Ehrlich
Botanik des Wahnsinns„Ich glaube an eine Bedeutung der Krankheit, an eine Symbolik. Manchmal sind Traurigkeit und Energielosigkeit die passende Art, um auf das Leben zu reagieren. Schließlich nutzte mein Vater, der schweigsame ...
„Ich glaube an eine Bedeutung der Krankheit, an eine Symbolik. Manchmal sind Traurigkeit und Energielosigkeit die passende Art, um auf das Leben zu reagieren. Schließlich nutzte mein Vater, der schweigsame Mann, seinen Körper, um zu sprechen. Er sagte: „Ich kann nicht mehr“. Wie viel Verdrängung, wie viel Verdrängtwerden kann ein Mensch aushalten?“
Aus Leons Familie war eigentlich jeder schon in der Psychiatrie. Suchtverhalten gab es immer schon, auch Depressionen und bipolare Störungen. Die Großmutter hat zahlreiche Suizidversuche hinter sich. Wie lebt Leon damit? Er hat Angst früher oder später auch dort zu landen. Das tut er auch, allerdings um dort zu arbeiten. Dort beginnt er sich nicht nur mit seinen Patienten auseinandersetzen, sondern auch mit seiner eigenen Familiengeschichte.
Ehrlich, klug und mit psychologischem Tiefgang wird hier erzählt. Schonungslos und verletzlich schreibt Leon Engler von seiner Familie, die nie so für ihn da sein konnte. Jeder war mit sich beschäftigt, kämpfte mit den eigenen Dämonen. Mal ist die Sprache ganz leicht, mal humorvoll. Das lässt das Thema auf jeden Fall besser aushalten als Leser. Interessant waren auch die Abschnitte zu den psychischen Erkrankungen und der Geschichte dazu. Da hatte der Roman schon fast Sachbuch-Charakter. Dann immer wieder seine persönliche, traurige Geschichte. Engler klagt nicht an, will verstehen, verarbeiten. Ich hoffe sehr es ist ihm gelungen. Mein Herz hat er auf jeden Fall mit diesem Buch.
Ein großartiges Buch darüber sich selbst zu finden, mit belastenden Wurzeln, die sich niemand aussuchen kann. Ja und was ist eigentlich noch normal und was schon nicht mehr? Eine ganz große Empfehlung ❤️.