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Veröffentlicht am 31.01.2021

Tief berührende Familiengeschichte

Vati
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INHALT
Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von ...

INHALT
Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft. Ein Erinnerungsbuch, das sanft von Existenziellem berichtet und schmerzhaft im Erinnern bleibt. „Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.“
(Quelle: Hanser)

MEINE MEINUNG
Nach dem vielgelobten Roman „Bagage", in dem die österreichische Autorin Monika Helfer die bewegende Familiengeschichte ihrer aus einem ärmlichen Vorarlberger Bergdorf stammenden Mutter und Großeltern zu Zeiten des 1. Weltkriegs erzählt, hat sie mit „Vati“ nun einen weiteren Erinnerungsroman geschrieben, der eine gelungene Fortführung von „Bagage“ darstellt, aber auch ohne Vorkenntnisse problemlos zu lesen ist.
In ihrer bemerkenswerten autofiktionalen Geschichte widmet sich Monika Helfer der Lebensgeschichte ihres Vaters Josef Helfer und den Erinnerungen an ihre eigenen Familiengeschichte.
In sehr einfühlsam und eindringlich erzählten Episoden fügt sie die unterschiedlichsten Erinnerungsfragmente zu einem berührenden Portrait ihres Vaters zusammen, das jedoch eine faszinierende und glaubwürde Annäherung an seine vielschichte Persönlichkeit mit vielen Unschärfen und Leerstellen bleibt. Allmählich lernen wir einen sehr eigenwilligen und doch faszinierenden Menschen kennen, voller Rätsel und Widersprüche, wortkarg und unnahbar. Als Kriegsversehrter ist er aus dem 2. Weltkrieg mit nur einem Bein zurückgekehrt, heiratet die ihn pflegende, resolute Krankenschwester Grete und statt seinen ehrgeizigen Traum von einem naturwissenschaftlichen Studium zu realisieren, lebt er mit seiner kleinen Familie in den Nachkriegsjahren als Verwalter eines Kriegsversehrtenerholungsheims in den Bergen. Ein idyllischer Zufluchtsort wird dies für die Familie und den Vater, der hier ungestört seiner großen Liebe für schöne Bücher nachgehen kann, und doch durch eine fatale Fehlentscheidung alles zerstört.
Gekonnt greift die Autorin in Rückblenden immer wieder in „Bagage“ erzählte Begebenheiten auf, lässt die vermeintlich unbeschwerte Nachkriegszeit lebendig werden und lässt zudem einige Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit mit einfließen.
Mit faszinierender Leichtigkeit und voller Herzenswärme trägt die Autorin die verschiedenen Facetten dieses Mannes zusammen, erzählt über seine Herkunft, Verletzlichkeiten, Passionen, kleinen Fluchten und Unzulänglichkeiten.
„Vati“ lässt er sich von seinen Kindern nennen, da es modern klinge und doch vermittelt uns die Autorin von ihm ein eher traditionelles Vaterbild, das doch recht typisch für jene Zeit ist – traumatisiert von Kriegserlebnissen, geprägt durch seiner Erziehung und Herkunft, gefangen in unüberwindbaren Umständen, die keine Träume zulassen, und hineingepresst in eine Rolle, aus der er sich bisweilen zu befreien versteht. Schonungslos und doch ohne jede Anklage schildert sie schließlich das schmerzvolle Abwenden des Vaters nach dem frühen Krebstod der geliebten Mutter, den unaufhaltsamen Verfall der Familie und konfrontiert uns mit seiner unverständlichen Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern.
FAZIT
Ein tief berührender, wundervoll warmherzig erzählter Erinnerungsroman, der tiefe Einblicke in Helfers persönliche Familiengeschichte gewährt. Ein feines, ganz besonderes Leseerlebnis!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.01.2021

Enttäuschender historischer Roman

Das letzte Licht des Tages
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INHALT
Eine grausame Zeit, ein schrecklicher Fehler und die Hoffnung auf Vergebung:
Frankreich 1940: Als Inés herausfindet, dass ihr Ehemann auf dem Weingut der Familie Flüchtlinge und Waffen für die Résistance ...

