschland, wie es brennt.
Das Bemerkenswerte sind die Leserinnenführung und der Erzählstil. Beides zeugt hier von einer sehr talentierten Autorin. Ich weiß nicht, ob ich jemals einer so unzuverlässigen Erzählerin wie der in diesem Buch begegnet bin. Aber der Punkt ist, dass sich dadurch nichts an der Glaubwürdigkeit bzw. der Wiedererkennbarkeit unserer Realität in diesem Land ändert. Die Leserschaft wird auf eine harte Probe gestellt und muss eingestehen, dass sie längst bemerkt hat, was kaum einer ausspricht.

Der spitze Ton der Erzählerin, gepaart mit dem ausschweifenden Stil und der verschiedenen Ebenen konnten mich nicht nur gut unterhalten: Ich hatte das Gefühl, die Erzählerin würde neben mir sitzen und mir teilweise aus dem Herzen schreiben. Ich habe mich und auch andere Menschen wiedererkannt. Viele Diskussionen habe ich ähnlich selbst geführt oder miterlebt. Diese Mischung aus Fiktion und purem und realem Material wirkten wie ein Sog auf mich. Es war nicht wichtig, ob alles so passiert ist, allein die Tatsache, dass man es für möglich hält, etabliert eine Spannung.

Diese Spannung beruht darauf, dass es eine Rahmenerzählung bzw. einen anfänglichen Teaser gibt. Auf das Ende soll hingearbeitet werden. Als Leserin habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wie es dazu kommen soll und es mit jeder Seite für unmöglicher und wahrscheinlicher zugleich gesehen, dass es so kommen wird, wie es zu Anfang prophezeiht wurde. Weil einem die Charaktere mit jeder Seite mehr ans Herz wachsen, die drei Kameradinnen. Deswegen hat die Spannung auch mit jeder Seite zugenommen, bis ich am Ende platt war.

Das Buch ist hart mit den Leser
innen, den Charakteren und Deutschland, könnte man meinen. Aber darauf würde ich antworten, dass das Leben in Deutschland für viele Menschen hart ist. In einem Land, in dem Demokratie und Gleichheit groß geschrieben und die Aufarbeitung der Geschichte eine allseits gegenwärtige Tatsache darstellen, steht es um die Toleranz gegenüber Migrant*innen (ganz besonders gegenüber dem Islam) und um gleiche Chancen immer schlechter. Was den Main Stream entweder nicht stört oder ihm zugute kommt. Deswegen ist es so wichtig, dass unsere Stimmen Gehör finden und in den Kanon der Literatur aufgenommen werden. Schon krass, dass es manchmal erst Fiktion braucht, um auszudrücken, was eigentlich in eine Reportage gehört...

Aber es geht hier noch um so viel mehr! Am Anfang dachte ich noch, dass es vllt zu viel ist und ich habe mich gefragt, wo die Erzählung hinführen soll. Aber man muss es als genau das sehen: Eine Erzählung. Besser noch: Als ein tiefgründiges Gespräch mit einer sehr guten Freundin. Hin und wieder schweift man vom Thema ab, um auf dem Nachbarfeld ins Schwarze zu treffen. Brisant und aktuell sind die Themen allemal und vor allem aus der Mitte des Lebens gegriffen. Am Ende habe ich mich über meinen anfänglichen Einwand nur gewundert. Letztendlich war es eine total runde Sache. Hinter der ganzen Unordnung habe ich System entdeckt. Ein interessanter Fakt ist vielleicht noch, dass es keine Kapitel gibt. Es ist eine zusammenhängende Erzählung. Die Autorin hat Mut zu experimentieren und ihren Mund aufzumachen sowie mit der Leserschaft zu spielen. Mir hat es ausgesprochen gut gefallen.

