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Veröffentlicht am 22.03.2020

Anspruchsvoller Roman mit interessantem zeitgeschichtlichen Hintergrund

Der Empfänger
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INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler ...

INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.
(Quelle: Klett Cotta-Verlag)
MEINE MEINUNG
In ihrem historischen Roman „Der Empfänger“ widmet sich die deutsche Autorin Ulla Lenze sehr eindrücklich einem zeitgeschichtlichen Thema, über das bei uns in Deutschland sehr wenig bekannt und völlig in Vergessenheit geraten ist. Hierbei handelt es sich um die rechtsradikalen Strömungen in den Vereinigten Staaten ab den frühen 1930erJahren, die Infiltration der USA durch deutsche Agenten während des 2. Weltkriegs und die Bildung eines Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr.
Ulla Lenze erzählt die faszinierende Lebensgeschichte von Josef Klein, einem jungen Mann aus dem Rheinland, der 1925 der Armut und den chaotischen Verhältnissen der Weimarer Republik entflieht und nach Amerika ausgewandert ist, in New York kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs vom Geheimdienst der Nazis rekrutiert und schließlich vom FBI enttarnt wird. Nur haarscharf entgeht er der Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl, wird interniert und später ins Nachkriegsdeutschland abgeschoben.
Lenze ist ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman gelungen, der mich bald völlig in seinen Bann gezogen hat. Faszinierend finde ich zudem, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert und in Teilen die Lebensgeschichte ihres Großonkels wiedergibt.
Gekonnt lässt Lenze uns gemeinsam mit ihrem Protagonisten und jungen Exilanten Josef Klein in die fesselnde, quirlige Metropole New York jener Zeit und in eine Atmosphäre voller Kontraste eintauchen. Sehr anschaulich fängt sie das faszinierend- lebendige Flair der verschiedensten Kulturen und Ethnien ein, lässt uns die Tristesse der Emigranten-Ghettos erahnen, das harte Alltagsleben, die Sorgen und Nöte der kleinen Leute sowie die durch unterschiedliche, politische Strömungen aufgeheizte Stimmung in den Vierteln. Auch äußerst interessante Details zur deutschen Kultur der Deutschamerikaner in New York oder dem Treiben der nationalsozialistischen Organisation - dem Amerikadeutschen Bund hat Lenze geschickt in die Handlung eingewoben.
„Der Empfänger“ ist kein fesselnder Spionagethriller mit rasanter Story. Dennoch ist es der Autorin hervorragend gelungen, über die psychologische Entwicklung ihrer facettenreichen Hauptfigur Spannung aufzubauen, denn immer mehr beschäftigt den Leser die Frage, wieso sich dieser eher freiheitsliebende, weltoffene, unpolitische Mensch in die Arbeit der deutschen Abwehr hat verstricken lassen und wie er als Amateurfunker zum Handlanger der Nazis werden konnte. Mit viel Feingespür hat Lenze die faszinierende, ambivalente Persönlichkeit ihrer Hauptfigur mit all ihren Ecken und Kanten herausgearbeitet. Nach und nach lernen wir diesen Josef Klein in verschiedenen Lebensabschnitten, Zeitebenen und Schauplätzen kennen. In unterschiedlichen Episoden beleuchtet die Autorin sein Leben während der Nazizeit in New York als Joe, während seiner Zwischenstation bei seinem Bruder im kargen Nachkriegsdeutschland als Josef und nach seiner Auswanderung nach Südamerika in den frühen 1950er Jahren auf seinen weiteren Stationen als Don José in Buenos Aires unter den Exildeutschen und in Costa Rica. Ein eigenwilliger, eher passiver Zeitgenosse, der sich ohne konkrete Lebensziele treiben lässt – ein Exilant, der sich zwischen den Welten und Kulturen bewegt, aber nirgendwo richtig angekommen und ohne Heimat ist, sich überall fremd fühlt – eine letztlich tragische Figur. Je mehr wir über ihn mit all seinen Widersprüchen, unglücklichen Verstrickungen und sein Schicksal erfahren, desto mehr macht sich eine Beklommenheit breit. Sympathien und großes Mitgefühl bringt man diesem feinfühligen, etwas naiv wirkenden Menschen entgegen, der sich hat ködern lassen und als ein eher kleines Rädchen in die Fänge der großen Weltpolitik gerät. Sein opportunistisches Handeln kann man zwar nachvollziehen jedoch nicht gutheißen, denn hierdurch hat er sich auch zu einem Täter gemacht und wissentlich die Aktivitäten gedeckt. So begegnet man Josef Klein letztlich mit einer gewissen Distanz und gemischten Gefühlen, denn sein Innenleben und seine Motive bleiben einem bis zum Ende größtenteils fremd und unergründlich, was sicherlich von der Autorin gewollt ist und der Persönlichkeit dieser Figur durchaus gerecht wird.
Im Anhang des Romans findet sich für alle interessierten Leser*innen zur weiteren Vertiefung in das interessante Thema noch eine ausführliche Zusammenstellung von empfehlenswerten Lektüren, die die Autorin auch als Quellen genutzt hat.
FAZIT
Ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman, der mit einer faszinierenden und fesselnden Geschichte über eine tragische Figur, die auf wahren Begebenheiten basiert. Sehr lesenswert!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.03.2020

