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Veröffentlicht am 12.04.2026

Ich mag den Love Interest nicht, aber der Rest ist echt super

School of Myth & Magic, Band 1 - Der Kuss der Nixe
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Nachdem mich zuletzt einige Jugendbücher ziemlich enttäuscht haben, war Der Kuss der Nixe geradezu ein erfrischendes Highlight!

Da ich bisher von Jennifer Alice Jager nur School of Myth & Magic. Der Kuss ...

Nachdem mich zuletzt einige Jugendbücher ziemlich enttäuscht haben, war Der Kuss der Nixe geradezu ein erfrischendes Highlight!

Da ich bisher von Jennifer Alice Jager nur School of Myth & Magic. Der Kuss der Nixe kenne, muss ich davon ausgehen, dass alle ihre Bücher in dieser Art geschrieben sind. Und das ist aus meiner Perspektive extrem positiv, denn ich bin nur so durch die Seiten geflogen! Awakening – Terra steht schon seit einiger Zeit ungelesen in meinem Regal, ist nach Der Kuss der Nixe aber ein gutes Stück auf meiner Leseliste nach oben gerückt.

Am Anfang war ich etwas skeptisch, ob ich mit Devin warm werden würde, als sie nach schönster „ich bin anders als die anderen Mädchen“-Manier über Make-Up schimpft, während sie sich in ihre extrem enge Hose zwängt. Doch schon nach wenigen Seiten nahm die Handlung so richtig an Fahrt auf und die Hauptfigur zeigte, was in ihr steckt. Was ich in so vielen anderen Büchern liebe, sind Figuren, die nicht auf den Mund gefallen sind und schlagfertig für sich einstehen, trotz aller (Selbst-) Zweifel und Ängste in einem meist feindlichen Umfeld.

Beispielsweise in Patricia Briggs Mercy-Thompson-Reihe oder, das habe ich erst kürzlich gelesen, in Annette Maries Drei Magier und eine Margarita lassen sich die jeweiligen Hauptfiguren nicht unterkriegen und haben wie Buffy immer einen flotten Spruch auf den Lippen. So auch Devin, die sich von jetzt auf gleich in einer völlig neuen, fremden Realität wiederfindet.

Sie lässt sich zum Beispiel gar nicht erst auf das Mobbing der It-Clique an der neuen Schule ein, sondern ihr erster Gedanke in der Situation ist „wie unsicher muss das Mädchen sein, um so auf jemanden loszugehen, den sie das erste Mal sieht?“. Devin schreckt auch nicht davor zurück, bei ungewollten Annäherungsversuchen Nein zu sagen, anstatt sich in die Enge treiben zu lassen. Dazu später mehr.

Die Gestaltung der magischen Zwischenwelt und ihrer Bewohner*innen hat mir richtig gut gefallen. An einigen Stellen hatte ich regelrecht Bilder vor Augen, was viele Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, nicht geschafft haben. Noch ein Beweis für den tollen Schreibstil der Autorin!

Auch die Handlung war irgendwie besonders: Eigentlich ist es ja nichts neues, dass in einem abgelegenen Internat junge Menschen etwas über ihre besonderen Fähigkeiten lernen. Harry Potter, die Engelsnacht-Reihe von Lauren Kate, Vampire Academy, um nur ein paar zu nennen. Was School of Myth & Magic. Der Kuss der Nixe für mich besonders macht, ist, neben Devins Charakter das Zusammenspiel der verschiedenen Wesen und wie selbstverständlich alles erscheint. Es hat mich nicht überrascht, dass ein Waldwesen in der Mittagspause eine Bohnenranke wachsen lässt, dass die soziale Struktur unter Nixen wie bei Fischen als Schwarm funktioniert oder dass ein alter Drache im höchsten Turm zu finden ist.

Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, dass die Autorin richtig viel Vorarbeit in Der Kuss der Nixe gesteckt hat, um alle Details zu erwischen, die diese Geschichte irgendwie logisch und realistisch machen.

Einen extrem dicken Pluspunkt bekommt Der Kuss der Nixe von mir in diesem Zusammenhang dafür, dass auf die verschiedenen Sprachen der Jugendlichen eingegangen wird – schließlich kommen sie aus aller Welt in dieser Schule zusammen. An einer Stelle bekommt Devin die Erklärung, dass unter dem Schutzschild der Schule ein Zauber dafür sorgt, dass sich alle gut verständigen können, obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen.

