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Veröffentlicht am 09.03.2018

Vielschichtiger, packender Krimi mit dem unnachahmlichen Axel Steen

Aisha
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INHALT
Nachdem Kommissar Axel Steen vor 2 Jahren bei einer großen Undercover-Operation um Haaresbreite sein Leben verloren hätte, hat er inzwischen etwas Normalität in sein Leben bringen können und ist ...

INHALT
Nachdem Kommissar Axel Steen vor 2 Jahren bei einer großen Undercover-Operation um Haaresbreite sein Leben verloren hätte, hat er inzwischen etwas Normalität in sein Leben bringen können und ist seit kurzem wieder im Dienst. Als ein Mann verstümmelt und brutal zu Tode gefoltert in seiner Wohnung aufgefunden wird, übernimmt Steen voller Elan den Fall. Das Opfer wurde zuletzt von seinem Security-Job gefeuert, war ein notorischer Schürzenjäger und ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes PET - verschiedenste Ansatzpunkte um umfangreiche Ermittlungen aufzunehmen. Steen wittert aber schon bald einen Zusammenhang zu einem einige Jahre zurückliegenden, groß angelegten Anti-Terror-Einsatz, den damals Steens neue Freundin Henriette und sein Erz-Rivale Jens Jessen leiteten. Seine Ermittlungen in dieser Sache werden aber wegen der strengen Geheimhaltungstufe vom PET blockiert. Als es einen weiteren Toten gibt, verfolgt Steen trotz aller Widerstände seine heiße Spur weiter …
MEINE MEINUNG
„Aisha“ vom dänischen Autor Jesper Stein ist bereits der 4. Band seiner erfolgreichen Krimi-Reihe um den Kopenhagener Kommissar Axel Steen. Auch ohne die Vorgängerbände zu kennen, kann man den neuesten Fall problemlos lesen, denn es gibt für das Verständnis notwendige Hinweise zu Steens früheren Ermittlungen und seiner Vorgeschichte.
Stein ist erneut ein vielschichtiger und zum Ende hin unglaublich packender Thriller gelungen, in dem er auch gesellschaftskritische Themen anspricht wie Diskriminierung, den Wandel der Stadtteile im Zuge der Immobilienspekulation, aber auch die Problematik von moralisch-ethischen Entscheidungen bei Polizei- und Geheimdienstarbeit.
Durch einen stetigen Wechsel der Erzählstränge baut sich schon bald Spannung auf. Neben der im Jahre 2011 angesiedelten Haupthandlung erfahren wir in einem zweiten Erzählstrang immer mehr Details über einen im Jahr 2007 laufenden Anti-Terroreinsatz des dänischen Geheimdienstes, an dem auch das Mordopfer beteiligt war. Je weiter die Hintergründe der damaligen Vorgänge in den Rückblicken enthüllt werden, desto deutlicher ist es für uns Leser, dass es Zusammenhänge mit dem aktuellen Fall geben muss. Für meinen Geschmack zogen sich diese Enthüllungen aus der Vergangenheit allerdings etwas in die Länge, zumal die titelgebende Aisha als Schlüsselfigur erst nach gut der Hälfte erstmalig erwähnt wird.
Neben Steens Ermittlungen nehmen -wie schon in den früheren Bänden- ausführliche Einblicke in sein Privatleben und seine persönlichen Probleme großen Raum in der Geschichte ein. Der Protagonist Steen ist vom Autor als ein sehr vielschichtiger, hochkomplexer Charakter angelegt, der uns diesmal sogar sehr überraschen kann. Nachdem es mit ihm in den vorherigen drei Bänden stetig bergab ging, ist er nun beinahe nicht wieder zu erkennen. Nach einem Drogenentzug scheint er tatsächlich sein Leben in den Griff bekommen zu haben. Er bemüht sich ein besserer Mensch und vor allem ein zuverlässigerer Vater für seine Tochter Emma zu sein, die panische Angst davor hat, ihn wieder zu verlieren. Überaus glaubwürdig hat der Autor seinen charakterlichen Wandel umgesetzt und präsentiert uns einen Ermittler, der seine inneren Dämonen im Griff hat und sogar kollegiale Seiten zeigen kann – bis ihn dann eben doch durch die stressigen Ermittlungen der Alltag wieder einholt und er in alte Muster zurückfällt. Steen bleibt eben Steen – in allem was er tut, bleibt er authentisch. Mit seinem übergroßen Engagement im Job und seinem Sinn für Gerechtigkeit ist er darüber hinaus auch sehr sympathisch. Auch die übrigen Charaktere sind äußerst plastisch und lebensnah ausgearbeitet, so dass ihre Handlungen für mich weitgehend nachvollziehbar waren.
Richtig packend wird die Handlung aber erst ab der zweiten Hälfte des Buchs, wenn Steen in alter Manier mit seinen Ermittlungen loslegt und man so langsam ahnt, wie die verwirrenden Details aus der Vergangenheit mit dem aktuellen Fall zusammenhängen und welches Motiv sich dahinter verbergen könnte. Nach einigen unvorhersehbaren Wendungen gipfelt der Krimi in einem sehr spannenden Finale, das an Dramatik kaum zu überbieten ist. Die Aufklärung des komplizierten Falls war insgesamt sehr schlüssig und nachvollziehbar, und doch bleiben noch einige offene Aspekte, die Steen sicher nicht auf sich beruhen lassen wird. Mit diesem Ausklang bin ich schon sehr gespannt, wie es im neuen Band weitergehen wird.
FAZIT
Trotz einiger Längen im Mittelteil wieder ein vielschichtiger und zum Ende hin unglaublich packender Krimi mit dem unnachahmlichen Axel Steen!
Eine klare Leseempfehlung für alle Steen-Fans!

