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Veröffentlicht am 01.06.2026

Zwischen Kunst und Wirklichkeit - Ein fantasievolles, aber unausgereiftes Debüt

Zwei in einem Bild
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MEINE MEINUNG

Mit ihrem Debütroman „Zwei in einem Bild“ legt Morgan Pager eine reizvolle und originelle Mischung verschiedener Genre vor, in der sie geschickt die Welt der Kunst mit einer romantischen ...

MEINE MEINUNG

Mit ihrem Debütroman „Zwei in einem Bild“ legt Morgan Pager eine reizvolle und originelle Mischung verschiedener Genre vor, in der sie geschickt die Welt der Kunst mit einer romantischen Liebesgeschichte und Elementen des den Magischen Realismus verwebt.
Mit der faszinierenden Ausgangsidee, dass die Welt der Gemälde nicht nur von außen betrachtet, sondern zeit- und raumübergreifend betreten und unmittelbar erfahren werden kann, lädt uns die Autorin zu einem literarischen Gedankenspiel mit Wahrnehmung, Wirklichkeit und Imagination ein. In spielerischer Leichtigkeit sprengt sie das starre Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter, lässt Grenzen zwischen Kunst, Malerei und Realität fließend ineinander übergehen und öffnet so einen Raum, in dem Bilder lebendig werden.
Erzählt wird die Geschichte aus zwei sich abwechselnden Perspektiven. Zum einen aus Sicht von Jean, Sohn des berühmten Malers Henri Matisse, der gemeinsam mit seinen Geschwistern und seiner Mutter seit über einem Jahrhundert im Gemälde seines Vaters gefangen ist und aus seinem Rahmen heraus das Treiben der Besucher im Museum Tag für Tag aus nächster Nähe verfolgt. Und zum anderen aus der Perspektive der jungen alleinerziehenden Mutter Claire, einer neu im Museum angestellten Putzkraft, die in der Kunst eine willkommene Zuflucht vor den Problemen ihres Alltags findet. Als Claire vor Jeans Bild nicht nur eine spürbare Anziehung bemerkt, sondern schließlich entdeckt, dass sie tatsächlich in das Gemälde eintreten kann, beginnt für sie ein verwirrende, wie verlockende Reise in eine farbenprächtige Welt mit Momenten voller Farbe, sattem Licht, magischen Überraschungen und unerwarteten Freiheiten.
Vielversprechend ließen sich die nächtlichen Streifzüge von Claire und Jean durch die in den verschiedensten Gemälden dargestellten Kunstwelten an sowie ihre Begegnungen mit weiteren darin verewigten Figuren. Ob nun ihre Besuche von rauschenden Ballveranstaltungen und aufregenden Pferderennen oder Unternehmungen in der Küstenlandschaft – die Autorin versteht es hervorragend, die in den Werken portraitierten Szenen anschaulich zum Leben zu erwecken, so dass man mühelos in vergangene Zeiten eintauchen kann. Auch das Museum selbst und sein besonderes Ambiente werden mit sehr atmosphärisch beschrieben – als Ort des stillen Betrachtens am Tag inmitten des regen Publikumsverkehrs und als geheimnisvoller Schauplatz eines verborgenen magischen Lebens in der ruhigenNacht.
Trotz dieser vielversprechenden Ausgangslage, ansprechender poetischer Beschreibungen und einem sehr bildhaften Schreibstil bleibt der Roman jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Die sich rasch anbahnende Liebesgeschichte zwischen Claire und Jean wirkt unnatürlich und leider sehr klischeehaft. Trotz zahlreicher Einblicke in ihren Lebensalltag bleiben die Charaktere seltsam leblos und sind auffallend blass gezeichnet. Ihre Begegnungen entfalten zwar ein gewisses romantisches Knistern, doch echte Tiefe will sich nicht einstellen. Gerade angesichts der außergewöhnlichen Situation ihrer einzigartigen, zeitübergreifenden Begegnung hätte man sich mehr innere Spannung, mehr Reibung und eine intensivere Auseinandersetzung mit Jeans jahrhundertelanger Isolation oder Claires übernatürlicher Gabe gewünscht.
Auch die kunsthistorische Ebene bleibt eher oberflächlich. Viele der im Roman erwähnten Gemälde, ihre Entstehungskontexte und Besonderheiten der jeweiligen Epoche werden nur gestreift, statt wirklich ausgearbeitet zu werden. Hinzu kommt, dass die Konflikte in der realen Gegenwart zunehmend konstruiert und teilweise vorhersehbar wirken. So erscheint der Plottwist zum Ende eher abrupt als überzeugend und ist letztlich wegen fehlender Überraschungsmomente wenig originell gewählt.
Besonders schade ist, dass der Roman auch spannende gesellschaftliche Themen nur ansatzweise berührt. Fragen nach sozialer Ungleichheit, nach weiblicher Selbstbehauptung in der Kunstwelt oder nach künstlerischen und gesellschaftlichen Rollen im Wandel der Zeiten bleiben weitgehend unbehandelt, obwohl sie der Geschichte zusätzliche Tiefe hätten verleihen können.
So bleibt „Zwei in einem Bild“ ein Roman mit einer faszinierenden und originellen Ausgangsidee, der jedoch nicht ganz zu jener erzählerischen Reife findet, die sein Konzept verdient hätte. Das vielversprechende Debüt liest sich zwar angenehm und atmosphärisch, verschenkt insgesamt aber leider einiges von seinem Potenzial.