Unterhaltsamer Auftakt einer neuen Venedig-Krimireihe

Der freie Hund
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INHALT
Commissario Antonio Morello, genannt »Der freie Hund«, hat in Sizilien korrupte Politiker verhaftet und steht nun auf der Todesliste der Mafia. Um ihn zu schützen, wird er nach Venedig versetzt. ...

INHALT
Commissario Antonio Morello, genannt »Der freie Hund«, hat in Sizilien korrupte Politiker verhaftet und steht nun auf der Todesliste der Mafia. Um ihn zu schützen, wird er nach Venedig versetzt. Er hasst die Stadt vom ersten Augenblick an. Zu viele Menschen, trübes Wasser, Kreuzfahrtschiffe, die die Luft verpesten und die Stadt gefährden – selbst der Espresso doppio, ohne den er nicht leben kann, schmeckt ihm in Sizilien besser. Doch Venedig ist eine große Verführerin. Unaufhaltsam entwickelt sie ihre Anziehungskraft. Als Silvia, die schöne Nachbarin, ihm ihr persönliches, verborgenes Venedig zeigt, werden Morellos Widerstandskräfte auf eine harte Probe gestellt. Da wird der junge Anführer einer Bürgerinitiative gegen die Kreuzfahrtschiffe ermordet, und der freie Hund hat seinen ersten Fall, der ihn tief in die Verstrickungen von italienischer Politik und Verbrechen führt.

(Quelle: Kiwi Verlag)