Aber man sollte sich darauf einstellen, besonders am Ende öfters zu schlucken und tief Luft zu holen, ich musste Pausen machen. Mehrmals hat die Autorin mir das Herz gebrochen und es dann wieder zusammengeschustert. Am Ende würde ich sogar sagen, dass sie nach einer aufregenden Achterbahnfahrt uns unsere 3D-Brillen abgenommen hat, damit wir draußen auf das echte Karussell vorbereitet sind. Auf dem wir schon unser Leben lang fahren, aber übel wird uns erst mit der Brille auf der Nase. Dabei habe ich in der Retrospektive den Eindruck, dass die Erzählerin uns trotzdem immer noch min. mit einem Samthandschuh angepackt hat. Wer das Buch zuschlägt, wird wohl kurz geschockt sein, sicherlich (hoffe ich!) nicht ungerührt und bestimmt ab jetzt genauer hinsehen. Und womöglich viele Situationen hinterfragen und auch nachträglich aus einer anderen Perspektive betrachten. Das wäre jedenfalls schon mal ein Anfang und ein Lichtblick.
Die Message, die ich empfangen habe, ist nicht, dass es darum geht, die Sichtweise zu wechseln, sondern anzuerkennen, dass es da draußen noch mindestens eine weitere gibt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2021

Es motiviert uns, an uns selbst zu glauben!

Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz
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Wer dieses Buch aufschlägt, sollte sich wappnen! Uns springt förmlich eine ganze Wikinger-Truppe entgegen mit einer unfassbar legendären Anführerin: Zelda! Sie nimmt uns mit durch eine wohl sehr prägende ...

Wer dieses Buch aufschlägt, sollte sich wappnen! Uns springt förmlich eine ganze Wikinger-Truppe entgegen mit einer unfassbar legendären Anführerin: Zelda! Sie nimmt uns mit durch eine wohl sehr prägende Zeit ihres Lebens: Wie sie lernt, ihre eigenen Stärken einzusetzen und das Leben ihres Bruders, ihres Beschützers zu retten, indem sie ihre eigene Legende schreibt. Wenn das nicht motivierend auf die Leserinnen wirkt, dann weiß ich auch nicht. Ich habe das Buch eben zugeschlagen, mit feuchten Augen. Und einem Lächeln im Gesicht. Am liebsten würde ich gleich anfangen, meine eigene Legende zu schreiben, aber das ist nicht die Message. Sie ist viel mehr die, dass wir das ohnehin tun, mit jedem Tag den wir meistern und für das einstehen, woran wir glauben.

Mit Zelda hat Andrew David MacDonald nicht einfach nur einen Romancharakter, sondern einen Menschen erschaffen. Eine Freundin, eine Kämpferin, ein Vorbild. Während des Lesens hatte ich durchweg ihre Stimme im Ohr, obwohl ich diese noch nie gehört habe. Bei den "Nebencharakteren" war es nicht anders: Sie wurden durch Zelda ebenfalls sehr plastisch gezeichnet, sodass das Leseerlebnis unheimlich intensiv war. Wenn es hier keine Verfilmung geben wird, dann weiß ich auch nicht! Zeldas Sprache wirkt sehr authentisch. Ich würde mal sagen, dass wir auch viel über das Wikingeruniversum lernen, denn dort fühlt sich Zelda zuhause.

Unverhofft kommt oft... So würde ein Außenstehender die Lebenssituation der Geschwister Zelda und Gert wohl umschreiben. Nicht nur, dass die Mutter Alkoholikerin war und an Krebs starb, oder, dass der Vater über alle Berge und der Onkel ein Unhold ist. Nein, auch Gert selbst ist in krumme Geschäfte verwickelt und als Schlägertyp bekannt. Dass seine kleine Schwester da auch noch mit einer Behinderung leben muss, so möge manch einer behaupten, ist zu viel des Guten und höchst unwahrscheinlich. Glaubst du, sag ich da nur. Denn leider hängen die meisten Schicksalsschläge miteinander zusammen und sind für viele Menschen Realität. Wie sagt man so schön: Armut und Elend vererben sich. Da hat man aber noch nicht mit Zelda abgerechnet: Sie zeigt auf beeindruckende Weise, dass nicht überall das drinsteckt, was draufsteht. Sie verzichtet auf die Opferrolle und gehört zu den mutigsten Menschen zwischen diesen Seiten. Sie reißt das Etikett ab, das ihr aufgeklebt wurde und ist für die da, deren Aufgabe es eigentlich ist, sie zu beschützen. Was lehrt uns das? Wir sollten verdammt nochmal mit unseren Schubladen aufhören. Das Leben ist zu schade für eine einzige ausgelatschte Perspektive. Und es gibt keine Grenze zwischen "normal", "anormal", "behindert" und "total ungehindert". Wir sind alle komplett verschieden und vor allem ist gestern nicht morgen. Wir entwickeln uns ständig.