INHALT
Eine grausame Zeit, ein schrecklicher Fehler und die Hoffnung auf Vergebung:
Frankreich 1940: Als Inés herausfindet, dass ihr Ehemann auf dem Weingut der Familie Flüchtlinge und Waffen für die Résistance versteckt, ist auch sie gezwungen, eine Seite zu wählen. Inés schließt sich dem Widerstand an – und begeht einen schrecklichen Fehler, der das Leben aller auf dem Weingut für immer verändert.
Jahrzehnte später begleitet die junge Amerikanerin Liv ihre exzentrische Großmutter auf eine Reise nach Frankreich. Vom Weingut Chauveau fühlt Liv sich wie magisch angezogen – auch, weil sie spürt, dass ihre Großmutter nicht zufällig hierher wollte. Mithilfe des sympathischen Anwalts Julien Cohn beginnt Liv, die Geschichte des Weinguts zu erforschen. Ihre Recherchen führen sie zurück in die dunkelste Zeit des 2. Weltkriegs, zu einer Geschichte von Liebe und Verrat – und der Hoffnung auf Vergebung.
(Quelle: Knaur)

MEINE MEINUNG
Der historische Roman »Das letzte Licht des Tages« von der amerikanischen Bestseller-Autorin Kristin Harmel erzählt eine dramatische Familien- und tragische Liebesgeschichte im von den Deutschen besetzten Frankreich zur Zeit des 2. Weltkriegs. Angepriesen wird das Buch als ein großer historischer Roman über das 20. Jahrhundert mit einer gefühlvollen, wendungsreichen und atmosphärisch dichten Geschichte, die in der traditionsreichen Champagne angesiedelt ist.
Herausgekommen ist dabei ein überdramatisierter Historienschmöker, der mich leider nicht erreichen und berühren konnte. Enttäuschender Weise dient der historische Hintergrund mit einigen eingestreuten zeitgeschichtlichen Details leider eher nur als eine recht schablonenhafte Kulisse mit den typischen stereotypen Versatzstücken zu rein dramaturgischen Zwecken und war für meinen Geschmack viel zu reißerisch aufgezogen. Hier hatte ich mir doch eher eine sorgsam recherchierte, subtil erzählte und stimmige Hintergrundgeschichte für den während des 2. Weltkriegs spielenden Handlungsstrang erhofft.
Der Roman wird aus zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt - zum einen aus der Gegenwart im Jahr 2019 und zum anderen in der Vergangenheit in den Jahren 1940 bis 1945. In einander abwechselnden Erzählsträngen erleben wir die Handlung aus den Perspektiven von Inès und Céline auf dem Weingut in der Champagne während des 2. Weltkriegs sowie aus Sicht der in New York lebenden, frisch geschiedenen Liv im Jahr 2019, die von ihrer hochbetagten Großmutter Edith in deren Heimat Frankreich geholt wird. In der in der Gegenwart angesiedelten Rahmenhandlung wird rasch klar, dass die Großmutter ihrer Enkelin Liv ein streng gehütetes Familiengeheimnis möchte und so tauchen wir gemeinsam mit der ahnungslosen Liv in Rückblenden allmählich in die verhängnisvollen Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieg auf dem Weingut in der Champagne ein. Ganz nebenbei lässt die Autorin in den Plot auch noch viele interessante Details zur Champagnerherstellung einfließen. Die Autorin hat in ihre teilweise recht melodramatische Geschichte voller Sehnsucht, Enttäuschungen, Missgunst, Schmerz, großer Liebe, Verrat und Verlust rund um ihre zahlreichen Charaktere eine Vielzahl von Verwicklungen und tragischen Wendungen eingebaut, immer wieder gewürzt mit einigen historischen Details zur mutigen Arbeit der Résistance gegen die brutalen deutschen Nazi-Schergen. Äußerst mitreißend und fesselnd ist dies alles auf beiden Zeitebenen geschildert, aber leider auch sehr überzogen und unglaubwürdig.
Die Figuren sind mit ihren Geheimnissen zwar vielversprechend angelegt, aber in ihrer Ausarbeitung nicht besonders gut gelungen. Sie wirken insgesamt sehr eindimensional und agieren im Laufe der Handlung leider sehr naiv, vorhersehbar und klischeehaft, so dass ich mit ihnen absolut nicht warmgeworden bin. Insbesondere das Verhalten von Inès in einer Schlüsselszene war für mich absolut nicht nachvollziehbar.
Routiniert lässt die Autorin ihre Geschichte nach einem letzten unerwarteten Twist schließlich mit einem obligatorischen Happy End und der Auflösung des noch fehlenden Teilchens des tragischen Familiengeheimnisses enden.
Schade, die Ausgangskonstellation für diesen Roman hatte eigentlich einiges an Potential gehabt, doch die Umsetzung konnte mich leider überhaupt nicht begeistern und lässt mich sehr enttäuscht zurück!
FAZIT
Ein überdramatisierter Historienschmöker vor historischem Hintergrund mit einer tragischen Liebesgeschichte und recht eindimensionaler Figurenzeichnung, der mich leider nicht berühren konnte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.01.2021

Äußerst gelungener Auftakt einer neuen historischen Krimi-Reihe

Der rote Judas
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INHALT
Der Krieg ist vorbei, das Töten ist es nicht ...