Damit wäre ich ja schon zufrieden gewesen – aber als eine Gruppe dann mal den Schutzschild und damit die Reichweite des Zaubers verlässt, sprechen sie tatsächlich unterschiedliche Sprachen, die Devin nicht ohne einen speziellen Trank verstehen kann. Das wird nicht nur ausgedrückt durch „meine Freunde reden komisch“, sondern die Sätze stehen tatsächlich in Französisch, Gälisch und Finnisch im Buch. Sie werden nicht übersetzt (aber wenn mein Google-Übersetzer recht hat, passen sie hervorragend in die Szene). Das ist eine Detailverliebtheit, die nicht nötig gewesen wäre, aber die für mich ein Buch auf eine ganz neue Ebene hebt.

Und dann gibt es die Momente, in denen ich schmunzeln musste. Zum Beispiel als ein Drache das erste Mal seine Drachenform zeigt, die ihm dann aber peinlich ist. Oder als ein Incubus auf seine ganz eigene Art seine Handlungen erklärt. Als Devin das erste Mal in ihrer Nixenform erkennt, wozu sie fähig ist und dabei pure kindliche Begeisterung ausstrahlt.

Eine Stelle habe ich mir nur deshalb markiert, weil aus ihr deutlich wurde, dass Der Kuss der Nixe wirklich von einer Frau geschrieben sein musste: nachdem jemand ihre Hose zu- (und nicht auf-) geknöpft hatte, steckte er die Hände in die Hosentaschen, um das Innenfutter zu richten. Wieder ein kleines Detail, das man hätte weglassen können, das für mich aber wieder einen riesigen Unterschied in der entsprechenden Szene ausmacht!

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist die Person, die sich als Love Interest hervortut. Ich glaube, ich wäre besser mit dem Altersunterschied von 8 Jahren zu einem anderen potenziellen Partner (und dem Problem, dass eine der beteiligten Personen noch 17 Jahre alt, also minderjährig ist) zurechtgekommen, als mit den wiederholten körperlichen Kontaktversuchen des Typen, den sich Devin bis zum Ende dieses ersten Bandes aussucht.

Er hört zwar immer auf, wenn sie Nein sagt, aber startet dann doch einen neuen Versuch mit „vertrau mir“, während ihr innerer Monolog neben Versuchung vor allem berechtigte Angst ausdrückt. Er ist auch etwas übergriffig in seinen Versuchen, sie zu beschützen, obwohl sie mehrfach sowohl mit Worten als auch mit Taten klarstellt, dass sie auch recht gut auf sich selbst aufpassen kann. Sogar einen dritten Kerl, der gegen Ende als Bösewicht dargestellt wird (ich hoffe und vermute, dass sich das in der Fortsetzung ein bisschen ändert), habe ich zwischenzeitlich als potenziellen (und deutlich besseren) Partner gesehen. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Situation entwickelt. Ich hoffe, dass es nicht bei dem jetzigen Partner bleibt.

Genauso gespannt bin ich auf die weitere Entwicklung der mystischen und magischen Elemente von Der Kuss der Nixe. Tore, die nicht nur Abkürzungen in verschiedene Bereiche unserer Welt ermöglichen, sondern auch ganz fremde Welten eröffnen; Dämonen, die von Menschen Besitz ergreifen können; Wächter, die gegen verschiedenste magische Wesen kämpfen müssen; die Andeutung von übergeordneten, politischen Strukturen, die an der Schule einige umkrempeln könnten – es gibt viele Ansätze, diese Geschichte weiterzuerzählen.

Ich freue mich sehr darauf, in der Fortsetzung zu erfahren, wie es weitergeht und welche Rolle Devin in all dem spielen wird. Der Kuss der Nixe ist definitiv eines der besseren Jugendbücher, die ich in 2024 gelesen habe!

Veröffentlicht am 12.04.2026

TRIGGERWARNUNG. Wichtige, ernste Themen aus der Perspektive eines Mittäters

Death. Life. Repeat.
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Uff. Death. Life. Repeat. ist ein Buch, das erst einmal verdaut werden muss. Eine Triggerwarnung zu den Themen verbale und körperliche Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen, Vergewaltigung und toxische Männlichkeit ...