Es ist auch nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. "Wenn ich es recht überlege, ist fast gar nichts gut". Würde der Pessimist sagen. "Warum muss ich dann die ganze Zeit beim Lesen schmunzeln?" Sagt der Optimist. "Stimmt doch gar nicht, gerade hast du noch das Buch entsetzt zugeschlagen". "Und du hast eine Träne verdrückt". So streiten sie sich und werden sich nicht einig. Wie im echten Leben. Wobei ich damit nicht andeuten möchte, dass die meisten von uns auch nur einen Bruchteil von dem erlebt haben, was Zelda widerfährt. Sie ist den meisten von uns an Lebenserfahrung überlegen. Einige kritisieren, dass das FASD heruntergespielt wird, weil Zelda ein so fortschrittliches "Exemplar" dieses Syndroms ist. Das halte ich für völligen Quatsch! Leser
innen müssen nicht mit Samthandschuhen angepackt werden. Sie können schon noch selbst denken. Und außerdem geht es genau darum: Wir sollten einen Menschen nicht nach dem beurteilen, was er sein soll oder was man über ihn sagt, sondern danach, was er wirklich ist. Zelda hat liebe Menschen um sich, die an sie glauben. Und was noch wichtiger ist: Sie glaubt selbst an sich. Deswegen wurde sie so gefördert, dass es ihr möglich ist, immer selbstständiger zu werden. Das färbt auf ihr Umfeld ab.
Aber es zeigt, dass MacDonald sich nicht zu schade ist, auch unschöne Szenen darzustellen. Und aus Zeldas Perspektive wirkt es nochmal echter und berührender. Aber es macht einen auch wütend. Es werden einige wichtige Themen angesprochen, die Ernst genommen werden müssen. Dafür sind Geschichten wie diese genau das richtige: Durch sie können die Emotionen der Leser*innen erreicht werden, ohne dass es zu ernst wird. Nicht ernster als das Leben selbst.
Man könnte einwenden, dass neben der Behandlung von Der FASD-Syndroms zu viele anderen Themen eine Rolle spielen, wie Homosexualität, Rassismus, Gewalt, Kriminalität, Drogen... Aber genau das wäre ein falsches Bild: Es würde bedeuten, dass wir überfordert wären, wenn wir in zwei oder mehr Bereichen gleichzeitig für mehr Toleranz einstehen sollen. Im echten Leben können wir auch nicht alle anderen "Probleme" oder Aspekte ausblenden, wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren wollen. Live and fight for Diversity!
Denn letztendlich geht es für uns alle nur darum: Unsere eigene Legende so gut wie möglich zu schreiben. Das Wissen um mehr Toleranz und Offenheit, aber auch Aufklärung, verhilft uns zu Stärke, die wir in der Schlacht gut gebrauchen können. Denn die erleben wir jeden Tag aufs neue, soviel ist mal klar. Skål, wie Zelda jetzt sagen würde.

Wichtige Botschaften:

1. Jeder Tag ist eine Schlacht
2. Wir alle sind Krieger
3. Und können uns unsere Sippe, für die wir das Schild hochhalten, selbst aussuchen
4. Die Welt besteht nicht nur aus Helden und Unholden
5. Und dennoch gibt es von beidem mehr als man denkt
6. Auch Frauen können eine holde Maid haben und in die Schlacht ziehen
7. Und manchmal brauchen diejenigen unsere Hilfe, die uns sonst beschützen
8. Die besonderen Ereignisse im Leben stehen auf keiner Liste
9. Und manchmal müssen wir die Regeln selbst festlegen
10. Um am Ende epochalen Mut zu beweisen und unsere eigene Legende zu schreiben

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.04.2021

Ein Buch und eine Freundin fürs Leben

Jane Eyre
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Ich schreibe diese Rezension etwa einen Monat, nachdem ich die letzte Seite gelesen habe, aber da ich so viel markieren konnte und mir zahlreiche Notizen gemacht habe, stellt das gar kein Problem dar. ...