MEINE MEINUNG
Mit ihrem gemeinsamen Debüt „Der freie Hund“ hat das Autorenduo Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo einen sehr unterhaltsamen Auftakt einer neuen Krimi-Reihe mit viel italienischem Flair vorgelegt, die vor der aufregenden Kulisse der prächtigen italienischen Lagunenstadt Venedig angesiedelt ist. Im Mittelpunkt steht Commissario Antonio Morello aus Sizilien, der zum Schutz vor Racheakten der sizilianischen Mafia kurzerhand nach Venedig versetzt wurde und keineswegs begeistert davon ist.
Der sehr lebendige Schreibstil der Autoren mit flotten Dialogen lässt uns schnell in die spannende Handlung eintauchen. Auch die vielen eingestreuten, italienischen Ausdrücke, die direkt übersetzt werden oder deren Bedeutung sich aus dem Zusammenhang ergibt, sorgen für eine tolle authentische Atmosphäre. Die Autoren verstehen es gut, ihre Leser mitzunehmen in ein Venedig voller Gegensätze -mit ihren faszinierenden, historischen Sehenswürdigkeiten und einzigartigem Flair aber auch ihren Schattenseiten wie den quälenden Touristenströmen, den ökologischen Problemen und den Existenznöten der einheimischen Bevölkerung. Es gelingt ihnen ausgezeichnet, das besondere Ambiente der Lagunenstadt einzufangen und die besonderen Schauplätze so bildhaft zu beschreiben, dass das Kopfkino hervorragend funktioniert. Mühelos taucht man in die aufregende Kulisse ein und genießt die kulinarischen Ausflüge.
Für ihren Krimi haben sich Schorlau und Caiolo einen sehr interessanten, spannenden Plot ausgedacht, in dem sie neben den aktuellen Problemen der Lagunenstadt auch etliche hochpolitische Themen Italiens wie die zunehmende ökonomische Krise, Korruption und die besorgniserregende Verfilzung von kommerziellen und politischen Interessen aufgreifen. Die Ermordung eines jungen Umweltaktivisten und Anführer einer Studentenbewegung gegen Kreuzfahrtschiffe, der zugleich aus einem der angesehensten und reichsten Häuser Venedigs stammt, lässt sich zunächst sehr fesselnd an und bietet brisante Einblicken in die komplexe Problematik von Massentourismus in Venedig und seine verheerenden ökologischen und sozialen Folgen. Doch Morellos Ermittlungen in dem recht undurchsichtigen Fall schreiten eher gemächlich voran und Spannung will nicht so recht aufkommen. Leider zerfasert sich die Handlung zwischenzeitlich immer mehr, Morellos Privatleben und seine persönliche Agenda rücken zunehmend in den Mittelpunkt, so dass man den eigentlichen Kriminalfall und die Ermittlungsarbeit fast völlig aus den Augen verliert.
Nach einigen überraschenden Wendungen zieht die Spannung zum Ende hin aber deutlich an und Commissario Morello kann bei der Auflösung am Ende doch noch beweisen, dass er den richtigen Riecher hatte und die Verstrickungen von italienischer Politik und organisiertem Verbrechen auch vor dem Norden nicht halt machen. Der Ausklang des ersten Bands ist sehr schlüssig und realitätsnah gewählt und macht neugierig auf eine Fortsetzung. Ich bin gespannt, in welchem brisanten neuen Fall Commissario Morello ermitteln und in wen sich „Il cane senza padrone“ demnächst verbeißen wird.

FAZIT
Die beiden Autoren haben sich in ihrem sehr unterhaltsamen Krimiauftakt „Der freie Hund“ an eine eigentlich vielversprechende Mischung von Regionalkrimi mit viel stimmungsvollen Venedig-Flair, kulinarischen Ausflügen und gesellschaftskritischem und hochpolitischem Krimi herangewagt. Die Umsetzung wirkte aber leider nicht ganz ausgewogen und auch der Spannungsaufbau konnte mich nicht völlig überzeugen.
Dennoch ein interessanter Krimiauftakt mit viel Potential und interessanten, lebensechten Charakteren!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.03.2020

Ein unterhaltsamer historischer Roman und lohnendes Hörerlebnis

Die brennenden Kammern
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INHALT

Carcassonne, 1562:

Minou Joubert wächst als Tochter eines katholischen Buchhändlers auf. Eines Tages erhält sie einen versiegelten Brief mit den Worten: "Sie weiß, dass du lebst." Noch bevor sie ...

INHALT

Carcassonne, 1562:

Minou Joubert wächst als Tochter eines katholischen Buchhändlers auf. Eines Tages erhält sie einen versiegelten Brief mit den Worten: "Sie weiß, dass du lebst." Noch bevor sie herausfinden kann, was hinter der mysteriösen Botschaft steckt, wird die Begegnung mit dem jungen Piet Reydon ihr Leben für immer verändern. Denn der Hugenotte hat eine gefährliche Mission, und er zählt auf Minous Hilfe, um aus der Stadt zu fliehen.

