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Veröffentlicht am 15.07.2026

Zwischen Verlust und Neubeginn

Mirabellentage
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MEINE MEINUNG
Martina Bogdahns neuer Roman „Mirabellentage“ entführt uns erneut in das fiktive bayrische Dorf Blumfeld, in dem bereits ihr Debüt „Mühlensommer“ spielte, und lässt uns wieder in ein ebenso ...

MEINE MEINUNG
Martina Bogdahns neuer Roman „Mirabellentage“ entführt uns erneut in das fiktive bayrische Dorf Blumfeld, in dem bereits ihr Debüt „Mühlensommer“ spielte, und lässt uns wieder in ein ebenso lebendiges wie berührendes Panorama des ländlichen Lebens eintauchen.
Obwohl sich die deutsche Fotografin und Autorin Bogdahn thematisch und atmosphärisch treu bleibt, entfaltet sich eine deutlich stillere, melancholischere Geschichte, in der sie mit viel Feingefühl über Abschied, Erinnerung, Zusammenhalt und Suche nach dem, was im Leben wirklich wichtig ist, erzählt.
Angelegt ist der Roman ist in der Gegenwart des Jahres 2010.
Bogdahns Erzählstil ist leicht, lebendig und von großer Wärme geprägt. Mit spürbarer Nähe zur eigenen Herkunft schildert sie das Leben im ländlich geprägten Blumfeld ebenso anschaulich wie authentisch. Mit großem Einfühlungsvermögen, sicherem Sinn für Stimmungen und einem liebevoll-ironischen Blick gelingen ihr nicht nur heitere, teils wunderbar komische Episoden und stimmungsvolle Naturbeschreibungen sondern auch fein beobachtete Momente voller Nachdenklichkeit und stiller Wahrhaftigkeit.
Im Mittelpunkt steht diesmal die 54jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Anna Nass, die langjährige Haushälterin und Gefährtin des verstorbenen Blumenfelder Dorfpfarrers Josef. Durch seinen plötzlichen Tod verliert Annas klar strukturierter Lebensalltag und vertrauten Gewohnheiten jede Ordnung. Zudem gerät Annas kleine Welt beträchtlich ins Wanken, als noch vor Josefs Beerdigung der junge, neubestellte Nachfolger Fridtjof ins Pfarrhaus einzieht. Der junge Nordfriese mit seinem für Bayern schwer verständlichen Plattdeutsch tut sich schwer mit seiner neuen Aufgabe und braucht Annas Hilfe, so dass sich zwischen den beiden allmählich trotz aller Befremdlichkeiten eine zarte, vertrauensvolle Bindung entwickelt.
Rückblenden eröffnen nach und nach aufschlussreiche Einblicke in Annas Kindheit, ihr Alltagsleben und die prägende Zeit auf dem Land sowie Erinnerungen an frühere Dorffeste und schöne Momente. Diese feine Verflechtung von Vergangenem und Gegenwärtigem macht den Roman besonders facettenreich und lässt Annas Lebensweg eindrucksvoll nachvollziehen. So begleiten wir Anna bei ihrer inneren Reise, bei der sie über die Vergänglichkeit, das eigene Altern, alte Freundschaften und verpasste Chancen nachdenkt.
Anschaulich widmet sich die Autorin Annas verspätet ersetzender Selbstreflexion und ihrem allmählich einsetzenden inneren Befreiungsprozesses. Erst mit Mitte fünfzig beginnt sie über sich selbst und ihr von harter Arbeit, Bescheidenheit und Verzicht geprägtes Leben nachzudenken und ihre tradierten Rollen, Verpflichtungen und Loyalitäten zu hinterfragen. Mag ihr Lebensweg zunächst eher unspektakulär wirken, so gelingt es Bogdahn doch, ein glaubwürdiges Bild einer mitfühlenden Frau und leisen Heldin zu zeichnen, die Beständigkeit, Rücksichtnahme und alte Werte schätzt und deren aufopferndes Leben, ihr Sinn und Halt gibt.
Neben der liebevoll und facettenreich gezeichneten Hauptfigur mit all ihren Eigenheiten, Stärken und Schwächen begegnet man einer Reihe origineller Dorfbewohner, aber leider auch etwas klischeehaft inszenierter Nebenfiguren, die dem Roman Farbe und Lebendigkeit verleihen sollen.
Mit eindrucksvoller Detailfülle und mit feinem Humor arbeitet Bogdahn in vielen kleinen Episoden und Anekdoten ein atmosphärisch dichtes und nostalgisch angehauchtes Panorama von den charmanten Besonderheiten des Landlebens und eines stark katholisch geprägten Mikrokosmos heraus. Die Autorin versteht es zudem, mit leiser Ironie und einer Prise gelungener Situationskomik, für Unterhaltung und nette Schmunzelmomente zu sorgen.
Allerdings bleibt die ruhige, etwas seicht dahinplätschernde Geschichte leider deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. So Bogdahn beschwört eine heile Welt voller Idylle und Gutherzigkeit sowie die behagliche Geborgenheit in einer starken Gemeinschaft herauf, ohne deren Schattenseiten mit starren Konventionen, der Enge und Ausgrenzung von Abweichlern auszuleuchten. Bisweilen hätte ich mir doch einige Überraschungen oder emotionale Zuspitzungen für mehr Spannungsmomente gewünscht.