Veröffentlicht am 09.03.2018

Ein witziges, sehr unterhaltsames Jugendbuch!

Absolute Gewinner
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INHALT
Der 13-jährige Luca, der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Hamburg-Hamm lebt, ist ein schüchterner Einzelgänger, hat keine Freunde, aber eine große Leidenschaft: das Basketballspielen. Jeden ...

INHALT
Der 13-jährige Luca, der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Hamburg-Hamm lebt, ist ein schüchterner Einzelgänger, hat keine Freunde, aber eine große Leidenschaft: das Basketballspielen. Jeden Tag trainiert er allein auf einem Schul-Basketballplatz, bis er eines Tages von dem etwas seltsamen Hausmeister angesprochen wird, ob er nicht beim „Night Move“, einem Basketballturnier für Jugendliche, mitmachen möchte. Schon bald trainiert er mit weiteren „Underdogs“ in einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft für das Turnier. Und das äußerst erfolgreich, denn das Loser-Team ist gar nicht mal so schlecht und gewinnt sogar ganz unerwartet. Doch am nächsten Tag ist plötzlich ihr Trainer verschwunden und bleibt unauffindbar. Wie sollen sie sich nun auf ihr Finale in Berlin vorbereiten? Ihr Coach muss dringend wieder her! Während Luca und seine Teammitglieder versuchen, seinem rätselhaften Verschwinden auf die Spur zu kommen, ahnen sie noch nicht, in welche heikle Sache sie durch ihre Nachforschungen hineingeraten werden …
MEINE MEINUNG
Mit „Absolute Gewinner“ ist Jürgen Scheuring ein witziges und sehr unterhaltsames Jugendbuch gelungen. Erzählt wird die Geschichte rund um Luca und sein Basketballteam in einer authentischen, frischen Jugendsprache gewürzt mit viel Humor, wobei auch einige berührende, nachdenklich stimmende Episoden nicht fehlen.
Mit seinem Protagonisten 13-jährigen Luca hat Scheuring einen liebenswerten Ich-Erzähler gewählt, der uns in seiner humorvollen, selbstkritischen und locker-flockigen Art seine Geschichte erzählt und dabei sehr lebensecht wirkt. Durch die Ich-Perspektive werden uns seine Emotionen und Gedanken anschaulich nahegebracht und man sich gut in ihn hineinversetzen. Schüchtern, eher in sich gekehrt, ohne Freunde und mit enormen Komplexen wegen seiner piepsigen Stimme lernen wir Luca zu Anfang kennen und können im Laufe der Story mit verfolgen, wie er immer mehr Selbstvertrauen hinzugewinnt und zum Ende hin über sich hinaus wächst.
Hervorragend gelingt es Scheuring, auch die verschiedenen Nebencharaktere vielschichtig und sympathisch zu schildern, so dass sie mit ihren Eigenheiten sehr realistisch und lebendig wirken, auch wenn einige Figuren sicher ein wenig überzeichnet sind. Meine besonderen Favoriten waren natürlich Jana mit ihrem Pommes-frites-breiten Mund und der türkische Computer-Nerd und Alleswisser Heinrich.
Sehr anschaulich beschrieben finde ich auch die tolle Atmosphäre während des Basketball Trainings und das allmählich aufkommende Gemeinschaftsgefühl zwischen den charakterlich so unterschiedlichen Teammitgliedern. Hier spürt man richtig, wie viel Spaß es machen kann, in einem Team Basketball zu spielen und seine besonderen Talente einzubringen. Mir haben die „Lebensweisheiten“ ihres Coachs „Sichel“ sehr gut gefallen, die einem noch einmal vor Augen führen, worauf es beim Teamsport wie Basketball vor allem ankommt. Ein echtes Highlight sind die lebendigen Schilderungen der Spiele, die ein richtig authentisches Feeling vermitteln, und bei denen der Autor gekonnt sein Expertenwissen eingebracht hat.
Mit dem plötzlichen Verschwinden des Coachs hat der Autor zudem eine packende Nebenhandlung eingebracht. Die nachfolgenden Ermittlungen und mysteriösen Geschehnisse entwickeln sich bald zu einer fesselnden und sehr turbulenten Krimi-Handlung. Auch wenn einige der Episoden etwas unrealistisch und überspitzt erscheinen, so sind sie doch äußerst witzig, unterhaltsam und bringen zusätzlichen Schwung in die Geschichte.
„Absolute Gewinner“ ist aber nicht nur ein unterhaltsames Buch für Jugendliche, sondern regt auch zum Nachdenken über Themen wie Diskriminierung, Gewalt, Teamgeist, Freundschaft und Vertrauen an.
Der Magellan Verlag hat für Christoph Scheurings Roman eine außergewöhnlich ansprechende Gestaltung des Cover verwendet, die mich sehr begeistert hat – neben dem tollen Basketball Feeling zwischen den Seiten haben wir auf der Vorderseite zudem eine geniale Basketball-Haptik!
FAZIT
Ein witziges, sehr unterhaltsames Jugendbuch! Lesenswert!
Ein absolutes Muss für alle Basketball-Fans ab zwölf Jahren aber auch für solche die es noch werden wollen!