(Quelle: Lübbe Audio)


MEINE MEINUNG

Mit dem historischen Roman „Die brennenden Kammern“ hat die britischen Bestseller-Autorin Kate Mosse den fesselnden Auftakt einer neuen Historien-Saga vorgelegt, die vor dem Hintergrund der blutigen französischen Religionskriege angesiedelt ist und ihren Ausgang während des 16. Jahrhunderts im Languedoc nimmt. „Die brennenden Kammern“ ist eine fesselnde, opulente und sehr vielschichtige Geschichte von verbotener Liebe, dunklen Familiengeheimnissen, Verschwörungen und verhängnisvollem Verrat.

Bei der geplanten Romanreihe, die wahrscheinlich vier Bände umfassend wird, handelt es sich um eine episch angelegte Familiengeschichte, die vom Frankreich des 16. Jahrhunderts bis ins Südafrika des 19. Jahrhunderts reichen wird und in deren Mittelpunkt das Schicksal der Hugenotten, ihr Überlebenskampf und ihre Vertreibung durch die Glaubenskriege steht.
Der lebendige und sehr ausdrucksvolle Erzählstil der Autorin macht den Einstieg in die Geschichte recht leicht. Die verwirrende Vielzahl der Charaktere hingegen bereitet anfangs deutlich Schwierigkeiten. Und gibt sich erst im Laufe der Handlung.

Anschaulich führt uns die Autorin die verschiedenen Facetten des Alltagslebens der Bevölkerung in den mittelalterlichen Städten von Carcasonne und Toulouse vor Augen, so dass man sich rasch in die damalige Zeit hineinversetzen kann. Sehr feinfühlig vermittelt sie die sich zuspitzenden religiösen Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken und fängt gekonnt die schwelenden Animositäten und die unheilvolle Stimmung ein. Teilweise sehr detailgenau und recht schonungslos werden allerdings auch Episoden von brutalen Folterungen, blutigen Schlachten und Szenen der Gewalt beschrieben, die zartbesaitete Gemüter sicher schockieren werden. Die Handlung wechselt geschickt zwischen verschiedenen Schauplätzen und unterschiedlichen Akteuren ab und gibt in eingeschobenen Passagen Einblicke in rätselhafte Tagebucheinträge, deren Urheber und Bedeutung sich erst allmählich erschließen. Zudem werden in einigen Episoden auch historisch verbürgte Ereignisse wiedergegeben, die in die fesselnde, fiktive Geschichte um die beiden Protagonisten, die junge Minou Joubert und den Hugenotten Piet Reydon, eingebettet sind.

Die Spannung der gut durchdachten Geschichte baut sich immer weiter auf, beginnend mit der geheimnisvollen Vergangenheit der Familie Joubert, dem mysteriösen Verbleib des wertvollen gestohlenen Grabtuchs von Antiochia und Piets gefährlicher Mission bis hin zu den komplexen politischen Verwicklungen und den zunehmenden Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten, die in den gewaltsamen Unruhen von 1562 in Toulouse gipfeln. Im Laufe der ereignis- und wendungsreichen Handlung müssen sich die Charaktere vielen abenteuerlichen Herausforderungen stellen und gefährliche Situationen bewältigen. Allmählich verdichten sich die Erzählstränge immer mehr und offenbaren dem Leser viele Zusammenhänge. Nach einigen überraschenden Verwicklungen und einem packenden, hochdramatischen Finale kommt es am Ende zu einem stimmigen Abschluss dieses gelungenen Romanauftakts. Der 10 Jahre später angesiedelte Epilog gibt bereits einen unheilvollen, aber vielversprechenden Ausblick auf die Fortsetzung dieser fesselnden Familiengeschichte.
Die zahlreichen Figuren der Geschichte sind detailreich dargestellt und werden dem Leser rasch nahe gebracht. Im Mittelpunkt des Romans stehen die 19-jährige Buchhändlerstochter und Katholikin Minou Joubert und der junge Protestant Piet Reydon. Sehr lebensnah und ausführlich die Autorin ihre beiden Protagonisten angelegt, die ich mir allerdings noch etwas tiefgründiger und weniger glatt gewünscht hätte. Weitgehend glaubhaft hat Mosse ihre Entwicklungen und Handlungsweisen herausgearbeitet, so dass man sich recht gut in sie hineinversetzen kann. Die zwischen ihnen langsam entstehende Liebesgeschichte wirkt zwar etwas klischeebehaftet, gibt der Handlung aber zusätzliche Würze und hält sich insgesamt angenehm im Hintergrund.