Uff. Death. Life. Repeat. ist ein Buch, das erst einmal verdaut werden muss. Eine Triggerwarnung zu den Themen verbale und körperliche Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen, Vergewaltigung und toxische Männlichkeit ist angebracht. Auch exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum auf Partys kommen im Buch vor, darüber hinaus gewaltvolle Tode unterschiedlicher Art.

Es gibt vieles, was Death. Life. Repeat. von den Büchern unterscheidet, die ich normalerweise lese.
Als erstes fällt mir das Lesemotiv ein: ich lese im Normalfall zur Entspannung, zum Abschalten vom Alltag. Death. Life. Repeat. lässt das nicht zu.
Dann ist da die Erzählform, im Präsens aus der Ich-Perspektive eines Mitschuldigen. Alles Erzählte geschieht genau jetzt, während ich es lese. Im Gegensatz zur Vergangenheitsform, in der die meisten Bücher geschrieben sind, die ich sonst lese, wirkt dadurch alles sehr unmittelbar, distanzlos. Bedrückend.
Und schließlich enthält Death. Life. Repeat. abgesehen von der Zeitschleife keine Fantasy-Elemente, sondern nichts als die schonungslose Realität.

Die ersten paar Kapitel erinnerten mich an Bücher, die ich während meiner Schulzeit lesen musste (die Betonung liegt auf „musste“): trocken, gelangweilt, abgestumpft, stellenweise abstoßende „Jugendsprache“. Deshalb vergingen auch einige Wochen, bevor ich mich zum Weiterlesen aufraffen konnte. Und obwohl dieses Gefühl von Schullektüre, von einem Jugendbuch, das dringend eine Botschaft vermitteln will, bis zum Ende nicht verflog, gefiel es mir zum Ende hin etwas besser. Nachdem ich verstanden hatte, wie diese Geschichte aufgebaut ist, wie sie funktionieren soll.

Die Botschaft ist klar und deutlich: Übergriffe, Missbrauch und – im Klartext – Vergewaltigungen sind Realität. Darüber zu schweigen löscht diese Wahrheit nicht aus. Und neben den Tätern müssen nicht die Mädchen und Frauen, die meist als Betroffene oder Opfer dastehen, zur Verantwortung gezogen werden, sondern die Jungs und Männer, die die Anzeichen übersehen (wollen) oder gar in vollem Bewusstsein wegschauen.

Obwohl es auch für die Hauptfigur James Spencer mehr als eine Frau braucht, um ihn mit der Nase auf den Kern des Problems zu stoßen, erkennt er am Ende seine eigene Schuld und die Konsequenzen seiner Taten – und die Konsequenzen, die aus seinem Nichtstun entstanden. Der mühsame Weg zu dieser Erkenntnis, der von der Autorin in Form einer Zeitschleife und der ständigen Wiederholung eines einzelnen Tages dargestellt wird, ist auch für mich als Leserin mühsam und anstrengend gewesen.

An einigen Stellen wollte ich Spencer am Nacken festhalten und seinen Kopf in die richtige Richtung drehen, in anderen Momenten dachte ich, jetzt muss der Junge es doch verstanden haben! Aber nein, die gesellschaftliche Sozialisierung, also die Macht der Gewohnheit, war stärker. So frustrierend das als Leseerlebnis auch war – in der Realität sieht es eben genau so aus: Es sind immer die anderen. Nie kann Mann sich vorstellen, dass die eigenen Freunde etwas so Schreckliches tun würden. Und schon gar nicht würde man selbst irgendwelche Grenzen überschreiten. Sie wollten das doch. Hey, lach doch mal!

Es war stellenweise schwer, einfach weiterzulesen. Ich verstehe, was die Autorin mit ihren Dialogen, Chatverläufen und Gedanken von Spencer erreichen will, und meiner Meinung nach hat sie das zumindest bei mir auch geschafft. Genau das ist aber auch der Grund, weshalb ich keinen Spaß beim Lesen hatte und mich durchgehend richtig schlecht gefühlt habe.
Ich glaube, wenn jemand beim Lesen von Death. Life. Repeat. auch nur einen Funken Freude empfindet, ist das ein deutliches Signal, den eigenen moralischen Kompass unter die Lupe zu nehmen.

