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Veröffentlicht am 01.11.2022

Das Glück in einer Mokkatasse

Krawall und Kekse
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1953 erstmals erschienen, gibt die Autorin dieses Buch die absurd-komische Betrachtung des Lebens als Ehefrau und Mutter von vier Kindern in einem baufälligen Herrenhaus in Vermont wieder. Ob es sich um ...

1953 erstmals erschienen, gibt die Autorin dieses Buch die absurd-komische Betrachtung des Lebens als Ehefrau und Mutter von vier Kindern in einem baufälligen Herrenhaus in Vermont wieder. Ob es sich um liegenbleibende Autos, Haushaltshilfen, die nicht wiederkommen, oder den selbstvergessenen Ehemann handelt, oder ob es die Kinder sind, die ihr auf der Nase herumtanzen, und die für den Vater erst interessant werden, wenn sie lesen und schreiben können – Shirley Jackson verewigt all ihre turbulenten Abenteuer in diesem unterhaltsamen Buch. Siebzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist es immer noch ein Lesevergnügen.
Bereits am Cover steckt die Protagonistin dieses Romans vollkommen in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter fest; oder besser gesagt im Backofen einer Küche der Fünfziger Jahre. Die Autorin erzählt die Erlebnisse ihres Alltags chronologisch, dennoch bleibt es dabei oft bei der Aneinanderreihung von Episoden. Was allerdings nicht verwundert – erschienen die Geschichten doch zunächst als Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wenn Jackson im Erzählfluss ist – und zu erzählen hat sie wirklich viel – endet dies oft in langen verschachtelten Sätzen. Beherrscht wird die Beschreibung all dieser kleinen Begebenheiten von einer ordentlichen Prise Humor.
Man mag über die Rollenverhältnisse der damaligen Zeit schmunzeln. Genau besehen gibt es allerdings immer noch erstaunlich viele Parallelen zur heutigen Rolle einer arbeitenden Hausfrau und Mutter, die versucht, ihr Multitasking auf die unterschiedlichen Mehrfachrollen zu verteilen und diese unter einen Hut zu bringen.
Diese Lektüre bietet einige unterhaltsame Stunden mit Episoden aus einem abwechslungsreichen Familienleben. In manchen dieser Episoden mag sich der Leser wiederfinden, bei anderen wird er sich fragen, ob solche Situationen sich wirklich zugetragen haben können. Zeitlose Unterhaltung findet man in diesem Buch aber auf jeden Fall.

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Veröffentlicht am 01.11.2022

Segeln auf dem Zwischendeck

Unsterblich sind nur die anderen
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Als auf der Nordatlantikfähre MS Rjúkandi drei Männer verschwinden, machen sich zwei Frauen auf die Suche nach ihren Freunden. Ihre Vermutung, nach ein paar Tagen wieder zu Hause zu sein, bestätigt sich ...

Als auf der Nordatlantikfähre MS Rjúkandi drei Männer verschwinden, machen sich zwei Frauen auf die Suche nach ihren Freunden. Ihre Vermutung, nach ein paar Tagen wieder zu Hause zu sein, bestätigt sich dabei leider nicht. Dafür geschehen einfach zu merkwürdige Dinge auf dem Schiff, dessen seltsame Atmosphäre und eigenartige Crew - mit coolem Kapitän und wandlungsfähiger Barfrau - die Suchenden irritieren. Der Autorin ist hier ein recht beeindruckender Roman über Freundschaft und Liebe, aber auch Leben und Tod gelungen.
Ein düsteres Cover mit der verschwommenen Silhouette eines Schiffs am Horizont; im Vordergrund das dunkle unendliche Meer, das auf seinen Wellen die Buchstaben des Buchtitels wiegt. Ein Buch also, das sein Publikum mit dem ersten Blick einfängt und – auch von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Schon die Einleitung nimmt einen vollkommen ein und diese Eingenommen-Sein setzt sich in der gesamten Handlung fort. Vor allem ist auch die bildhafte Sprache sehr beeindruckend, selbst wenn Sätze ab und zu unvollendet bleiben. Die Geschichte wird von verschiedenen Seiten her betrachtet: der Kern des Buchs behandelt die Suche der beiden Frauen nach ihren drei Freunden. Daneben tauchen immer wieder kurze Einträge des Kapitäns ins Logbuch auf. Zusätzlich erinnern Szenen mit Regieanweisungen an ein antikes Theater und runden die Handlung damit ab.
Als Leser darf man sich über manches in diesem Buch wundern, über anderes freuen und schließlich immer wieder dankbar sein, dass man die Geschichte nur von außen betrachtet. Aber wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben, dass wir alle eigentlich mitten in diesem Geschehen drinstecken. In unser aller Leben geht es um die Kraft und den Willen zu entscheiden, um die Erlaubnis zu vergessen, um die Wahl zwischen Pflichtbewusstsein und sich anderen ausliefern. Und es geht auch um ein bequemes Leben auf Kosten anderer, um Themen wie Flucht und Rettung, die nicht nur in unserer Zeit aktuell sind.
Das ungewöhnliche, vor allem aber sehr intensive Buch, verdient daher eine absolute Leseempfehlung für alle, die sich auf eine außergewöhnliche Reise begeben wollen. Eine Reise, deren Ende im Ungewissen liegt.