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Veröffentlicht am 23.06.2026

Fermentieren leicht gemacht

Fermentieren – Twist your Taste!
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MEINE MEINUNG
Das neue Sachbuch „Fermentieren – Twist your Taste!“ von Nadine Schünemann, erschienen im EMF Verlag, ist ein ebenso inspirierender wie fundierter Leitfaden für alle, die die faszinierende ...

MEINE MEINUNG
Das neue Sachbuch „Fermentieren – Twist your Taste!“ von Nadine Schünemann, erschienen im EMF Verlag, ist ein ebenso inspirierender wie fundierter Leitfaden für alle, die die faszinierende Welt der Fermentation kennenlernen oder vertiefen möchten.
Mit großer Leidenschaft und beeindruckender Sachkenntnis belebt die Autorin die einst als veraltet geltende Vorratstechnik wieder und bereitet ihr mit modernen kulinarischen Trends und nachhaltigem Bewusstsein ein cooles Comeback.
Von leckeren Frühstücksideen, Snacks aus knackigem Gemüse, innovativen Hauptgerichten, fruchtigen Drinks bis hin zu cremigen Bowls - Nadine, die Gründerin der beliebten Marke „Lieblingsglas“, zeigt uns, wie aus modernen Ferment-Basics unendlich viele gesunde Rezept-Variationen gezaubert werden können, die die volle Vielfalt der Fermentation und ganz neue, überraschende Aromen direkt auf den Teller bringen.
Diese Rezeptvielfalt zeigt eindrucksvoll, wie Fermente als Aromabooster funktionieren: Sie bringen Säure, Umami und Textur ins Spiel und ermöglichen es, aus wenigen einfachen Komponenten komplexe Geschmackserlebnisse zu zaubern.
Dieses Buch ist somit weit mehr als ein reines Kochbuch mit Rezepten zum Fermentieren, sondern soll uns eine Grundlage für jede Menge Experimentierfreude und einfache, kreative Anregungen für die Alltagsküche bieten. Gut gefallen haben mir die klare, übersichtliche Gliederung und die inspirierenden Erläuterungen, sodass man das Werk sowohl als Nachschlagewerk wie auch als Experimentierhandbuch nutzen kann.
Gegliedert ist es in drei Hauptabschnitte.
Im ausführlichen Grundlagen-Teil wird uns zunächst alles relevante Wissen rund um das Fermentieren und den Fermentationsprozess verständlich erklärt.
Der zweite, informative Basisfermente-Teil zeigt dann, wie man die verschiedensten Fermente herstellt und im Alltag als einigartige Würzmittel verwenden kann. Hier finden wir die Rezepte für 30 Basisfermente untergliedert in Getreide & Hülsenfrüchte, Gemüse & Obst, Basics & Dips sowie verschiedene Drinks. Passend dazu gibt es für die einzelnen Fermente unter der Rubrik „Mix & Match“-Ideen konkrete Vorschläge für deren vielfältige Einsatzmöglichkeiten mit Verweisen auf den dritten Rezeptteil. Der Kreativität sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt. So lässt sich beispielsweise aus einem Glas fermentiertem Gemüse ein Dressing, ein Aufstrich, ein Topping oder sogar ein köstliches Hauptgericht zaubern. Äuerst spannend ist auch zu erfahren, was die einzigartigen Fermente in unserem Körper so alles bewirken und unsere Gesundheit unterstützen können.
Im letzten Mix-&-Match-Teil, in dem 60 originelle Fermentations-Rezepte für jeden Tag als Inspirationsquelle vorgestellt werden, erfahren wir schließlich wie wir die verschiedensten Fermente-Basics vielseitig einsetzen und kombinieren können. Hier sind der Kreativität wirklich keine Grenzen gesetzt!
Im Einführungsteil führt uns die Autorin zunächst in die Grundlagen der Fermentation ein und erklärt anschaulich, wie Mikroorganismen – Bakterien, Hefen und Pilze – natürliche Prozesse der Haltbarmachung und Geschmacksentwicklung steuern. Neben fundiertem Hintergrundwissen enthält der Theorieteil viele praxisorientierte Hinweise: zur Auswahl von Zubehör, zu Hygieneregeln, Haltbarkeit und Gärgefäßen. Zudem werden Themen wie Arten der Fermentation und Bedingungen oder auch Darmgesundheit und Mikrobiom ausführlich und verständlich vermittelt.
Dabei gelingt es ihr, viele wissenswerte Fakten mit praktischen Tipps und kulinarischem Enthusiasmus zu verbinden. Sehr gelungen sind auch Hinweise aus der Community und den Dos und Don’ts, die bei typischen Problemen weiterhelfen können und als erste Orientierungshilfe dienen .
Besonders aufschlussreich sind ebenfalls die Abschnitte zu Fermente als Würztechnik und Gewürze in Fermenten.
Die Rezepte sind insgesamt klar gegliedert und durchgehend praxisgerecht konzipiert, sodass der Einstieg leicht fällt. Nach einer kurzen Einleitung finden sich präzise Angaben zu den verschiedenen Zutaten, klare Schritt-für-Schritt Anleitungen für die Zubereitung, Hinweise zu Fermentationszeiten bzw. Gär-und Ruhezeiten sowie zur Lagerung. Die Basisrezepte sind für 2–4 Personen ausgelegt und können je nach Bedarf skaliert werden. Tipps zur Verwendung unterstreichen zudem, dass man fehlende Basisfermente problemlos durch andere Zutaten ersetzen kann und dass Geschmack sowie Fermentationszeiten je nach Saison, Temperatur und anderen Faktoren variieren können.
Besonders lobenswert ist die einfache, alltagstaugliche Darstellung vieler Rezepte, die Lust darauf machen, sofort loszulegen. Dennoch finden auch erfahrene Fermentationsfreunde genügend Herausforderung in komplexeren Projekten, die etwas mehr Geduld oder Erfahrung erfordern.
Von Turkish Eggs mit fermentierten Tomaten über Miso-Zitronen-Pasta mit Schnittlauch-Crunch bis hin zu Kefir-Mocktails, Milchkefir-Eis oder fermentiertem Porridge mit Bananenkaramell – bei diesen verführerischen Rezepten fällt die Entscheidung wirklich schwer.
Für die Wahl des Ferments, der Fermentationszeit und Würzmittel ist natürlich der persönliche Geschmack ausschlaggebend. Entsprechend sind auch die Angaben zu Salz, Zucker, Honig oder Knoblauch flexibel und können insbesondere bei den „Mix & Match“-Rezepten individuell modifiziert werden. Empfehlenswert ist es zunächst kleinere Mengen zu fermentieren und diese dann jeweils anzupassen.
Optisch ist das Buch eine wahre Augenweide. Das gelungene Layout ist sehr übersichtlich und ästhetisch ansprechend. Es bildet eine perfekte Mischung aus Information und Inspiration. Die hochwertigen, natürlichen Fotografien von Cara Schanuel und Lena Pfetzer fangen gekonnt die Faszination für das Fermentationsverfahren ebenso ein wie die Schönheit der fertigen Fermente und die appetitanregenden Gerichte.

FAZIT
Ein praktischer Begleiter für alle, die Fermentation aus der Theorie in die tägliche Küche holen wollen, mit einem gelungenen Mix aus verständlichem Grundlagenwissen, vielen tollen Tipps und vielseitig kombinierbaren Rezepten.
Ein sehr empfehlenswerter Fermentationsratgeber!

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Veröffentlicht am 12.06.2026

Eine berührende Geschichte über Verlust und Neubeginn

Eine Maus namens Merlin
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MEINE MEINUNG
Mit seinem Debüt „Eine Maus namens Merlin“ ist Simon Van Booy ein herzerwärmender Wohlfühlroman gelungen, der mit erfrischender Leichtigkeit von Einsamkeit, schmerzlichen Verlusten und der ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem Debüt „Eine Maus namens Merlin“ ist Simon Van Booy ein herzerwärmender Wohlfühlroman gelungen, der mit erfrischender Leichtigkeit von Einsamkeit, schmerzlichen Verlusten und der Bedeutung der kleinen, oft unscheinbaren Momente im Leben erzählt. Zugleich macht er deutlich, dass Neuanfänge selbst im hohen Alter möglich sind. Feiner Humor, zart verwobene Melancholie und ein hoffnungsvoller Ausklang verbinden sich zu einer angenehm entschleunigenden und wunderbar einfühlsamen Erzählung.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 83-jährige Witwe Helen Cartwright, die nach sechzig Jahren in Australien in ihren Geburtsort nahe Oxford zurückkehrt und dort sie ein kleines, möbliertes Haus bezieht. Helens Alltag erschöpft sich in immer gleichen Routinen, geprägt von selbstgewählter Einsamkeit, Resignation und dem bewussten Verdrängen schmerzhafter Erinnerungen an die Menschen, die sie verloren hat – fast so, als warte sie nur noch auf das Ende ihres Lebens. Doch das unerwartete Auftauchen einer kleinen, zutraulichen Maus in ihrem Haus durchbricht diese Erstarrung und bringt Bewegung in ihr zurückgezogenes Leben.

Zunächst empfindet Helen die Anwesenheit des kleinen Wesens noch als lästige Störung und setzt alles daran, es möglichst schnell wieder loszuwerden. Doch notwendige Besorgungen im Tierhandel, in der Bibliothek und im Eisenwarenladen führen sie Schritt für Schritt aus ihrer Isolation heraus und lassen sie erneut mit anderen Menschen in Kontakt treten.

Mit seinem einfühlsamen Erzählstil zeichnet Van Booy Helens zögerlichen Wandel gekonnt nach. Allmählich wächst ihr die kleine Mitbewohnerin, die sie Merlin nennt, ans Herz. Die ungewöhnliche Freundschaft schenkt ihrem eintönigen Alltag nicht nur Struktur, sondern auch neue Bedeutung. Eindringlich zeigt der Autor in seiner berührenden Geschichte auf, wie wichtig Menschlichkeit, Nähe und das Gefühl, gebraucht zu werden, für ein erfülltes Leben sind. Mit feinem Humor und viel Feingefühl erzählt er in episodischen Rückblicken auf Helens früheres Leben und eröffnet dabei berührende Einblicke in ihre innere Welt und ihre bemerkenswerte Persönlichkeit.
Mit seiner hochbetagten Protagonistin hat der Autor einen bemerkenswert vielschichtig angelegten Charakter geschaffen. Anfangs verschlossen und spröde, gewinnt sie zunehmend an Tiefe und Wärme, sodass sie einem schnell ans Herz wächst und sorgt zum Ende hin sogar für einige überraschende Momente.
Trotz der insgesamt ruhigen Handlung gelingt es Van Booy, den Spannungsbogen spürbar zu verdichten und die Geschichte mit einem stimmigen, nachdenklichen Schluss ausklingen zu lassen.

ZUM HÖRBUCH
Schauspielerin Frauke Poolman ist eine eindrucksvolle  Umsetzung dieses zauberhaften Wohlfühlromans gelungen. Mit angenehmer Stimme und ihrem ruhigen Vortrag zieht sie uns mühelos in die leicht melancholische Geschichte hinein. Von beschaulichen Momenten, über feine Ironie bis hin zu humorvollen Episoden versteht sie es, die unterschiedlichen Stimmungen durch variierendes Sprechtempo und nuancierte Betonung lebendig einzufangen. Dabei gelingt es ihr immer wieder, uns ein sanftes Schmunzeln zu entlocken.

Insgesamt überzeugt Poolman mit einer exzellenten Lesung, die ein ebenso unterhaltsames wie herzerwärmendes Hörerlebnis bietet.

FAZIT
Eine stille, berührende Wohlfühlgeschichte über Einsamkeit, Verlust, die Magie unerwarteter Begegnungen und späte Neuanfänge.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

Zwischen Kunst und Wirklichkeit - Ein fantasievolles, aber unausgereiftes Debüt

Zwei in einem Bild
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MEINE MEINUNG

Mit ihrem Debütroman „Zwei in einem Bild“ legt Morgan Pager eine reizvolle und originelle Mischung verschiedener Genre vor, in der sie geschickt die Welt der Kunst mit einer romantischen ...

MEINE MEINUNG

Mit ihrem Debütroman „Zwei in einem Bild“ legt Morgan Pager eine reizvolle und originelle Mischung verschiedener Genre vor, in der sie geschickt die Welt der Kunst mit einer romantischen Liebesgeschichte und Elementen des den Magischen Realismus verwebt.
Mit der faszinierenden Ausgangsidee, dass die Welt der Gemälde nicht nur von außen betrachtet, sondern zeit- und raumübergreifend betreten und unmittelbar erfahren werden kann, lädt uns die Autorin zu einem literarischen Gedankenspiel mit Wahrnehmung, Wirklichkeit und Imagination ein. In spielerischer Leichtigkeit sprengt sie das starre Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter, lässt Grenzen zwischen Kunst, Malerei und Realität fließend ineinander übergehen und öffnet so einen Raum, in dem Bilder lebendig werden.
Erzählt wird die Geschichte aus zwei sich abwechselnden Perspektiven. Zum einen aus Sicht von Jean, Sohn des berühmten Malers Henri Matisse, der gemeinsam mit seinen Geschwistern und seiner Mutter seit über einem Jahrhundert im Gemälde seines Vaters gefangen ist und aus seinem Rahmen heraus das Treiben der Besucher im Museum Tag für Tag aus nächster Nähe verfolgt. Und zum anderen aus der Perspektive der jungen alleinerziehenden Mutter Claire, einer neu im Museum angestellten Putzkraft, die in der Kunst eine willkommene Zuflucht vor den Problemen ihres Alltags findet. Als Claire vor Jeans Bild nicht nur eine spürbare Anziehung bemerkt, sondern schließlich entdeckt, dass sie tatsächlich in das Gemälde eintreten kann, beginnt für sie ein verwirrende, wie verlockende Reise in eine farbenprächtige Welt mit Momenten voller Farbe, sattem Licht, magischen Überraschungen und unerwarteten Freiheiten.
Vielversprechend ließen sich die nächtlichen Streifzüge von Claire und Jean durch die in den verschiedensten Gemälden dargestellten Kunstwelten an sowie ihre Begegnungen mit weiteren darin verewigten Figuren. Ob nun ihre Besuche von rauschenden Ballveranstaltungen und aufregenden Pferderennen oder Unternehmungen in der Küstenlandschaft – die Autorin versteht es hervorragend, die in den Werken portraitierten Szenen anschaulich zum Leben zu erwecken, so dass man mühelos in vergangene Zeiten eintauchen kann. Auch das Museum selbst und sein besonderes Ambiente werden mit sehr atmosphärisch beschrieben – als Ort des stillen Betrachtens am Tag inmitten des regen Publikumsverkehrs und als geheimnisvoller Schauplatz eines verborgenen magischen Lebens in der ruhigenNacht.
Trotz dieser vielversprechenden Ausgangslage, ansprechender poetischer Beschreibungen und einem sehr bildhaften Schreibstil bleibt der Roman jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Die sich rasch anbahnende Liebesgeschichte zwischen Claire und Jean wirkt unnatürlich und leider sehr klischeehaft. Trotz zahlreicher Einblicke in ihren Lebensalltag bleiben die Charaktere seltsam leblos und sind auffallend blass gezeichnet. Ihre Begegnungen entfalten zwar ein gewisses romantisches Knistern, doch echte Tiefe will sich nicht einstellen. Gerade angesichts der außergewöhnlichen Situation ihrer einzigartigen, zeitübergreifenden Begegnung hätte man sich mehr innere Spannung, mehr Reibung und eine intensivere Auseinandersetzung mit Jeans jahrhundertelanger Isolation oder Claires übernatürlicher Gabe gewünscht.
Auch die kunsthistorische Ebene bleibt eher oberflächlich. Viele der im Roman erwähnten Gemälde, ihre Entstehungskontexte und Besonderheiten der jeweiligen Epoche werden nur gestreift, statt wirklich ausgearbeitet zu werden. Hinzu kommt, dass die Konflikte in der realen Gegenwart zunehmend konstruiert und teilweise vorhersehbar wirken. So erscheint der Plottwist zum Ende eher abrupt als überzeugend und ist letztlich wegen fehlender Überraschungsmomente wenig originell gewählt.
Besonders schade ist, dass der Roman auch spannende gesellschaftliche Themen nur ansatzweise berührt. Fragen nach sozialer Ungleichheit, nach weiblicher Selbstbehauptung in der Kunstwelt oder nach künstlerischen und gesellschaftlichen Rollen im Wandel der Zeiten bleiben weitgehend unbehandelt, obwohl sie der Geschichte zusätzliche Tiefe hätten verleihen können.
So bleibt „Zwei in einem Bild“ ein Roman mit einer faszinierenden und originellen Ausgangsidee, der jedoch nicht ganz zu jener erzählerischen Reife findet, die sein Konzept verdient hätte. Das vielversprechende Debüt liest sich zwar angenehm und atmosphärisch, verschenkt insgesamt aber leider einiges von seinem Potenzial.

