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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2025

Spannender, brandaktueller Auftakt einer Polit-Thriller-Trilogie

Echokammer
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Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem ...

Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem zwielichtigen Martin Tong, einem in der Vergangenheit anerkannten Anti-Terror-Ermittler, möglichst unauffällig das Schlimmste verhindern.
Parallel dazu arbeitet das Team um Christina Nielsen daran, ihr als Spitzenkandidatin der Arbeiterpartei zum Sieg zu verhelfen. Unterstützt wird sie dabei von Jens Meidell, der ihr als juristischer Berater zur Seite steht.

Der erste Fall für Benjamin und Tong zählt in zwei Parallelsträngen in einer Art Countdown bis zur Wahl herunter. Sehr glaubwürdig werden die Vorgänge hinter den Kulissen im Wahlkampf beschrieben, die politischen Ränkespiele und das Bedienen von Ängsten und Vorurteilen bei potenziellen Wählern.
Beängstigend vorstellbar ist die Bedrohung durch rechtsextreme Terrorgruppen, die soziale Medien sehr effektiv nutzen und bereit sind, durch Giftgasanschläge skrupellos Menschenleben zu opfern.

Der persönliche Hintergrund der Hauptprotagonist:innen spielt zwar eine Rolle, wird der Gesamthandlung aber wohltuend untergeordnet.

Echokammer ist ein gutgeschriebener, beklemmend realistischer Auftakt einer Reihe, die ich sicher weiterverfolgen werde.

Veröffentlicht am 22.05.2025

Gut konstruiert und wendungsreich

Ein ungezähmtes Tier
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Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. ...

Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. Karine und Greg Liegean, Verkäuferin und Polizist. Zwei Familien mit unterschiedlichen Lebensstilen, mit ihren jeweiligen Geheimnissen, die sich anfreunden.

Sophie feiert demnächst ihren vierzigsten Geburtstag und scheint alles zu haben, was als erstrebenswert gilt. Doch wie immer bei Joël Dicker ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Am 2. Juli 2022 findet ein minutiös geplanter, spektakulärer Raubüberfall auf einen Juwelier statt. Dieser Überfall ist der Zeitmesser in dem Roman.

In Zeitsprüngen nähert sich der Autor in teils sehr kurzen Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Auflösung. Mal spielt die Handlung kurz vor dem Raub, mal danach und sie geht sogar um Jahre zurück in die Vergangenheit.
Nach bekanntem Muster hat Joël Dicker einen sehr spannenden, wendungsreichen Roman geschrieben, der sehr angenehm zu lesen ist.

Vielleicht nicht sein bestes Buch, aber trotzdem sehr clever konstruiert. Für mich verdient der Roman damit immer noch eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.05.2025

Der Schein muss gewahrt werden

Bis die Sonne scheint
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1983 steht die Konfirmation des Erzählers Daniel Hormann bevor, außerdem freut er sich auf den anstehenden Schüleraustausch. Doch dann bekommt er zufällig mit, dass seine Eltern kurz vor der Pleite stehen ...

1983 steht die Konfirmation des Erzählers Daniel Hormann bevor, außerdem freut er sich auf den anstehenden Schüleraustausch. Doch dann bekommt er zufällig mit, dass seine Eltern kurz vor der Pleite stehen und seine materiellen Wünsche wohl nicht erfüllbar sind.

Die Atmosphäre der 1980er Jahre in einer Kleinstadt in der BRD wird sehr authentisch anhand vieler kleiner Details vermittelt. Die Musik, Fernsehshows, Autos und Kleidung und natürlich der Wunsch, nach außen den Schein zu wahren. Darin sind Daniels Eltern wahre Meister. Obwohl ihnen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht, ignorieren sie ihre finanzielle Situation hartnäckig. Selbst die Großmütter sollen nicht mitbekommen, wie es wirklich um sie steht. In einem weiten Bogen zurück in die Vergangenheit geht es auch um deren Geschichte, das Kennenlernen der Eltern und schließlich die unaufhaltsame Abwärtsspirale. Fern jeder Realität weigern sich Daniels Eltern aber, sich mit den Gegebenheiten abzufinden.