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Veröffentlicht am 24.05.2026

Der Traum vom guten Leben - Eine eindrucksvolle Familiengeschichte

Das gute Leben
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MEINE MEINUNG
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg ...

MEINE MEINUNG
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg nach.
Gekonnt verdichtet die Autorin Migrationsgeschichte, Arbeitswelt und familiäre Prägungen zu einem eindrucksvollen, facettenreichen Panorama biografischer Erfahrungen zwischen Rumänien und Deutschland. Eindringlich wirft sie die Frage auf, was ein „gutes Leben“ eigentlich ausmacht, wenn Herkunft, Migrationshintergrund, gesellschaftliche Erwartungen und prekäre Arbeitsbedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und den Spielraum für Veränderungen immer wieder begrenzen. Aus einer spezifisch weiblichen Perspektive zeigt sie, wie ihre Frauenfiguren versuchen, sich durch Arbeit, Fleiß und Anpassung einen Platz in einer Welt zu erkämpfen, in der ihnen dieser keineswegs selbstverständlich zugestanden wird.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus der rumänischen Diktatur in die Bundesrepublik flieht und dort ihre Tochter und später ihre Enkelin Christina weitgehend allein großzieht. Als Christina das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter in der Nähe von Nürnberg erbt, tauchen wir gemeinsam mit ihr in Erinnerungen und überlieferte Familiengeschichten ein. Die faszinierende Familiengeschichte entfaltet sich in Form eines unchronologischen Erinnerungsgeflechts, in dem vieles nachträglich rekonstruiert, nur bruchstückhaft überliefert oder lediglich angedeutet wird. Durch die Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen springen wir von Christinas Gegenwart zu Annis Vergangenheit und bisweilen noch weiter zurück zur Urgroßmutter in Rumänien.

Besonders anschaulich schildert Schneider Annis entbehrungsreiches Leben, ihren kräftezehrenden Job als Arbeiterin im Quelle-Versandzentrum zwischen Kartons, Kleidern und monotonen Handgriffen am Fließband sowie die Mühen ihres Alltags als Alleinerziehende. Trotz ihrer Anpassungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Loyalität und ihres großen Engagements bleiben Anni Anerkennung, Belohnung und sozialer Aufstieg verwehrt. Sie glaubt zwar an das verheißungsvolle Leistungsversprechen der sogenannten Wirtschaftswundergesellschaft, bleibt aber dennoch ein kleines, austauschbares Rädchen in einem System, das sie mit ihrer Arbeit am Laufen hält. Der Übergang zu einem tatsächlich gelungenen, erfüllten Leben bleibt ihr verwehrt und so wird sie nie Teil jener Erfolgsgeschichten, die das Selbstbild der neuen Heimat prägen.

