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Veröffentlicht am 11.03.2026

Die Wahrheit wird im Rauch sichtbar

Die Rätsel meines Großvaters
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“Die Rätsel meines Großvaters“ ist der zweite Band einer Trilogie des japanischen Autors Masateru Konishi. Im Mittelpunkt stehen die junge Lehrerin Kaede und ihr namenloser Großvater, der an DLB, einer ...

“Die Rätsel meines Großvaters“ ist der zweite Band einer Trilogie des japanischen Autors Masateru Konishi. Im Mittelpunkt stehen die junge Lehrerin Kaede und ihr namenloser Großvater, der an DLB, einer besonderen Form der Demenz leidet. Bei ihm wechseln Phasen, in denen er bei klarem Verstand ist und andere, in denen er Personen und Ereignisse der Vergangenheit halluziniert. Dann sieht er seine tote Ehefrau oder Tochter. Oft auch seine Enkelin als kleines Kind. Kaede verbringt viel Zeit mit dem geliebten Großvater, mit dem sie rätselhafte Kriminalfälle oder mysteriöse Vorfälle aufklärt. Beide haben traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, und beide teilen die Liebe zu berühmten Krimiautoren und zu Verfilmungen ihrer Werke. Der Großvater findet oft Handlungsmuster der großen Romane der Kriminalliteratur in aktuellen Fällen wieder und klärt sie blitzschnell auf, nachdem er um eine Zigarette gebeten hat und in den Rauch blickt: „… er konnte inmitten des Zigarettenrauchs eine Halluzination der Wahrheit sehen“ (S. 228). Oft sind mit Iwata und Shiki zwei Freunde von Kaede dabei, die beide in sie verliebt sind, ohne zu Rivalen zu werden. Zu den Protagonisten gehört mit Agatsuma auch ein ehemaliger Schüler des Großvaters sowie der Polizist Jonouchi.
Der Roman weist keine stringente Handlung, sondern vier voneinander unabhängige Rätsel auf, die vom Großvater gelöst werden, ohne dass er dazu seinen Lehnstuhl verlassen oder den Tatort eines Verbrechens aufsuchen muss. Sein messerscharfer Verstand und seine hervorragende Kombinationsgabe in seinen lichten Momenten sind genauso beeindruckend wie das liebevolle Verhältnis zwischen Großvater und Enkelin. Allerdings wirkt die Darstellung nicht besonders realistisch, eher märchenhaft. Das japanische Flair hat mir gefallen, die zahllosen japanischen Ausdrücke, die nicht erklärt oder übersetzt werden, eher weniger. Insgesamt bin ich ein bisschen enttäuscht.

Veröffentlicht am 02.03.2026

Das Ende einer glücklichen Kindheit

Schwarzer September
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Im Sommer 1972 ist Giogio Bellandi 12 Jahre alt. Sein Vater ist ein erfolgreicher, gutaussehender Rechtsanwalt, seine Mutter Betty eine gebürtige Irin. Er hat eine fünf Jahre jüngere Schwester namens Gilda. ...

Im Sommer 1972 ist Giogio Bellandi 12 Jahre alt. Sein Vater ist ein erfolgreicher, gutaussehender Rechtsanwalt, seine Mutter Betty eine gebürtige Irin. Er hat eine fünf Jahre jüngere Schwester namens Gilda. Wie immer verbringt die Familie den Sommer in Fiumetto an der ligurischen Küste. Der Vater kommt am Wochenende dazu und verbringt viel Zeit auf dem Wasser mit seinem geliebten Segelboot Tivatú. Er nimmt Giogio mit auf diese Fahrten und führt mit ihm teilweise sehr riskante Manöver durch. In diesem Sommer verliebt sich der pubertierende Giogio in Astel, die dreizehnjährige bildhübsche Tochter einer Äthiopierin, die mit dem sehr reichen Geschäftsmann Lucido Raimondi verheiratet ist. Die Raimondis halten sich in der benachbarten Strandkabine auf, und ihre Häuser befinden sich auch in Sichtweite voneinander. Astel bitte Giogio um Hilfe beim Erlernen der englischen Sprache, und die beiden Jugendlichen übersetzen zusammen Songtexte von David Bowie und Cat Stevens. Sie kommen einander näher und verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander, hören ihre Lieblingsmusik und tanzen dazu. Giogio interessiert sich auch für alle Sportarten und das Schachspiel und verfolgt aufmerksam die Olympischen Spiele in München. Doch dann passieren zwei schreckliche Dinge, und von einem Tag zum anderen ist nichts mehr, wie es war.
Etwa fünfzig Jahre später schreibt Giogio seine Geschichte auf. Er hat nichts vergessen, vor allem seine erste Liebe nicht. Der Autor lässt sich viel Zeit, wenn er die Ereignisse dieses Sommers nachzeichnet, und es passiert insgesamt nicht viel. Es gibt immer wieder Vorausdeutungen, die auf die unaufhaltsam nahenden Katastrophen hinweisen, wodurch die Spannung erhöht wird. Allerdings verringert die Tatsache, dass der Klappentext viel zu viel verrät, die Wirkung dieser Erzähltechnik erheblich. Mir hat der Roman gut gefallen, nachdem ich mich an die detaillierte Darstellung gewöhnt hatte, denn es geht ja auch um Sommer am Meer mit wunderbarem italienischem Ambiente.