Veröffentlicht am 09.03.2018

Ein mitreißender historischer Roman und rundum gelungener Schmöker

Das Geheimnis der Muse
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INHALT
In den 1960er Jahren verlässt die junge Odelle Bastien ihre Heimat Trinidad, um in England ein besseres Leben zu finden und vor allem ihren Traum vom Schreiben verwirklichen zu können. In London ...

INHALT
In den 1960er Jahren verlässt die junge Odelle Bastien ihre Heimat Trinidad, um in England ein besseres Leben zu finden und vor allem ihren Traum vom Schreiben verwirklichen zu können. In London findet sie schließlich eine gut bezahlte Anstellung als Schreibraft bei der angesehenen Kunstgalerie Skelton. Ihre neue Chefin Marjorie Quick erkennt rasch Odelles wahre Leidenschaft und fördert ihre schriftstellerischen Ambitionen. Odelle lernt den jungen Engländer Lawrie kennen, der von seiner kürzlich verstorbenen Mutter ein Gemälde geerbt hat und mehr über den Künstler in Erfahrung bringen möchte. Schon bald steht fest, dass es sich bei dem sensationellen Fund um ein verschollenes Werk des im Spanischen Bürgerkrieg verschwundenen Künstlers und Revolutionärs Isaac Robles handelt. Bei ihren Nachforschungen stößt Odelle auf eine mysteriöse Geschichte, die ihren Ursprung in den späten 1930er Jahren auf einem Landgut in Andalusien hat, und auf ein unergründliches Geheimnis, das sich um die junge Malerin Olive Schloss und das Geschwisterpaar Robles rankt.
MEINE MEINUNG
Nach ihrem weltweit erfolgreichen Debütroman „Die Magie der kleinen Dinge“ ist Jessie Burton mit „Das Geheimnis der Muse“ erneut ein fesselnder historischer Roman gelungen, der mich mit seiner vielschichtigen Handlung und seinen interessanten, lebendigen Charakteren überzeugen konnte. Hierin erzählt Burton sehr abwechslungsreich die faszinierenden Lebensgeschichten dreier junger Frauen zu zwei unterschiedlichen Zeitepochen.
Mit ihrem wundervoll einfühlsamen, mitreißenden Schreibstil und geschickt gesetzten Perspektivwechseln ist es der Autorin mühelos gelungen, mich immer tiefer in die mysteriösen Geschehnisse und aufregenden Verwicklungen rund um das Gemälde und das damit verknüpfte Geheimnis hineinzuziehen, so dass ich schon bald das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Zugleich entführt sie uns mit ihren anschaulichen, atmosphärisch dichten Beschreibungen zu zwei faszinierenden Schauplätzen: zum einen in die schillernde Metropole London der Swinging Sixties mit Odelle als Protagonistin und zum anderen in ein kleines Dorf in Andalusien in den späten 1930ger Jahren kurz vor Ausbrechen des Spanischen Bürgerkriegs, in der Olive und das spanische Geschwisterpaar Teresa und Isaac Robles im Mittelpunkt stehen.
Sehr gelungen sind vor allem die im heißen, ländlichen Andalusien angesiedelten Ereignisse, die eine spannungsgeladene Zeit des Umbruchs beschreiben, in der das Leben aller von den Vorboten des Spanischen Bürgerkriegs überschattet wird.
Jessie Burton verwebt in ihrem Roman äußerst geschickt die zwei auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelten Handlungsstränge zu einer fesselnden Hintergrundgeschichte, bei der zunächst nur das für verschollene gehaltene Gemälde der gemeinsame Verknüpfungspunkt zu sein scheint. Gebannt verfolgt man die rätselhaften Geheimnisse rund um die Hauptfiguren und versucht die tragischen Verwicklungen zu ergründen, die ihr Leben unausweichlich beeinflussen und auf einschneidende Weise verändern werden. Hier kommen große Emotionen ins Spiel - Liebe, Leidenschaften, Eifersucht, Freundschaft, Loyalität und Verrat lassen die Lektüre oft zu einer spanungsgeladenen Achterbahnfahrt von großem Glück, tiefen Enttäuschungen und persönlichen Tragödien werden.
Fasziniert haben mich vor allem die hervorragend ausgearbeiteten weiblichen Hauptfiguren Odelle und Olive, die im Laufe der Handlung viele charakterliche Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Beide Frauen haben Träume und Wünsche für ihr Leben, die nicht in die gesellschaftlichen Vorstellungen und das vorrangig patriarchalisch geprägtes Denken ihrer Zeitepoche passen. So werden insbesondere ihre „nicht frauentypischen“, künstlerischen Talente vom ignoranten Umfeld eher belächelt als akzeptiert und gefördert. Aus Angst vor Enttäuschung und offener Ablehnung trauen sie sich nicht zu ihrer Kunst zu stehen. Dennoch sind es zwei Frauen, die ihre Leidenschaft für die Kunst auf ganz unterschiedliche Weise unterstützen und sie in die Öffentlichkeit bringen. Die Geschichte der beiden beschreibt Burton sehr mitreißend, einfühlsam und nachvollziehbar.
Auch die übrigen Charaktere sind vielschichtige, interessante Persönlichkeiten, deren Gedankenwelt und Verhalten gut nachvollziehbar ist.
Der Autorin gelingt es hervorragend, die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten und uns mit der Auflösung des folgenschweren Geheimnisses um das Gemälde und einigen fesselnden Hintergründen zu überraschen. Sehr gelungen finde ich dabei den als Nachtrag betitelten Ausklang des Romans.
FAZIT
Ein sehr mitreißender, historischer Roman und ein rundum gelungener Schmöker, den ich kaum aus der Hand legen konnte. Allen in allem ein tolles Buch, welches ich gerne weiter empfehlen kann!

Veröffentlicht am 06.03.2018

Ein gelungenes Debüt

Wenn Martha tanzt
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INHALT
New York, 2001: Der junge Deutsche Thomas reist in die USA, um bei der Versteigerung des Tagebuchs seiner Urgroßmutter Martha bei Sotheby's dabei sein zu können. Nach dem Tod seiner Großmutter hat ...