Leipzig in den Nachkriegswirren 1920. Kriminalinspektor Paul Stainer kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück, das Grauen der Schützengräben noch ...

INHALT
Der Krieg ist vorbei, das Töten ist es nicht ...

Leipzig in den Nachkriegswirren 1920. Kriminalinspektor Paul Stainer kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück, das Grauen der Schützengräben noch in den Knochen. Ein aufsehenerregender Fall zwingt ihn allerdings, sich mit der Gegenwart zu befassen: In der Villa eines Fabrikanten werden mehrere Menschen erschossen. Alles sieht nach einem missglückten Einbruch aus. Doch eine verängstigte Zeugin und ein Koffer voller Dokumente führen Stainer auf die Spur der „Operation Judas“: Männer, die über Leichen gehen, um ihre Verbrechen zu vertuschen - und die auch Stainers Tod planen.
(Quelle: Wunderlich Verlag bzw.
Taschenbuch-Ausgabe: Rowohlt Taschenbuch)

MEINE MEINUNG
Mit dem historischen Kriminalroman "Der rote Judas" ist dem deutschen Autoren Thomas Ziebula ein sehr überzeugender und unglaublich fesselnder Auftakt einer neuen Krimi-Reihe gelungen, der zwei Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs angesiedelt ist. Kenntnisreich und mit vielen eingeflochtenen zeitgeschichtlichen Details, die von sorgsamer Recherchearbeit zeugen, lässt uns Thomas Ziebula in das historische Leipzig der entbehrungsreichen der Nachkriegsjahre zu Beginn der 1920er Jahre eintauchen. Zu Recht stand "Der rote Judas“ auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020.
Mit seinen lebendigen, detailreichen Schilderungen versteht es Ziebula hervorragend, uns die verheerenden Auswirkungen des verlorenen Krieges vor Augen zu führen, uns hautnah die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung und die komplizierte politische Lage in der noch jungen Weimarer Republik vor Augen zu führen. Neben dem Leid der heimkehrenden kriegsversehrten Soldaten, der Not vieler Kriegswitwen, die nicht wissen wie sie ihre Kinder versorgen sollen, häufen sich die Konflikte zwischen Kommunisten, Nationalisten und geheimen rechten Gruppierungen.
Im Mittelpunkt des Krimis steht der zwar körperlich unversehrte, aber psychisch angeschlagene Kriminalinspektor Paul Stainer, der gerade erst aus dreieinhalb-jähriger französischer Kriegsgefangenschaft nach Leipzig zurückgekehrt ist. Überglücklich weiter in der „Wächterburg“ arbeiten zu können, muss er unbedingt verbergen, dass er immer noch unter einer Kriegsneurose leidet und ihm Alpträume, Panikattacken, Halluzinationen und schwerwiegende Gedächtnislücken zu schaffen machen. Keinesfalls darf daher seine Krankenakte mit psychiatrischem Gutachten, das ausgerechnet vom inzwischen zuständigen Gerichtsmediziner Dr. Prollmann ausgestellt wurde, in die Hände seiner Vorgesetzten geraten. Vor allem da er ohnehin beim feindseligen Regierungsrat Kasimir keinen leichten Stand zu haben scheint.
Die Ermittlungen in seinem ersten Fall erweisen sich bald als eine große Herausforderung für Kriminalinspektor Paul Stainer: Der zweifelhafte Selbstmord an einem Mitarbeiter in der Berliner Finanzverwaltung, der Mord an einem Gymnasialprofessor und schließlich eine Schießerei in einer Fabrikantenvilla mit drei Toten geben viele Rätsel auf, bis er bei seinen Nachforschungen schließlich den Hinweis auf eine mysteriöse „Operation Judas“ findet und einem geheimen Netzwerk auf die Spur kommt.
Thomas Ziebula hat einen fesselnden, rasanten und sehr vielschichtigen Plot entworfen, bei dem es dank des verwirrenden Geflechts von verschiedenen Handlungssträngen und den nicht leicht zu durchschauenden Hintergründen reichlich Ansatzpunkte zum Mitraten gibt. Er versteht es hervorragend, Spannung aufzubauen, so dass man mit dem gebeutelten Inspektor Stainer immer mehr mitfiebert. Dieser hat der nicht nur gegen üble Machenschaften in eigenen Reihen anzukämpfen und sich persönlichen Verstrickungen zu stellen, sondern muss auch im privaten Bereich so einiges wegstecken.
Die verschiedenen Charaktere bis hin zu den Nebenfiguren sind sehr facettenreich, lebendig und überzeugend dargestellt. Sie werden mit ihren Gedanken und Gefühle sehr eindringlich und authentisch geschildert, so dass man sich hervorragend in sie hineinversetzen kann. Herausragend ist insbesondere der sympathische Protagonist Paul Stainer, der mit seiner sehr komplexen Persönlichkeit und seiner durch die Kriegstraumata gezeichneten Psyche äußerst faszinierend ist. Man darf gespannt sein, wie er sich im Laufe der Krimireihe weiterentwickeln wird.
Aber auch alle anderen Figuren werden sehr glaubwürdig und interessant gestaltet und geschickt in den vor dem zeitgeschichtlichen Zusammenhang eingebettet, wie zum Beispiel die Straßenbahnfahrerin und Kriegswitwe Fine König.
Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse regelrecht und nach einigen überraschenden Wendungen gipfelt der Fall in einem äußerst packenden Finale.

