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Veröffentlicht am 21.09.2025

"Laugh in places you cried"

Furye
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Ein Unfall, der keiner ist, auf einer Küstenstraße. Eine Familie, die in den Tod stürzt. Eine Protagonistin, die sich in ihrer Jugend nach einer der Furien benannt hat: Alec. Die namenlose Erzählerin ist ...

Ein Unfall, der keiner ist, auf einer Küstenstraße. Eine Familie, die in den Tod stürzt. Eine Protagonistin, die sich in ihrer Jugend nach einer der Furien benannt hat: Alec. Die namenlose Erzählerin ist eine erfolgreiche Businessfrau, hat unlängst das Vogue-Cover geziert und lebt ein Leben, das sich viele wünschen. Doch ihr Privatleben ist eher trist. Der Vater ist vor Kurzem gestorben, die Mutter gewöhnt sich erst langsam an die neuen Lebensumstände und wird von der Erzählerin auf Singlereisen geschickt. Sie selbst wünscht sich einen neuen Lebensinhalt, doch ein Anruf macht diese Hoffnung zunichte. So fährt sie, mit ihrem Tagebuch von damals im Gepäck, zurück in die Stadt am Meer, die sie zwanzig Jahre zuvor hinter sich gelassen hat und zurück zu den Erinnerung an ihre Zeit mit Meg und Tess. Sie drei, die sich nach den Furien der griechischen Mythologie benannt haben, und in diesem Sommer doch die tragischen Figuren waren. Als Tochter von Auswanderern hat Alec seit Jahren ein Stipendium an einer Elite-Schule und bewegt sich als Außenseiterin in dieser Welt voller Privilegien und Macht. Doch an ihren Freundinnen sieht sie, dass Geld längst nicht glücklich macht. Meg wird von einer alkoholkranken Mutter vernachlässigt, Tess von einem gewalttätigen Vater tyrannisiert. Währenddessen liegt der Sommer vor den Mädchen, eine Zeit voller Lebensfreude, Partys und der ersten großen Liebe. Es ist der Versuch der erwachsenen Protagonistin, ganz im Sinne des Sprichworts "Laugh in places you cried" die Geschichte umzuschreiben.

"Furye" ist ein sehr eindringlicher Roman. Passend zum Cover liegt der Sommer irgendwie über allem, und gleichzeitig liegen Tiefe und Dunkelheit darunter. Man sollte keine leichte Sommerunterhaltung erwarten, es geht um unerfüllte Wünsche und tiefe menschliche Abgründe, die alle mit diesem einen Sommer in Verbindung stehen. Die Geschichte handelt von Macht und Machtmissbrauch, Vertrauen, Verrat und Verlust. In einem Zeitstrang erleben wir die Protagonistin, die noch erwartungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft schaut, im zweiten Handlungsstrang erleben wir sie zwischen unerfüllten Wünschen und dem Verlangen nach Vergebung und Vergeltung. Die Atmosphäre ist eher düster als sommerlich. Auch wenn die Handlung zwischenzeitlich etwas zäh und langsam wirkte, hat sie mich weitgehend gepackt. Das Buch deutet Dinge geschickt an, die teilweise nie explizit erläutert werden und Raum für die eigene Deutung lassen. Die Unumkehrbarkeit der Ereignisse fühlt sich manchmal regelrecht erdrückend an und hebt dadurch die Bedeutung von Entscheidungen hervor, die schon in jungen Jahren von einem selbst oder von anderen getroffen werden. Dieser Roman verbindet viele große Themen geschickt, ohne sie alle auszudiskutieren. Auch wenn die Geschichte letzten Endes gut im Kontext der Mythologie interpretierbar ist, hätte ich mir dennoch ein wenig mehr Erläuterung gewünscht, wie die Mädchen darauf kamen, sich nach den Furien zu benennen, denn wirklich wütend oder "rasend" ist zunächst nur Meg.