Technisch gut gemacht fand ich die Zeitschleifen. Sie repräsentieren für mich das ständige Überdenken, ob eine einzelne andere Entscheidung irgendetwas an dem schlimmen Ausgang eines Abends geändert hätte. Was wäre gewesen, wenn? Hier wird dieses Gedankenkarussell nun zur Abwechslung einmal nicht dem Opfer eines Übergriffs, sondern einem Mitschuldigen bzw. Mitläufer des Schuldigen in den Kopf gesetzt.

Dass es Bücher wie Death. Life. Repeat. schwer haben, das richtige Publikum zu erreichen und die erhoffte Botschaft erfolgreich zu vermitteln, dafür bin ich selbst mit meinem ersten Instinkt aus „Oh, das liest sich wie eine Schullektüre – davon brauche ich erst einmal eine Pause!“ das beste Beispiel. Und das, obwohl meine letzte Schullektüre schon fast 10 Jahre her ist. Ich denke dabei auch an Bücher wie Wie du mich siehst von Tahereh Mafi, das ich lange nach meiner Schulzeit gelesen habe und noch immer so wichtig finde.
Deshalb hoffe ich, dass einige Jungen und junge Männer Death. Life. Repeat. lesen und verstehen – und dabei ihr eigenes Umfeld und ihre eigene Verantwortung überdenken.

Noch einmal: es machte mir keine Freude, Death. Life. Repeat. zu lesen, deshalb sieht meine Rezension entsprechend aus. Aber das Buch ist handwerklich gut gemacht und es vermittelt erfolgreich eine wichtige Botschaft. Hut ab.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Nett, aber nicht so außergewöhnlich wie ihre anderen SciFi-Märchen

Gilded – Die Versuchung des Goldes (Gilded 1)
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Nachdem ich damals an Wie Monde so silbern von Marissa Meyer solche Freude hatte (es war vor fast 5 Jahren eine der ersten Rezensionen, die ich je geschrieben habe), musste ich bei dieser neuen Märchen-Adaption ...

Nachdem ich damals an Wie Monde so silbern von Marissa Meyer solche Freude hatte (es war vor fast 5 Jahren eine der ersten Rezensionen, die ich je geschrieben habe), musste ich bei dieser neuen Märchen-Adaption derselben Autorin natürlich auch zugreifen. In Gilded. Die Versuchung des Goldes bekommt das Märchen Rumpelstilzchen ein neues Gewand.

Während ich mich in Die Versuchung des Goldes wieder über viele Elemente freuen konnte – allem voran über die weibliche Hauptfigur Serilda, die zwar von allen hin und her geschubst wird und kaum etwas Positives zu hören bekommt, aber trotzdem ihren eigenen Weg geht -, fehlte mir diesmal ein Aspekt ganz besonders: ein komplett neues Setting.

Für mich macht den Charme von Marissa Meyers Adaptionen aus, dass sie das ursprüngliche Material in einen komplett neuen Kontext versetzen. Bei Wie Monde so silbern und den dazugehörigen Fortsetzungen war das eine futuristische Science-Fiction-Welt. In Die Versuchung des Goldes jedoch bleibt die Welt sehr nah an der Vorlage: mittelalterliche Dörfer und Handelsstädte, verschwundene Königshäuser und magische Wesen im gefährlichen Wald.

Die Verknüpfung von Rumpelstilzchen mit dem Erlkönig von Goethe und der Wilden Jagd, die viele wahrscheinlich aus dem Game The Witcher 3 oder der dazugehörigen Romanvorlage von Andrzej Sapkowski kennen, hat mir in Die Versuchung des Goldes gut gefallen, aber das ist im Verhältnis zum Rest der Geschichte eigentlich nur ein kleines Detail. Es hätte auch jede andere grausame Figur sein können; dass die Autorin sich den Erlkönig ausgesucht hat, spielt keine allzu große Rolle.