INHALT
New York, 2001: Der junge Deutsche Thomas reist in die USA, um bei der Versteigerung des Tagebuchs seiner Urgroßmutter Martha bei Sotheby's dabei sein zu können. Nach dem Tod seiner Großmutter hat er es in einem alten Rucksack entdeckt. In der Fachwelt gilt das Notizbuch als eine Sensation, denn es enthält neben den Tagebucheinträgen unbekannte Skizzen und Zeichnungen von später berühmt gewordenen Bauhaus-Künstlern wie Feininger, Klee und Kandinsky. Geboren wurde Martha als Tochter eines Kapellmeisters im Jahr 1900 in einem kleinen Dorf in Pommern, wo sie eine glückliche Kindheit verbrachte. Als junges vielseitig talentiertes Mädchen beschließt sie, an das von Walter Gropius geleitete Bauhaus nach Weimar zu gehen. Dort lernt sie viele Künstler kennen und taucht in eine völlige neue Welt ein. Auf der Suche nach ihrer wahren Begabung entdeckt sie schließlich das Tanzen als neue Ausdrucksform. Bis die und Marthas Zeit am Bauhaus kommt jedoch zu einem abrupten Ende, da die Nazis die Kunstschule schließen. Mit einem Baby kehrt sie in ihre Heimat zurück, eröffnet ein Tanzstudio, doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr. Auf der Flucht in den Wirren des Zweiten Weltkriegs enden Marthas Tagebucheinträge abrupt und ihre Spur verliert sich ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem Debüt „Wenn Martha tanzt“ ist Tom Saller ein sehr bewegender und mitreißender Roman gelungen, der zugleich ein geschichtlich sehr lehrreicher „Jahrhundertroman“ ist. Der Autor erzählt in seiner großartigen, fiktiven Geschichte die bewegte Biographie einer außergewöhnlichen jungen Frau. Einfühlsam und dennoch mit einer angenehmen Leichtigkeit zeichnet er verschiedene Lebensstationen im letzten Jahrhundert nach – ihre Suche nach künstlerischer Selbstverwirklichung, ihr Leben geprägt durch die Zwänge der damaligen gesellschaftlichen Realität und ein tragisches Schicksal bestimmt durch die historischen Umstände im Zweiten Weltkrieg.
Die zwei sich abwechselnden, auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelten Erzählstränge haben mich rasch in ihren Bann gezogen. In der fesselnden Rahmenhandlung lernen wir den sympathischen Ich-Erzähler Thomas in der Gegenwart kennen und erfahren mehr über die genaueren Hintergründe zum Fund des Tagebuchs seiner Urgroßmutter und seine Erlebnisse anlässlich der Versteigerung dieses Sensationsfundes bei Sotheby’s. In der Haupterzählebene erfahren wir aus Marthas Sicht verschiedene wichtige Episoden aus ihrem einzigartigen Leben, beginnend mit ihrer glücklichen Kindheit und Jugend, ihre Studienzeit am Bauhaus in Weimar bis hin zu ihrer überhasteten Flucht aus Pommern im Jahr 1945. Geschickt lässt der Autor seine beiden Erzählstränge zu einer fesselnden Familiengeschichte zusammenlaufen, die mit vielen unvorhersehbaren Wendungen und überraschenden Enthüllungen gespickt ist.