Insgesamt ist "Furye" ein gelungener Roman, der gut zum Sommer passt, auch wenn er kein sommerlicher Unterhaltungsroman ist. Der Roman ist tiefgründig, düster und regt zum Nachdenken an, wobei man etliches selbst deuten und einige Längen in Kauf nehmen muss. Die Vielschichtigkeit und die Mühelosigkeit, mit der zahlreiche gesellschaftliche Themen angesprochen werden, haben mir jedoch gut gefallen, genauso wie der eingängige Schreibstil mit seinen zahlreichen Metaphern.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Ein grandioses Gedankenspiel, das aber nicht an den Vorgänger herankommt

Das Geschenk
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In ihrem neuen Buch widmet sich Gaea Schoeters wieder einem sehr interessanten Gedankenspiel. Im Regierungsviertel Berlins, und später in der ganzen Stadt, tauchen plötzlich Elefanten auf. Wie der überraschte ...

In ihrem neuen Buch widmet sich Gaea Schoeters wieder einem sehr interessanten Gedankenspiel. Im Regierungsviertel Berlins, und später in der ganzen Stadt, tauchen plötzlich Elefanten auf. Wie der überraschte Bundeskanzler Hans Christian Winkler feststellen muss, sind sie ein Geschenk des Präsidenten von Botswana, als Reaktion auf ein neues Gesetz, dass die Einfuhr von Jagdtrophäen einschränkt. Nun sollen die Europäer mal mit Megafauna leben, so wie sie es im Geiste des Artenschutzes von anderen Ländern verlangen.
In relativ knappem Umfang lässt die Autorin eine neue Realität entstehen. Deutschland ist bald auch von fremden Plfanzen überwuchert, die Natur passt sich an. Den Menschen fällt es eher schwerer, es kommt zu Konflikten mit den Tieren. In einer pollitischen Satire nimmt die Autorin die heutige Denk- und Handlungsweise der Politik aufs Korn, zeigt die politischen Spielchen auf, die zwischen verschiedenen Parteien und Ministerien stattfinden, mit teils abstrusen Ideen zum Umgang mit den Elefanten. Auch, wie die ganze Situation den Populisten in die Hände spielt, ist sehr treffend nachgezeichnet, die Parallelen zum Umgang mit Migration und Flucht sind kaum zu übersehen. Viele kluge Gedanken und Ideen werden absolut zielgenau platziert, die Figuren glaubhaft und realistisch ausgearbeitet. Man leidet förmlich mit dem fiktiven Bundeskanzler mit, wie er versucht, mit der Situation umzugehen und die Regierungskoalition zu retten.
Die Autorin schafft eine unterhaltsame Geschichte mit einer guten Prise Humor und Satire, legt aber gleichzeitig, wie schon bei ihrem vorherigen Buch, den Finger in die Wunde. Welche Mitschuld haben die europäischen Staaten an der Situation der afrikanischen Länder? Was verlangen sie von anderen Bevölkerungen für ihr eigenes Verständnis von Umwelt- und Artenschutz? Welche Lebensrealitäten der einheimischen Menschen ignorieren sie dabei? Neben jeder Menge interessanten Wissens über die Elefanten selbst, bietet die Autorin wieder viele kluge Denkanstöße, die einen noch länger beschäftigen. Für mich kommt dieses Buch dennoch nicht ganz an den Vorgänger "Trophäe" heran. Die Autorin zeigt eine beeindruckende Kenntnis der deutschen Politik, ich hätte mir jedoch einen etwas längeren Roman gewünscht und weniger große Zeitsprünge. Die Geschichte hätte noch etwas intensiver und noch stärker an den Tieren und der Bevölkerung sein können. Insgesamt schreibt die Autorin aber auf einem ganz eigenen Level wunderbar kluge Geschichten mit gesellschaftlicher Relevanz.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Zweiter Weltkrieg aus einer norwegischen Perspektive - Berührend und spannend

Wir sehen uns wieder am Meer
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1944, Bodø: Norwegen ist während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen besetzt. Birgit Johansen entschließt sich zu einer Ausbildung als Krankenschwester und geht in den Norden Norwegens um dort zu ...

1944, Bodø: Norwegen ist während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen besetzt. Birgit Johansen entschließt sich zu einer Ausbildung als Krankenschwester und geht in den Norden Norwegens um dort zu helfen. Durch eine Affäre mit ihrem Russischlehrer hat sie eine Faszination für das Land und die Sprache gelernt. Dadurch ist es ihr möglich, unter anderem mit der 16-jährigen ukrainischen Zwangsarbeiterin Nadia zu sprechen und sich für sie einzusetzen. Als kurze Zeit später ein schwer verletzter russischer Kriegsgefangener eingeliefert wird, schließt sich Birgit dem Widerstand an und begibt sich in höchste Gefahr.