Veröffentlicht am 02.03.2026

Ist Überleben nicht mehr als das Warten auf den Tod?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Ein namenloses junges Mädchen ist zusammen mit 39 Frauen in einem unterirdischen Käfig eingesperrt. Hier gelten strenge Regeln. Sie werden von drei Wärtern bewacht, die bei jeglichem Verstoß mit der Peitsche ...

Ein namenloses junges Mädchen ist zusammen mit 39 Frauen in einem unterirdischen Käfig eingesperrt. Hier gelten strenge Regeln. Sie werden von drei Wärtern bewacht, die bei jeglichem Verstoß mit der Peitsche knallen. Sie sprechen nicht mit den Gefangenen, die nicht wissen, warum sie eingesperrt sind und auch nicht, warum sie überhaupt am Leben gehalten werden. Irgendwann in der Vergangenheit hat es ein unbekanntes Ereignis gegeben, das ihr bisheriges Leben beendete. Die anderen Frauen haben noch vage Erinnerungen an die Vergangenheit, an Ehemänner und Kinder, an Liebe und Sex. Das Mädchen wird unter anderem auch deshalb von den anderen ausgrenzt, weil ihre Situation völlig anders ist. Sie wurde schon als Kleinkind in den Käfig gesperrt, kennt ihren Namen nicht und weiß nicht, wer ihre Eltern sind. Sie kann weder lesen noch schreiben, kann sich unter all den Dingen, die zu einem normalen Alltag gehören, nichts vorstellen. Irgendwann findet sie in Anthea eine Freundin, die ihr Zahlen und Buchstaben beibringt. Das Mädchen entwickelt ein System, das es ihr ermöglicht, Zeit zu messen. Bisher gab es für die Frauen keine Möglichkeit, Tag und Nacht zu unterscheiden, denn das Licht wurde nie ausgeschaltet. Eines Tages ertönt eine Sirene, und die Wärter, die gerade die Zellen geöffnet haben, um die karge Mahlzeit zu bringen, verschwinden spurlos. Als erste verlässt das Mädchen das Gefängnis. Sie schaut sich in dem Bunker um, findet reichlich Lebensmittel und tiefgefrorenes Fleisch, etwas Kleidung, einige Paar Stiefel. In der Folge erforschen die Frauen erst die Umgebung und machen dann immer längere Expeditionen. Sie hoffen, auf andere Menschen zu treffen, eine Stadt zu finden. Stattdessen stoßen sie im Laufe der Jahre auf immer neue verschlossene Bunker mit jeweils 40 toten Frauen, manchmal auch Männern. Im Lauf der Jahre werden sie eine Gemeinschaft, weil sie nur überleben können, wenn sie einander unterstützen und helfen. Da das Mädchen mit Abstand die Jüngste ist, ist von vornherein klar, dass sie irgendwann die einzige Überlebende sein wird.
In dieser ungewöhnlichen Dystopie behandelt die Autorin viele Themen. Was macht menschliches Leben aus? Was macht uns zu denen, die wir sind? Sind die Frauen außerhalb des Käfigs wirklich frei? Welchen Sinn hat das (Über-)Leben? Auf viele Fragen bekommt der Leser bis zum Schluss keine Antwort, zum Beispiel, welches Ereignis jegliche Normalität beendet hat und ob sie sich noch auf dem Planet Erde befinden. Wo kommt die Energie für die Beleuchtung der Bunker her, und wer sorgt für die Nahrungsmittel?
Die neue Übersetzung dieses zuerst 1995 in französischer Sprache veröffentlichten lange vergessenen Romans ins Englische hat einen Hype ausgelöst, den ich nicht so ganz nachvollziehen kann. Es ist ein interessanter Roman, der für mich aber zu viele Fragen unbeantwortet lässt und einige Ungereimtheiten enthält.

Veröffentlicht am 22.02.2026

Nur Tauben fliegen in die Freiheit

Der letzte Sommer der Tauben
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Der vierzehnjährige Noah erlebt den letzten Sommer seiner Kindheit. Bisher hatte er ein gutes Leben mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester, vor allem auch mit Onkel Ali, der in der anderen Hälfte ...