Mit den Tagebuchaufzeichnungen nimmt uns der Autor mit auf eine faszinierende Zeitreise. Nach Marthas sehr persönlichen Erinnerungen an ihre unbeschwerte Kindheit und Jugend im ländlichen Pommern, im Land am Meer, bricht sie auf ins turbulente Weimar der 1920ger Jahre, einem Ort in Aufbruchstimmung, voller Kreativität und neuen Lebenskonzepten. Zwei Schauplätze im Wandel der Zeiten, wie sie nicht unterschiedlicher und kontrastreicher sein könnten – von Saller atmosphärisch dicht eingefangen und anschaulich beschrieben, so dass man mühelos in die vergangenen Zeiten eintauchen kann. Für mich persönlich war vor allem Marthas Zeit am Bauhaus Weimar mit den vielen sorgsam recherchierten Informationen ein besonderes Highlight. Die interessanten Ausführungen des Autors haben mich parallel zur Lektüre des Romans dazu angeregt, weitere Hintergründe und Details über das Bauhaus, seine Konzeption und die damaligen Künstler herauszufinden. Saller ist es hervorragend gelungen, uns seine vielschichtige und lebensnah wirkende Protagonistin Martha mit ihrer schillernden Persönlichkeit, ihrer außergewöhnlichen synästhetischen Veranlagung und ihrer charakterlichen Entwicklung im Laufe der Zeitgeschichte näher zu bringen. Sehr fesselnd und aufschlussreich ist ihre Suche nach ihrer künstlerischen Bestimmung gestaltet, ihre Auseinandersetzung mit dem Kunstverständnis am Bauhaus und ihren Begegnungen mit teilweise sehr ungewöhnlichen Menschen unter den Lehrern und Studenten, aber auch ihre ganz persönlichen Enttäuschungen.
Die sprachliche Umsetzung von Marthas Geschichte, die oft ohne große Worte auskommt, vieles nur szenisch anreißt und der eigenen Fantasie freien Lauf lässt, hat mich schnell gefangen genommen. Sehr passend zum Bauhaus-Stil hat der Autor für Marthas innere Stimme eine prägnante, eher nüchterne und schnörkellose Sprache verwendet. Auch der Erzählstrang mit Thomas in der Gegenwart ist sehr ansprechend ausgearbeitet und gibt uns einen nachvollziehbaren Einblick in das Gefühlsleben des jungen Ich-Erzählers, seinen Intentionen und seinem Bezug zur Vergangenheit seiner Familie. Die unvorhersehbare Wendung in seiner Erzählung zum Ende hin gab der Geschichte noch einmal eine besondere Note. Interessant und sehr schlüssig, wie er schließlich mit seinem ganz eigenen Geheimnis umgeht.
FAZIT
Ein wunderbarer, gelungener Debütroman! Eine beeindruckende, berührende und mitreißende Geschichte über eine außergewöhnliche Frauenfigur im vorigen Jahrhundert!

