Existenziell und zeitlos
Ich, die ich Männer nicht kannteVierzig eingesperrte Frauen – und dann auf einmal eine offene Käfigtür… Allein diese Ausgangsidee hat mir schon eine leichte Gänsehaut verpasst. So eine „Muss ich lesen“-Gänsehaut. Eine „Kopfkino geht ...
Vierzig eingesperrte Frauen – und dann auf einmal eine offene Käfigtür… Allein diese Ausgangsidee hat mir schon eine leichte Gänsehaut verpasst. So eine „Muss ich lesen“-Gänsehaut. Eine „Kopfkino geht an“-Gänsehaut.
„Doch halt! Mach mal langsam!“, möchte ich mir im Nachhinein selber zurufen, denn es dauert, bis die Tür aufgeht, die Wärter fliehen und die Frauen ihre ersten Schritte in die Freiheit wagen. Zuerst lernen wir die vierzigste Frau kennen, eigentlich ein junges Mädchen, etwa 15jährig und die Einzige, die sich nicht mehr erinnern kann an das Leben vor dem Käfig. Sie, die nur „die Kleine“ genannt wird, lässt uns in der 1. Person an ihren Beobachtungen und Überlegungen teilhaben. Sie hat einen sehr wachen Geist, was für mich nicht so ganz zu den monotonen Lebensumständen passt. Doch trotz dieser anfänglichen Skepsis habe ich mich mit der Zeit gerne von ihren Reflexionen mitreißen lassen. Diese drehen sich immer wieder um die Frage, was denn das menschliche Leben ausmacht. Gibt es einen Sinn darin? Oder leben wir nur, um zu sterben?
Diese existentiellen Fragen sind zeitlos, und so verwundert es wenig, dass dieses Buch aktuell auf Social Media gehypet wird, obwohl es schon 1995 (auf Französisch, 1998 erstmals auf Deutsch) erschienen ist. Tatsächlich hat Jacqueline Harpman in diesem Roman ein sehr eindrückliches Szenario erschaffen, das bleibende Bilder liefert, sich gleichzeitig aber jeder Erklärung verweigert. Die nicht vorhandene Logik des sogenannten Worldbuildings, bei dem bis zum Ende unklar bleibt, wo sich die Frauen befinden und wieso sie überhaupt da gelandet sind, mag verwirren, ich hingegen mochte seltsamerweise genau das an ihm. Es ist ein Roman, der massenhaft Fragen aufwirft und keine einzige davon beantwortet – und damit meinem eigenen Er-Leben gefühlsmäßig sehr nahe kommt.
Die Handlung indes bleibt trotz der Gänsehaut-Prämisse aufregend unaufgeregt. Es könnte wahnsinnig viel passieren - tut es aber nicht. Auch das mag eine Durchschnitts-Leserschaft irritieren, aber auch hier finde ich bewundernswert, wie geschickt die Autorin diese Erwartung zerlegt und trotz nicht vorhandener Dramatik zum Weiterlesen anregt.
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich abseits gängiger Lesegewohnheiten von zeitlosen philosophischen Fragen herausfordern lassen wollen. Nur den angepriesenen Feminismus konnte ich nirgendwo finden. Aber selbst dieser Mangel ist – ohne die entsprechende Erwartungshaltung - gut zu verkraften.