Der vierzehnjährige Noah erlebt den letzten Sommer seiner Kindheit. Bisher hatte er ein gutes Leben mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester, vor allem auch mit Onkel Ali, der in der anderen Hälfte des Hauses hinter der Mauer lebt. Der Onkel ist Geschäftsführer des Taubenzüchtervereins und hat Noah dieses Hobby nahegebracht. Noah kümmert sich liebevoll um die Tauben in dem Verschlag auf dem Dach, füttert sie, lässt sie fliegen. Jede hat einen Namen. Diese Idylle wird jedoch nicht mehr lange halten. Seit der Einrichtung des Kalifats befindet sich das Land im Umbruch. Nichts ist mehr, wie es war. Frauen müssen den Schleier tragen, dürfen das Haus nicht mehr allein verlassen, keinen Beruf ausüben. Alkohol, Zigaretten, Musik, Spiele sind verboten. Onkel Ali muss sein Café schließen, Noahs Vater kann sein Textilgeschäft nicht mehr wie bisher weiterführen. Abbildungen von Frauen und bunte Kleidung sind ebenfalls verboten. Jeder Verstoß gegen die neuen Gesetze wird hart bestraft. Es gibt öffentliche Hinrichtungen auf den Straßen der Stadt. Von zwei Freunden lässt sich Noah zu einem dummen Streich überreden, der ihn später in Lebensgefahr bringen wird. Inzwischen ist auch die Taubenzucht auf den Dächern verboten, denn Tauben können zum Schmuggeln verbotener Waren und zur Weiterleitung von Nachrichten benutzt werden.
Khider schreibt eine bedrückende Geschichte von Rechtlosigkeit und maßloser Gewalt, die sicher durch eigene Erfahrungen im Irak inspiriert ist. Es gibt düstere Beschreibungen, aber es ist auch Platz für Humor und Satire und ausgesprochen poetische Formulierungen. Sein neuer Roman beschreibt das Leben der Unterdrückten sehr eindrucksvoll und ist genauso lohnend wie seine anderen Bücher, von denen ich einige kenne. Eine empfehlenswerte, auch sprachlich gelungene Lektüre.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Geografie siegt immer über Geschichte

Alma
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Alma ist eine Frau mit einer besonderen Herkunft und einem ungewöhnlichen Werdegang. Sie ist in Triest aufgewachsen, einer Stadt im Osten Italiens an der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien. Ihre reichen ...

Alma ist eine Frau mit einer besonderen Herkunft und einem ungewöhnlichen Werdegang. Sie ist in Triest aufgewachsen, einer Stadt im Osten Italiens an der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien. Ihre reichen und gebildeten Großeltern mütterlicherseits leben in der habsburgischen Tradition. Almas Mutter will der Enge ihres strengen Elternhauses entfliehen und heiratet einen Slawen. Sie arbeitet in einer fortschrittlichen psychiatrischen Klinik, in der die Patienten nicht fixiert und sediert werden, sondern sich relativ frei bewegen können. Die Mutter kümmert sich nicht besonders um Alma. Unterstützung und Liebe findet sie vor allem bei ihrem Großvater. Ihr Vater verschwindet immer wieder über die Grenze nach Osten, ohne zu sagen, welcher Arbeit er dort nachgeht. Irgendwann erfährt Alma, dass er ein Anhänger Titos ist und seine Reden aufschreibt. Als Alma 11 Jahre alt ist, bringt ihr Vater eines Tages den gleichaltrigen Vili mit, den Sohn seines besten Freundes. Seine Eltern sind Dissidenten und wollen, dass ihr Sohn jenseits der Grenze in Sicherheit aufwächst. Anfangs verstehen sich Alma und Vili nicht besonders. Jahre später werden sie ein Liebespaar. Dann trennen sich ihre Wege für viele Jahre, bis sie Vili in ihrer Heimatstadt Triest trifft, damit er ihr im Auftrag ihres verstorbenen Vaters ihr Erbe übergibt. Zu der Zeit ist Alma 53 Jahre alt und hat viele Jahre in Rom und anderswo als Journalistin gearbeitet.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Alma, die immer wieder auf ihr vergangenes Leben zurückblickt. Sie war immer auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Identität, hat sich nie irgendwo zugehörig gefühlt. Auch für den Leser ist es nicht ganz einfach, weil die Autorin selten Orte und die Namen der Mächtigen nennt. Da heißt es nur die Stadt, die Hauptstadt, hinter der Grenze, die verbotene Stadt, die Insel, der Marschall, der Mann mit den weißen Handschuhen usw. Im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg der 90er Jahre nennt sie zumindest Sarajewo, Vukovar und Srebrenica. Für mich leidet die Lesbarkeit dieses eigentlich interessanten und ungewöhnlichen Romans auch unter der sprachlichen Qualität der deutschen Übersetzung. Da stören zahlreiche sehr spezielle Wendungen und Satzkonstruktionen.