Ich schreibe diese Rezension etwa einen Monat, nachdem ich die letzte Seite gelesen habe, aber da ich so viel markieren konnte und mir zahlreiche Notizen gemacht habe, stellt das gar kein Problem dar. Es wird sogar eine viel authentischere Rezension sein, weil ich nun auch bewerten kann, wie der Nachklang des Buches läutet. Und ich kann sagen, dass die Geschichte immer noch in mir nachhallt. Es ist eine ganz besondere und im Gegensatz zu Emiliy Brontes Sturmhöhe ist Charlottes Meisterwerk auch mit angenehmen Erinnerungen verbunden. Ich habe mich Jane sehr verbunden gefühlt. In vielerlei Hinsicht war sie mir so sympathisch wie Anne (auf Green Gables), auch wenn sich die beiden charakterlich nicht gleichen. Wir drei zusammen wären allerdings ein äußerst harmonisches Gespann! Und noch dazu alle Leherinnen :).
Was den Roman für mich einzigartig macht, ist der eindringliche Erzählstil. Hätte Brecht ihn nicht erst im nächsten Jahrhundert ins Leben berufen, würde man hier seinen berühmten V-Effekt vorfinden. Ständig wird das Erzählen selbst zum Thema und nicht selten die Leserschaft angesprochen und verunsichert. Nach der Lektüre dachte ich ernsthaft, es handle sich bei Jane und mir um eine beidseitige Freundschaft.
Diese Frau kann man aufgrund ihres Scharfsinns, der sozialen Intelligenz und Menschenkenntnis einfach nur gern haben. Sie strahlt eine innere Ruhe und Sicherheit aus, die einem das Gefühl von Geborgenheit geben, wenn auch in meinem Fall nur in Schwarz auf Weiß. Ich liebe, liebe, liebe die Dialoge zwischen Jane und Mr. Rochester!
Was mir auch noch positiv aufgefallen ist, sind sind die vielen pädagogischen Ratschläge und Meinungen sowie von mir geteilte Ansichten und Vorlieben, die ich makieren konnte.

Was erwartet einen? Eine starke Frau als Protagonistin, nicht weniger stur, die es sich in den Kopf gesetzt hat, wenn, dann nur aus Liebe zu heiraten. Und leider wird sie von vielen Schicksalsschlägen getroffen, aber sie steht immer wieder auf. Anders als bei Jane Austen trauen sich die Bronte Schwestern, von Moorlandschaften und menschlichen Abgründen zu schreiben. Es bleibt uns, darüber zu streiten, wer damit näher an der Realität liegt. Die Spannung, so finde ich, ist hier größer. Trotz der sehr gut angebrachten Vorausdeutungen gab es viele unerwartete Wendungen und mit dem Ende habe ich wirklich nicht gerechnet.

Was mir nicht gefallen hat, ist die Rolle des Zufalls. Es kommt im Laufe doch schon einiges Unwahrscheinliches zusammen. Für mich war es irgendwann an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Auch in der Beschreibung neigt Jane zu Pathos und Dramatisierungen, die ich nicht immer gebraucht habe. Aber diese Kritikpunkte tun dem Werk keinen Abbruch!

Was das Buch als Botschaft aussendet, ist, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Das mag bei dem Inhalt jetzt etwas plump klingen, aber tatsächlich wird es zum Insider, wie oft die Schönheit der Protagonistin und ihres Liebhabers von den verschiedensten Personen unterschiedlich bewertet wird. Am Ende muss sich die Leserschaft damit geschlagen geben, dass die Erzählerin nicht zuverlässig genug ist, darüber ein abschließendes Urteil zu fällen. Des Weiteren rät das Buch dazu, manchmal stur an seinen Grundsätzen festzuhalten und sich zu trauen, die eigene Meinung auszudrücken und auch schlagfertig zu sein.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2021

Man kann gut eintauchen!

180 Seconds - Und meine Welt ist deine
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Vorweg: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und fand die Vertonung sehr gut gelungen. Die Stimme passt gut zu der Protagonistin und man konnte sehr gut zuhören. Auch die männlichen Charaktere hat sie ...