Beim Lesen habe ich zwischendurch vergessen, dass Die Versuchung des Goldes eine Fortsetzung haben wird, und war dann gegen Ende etwas überrascht, dass einige Handlungsstränge offen gelassen wurden. Das meiste wurde abgeschlossen, die Geschichte hätte genauso gut mit diesem Buch enden können. Ich bin nicht sicher, was der zweite Band bieten wird. Das liegt vor allem daran, dass ich den Eindruck bekommen habe, dass es einfach nicht genug Stoff für einen zweiten Band gibt. Es passiert schon in Die Versuchung des Goldes nicht allzu viel, die Handlung kommt jetzt schon stellenweise sehr langsam voran – ist da wirklich noch genug für Band 2 übrig?

Besonders gut hat mir dagegen der Prolog gefallen: indem die erzählende Hauptfigur von Anfang an andeutet, dass sie zum Lügen neigt, war ich den kompletten Rest von Die Versuchung des Goldes auf der Hut: kann ich der Erzählerin glauben, dass das Erzählte wirklich so passiert ist? Was, wenn wir es hier mit einer sogenannten unzuverlässigen Erzählerin zu tun haben, die ab und zu einfach mal die Unwahrheit sagt? Diesen Punkt möchte ich nicht spoilern, deshalb belasse ich es an dieser Stelle dabei. Ich finde es aber stark gemacht, durch diesen kurzen Prolog dem gesamten Buch eine zusätzliche Ebene zu geben. Geringer Einsatz, enorme Wirkung!

Fazit
Für mich ist Gilded. Die Versuchung des Goldes eine gelungene Adaption, die allerdings nicht das Gewisse Etwas bietet, das ich aufgrund anderer Bücher von dieser Autorin erwartet hatte. Kurz gefasst: Nett, aber nichts Außergewöhnliches.

Veröffentlicht am 12.04.2026

DIE Verkörperung von female rage

Iron Widow - Rache im Herzen
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Ich habe sehr lange gebraucht, um meine Gedanken zu Iron Widow in solche Worte zu fassen, mit denen ich schließlich zufrieden sein konnte. So lange, dass ich das Buch in der Zwischenzeit noch einmal lesen ...

Ich habe sehr lange gebraucht, um meine Gedanken zu Iron Widow in solche Worte zu fassen, mit denen ich schließlich zufrieden sein konnte. So lange, dass ich das Buch in der Zwischenzeit noch einmal lesen musste, um mir einzelne Details und vor allem die genauen Umstände vom Ende noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Kurzgefasst ist Iron Widow eine Verkörperung von „female rage“:

Wu Zetian bricht mit gesellschaftlich normierten Regeln, indem sie die Fragen nach Warum und Wer stellt: Warum sind manche Dinge als normal angesehen, während andere verschmäht werden? Warum funktioniert manches so, und nicht anders? Was würde passieren, wenn man es einfach einmal anders macht? Wer hat sich ursprünglich aus welchem Grund diesen einen Weg ausgedacht, und warum hält man sich heute immer noch daran?

Bevor Zetian anfängt, größer zu denken, beginnt eigentlich alles mit einem ganz persönlichen Problem: sie ist ein Mädchen, eine Frau, und das allein ist Grund für ihre Missachtung, ihre Misshandlung und Verstümmelung innerhalb ihrer Familie und ihrem Dorf.

Nicht umsonst ist das Zupfen ihrer Augenbrauen, mit dem sie einen Teil von sich selbst aufgibt und damit auf ihrem Weg zur Rache ein Schönheitsideal erfüllt, eine der ersten Szenen des Buches. Ihre Füße wurden als Kind zu Lotusfüßen verstümmelt, sodass sie nicht weglaufen oder selbstbewusst auftreten kann. (Pun not intended.) Sie ist in dem begründeten Wissen aufgewachsen, dass Frauen Besitz sind: Dienerinnen, Unterhaltungsprogramm, Objekt, an dem Mann seine Wut auslassen kann, Gebärmaschine. Und Einnahmequelle, wenn die Töchter zum Sterben ans Militär verkauft werden.

Aus dieser sehr persönlichen Hölle heraus entwickelt Zetian einen verständlichen Zorn und enorme Rachegelüste. Und während Iron Widow vielleicht besser doch nicht als Anleitung dafür gelesen wird, wie man eine bessere Welt erreicht, gibt diese dickköpfige, zornige und nach Vergeltung gierende Hauptfigur den Lesenden Raum, den eigenen Erfahrungen und dem eigenen Frust auf die Welt für eine Weile freien Lauf zu lassen.