ZUM HÖRBUCH
Die gekürzte Lesefassung ist mit insgesamt 621 Minuten Spielzeit ist auf 8 CDs untergebracht. Die Kürzungen wurden geschickt gewählt und wirken sich beim Hören nicht auf das Verständnis der Handlung aus, sondern erweisen sich bei diesem opulenten Werk als sehr sinnvoll und wohltuend.

Mit Ilona Teichmüller hat der Lübbe AUDIO Verlag eine Sprecherin verpflichtet, die mich mit ihrer ruhigen Erzählstimme und einer stimmigen Leseleistung überzeugen konnte. Ihre Art zu lesen ist sehr ansprechend und lässt den Hörer nahe ans Geschehen herankommen. Sie präsentiert den historischen Stoff äußerst lebendig und in einem angenehmen Tempo, so dass man gut folgen kann und sich hervorragend auf den ausschweifenden Erzählstil der Autorin einlassen kann. Gekonnt variiert die Sprecherin ihre Stimme, um in die unterschiedlichen Figuren zu schlüpfen und sorgt mit Tempowechsel oder stimmlicher Nuancierung für Abwechslung. Lediglich einige Männerstimmen hätte ich mir etwas prägnanter und weniger lieblich gewünscht. Die dezente Hintergrundmusik, mit der die einzelnen CDs eingeführt und beendet werden, stellt eine gute Ergänzung zu der tollen Lesung dar.


FAZIT

Ein fesselnder und unterhaltsamer historischer Roman mit einer opulenten Geschichte von Liebe, Geheimnissen, Verschwörungen und Verrat!

Die Hörbuchfassung ist wegen der Vielzahl an Handlungssträngen und Figuren ein recht herausforderndes, aber dank der überzeugenden Leistung der Sprecherin ein lohnendes Hörerlebnis!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.03.2020

Opulenter Historienschmöker

Die brennenden Kammern
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INHALT
Carcassonne, 1562:
Minou Joubert wächst als Tochter eines katholischen Buchhändlers auf. Eines Tages erhält sie einen versiegelten Brief mit den Worten: "Sie weiß, dass du lebst." Noch bevor sie ...

INHALT
Carcassonne, 1562:
Minou Joubert wächst als Tochter eines katholischen Buchhändlers auf. Eines Tages erhält sie einen versiegelten Brief mit den Worten: "Sie weiß, dass du lebst." Noch bevor sie herausfinden kann, was hinter der mysteriösen Botschaft steckt, wird die Begegnung mit dem jungen Piet Reydon ihr Leben für immer verändern. Denn der Hugenotte hat eine gefährliche Mission, und er zählt auf Minous Hilfe, um aus der Stadt zu fliehen.

(Quelle: Lübbe Verlag)


