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Veröffentlicht am 26.04.2026

Machtkämpfe überall

Die Liebeshungrigen
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Ein Jahr, nachdem Dan Lehman, der fiktive linke Präsident mit jüdischen Wurzeln, nicht wiedergewählt wurde und gegen die Kandidatin der extremen Rechten verloren hat, kämpft er nach dem plötzlichen totalen ...

Ein Jahr, nachdem Dan Lehman, der fiktive linke Präsident mit jüdischen Wurzeln, nicht wiedergewählt wurde und gegen die Kandidatin der extremen Rechten verloren hat, kämpft er nach dem plötzlichen totalen Absturz noch immer ums Überleben. Seine zweite Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda ist nach fünf Jahren nur noch Fassade, die Scheidung eine Frage der Zeit, zumal die attraktive Schauspielerin mit ihrem neuen Film auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen ist. Kurioserweise beruht der Film auf dem neuen Roman von Marianne, Lehmans erster Frau, mit der er viele Jahre verheiratet war und drei Kinder hat. Er liebt seine Kinder sehr, auch die kleine taubstumme Tochter aus der Ehe mit Hilda. Er hat auch nie aufgehört, Marianne zu lieben und hofft, da wieder anknüpfen zu können, wo er die Beziehung einst beendet hat. Dan ist jedoch Alkoholiker, was einen Neuanfang zusätzlich erschwert und muss sich gegen diverse Anzeigen vor Gericht wehren.
Aus wechselnder Perspektive erzählt der Roman die Geschichte verschiedener Figuren und behandelt dabei nicht nur das Thema Liebe in all ihren Facetten, sondern vor allem auch die Machtkämpfe in allen Bereichen: in der Politik, in der Ehe und allen Beziehungen, in der Filmindustrie und im Literaturbetrieb. Die Autorin zeigt, dass sich Frauen in der Filmbranche besonders häufig gegen dominante übergriffige Männer wehren müssen. Sie macht außerdem deutlich, welche Macht die Medien ausüben, wenn sie Personen im Rampenlicht aufbauen oder Existenzen zerstören. So muss sich Dan Lehman nach seiner Wahlniederlage üble antisemitische Beschimpfungen gefallen lassen und hinnehmen, dass die von ihm geleistete Arbeit nichts mehr gilt. Angesichts dieser Thematik finde ich den deutschen Titel nicht besonders passend gewählt für einen Roman, der im Original “La guerre par d´autres moyens“ (Krieg mit anderen Mitteln) betitelt ist.
Ich kenne die Autorin schon seit vielen Jahren und habe auch ihren neuen Roman sehr gern gelesen. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 24.04.2026

Folge dem Licht

The Artist
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In Lucy Steeds Debütroman “The Artist“ bittet der junge Journalist Joseph Adelaide im Jahr 1920 den seit vielen Jahren zurückgezogen in einem alten Haus in der Nähe von Saint-Auguste in der Provence lebenden ...

In Lucy Steeds Debütroman “The Artist“ bittet der junge Journalist Joseph Adelaide im Jahr 1920 den seit vielen Jahren zurückgezogen in einem alten Haus in der Nähe von Saint-Auguste in der Provence lebenden berühmten Maler Edouard Tartuffe um ein Interview und erhält die Erlaubnis zu einem Besuch. Vor Ort erlebt er einige Überraschungen. Der Maler, der sich Tata nennen lässt, duldet ihn nur im Haus, wenn er ihm Modell sitzt, beantwortet jedoch keine Fragen. Die zweite Überraschung ist Sylvette genannt Ettie, die junge Nichte des Malers, die alle Pflichten einer Haushälterin erfüllt. Edouard hatte seine von einem verheirateten Mann schwangere Schwester bei sich aufgenommen und die Nichte allein aufgezogen, nachdem seine Schwester ihn wegen eines neuen Partners verlassen hatte. Tatsächlich verhält sich der Onkel jedoch nicht wie ein Ersatzvater, sondern erlaubt Sylvette kein selbstbestimmtes Leben, schon gar nicht, dass sie auch malt und eine künstlerische Karriere anstrebt. Er verhält sich wie ein Tyrann und zerstört gern mal, was Ettie liebt. Im Lauf seines mehr als dreimonatigen Aufenthalts bekommt Joseph Einblick in Edouards künstlerisches Schaffen und schreibt Artikel für seine Zeitung “The Inkling“ auch ohne ein einziges Interview. Außerdem erfährt er Etties Lebensgeschichte und ihr streng vor Tata gehütetes Geheimnis, und die beiden jungen Leute kommen sich näher.
Der Roman führt den Leser sprachgewaltig an die Welt der Malerei heran, lässt die entstehenden Gemälde mit den Mitteln der Sprache lebendig werden. Sehr eindrucksvoll beschreibt er den für Frauen damals generell schwierigen Weg zu einem selbstbestimmten Leben und zur Verwirklichung der eigenen Ambitionen. Ich habe den Roman sehr gern gelesen. Er ist allerdings ziemlich handlungsarm, weil die stimmungsvollen Ausführungen über die Entstehung von Kunstwerken doch einen sehr breiten Raum einnehmen. Ein Spannungsaufbau wird auch dadurch weitgehend verhindert, dass der im Jahr 1957 angesiedelte Prolog das zentrale Geheimnis um Ettie enthüllt. Dennoch ist dieses Buch schon wegen seiner poetischen Sprache und dem Einblick in künstlerisches Schaffen sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 20.04.2026

