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Veröffentlicht am 05.08.2025

Träume und Ziele

Wer ins Licht treten will
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Die junge Ärztin Renate Schwarz arbeitet mittlerweile in der Frauenabteilung der Psychiatrischen Klinik in Hamburg und stellt ihr Können täglich unter Beweis. Neben unterschiedlichsten Patienten, die ihr ...

Die junge Ärztin Renate Schwarz arbeitet mittlerweile in der Frauenabteilung der Psychiatrischen Klinik in Hamburg und stellt ihr Können täglich unter Beweis. Neben unterschiedlichsten Patienten, die ihr sehr am Herzen liegen, fordern sie allerdings auch im Privaten allerhand Überraschungen. Was gesellschaftspolitisch im Jahre 1959 möglich ist und was noch fernes Wunschdenken, erzählt Melanie Metzenthin in diesem zweiten Teil der Reihe „Eine starke Liebe“.

Eloquent verfasst präsentiert sich diese lebendige Geschichte rund um eine willensstarke junge Frau, die engagiert für Gleichberechtigung eintritt und sich auch in der männerdominierten Ärzteschaft ihren Platz sichert. Unter den Patientinnen tun sich spannende Problemfelder auf, besonders herausstechend eine Dame, die einen Umweltskandal nahe dem Boehringer-Medikamenten-Werk vermutet und eine weitere, die in ihrer Not ihrem Mann Gewalt antut – interessante Handlungsstränge unter dem Gesichtspunkt wahrer Grundlagen, wie man im Nachwort erfahren kann. Obendrein kämpft Renates Verlobter Matthias Studt mit einer schweren Knieverletzung, die alle Zukunftspläne des Profifußballers zunichtemacht. Mit der Verwandtschaft aus Amerika treten schließlich noch familiäre Turbulenzen auf. Alles in allem eine Vielzahl an Themengebieten, die Abwechslung ins Geschehen bringen, trotzdem war die Faszination im ersten Band noch größer, hier war Renates Entwicklung und Durchsetzungskraft noch deutlicher zu spüren.

Das Bild der ausklingenden 1950er-Jahre wird jedenfalls gut gezeichnet, das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau recht klar umrissen – während beispielsweise Männern Gewalt in der Ehe zugebilligt worden ist, landet eine Frau dafür in der Psychiatrie. Träume und Ziele werden neu definiert, vielleicht erfahren wir in einen dritten Teil, was Renate und Matthias davon umsetzen?

Veröffentlicht am 04.08.2025

Der Fall Julie Novak

Himmelerdenblau
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Julie Novak, 16, wird am 7. September 2003 aus ihrem Elternhaus entführt, auf die Lösegeldforderung folgt keine weitere Nachricht. Einige Tatverdächtige werden von der Polizei vernommen, aber niemandem ...

Julie Novak, 16, wird am 7. September 2003 aus ihrem Elternhaus entführt, auf die Lösegeldforderung folgt keine weitere Nachricht. Einige Tatverdächtige werden von der Polizei vernommen, aber niemandem kann eine eindeutige Schuld nachgewiesen werden, weshalb der Fall Julie Novak zu den Akten gelegt wird. Da sich das rätselhafte Verschwinden des jungen Mädchens nun zum 20. Male jährt, greifen die beiden Podcaster Liv und Phil den Cold Case nochmals auf, recherchieren und bitten den mittlerweile dementen Vater zum Interview, Prof. Dr. Theodor Novak, ehemals angesehener Direktor der Klinik für Herz-, Thorax und Gefäßchirurgie an der Charité in Berlin.

Abwechslungsreich - mitunter fast ein wenig verwirrend, verwendet man nicht all seine Aufmerksamkeit auf dieses ausgezeichnete Buch - gestaltet Romy Hausmann die Herangehensweise an diese Geschichte: aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten die Figuren das Ungewisse, Two Crime – Der True Crime Podcast mit Liv Keller und Philipp Hendricks bringt immer wieder neue Möglichkeiten und Vermutungen ins Spiel, ein Zeitungsartikel scheint ebenfalls auf. Die Zutaten für ein kniffliges Verwirrspiel sind gewählt, jetzt ist es auch für den Leser an der Zeit, mitzurätseln, was sich zwanzig Jahre zuvor zugetragen haben könnte. Die Demenzerkrankung von Theo Novak spielt hier absolut gekonnt herein, seine Wortkreationen sind großartig, seine Dings, oder doch eher Kollegen und Freunde, Bekannte seiner Töchter, erscheinen in einem zweifelhaften Licht und könnten alle Schuld auf sich geladen haben. So werden Tätersuche und Auswirkungen einer Demenzerkrankung für den Betroffenen, aber auch für seine Angehörigen, auf anschauliche und einfühlsame Weise miteinander verknüpft, sodass ein überaus realistisches Grundkonzept entsteht. Da und dort kommt natürlich noch ein pfiffiger Hinweis für den Leser dazu, um diesen in die Irre zu führen oder seine Phantasie zu beflügeln, das Ende wiederum führt alle Stricke zusammen und fühlt sich durchwegs logisch an.

Romy Hausmann schreibt fesselnd, ihre Darstellung der Dinge ist so verschachtelt, dass die Geschichte rund um Julie bis zuletzt spannend bleibt. Der Dingschirurg mit seiner phänomenistischen Ausdrucksweise ist mir schnell ans Herz gewachsen, die Autorin hat hier spürbar Gefühl in ihre Wortwahl gelegt und die Erkrankung hervorragend dargestellt, ohne ins Voyeuristische oder Kränkende abzugleiten. Ein großartiges Buch, das kompliziert verstrickt, äh gestrickt ist und trotz dieser hervorragenden und vielfältigen Irrwege klar ins Ziel führt. Fünf Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die gerne Spannendes ohne wildes Butvergießen lesen.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Allein

Pinguine fliegen nur im Wasser
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Greta ist eine quietschbunte Taxifahrerin, die auch den völlig perplexen Unternehmensberater Vincent niederquasselt, als der kurzerhand von seiner Chefin und gleichzeitig Ex-Geliebten gefeuert wird. Wie ...

Greta ist eine quietschbunte Taxifahrerin, die auch den völlig perplexen Unternehmensberater Vincent niederquasselt, als der kurzerhand von seiner Chefin und gleichzeitig Ex-Geliebten gefeuert wird. Wie es der Zufall so mit sich bringt, sind Greta und Vincent allein, sie renoviert ohne jegliche Fachkenntnis das von den Großeltern geerbte Haus und er steht ohne Job und Unterkunft da. Was läge da näher, als sich notgedrungen zusammenzutun?

Schräg und unkonventionell tritt uns Greta entgegen, zurückhaltend und überlegt trifft auf Vincent zu, dennoch schafft Henriette Krohn den Spagat, die beiden als Hauptrollen in ihrer Geschichte unterzubringen. Wer anfangs nicht weiß, was das kleine Mädchen im Roman zu suchen hat, muss sich eben ein paar Kapitel lang gedulden, denn immer der Reihe nach geht es hier nicht. Trotz der größtmöglichen Unterschiede bei den Charakteren findet sich hier ein roter Faden, der die Handlung leitet, der Humor kommt wahrlich nicht zu kurz, obwohl nicht immer alles witzig ist. So finden durchaus auch ernsthafte Themen Eingang ins Geschehen, beispielsweise Lieblosigkeit in der Familie oder Wohlstandsverwahrlosung. Die angekündigte Liebesgeschichte spielt sich eher am Rande und ziemlich untypisch ab.

Wie der Titel dieses Romans schon anklingen lässt, handelt es sich um eine etwas „andere“ Geschichte, die aufgrund des spritzigen Schreibstils und der unterhaltsamen Dialoge flüssig zu lesen ist und eine warmherzige Stimmung mitbringt. Zum Abschalten, aber durchaus auch zum Nachdenken sind die fliegenden Pinguine genau das Richtige – von mir bekommen sie vier Sterne.

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Saha

Die Katze
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Die neunzehnjährige Camille ist verlobt mit dem fünf Jahre älteren Alain. Obwohl er irgendwie das Gefühl hat, sie sei nicht wirklich die Richtige, vielleicht zu einfach, nicht ganz auf seinem Niveau, wird ...

Die neunzehnjährige Camille ist verlobt mit dem fünf Jahre älteren Alain. Obwohl er irgendwie das Gefühl hat, sie sei nicht wirklich die Richtige, vielleicht zu einfach, nicht ganz auf seinem Niveau, wird geheiratet und ein Haus renoviert. Da dieses nicht rechtzeitig fertig wird, zieht man vorübergehend in eine Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses, erst ohne Alains liebesbedürftige Kartäuserkatze Saha, aber aus Gründen der innigen Zusammengehörigkeit wird der „kleine Puma“ bald nachgeholt. Die Eifersucht nimmt ihren Lauf …

Poetisch und bildhaft erzählt Sidonie-Gabrielle Colette diese besondere Beziehungsgeschichte, die nicht so sehr durch eine Handlung im klassischen Sinne besticht, sondern vielmehr abzielt auf die Betrachtung von Gefühlen und Stimmungen. Insbesondere Alains Gespräche mit sich selbst und mit Saha prägen etliche Szenen und zaubern einen kunstvollen Anstrich über diese ungewöhnliche Geschichte. Während für andere eine Katze ein profanes Haustier ist, ist Alain der Ansicht: „Eine Katze ist nur eine Katze. Aber Saha ist Saha.“ [kindle, Pos. 480]. Träume, Erinnerungen, Schwärmereien verschmelzen zu einem Gedicht um die Liebe, die körperliche Vereinigung ebenso wie die geistige Übereinstimmung zweier Wesen. Wie passen da Drei unter einen Hut? Colette weiß die Antwort, die sie fein interpretiert, psychologisch fundiert und kritisch beleuchtet.