Vorweg: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und fand die Vertonung sehr gut gelungen. Die Stimme passt gut zu der Protagonistin und man konnte sehr gut zuhören. Auch die männlichen Charaktere hat sie gut gesprochen. Manchmal ist mir die Protagonistin aber dann doch auf die Nerven gegangen und wenn ich jetzt zurückdenke, habe ich dann auch immer die Stimme der Sprecherin im Ohr. Jetzt weiß ich nicht, ob es dann die vorgelesenen Gedanken Allisons allein oder in Verbindung mit der Stimme waren, die mich nervten. Feststeht: es liegt nicht nur an der Stimme. Die ist eigentlich nicht nervig, kaut aber den manchmal selbstmitleidigen und wankelmütigen Zug in Allisons Charakter vor. Beim Lesen wäre ich vermutlich zu ähnlichem Ergebnis gekommen, hätte die Sätze aber selbst im Kopf betonen müssen, deswegen vorgekaut. Nervig war die Protagonistin, nicht die Sprecherin.

Wovon ich nach der Lektüre ebenfalls eindeutig genug fürs Leben habe, sind Kosenamen. Ich bin ohnehin etwas empfindlich, was diese angeht, aber die Häufigkeit und Arten, wie sie hier vorkommen, haben mir den Rest gegeben.
Um zu etwas Positivem zu kommen: Ich fand die Idee hinter der Geschichte sehr originell und muss auch nach dem Lesen sagen, dass es in der Flut an New Adult-Romanen, die uns seit den letzten Jahren überrollt, seine eigene Note wahrt. Wir haben hier nicht den typischen Bad Boy, sondern einen richtig netten Kerl, in den ich mich wirklich verlieben könnte. Aber dass es sich dabei um einen Star handelt, hätte man getrost weglassen können.

Das führt mich zu einem weiteren Punkt, bei dem ich nicht ganz weiß, was ich davon halten soll. Viele Follower zu haben, wurde zu Anfang dieses Romans als etwas anzustrebendes hervorgehoben, weswegen bei mir die Alarmglocken angingen: Eindeutig die falsche Message, dachte ich mir. Mit der Zeit wurde diese Aussage aber relativiert, weil auch die Schattenseiten des High Lifes dargestellt wurden und die Medienpräsenz für Positives eingesetzt wurde. Ohne diesen Teil hätte die Geschichte irgendwann keinen Sinn mehr ergeben. Trotzdem bin ich am Ende wieder zu meinem anfänglichen Urteil zurückgekehrt. Es wird der Eindruck suggeriert, wir alle bräuchten Social Media, um Gutes zu tun und beliebt zu werden. Hmm, schwierig. Und dann denke ich wieder: so ist es doch wirklich. Die Autorin beschreibt nur die Realität.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich sehr schnell lesen/ hören lässt. Es ist leicht geschrieben und vermittelt eine sehr mollige Atmosphäre, die sich gut für den Dezember eignet, weil es ebenfalls von dieser Zeit handelt. Es bedient alle Emotionen, ist aber zum Teil auch sehr traurig. Leider kommt auch dieser Roman nicht ohne ein verwaistes Mädchen aus, aber so wie hier wurde die Situation noch nie gelöst. Ich bin ein Fan von Simon, dem schwulen Adoptivvater!
Über die Plausibilität der Ereignisse am Ende könnte man streiten und auch über den Konstruktionscharakter einiger Konflikte. Aber auf so was stellt man sich bei dem Genre New Adult doch ohnehin am Anfang ein, oder nicht?

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.04.2021

Unbehagen pur!

Der Heimweg
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Ein Fitzek, ganz eindeutig! Das erkennt man nicht nur an der ausgefallenen Aufmachung und dem Setting sowie dem Aufhebens um das Buch, sondern auch an dem Schreibstil. Dieser ist on point. Er benutzt einen ...

