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Veröffentlicht am 22.02.2026

charmanter Wohlfühlroman

Mathilde und Marie
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„Mathilde und Marie“ ist ein warmherziger, leiser Roman, der mich mit seinem Setting und seiner Atmosphäre sofort für sich eingenommen hat – auch wenn er für mich nicht ganz so perfekt war, wie viele andere ...

„Mathilde und Marie“ ist ein warmherziger, leiser Roman, der mich mit seinem Setting und seiner Atmosphäre sofort für sich eingenommen hat – auch wenn er für mich nicht ganz so perfekt war, wie viele andere Stimmen es beschreiben.

Die Geschichte spielt in Redu, diesem kleinen Bücherdorf in den belgischen Ardennen, in dem die Uhren gefühlt langsamer ticken. Umgeben von Wäldern, Flüssen und Hügeln scheint die Zeit hier kein Feind, sondern ein alter Bekannter zu sein. Es gibt nur einen Fernseher im Ort, das Internet ist streng limitiert, und selbst der schiefe Kirchturm mit seiner unzuverlässigen Uhr wird eher mit einem Achselzucken als mit Sorge betrachtet. Dieses leicht aus der Welt gefallene Dorf hat einen ganz eigenen Zauber – entschleunigt, eigenwillig und voller kleiner Schrullen.

Als die junge Französin Marie ins Dorf kommt, bringt sie frischen Wind mit. Mit ihr zieht nicht nur der Frühling ein, sondern auch Bewegung in die festgefahrenen Strukturen. Besonders Mathilde, die eher mürrisch und zurückgezogen durchs Leben geht, kann sich dieser Veränderung nicht entziehen. Die Annäherung zwischen den beiden ist zart erzählt, voller leiser Momente und kleiner Gesten.

Vom Flair her hat mich das Buch stellenweise sehr an Der Buchspazierer von Carsten Henn erinnert: Diese Liebe zu Büchern, dieses Gefühl von Gemeinschaft, diese sanfte Melancholie, gepaart mit Hoffnung und Menschlichkeit. Auch hier stehen zwischenmenschliche Begegnungen im Mittelpunkt, die zeigen, wie sehr wir einander brauchen – selbst (oder gerade) in den ruhigsten Winkeln der Welt.

Warum „nur“ vier Sterne? So sehr ich die Atmosphäre genossen habe, so sehr blieb für mich manches ein wenig vorhersehbar. Die Entwicklung war süß und stimmig, aber selten überraschend. Ich habe mich wohlgefühlt beim Lesen – aber ich wurde emotional nicht ganz so tief getroffen, wie ich es mir erhofft hatte.

Trotzdem ist „Mathilde und Marie“ ein charmanter Wohlfühlroman über Neuanfänge, über das Auftauen alter Herzen und darüber, dass es manchmal nur eine Person braucht, um ein ganzes Dorf – oder zumindest einen einzelnen Menschen – wieder zum Blühen zu bringen. Süß, warm und absolut lesenswert.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

durchwachsen

Villa Rivolta
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Villa Rivolta von Daniel Speck ist ein atmosphärisch dichter, ambitionierter Roman – aber für mich leider mit Licht und Schatten.

Im Mittelpunkt stehen zwei Kinder, die unterschiedlicher kaum sein könnten: ...

Villa Rivolta von Daniel Speck ist ein atmosphärisch dichter, ambitionierter Roman – aber für mich leider mit Licht und Schatten.

Im Mittelpunkt stehen zwei Kinder, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Piero, der charismatische Sohn eines wohlhabenden Mailänder Automobilunternehmers, und Valeria, die hochbegabte Tochter der Hausangestellten. Zwischen ihnen entsteht im Garten der Villa eine tiefe Verbindung, fast wie ein Versprechen fürs Leben. Ihre Familien sind durch ein lange zurückliegendes Geheimnis miteinander verwoben, und so wachsen sie in den schillernden Jahren des italienischen Aufbruchs auf – zwischen wirtschaftlichem Boom, gesellschaftlicher Veränderung und der Sehnsucht nach einem neuen, freien Leben.

Als Erwachsene trennen sich ihre Wege zunehmend. Piero steht unter dem Druck, das Unternehmen seines Vaters weiterzuführen, während Valeria ihren eigenen Weg sucht – geprägt von ihrer großen Liebe zu Büchern, zu Geschichten, zu Gedankenwelten. Gerade das mochte ich sehr an ihr: Diese Leidenschaft für Literatur, dieses Brennen für Worte, hat sie für mich zur interessantesten Figur des Romans gemacht.

Doch genau hier beginnt auch mein Problem mit der Geschichte. Piero und Valeria werden immer wieder als Seelenverwandte inszeniert – zwei Menschen, die einander zutiefst verstehen. Umso weniger konnte ich nachvollziehen, warum ihre Beziehung letztlich nicht die Entwicklung nimmt, die man erwartet. Valeria verliebt sich in Flavio, den sizilianischen Arbeitersohn, und entscheidet sich gegen Piero. Diese Entscheidung blieb für mich emotional nicht ganz greifbar. Ich habe nicht wirklich verstanden, warum sie sich so klar von ihm abwendet, obwohl die Verbindung zwischen ihr und Piero so stark aufgebaut wird.

Zudem empfand ich den Roman stellenweise als recht langatmig. Die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe sind sorgfältig recherchiert und atmosphärisch geschildert, aber manchmal verliert sich die Handlung in Details, wodurch die emotionale Dynamik ins Stocken gerät. Gerade in der zweiten Hälfte hätte ich mir mehr Fokus und weniger Ausführlichkeit gewünscht.

Trotzdem hat „Villa Rivolta“ starke Momente: die Darstellung des alten Mailands, die Kontraste zwischen Arm und Reich, die Frage nach Herkunft, Pflicht und persönlicher Freiheit. Die Themen Leidenschaft, Verlust und lebenslange Verbundenheit tragen die Geschichte, auch wenn sie mich nicht durchgehend überzeugen konnte.

Insgesamt ein solider Roman mit schöner Grundidee und literarischem Anspruch – aber mit Figurenentscheidungen, die ich nicht immer nachvollziehen konnte, und Längen, die meinen Lesefluss gebremst haben. Drei Sterne.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

irre und liebenswert

Die Enthusiasten
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Die Enthusiasten ist ein großartiges, völlig verrücktes und dabei unglaublich liebenswertes Buch. Eines von denen, bei denen man als Leser:in irgendwann merkt: Entweder man lässt sich darauf ein – oder ...

Die Enthusiasten ist ein großartiges, völlig verrücktes und dabei unglaublich liebenswertes Buch. Eines von denen, bei denen man als Leser:in irgendwann merkt: Entweder man lässt sich darauf ein – oder man scheitert. Ich habe mich sehr gern darauf eingelassen.

Im Zentrum steht eine höchst ungewöhnliche Familie, in der Sprache, Geschichten und Bücher nicht einfach wichtig sind, sondern alles bedeuten. In diesem Haushalt hängen Bücherkonstruktionen von der Decke, Geschichten werden nicht nur erzählt, sondern gelebt, und Regeln der Realität gelten höchstens eingeschränkt. Drei Geschwister verbindet eine enge, fast symbiotische Beziehung, die von einem schmerzhaften Verlust überschattet wird – ein emotionaler Kern, der dem ganzen erzählerischen Wahnsinn Halt gibt.

Der Roman springt mit Begeisterung zwischen Figuren und Ideen: Ein fanatischer Laurence-Sterne-Leser begibt sich auf die absurde Suche nach einem angeblich verschollenen Band von Tristram Shandy, eine Teilchenphysikerin lauscht tief unter der Erde auf die leisesten Spuren Dunkler Materie, ein Filmbegeisterter tüftelt an radikalen Experimentalfilmen. Dazu kommen eine geheimnisvolle Thailänderin, eine verschwundene, buchverliebte Mutter und ein Vater, der ausschließlich auf Fragen antwortet, die noch nie gestellt wurden. Klingt wild? Ist es auch.

Und genau das ist die große Stärke dieses Romans: Markus Orths feiert Sprache, Erzählen und menschliche Obsessionen mit einem spürbaren Enthusiasmus. Die vielen Sprachspiele, gedanklichen Schleifen und erzählerischen Experimente machen ungeheuren Spaß. Man merkt auf jeder Seite, wie sehr hier jemand Sprache liebt – und das steckt an. Wäre Markus Orths mein erklärter Lieblingsautor, ich hätte vermutlich genauso fanatisch, verspielt und kompromisslos gehandelt wie seine Figuren.

Gleichzeitig ist Die Enthusiasten kein leichtes Buch. Es fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf Chaos einzulassen. Nicht jede Idee zündet sofort, nicht jede Abschweifung fühlt sich notwendig an. Aber selbst dann bleibt das Gefühl: Hier passiert etwas Besonderes.

Unterm Strich ist Die Enthusiasten ein Roman für Menschen, die Bücher lieben, Sprache feiern und Freude daran haben, wenn Literatur ihre eigenen Grenzen infrage stellt. Großartig, mutig, ein bisschen irre – und genau deshalb so lesenswert.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Männer sind nicht überzeugend

Les Bouttiers – Wir sind jetzt
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Les Bouttiers von Antonia Wesseling hat mich mit seiner Grundidee sofort abgeholt: Paris, Mode, Familiengeheimnisse und eine Heldin, die mit alten Träumen und neuen Herausforderungen konfrontiert wird. ...

Les Bouttiers von Antonia Wesseling hat mich mit seiner Grundidee sofort abgeholt: Paris, Mode, Familiengeheimnisse und eine Heldin, die mit alten Träumen und neuen Herausforderungen konfrontiert wird. Elodie kehrt nach Jahren in die Stadt zurück, die sie nach dem tragischen Tod ihrer Mutter verlassen hat. Ihr Wunsch, Designerin zu werden, schien lange begraben – bis ihr Großvater die Familie zusammenruft, um das traditionsreiche Modehaus Bouttier vor dem Untergang zu bewahren. Zwischen glitzernden Laufstegen, Machtspielen und Intrigen wird schnell klar, dass Paris für Elodie nicht nur beruflich, sondern auch emotional zur Zerreißprobe wird.

Besonders spannend fand ich das Setting und die Atmosphäre in Frankreich, was einfach nur nach Mode schreit. Die Umsetzung hat mich allerdings nicht durchgehend überzeugt. Die Beziehung zu Adam blieb für mich leider zu stark auf das Körperliche reduziert – mir fehlte hier die emotionale Tiefe und echte Chemie, die über Anziehung hinausgeht. Umso irritierender fand ich die angedeutete Anziehung zu Gabriel, Elodies Cousin, was bei mir eher Fragezeichen als Herzklopfen ausgelöst hat.

Trotz dieser Kritikpunkte hat mich das Buch gut unterhalten. Die Mischung aus Modewelt, Familiendrama und verbotenen Gefühlen funktioniert größtenteils, auch wenn nicht jede romantische Entscheidung für mich nachvollziehbar war. Insgesamt ein lesenswerter Roman mit viel Glamour und Drama, der mich neugierig gemacht hat – auch wenn noch Luft nach oben bleibt.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Wieder so toll wie "Klapper"

Salto
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Mit Salto hat Kurt Prödel für mich wieder einen Volltreffer gelandet. Schon Klapper war damals eines meiner absoluten Jahreshighlights – ein Buch, das mich emotional komplett abgeholt hat. Und ich hätte ...

Mit Salto hat Kurt Prödel für mich wieder einen Volltreffer gelandet. Schon Klapper war damals eines meiner absoluten Jahreshighlights – ein Buch, das mich emotional komplett abgeholt hat. Und ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass mich ein weiterer Roman von ihm noch einmal genauso erwischen könnte. Aber genau das ist passiert.

„Salto“ ist wieder ein Coming-of-Age-Roman, der sich nicht in schönen Momenten verliert, sondern das Erwachsenwerden so zeigt, wie es ist: kompliziert, schmerzhaft, ungerecht – und trotzdem voller Hoffnung. Die Schule ist vorbei, Marko hat das beste Abi seines Jahrgangs – und trotzdem reicht es nicht für seinen Traum vom Medizinstudium. Allein das ist schon so bitter und so realistisch. Wie oft denkt man, Leistung müsse automatisch zum Ziel führen? Und dann kommt das Leben dazwischen.

Auch seine Beziehung zu Claire zerbricht. Während sie nur noch raus will aus der Enge der Kleinstadt, hinein ins große, echte Leben, bleibt Marko zurück – gefangen zwischen Zukunftsangst, Social-Media-Ablenkung und dem grauen Alltag im Wohnblock. Diese Orientierungslosigkeit nach der Schule ist so treffend beschrieben, dass es fast weh tut. Die Wege trennen sich, obwohl man sich doch eigentlich gemeinsam alles ausgemalt hat.

Ein Hoffnungsschimmer scheint sich aufzutun, als sein Vater ihm ein Medizinstudium in Ungarn ermöglicht – finanziert von allem, was die Familie hat. Dieser Gedanke, dass Eltern wirklich alles geben, damit ihr Kind eine Chance bekommt, hat mich unglaublich berührt. Doch statt eines gemeinsamen Aufbruchs rennen Marko und Claire immer weiter auseinander. Und je weiter sie sich entfernen, desto mehr geraten die Dinge außer Kontrolle – bis plötzlich alles auseinanderfliegt und nichts mehr ist wie zuvor.

Besonders stark fand ich, wie ehrlich Prödel Themen wie erste Liebe, Diabetes und finanzielle Sorgen miteinander verwebt. Der Körper spielt nicht mit, die Gefühle spielen verrückt, das Geld ist knapp – und trotzdem muss man funktionieren. Oder eben lernen, dass man nicht immer funktionieren kann. Diese körperliche Dimension, dieses „Rebellieren“ gegen die eigenen Pläne, macht den Roman so intensiv. Nichts ist einfach, wenn man erwachsen wird. Träume haben ihren Preis. Und manchmal spielt das Leben einem einen gesundheitlichen Streich, der alles infrage stellt.

Was „Salto“ für mich so besonders macht, ist diese radikale Ehrlichkeit. Nichts wird beschönigt, nichts wird künstlich dramatisiert. Es fühlt sich echt an. Zerbrechlich. Nah. Und gerade deshalb so kraftvoll.

Für mich steht fest: Nach „Klapper“ ist auch „Salto“ ein absolutes Highlight. Eine große, ehrliche Liebesgeschichte – aber auch ein Roman darüber, wie man weitermacht, wenn die eigenen Pläne in der Luft zerplatzen. Fünf Sterne. Ohne Zweifel.

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