Anders als die mir bisher bekannten Kriminalromane des Autors handelt es sich hier um eine Familiengeschichte. Trotz der zeitlichen Sprünge lässt sich der autofiktionale Roman sehr gut lesen und weckt Erinnerungen an die 1980er Jahre. Insbesondere, dass um jeden Preis der Schein gewahrt werden musste und Wohlstandssymbole sehr wichtig waren.

„Bis die Sonne scheint“ ist kein Wohlfühlroman, aber eine durchaus realistische Familiengeschichte mit tragischen, aber auch humorvollen Elementen.

Veröffentlicht am 01.05.2025

Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit

Dunkle Momente
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Der Roman „Dunkle Momente“ erzählt die fiktive Geschichte der Strafverteidigerin Eva Herbergen, die nach einer langen Karriere ihre Anwaltszulassung zurückgeben will. Vor etlichen Jahren hat sie aus privaten ...

Der Roman „Dunkle Momente“ erzählt die fiktive Geschichte der Strafverteidigerin Eva Herbergen, die nach einer langen Karriere ihre Anwaltszulassung zurückgeben will. Vor etlichen Jahren hat sie aus privaten Gründen einem vermeintlichen Routinefall nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die vielleicht vonnöten gewesen wäre. Für die katastrophalen Folgen trägt sie zwar keine Verantwortung, trotzdem haben Schuldgefühle ihr weiteres Handeln als Strafverteidigerin bestimmt. Um für ihre Mandant:innen die bestmögliche Lösung herbeizuführen, überschreitet sie dabei die Grenzen einer üblichen Mandatswahrnehmung.

In diese Rahmenhandlung eingebettet sind neun Fälle, die auf Basis real stattgefundener Verbrechen und anschließender Strafverfahren konstruiert wurden. Dabei wird weniger die eigentliche Anklage und das anschließende Verfahren dargestellt, das Hauptaugenmerk wird auf die Vorgeschichte und die Motive gelenkt. Was auf den ersten Blick eindeutig scheint, sieht durch einen Twist in der Handlung plötzlich ganz anders aus.

Der Roman ist in einfacher, klarer Sprache verfasst und lässt sich problemlos auch für juristische Laien lesen. Trotzdem vermittelt die Autorin einen guten Einblick in juristische Fragestellungen, die nicht unbedingt allgemein bekannt sind. Dieses neu erworbene Wissen kann dazu beitragen, Unmut und Unverständnis über die Rechtsprechung vorzubeugen.
Opfer und Täter, Schuld und Unschuld, das sind keine Gegensätze mehr, da gibt es Überschneidungen. Und Recht und Gerechtigkeit sind keinesfalls deckungsgleich.
Das ist durchaus spannend zu lesen, das Buch regt zum Nachdenken und Hinterfragen eigener Positionen an und eignet sich damit besonders als Diskussionsgrundlage mit anderen Lesenden.

Die Rahmenhandlung um Eva Herbergen fand ich weniger gelungen, sie wirkte zu konstruiert auf mich. Die Fälle hätten gut für sich alleine stehen können, das hätte auch die Möglichkeit zu längeren Lesepausen eröffnet. Obwohl mir fast alle zugrundeliegenden Straftaten und Verfahren bereits bekannt waren, ist mir die Aneinanderreihung nach dem fünften Fall zu viel geworden.

Trotz dieser Kritikpunkte würde ich den Roman weiterempfehlen, weil mir die Auswahl und Darstellung der Fälle gefallen hat und sich der Roman gut lesen lässt.

Positiv hervorzuheben ist das gelungene Cover, das man aber erst nach Beendigung des Romans richtig zu würdigen weiß.

Veröffentlicht am 01.05.2025

Leben in einer fiktiven Kleinstadt von 1935 -1945. Konnte mich nicht ganz überzeugen.

Ginsterburg
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Der fiktive Ort Ginsterburg und die dort lebenden Menschen stehen exemplarisch für eine nicht sonderlich bemerkenswerte Kleinstadt während der NS-Zeit. Die Handlung wird in Zeitsprüngen erzählt: 1935, ...

