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Veröffentlicht am 12.04.2026

Ein leiser Roman über Liebe und Verzicht

Meine Berge bist du
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MEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst ...

MEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst des Loslassens, deren Stärke weniger aus der Handlung als aus ihrer eindringlichen Stimmung, der poetischen Sprache und der inneren Wahrhaftigkeit entsteht, mit der Vidotto seine Figuren zeichnet.
Im Zentrum steht der alte Guido Contin, genannt Cognac, der mit seiner Katze Moglie zurückgezogen in den Bergen lebt und in einer Mappe mit handgeschriebenen Briefen den kostbarsten Schatz seines Lebens hütet. Diese an die Berggipfel der Gegend gerichteten Briefe enthalten die gesammelten Erinnerungen eines Manns namens Onesto. Nach und nach erfahren wir aus seinen geheimnisvollen Botschaften an die Berge mehr über Onestos Vergangenheit, seine Kindheit und enge Verbundenheit mit seinem Zwillingsbruder Santo sowie seine geheime Seelenpein, die er keinem gegenüber aussprechen kann. Als sich beide Brüder in die junge Celeste verlieben, gerät ihr enges Verhältnis gefährlich ins Wanken, und so entscheidet Onesto sich trotz seiner Gefühle für Celeste für den Verzicht, um seinen Bruder nicht zu verlieren. So werden die Gipfel zu stummen Zeugen einer großen Liebe, die nie gelebt werden durfte. Vor der eindrucksvollen Kulisse der Dolomiten entfaltet sich eine fein nuancierte, verhängnisvolle Dreiecksgeschichte voller schmerzlicher Tragik, Verzicht, Selbstaufgabe, Schuldgefühlen, Einsamkeit und stiller Sehnsucht. Vidotto erzählt seine Geschichte ohne pathetische Überhöhung, äußerst feinfühlig, mit leisen Tönen und eindrucksvoller Poesie. Die reduzierte, dialogarme Erzählweise, ihre einfache Klarheit und rhythmische Wiederholung verleihen dem Roman eine beeindruckende, melancholische Dichte. Der bildstarke und dennoch ruhige, prägnante Schreibstil passt sehr gut zur rauen Bergwelt, die mit ihren verborgenen Waldpfaden, schroffen Hängen, unberechenbaren Wetterumschwüngen und dem Licht- und Schattenspiel eindrucksvoll die Brüchigkeit der komplexen Beziehungen und das Innenleben der Figuren widerspiegeln. Deutlich spürbar ist dabei auch die enge Naturverbundenheit des aus den Dolomiten stammenden Autors.
Gekonnt Vidotto zeigt auf, dass Stärke nicht im Festhalten, sondern oft im Loslassen liegt. So lernen seine Figuren, nicht der Last der Vergangenheit zu erliegen und alles verloren zu geben, sondern hoffnungsvoll sic h dem Ungewissen und den eigenen Emotionen zu öffnen. Mutig vollziehen sie einen leisen inneren Aufbruch, indem sie beschließen, nicht länger gegen das eigene Herz - ein gelungener Ausklang für diesen wundervollen Roman!

FAZIT

Ein feinsinniger, melancholischer Roman über Liebe, Loyalität und Verzicht, der ohne großen Spannungsbogen mit atmosphärischer Bergkulisse, starker Bildsprache und einer berührenden Liebesgeschichte überzeugt.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Sehr berührender Roman

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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MEINE MEINUNG
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam ...

MEINE MEINUNG
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam dem Altwerden, der Vergänglichkeit des Lebens, dem Loslassen sowie der familiären Entfremdung widmet. Dabei beleuchtet sie zudem mit viel Feingefühl die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, die Verantwortung füreinander und die Möglichkeit versöhnenden Momente selbst spät im Leben.
Im Mittelpunkt steht der 89-jährige, pflegebedürftige Bo Andersson, einstiger Arbeiter in einer Sägemühle, der allein in einem kleinen Haus auf dem Land in einem abgelegenen nordschwedischen Dorf lebt und seinen Alltag mit seinem treuen Jagdhund Sixten teilt. Seit seine demente Frau Frederika in einem Pflegeheim lebt, beschränkt sich Bos zurückgezogenes Leben auf die regelmäßigen Besuche des Pflegedienstes, die oft angespannten Kontakte zu seinem Sohn, die wöchentlichen Gespräche mit seinem alten Freund Ture, Erinnerungen an sein langes Leben und die wachsende Angst, immer mehr von seinem Körper im Stich gelassen zu werden und seine Selbstständigkeit zu verlieren.
Schrittweise tauchen wir in den einsamen und tristen Lebensalltag des hochbetagten Bo ein, in den Ridzén gekonnt Gedankengänge, lebendigen Träume und melancholische Grübeleien eingewoben hat. Rückblenden lassen ihn über die gemeinsame Zeit mit seiner geliebten Frau, seine Mutter und vor allem die schwierige Beziehung zu seinem harten, gefühlskalten Vater nachsinnen.
Die Episoden von Bos Alltag werden geschickt von knappen Einträgen aus dem Pflegetagebuch des Pflegeteams unterbrochen, in denen die verschiedenen Betreuer nüchterne Notizen zu Bos Stimmung, Schlaf- und Essgewohnheiten hinterlassen sowie besondere Vorkommnisse festhalten, wodurch wir einen objektiveren Blick auf seinen Zustand und den fortschreitenden Abbau erhalten. So gewinnen wir Über kurze Dialoge, unspektakuläre Alltagsszenen und Erinnerungsfragmente entfaltet sich allmählich Bos Lebensgeschichte und sein reiches Innenleben. Trotz des ruhigen Erzähltempos versteht es die Autorin eine subtile Spannung aufzubauen.
Beeindruckend sind die Schilderungen der schwedischen Natur – weite Landschaften, raues Winterwetter und der majestätische Kranichzug, die weit über eine bloße Kulisse hinausreichen und die besondere Atmosphäre des Romans eindrucksvoll unterstreichen.
Mit dem granteligen Bo hat die Autorin einen wunderbar vielschichtigen Protagonisten geschaffen, dessen Eigenheiten und Schwächen sie sehr warmherzig und authentisch einfängt.
Bewegend ist es mitzuerleben, wie dieser sture Eigenbrötler an seinem Lebensende doch beginnt, seine verfahrene Beziehung zu seinem Sohn zu überdenken. So erkennt er schließlich verletzendes Verhalten, Versäumnisse und fatale Fehlentscheidungen, gesteht Schuld ein und sucht die Annäherung, um um Verzeihung zu bitten. Eindrucksvoll zeigt Ridzén zudem auf, wie die tief verwurzelte Schweigsamkeit und tradierte emotionale Verschlossenheit der Männer seiner Generation, geprägt von Stolz und männlicher Härte, zu tiefen Wunden und belasteten Beziehungen führte.
Trotz der melancholischen Grundstimmung und schwierigen Thematik versteht sie es, immer wieder hoffnungsvolle, herzerwärmende und tröstliche Momente in die nachdenklich stimmende Geschichte einzustreuen.

FAZIT
Ein berührender Roman über Abschied und späte Versöhnung, der nachdenklich stimmt. Ein gelungenes, lesenswertes Debüt, das durch Feingefühl und atmosphärische Dichte besticht.

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Veröffentlicht am 29.03.2026

Zwischen Trümmern und Geheimnissen - Ein fesselnder historischer Krimi

Die weiße Nacht
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MEINE MEINUNG
Nach ihrer erfolgreichen historischen Roman-Reihe um die Berliner Hebamme Hulda Gold legt Anne Stern mit „Die weiße Nacht“ eine neue historische Krimi-Reihe vor, die in puncto atmosphärischer ...

MEINE MEINUNG
Nach ihrer erfolgreichen historischen Roman-Reihe um die Berliner Hebamme Hulda Gold legt Anne Stern mit „Die weiße Nacht“ eine neue historische Krimi-Reihe vor, die in puncto atmosphärischer Dichte, Zeitkolorit und eindrucksvoller Figurenzeichnung nahtlos an ihre Vorgänger anknüpft. Der vielversprechende Auftakt fesselt dank eindringlicher Milieuzeichnung und hervorragend recherchiertem zeitgeschichtlichen Hintergrund von der ersten Seite an und konnte mich sofort vollends in seinen Bann ziehen.
Der erste Fall für Kriminalkommissar Alfred König und die junge Fotografin Lou Faber, angesiedelt im Berliner Hungerwinter 1946/47, führt uns mitten hinein eine Zeit des Mangels, der moralischen Brüche und der schmerzhaften Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und der Gräueltaten der Nazis.
Als Lou in den verschneiten Trümmern der Stadt eine Frauenleiche mit gefalteten Hände entdeckt und fotografiert, lässt sie der Anblick der Toten im Schnee nicht mehr los. Lous Tatort-Fotos helfen bei den nur schleppend anlaufenden Ermittlungen. Der mit der Aufklärung des Mords betraute Kriminalkommissar Alfred König begegnet ihr zunächst reserviert, doch Lous Intuition liefert ihm einige wichtige Ansatzpunkte. Nach einem weiteren Leichenfund deuten einige Spuren in die Vergangenheit der Opfer, die viele lieber für immer vergessen wollen. Unter enormem treibt jagt König die Aufklärung des Falls voran, während der Heiligabend unaufhaltsam näher rückt …
Durch Sterns lebendigen, sehr bildhaften Schreibstil fällt es leicht, in das bedrückende Nachkriegsszenario von Berlin zur Stunde Null einzutauchen. Stern entwirft ein stimmiges und überwiegend düsteres Zeitbild und überzeugt mit authentischen Milieuschilderungen. Atmosphärisch dicht schildert sie den bedrückenden Alltag in all seinen Facetten, lässt uns hautnah am Schicksal der Menschen teilhaben und gewährt zugleich erschütternde Einblicke in ihre moralischen Dilemmata.
Überall zeigen sich die Folgen des verlorenen Kriegs in allgegenwärtiger Mangelversorgung, Hunger, Wohnungsnot, bitterer Armut, florierendem Schwarzhandel und verbissenem Überlebenskampf verbunden mit der Hoffnung auf einen baldigen Neuanfang.
Besonders eindrucksvoll hat Stern den verzwickten Kriminalfall mit den sorgsam recherchierten historischen Hintergrundinformationen verwoben.
Die Ermittlungen zu dem komplexen Fall führen allmählich immer tiefer in die Schattenzonen einer zerrütteten Gesellschaft aus Tätern, Opfern und Mitläufern, dorthin, wo Elend, Armut, Prostitution, Betrug und Verbrechen zum Alltag gehören. Eindrucksvoll führt Stern uns vor Augen, was Nationalsozialismus und Krieg aus den Menschen und ihrem moralischen Kompass machten, wie nachhaltig viele die dunkle Vergangenheit verdrängen und über etwaige Schuld, Verantwortung und eigene Verstrickungen schweigen. Die aus den Befragungen gewonnenen Hinweise, Erinnerungsfragmente und Halbwahrheiten deuten immer mehr darauf hin, dass die Todesopfer eine gemeinsame, in die NS-Zeit zurückreichende Vergangenheit haben.
Der Krimi lebt neben dem lebendig gezeichneten historischen Hintergrund vor allem von ihren vielschichtig angelegten Figuren. Sämtliche Charaktere sind detailliert und mit ihren Hintergrundgeschichten sehr vielschichtig ausgearbeitet, wodurch sie sehr lebensnah wirken. Besonders beeindruckt hat mich die clevere, sympathische Protagonistin Lou Faber mit ihrer Empathie, Hilfsbereitschaft und Unerschrockenheit. Als Fotografin gelingt es ihr mit Intuition und besonderem Blick für Details Dinge, die andere übersehen, zu erfassen und mutig unbequeme Fragen zu stellen. Zugleich hat sie mit Erinnerungen an ihre zeit im Widerstand, inneren Dämonen und Schuldgefühlen zu kämpfen. Kommissar König ist eine eher rätselhafte, unnahbare Figur mit markanten Ecken und Kanten – beherrscht, pflichtbewusst und innerlich mit seiner unrühmlichen Vergangenheit ringend, was ihn zu einem schwierigen Charakter im Umgang macht. Unter seiner kontrollierten Fassade schlummern Geheimnisse, die ihn und Lou enger miteinander verbinden, als beiden recht ist. Ihre leise Annäherung, geprägt von Misstrauen, wachsendem Respekt und unausgesprochenen Fragen, entfaltet sich als spannende emotionale Achterbahnfahrt.
Auch die zahlreichen Nebenfiguren wie Lous Freunde und Nachbarn, Königs Kollegen oder die auf dem Schwarzmarkt tätigen Waisen Gerti und Justus tragen mit ihren individuellen Geschichten zum besonderen Flair des Krimis bei und lassen ein authentisches gesellschaftliches Panorama entstehen.
Stern porträtiert sie als facettenreiche Menschen mit inneren Widersprüchen und Brüchen, so dass man einige von ihnen schnell ins Herz schließt und sich auf ein Wiedersehen in den Folgebänden freut.
Nach einigen überraschenden Wendungen und geschickt gelegten falschen Fährten fügen sich die Puzzlestückchen allmählich zu einem erschütternden Gesamtbild zusammen. Nach einem fesselnden Finale wird schließlich in der stimmigen Auflösung das schockierende Motiv der Taten enthüllt, das tief in der finsteren deutschen Vergangenheit verwurzelt ist und einen sehr betroffen und nachdenklich zurück lässt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Luxus als Falle – Die etwas enttäuschende Rückkehr von Lo Blacklock

The Woman in Suite 11
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MEINE MEINUNG
Der neue Spannungsroman „The Woman in Suite 11“ von Bestseller-Autorin Ruth Ware setzt nach dem Erfolg „The Woman in Cabin 10“ die Geschichte ihrer Protagonistin Lo Blacklock fort. Zehn Jahre ...

MEINE MEINUNG
Der neue Spannungsroman „The Woman in Suite 11“ von Bestseller-Autorin Ruth Ware setzt nach dem Erfolg „The Woman in Cabin 10“ die Geschichte ihrer Protagonistin Lo Blacklock fort. Zehn Jahre nach den Ereignissen auf dem Kreuzfahrtschiff Aurora schickt sie Lo wieder in einen Luxus-Albtraum, diesmal in ein neu eröffnetes Luxushotel in den idyllischen Schweizer Alpen.
Ruth Ware liefert erneut einen clever konstruierten, gut lesbaren und fesselnden Thriller, der mit seinem rasanten Tempo und atmosphärisch dichter Kulisse überzeugt, dabei aber leider auch viele Schwächen des Vorgängers wiederholt.
Alles beginnt mit der Einladung zu einem Pressetrip in ein Luxushotel am Genfer See. Dies möchte Lo als Chance nutzen, ihre ins Stocken geratene Karriere als Reisejournalistin mit einem exklusiven Interview mit dem milliardenschweren, medienscheuen Eigentümer Marcus Leidmann wieder anzuschieben. Ein unerwartetes Reiseupgrade, die Atmosphäre am abgeschiedenen Hotelstandort und die überraschende Begegnung mit mehreren alten Bekannten von der Aurora beruhigen ihre ohnehin angespannte Nervosität jedoch keineswegs.
In Leidmanns Suite trifft Lo schließlich nicht auf den Gastgeber selbst, sondern auf eine junge Frau, die sich als dessen Geliebte ausgibt, behauptet, von ihrem mächtigen Liebhaber bedroht zu werden, und Lo um Hilfe bittet. Rasch überschlagen sich die Ereignisse und die hilfsbereite Lo gerät erneut in ein gefährliches, undurchsichtiges Katz-und-Maus-Spiel.
Ware setzt in ihrem Thriller auf bewährte, effektvolle Spannungselemente. Kurze, actionreiche Kapitel und geschickt gesetzte Cliffhanger sorgen für viel Spannung, so dass man gebannt weiterliest. Doch die fesselnde, temporeiche Dramaturgie der Handlung geht teilweise leider zu Lasten der Logik.
Ware hat ihre Figuren prägnant angelegt, widmet sich aber weniger einer nuancierten Charakterentwicklung. So ist die Figurenzeichnung bewusst stärker auf Spannung ausgerichtet und nicht immer psychologisch tiefgründig. Anstelle einer gereiften Lo, die als Ehefrau und Mutter zweier Söhne im Leben angekommen ist und die traumatischen Ereignisse auf der Aurora vor zehn Jahren verarbeitet haben müsste, begegnet uns eine Figur, die sich kaum weiterentwickelt zu haben scheint. Impulsiv, risikofreudig und erstaunlich blind für offensichtliche Warnzeichen, wirkt sie als überdrehte, bisweilen unglaubwürdig naive Ich-Erzählerin, die sich immer wieder unbedacht in neue Gefahren stürzt. Ihr Verhalten hat mich mehrfach ungläubig zurückgelassen und überzeugt psychologisch nur eingeschränkt. Die Hoffnung einer psychologisch vielschichtigen, verantwortungsvollen und charakterlich gereiften Lo zu begegnen, wurde leider nachhaltig enttäuscht.
In deutlichem Kontrast dazu steht die hervorragende Gestaltung des Settings. Das Hotel als verlockende, aber klaustrophobische Location, als Traumort ambivalenter Sicherheit und unterschwelliger Bedrohung ist atmosphärisch sehr dicht eingefangen. Gekonnt lässt sie die Grenzen zwischen willkommenem Gast und unfreiwilligem Gefangenen in einem luxuriösen Käfig, aufgesetzte Höflichkeiten, Privatsphäre und permanentem Beobachtungsblick nach und nach verwischen. Die Verbindung von Naturschönheit, faszinierender Hochglanz Architektur und einer stetig zunehmenden, beklemmenden Bedrohung ist Ware sehr gut gelungen. Geschickt streift Ware in ihrem Roman thematisch die Schattenseiten von Medienmacht und PR-Inszenierungen, greift aber insbesondere #MeToo, struktureller Sexismus, Machtmissbrauch und weibliche Glaubwürdigkeit auf sowie Trauma, Angst und psychische Verletzlichkeit, ohne diese Themen allerdings wirklich tiefgründig zu behandeln.
Nach einer Reihe von Zufällen und teils konstruiert wirkenden Verwicklungen findet der spannende Plot in einer hochdramatischen, schlüssigen Auflösung seinen Abschluss, die sowohl psychologisch als auch moralisch zu überzeugen weiß.
FAZIT
Ein typischer Ruth Ware Thriller – spannend, aber durch die Wiederholung bekannter Muster wenig originell. Trotz der leicht enttäuschenden Figurenzeichnung kann er mit flottem Tempo, dichter Atmosphäre und raffiniertem Setting überzeugen und bietet solide Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Vererbte Schatten – Eindrucksvolles Finale der vielschichtigen Familiensaga

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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MEINE MEINUNG
Nach ihrem bemerkenswerten Debüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und der Fortsetzung „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ legt die deutsche Autorin Alena ...

MEINE MEINUNG
Nach ihrem bemerkenswerten Debüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und der Fortsetzung „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ legt die deutsche Autorin Alena Schröder nun mit „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ den Abschluss ihrer Trilogie vor, in dem sie die Fäden ihrer generationenübergreifenden Familiensaga kunstvoll zusammenführt. Erneut begegnen wir vertrauten Protagonisten aus den Vorgängerbänden, die hier unter einem neuen erzählerischen Blickwinkel beleuchtet werden.
Hinter dem langen, anfangs rätselhaft wirkenden Titel, dessen Bedeutung sich erst im Verlauf erschließt, entfaltet Schröder eine einfühlsam erzählte, berührende Familiengeschichte, die um die familiären Hintergründe, komplexen Verwicklungen und sorgsam gehüteten Geheimnisse der Familie Borowski kreist. Zudem greift die Autorin erneut auf ihre vertrauten Motive wie Selbstfindung, elterliche Schuld und die Nachwirkungen generationenübergreifender Traumata zurück.
Im Mittelpunkt der auf zwei Zeitebenen angelegten Handlungsstränge stehen zwei faszinierende junge Frauen, ihre Lebensentscheidungen und unterschiedlich geprägten Lebenswege: Zum einen im Berlin der Gegenwart von 2023 die Enkelin von Evelyn Borowski, die 34-jährige, mit ihrem Leben hadernde Hannah und zum anderen die 14-jährige Marlen aus Demmin, die in den Wirren der Nachkriegszeit von 1945 im Haus der Künstlerin Wilma Engels in Güstrow Zuflucht findet und sich in der entstehenden DDR unter großen Entbehrungen ein neues Leben aufbaut.
In Rückblenden zeichnet Schröder mit großer Empathie und psychologischem Feingefühl die prägenden Stationen ihrer Figuren nach.
Obwohl beide Erzählperspektiven rasch ihren Reiz entfalten, überzeugt vor allem der historische Handlungsstrang im mecklenburgischen Güstrow rund um Marlen, Wilma und dem ehemaligem Kindermädchen Burgel. Die Szenen im zerstörten Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch dicht, emotional aufgeladen und mitreißend erzählt. Dagegen wirkt die Berliner Gegenwartshandlung mit der Lebenskrise der nach Sinn suchenden Hannah bisweilen etwas konstruiert und erreicht nicht die gleiche erzählerische Tiefe.
Im Verlauf verdichtet Schröder die Erzählstränge zunehmend, setzt unerwartete Wendungen und enthüllt nach und nach lange verdrängte Geheimnisse. Am Ende führt sie die Geschichte zu einem stimmigen, emotional überzeugenden Abschluss.
Lose verbunden sind die beiden Zeitebenen durch ein während der NS-Zeit verschollene Gemälde, auf das der Romantitel anspielt. Dieses Kunstwerk, über dessen Vergangenheit und Herkunft die Großmutter beharrlich geschwiegen hatte, zieht sich wie ein roter Faden durch Hannahs Familiengeschichte. Mit ihm wird geschickt die Thematik des „Leben auf Leinwand“ als Projektionsfläche von Schuld, Hoffnung, Schweigen, Erinnerung und die Frage nach Aneignung und Erbe beleuchtet. Zwar ist die Auflösung des Rätsels um das Gemälde dramaturgisch schlüssig und symbolisch konsequent umgesetzt, doch wirkte diese auf mich etwas zu erzwungen, um völlig zu überzeugen.
Die Stärke des Romans liegt insbesondere in der Figurenzeichnung. Schröders Frauenfiguren sind mit ihren Stärken, Verletzlichkeiten und widersprüchlichen Entscheidungen vielschichtig und glaubhaft gezeichnet. Schröder versteht es, ihre inneren Konflikte und Entwicklungsprozesse so zu erzählen, dass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Besonders gelungen ist das psychologisch stimmige Porträt der jungen Hannah, einer labilen, von Selbstzweifeln geplagten Frau, die zwischen Loyalität, Abhängigkeit und Selbstbehauptung, Nähe und Selbstschutz schwankt. Erst im Loslösen von familiären Erwartungen und der Konfrontation mit der eigenen Geschichte findet sie einen neuen inneren Frieden.
Auch Marlen durchläuft einen eindrücklichen Prozess der Emanzipation. So erleben wir ihre Entwicklung von der verletzlichen Überlebenden zum selbstbestimmten Charakter, der den Mut aufbringt, sich aus einem Leben voller unausgesprochener Zwänge und Abhängigkeiten zu befreien und einen eigenen Weg zu beschreiten.
Weniger überzeugend sind einige der Nebenfiguren wie Hannahs WG-Mitbewohner Justus oder die Vorzeigefamilie von Hannahs Vater Martin, die allzu deutlich als Kontrast zu Hannah angelegt sind und klischeehaft überzeichnet wirken.
Diese kleinen Schwächen und die etwas vorhersehbare Handlung schmälern nur wenig den insgesamt positiven Gesamteindruck dieser Romantrilogie, der mit viel Feingefühl, feinen Nuancen und erzählerischer Balance das Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Gegenwart, Schuld und Selbstbestimmung ausleuchtet.
FAZIT
Ein berührender Abschluss der eindringlich und atmosphärisch dicht erzählten Familiensaga über die Macht von Erinnerung, das Schweigen zwischen Generationen und den schwierigen Weg zur Selbstbefreiung.

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