Eindringlich lotet die Autorin aus, wie die Figuren auf das zurückblicken, was sie geleistet haben, wie sie Wert und Preis ihres „guten Lebens“ in der neuen Gesellschaft bemessen und welche Kompromisse und Opfer damit verbunden waren. Auch Christina empfindet Annis Migrations- und Familiengeschichte als etwas, das mit ihr an ein Ende gekommen ist. Mit Bedauern erkennt sie, dass viele Leerstellen sich nicht mehr schließen lassen, weil Fragen ungestellt blieben und Erinnerungen verblassen. Zugleich macht Schneider anschaulich deutlich, dass nicht alles aus der Familiengeschichte bewahrt und weitergetragen werden muss. Manche belastenden Überlieferungen dürfen ohne Sentimentalität bewusst beendet werden, um Raum für ein eigenes Verständnis von gelingendem Leben zu schaffen.

FAZIT
Ein vielschichtiger, leise erzählter Roman über Migration, weiblicher Selbstbehauptung und familiäre Prägungen mit eindrucksvollen Charakteren. Mit großem Feingefühl zeigt die Autorin, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Strukturen Biografien formen und wo dennoch Spielräume für eigene Entscheidungen bleiben.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Zerbrechliche Freundschaft - Ein vielversprechendes Debüt

Spielverderberin
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MEINE MEINUNG
Der Roman „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein vielversprechendes Debüt, das sich den subtilen Verwerfungen einer weiblichen Dreierfreundschaft auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt stehen ...

MEINE MEINUNG
Der Roman „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein vielversprechendes Debüt, das sich den subtilen Verwerfungen einer weiblichen Dreierfreundschaft auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt stehen die drei jungen Frauen Sophie, Lotte und Romy, deren Beziehung schon während der Schulzeit von Nähe, Faszination, verdeckter Konkurrenz und unausgesprochenen Verletzungen geprägt war. Anschaulich erzählt Menke vom Aufwachsen in der Stadt und auf dem Land, von auseinanderdriftenden Lebensentwürfen und dem schmerzhaften Moment, wenn aus kindlicher Vertrautheit die unüberbrückbare Distanz Erwachsener entsteht.
Während Sophie und Lotte in einem kleinen Bauerndorf zusammen zur Schule gehen und seit Kindertagen unzertrennlich sind, stößt das Stadtkind Romy erst in der Oberstufe hinzu. Mit ihrer selbstbewussten Art wirkt sie auf die beiden Freundinnen gleichermaßen faszinierend und irritierend. Schon bald verschiebt sie das Gleichgewicht der vertrauten Zweierfreundschaft. Aus der engen Freundschaft erwächst eine fragile Dreierbeziehung, in der sich Bewunderung, Eifersucht, Unsicherheit und subtile Machtspiele immer stärker überlagern. Menke gelingt es hervorragend, dieses labile Gleichgewicht zwischen den Mädchen sehr eindrucksvoll einzufangen und eine unheilvolle Vorahnung heraufzubeschwören.
Erzählt wird die Geschichte unchronologisch und auf wechselnden Zeitebenen. So begleiten wir die Figuren durch ihre Jugend, die Zeit nach dem Abitur und die frühen Jahre des Erwachsenenlebens. Nach und nach wird deutlich, wie sich die Vertrautheit langsam auflöst, ihre gemeinsamen Wege sich trennen, sie auf Distanz gehen und die Figuren schließlich unterschiedlichen Zukunftsplänen folgen. Während Sophie und Romy in Köln studieren, verbleibt Lotte in ihrem Dorf.
Mit großem Feingefühl beleuchtet Menke das fragile Gefüge weiblicher Freundschaft und arbeitet vor allem die dunklen Schattierungen ihrer Freundschaft heraus, die sich in unheilvollen Abhängigkeiten, Missgunst, Konkurrenz, Minderwertigkeitsgefühlen, unerfüllten Erwartungen sowie Verletzungen zeigen, die sich über Jahre hinziehen. Dabei gelingt es ihr, uns tief in diesen Prozess einzubinden, sodass man den langsamen, schmerzhaften Zerfall ihrer einst so engen Freundschaft hautnah miterlebt. Eindrucksvoll arbeitet sie heraus, dass sich Freundschaften nicht einfach fortführen lassen, wenn die Lebenswege auseinanderdriften und alte Wunden zurück bleiben. Zugleichfällt es aber auch schwer, alte Bindungen loszulassen, die einst so bedeutsam waren.
Ein zentrales Element der Geschichte ist ein dunkles, zunächst nur vage angedeutetes Geheimnis von beklemmender Tragweite, das über Jahre hinweg zwischen den Freundinnen steht. Menke versteht es, eine subtile Spannung aufzubauen, indem alte Verletzungen und Konflikte nicht offen ausgetragen werden, sondern über Schweigen, Blicke, unvollendete Sätze und das Unausgesprochene laufen. Die Spannung wird beständig aufrechterhalten und macht neugierig darauf, welche Ereignisse die Beziehung so nachhaltig belastet haben.
Mit ihren drei Protagonistinnen hat Menke zwar vielschichtige Charaktere mit Ecken und Kanten angelegt, die allerdings zugleich sehr distanziert und unnahbar bleiben und allesamt wenig Sympathien wecken. Die sprunghafte, extrovertierte Romy zieht alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibt jedoch mit ihrer Unzuverlässigkeit schwer zu enträtseln. Auch die sich stets zurückgesetzt fühlende Sophie entwickelt eine fast zwanghafte Fixierung auf Romy und wird später von unerklärlichen Schuldgefühlen geplagt oder schließlich Lottes rätselhaftes Verhalten und ihr Schicksal, Insgesamt blieben ihre Handlungen und Motive für mich nur teilweise nachvollziehbar, was sie als Figuren wenig greifbar macht.
Mit ihrem ruhigen, schnörkellosen Schreibstil gelingt es Menke, die leicht beklemmende Atmosphäre, die stets zwischen den Zeilen mitschwingt, perfekt einzufangen.
In ihrem Roman thematisiert für meinen Geschmack etwas plakativ Memke auch die Gegensätze zwischen ländlichem Milieu, das für Vertrautheit, Gemeinschaft und vermeintliche Sicherheit steht, und dem städtischen Umfeld, das für Freiheit, Selbstverwirklichung, aber auch Anonymität und Entfremdung steht. Die Darstellung wirkt stellenweise etwas schematisch und hätte deutlich tiefgründiger ausgeführt werden können.
Die Auflösung des um Lotte kreisenden Geheimnisses erfolgt erst spät und hinterlässt bewusst Leerstellen, wodurch das unterschwellige Unbehagen bis zum Schluss präsent bleibt. Die eigentliche Erklärung entpuppt sich in ihrer Banalität als etwas enttäuschend, da ich mit einem dramatischeren Hintergrund gerechnet hatte.
FAZIT
Ein fein gezeichneter Debütroman über die Zerbrechlichkeit weiblicher Freundschaft, der eindrucksvoll über Ausgrenzung und schleichende Entfremdung sowie die dunklen Seiten von Nähe und engen Beziehungen erzählt und zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Zwischen zwei Welten - Vielschichtiger Familienroman

