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Veröffentlicht am 05.08.2021

Gender und Identität

Der Tod des Vivek Oji
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Mir fehlen ein wenig die Worte, um sagen zu können, wie faszinierend Akwaeke Emezi die Geschichte von Vivek Oji aufgebaut hat. Vivek Oji ist anders als die Menschen aus seiner Umgebung. In einer klassischen ...

Mir fehlen ein wenig die Worte, um sagen zu können, wie faszinierend Akwaeke Emezi die Geschichte von Vivek Oji aufgebaut hat. Vivek Oji ist anders als die Menschen aus seiner Umgebung. In einer klassischen Geschlechterrollenstruktur der neunziger Jahre wächst Vivek in Nigeria auf. Das Denken über Geschlechter ist klar geregelt: ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist eine Frau. In diesem engen Muster findet Vivek sich nicht zu Recht. Seine Identität lässt sich nicht durch die binäre Geschlechterordnung erklären. Mit diesem Hauptthema baut Emezi nach und nach das Leben von Vivek auf. Dabei beschäftigt der Roman sich mit Fragen zur Identität, der Geschlechterzuweisung und den Formen der Liebe.

Akwaeke Emezi ist ebenfalls non-binär. Die Figur Vivek Oji mit all seinen Gefühlen und Gedanken ist glaubwürdig und realistisch beschrieben. Wobei die Lesenden oftmals von anderen Figuren etwas über Vivek erfahren. Gerade da die Geschichte mit seinem Tod beginnt und dadurch der Vorhang über seine wahre Persönlichkeit nach und nach gelüftet wird. Denn Viveks Mutter Kavita wird fast wahnsinnig, als sie ihr totes Kind vor der Tür findet. In der Suche nach der Wahrheit über den Tod und der wirklichen Persönlichkeit von Vivek Oji erfahren wir in mehreren Rückblenden von unterschiedlichen Personen das Leben der Figur. Die Handlung zieht einen sofort in seinen Bann und lässt die 271 Seiten nur so dahinfliegen. Gerade wenn man sich mit Gender, Identität und eingefahrenen Vorstellungen beschäftigt, bietet der Roman viel Inhalt, um sich und seine Gedanken diesbezüglich weiter zu hinterfragen. Wichtig ist hierbei der Denkanstoß, den der Roman von Emezi liefert und nicht per se die Unterhaltung. Wobei auch diese nicht zu kurz kommt, da die Geschichte sich doch manchmal ähnlich wie ein Krimi liest.

„Der Tod des Vivek Oji“ ist sprachlich ganz großartig. Übersetzt wurde er von Anabelle Assaf, die einen wundervollen deutschen Text liefert. Für Personen, die gerne beim Lesen gefordert werden und sich mit den Themen Gender und Identität beschäftigen möchten, macht mit Akwaeke Emezis Roman nichts falsch.

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Veröffentlicht am 24.07.2021

Ein absolutes Jahreshigliht

Die Unsterblichen
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Was für eine aufregende Geschichte! Chloe Benjamins Idee schrie mich förmlich an, als ich die Frage unter dem Cover gelesen habe. Was würde ich tun, wenn ich wüsste, wann mein Sterbedatum wäre? Ich kann ...

Was für eine aufregende Geschichte! Chloe Benjamins Idee schrie mich förmlich an, als ich die Frage unter dem Cover gelesen habe. Was würde ich tun, wenn ich wüsste, wann mein Sterbedatum wäre? Ich kann euch eins sagen: ich will es nicht wissen! Doch die vier Geschwister Varya, Daniel, Klara und Simon finden die Vorhersage verlockend und begeben sich zu einer Wahrsagerin, die neu im Viertel eingetroffen ist. Von ihr erfahren sie einzeln, wann die jeweilige Person sterben wird. Ab da ändert sich die Beziehung der Geschwister. Wo vorher ein starkes Bündnis war, spalten sie sich auf. Nun leben sie mit dem Wissen, in welchem Alter sie sterben werden und die Frage, die im Raum steht, ist: Wie gehen sie damit um?