FAZIT
Ein sehr überzeugender und fesselnder Auftakt einer neuen historischen Krimi-Reihe auf sehr hohem Niveau, die mit einem komplexen Kriminalfall, hervorragend ausgearbeiteten Charakteren und ausgezeichnet recherchiertem Zeitkolorit punkten kann. Auf die Fortsetzung dieser bemerkenswerten Krimireihe bin ich schon sehr gespannt.

  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2021

Gelungener Abschluss trotz einiger Schwächen

Shadowscent - Die Krone des Lichts
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INHALT
Rakel verlässt die Grenzen des Kaiserreichs, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren und endlich Antworten zu bekommen. Sie sucht mithilfe ihres feinen Geruchssinns nach einem Heilmittel für ...

INHALT
Rakel verlässt die Grenzen des Kaiserreichs, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren und endlich Antworten zu bekommen. Sie sucht mithilfe ihres feinen Geruchssinns nach einem Heilmittel für die Seuche, die ihren Vater befallen hat, und bemüht sich, nicht an Ash zu denken. Währenddessen versucht Ash, die anderen vor der drohenden Gefahr zu warnen, von der bislang nur er weiß. Doch das Kaiserreich steuert auf einen Krieg zu, dessen Keim in einer Zeit gesät wurde, in der die Götter noch auf Erden wandelten. Ob Prinz oder Diener, jetzt muss jeder Stellung beziehen.

(Quelle: Dragonfly Verlag)

