Profilbild von bookloving

bookloving

Lesejury Star
offline

bookloving ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bookloving über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.02.2026

Zwischen Idylle und Intrige - Ein beeindruckendes Debüt

Down Cemetery Road
0

MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt für Schritt führt er uns in eine beklemmende Welt voller Verrat, Machtspielen und verdeckten Interessen, bis sich der zunächst scheinbar konventionelle Fall zu einem packenden Spionagethriller verdichtet.
Deutlich lässt dieses Debüt schon die unverwechselbare Handschrift seiner späteren Erfolge erkennen, die sich durch einen clever komponierten Plot, subtilen Sarkasmus und Herrons unbestechlichem Blick auf das Abgründige hinter einer harmlosen bürgerlichen Normalität auszeichnen.
Im Mittelpunkt steht mit Sarah Tucker eine Protagonistin, die interessanter Weise weder Polizistin noch Detektivin ist, sondern eine frustrierte Hausfrau in unglücklicher Ehe mit einem erfolgreichen Investmentbanker. Als während einer Dinnerparty in einem Oxforder Vorort ein Haus in der Nachbarschaft in die Luft fliegt und ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust die Hintergründe zu dem Unglück zu ermitteln. Ihre obsessive Suche nach dem verschwundenen Kind und der Wahrheit führt sie nichtsahnend immer tiefer in ein undurchsichtiges Netz aus Geheimdiensten, korrupten Beamten und skrupellosen Agenten, bis sie selbst ins Fadenkreuz gerät.
Nach einem behutsamen Einstieg, der zunächst die verschiedenen Charaktere einführt und eine besonders unheilvolle Atmosphäre heraufbeschwört, versteht es Herron hervorragend, die Spannung schrittweise aufzubauen und uns bis zur letzten Seite zu fesseln. Schon bald muss Sarah als unbedarfte Ermittlerin erkennen, dass hinter den glänzenden Fassaden der beschaulichen Oxforder Bürgerlichkeit nichts so ist wie es zunächst scheint. Ein undurchsichtiges wie mächtiges Geflecht aus dunklen Machenschaften, staatlichen Vertuschungen und stillschweigender Komplizenschaft wird erkennbar, das zu allem bereit ist, um eine politisch-militärische Intrige zu decken. So wandelt sich der Plot zusehends in eine feine, sehr entlarvende Satire auf die Mechanismen Macht und Bürokratie sowie die Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit bürgerlicher Existenzen.
Herrons präziser, ironisch geschärfter Schreibstil besticht durch trockenen Humor, pointierte Wortspiele und feinstes britisches Understatement. Mit raffinierten Tempo- und Perspektivwechseln steigert er die Dramatik der komplexen Geschehnisse und verdichtet die Atmosphäre zu einem düsteren, beklemmenden Panorama herauf.
Besonders eindrücklich gelingt Herron die Zeichnung seiner Hauptfigur Sarah Tucker, die keine klassische Ermittlerin ist, sondern mit ihrer rastlosen Suche nach Antworten ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Leben und inneren Leere entfliehen möchte. Ihre hartnäckigen Nachforschungen sind weniger kriminalistischer Natur als Ausdruck einer Auflehnung gegen Demütigung und Angepasstheit und der Sehnsucht, ihrem faden Leben wieder einen Sinn zu geben. So wird sie zu eine unbeirrbaren, moralisch angetriebene Ermittlerin wider Willen, die mehr entdeckt als sie je wissen wollte und die immer mehr über sich selbst hinauswächst.
Nach zahlreichen überraschenden Wendungen, falschen Fährten und spannungsreichen Actionszenen kulminiert die Geschichte in einem dramatischen Showdown, der psychologisch wie dramaturgisch überzeugt.
FAZIT
Ein intelligenter, atmosphärisch dichter Spannungsroman, der ebenso fesselt wie nachdenklich stimmt. Gekonnt verbindet Herron packende Unterhaltung mit feiner Gesellschaftsanalyse und einem vielschichtigen Figurenporträt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.02.2026

Ein origineller, fesselnder Whodunit

Tod zur Teestunde
0

MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser ...

MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser dritte Band an die Vorgänger „Die Morde von Pye Hall“ und „Der Tote aus Zimmer 12“ anknüpft, lässt sich die Geschichte auch ohne Vorkenntnisse genießen und besticht durch einen faszinierenden, raffiniert verschachtelten Plot. Horowitz beweist hierbei wieder sein außergewöhnliches Talent für anspruchsvolle, vielschichtige Whodunits, in denen er geschickt typische Elemente klassischer Kriminalgeschichten und Anspielungen auf die großen Werke der Goldenen Krimi-Ära einfließen lässt.
Mit seinem lebendigen Schreibstil und pointiertem britischen Humor gelingt es Horowitz hervorragend, uns von Beginn an in den Bann zu ziehen.
Wie bereits bei den Vorgängern gliedert sich die Handlung in zwei gekonnt miteinander verwobene Erzählstränge. In der Gegenwart folgen wir der wieder nach London in ihr altes Leben zurückgekehrten Lektorin Susan Ryeland, die einen heiklen Lektoratsauftrag annimmt, um wieder in der Verlagswelt Fuß zu fassen. Sie soll das Manuskript von Eliot Crace redigieren, der den letzten Fall des berühmten Meisterdetektivs „Atticus Pünd“ ganz im Stil des verstorbenen Autors Alan Conway geschrieben hat. Als Enkel der berühmten Kinderbuchautorin Miriam Crace, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, hat Eliot in seinem eigenen Roman offenbar geschickt Hinweise auf den mutmaßlichen Mord an seiner Großmutter versteckt. Nach und nach wird Susan bei ihren hartnäckigen Nachforschungen in einen Strudel aus alten Familiengeheimnissen und Intrigen und schließlich sogar in einen mysteriösen Todesfall hineingezogen, bei dem sie bald selbst unter Verdacht gerät.
Der zweite Erzählstrang - mit dem fiktiven Kriminalroman als „Buch-im-Buch“-Element - führt ins Jahr 1955 nach Südfrankreich, wohin der berühmte Ermittler Atticus Pünd von einer reichen Dame eingeladen wird, die kurz darauf auf ihrem Landgut Marble Hall tot aufgefunden wird. In dem passagenweise enthüllten Manuskript aus der Feder des jungen Autors entfaltet sich ein von Gier, Familienzwist und verdeckten Motiven geprägter, klassischer Whodunit, der ganz in der Tradition der berühmten Autoren der goldenen Krimi-Ära verfasst ist.
Äußerst fesselnd ist es, Susan bei ihren Befragungen zu begleiten, die eine Vielzahl von Verdachtsmomenten und verwobenen Beziehungen enthüllen. Die vielen versteckten Hinweise im Manuskript, anspielungsreichen Wendungen und clever konstruierten Finten laden zum Miträtseln ein, und so ist es bei diesem literarischen Puzzle eine große Herausforderung, die raffiniert ineinander verschränkten Zusammenhänge zwischen fiktiven und realen Geschehnissen auszuloten.
Besonders überzeugend ist Susan Ryeland als sympathische und clevere Protagonistin voller subtiler Zwischentöne gezeichnet, deren persönliche Entwicklung und einfühlsame Art zu ermitteln mir sehr gut gefallen hat. Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind vielschichtig und mit feinem Humor charakterisiert.
Das britische Flair, die unterschiedlichen atmosphärisch dichten Settings im modernen London oder nostalgisch angehauchten Südfrankreich der 1950ger sowie die Vielzahl interessanter Charaktere sorgen zudem für ein höchst abwechslungsreiches Leseerlebnis. Besonders gelungen sind auch die aufschlussreichen Einblicke in die Buchbranche, stets gewürzt mit amüsanten Seitenhieben auf die Verlagswelt.
Sehr versiert steigert Horowitz in seiner komplexen Geschichte die Spannung mit einem geschickten Spiel von Sein und Schein und mit unseren Erwartungen bis zum packenden Finale. Die schlüssige Auflösung erfolgt klassisch in bester Agatha-Christie-Manier bei der alle Verdächtigen zusammenkommen und die Hintergründe und Motive nachvollziehbar offen gelegt werden. Trotz vereinzelter Vorahnungen konnte mich Horowitz dennoch überraschen und so lässt er seinen Roman mit einem runden, befriedigenden Abschluss ausklingen.
FAZIT
Ein spannender, origineller und unterhaltsamer Whodunit mit einem raffiniert angelegten Plot, der sowohl Fans der Reihe als auch Liebhaber anspruchsvoller klassischer Kriminalromane begeistern wird.
Eine warmherzige, humorvolle und gelungene Hommage an das traditionelle britische Krimi-Genre!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.01.2026