MEINE MEINUNG
Mit dem historischen Roman „Die brennenden Kammern“ hat die britischen Bestseller-Autorin Kate Mosse den fesselnden Auftakt einer neuen Historien-Saga vorgelegt, die vor dem Hintergrund der blutigen französischen Religionskriege angesiedelt ist und ihren Ausgang während des 16. Jahrhunderts im Languedoc nimmt. „Die brennenden Kammern“ ist eine fesselnde, opulente und sehr vielschichtige Geschichte von verbotener Liebe, dunklen Familiengeheimnissen, Verschwörungen und verhängnisvollem Verrat.
Bei der geplanten Romanreihe, die wahrscheinlich vier Bände umfassend wird, handelt es sich um eine episch angelegte Familiengeschichte, die vom Frankreich des 16. Jahrhunderts bis ins Südafrika des 19. Jahrhunderts reichen wird und in deren Mittelpunkt das Schicksal der Hugenotten, ihr Überlebenskampf und ihre Vertreibung durch die Glaubenskriege steht.
In einem dem Roman vorangestellten Vorwort „Anmerkungen zu den Hugenottenkriegen“ erläutert die Autorin die historischen Hintergründe und greift mit den Glaubenskriegen ein dunkles Kapitel in der Geschichte Frankreichs auf. Kurz umreißt sie für die Leser die düstere, konfliktreiche Zeitepoche, in der das Land eine religiöse Spaltung erfuhr und die protestantische Minderheit der Hugenotten einer gnadenlosen Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt war. Somit erhält ihre Geschichte durchaus auch nachdenklich stimmende Bezüge zu unserer krisengeschüttelten, heutigen Zeit.
Zur besseren Orientierung findet sich im Anschluss an das Vorwort eine Ausschnittskarte, in die Carcassonne, Toulouse und Puivert als wichtigste Schauplätze der Geschichte eingezeichnet sind. Um einen Überblick über zahlreichen Figuren zu behalten, gibt es zudem eine Auflistung der in der Geschichte vorkommenden fiktiven Hauptfiguren sowie der historischen Personen. Die etwas verwirrende Vielzahl der Charaktere lässt sich dennoch nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten gut zuordnen.
Der lebendige und sehr ausdrucksvolle Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen. Sehr anschaulich führt uns die Autorin die verschiedenen Facetten des Alltagslebens der Bevölkerung in den mittelalterlichen Städten von Carcasonne und Toulouse vor Augen, so dass man sich rasch in die damalige Zeit hineinversetzen kann. Sehr feinfühlig vermittelt sie die sich zuspitzenden religiösen Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken und fängt gekonnt die schwelenden Animositäten und die unheilvolle Stimmung ein. Teilweise sehr detailgenau und recht schonungslos werden allerdings auch Episoden von brutalen Folterungen, blutigen Schlachten und Szenen der Gewalt beschrieben, die zartbesaitete Gemüter sicher schockieren werden. Die Handlung wechselt geschickt zwischen verschiedenen Schauplätzen und unterschiedlichen Akteuren ab und gibt in eingeschobenen, kursiv gedruckten Passagen Einblicke in rätselhafte Tagebucheinträge, deren Urheber und Bedeutung sich erst allmählich erschließen. Zudem werden in einigen Episoden auch historisch verbürgte Ereignisse wiedergegeben, die in die fesselnde, fiktive Geschichte um die beiden Protagonisten, die junge Minou Joubert und den Hugenotten Piet Reydon, eingebettet sind.
Die Spannung der gut durchdachten Geschichte baut sich immer weiter auf, beginnend mit der geheimnisvollen Vergangenheit der Familie Joubert, dem mysteriösen Verbleib des wertvollen gestohlenen Grabtuchs von Antiochia und Piets gefährlicher Mission bis hin zu den komplexen politischen Verwicklungen und den zunehmenden Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten, die in den gewaltsamen Unruhen von 1562 in Toulouse gipfeln. Im Laufe der ereignis- und wendungsreichen Handlung müssen sich die Charaktere vielen abenteuerlichen Herausforderungen stellen und gefährliche Situationen bewältigen. Allmählich verdichten sich die Erzählstränge immer mehr und offenbaren dem Leser viele Zusammenhänge. Nach einigen überraschenden Verwicklungen und einem packenden, hochdramatischen Finale kommt es am Ende zu einem stimmigen Abschluss dieses gelungenen Romanauftakts. Der 10 Jahre später angesiedelte Epilog gibt bereits einen unheilvollen, aber vielversprechenden Ausblick auf die Fortsetzung dieser fesselnden Familiengeschichte.
Die zahlreichen Figuren der Geschichte sind detailreich dargestellt und werden dem Leser rasch nahe gebracht. Im Mittelpunkt des Romans stehen die gebildete, 19-jährige Buchhändlerstochter und Katholikin Minou Joubert, die nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater und ihren beiden Geschwistern in der okzitanischen Festungsstadt Carcassonne leben, und der junge Protestant Piet Reydon. Sehr lebensnah und ausführlich die Autorin ihre beiden Protagonisten angelegt, die ich mir allerdings noch etwas tiefgründiger und weniger glatt gewünscht hätte. Weitgehend glaubhaft hat Mosse ihre Entwicklungen und Handlungsweisen herausgearbeitet, so dass man sich recht gut in sie hineinversetzen kann. Die zwischen ihnen langsam entstehende Liebesgeschichte wirkt zwar etwas klischeebehaftet, gibt der Handlung aber zusätzliche Würze und hält sich insgesamt angenehm im Hintergrund.
Am Ende des Romans erläutert die Autorin in „Anmerkungen zur Sprache“ noch einige wissenswerte Details zu der „Langue D’Oc“ – der Sprache des Midi, und ihrer Verbreitung im Laufe der Jahrhunderte.