Veröffentlicht am 03.03.2018

Unterhaltsame, ziemlich abgedrehte Familiengeschichte

Die erstaunliche Familie Telemachus
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INHALT
In den 1970ger Jahren war die „Erstaunliche Familie Telemachus“ im Fernsehen bei Talk und Late Night Shows mit ihren aufsehenerregenden, übernatürlichen Auftritten sehr gefragt. Nachdem bei einer ...

INHALT
In den 1970ger Jahren war die „Erstaunliche Familie Telemachus“ im Fernsehen bei Talk und Late Night Shows mit ihren aufsehenerregenden, übernatürlichen Auftritten sehr gefragt. Nachdem bei einer ihrer Darbietungen in der Mike Douglas-Show einiges schief gelaufen war und sie von ihrem Erzfeind vor laufender Kamera als Trickbetrüger entlarvt wurden, ging es mit ihrem Ruhm und ihrem Glück schlagartig bergab. Ihr mediales Debakel war ein einschneidendes Erlebnis für alle, aber nach dem plötzlichen Tod von Maureen haben sich sie mehr schlecht als recht durchs Leben geschlagen.
Matty, Enkel des großen Familienpatriarchs Teddy Telemachus, ist eigentlich ein ganz normaler vierzehnjähriger Junge mitten in der Pubertät, bis er die Entdeckung macht, dass er plötzlich recht ungewöhnliche Fähigkeiten besitzt. Voller Neugier beginnt er, mehr über die ihm völlig verheimlichte Vergangenheit seiner einst berühmten Familie in Erfahrung zu bringen. Besitzt seine so gewöhnliche Familie etwa doch wesentlich mehr Talente als er bisher für möglich gehalten hat. Könnte er diese vielleicht sogar geerbt haben?
MEINE MEINUNG
„Die erstaunliche Familie Telemachus“ des amerikanischen Autors Daryl Gregory ist ein komplex angelegter, etwas skurriler und unglaublich unterhaltsamer Roman. Mit seinen paranormalen Elementen, irrwitzigen Verwicklungen und skurrilen Figuren wird er allerdings nicht jedermanns Geschmack treffen.
In dieser wundervoll witzig geschriebenen, teilweise ziemlich abgedrehten Familiensaga geht es um die sehr außergewöhnliche Familie Telemachus, die alles andere als eine Vorzeigefamilie ist, sondern eher eine Ansammlung von sehr exzentrischen Charakteren und gescheiterten Existenzen.
Geschickt beginnt der Autor seine recht komplizierte, detailreiche Geschichte mit Einblicken in das eher tragische und bizarre Leben der Familie. Der Einstieg in die Geschichte ist jedoch nicht einfach, denn Gregorys Erzählweise wirkt trotz der Untergliederung in Kapitel zunächst chaotisch und scheint eher eine Auflistung von unzusammenhängenden Geschehnissen zu sein. Erzählt wird die im Jahr 1995 angesiedelte Haupthandlung abwechselnd aus der Sichtweise der verschiedenen Familienmitglieder. Zudem erfolgen immer wieder Zeitsprünge mit Rückblenden auf wichtige Ereignisse aus der Vergangenheit. Die ständigen Perspektivwechsel, in denen immer neue Aspekte kurz beleuchtet werden, Fragen aufwerfen und aber dann längere Zeit nicht mehr aufgegriffen werden, unterbrechen zunächst immer wieder den Lesefluss. Die eingestreuten Andeutungen auf zukünftige dramatische und sehr unheilvolle Verwicklungen machen sehr