Berührender Cosy Crime

Der Tag, an dem Barbara starb
0

MEINE MEINUNG
Mit seinem Debüt „Der Tag, an dem Barbara starb“ präsentiert Richard Hooton einen charmanten, etwas eigenwilligen Cosy Crime mit unverkennbarem britischem Flair. Im Zentrum steht weniger ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem Debüt „Der Tag, an dem Barbara starb“ präsentiert Richard Hooton einen charmanten, etwas eigenwilligen Cosy Crime mit unverkennbarem britischem Flair. Im Zentrum steht weniger der spannende Kriminalfall als vielmehr eine feinfühlig erzählte Familiengeschichte mit unerwarteter emotionaler Tiefe.
Gekonnt entfaltet Hooton eine ruhige und zugleich sehr berührende Geschichte, die vor allem durch ihre feine Melancholie, einfühlsame Beobachtungen sowie vielschichtige Charakterzeichnung überzeugt.
Im Mittelpunkt steht die verwitwet 89-jährige Margaret Winterbottom, eine liebenswerte Protagonistin, die allein in ihrem kleinen Häuschen in einem beschaulichen nordenglischen Dorf lebt, wo sie fast ihr ganzes Leben verbracht hat. Seit ihr Körper und auch ihr ehemals gutes Gedächtnis sie gelegentlich im Stich lassen, wird sie von ihrer beunruhigten Familie umsorgt und zunehmend bevormundet.
Als ihre beste Freundin und Nachbarin Barbara eines Abends tot aufgefunden wird und die Polizei bei den Mordermittlungen nicht vorankommt, beschließt Margaret selbst aktiv zu werden und eigene Nachforschungen anzustellen. Ausgerechnet jene letzten Worte, die die sichtlich beunruhigte Barbara ihr kurz vor ihrem Tod anvertraute, wollen Margaret einfach nicht mehr einfallen. Irgendwo zwischen ihren Erinnerungsfetzen könnte schließlich der Schlüssel zur Wahrheit liegen. Nur gut, dass sie sich auf ihren cleveren fünfzehnjährigen Enkel James verlassen kann, der sie bei der Aufklärung tatkräftig unterstützt und versucht, ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge zu helfen.
Erzählt wird die Geschichte aus Margarets Perspektive, durchsetzt von Rückblenden, liebevollen Details und nachdenklichen Gedankengängen. Besonders eindrücklich gelingt Hooton der Einblick in das Innenleben und die Gedankenwelt seiner älteren Heldin, deren innere Zwiesprache mit ihrem geliebten verstorbenen Mann Albert zu den berührendsten Momenten des Romans zählt. Dabei offenbaren sich allmählich Einblicke in ihre bewegte Vergangenheit, die von einem verdrängten schmerzlichen Geheimnis überschattet wird.
Inspirieren ließ sich Richard Hooton von seiner eigenen Familiengeschichte und den Erfahrungen mit seiner verstorbenen, an Alzheimer erkrankten Großmutter. Mit seiner einfühlsamen Erzählweise und feinem Humor gelingt es ihm hervorragend, den Lebensalltag von Margaret und die vielen Facetten ihrer beginnenden Alzheimer-Erkrankung anschaulich und glaubwürdig einzufangen. Gekonnt verwebt Hooton die Themen Älterwerden, Krankheit, Verluste, Erinnerungen, Selbstbestimmung und familiärer Zusammenhalt mit der Kriminalhandlung.
Der Kriminalfall schreitet in gemächlichem Tempo voran, gewinnt jedoch zum Ende hin deutlich an Dynamik und Spannung, wenn Margaret im fesselnden Finale ihre Entschlossenheit beweist und das Rätsel um Barbaras Tod schließlich lüftet.
Die Geschichte lebt vor allem von der wundervollen und sehr authentisch angelegten Hauptfigur Margaret Winterbottom und ihren originellen Ermittlungen. Der Autor hat mit ihr eine ausgesprochen vielschichtige, charakterstarke Persönlichkeit geschaffen, die man mit ihren liebenswerten Eigenarten und ihren fortschreitenden Erinnerungslücken rasch in Herz schließt. Die resolute, clevere ältere Dame blickt auf eine interessante Lebensgeschichte mit einigen lang gehüteten Geheimnissen zurück, die sie schließlich zu enthüllen bereit ist. Man folgt ihr mit Empathie und wachsender Bewunderung, während sie trotz aller Widrigkeiten des Alters nochmals über sich hinauswächst und zeigen kann, was in ihr steckt.
Die enge Beziehung zwischen Margaret und ihrem Enkel wird ebenfalls sehr liebevoll und stimmig dargestellt, wodurch sich die Geschichte zu einer warmherzigen Familienerzählung mit einer starken menschlichen Touch wandelt.