FAZIT
Ein fesselnder und unterhaltsamer historischer Roman mit einer opulenten Geschichte von Liebe, Geheimnissen, Verschwörungen und Verrat!
Ein vielversprechender Auftakt einer episch angelegten Familiengeschichte rund um die französischen Religionskriege und das Schicksal der Hugenotten – genau das richtige für Fans von Historienschmökern!

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Veröffentlicht am 16.03.2020

Bewegender, feinfühlig erzählter Roman

Die Geheimnisse meiner Mutter
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INHALT
"Wie soll man seine Zukunft finden, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt?“
Mit vierzehn bringt Rose ihre Mutter um – allerdings nur in den Geschichten, die sie ihren Mitschülern erzählt. Das ...

INHALT
"Wie soll man seine Zukunft finden, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt?“
Mit vierzehn bringt Rose ihre Mutter um – allerdings nur in den Geschichten, die sie ihren Mitschülern erzählt. Das ist leichter zu ertragen, als zuzugeben, dass ihre Mutter Elise einfach verschwunden ist, als Rose noch ein Baby war, und dass sie keine Ahnung hat, wohin, und vor allem – warum. Als Rose erwachsen ist, erfährt sie, dass die Schriftstellerin Constance Holden, einst eine gefeierte Bestsellerautorin, die dann aber plötzlich mit dem Schreiben aufgehört hat, damals die Letzte war, zu der Roses Mutter vor ihrem Verschwinden Kontakt hatte. Und mehr als das – Elise und Constance waren ein Liebespaar. Rose nimmt Kontakt zu Constance auf, um endlich zu erfahren, was mit ihrer Mutter geschehen ist …
(Quelle: Insel Verlag )
MEINE MEINUNG
Nach ihren weltweit erfolgreichen Romanen „Die Magie der kleinen Dinge“ und „Das Geheimnis der Muse“ ist der Jessie Burton mit „Die Geheimnisse meiner Mutter“ erneut ein bewegender Roman gelungen, der mich seinen faszinierenden weiblichen Charakteren und seinen geschickt verwobenen Erzählsträngen sehr fesseln konnte. In ihrem Roman erzählt Burton über Geheimnisse, Lügen und fatale Fehlentscheidungen, die das Leben der drei Protagonistinnen nachhaltig geprägt haben. Es ist eine tiefgründige Geschichte über Freundschaft, Liebe, Leidenschaften, Eifersucht, Vertrauen und Verlust, in der sich Burton auch mit den Folgen eines fehlenden Muttervorbilds und einer fehlenden Mutter-Tochter-Beziehung für die eigene Zukunft auseinandersetzt.
Mit ihrem wundervoll einfühlsamen, mitreißenden Schreibstil und geschickt gesetzten Perspektivwechseln gelingt es der Autorin mühelos, den Leser immer tiefer in die mysteriöse Geschichte um Rose und ihre verschwundene Mutter Elise hineinzuziehen.
Der Roman hat zwei, auf verschiedenen zeitlichen Ebenen angelegte Handlungsstränge, wovon der eine in der Gegenwart in Großbritannien im Jahr 2017 spielt und aus der Ich-Perspektive der 35-jährigen Rose erzählt wird. Der andere zeigt die Vergangenheit mit unterschiedlichen Episoden in London, Los Angelos und New York in den frühen 1980er Jahren, in denen die erfolgreiche Schriftstellerin Constance Holden und ihre junge Gefährtin und Geliebte Elise Morceau im Mittelpunkt stehen.