Ich finde es beeindruckend, wie dey Autore (nonbinary – daher Neopronomen vom Verlag übernommen) es schafft, so viele gesellschaftliche Probleme in einen Roman zu verpacken, ohne es aufgesetzt wirken zu lassen. So oft bekommt man einen erzwungenen Eindruck, als hätte dieser oder jener Aspekt nachträglich noch irgendwie in die Geschichte gepresst werden müssen. Hier jedoch ergibt das alles einen Sinn:

Es ist für Iron Widow nötig, dass Frauen und Mädchen misshandelt und unterschätzt werden. Es ist nötig, dass Medienkonzerne übermächtig sind. Es ist nötig, dass alte (weiße?) Männer Entscheidungen über Dinge treffen, die sie selbst gar nicht recht verstehen oder deren Konsequenzen ihnen schlicht egal sind. Es ist nötig, dass die eigene Geschichte vergessen oder ignoriert wird, um eine politische Agenda durchzudrücken.

Dazu kommen Diskriminierung gegenüber Minderheiten, Sklaverei, Missbrauch von Minderjährigen, Machtmissbrauch auf unterschiedlichste Weise und so, so viel mehr. Diese Elemente werden in Iron Widow erzählt als sorgfältig in die Handlung verwobene Details, die sich gar nicht exemplarisch herauspicken lassen. Und sie sind hervorragend eingesetzt, um während des Lesens immer wieder diesen schwelenden Zorn anzufachen, sodass wir Lesenden genau wie Zetian überzeugt davon sind, auf der richtigen Seite für die richtigen Dinge und gegen die richtigen Leute anzukämpfen, bis am Ende ganz kurz angedeutet wird, dass es vielleicht ein noch viel größeres Problem gibt. Dessen Existenz heißt nicht, dass alles, was Zetian getan hat, umsonst gewesen wäre – aber zumindest meine Neugier auf die Fortsetzung ist geweckt.

Ein weiteres Element, das Iron Widow für mich besonders macht, ist die Dreiecksbeziehung, die hier im Gegensatz zu den meisten anderen Geschichten auch tatsächlich ein Dreieck bildet. Wenn von einer Dreiecksbeziehung die Rede ist, dann haben viele so etwas wie Twilight vor Augen: ein Mädchen, dass zwischen zwei Jungs schwankt und sich irgendwie für einen von beiden entscheiden muss. Dabei wird die dritte Seite des Dreiecks – die zwischen den beiden Jungs – außer Acht gelassen.

Iron Widow dagegen beinhaltet das trope „why choose“ und Polyamorie, womit nicht nur Zetian Gefühle für zwei verschiedene Männer entwickelt, sondern diese Männer auch für sie – und, das macht die wirkliche Dreiecksbeziehung aus, auch füreinander. Ein perfektes Dreieck, das auch außerhalb ihrer Liebesgeschichte eine wichtige Rolle für den Verlauf der Handlung spielt.

Die bisher beschriebenen Aspekte bilden für mich die Grundlage von Iron Widow, die Basis und Struktur der Welt, in der die Geschichte spielt. Aber eigentlich, auf den ersten Blick erkennbar, haben wir hier eine Kombination aus actionreicher Science Fiction mit dystopischer Fantasy und der (bewusst historisch inkorrekten, es gibt extra einen Hinweis dazu im Buch) Nacherzählung einer historischen Figur: der einzigen Frau in der Geschichte Chinas, die sich „Kaiser“ (nicht Kaiserin) nennen konnte.

Ich möchte nicht behaupten, dass Iron Widow handwerklich unendlich besser ist als alles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es ist ein wirklich gutes Buch, erfindet jedoch in vielen Dingen das Rad nicht neu. Aber die vermittelten Werte, der wirklich aus jeder Zeile triefende female rage, der reflektierte Blick auf die politische Entwicklung so vieler westlicher Länder – das hat bei mir einen enormen Eindruck hinterlassen.

Noch nie hat ein Roman meine eigene Wut auf unsere patriarchale Gesellschaft so sehr angefacht wie dieses. (Dieses Sachbuch zum Thema Femizid schafft das allerdings sehr gut: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen) Noch nie hat ein Buch für mich einen solchen weiblichen Zorn ausgestrahlt. Und endlich hat die Heldin dieses Buches eine Chance auf die nötige Macht, um etwas zu verändern. Ob diese Veränderung etwas verbessert, bleibt abzusehen, aber die Dinge um Wu Zetian herum werden sich unvermeidlich ändern. Band 2 kann ich kaum erwarten – Heavenly Tyrant. Seele in Ketten erscheint im April.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Die Gefühlsachterbahn funktioniert einfach nicht. Es bleibt viel zu oberflächlich

Almost isn't enough. Echoes of the Past (Secrets of Ferley 2)
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Nach vielen Fantasy-Romanen brauchte ich mal wieder etwas Romance als Abwechslung, da kam mir Echoes of the Past aus dem NetGalley-Adventskalender 2024 gerade recht.

Der Klappentext von Echoes of the ...

Nach vielen Fantasy-Romanen brauchte ich mal wieder etwas Romance als Abwechslung, da kam mir Echoes of the Past aus dem NetGalley-Adventskalender 2024 gerade recht.

Der Klappentext von Echoes of the Past verspricht viel, und das Buch hält auf den ersten Blick diese Versprechen: Die Formulierung „Hazel schleppt mehr Geheimnisse mit sich herum als sie tragen kann“ passt wirklich gut. Sie hat mir oft leidgetan, ist sie doch an den meisten Dingen absolut unschuldig. Und Damian ist die Erfüllung des Klischees „reiches liebloses Elternhaus, aber der Junge ist eigentlich ziemlich gut geraten“. Die beiden haben nette Freunde und zumindest Hazels Großvater bringt familiäre Zuneigung mit. Trotz dieser Pluspunkte bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mir in wenigen Monaten nichts mehr über dieses Buch in Erinnerung rufen kann.

Denn in Echoes of the Past bleibt alles so unglaublich oberflächlich! Das kann natürlich zum Teil daran liegen, dass ich mit Band 2 und ohne Vorwissen über Band 1 in diese Figurenkonstellation eingestiegen bin – womöglich geht Band 1 viel mehr ins Detail. Allerdings beschäftigt sich Band 1 mit einem anderen Paar, also dürften Damian und Hazel da nur Nebenfiguren sein, falls Hazel aufgrund ihrer jahrelangen Abwesenheit überhaupt auftaucht.

Nach meinem jetzigen Wissensstand weiß ich über die Freunde von Damian kaum mehr als ihre Namen, dass er mit einigen studiert und andere schon seit der Kindheit kennt und dass er sich mit einem einen Hund als Haustier teilt. Echoes of the Past schildert aber keine einschneidenden Erlebnisse, die die Freundschaften haben entstehen lassen, und auch wie Hazel in die Gruppe aufgenommen wurde ist kaum Thema.

Selbst in den Rückblicken, die einen besseren Überblick über die Beziehung von Hazel und Damian bieten, wird nicht einmal deutlich, wie es dazu kam, dass Hazel und Summer – Damians beste Freundin – ebenfalls beste Freundinnen wurden. Und schon jetzt, etwa 2 Stunden nach dem Lesen von Echoes of the Past, weiß ich nicht, wie Hazel Gefühle für Damian entwickelt hat. Eine Szene, in der sie ein Paar werden, existiert. Aber wann ist aus Hazels Ablehnung von Damians Versuchen, ihr in bestimmten Momenten zu helfen, Zuneigung geworden? Keine Ahnung.

Das ganze Buch fühlte sich so an, als ob man mir einen Haufen Figuren vorsetzt und diese mir einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Leben erzählen – nämlich wie Hazel wieder in der Stadt auftaucht und damit einige unterdrückte Gefühle bei vielen Leuten, sie selbst eingeschlossen, lostritt -, aber das war es auch schon. (An sich ist das kein Problem, dafür gibt es ja das Genre Slice of Life. Aber das passt hier auch nicht recht. Es wirkt nicht so, als sei das das gewünschte Ergebnis.)

Ich konnte nicht wirklich mit Hazels oder Damians Traumata mitfühlen, weil keinerlei Nähe zu den Hauptcharakteren aufgebaut wurde. Oder auch Jackson: Ja, er ist eindeutig der Böse in Echoes of the Past, keine Frage. Aber eine drei, vier Sätze lange Zusammenfassung von Hazel ist alles, was wir über den Ursprung dieser Situation erfahren. Da wurde sogar ihre drogenabhängige Mutter detaillierter beschrieben, und die ist neben den Weichen, die sie für Hazels Leben gestellt hat, eigentlich nur eine Randnotiz.