Real Americans
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MEINE MEINUNG
Der vielschichtige Roman „Real Americans“ von Rachel Khong ist eine epische, generationenübergreifende Familiensaga über eine chinesisch-amerikanische Familie.
Khongs ehrgeiziger Versuch ...

MEINE MEINUNG
Der vielschichtige Roman „Real Americans“ von Rachel Khong ist eine epische, generationenübergreifende Familiensaga über eine chinesisch-amerikanische Familie.
Khongs ehrgeiziger Versuch einen „großen amerikanischen Roman“ über den berühmten Mythos des Amerikanischen Traums, über Immigration und Assimilation, Klassenschranken, soziale Ungleichheiten, Rassismus sowie die Bedeutung von ethnischer und gesellschaftlicher Herkunft für den Lebensweg zu verfassen ist allerdings nur teilweise gelungen. Die beeindruckende Themenfülle lässt den Roman deutlich überladen wirken. Viele aktuelle Themen werden nur angerissen, wodurch der erzählerische Fokus bisweilen verloren geht.
Darüber hinaus greift die Autorin in ihrer Geschichte die brisante Thematik genetischer Manipulationen in der Medizin und die damit verbundenen ethisch-moralischen Fragestellungen in der biotechnologischen Forschung auf. Statt einer tiefgründigen Auseinandersetzung über Wissenschaftsethik oder die Gefahren profitgetriebener Interessen dient dieser vielversprechende Ansatz eher der dramatischen Zuspitzung der Familiengeschichte und bleibt letztlich im Hintergrund.

Der Roman gliedert sich in drei große Teile und spannt einen weiten zeitlichen Bogen über mehr als 5 Jahrzehnte. Jeder Abschnitt ist jeweils aus der Ich-Perspektive mit drei ganz unterschiedlichen Erzählstimmen erzählt und entfaltet sich auf einer eigenen Zeitebene, die sich nach und nach zu einer kunstvoll verwobenen Familiengeschichte zusammenfügen.
So folgen wir in der nicht chronologisch angelegten Geschichte den drei Generationen der chinesisch amerikanischen Familie Chen-Maier und wechselt dabei zwischen Zeiten, Perspektiven und Schauplätzen von New York über Florida und Kalifornien bis nach Beijing und Hongkong.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht zunächst Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer und hochqualifizierter Wissenschaftler, die vor der Kulturrevolution aus China in die USA geflohen sind, im New York der Jahrtausendwende. Als schlecht bezahlte Praktikantin in einem New Yorker Medienunternehmen begegnet sie dem wohlhabenden Matthew Allen, Erbe eines mächtigen Pharmagroßkonzerns. Ihre Liebesgeschichte steht jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern, denn zu groß sind die sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen ihnen.
Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu Lilys fünfzehnjährigen Sohn Nick im Jahr 2021, der ohne seinen Vater recht isoliert auf einer Insel vor der Küste Washingtons aufwächst. Von Fragen nach seiner Herkunft getrieben, begibt er sich auf die Suche nach seinem unbekannten Vater. Der letzte, in der nahen Zukunft des Jahres 2030 angelegte Teil widmet sich schließlich dem bewegte Leben von Lilys alter Mutter May, die von ihrer Jugend, ihrer Flucht aus China und ihrer wissenschaftliche Karriere erzählt.

Sehr fesselnd ist die Perspektivvielfalt, die die Geheimnisse, Konflikte und Motive der Charaktere aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und zugleich die vielschichtigen Aspekte von Migration, Identität und Herkunft aufzeigt. Insbesondere der letzte Teil über May und ihren Lebensweg entfaltet mit seinen eindringlichen Schilderungen der Kulturrevolution, der Flucht und des Preises wissenschaftlichen Erfolgs eine eindrückliche erzählerische Kraft. Hier finden zudem die zuvor oft fragmentarischen Erzählstränge zu einem bewegenden Gesamtbild einer zerrissenen Familie zusammen. Nicks Coming of Age Geschichte wirkt hingegen vergleichsweise konventionell, vorhersehbar und lässt an psychologischer Tiefe vermissen.
Ob nun Liebesgeschichte, Familiensaga, Coming-of-age-Geschichte, Gesellschaftsanalyse oder Science-Fiction– der Roman vereint viele verschiedene Facetten und wirft wichtige existenzielle Fragen auf.
Eindrucksvoll arbeitet Khong heraus, dass ein Lebensweg von genetischer Disposition, historischen Bedingungen und gesellschaftlichen Strukturen oder auch durch Zufall gleichermaßen beeinflusst werden kann. Vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich sowie die unsichtbaren Regeln sozialer Zugehörigkeit sorgen aber dafür, dass die Chancen auch heute noch ungleich verteilt bleiben.
Insgesamt jedoch bleibt der Roman hinter seinem Anspruch zurück. So hatte ich mir eine grundlegende und kompromisslose Abrechnung mit den viel gerühmten amerikanischen Werten und Idealen des American Dream sowie dem Umgang mit Migration und ethnischer Abstammung erhofft. Leider bietet er vor allem eine Vielzahl an Schlaglichtern, ohne sie konsequent zu bündeln oder in einer klaren Zuspitzung zusammenzuführen.

FAZIT
Ein ambitionierter und atmosphärisch dichter Roman , der durch seine thematische Vielfalt beeindruckt, aber erzählerisch nicht immer überzeugt und durch seine Breite an Schärfe verliert. Dennoch eine interessante und lesenswerte Auseinandersetzung mit Identität und Herkunft in der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Ein berührender Roman

Pina fällt aus
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MEINE MEINUNG

In ihrem neuen Roman "Pina fällt aus" erzählt die deutsche Autorin Vera Zischke eine bewegende, mitunter nachdenklich stimmende, aber zugleich warmherzige Geschichte über Inklusion, Fürsorge, ...