Nachdem auch schon der erste Band davon handelte, wie Kriegstraumata sich auch auf nachfolgende Generationen auswirken, haben wir hier im dritten Band auch wieder eine Enkelin, die sich an die Enkelin von Tekla wendet, um die Geschichte ihrer Großmutter zu teilen, die eine der besten Freundinnen Teklas war. Ich habe mich in Anbetracht der Menge an Romanen mit Handlungen im Zweiten Weltkrieg gefragt, welche Geschichten noch erzählt werden können, ohne sich wie eine Wiederholung anzufühlen. Und doch ist es Trude Teige gelungen. Zum einen weiß man über Norwegens Rolle im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig und zum anderen endet die Handlung um Birgit nicht mit der Befreiung Norwegens, sondern reicht tatsächlich bis in den Kalten Krieg hinein. Dabei ist Birgit keine unrealistische Heldin, sondern findet sich zunächst eher unfreiwillig im Widerstand wieder aufgrund ihrer Russischkenntnisse. Durch die eingestreuten Kontakte zu Tekla und Anneliese werden Verknüpfungen zu den vorherigen Bänden geknüpft, aber auch andere Frauenschicksale des Zweiten Weltkriegs dargestellt. Dennoch ist eine Kenntnis der vorherigen Bände nicht zwingend nötig. Neben dem norwegischen Widerstand widmet sich das Buch auch dem Thema der Kollaboration und dem der Zwangsarbeit, wofür Menschen bis nach Norwegen verschleppt wurden, um dort in Fischfabriken zu arbeiten. Das ganze passiert weitgehend einfühlsam und spannend, in einem unaufgeregten Stil wird eine dunkle Zeit der europäischen Geschichte erzählt und die Leiden vieler Menschen nachfühlbar vermittelt, wobei der Handlungsstrang in der Fischfabrik etwas farblos bleibt und einige Figuren weniger überzeugen als andere. Insgesamt ist dieses Buch ein guter Abschluss der Trilogie.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Ein schönes Wohlfühlbuch

Das Licht in den Wellen
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Mit Anfang 20 wandert Inge kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1947, von Föhr, einer friesischen Insel, in die amerikanische Millionenmetropole New York aus. Jetzt, im Alter von 100 Jahren, reist ...

Mit Anfang 20 wandert Inge kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1947, von Föhr, einer friesischen Insel, in die amerikanische Millionenmetropole New York aus. Jetzt, im Alter von 100 Jahren, reist Inge mit ihrer Enkelin Swantje noch einmal von Föhr nach New York und erzählt auf ihrer Reise ihre ereignisreiche Lebensgeschichte.

Dieses Buch ist ein schönes Lesevergnügen für unbeschwerte Lesestunden. Man verfolgt Inge als junge Frau, wie sie die ersten Schritte in New York macht, sich ganz dem amerikanischen Traum entsprechend hocharbeitet und irgendwann ein erfolgreiches Restaurant für die High Society leitet. Natürlich gibt es auch Höhen und Tiefen, aber im Großen und Ganzen ist Inge das Glück zumeist gewogen. Beim Lesen überwiegen die positiven Gefühle: Inge ist eine sympathische Figur, der man den Erfolg gönnt, und die Geschichte ist so geschrieben, dass man immer dranbleibt und wissen möchte, wie es mit Inge weitergeht. Auch auf ein Geheimnis wird hingearbeitet, aufgrund dessen Inge überhaupt erst Föhr verlassen hat - und das am Ende noch aufgelöst wird. Insgesamt handelt es sich bei "Das Licht in den Wellen" um ein gelungenes, abwechslungsreiches Wohlfühlbuch, das in einer Zeit spielt, in der Menschen sich mit Leistung (und dem entsprechenden Glück) Erfolg erarbeiten konnten. Und hier liegt auch einer meiner Kritikpunkte. Inge profitiert schon zu Beginn von Netzwerken, die andere Auswanderer so nicht hatten oder haben: in New York gibt es eine eingeschworene Gemeinde aus Menschen, die bereits früher aus Friesland ausgewandert sind und sich gegenseitig unterstützen. Zufällige Begegnungen erweisen sich als hilfreich auf dem Weg nach oben und bis auf wenige Schicksalsschläge hat Inge eigentlich immer recht viel Glück. Der Schreibstil war weitestgehend flüssig und angenehm, einige Dialoge wirken allerdings dann doch etwas hölzern oder klischeehaft.
Alles in allem war dieses Buch aber ein Lesevergnügen und Wohlfühlbuch, das ich gern gelesen habe mit einer Figur, der ich gern gefolgt bin und mit der ich gut mitfühlen und mitfiebern konnte. Und manchmal tut es einfach gut, an Geschichte zu lesen, in denen die Figuren Erfolg im Leben haben.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Schwieriger Einstieg, dann aber eigentlich eine sehr lesenswerte Geschichte über den Libanon