Das Buch ist nach dieser Einleitung in vier Teilen aufgeteilt, in der jeweils die Geschichte des Geschwisterteils erzählt wird. Der Fokus liegt somit in den Abschnitten immer auf eine Person, die durch ihren Charakter und ihre Geschichte die Handlung prägen. Der eigentliche Todestag, den die Charaktere wissen, rückt dabei etwas in den Hintergrund. Als Leserin merkt man schon, dass die Figuren sich des Tages bewusst sind, aber die Schwerpunktsetzung während der Erzählung ist dann doch die Entwicklung der einzelnen Person. Das ist an sich gar nicht mal schlecht, auch wenn ich die Vorstellung hatte, dass der Todestag mehr Aufmerksamkeit bekommen würde. Doch gerade die Hervorhebung der individuellen Entwicklungsgeschichte gibt dem Roman eine gar philosophisch anmutende Fragestellung, die mir sehr gefallen hat. Vielleicht ist es nicht wichtig zu wissen, WANN man stirbt, sondern WAS man aus seinem Leben macht? Gedanken und Wissen prägen die Geschichte stark und werfen viele Punkte auf, die man gerne als Lesender weiterdenken kann. Das ermöglicht eine Beschäftigung über die Handlung hinaus. Grandios!

Chloe Benjamins Buch ist nicht nur Unterhaltung, sondern vor allem ein Gedankenspiel, welches sie in vierfacher Form geführt hat und somit verschiedene Sichtweisen darstellt. Die Figuren sind alle bewusst verschieden konstruiert, sodass das Lesepublikum eine große Bandbreite der Möglichkeiten bekommt. Letztlich ist der Autorin Roman gelungen, der gut geschrieben ist, unterhält, die Zeit verfliegen lässt und die Gedanken anregt. Ein absolutes Jahreshighlight!

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Veröffentlicht am 07.07.2021

Tines Abenteuer geht weiter!

Die Insel der Wünsche - Gezeiten des Glücks
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Der zweite Band der „Insel der Wünsche“-Reihe ist turbulent, aufregend und voller Krisen. Dieses Mal begleiten wir Tines Leben in den ersten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem unerwarteten Ende ...

Der zweite Band der „Insel der Wünsche“-Reihe ist turbulent, aufregend und voller Krisen. Dieses Mal begleiten wir Tines Leben in den ersten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem unerwarteten Ende vom ersten Band muss Tine sich nun eigenständig um eine gesicherte Existenz auf Helgoland kümmern. Dabei begegnen ihr einige Hindernisse und Probleme, die sie meistern muss. Doch als wäre das alles nicht aufregend genug, verändert sich der Charakter der Insel langsam, und die Zeit, in der sie lebt, wird zunehmend durch militärische Strategien bestimmt.

Im zweiten Band bleibt Anna Jessen ihrem schnellen und zeitüberspringendem Erzählstil treu. Manchmal habe ich mir mehr tiefere und längere Gespräche oder Szenen gewünscht. Oftmals wird einfach erzählt, was geschehen ist, anstatt es zu zeigen. Persönlich mag ich es mehr, die Leben der Figuren mitzuerleben und selbst zu erfahren, was geschah. Doch irgendwie gefiel mir der Stil von Jessen dennoch. Dadurch, dass die Leser*innen eine Zusammenfassung der Ereignisse bekommen, wirkt die Erzählung wie eine Geschichte, die von einem oder einer Bekannten erzählt wurde. Die näher beschriebenen Szenen werden somit hervorgehoben und die Wichtigkeit dieser Momente verdeutlicht. Das ist definitiv eine andere Art der Erzählweise, die ganz erfrischend sein kann. Und gerade da unglaublich viel in diesen 575 Seiten geschieht, ist es doch sinnvoll, die Erlebnisse manchmal nur zu erwähnen.

Die Figuren werden durch den Schreibstil einem nicht ganz vertraut, aber bekannt. Nach und nach lernt man mehr über sie kennen und freut sich, wenn sie öfter in der Geschichte auftauchen. Große Gefühle erwachten trotz der auch intensiven und schrecklichen Szenen nicht wirklich beim Lesen, da eine gewisse Distanz durch die Erzählweise gewahrt wird. Das finde ich etwas schade. Dennoch tut es dem Lesespaß keinen Abbruch und man kann die Geschichte trotzdem sehr gut lesen.

Mir gefiel der zweite Band besser als der erste. Das mag auch daran liegen, dass mir die Figuren und ihre Hintergrundgeschichte vertrauter sind. Einige Punkte fand ich besonders spannend, wie zum Beispiel die Erwähnung von den Prostituierten und wie sie lebten. Das hätte von mir aus viel mehr Platz in der Geschichte haben könnten. Gerade dieser Punkt der Geschichte ist mir noch relativ unbekannt und hatte mich daher interessiert.

Alles in allem ist die Reihe eine gute, solide Erzählung, die Freude beim Lesen bringt und sich gut in einigen Tagen durchlesen lässt. Ich bin gespannt, wie der dritte Teil wird.

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Veröffentlicht am 21.06.2021

Genialer zweiter Teil

Palais Heiligendamm - Stürmische Zeiten
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Im zweiten Band der Palais Heiligendamm-Reihe von Michaela Grünig geht es historisch richtig rund. Beginnend im Jahre 1922 begleiten wir die Familie Kuhlmann bis ins Jahr 1933. Wie ihr sicherlich wisst, ...

Im zweiten Band der Palais Heiligendamm-Reihe von Michaela Grünig geht es historisch richtig rund. Beginnend im Jahre 1922 begleiten wir die Familie Kuhlmann bis ins Jahr 1933. Wie ihr sicherlich wisst, sind das historisch gesehen sehr turbulente Jahre, die in eine grausame Zeit des Schreckens führten. Das Buch ist gerade durchzogen von geschichtlichen Ereignissen und historischen Persönlichkeiten, die die beschriebenen Geschehnisse authentisch nachvollziehbar machen. Im Roman wird neben dem ansteigenden Antisemitismus, der auch die Familie Kuhlmann indirekt betrifft, auch über die Homosexuellenfeindlichkeit generell gesprochen. In dem zweiten Teil wird die Problematik der Zeit, gegen die homosexuelle Menschen anstehen müssen, deutlich mehr thematisiert. Auch die Liebe zwischen zwei Männern rückte in diesem Band in den Vordergrund, wobei die Beziehung auch mit einigen externen, aber auch internen Schwierigkeiten einhergeht. Während im ersten Band der Fokus eher auf Elisabeth lag, hat Paul in „Stürmische Zeiten“ eine größere Rolle. Er sorgt aber auch für viele Probleme, die vor allem mit seinem neuen Kreis aus NSDAP-Mitgliedern einhergeht.

Der zweite Band übertraf den ersten Band noch einmal. Die Ereignisse wurden zunehmend politischer und brisanter. Gerade da jeder/jedem bekannt ist, welche Zeiten nun auf die Familie Kuhlmann zukommen werden, fand ich es umso interessanter zu sehen, wie sie in der Zeit vor dem Nazi-Regime agierten. Dabei wurde authentisch dargestellt, wie sie sich positionierten. Es gab keine verschönerte, vollkommen gegnerische Darstellung, sondern eine vielschichtige Sichtweise auf die Zeit und das Verhalten der Familie. Gerade diese Ambivalenz zwischen Geschäftsdenken und politischer Haltung fand ich sehr glaubwürdig. Grünig gelingt es, ein Stimmungsbild der Zeit zu entwerfen, der verständlich macht, wie es zur Pauls Wandlung oder den Handlungen von Elisabeth kam.