Der fiktive Ort Ginsterburg und die dort lebenden Menschen stehen exemplarisch für eine nicht sonderlich bemerkenswerte Kleinstadt während der NS-Zeit. Die Handlung wird in Zeitsprüngen erzählt: 1935, 1940 und 1945. Im Mittelpunkt stehen die verwitwete Buchhändlerin Merle und ihr Sohn Lothar, der Journalist Eugen und dessen Familie und der Blumengroßhändler Otto Gürckel sowie dessen Zwillingssöhne Bruno und Knut.

Der Roman beschreibt den Alltag in Ginsterburg mit den politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Veränderungen: Während Merle und Eugen dem neuen Gedankengut durchaus kritisch gegenüberstehen, gehört Otto eindeutig zu den Gewinnern. Schnell ist er in der Partei aufgestiegen, profitiert wirtschaftlich im großen Stil und wird schließlich Kreisleiter. Ohne Otto geht in Ginsterburg gar nichts mehr. Seine beiden Söhne tragen früh und voller Inbrunst die braune Uniform, sie terrorisieren ihre Umgebung. Besonders der sensible Lothar hat unter ihnen zu leiden. Doch auch er findet schließlich Gefallen an den Unternehmungen der Hitlerjugend, kann seinen Traum, Pilot zu werden, verwirklichen und wird für herausragende Verdienste ausgezeichnet.

In Ginsterburg scheinen die Menschen lange Zeit relativ unberührt von den politischen Geschehnissen und dem Krieg zu sein. Es wird ausgeblendet, man laviert sich so durch, passt schon auf, wer was hören darf, aber es lehnt sich niemand auf. Wenn man nicht sowieso begeistert von der neuen Zeit ist oder profitiert.
Jüdische Mitbürger sind zwar plötzlich nicht mehr da, aber das scheint kein großes Thema zu sein. Und schließlich treffen die Bomben auch Ginsterburg.

Die Verfolgung Homosexueller, Euthanasie und Vernichtung sogenannten unwerten Lebens, die Verfolgung von Roma und Sinti – all das fließt unterschwellig in den Roman ein.

Nach Beendigung des Romans bin ich zwiegespalten. Einerseits ist es dem Autor wirklich gut gelungen, diese fiktive Kleinstadt mit ihren Bewohner:innen darzustellen. Gerade diejenigen, die keine Nationalsozialisten waren, haben geschwiegen und nicht Stellung bezogen. Deshalb fällt es schwer, hier Sympathieträger zu finden. Mit dem Wissen von heute sind viele der beiläufig und nur kurz gestreiften Szenen unfassbar grausam und erschreckend.
Auf der anderen Seite gibt es die Nationalsozialist:innen, deren Charakterzeichnung mir etwas zu plakativ war. Berechnend, auf den eigenen Vorteil bedacht, kalt und brutal. Das gilt für beide Geschlechter und jedes Alter.
Insgesamt habe ich zu den Charakteren wenig Zugang gefunden. Berührt hat mich eigentlich nur Uta, die über den fast sicheren Tod ihres jüdischen Ehemannes langsam den Verstand verloren hat.
Und ich habe einen Hinweis vermisst, dass zumindest zwei Charaktere nicht ausschließlich fiktiv sind, sondern zumindest ihre Rolle während des Krieges real ist. Dieser Umstand hat mich irritiert.

Eine uneingeschränkte Empfehlung für dieses Buch auszusprechen fällt mir schwer. Das Thema ist hochaktuell und es lassen sich durchaus Parallelen aufzeigen. Der Roman ist auch gut geschrieben und die Zeitsprünge sind gut gewählt. Trotzdem habe ich mir bei den Charakteren mehr Tiefe und Entwicklung erhofft. Und tatsächlich sind mir die Verbrechen der Nationalsozialisten zu leise und unterschwellig in die Handlung eingeflossen. Gut informierte Leser:innen werden die Hinweise verstehen, aber das sollte nicht vorausgesetzt werden.