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Veröffentlicht am 24.05.2026

Der Traum vom guten Leben - Eine eindrucksvolle Familiengeschichte

Das gute Leben
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MEINE MEINUNG
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg ...

MEINE MEINUNG
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg nach.
Gekonnt verdichtet die Autorin Migrationsgeschichte, Arbeitswelt und familiäre Prägungen zu einem eindrucksvollen, facettenreichen Panorama biografischer Erfahrungen zwischen Rumänien und Deutschland. Eindringlich wirft sie die Frage auf, was ein „gutes Leben“ eigentlich ausmacht, wenn Herkunft, Migrationshintergrund, gesellschaftliche Erwartungen und prekäre Arbeitsbedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und den Spielraum für Veränderungen immer wieder begrenzen. Aus einer spezifisch weiblichen Perspektive zeigt sie, wie ihre Frauenfiguren versuchen, sich durch Arbeit, Fleiß und Anpassung einen Platz in einer Welt zu erkämpfen, in der ihnen dieser keineswegs selbstverständlich zugestanden wird.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus der rumänischen Diktatur in die Bundesrepublik flieht und dort ihre Tochter und später ihre Enkelin Christina weitgehend allein großzieht. Als Christina das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter in der Nähe von Nürnberg erbt, tauchen wir gemeinsam mit ihr in Erinnerungen und überlieferte Familiengeschichten ein. Die faszinierende Familiengeschichte entfaltet sich in Form eines unchronologischen Erinnerungsgeflechts, in dem vieles nachträglich rekonstruiert, nur bruchstückhaft überliefert oder lediglich angedeutet wird. Durch die Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen springen wir von Christinas Gegenwart zu Annis Vergangenheit und bisweilen noch weiter zurück zur Urgroßmutter in Rumänien.

Besonders anschaulich schildert Schneider Annis entbehrungsreiches Leben, ihren kräftezehrenden Job als Arbeiterin im Quelle-Versandzentrum zwischen Kartons, Kleidern und monotonen Handgriffen am Fließband sowie die Mühen ihres Alltags als Alleinerziehende. Trotz ihrer Anpassungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Loyalität und ihres großen Engagements bleiben Anni Anerkennung, Belohnung und sozialer Aufstieg verwehrt. Sie glaubt zwar an das verheißungsvolle Leistungsversprechen der sogenannten Wirtschaftswundergesellschaft, bleibt aber dennoch ein kleines, austauschbares Rädchen in einem System, das sie mit ihrer Arbeit am Laufen hält. Der Übergang zu einem tatsächlich gelungenen, erfüllten Leben bleibt ihr verwehrt und so wird sie nie Teil jener Erfolgsgeschichten, die das Selbstbild der neuen Heimat prägen.

Eindringlich lotet die Autorin aus, wie die Figuren auf das zurückblicken, was sie geleistet haben, wie sie Wert und Preis ihres „guten Lebens“ in der neuen Gesellschaft bemessen und welche Kompromisse und Opfer damit verbunden waren. Auch Christina empfindet Annis Migrations- und Familiengeschichte als etwas, das mit ihr an ein Ende gekommen ist. Mit Bedauern erkennt sie, dass viele Leerstellen sich nicht mehr schließen lassen, weil Fragen ungestellt blieben und Erinnerungen verblassen. Zugleich macht Schneider anschaulich deutlich, dass nicht alles aus der Familiengeschichte bewahrt und weitergetragen werden muss. Manche belastenden Überlieferungen dürfen ohne Sentimentalität bewusst beendet werden, um Raum für ein eigenes Verständnis von gelingendem Leben zu schaffen.

FAZIT
Ein vielschichtiger, leise erzählter Roman über Migration, weiblicher Selbstbehauptung und familiäre Prägungen mit eindrucksvollen Charakteren. Mit großem Feingefühl zeigt die Autorin, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Strukturen Biografien formen und wo dennoch Spielräume für eigene Entscheidungen bleiben.

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