FAZIT
Ein ruhiger, atmosphärisch dichter Cosy Crime über Geheimnisse, Verlust und menschliche Verletzlichkeit, der sich weniger durch klassische Spannung als durch emotionale Momente und psychologische Tiefe auszeichnet.
Ein warmherziger, klug komponierter und berüherender Spannungsroman mit einer bemerkenswerten Protagonistin und einfühlsamen Milieuschilderungen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2026

Tödliche Schatten über dem Graphischen Viertel - Eine gelungene Fortsetzung mit großer Sogkraft

Das Antiquariat am alten Friedhof
0

MEINE MEINUNG
Mit dem fesselnden historischen Roman „Das Antiquariat am alten Friedhof“ setzt der deutsche Bestsellerautor Kai Meyer seine faszinierende Reihe über die Geheimnisse des Graphischen Viertels ...

MEINE MEINUNG
Mit dem fesselnden historischen Roman „Das Antiquariat am alten Friedhof“ setzt der deutsche Bestsellerautor Kai Meyer seine faszinierende Reihe über die Geheimnisse des Graphischen Viertels in Leipzig fort, die zugleich eine beeindruckende Hommage an die Welt der Bücher ist. Gekonnt entführt uns Meyer erneut in die geschichtsträchtige Bücherstadt Leipzig.
Obwohl es sich hierbei bereits um den vierten Band handelt, lässt sich der Roman auch ohne Vorkenntnisse lesen, da jeder Teil in sich abgeschlossen ist. Kenner der vorherigen Bände dürfen sich jedoch über raffinierte Anspielungen und Wiederbegegnungen mit vertrauten Schauplätzen im historischen Leipzig und bekannten Figuren freuen.
In seinem sehr atmosphärisch und mitreißend erzählten Roman versteht es Meyer hervorragend, seine spannende Handlung mit mystischen und kriminalistischen Elementen zu verweben und diese in einen interessanten, gut recherchierten historischen Kontext einzubetten.