Wem kann man noch vertrauen?

Das letzte Buch von Marceau Miller
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Der Roman von Marceau Miller ist ein ungewöhnliches Konstrukt, denn der fiktive Autor ist zugleich der Protagonist des Romans, dessen Handlung jedoch zum Teil nach seinem Tod spielt. Marceau Miller ist ...

Der Roman von Marceau Miller ist ein ungewöhnliches Konstrukt, denn der fiktive Autor ist zugleich der Protagonist des Romans, dessen Handlung jedoch zum Teil nach seinem Tod spielt. Marceau Miller ist ein überaus erfolgreicher Autor. Nach der Feier mit seinem Verleger zum Erscheinen seines neuen Romans verschwindet er spurlos. Er liebt das Risiko, fliegt sein Privatflugzeug Savage Bobber und hat lange Zeit riskante Klettertouren ohne jede Absicherung gemacht. Seine Frau Sarah vermutet, dass er sein Versprechen, auf letztere zu verzichten, gebrochen hat und sucht ihn in seinem bevorzugten Klettergebiet. Sie findet seine Leiche unterhalb eines steilen Felsens. Sarah glaubt nicht an einen Unfall und beginnt ihre eigenen Ermittlungen zusammen mit dem pensionierten Polizisten Yves Reynaud und unterstützt von den engsten Freunden Alexis und Rollin Uldry und seiner Frau Karen, mit der sie einen Bootsverleih betreibt. Ein Brief von einer Bank informiert sie über eine große Summe Geld und das Manuskript von Marceaus letztem Buch in einem Tresor. Das rätselhafte Manuskript, das angeblich die Wahrheit über alle rätselhaften Ereignisse der Vergangenheit enthält, bleibt jedoch lange unauffindbar.
Der Leser begleitet die zutiefst verstörte und trauernde Sarah bei ihren Nachforschungen. Was sie herausfindet, lässt sie daran zweifeln, dass sie irgendjemand noch trauen kann. Sie hat das Gefühl, ihren Mann überhaupt nicht gekannt zu haben, und auch ihre Freunde haben sie betrogen und verraten. Fast jeder hat in dieser Geschichte etwas zu verbergen, und nichts hat sich so abgespielt, wie es schien. Obwohl Sarah sich verfolgt und beobachtet fühlt und sogar in Lebensgefahr gerät, obwohl die Medien allen Beteiligten das Leben schwermachen, gibt Sarah nicht auf, bis sie die Wahrheit kennt.
Ich habe den spannenden Roman sehr schnell gelesen und nicht nur die Handlungen mit unzähligen Wendungen, sondern auch Beschreibung der wunderschönen Landschaft am Genfer See auf der französischen und der Schweizer Seite genossen. Allerdings wirkt der Plot schon insgesamt etwas konstruiert und wenig realistisch. Eine dennoch empfehlenswerte unterhaltsame Lektüre.

Veröffentlicht am 06.04.2026

Eine Chance auf einen Neuanfang

Mirabellentage
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Anna Nass, 54 war jahrzehntelang Haushälterin bei Pfarrer Josef Heumann im kleinen bayrischen Dorf Blumfeld. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und waren Freunde. Dann stirbt der Pfarrer plötzlich, und ...