MEINE MEINUNG
Nach dem vielversprechenden Auftakt „Shadowscent - Die Blume der Finsternis“ stellt der zweite Band „Die Krone des Lichts“ eine fesselnde Fortsetzung der abenteuerlichen Geschichte um Rakel, Ash und Nishai und zugleich den Abschluss der Shadowscent-Reihe dar. Diese vielschichtige Fantasy-Dilogie für jugendliche Leser*innen ab 14 Jahren stammt aus der Feder der in Australien geborenen und in Schottland lebenden Autorin P.M. Freestone.
Vor allem mit ihrer faszinierenden, orientalisch anmutenden Setting des Kaiserreichs Aramtesch und der mystisch-magischen Atmosphäre konnte mich diese originelle Fantasy-Geschichte sehr begeistern. Man taucht ein in eine exotische Welt, die von Gerüchen und machtvollen Düften dominiert wird und in der eine alte, geheimnisvolle Götterwelt eine bedeutende Rolle spielt. Sehr gut gefallen hat mir die vorangestellte Karte zum Überblick über die unterschiedlichen Regionen des Kaiserreichs, so dass man sich diesmal beim Lesen gut orientieren konnte.
Die Fortsetzung knüpft ohne eine kurze Rekapitulation der Geschehnisse unmittelbar an das ereignisreiche Ende des ersten Bands an. Ohne eine vorherige Auffrischung der vorangegangenen Ereignisse fällt einem der Einstieg in die Geschichte und die opulente, düstere Welt von Aramtesch nicht gerade leicht. Eine kurze Zusammenfassung und ein Personenregister wären hier sehr hilfreich gewesen. So empfiehlt es sich auch, die beiden Bände recht zügig hintereinander zu lesen, damit es nicht so lange dauert, sich in die zügig voranschreitende Handlung einzufinden.
Freestones mitreißender Schreibstil ist für ein Jugendbuch recht einfach gehalten und lässt sich sehr angenehm lesen.
Die Autorin erzählt ihre fesselnde Geschichte abwechselnd aus der Ich-Perspektive der Hauptfiguren Rakel, Ash, dem jungen Leibwächter des Kronprinzen Nisai sowie aus Sicht der sehr undurchsichtigen Figur von Luz. Die Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt sorgen für eine besondere Nähe zu den Figuren und lassen uns gekonnt an ihren unterschiedlichen Erlebniswelten teilhaben. Die stetigen Perspektivwechsel und etliche überraschende Entwicklungen bauen rasch Spannung auf und bringen frischen Wind in die abwechslungsreiche Geschichte. Der Autorin ist es zwar recht gut gelungen, uns mit tempo- und actionreichen Passagen in Atem zu halten, doch finden sich leider auch immer wieder Episoden, in denen die Spannung deutlich abflacht. Einige Begebenheiten hätten deutlich intensiver und raffinierter ausgearbeitet werden können, zudem hat die Autorin leider viele Ereignisse viel zu rasch und vorhersehbar abgehandelt, so dass interessante Aspekte einfach ausgeblendet wurden. Angesichts des vielversprechenden Settings ist es ihr auch im zweiten Band nicht besonders gut gelungen, uns das zugrundeliegende, komplexe Worldbuilding ausreichend plastisch zu vermitteln und so für ein grandioses Kopfkino zu sorgen.
Insgesamt hat mir die Figurenzeichnung gut gefallen, auch wenn einige ruhig etwas mehr Tiefgang vertragen hätten, um der Geschichte mehr Würze zu verleihen. Während einige Charaktere wie Rakels Mutter oder Luz mir viele Rätsel aufgegeben haben und ich mit ihnen nicht richtig warm wurde, sind die beiden Protagonisten Rakel und Ash sehr plastisch und lebendig ausgearbeitet und ihre Charakterentwicklung ist sehr nachvollziehbar geschildert. Die junge Rakel ist eine rundum sympathische Heldin, mit der man sich leicht identifizieren kann. Sie ist sehr selbstbewusst, clever, schlagfertig und mutig und wächst im Laufe der Handlung immer mehr über sich hinaus. Auch Ash, der anfangs sehr unnahbar und geheimnisvoll wirkte, ist ein besonderer Sympathieträger und nimmt eine bedeutsame Rolle innerhalb der Geschichte ein. Sehr angenehm im Hintergrund hält sich auch die Liebesgeschichte zwischen ihnen, die sehr stimmig geschildert wird und glücklicherweise trotz „Romantik pur“ nicht ins Klischeehafte abgleitet.
Nach einigen unerwarteten Twists mündet die Handlung schließlich in einem fesselnden Showdown. Gut gefallen hat mir der schöne, stimmige Ausklang, der ein passendes, zufriedenstellendes Ende der Fantasy-Dilogie darstellt und die Geschichte von Rakel, Ash und Nisai perfekt abrundet .

FAZIT
Eine fesselnde und unterhaltsame Fortsetzung der Fantasy-YA-Dilogie, der uns in die exotische, vielschichtige Welt der Düfte und das faszinierende Kaiserreichs Aramtesch entführt. Eine vielschichtige Geschichte mit viel Potential, das leider wegen kleinerer Schwächen im Handlungsverlauf und einem nicht ganz ausgereiften Worldbuilding nicht ganz ausgereizt wird!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 13.01.2021

Bewegender historischer Roman

Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück
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INHALT
Köln, 1941.
Anna wächst bei ihrer Tante Marie und ihrem Onkel Matthias auf, einem Bäckerehepaar. Das Mädchen liebt die Backstube über alles, besonders den großen Ofen aus Vulkanstein. Doch mit dem ...