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Veröffentlicht am 17.10.2022

Der Preis der Freiheit

Die Entführung
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Da der Pharmaunternehmer Ernest Whitfield seine Tochter Sandra ständig überwacht und sie von Leibwächtern beschützen lässt, entschließt sich Sandra eines Tages, zusammen mit ihrem heimlichen Geliebten ...

Da der Pharmaunternehmer Ernest Whitfield seine Tochter Sandra ständig überwacht und sie von Leibwächtern beschützen lässt, entschließt sich Sandra eines Tages, zusammen mit ihrem heimlichen Geliebten Carlos Bardon, ihre eigene Entführung vorzutäuschen. Leider werden nach einigen Tagen ganz in der Nähe von Sandras Versteck zufällig zwei Mitarbeiter ihres Vaters ermordet und Sandra wird tatsächlich entführt. Sowohl für die von Whitfield beauftragten Privatdetektive Karneth & Hobes als auch für Chief Inspector Henry Taylor beginnt daher ein Wettlauf gegen die Zeit.
Das Gelände eines Industriehafens, eine Spritze und einige Blutstropfen auf dem Cover; mehr braucht es nicht, um auf den Krimi einzustimmen. Das Buch ist in kurze Kapitel unterteilt, die jeweils präzise mit Ort und Datum betitelt sind. Durch die häufigen Schauplatzwechsel ist der Leser über fast alle Geschehnisse des Krimis informiert. Die Dialoge sind lebhaft, die Beschreibungen detailliert und auch die handelnden Personen sind genau charakterisiert.
Die Geschichte ist spannend aufgebaut, und auch wenn manches vorhersehbar scheint, sind die Verdächtigen nicht sofort feststellbar. Den Ermittlungsarbeiten der Polizei, aber auch der Privatdetektive, wird viel Platz eingeräumt. An manchen Stellen weiß der Leser wirklich über fast jeden einzelnen Schritt der Handelnden Bescheid. Dennoch bleibt das Buch abwechslungsreich und spannend. Nicht nur die Arbeit der Ermittler, auch deren Privatleben wird realistisch dargestellt. Am meisten lernt man hier über die Familie und auch das Verhalten des Chief Inspectors. Selbst wenn einige Stellen klischeehaft erscheinen – einige Stunden unterhaltsamen Nervenkitzel bietet dieses Buch auf jeden Fall.

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Veröffentlicht am 17.10.2022

Die Wirklichkeit, die niemals eingetroffen ist

Verbrenn all meine Briefe
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Autor Alex fragt sich, woher seine Wut kommt, warum seine drei Kinder Angst vor ihm haben. Er beginnt nachzuforschen und entdeckt eine Linie dieser Wut in der Geschichte seiner Familie. Und er stößt in ...