Anna Nass, 54 war jahrzehntelang Haushälterin bei Pfarrer Josef Heumann im kleinen bayrischen Dorf Blumfeld. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und waren Freunde. Dann stirbt der Pfarrer plötzlich, und alles geht sehr schnell. Am Tag der Beerdigung kommt schon der junge Priester Fridtjof Nisser aus Rom, um Josefs Nachfolger zu werden und zieht ins Pfarrhaus ein. Da gibt es nur ein Problem. Er stammt von einer Hallig in Norddeutschland, und sein Plattdeutsch wird niemand verstehen. Anna hat die rettende Idee. Als sich herausstellt, dass er auch kein Latein kann, gibt sie ihm Rezepte aus einem Kochbuch in italienischer Sprache für seine Predigten. Anna ist in tiefer Trauer und weiß nicht, wie ihr Leben weitergehen wird. Wenn der neue Priester keine Haushälterin braucht, muss sie einen Neuanfang wagen. Doch es gibt noch ein anderes Problem. Josefs letzter Wunsch war eine Einäscherung und Anna soll seine Asche im Meer verstreuen. Niemand von den Trauergästen weiß, dass sie einen leeren Sarg beerdigen. Da Anna seit ihrer Fahrprüfung nicht mehr Auto gefahren ist, nimmt sie Fahrstunden bei ihrem alten Fahrlehrer Manfred Tanner, der zwar damals der Schwarm aller Frauen war, aber nie eine Partnerin fürs Leben gefunden hat. Sie braucht dringend Unterstützung für die lange Fahrt Richtung Norden.
Bogdahns neuer Roman präsentiert eine sehr sympathische Heldin, die eine ganze Dorfgemeinschaft zusammengehalten hat. Sie gründete und betreute zahlreiche Gruppe, so dass ihr keine Zeit blieb, sich um ihr Privatleben zu kümmern. Immer wieder werden Episoden aus Annas Vergangenheit und Geschichten der Dorfbewohner erzählt. Das geschieht mit viel Empathie und Humor. Eine wichtige Rolle spielt auch der Mirabellenbaum vor dem Pfarrhaus. Aus den geernteten Früchten hat Anna nach einem geheimen Rezept jahrzehntelang Marmelade gekocht und zum großen Teil an die Dorfbewohner verschenkt. Der Duft der Früchte, die wunderschöne Landschaft rund um Blumfeld, die flirrende Hitze über dem See lassen den Schauplatz der Handlung sehr lebendig werden. Auch die vielen komischen Episoden tragen dazu bei, den Roman zu einem Wohlfühlbuch zu machen, das man schnell und gern liest.

Veröffentlicht am 22.03.2026

Die Uhr tickt

Noch fünf Tage
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Die Spitzenköchin Lis Castrop hat nach Jahren im Londoner Gourmetrestaurant Catch unter ihrem Chef Quirin das Angebot der Schweizer Milliardärsfamilie Harman angenommen und arbeitet in ihrer prunkvollen ...

Die Spitzenköchin Lis Castrop hat nach Jahren im Londoner Gourmetrestaurant Catch unter ihrem Chef Quirin das Angebot der Schweizer Milliardärsfamilie Harman angenommen und arbeitet in ihrer prunkvollen Villa in Davos als Köchin. Als sie das Silvestermenü ausrichtet, passiert das Unvorstellbare. Die Eltern und zwei Kinder sterben an Polonium-210 im Essen. Auch Lis wird vergiftet, hat aber eine geringere Dosis des Gifts abbekommen. Die Ärzte geben ihr noch fünf Tage. Lis will möglichst viel Zeit mit ihrer Tochter Cosima verbringen, aber auch den Mordanschlag aufklären, denn sie selbst gilt als Verdächtige, obwohl sie ebenfalls Opfer ist, weil sie das Essen zubereitet hat. Die sympathische Palliativschwester Esme unterstützt sie. Der Leser begleitet die beiden Frauen bei ihren Nachforschungen und erfährt viel über die Vergangenheit der Köchin, aber auch über die Harmans. Währenddessen läuft die Uhr, verdeutlicht durch die Angabe der Uhrzeit zu Beginn eines jeden Kapitels, was den Aufbau von Spannung verstärkt. Am Schluss ihres Lebens hat Lis herausgefunden, wer der Mörder ist und will ihn töten, vor allem, um ihre Tochter zu schützen.
Der Thriller ist spannend und liest sich sehr schnell. Er ist auch sprachlich gelungen und enthält vor allen Dingen keine Beschreibungen von exzessiver Gewalt. Mir hat besonders gefallen, dass immer wieder von ausgefallenen Rezepten und Zutaten der Gourmetküche die Rede ist. Das ist für den Normalverbraucher eine fremde Welt. Insgesamt ein sehr empfehlenswerter Roman.