Jessie Burton verknüpft die beiden eigenständigen, sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit abwechselnden und Erzählstränge sehr geschickt zu einer vielschichtigen Geschichte. Diese entwickelt zwar erst allmählich Spannung, gewinnt dann aber mit den schrittweisen Enthüllungen zunehmend an Dynamik. Alles scheint auf eine erschütternde Enthüllung zu einem in der Vergangenheit liegenden Schlüsselereignis hinauszulaufen. So versucht man die gut gehüteten Geheimnisse, tragischen Verwicklungen und persönlichen Tragödien rund um die weiblichen Hauptfiguren zu ergründen, die ihr aller Leben auf derart einschneidende Weise verändert haben.
Gefesselt haben mich vor allem die hervorragend ausgearbeiteten weiblichen Hauptfiguren, die charakterlichen Ähnlichkeiten zwischen Mutter und Tochter sowie ihre recht komplizierten Beziehungen zueinander: Die charismatische, selbstbewusste Bestsellerautorin Connie, die rätselhafte Elise und ihre Tochter Rose, die versucht die quälende Leerstelle in ihrem Leben zu füllen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist. Die Autorin hat mit ihnen sehr außergewöhnliche, hochinteressante und facettenreiche Charaktere geschaffen, von denen eine besondere Faszination ausgeht. Sensible, eigenwillige und leidenschaftliche Frauen lernen wir einerseits kennen, die andererseits aber auch ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten aufweisen. Sehr einfühlsam, anschaulich und bewegend beschreibt Burton in verschiedenen Episoden die so unterschiedlich verlaufenen Lebensgeschichten der drei Frauen, die oftmals zu einer emotionalen Achterbahnfahrt werden.
Sie zeigt hierbei sehr nachvollziehbar auf, dass jeder das Recht auf ein selbst bestimmtes Leben und innere Freiheit hat, dies aber für sich und andere auch einen Preis haben kann. Zudem beleuchtet die Autorin in ihrem nachdenklich stimmenden Roman auch den komplexen, ambivalenten Themenkreis rund um die Mutterschaft - von Aspekten wie dem gesellschaftlichen Druck zur sozialen Pflichterfüllen, Bereicherung des Lebenssinns bis hin zu beklemmenden Einblicken in das Mutter-Sein zwischen irrationalen Ängsten, Selbstentfremdung und Überforderung.
Der Autorin gelingt es hervorragend, den Spannungsbogen bis zum Schluss immer mehr zu spannen und uns mit der Enthüllung des folgenschweren Geheimnisses um Elises Verschwinden zu überraschen. Sehr passend gewählt finde ich dabei das offene Ende und den mit „Als sie ging“ betitelten, eher rätselhaften Ausklang dieses bewegenden Romans, der sehr zum Nachdenken anregt.
FAZIT
Ein mitreißender, bewegender und sehr einfühlsam erzählter Roman mit drei beeindruckenden, facettenreichen Protagonistinnen.
Eine empfehlenswerte Lektüre, die zum Nachdenken anregt!

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