MEINE MEINUNG

In ihrem neuen Roman "Pina fällt aus" erzählt die deutsche Autorin Vera Zischke eine bewegende, mitunter nachdenklich stimmende, aber zugleich warmherzige Geschichte über Inklusion, Fürsorge, Abhängigkeit und Vertrauen. Vielschichtig setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie sich aus einer nachbarschaftlichen Notgemeinschaft, die sich erst im Ausnahmezustand zusammenfindet, langsam ein echter Zusammenhalt und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln kann.

Im Mittelpunkt steht die alleinerziehende Mutter Pina, die seit Jahren für ihren 20‑jährigen, autistischen Sohn Leo eine aufopfernde Stütze ist, bis sie plötzlich auf der Straße zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Leo lebt in einer eigenen, streng strukturierten Ordnung und ist auf verlässliche Abläufe angewiesen, damit seine Welt nicht aus den Fugen gerät. Mit Pinas Ausfall bricht von einem Moment auf den anderen ein fein abgestimmtes, vertrautes System zusammen, das nicht nur Leos Alltag geregelt, sondern auch ihre gemeinsame kleine Welt zusammengehalten hat.
Sehr anschaulich und einfühlsam zeigt die Autorin, wie stark Pinas Alltag von Selbstverzicht und der Fürsorge für ihren Sohn geprägt war. Sie lebt wie auf einem Drahtseil, auf dem Schuld, Verantwortung, Liebe und Erschöpfung sich in einem dauerhaften, oft unbewusst verschobenen Kräfteverhältnis vermischen. Rückblickend wird deutlich, dass Pina sich fast vollständig nach Leos Eigenarten, seiner vertrauten Routine und Sicherheit richtete, sodass kaum noch Raum für ihre eigenen Bedürfnisse und ihr eigenes Leben übrigblieb. Zischke erzählt ihre Geschichte mit großer Wärme, viel Feingefühl und Leichtigkeit, der die teils ernsten Themen nicht überdeckt, sondern ihnen Raum gibt. Durch ihren lebendigen Schreibstil und zahlreiche humorvolle, teils fast komisch bis chaotisch anmutende Episoden gelingt es ihr, uns trotz der emotionalen Dichte zu fesseln. Die Geschichte wirkt dabei nie überladen, sondern bleibt nah am Alltag, an den kleineren, doch gerade deshalb so markanten Momenten, die sich oft entscheidend auswirken. Durch Pinas medizinischen Notfall sehen sich die drei so unterschiedlichen Bewohner der Hausgemeinschaft mit eine ungewohnten Situation konfrontiert, aus denen heraus sie sich zunächst zögerlich, dann aber immer entschiedener dazu aufgerufen fühlen, für Pina einzuspringen und sich um den alleingelassenen Leo zu kümmern.

Ob nun die junge, rebellische und sehr distanziert wirkende Zola, die hochbetagte, vom Leben gezeichnete Inge oder der schüchterne, in sich gekehrte Wojtek – alle drei haben ihre ganz eigenen Probleme, Enttäuschungen und Verletzungen. Nach anfänglicher Unsicherheit wachsen sie Schritt für Schritt in ihre neue verantwortungsvolle Rolle hinein, stellen sich den ungewohnten Herausforderungen und lernen, füreinander einzustehen und als Gemeinschaft für Leo da zu sein.

Die Betreuung von Leo erweist sich als anstrengend, manchmal komisch bis chaotisch und stets anspruchsvoll, denn es verlangt Geduld, Flexibilität, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, sich zu öffnen und Grenzen neu zu definieren. Mit viel Empathie und dem richtigen Gespür für Zwischentöne schildert Zischke diesen Prozess in all seinen Höhen und Tiefen sehr glaubwürdig. Er verläuft keineswegs reibungslos und harmonisch, sondern ist von Zweifeln, Fehlern, Überforderung, Missverständnissen und kleinen, aber bedeutsamen Erfolgserlebnissen geprägt. Dabei entstehen schrittweise Vertrautheit, ein unausgesprochenes Verständnis und ein Gefühl von Gemeinschaft, das über die eigentliche Aufgabe, Leo zu betreuen, weit hinausgeht.