neugierig auf den Fortgang der mysteriösen Geschichte. Das Auftauchen eines Agenten einer geheimen Regierungsorganisation und anderer vermeintlicher Widersacher sowie alte Kontakte zum Chicagoer Mob steigern ungemein die Spannung. Erst allmählich beginnt man die Zusammenhänge zwischen den vielen kleinen Puzzlestücken zu erkennen und lässt die geniale Konzeption dahinter erkennen. Zum Höhepunkt hin ergibt sich aus den vielen Details ein äußerst facettenreiches, aber stimmiges Gesamtbild. Gregory ist es gelungen, auf den verschiedenen Erzählebenen eine unglaublich abwechslungsreiche und grandios geplottete Gesamtstory zu schaffen. Sehr kunstvoll hat er ein feines Netz um seine Charaktere gesponnen und sie in die vielschichtige, wendungsreiche Handlung eingewoben.
Sehr gelungen sind dem Autor auch seine sehr unterschiedlichen Charaktere, die er äußerst facettenreich und lebendig ausgearbeitet hat. Im Laufe der Geschichte lernen wir die Familienmitglieder des Telemachus-Clans stückchenweise besser kennen. Die verschrobenen, teilweise wenig sympathischen aber mit all ihren Ecken und Kanten doch irgendwie interessanten Charaktere der Familie ziehen einen unweigerlich in ihren Bann. Teddy ist der etwas großspurige Patriarch der Familiensippe, ein genialer Trickbetrüger und früher sehr talentierter Falschspieler ohne jegliche übernatürliche Gabe. Seine viel zu früh verstorbene, über alles geliebte Frau Maureen, mit ihrem Talent zu Astralreisen, hat ihre paranormalen Fähigkeiten an ihre Kinder vererbt. Für sie stellen ihre paranormalen Fähigkeiten mehr Fluch als Segen dar und haben gelernt, auf ganz unterschiedliche Weise mit ihrem Schicksal fertig zu werden. Irene, die Tochter, ist ein menschlicher Lügendetektor; Frankie, der älteste Sohn, hat große Probleme seine telekinetischen Fähigkeiten zu steuern und der jüngste, in sich gekehrte Sohn Buddy ist hellseherisch begabt. Sehr schön ist es mitzuerleben, wie der fast schon verloren gegangene Familienzusammenhalt angesichts ungeahnter Bedrohungen wiederbelebt wird, und die Telemachos sich zusammenraufen und ihre unsichtbaren Kräfte reaktivieren.
Zum Ende hin nimmt der Roman nochmals enorm an Fahrt auf und gipfelt in einem fesselnden, geradezu filmreifen Showdown. Als gelungenen Ausklang präsentiert uns Gregory noch einige äußerst überraschende Wendungen. Das sehr stimmige und in sich abgeschlossene Ende seiner Familien-Geschichte lässt dennoch Raum für einige Spekulationen.
Sehr gelungen ist auch der angenehm zu lesende Schreibstil, der mit vielen humorvollen, recht schrägen aber äußerst amüsanten Momenten angereichert ist, so dass man immer wieder einfach schmunzeln muss und sich bestens unterhalten fühlt.
FAZIT
„Die erstaunliche Familie Telemachus“ ist eine äußerst unterhaltsame, ziemlich abgedrehte Familiensaga voll irrwitziger Verwicklungen und skurriler Figuren! Ein ungewöhnliches, aber unglaublich fesselndes und amüsantes Leseerlebnis, das sich zu lesen lohnt!

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