Ein Fitzek, ganz eindeutig! Das erkennt man nicht nur an der ausgefallenen Aufmachung und dem Setting sowie dem Aufhebens um das Buch, sondern auch an dem Schreibstil. Dieser ist on point. Er benutzt einen reichhaltigen Wortschatz und vor allem viele Bilder, die zu der Thematik und Grundstimmung der Personen passen. Deswegen wirkt die Sprache manchmal hart und derb, was aber auch seinen Effekt hatte: Nicht umsonst übertrug sich das grausige Gefühl der leidenden Menschen in diesem Buch auf mich. Nicht selten wollte ich das Buch weglegen, weil es einem bestimmt eher Energie und Lebensfreude nimmt, als dass es sie gibt. Aber es war so spannend!
Es gibt sehr viele Verstrickungen und Wendungen, sodass jeder ins Kreuzverhör gerät. Und es werden viele kleine Details beschrieben, genauso wie Fun-Facts den Lesenden schlauer machen und die doch sehr düstere Geschichte auflockern. Diese scheinen, vorsichtig gesagt, direkt aus Fitzeks Alltag zu stammen, etwa die Richtung, in der man Besteck in die Spülmaschine stellen sollte. Was ich sehr gut finde, ist, dass Fitzek Themen wählt, zu denen es einen gesellschaftlichen Anlass gibt, die aber, wie er selbst in seinem sehr eindrucksvollen Nachwort schreibt, nicht zu politisch aufgeladen sind, da es um die Unterhaltung gehe. Und die Fakten, die er dazu nennt, sind teilweise höchst schockierend. Etwa der, dass es bis 1997 in Deutschland legal war, seine Frau zu misshandeln (vgl. S.351). Ich vertraue darauf, dass die Angaben korrekt sind, ich war diesbezüglich selbst nicht auf Recherche.
Was ich aber mit großer Leidenschaft beim Lesen verfolgt habe, sind die Schauplätze. Da habe ich eifrig gegoogelt. Ich hatte auch beim Lesen den Eindruck, dass der Autor es darauf angelegt hat, denn er macht einem die Verfolgung nur zu leicht. Im Internet habe ich dann gesehen, dass es tatsächlich Karten von Berlin mit Fitzek-Schauplätzen gibt. Über Touren würde ich mich auch nicht wundern.

Wie ist nun meine doch eher mäßige Bewertung zu erklären? Nun, ein Thriller steht und fällt mit der Auflösung. So spannend der Ritt doch ist, so bedeutungsvoll ist auch der Fall und wie er letztendlich von statten geht. Klar ist: Irgendwie müssen wir am Ende vom hohen Ross runter.
In diesem Fall waren es mir irgendwann einfach zu viel, auch zu viel kriminelle Energie und unglaubwürdige Beweggründe dahinter. Von Anfang an war mehr oder weniger klar, dass es einen großen Twist geben würde, nur noch nicht seine Richtung, da sich im Laufe der Geschichte mehrere Möglichkeiten aus Sicht der Lesenden ergeben. Aber es war doch schon ziemlich konstruiert, wenn ich jetzt zurückdenke. Die Spannung möchte ich dem Buch aber keineswegs absprechen. Die war schon beinahe mit Händen zu fassen.

Oft wird über dieses Buch gesagt, dass es sehr heftig und wohl bis jetzt Fitzeks gewalthaltigster Roman wäre. Ich habe nicht alle seine Thriller gelesen, aber verstehe die Bewertung. Es ist tatsächlich ziemlich krass, sodass sich ständig sämtliche Nackenhaare aufgerichtet haben. Man wird mit einem ziemlich vielseitigen Spektrum von Gewalt bedient. Um es zynisch zu sagen: Für jeden ist was dabei. Und das ist vielleicht zu viel des Guten. Als wollte man alle menschlichen Abgründe in ein Buch packen. Fairerweise sollte ich aber noch sagen, dass es trotzdem ein klares Leitthema gab: Die häusliche Gewalt an Kindern und Frauen.

Mir gefällt gut, wie Fitzek seine Leitthemen offen behandelt, sodass man verschiedene Perspektiven einnehmen kann. Seine Position wird zwar auch im Vor- und Nachwort deutlich, aber die Figuren handeln nicht immer danach. Als Leserin habe ich mir deswegen selbst eine Meinung bilden müssen: Wie kommt es, dass sich Gewalt und die Opferrolle "vererben"? Wie ist es ethisch vertretbar, diese Kette zu durchbrechen? Genau damit spielt Fitzek. Jeder, der darauf bereits eine vorgekaute Position serviert bekommen möchte, wird hier schlecht bedient. Und das finde ich gut so.

Zu guter Letzt möchte ich noch loswerden, dass ich mich während des Lesens darauf gefreut habe, dass es bald vorbei ist. Es war echt grausam, so sehr wird man in diese Welt hineingezogen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere