Zwischen Idylle und Intrige - Ein beeindruckendes Debüt
Down Cemetery RoadMEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt ...
MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt für Schritt führt er uns in eine beklemmende Welt voller Verrat, Machtspielen und verdeckten Interessen, bis sich der zunächst scheinbar konventionelle Fall zu einem packenden Spionagethriller verdichtet.
Deutlich lässt dieses Debüt schon die unverwechselbare Handschrift seiner späteren Erfolge erkennen, die sich durch einen clever komponierten Plot, subtilen Sarkasmus und Herrons unbestechlichem Blick auf das Abgründige hinter einer harmlosen bürgerlichen Normalität auszeichnen.
Im Mittelpunkt steht mit Sarah Tucker eine Protagonistin, die interessanter Weise weder Polizistin noch Detektivin ist, sondern eine frustrierte Hausfrau in unglücklicher Ehe mit einem erfolgreichen Investmentbanker. Als während einer Dinnerparty in einem Oxforder Vorort ein Haus in der Nachbarschaft in die Luft fliegt und ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust die Hintergründe zu dem Unglück zu ermitteln. Ihre obsessive Suche nach dem verschwundenen Kind und der Wahrheit führt sie nichtsahnend immer tiefer in ein undurchsichtiges Netz aus Geheimdiensten, korrupten Beamten und skrupellosen Agenten, bis sie selbst ins Fadenkreuz gerät.
Nach einem behutsamen Einstieg, der zunächst die verschiedenen Charaktere einführt und eine besonders unheilvolle Atmosphäre heraufbeschwört, versteht es Herron hervorragend, die Spannung schrittweise aufzubauen und uns bis zur letzten Seite zu fesseln. Schon bald muss Sarah als unbedarfte Ermittlerin erkennen, dass hinter den glänzenden Fassaden der beschaulichen Oxforder Bürgerlichkeit nichts so ist wie es zunächst scheint. Ein undurchsichtiges wie mächtiges Geflecht aus dunklen Machenschaften, staatlichen Vertuschungen und stillschweigender Komplizenschaft wird erkennbar, das zu allem bereit ist, um eine politisch-militärische Intrige zu decken. So wandelt sich der Plot zusehends in eine feine, sehr entlarvende Satire auf die Mechanismen Macht und Bürokratie sowie die Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit bürgerlicher Existenzen.
Herrons präziser, ironisch geschärfter Schreibstil besticht durch trockenen Humor, pointierte Wortspiele und feinstes britisches Understatement. Mit raffinierten Tempo- und Perspektivwechseln steigert er die Dramatik der komplexen Geschehnisse und verdichtet die Atmosphäre zu einem düsteren, beklemmenden Panorama herauf.
Besonders eindrücklich gelingt Herron die Zeichnung seiner Hauptfigur Sarah Tucker, die keine klassische Ermittlerin ist, sondern mit ihrer rastlosen Suche nach Antworten ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Leben und inneren Leere entfliehen möchte. Ihre hartnäckigen Nachforschungen sind weniger kriminalistischer Natur als Ausdruck einer Auflehnung gegen Demütigung und Angepasstheit und der Sehnsucht, ihrem faden Leben wieder einen Sinn zu geben. So wird sie zu eine unbeirrbaren, moralisch angetriebene Ermittlerin wider Willen, die mehr entdeckt als sie je wissen wollte und die immer mehr über sich selbst hinauswächst.
Nach zahlreichen überraschenden Wendungen, falschen Fährten und spannungsreichen Actionszenen kulminiert die Geschichte in einem dramatischen Showdown, der psychologisch wie dramaturgisch überzeugt.
FAZIT
Ein intelligenter, atmosphärisch dichter Spannungsroman, der ebenso fesselt wie nachdenklich stimmt. Gekonnt verbindet Herron packende Unterhaltung mit feiner Gesellschaftsanalyse und einem vielschichtigen Figurenporträt.