INHALT
Köln, 1941.
Anna wächst bei ihrer Tante Marie und ihrem Onkel Matthias auf, einem Bäckerehepaar. Das Mädchen liebt die Backstube über alles, besonders den großen Ofen aus Vulkanstein. Doch mit dem Krieg kommt das Unglück: Matthias wird eingezogen und die Bäckerei bei Luftangriffen zerstört. Während Köln in Trümmern liegt und vom kältesten Winter des Jahrhunderts heimgesucht wird, schließt Anna sich in ihrer Not einer Schwarzmarktbande an und steigt zur gewieftesten Kohlediebin der Stadt auf. Als sie am wenigsten damit rechnet, verliebt sie sich – eine verbotene Liebe mit gefährlichen Folgen. Von Kälte, Hunger und Neidern bedroht, halten Anna und ihre Tante verzweifelt an dem Traum fest, die Bäckerei wiederaufzubauen. Und an der Hoffnung, dass die Männer, die sie lieben, irgendwann zu ihnen zurückkehren.
(Quelle: Ullstein)

MEINE MEINUNG
In „Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück" erzählt die Kölner Journalistin und Autorin Lioba Werrelmann, die ihrem historischen Roman unter dem Pseudonym Lilly Bernstein veröffentlicht hat, eine faszinierende und sehr bewegende Familiengeschichte, die in Köln vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des 2. Weltkriegs mit seinem Bombenterror, der Stunde Null und der alliierten Besatzung zur Nachkriegszeit spielt.
Gekonnt lässt uns die Autorin mit ihrem lebendigen und bildhaften Schreibstil in die damalige Zeit eintauchen und führt uns die aus heutiger Sicht kaum noch vorzustellenden Zustände für die notleidende Bevölkerung vor Augen. Einfühlsam und facettenreich vermittelt die Autorin ein sehr stimmiges, authentisches Bild von der ausgebombten Stadt während der unmittelbaren Nachkriegs- und britischen Besatzungszeit. Äußerst anschaulich sind die vielfältigen Einblicke in den entbehrungsreichen Alltag, der -geprägt von den Nachwehen des grausamen Kriegs - von Hunger, Armut, Kälte, knappem Wohnraum und chaotischen Zuständen bestimmt wurde. Der Schwarzmarkt florierte, hohe Kriminalität, Gesetzlosigkeit und ein gnadenloser Überlebenskampf erschwerten zudem das Leben der Schwächsten der Gesellschaft. Viele eingestreute historische Details und die sehr plastisch geschilderten Schauplätze in Köln zeugen von einer sorgsamen Recherche der Autorin und sorgen für ein interessantes Lokalkolorit.
Geschickt lässt die Autorin uns auch an der Stimmungslage der Menschen im besetzten Nachkriegsdeutschland teilhaben, die den Besatzern mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen und mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit noch längst nicht abgeschlossen haben.
Im Mittelpunkt der bewegenden Geschichte steht die sympathische Bäckersfamilie mit Marie und Matthias, ihrer Tochter Anna und dem kleinen Karl, deren bewegtes Leben wir mit all seinen Höhen und Tiefen durch die düstere und sehr harte Zeit des Kriegs und der Trümmerjahre begleiten. Exemplarisch für so viele Schicksale jener Zeit erleben wir sie mit ihren Ängsten, Sorgen, Nöten, Entbehrungen, herben Verlusten und Schicksalsschlägen, haben aber auch Anteil an ihren kleinen Freuden, Hoffnungen, Träumen und wenigen glücklichen Momenten. Gekonnt erweckt die Autorin die verschiedenen, facettenreich ausgearbeiteten Charaktere zum Leben, so dass sie mit ihren Eigenheiten äußerst lebensnah und authentisch wirken und einem ans Herz wachsen. Es ist eine wahre Achterbahnfahrt der Emotionen, auf die uns die Autorin im Laufe ihrer mitreißend, anschaulich und bildgewaltig erzählten Geschichte schickt, die vor allem von den bewundernswert tatkräftigen und starken Frauenfiguren getragen wird, die sich aufopferungsvoll und voller Kampfgeist, Überlebenswillen und Mut ihrem Schicksal stellen.
Weniger gut hat mir allerdings die eingeflochtene Liebesgeschichte um Marie gefallen, die ich als etwas hölzern und aufgesetzt empfand, aber meinen positiven Gesamteindruck von diesem sehr gelungenen und fesselnden historischen Roman nicht schmälert.

FAZIT
Ein berührender und lehrreicher historischer Roman über die Kölner die Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre - abwechslungsreich und mitreißend erzählt, mit sehr lebendigem und authentischem Zeit- und Lokalkolorit und faszinierenden Charakteren.

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  • Charaktere