Ein lebendiger Roman voller Poesie und Hass, wo ist da die Harmonie geblieben? Eine interessante Darstellung mit wenigen markanten Charakteren. Empfehlung!

Veröffentlicht am 31.07.2025

Die Ziegelaffäre

Gesetz des Midas – Wiener Abgründe
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Wien, 1881: Der Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx Ritter von Marxberg ist höchst beunruhigt, als er vom Mord am russischen Zaren Alexander II. erfährt und unternimmt alles in seiner Macht stehende, ...

Wien, 1881: Der Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx Ritter von Marxberg ist höchst beunruhigt, als er vom Mord am russischen Zaren Alexander II. erfährt und unternimmt alles in seiner Macht stehende, um die Sicherheit bei der Hochzeit des Kronprinzen Rudolf zu gewährleisten. Insbesondere die aufstrebenden Sozialdemokraten in den Ziegelfabriken in Favoriten sieht er als potentielle Gefahrenquelle, weshalb er seinen Sonderermittler Leopold Kern dorthin schickt. Wie es der Zufall will, hat sich genau hier kürzlich ein Mord ereignet, der aber aufgrund des Geständnisses eines Ziegelböhmen bereits geklärt zu sein scheint.

Absolut authentisch treffen wir gemeinsam mit realen historischen Figuren am Schottenring 11 beim Polizeipräsidenten ein und dürfen teilhaben an dessen Überlegungen zur bevorstehenden Vermählung des einzigen Kaisersohnes. Alsbald wählen wir beim Heurigen Wurst vom Salamimann und Gebäck von der Kipferlfrau, während wir einer interessanten Unterhaltung zwischen dem vom Polizeidienst suspendierten Kern und seinem Bekannten, dem Grispindel-Toni aus dem halbseidenen Milieu, lauschen. Ein Großteil der Handlung spielt sich dann in der Fabrik Wienerberger ab, wo viele sorgfältig recherchierte Details zur Herstellung der Ziegel in die Geschichte mit einfließen. Die Arbeitsbedingungen sind heute absolut unvorstellbar, hat doch so ein Tag in der Lehmgrube oder am Brennofen oftmals von vier Uhr morgens bis zehn Uhr nachts gedauert, auch Kinder sind häufig zum Helfen angehalten anstatt in die Schule geschickt worden. Der Kriminalfall ist bestens eingebettet in ein Bild vom historischen Wien, das den Leser durchaus in dunkle Ecken blicken und Personen zu Wort kommen lässt, die am Rande der Gesellschaft stehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass so mancher derbe Ausdruck fällt und einige für einen Kriminalroman eher brutale Szenen vorkommen, die empfindliche Gemüter vielleicht vor den Kopf stoßen könnten. Wer sich dessen bewusst ist, wird aber großartig unterhalten mit der sich langsam aber stetig entspinnenden Handlung, wobei Kern Unterstützung erhält von einem „geerbten Kammerdiener“, welcher ihm aufgrund einer Nachlassverfügung als Assistent zur Verfügung steht. Ein unschlagbares Team ermittelt also fortan in einem Mordfall und insbesondere in der Ziegelaffäre im damals jüngsten Wiener Gemeindebezirk Favoriten. In den Döblinger Villen darf der Kammerdiener seine Kenntnisse im Umgang mit der noblen Gesellschaft unter Beweis stellen.

Ein weiterer bestens recherchierter Kriminalfall mit Leopold Kern, dem Grispindel-Toni und neuerdings auch Johann Artner, der uns in finstere Gegenden und zu finsteren Gestalten in Wien führt. Sympathische Figuren im klassischen Sinne gibt es hier nicht, dennoch versteht es Peter Lorath hervorragend, charakterstarke Persönlichkeiten ins beste Licht zu rücken, die lebendige und vor allem dem Milieu angepasste Sprache trägt nicht zuletzt genau dazu bei. Wer Gänsehaut auch im Historischen Krimi sucht, ist mit den Wiener Abgründen bestens bedient.

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