Ein leiser Roman über Liebe und Verzicht
Meine Berge bist duMEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst ...
MEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst des Loslassens, deren Stärke weniger aus der Handlung als aus ihrer eindringlichen Stimmung, der poetischen Sprache und der inneren Wahrhaftigkeit entsteht, mit der Vidotto seine Figuren zeichnet.
Im Zentrum steht der alte Guido Contin, genannt Cognac, der mit seiner Katze Moglie zurückgezogen in den Bergen lebt und in einer Mappe mit handgeschriebenen Briefen den kostbarsten Schatz seines Lebens hütet. Diese an die Berggipfel der Gegend gerichteten Briefe enthalten die gesammelten Erinnerungen eines Manns namens Onesto. Nach und nach erfahren wir aus seinen geheimnisvollen Botschaften an die Berge mehr über Onestos Vergangenheit, seine Kindheit und enge Verbundenheit mit seinem Zwillingsbruder Santo sowie seine geheime Seelenpein, die er keinem gegenüber aussprechen kann. Als sich beide Brüder in die junge Celeste verlieben, gerät ihr enges Verhältnis gefährlich ins Wanken, und so entscheidet Onesto sich trotz seiner Gefühle für Celeste für den Verzicht, um seinen Bruder nicht zu verlieren. So werden die Gipfel zu stummen Zeugen einer großen Liebe, die nie gelebt werden durfte. Vor der eindrucksvollen Kulisse der Dolomiten entfaltet sich eine fein nuancierte, verhängnisvolle Dreiecksgeschichte voller schmerzlicher Tragik, Verzicht, Selbstaufgabe, Schuldgefühlen, Einsamkeit und stiller Sehnsucht. Vidotto erzählt seine Geschichte ohne pathetische Überhöhung, äußerst feinfühlig, mit leisen Tönen und eindrucksvoller Poesie. Die reduzierte, dialogarme Erzählweise, ihre einfache Klarheit und rhythmische Wiederholung verleihen dem Roman eine beeindruckende, melancholische Dichte. Der bildstarke und dennoch ruhige, prägnante Schreibstil passt sehr gut zur rauen Bergwelt, die mit ihren verborgenen Waldpfaden, schroffen Hängen, unberechenbaren Wetterumschwüngen und dem Licht- und Schattenspiel eindrucksvoll die Brüchigkeit der komplexen Beziehungen und das Innenleben der Figuren widerspiegeln. Deutlich spürbar ist dabei auch die enge Naturverbundenheit des aus den Dolomiten stammenden Autors.
Gekonnt Vidotto zeigt auf, dass Stärke nicht im Festhalten, sondern oft im Loslassen liegt. So lernen seine Figuren, nicht der Last der Vergangenheit zu erliegen und alles verloren zu geben, sondern hoffnungsvoll sic h dem Ungewissen und den eigenen Emotionen zu öffnen. Mutig vollziehen sie einen leisen inneren Aufbruch, indem sie beschließen, nicht länger gegen das eigene Herz - ein gelungener Ausklang für diesen wundervollen Roman!
FAZIT
Ein feinsinniger, melancholischer Roman über Liebe, Loyalität und Verzicht, der ohne großen Spannungsbogen mit atmosphärischer Bergkulisse, starker Bildsprache und einer berührenden Liebesgeschichte überzeugt.