Faszinierend ist es mitzuerleben, wie Leo nicht nur den Alltag dieser so unterschiedlichen Charaktere verändert, sondern auch ihren Blick auf sich selbst nachhaltig beeinflusst und sie dazu bringt, bislang unentdeckte, überraschend verletzliche, aber auch mutige Seiten an sich zu entdecken.

Mit einer gelungenen Mischung aus scharfer Beobachtung, Einfühlungsvermögen und feinem Humor zeichnet Zischke ein lebendiges und authentisches Bild dieser zunächst eher zufälligen Zweckgemeinschaft. Dabei gelingt es ihr hervorragend, die komplexen menschlichen Beziehungen und alltäglichen Dynamiken des Zusammenlebens in ihren vielfältigen Facetten einzufangen und zugleich die Widersprüche, Nähe und Distanz, Fürsorge und Grenzen aufzuzeigen.

Äußerst gelungen zeichnet Zischke ihre verschiedenen Figuren in ihrer Vielschichtigkeit, ohne sie zu idealisieren. Die Bewohner der Hausgemeinschaft werden mit ihren Widersprüchen, Stärken, Schwächen und Verletzlichkeiten sehr facettenreich und lebensnah darstellt. Glaubwürdig und einfühlsam stellt sie dar, wie jeder einzelne im Verlauf der Geschichte einen individuellen Prozess der Selbstfindung und persönlichen Weiterentwicklung durchläuft. Besonders überzeugend und respektvoll hat Zischke Leo als hochkomplexe, eigenständige Figur ausgearbeitet. Mit klar umrissenen Bedürfnissen, festen Routinen und einer sehr eigenen Wahrnehmung der Welt nimmt er eine zentrale Rolle im Roman ein. Gekonnt zeigt die Autorin auf, wie stark Menschen mit Autismus an feste Strukturen,  klare Regeln und verlässliche Abläufe gebunden sein können, die oft von Dritten als „merkwürdig“, „schwierig“ oder „unverständlich“ abgetan werden. Faszinierend ist es, wie Zischke uns einen nüchternen, zugleich einfühlsamen Einblick in Leos Alltag, seine Strategien zum Umgang mit Veränderungen und seine eigene Art, die Welt zu erfassen, gewährt.  

Neben turbulenten Alltagsgeschehnissen der Hausgemeinschaft rückt wiederholt auch Pinas Perspektive im Krankenhaus als ruhiger Gegenpol in den Fokus. Sehr eindrücklich thematisiert Zischke die Erschöpfung, die verborgene Belastung und Schuldgefühle, mit denen pflegende Angehörige oft konfrontiert sind. 

Sie macht sehr anschaulich deutlich, wie schwer es ist, eigene Grenzen überhaupt noch zu erkennen, wenn das Leben Jahr um Jahr fast ausschließlich auf die Bedürfnisse eines anderen ausgerichtet ist. Zugleich wirft sie die unausgesprochene Frage auf, wie viel ein einzelner Mensch tragen kann, ohne sich selbst zu verlieren oder zu zerbrechen.

Am Ende gelingt ein sehr stimmiger, realistischer Ausklang dieses bewegenden Romans, der nicht übertrieben idealisiert, aber zugleich hoffnungsvoll bleibt.  Die Geschichte zeigt uns auf wundervolle Weise, welche Kraft in kleinen, alltäglichen Gesten der Unterstützung, Aufmerksamkeit und Offenheit steckt, und regt nachhaltig zum Nachdenken über Inklusion, Mitmenschlichkeit, Gemeinschaft, Fürsorge sowie Krankheit, Behinderung und das Anderssein an.

FAZIT

Ein bewegender, warmherziger Roman über Fürsorge,  Inklusion, Erschöpfung und das langsame Wachsen von Gemeinschaft – mit vielschichtigen, lebensnahen Figuren und mit großer Empathie und feinem Humor erzählt.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für empathische, lebendig gezeichnete Alltagsgeschichten, komplexe Figuren und sensible Themen interessieren. 

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