Die Figuren wurden mir in diesem Teil noch vertrauter und man erfuhr viel mehr über ihre einzelnen Sichtweisen. Sie verhielten sich meist nicht gradlinig, sondern wurden aus mehreren Verhaltensweisen zusammengesetzt, die sie authentischer machten. Die Zeitsprünge verliehen der Geschichte mehr Festigkeit. Sodass wurden Ereignisse hervorgehoben, die wichtig für die Handlung waren, ohne zeitlich alles eng zu takten. Über 10 Jahre führt die zeitliche Erzählung und kann somit erneut viel Drama und Intrigen liefern. Gleichzeitig bot Grünig durch Dialoge eine Aufklärung für die politische Lage der Zeit, sodass auch verständlich wurde, wie einiges zustande kam.

Michaela Grünigs Reihe hat mich vollkommen in ihrem Bann. Beide Teile konnten mich bisher sehr überzeugen und steigern meine Vorfreude auf Band 3, welches leider erst im Januar 2022 erscheinen wird.

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Veröffentlicht am 20.06.2021

DDR - Fluchtgeschichte

Das Haus des Leuchtturmwärters
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„Das Haus des Leuchtturmwärters“ ist eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die 1962 und 1992 spielen. Die Hauptgeschichte spielt in der DDR 1962 und erzählt über das Leben dreier Freunde, die sich mehr ...

„Das Haus des Leuchtturmwärters“ ist eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die 1962 und 1992 spielen. Die Hauptgeschichte spielt in der DDR 1962 und erzählt über das Leben dreier Freunde, die sich mehr oder weniger in dem strikten Regime zurechtfinden. Bis sie eines Tages sich dazu entscheiden, zu fliehen. Die Fluchtgeschichte wird 1992 zufällig durch Franzi wiederentdeckt und verbindet auf sinnvolle Weise die zwei Zeitspannen miteinander.

Bis jetzt habe ich kaum Romane gelesen, die in der DDR spielten und betrat vollkommenes Neuland mit dem Buch von Kathleen Freitag. Doch sie schafft es mit ihrem wahnsinnig tollen Schreibstil und den spannenden Verstrickungen innerhalb der Geschichte, mir diese andere Fluchterfahrung verständlich und aufregend darzulegen. Der Hauptfokus der Geschichte liegt auf der Fluchtplanung und der Flucht an sich. Doch nebenbei bietet die Autorin Einblicke in das Leben in der DDR. Es sind zwar nur kurze Szenen, die ein wenig aufzeigen, wie die Menschen in der DDR lebten und warum es zum Fluchtwunsch kam, aber für mich waren diese Momente noch sehr neu und darum umso spannender. Die Figuren haben alle ihre Geheimnisse und sind eher verschlossen als aufrichtig offen. Doch gerade aufgrund ihres geheimen Plans und der möglichen Anwesenheit von einem/einer IM (Inoffizieller Mitarbeiter) war das für mich als Leserin nur verständlich. Meiner Meinung nach hat Freitag die Geschichte authentisch erzählt und nicht unnötig verschönert. Mir kam es gar vor, als würde der Roman auf wahren Begebenheiten ruhen, da keine Szene unvorstellbar dargestellt wurde. Im Internet findet man nach einer kurzen Suche bereits ähnliche Fluchtgeschichten, die tatsächlich stattfanden. Das überzeugte mich noch viel mehr vom Roman.

Kathleen Freitags Roman „Das Haus des Leuchtturmwärters“ ist wunderbar zu lesen, hat eine tolle Thematik und bietet viel Stoff, worüber man weiter nachdenken kann. Zudem werden die wichtigsten Fragen zum Ende des Romans beantwortet, sodass der/die Leser*in sich nicht verzweifelt fragt, was denn nun passiert ist. Wer Lust auf eine spannende, kurze und gut lesbare Geschichte über eine Fluchtgeschichte aus der DDR lesen möchte, ist hiermit bestens beraten.

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