Die komplexe Handlung spielt überwiegend im historischen Leipzig vor und unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg und entfaltet sich auf zwei Zeitebenen, ergänzt durch wenige Szenen auf der Insel Patmos. Der erste Handlungsstrang ist im Jahr 1930 angesiedelt, einer Epoche großer politischer Unruhen und gesellschaftlichen Umbruchs, geprägt vom Aufkommen der nationalsozialistischen Bewegung. Der zweite führt ins Jahr 1945, in dem Leipzig nach den verheerenden Kriegsschäden unter amerikanischer Besatzung steht, kurz bevor die Sowjetunion die Kontrolle übernimmt.
Im Mittelpunkt der Geschichte von 1930 stehen die vier jungen Männer aus wohlhabenden Familien Felix, Vadim, Julius und Eddie, die den sogenannten „Club Casaubon“ gegründet haben und sich regelmäßig in Vadims kleinen Antiquariat im Graphischen Viertel treffen. Aus ihrer ausgeprägten Affinität zu Literatur und auf der Suche nach etwas Nervenkitzel begehen sie Einbrüche bei reichen Sammlern, bei denen sie vor allem kostbare, oftmals okkulte Bücher stehlen, die Vadim später an Interessenten verkauft, um den Fortbestand des Antiquariats zu sichern.
Als Eddies geheimnisvolle Schwester Eva zur Gruppe stößt und sie vom zwielichtigen Journalisten Magnus Heiden den Auftrag für einen höchst heiklen Buchdiebstahl erhalten, geraten die Freunde immer tiefer in einen gefährlichen Sog aus undurchsichtigen Machtspielen und tödlichen Gefahren.
Der zweite Handlungsstrang setzt 1945 ein und folgt Felix, mittlerweile Bibliothekar und Geheimdienstagent, der für die Amerikaner millionenfach von den Nazis geraubte Bücher in einer Klosterbibliothek auf Patmos katalogisieren soll. Ein neuer Auftrag des US-Geheimdiensts lässt ihn nach Leipzig zurückkehren, wo er die Glaubwürdigkeit eines angeblich alten Bekannten überprüfen soll, der das Versteck von Hitlers geheimer Bibliothek kennen will. Seine Nachforschungen kontrontieren ihn unversehens mit den Geheimnissen aus der Vergangenheit, verlorenen Freunden und einem gefährlichen Widersacher. Schon bald befindet er sich in einem riskanten Verwirrspiel aus Intrigen, Verrat, Rache und Schuld gefangen.
Mit seinem lebendigen und zugleich bildgewaltigen Erzählstil versteht es Meyer hervorragend, eine melancholische, geheimnisvolle Atmosphäre heraufzubeschwören, die uns unweigerlich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht und uns rasch ins historische Leipzig der beiden Zeitebenen eintauchen lässt.
Er zeichnet nicht nur ein lebendiges Porträt des Leipziger Graphischen Viertels mit seinen nebelverhangenen Gassen, Druckereien und Antiquariaten während der Weimarer Republik, sondern vermittelt auch interessante Einblicke in jene düstere Zeitepoche und in eine bizarre Welt von Geheimbünden, des Okkultismus und der Scharlatanerie.
Vor dieser eindrucksvollen Kulisse entfaltet sich eine fesselnde und folgenschwere Geschichte Freundschaft, Liebe, Verrat, verborgener Geheimnisse und düsterer Machenschaften. Mit viel Feingefühl lässt Meyer in seiner atmosphärisch dichten Geschichte Realität und Übernatürliches ineinanderfließen.
Meyers lebendige Figurenzeichnung überzeugt erneut auf ganzer Linie. Er versteht es einfach, seine faszinierenden Hauptfiguren so facettenreich und empatisch zu zeichnen, dass man sich hervorragend in ihre Gefühls- und Gedankenwelt hineinversetzen kann. Fesselnd ist es Felix in den beiden Zeitebenen zu erleben, der sich 15 Jahre später mutig den vergangenen Geschehnissen stellt und sich trotz vielfältiger Widerstände entschlossen für die Aufdeckung der Wahrheit einsetzt und große Risiken einzugehen bereit ist.
Sehr gelungen ist zudem die vielschichtige und glaubwürdige Darstellung der vielen Nebenfiguren, deren Geheimnisse die komplexe Handlung bereichern. Besonders gut gefallen hat mir ebenfalls die Wiederbegegnung mit dem sympathischen Kommissar Cornelius Frey und dem faszinierenden Faktotum Grigrori, wodurch die Geschichten aus den Vorgängerbänden auf faszinierende Weise immer mehr ineinandergreifen.
Ein besonderes Highlight des Romans ist die Art und Weise, wie Meyer die Themen Literatur, Bibliotheken und die magische Kraft der Bücher in die geschickt verwobene Geschichte einbettet. Die Handlung entfaltet sich in den sich abwechselnden Zeitebenen mit hohem Tempo und fesselnder Spannung, während sich die Hintergründe der komplex miteinander verbundenen Ereignisse nur nach und nach offenbaren. Mit gekonnten Perspektivwechseln, unvorhersehbaren Wendungen und schockierenden Enthüllungen steigert Meyer kontinuierlich die Dramatik, bis die packende Erzählung in einem fulminanten Finale mündet und schließlich mit einem stimmigen und nachdenklich stimmenden Abschluss ausklingt.