Frau im Mond
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Lilit el-Shami, Nachkommin libanesischer Einwanderer in dritter Generation in Kanada, ist Dokumentarfilmerin. Nachdem ihr Großvater Maroun jahrelang sie und ihre Zwillingsschwester großgezogen hat, kümmern ...

Lilit el-Shami, Nachkommin libanesischer Einwanderer in dritter Generation in Kanada, ist Dokumentarfilmerin. Nachdem ihr Großvater Maroun jahrelang sie und ihre Zwillingsschwester großgezogen hat, kümmern sich nun die Schwestern um den 100Jährigen. Jetzt baut Maroun deutlich ab, sodass Lilit nur wenig Zeit bleibt, die Familiengeschichte zu ergründen und herauszufinden, warum Maroun am Tag ihrer Geburt in seiner Seniorenresidenz eine Rakete gezündet hat und was die Lebanese Rocket Society damit zu tun hat. Aber insbesondere die Großmutter Anoush, die die Schwestern nie kennengelernt haben, hat mit ihrer armenischen Herkunft und ihrer Zeit in einem Waisenheim die Familie geprägt. Nachdem Lilit einen Hinweis einer Vereinigung Überlebender des Waisenhauses erhält, reist sie kurz entschlossen in den Libanon.

Allein die Zusammenfassung der zentralen Handlung des Buches fällt nicht leicht, denn die Geschichte ist ziemlich komplex und ausschweifend. Gleichzeitig gelingt dem Autor dadurch ein sehr eindrucksvolles Bild eines Landes, das einst im Wettlauf um die Mondlandung mitspielte und durch die Seidenproduktion eine blühende Wirtschaft hatte, doch heute nur noch durch Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen in den Medien ist. Am Ende war es eine fesselnde Geschichte, doch der Weg dahin beim Lesen war steinig. Die Geschichte beginnt sehr zerfranst. Ich tat mich schwer, in die Geschichte hineinzukommen und eine Bezugsfigur zu finden. Die Erzählung schweift immer wieder ab, die Protagonistin selbst trägt einen durch Nebenbemerkungen und einen analytischen Außenblick mit Bezug zu filmischen Stilmitteln immer wieder aus der Geschichte. Auch eignet sich das Buch nicht dazu, in kurzen Lesemomenten mal nur ein paar Seiten zu lesen, man muss immer erst wieder hineinfinden und das brauchte Zeit. Ab der Hälfte, so ziemlich ab dem Moment, in dem Lilit im Libanon ankommt, wird die Geschichte packend, nicht zuletzt durch Bezüge zum Völkermord. Ab diesem Punkt wirkt die Geschichte stringenter, weniger willkürlich und weniger unstrukturiert. Ganz im Stile der arabischen Erzähltradition bekommen wir weiterhin Geschichten in Geschichten, aber die Verbindungen miteinander werden deutlicher und bedeutender. Hinzu kommen viele Bildnisse und Symboliken: die Unterteilung des Buches in die drei Startstufen einer Rakete, die Rückwärtszählung der Kapitel als Countdown, viele Bezüge zum Stummfilm "Frau im Mond". An sich ist das Buch ein Meisterwerk, das sorgfältig und kunstvoll durchdacht und komplex ist und auch das Cover passt perfekt zur Geschichte. Neben einer interessanten Familiengeschichte lernt man viel über viele verschiedene Themen, aber vielleicht war es dadurch auch etwas überladen. Letztlich lohnt es sich, durchzuhalten und über den schwierigen Einstieg hinweg weiterzulesen, dann wird man mit einer reichhaltigen, interessanten und auch fesselnden Familiengeschichte, aber auch der Geschichte eines wenig bekannten Landes belohnt.

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