Autor Alex fragt sich, woher seine Wut kommt, warum seine drei Kinder Angst vor ihm haben. Er beginnt nachzuforschen und entdeckt eine Linie dieser Wut in der Geschichte seiner Familie. Und er stößt in der Vergangenheit auf die unglückliche Liebesgeschichte von Karin, die mit dem berühmten Schriftsteller Sven verheiratet ist, sich aber eines Tages in Olof verliebt.
Das Cover ist beherrscht vom Buchtitel und dem Namen des Autors, das untere Viertel zeigt das Schwarz-Weiß-Foto eines Paares auf einer Wiese liegend. Der Roman wird auf drei Zeitebenen erzählt: als Ich-Erzähler begibt sich Alex in der Gegenwart auf Spurensuche und blickt außerdem auf seine Kindheit zurück; im dritten Erzählstrang erfährt man die Geschehnisse aus Karins Leben.
Der Ich-Erzähler nähert sich der Lösung des Familiengeheimnisses sehr behutsam, denn er weiß, dass es sich schon immer auch direkt seinen eigenen Charakter ausgewirkt hat. Der Autor erfüllt dabei die gesamte Geschichte mit einer derartigen Lebendigkeit, dass die Gefühle und Begebenheiten direkt für den Leser spürbar werden. Die Sprache ist den Situationen angepasst, in den gefundenen Briefen sehr bildhaft und in allen Kapiteln durchgehende sehr berührend. Man spürt die Charaktere förmlich, verfolgt gespannt ihrem Erlebten; genauso trifft einen auch die Ausweglosigkeit der Protagonisten, ihr Schweigen und ihr Eingesperrt-Sein in ihre Handlungen, ihre Versuche, mit Situationen und Ängsten klarzukommen. In allem schwingt zwar eine drückende Grundstimmung mit, dennoch hinterlässt der Roman keine Schwere, denn der Protagonist ist seinem Problem auf den Grund gegangen und vermittelt so auch Hoffnung – für alle Beteiligten.
Dieser Roman ist absolut lesenswert; er ist intensiv, er berührt und macht betroffen. Ein Glück, dass es Autoren gibt, die diese Intensität in Worte fassen können, und Übersetzer, die diese Intensität auch in andere Sprachen zu übertragen imstande sind.

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Veröffentlicht am 08.10.2022

Zum Sparverein mit Zwischengas

Kalamitäten im Sparverein
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Der beschauliche Ort Gramakirchen hat alle, was eine Dorfgemeinschaft braucht: Wirtshaus, Kirchenchor, Tennisclub und einen Sparverein. Mit der Ruhe ist es allerdings zu Ende, als der eingeheiratete Schwiegersohn ...

Der beschauliche Ort Gramakirchen hat alle, was eine Dorfgemeinschaft braucht: Wirtshaus, Kirchenchor, Tennisclub und einen Sparverein. Mit der Ruhe ist es allerdings zu Ende, als der eingeheiratete Schwiegersohn des verstorbenen Altbürgermeisters Kassier des Sparvereins wird; und plötzlich sogar mit der Sparvereinskasse und dem alten Tanklöschfahrzeug der freiwilligen Feuerwehr verschwindet ...
Kleine, nummerierte Fächer mit Schlitzen für den Geldeinwurf des Sparvereins greifen auf dem Cover bereits das Thema dieser amüsanten Geschichte auf. Der Sprachstil ist locker und die Dialoge sehr lebensnah. Auch die Charaktere der wichtigsten Persönlichkeiten des Ortes sind recht detailreich beschrieben. Etwas überspitzt zwar; aber jeder der solche Dorfgemeinschaften kennt, wird sicher den ein oder anderen Chorleiter, Feuerwehrler, Bau- oder Bürgermeister darin wiederfinden. Dem Autor gelingt mit dieser Geschichte ein humorvoller Querschnitt derartiger Persönlichkeiten.
Die Geschichte ist sicher weniger als Krimi zu sehen, sondern vielmehr eine teils vorhersehbare Gaunerei mit humorvollen Einblicken. Das Buch gipfelt in einem Roadtrip, der in überschaubarem Tempo vor sich geht, dem es aber dennoch nicht an Spannung fehlt. Und das überschaubare Tempo sollte man durchaus auch beim Lesen anwenden. Ansonsten könnte man die wunderbaren kleinen Anspielungen und Spitzen versäumen, die das Buch zu einer runden Geschichte machen. Alles in allem bescheren diese Kalamitäten eine schöne Ablenkung vom Alltag und ereignisreiche Lesestunden.

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