FAZIT
Ein fesselnder und vielschichtiger Roman, der mit reichem Lokal- und Zeitkolorit, lebendigen Figuren und einer raffiniert gestalteten Handlung überzeugt.
Ein überzeugendes Leseerlebnis mit einer beeindruckend dichten Atmosphäre, das allen Bücherliebhabern wärmstens empfohlen werden kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2026

Ein eindrucksvolles Porträt der Nachkriegszeit

In den Scherben das Licht
0

MEINE MEINUNG

In ihrem berührenden Nachkriegsroman „In den Scherben das Licht“ erzählt Bestsellerautorin Carmen Korn von der Suche nach Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang in einer durch den Krieg völlig ...

MEINE MEINUNG

In ihrem berührenden Nachkriegsroman „In den Scherben das Licht“ erzählt Bestsellerautorin Carmen Korn von der Suche nach Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang in einer durch den Krieg völlig aus den Fugen geratenen Welt, die sich mühsam aus den Trümmern eine neue Ordnung schaffen muss.
An der Seite der drei Hauptfiguren – der Kriegskindern Gisela und Gert sowie der ehemaligen Schauspielerin Friede Wahrlich – tauchen wir tief in das zerstörte Hamburg der unmittelbaren Nachkriegszeit ein und begleiten sie über fast ein bewegtes Jahrzehnt hinweg auf ihren eng miteinander verflochtenen Lebenswegen voller Brüche, Krisen und Neubeginne bis ins Jahr 1955.
Beginnend im eisigen Winter von 1946/47, inmitten der Trümmerlandschaft Hamburgs finden Gert und Gisela im Keller des teilausgebombten Hauses von Friede eine notdürftige Bleibe. Alle drei haben auf unterschiedliche Weise alles verloren, doch ihre gemeinsame Not schweißt sie zusammen und lässt sie entschlossen nach vorn blicken. Rund um Friedes Küche wächst allmählich aus der kleinen Zweckgemeinschaft eine Art Ersatzfamilie, die Mahlzeiten, Erinnerungen und Sorgen miteinander teilt. An ihrem Alltag aus leiser Hoffnung, stillen Freuden und Träumen nehmen wir ebenso teil wie an Entbehrungen, Enttäuschungen, existenziellen Sorgen, Verlusten und Schicksalsschlägen. Mit viel Empathie wirft Korn Schlaglichter auf eine Zeit, die überschattet ist von den Folgen des Krieges, von der verzweifelten Suche nach einem Rest von Menschlichkeit oder Zeichen von verschollenen Familienmitgliedern, geprägt vom Wunsch, das Erlebte hinter sich zu lassen, und von der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Der lebendige, prägnante Erzählstil eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu dieser schwierigen Zeit voller Scherben, in der sich Alltag und Überlebenswille, Schmerz und Zuversicht auf berührende Weise durchdringen. In atmosphärisch dichten Szenen und mit liebevoll ausgewählten Details fängt Korn nicht nur das Lebensgefühl der Nachkriegsjahre, sondern auch das gesellschaftliche Klima jener Zeit überzeugend ein. Die geschickt mit den persönlichen Hintergrundgeschichten verwobenen Episoden sorgen für ein sehr eindrucksvolles, glaubwürdiges Zeitkolorit. In kurzen, rasch wechselnden Handlungssträngen erleben wir aus unterschiedlichen Perspektiven, was das Leben den drei Hauptfiguren an Herausforderungen, Wendungen und Überraschungen zumutet und wie sie sich im Lauf der Jahre verändern.