Darüber hinaus gibt es Momente, die mir wie Lücken in der Geschichte vorkommen („plot holes„). Ein Beispiel: Hazel erhält die Chance, ihre Gemälde in einer Galerie zum Verkauf auszustellen, und die Abholung der Bilder bei ihr zuhause wird angekündigt. Das ist ein wichtiger Moment für Hazel, weil es die Lösung all ihrer Probleme bedeuten könnte. Man wolle per Mail einen Zeitpunkt am nächsten Tag vereinbaren, sagt man ihr am Telefon. Bevor die Mail bei Hazel ankommt passiert aber etwas Schlimmes, weshalb ich davon ausging, dass das Thema Galerie erst einmal vom Tisch ist. Es wurde schlicht nie wieder erwähnt.

Und dann, ein paar Kapitel später, ist die Rede von einer großen Geldsumme, die durch den Verkauf der Bilder eingenommen wurde.

Wie kann das sein? Nie wurde ein Wort darüber verloren, wie Hazel die Abholung organisiert – geschweige denn ihren Mitmenschen, die nach dem schlimmen Vorfall sehr aufmerksam sind, den geheimen Kontakt zum Galeristen erklärt. Nie wurde die Preisverhandlung beschrieben, die anfangs erwähnt wurde, nie die Vorbereitungen auf den Versand, die Hazel hätte vornehmen müssen. Es war einfach nur: Galerist meldet Interesse an – etwas Schlimmes passiert – das Geld aus den Verkäufen ist da. Das wars.

Wie schon gesagt ist es durchaus möglich, dass die Figuren im ersten Band etwas mehr ausgeschmückt werden und es dann doch sinnvoll wäre, die Bücher in der Reihenfolge des Erscheinens zu lesen. Doch da der Fokus in Band 1 auf einem anderen Paar liegt und auf meiner Erfahrung mit ähnlich strukturierten New-Adult-Reihen basierend halte ich das für unwahrscheinlich. Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass die Handlung von Echoes of the Past Lücken aufweist und dass die Beschreibungen der Erfahrungen, die sowohl Hazel als auch Damian als Kinder und Jugendliche machen mussten, kaum Mitgefühl entstehen lassen.

Um den letzten Satz etwas zu erklären, muss ich im folgenden Absatz minimal spoilern, weil hier auch einzelne Triggerthemen angesprochen werden. Wenn du das nicht lesen möchtest, kannst du einfach zum nächsten Absatz springen.

Natürlich habe ich Mitgefühl für Menschen, die misshandelt werden, die wie Hazel und Damian auf der Suche nach elterlicher Zuneigung nur kalte Erwartungen und Abscheu vorfinden oder in der Schule gemobbt werden. Aber dieser spezielle Fall von Damian und Hazel, diese konkrete Art in Echoes of the Past, über ihre Erlebnisse zu berichten, die Oberflächlichkeit und der Fakt, dass diesem emotionalen Trauma jeweils viel zu wenig Platz eingeräumt wird, all das sorgt dafür, dass es auf mich eher den Effekt eines kurzen Zeitungsberichts („xy ist passiert“) als den einer persönlichen, aufwühlenden Erzählung hat, bei der ich mich in die betroffenen Personen hineinversetzen könnte. Ich kenne die Figuren einfach nicht gut genug.

Fazit
Und, und das ist der Knackpunkt, das ist für mich eigentlich eine Grundvoraussetzung für gute New-Adult-Romance: Das Mitfühlen mit den Hauptfiguren, seien es positive oder negative Gefühle. „Gefühlsachterbahn“ ist ja nicht umsonst eines der wichtigsten Marketing-Schlagworte für diese Sparte. Und wenn diese Gefühlsachterbahn nicht funktioniert, wenn die emotionale Ebene beim Kinder-Kettenkarussell bleibt und durch die Oberflächlichkeit ein Eindruck von Unfertigkeit entsteht, dann ist Echoes of the Past für mich schlicht kein gutes Buch für dieses Genre.