Immer wieder greift die Autorin auch schwierige Themen auf – etwa das Schicksal der vermissten Familienmitglieder, die quälende Ungewissheit ihrer Angehörigen, die Traumatisierung der Heimkehrer oder das allgegenwärtige Schweigen über Schuld und Mitläufertum.
Korn zeichnet ihre Figuren sehr einfühlsam und mit viel Gespür für Zwischentöne und Alltagsnuancen, sodass sie mit ihren Eigenheiten, Widersprüchen und liebenswerten Marotten zutiefst menschlich erscheinen. Gisela und Gert erleben wir als typische Kriegskinder, die deutlich gezeichnet sind von Verlusten, Misstrauen und früh erzwungener Selbstständigkeit, die aber auch erstaunlich leicht neue Bindungen eingehen können. Ein besonderes Highlight ist die wundervolle Figur der Friede Wahrlich, die mit ihrer eigenwillig-pragmatischen Art, ihrer Verletzlichkeit und einer beeindruckenden inneren Würde im Gedächtnis bleibt. Trotz eigener Wunden gelingt es ihr als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den Menschen um sich herum ein Stück Normalität, Geborgenheit und Zuversicht zu vermitteln.
In kurzen Gesprächen, vagen Andeutungen und Rückblenden lässt Korn uns an den Hintergrundgeschichten ihrer Figuren teilhaben und verdichtet einfühlsam die einzelnen Schicksale zu einem vielschichtigen Gesamtbild, das auf erschütternde Weise aufzeigt, wie sehr der Krieg die Seelen und Biografien der Charaktere nachhaltig geprägt und zerstört hat. Eindringlich beleuchtet sie die schmale Gratwanderung zwischen Resignation, Trauer, Weiterleben und vorsichtiger Zuversicht, gefangen in schmerzlichen Erinnerungen und schützender Verdrängung.
Lediglich einige Nebenfiguren, die als Nachbarn, Freunde oder Kollegen für zusätzliche Facetten sorgen, hätten etwas mehr Tiefgang vertragen. Doch insgesamt fügt sich alles zu einem stimmigen, vielschichtigen Gesellschaftsbild der Nachkriegszeit, das von Wärme und leisen Tönen getragen wird.
Auch wenn dramatische Zuspitzungen und unerwartete Wendungen ausbleiben, versteht es Korn hervorragend, durch die Entwicklungen ihrer Figuren, ihre emotionale Wahrhaftigkeit und ihre stillen Konflikte zu fesseln.
FAZIT
Ein berührender, fein komponierter Nachkriegsroman über Verlust, Zusammenhalt, Menschlichkeit und vorsichtige Neuanfänge mit glaubwürdigen Figuren und tollem Zeitkolorit. Ein beeindruckendes, nuancenreiches Porträt einer Generation zwischen Erinnerung und Hoffnung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere