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Veröffentlicht am 03.10.2023

Dem Tod und dem Schmerz Zeit abtrotzen

Die Kinder des Don Arrigo
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In seinem Roman “Die Kinder des Don Arrigo“ erzählt Ivan Sciapeconi die Geschichte von jüdischen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg von der Organisation DELASEM vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden. ...

In seinem Roman “Die Kinder des Don Arrigo“ erzählt Ivan Sciapeconi die Geschichte von jüdischen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg von der Organisation DELASEM vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden. Der fiktive Ich-Erzähler Natan wird 1942 von Recha Freier aus Berlin weggebracht, nachdem die Nazis schon seinen Vater abgeholt haben und genauso wie zahlreiche andere Kinder und Jugendliche nach einer langen Odyssee im Ort Nonantola in der Emilia Romagna versteckt. In der Villa Emma wird die kleine Gemeinschaft vom Pfarrer Don Arrigo mit Unterstützung des Bürgermeisters und eines Arztes geschützt. Auch die Dorfgemeinschaft hält zusammen und hilft, wo es nötig ist. Die Dorfbewohner riskieren dabei ihr Leben, denn die Bedrohung durch die Braunhemden wird immer größer, die deutschen Soldaten rücken näher, sodass sie am Ende kaum noch das Haus verlassen können. Schließlich muss erneut eine abenteuerliche Flucht organisiert werden, die beim ersten Versuch scheitert, denn die Schweizer Grenzposten lassen keine Juden ins Land. Ihr eigentliches Ziel - Palästina - werden sie so bald nicht erreichen.
Der Autor erzählt eine berührende Geschichte, die nicht nur verdeutlicht, dass in dieser furchtbaren Zeit nicht alle Faschisten und Mörder waren, sondern dass gerade dann mitmenschliches Verhalten und christliche Nächstenliebe vonnöten ist. Die Überlebenden haben dem Tod und dem Schmerz Zeit abgetrotzt. Ihr Sieg besteht darin, dass sie überlebt haben und die Chance auf ein neues Leben bekommen (S. 187). Ein wichtiges, lohnendes Buch.

Veröffentlicht am 23.09.2023

Es werde Schmerz, und es ward Schmerz

Die weite Wildnis
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Lauren Groffs neues Buch “Die weite Wildnis“ ist ein historischer Roman. Die Protagonistin ist ein Waisenkind, das von ihrer Dienstherrin im Alter von 4 oder 5 Jahren aus dem Waisenhaus geholt wird, damit ...


Lauren Groffs neues Buch “Die weite Wildnis“ ist ein historischer Roman. Die Protagonistin ist ein Waisenkind, das von ihrer Dienstherrin im Alter von 4 oder 5 Jahren aus dem Waisenhaus geholt wird, damit sie sich um die neugeborene kleine Bess kümmert. Der zweite Mann der Frau, ein Pastor, verlässt England mit der Familie, um an der amerikanischen Ostküste als einer der neuen Siedler zu leben. Viele Engländer sterben schon in den Stürmen während der Überfahrt, sehr viele mehr während des harten Winters an Hunger oder Krankheiten im belagerten Fort. Das Mädchen, von den grausamen Frauen im Heim Lamentatio Venal genannt, damit die Schande ihrer Herkunft nie in Vergessenheit gerät, erlebt im Fort schlimme Dinge. Eines Tages flieht sie, weil die Gefahren ihr dort viel größer erscheinen als alles in der unbekannten Wildnis dort draußen. Als Leser verfolgen wir, wie klug sie sich Nahrung verschafft und Schutz unter Felsen, in Höhlen oder zwischen Baumstämmen sucht. Sie bekommt einen neuen Blick auf die Welt, lernt die Schönheit der Natur mit ihren Pflanzen und Tieren zu lieben und lässt den Leser an ihren Erinnerungen an die Vergangenheit teilhaben. Nach allem, was ihr widerfahren ist, verliert sie ihren Glauben und stellt die Existenz Gottes in Frage. Schließlich war auch der Pastor nur ein gefährlicher Heuchler, dem es immer nur um den eigenen Vorteil ging. Das Mädchen schafft es durch ihre überragende Intelligenz allen Gefahren zu trotzen, leidet aber unter ihrer Einsamkeit. Mit dem holländischen Glasbläser auf dem Schiff hat sie die Liebe ihres Lebens verloren. Zurück bleiben Trauer und Schmerz (S. 254).
Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin in packender Sprache, überzeugt durch wunderbare Passagen über Landschaft und Klima und lässt auch Kritik an den skrupellosen Europäern einfließen, die sich anmaßen, die neue Welt in Besitz zu nehmen und alles zu zerstören, die Natur genauso wie fremde Zivilisationen, in diesem Fall die First Americans, die Ureinwohner. Ich habe den Roman gern gelesen, hätte mir aber schon etwas mehr Handlung gewünscht. Auch hat mich die Qualität der Übersetzung mit ihrer gewollt altertümelnden Sprache gestört, die leider auch unzählige Fehler enthält („vom Hunger gehagert“, S. 7 – soll das Deutsch sein?). Eine dennoch überwiegend positive Leseerfahrung.

Veröffentlicht am 10.09.2023

Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck

Vom Himmel die Sterne
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Der neue Roman von Jeannette Walls ist zugleich eine Familiengeschichte und das Porträt der Familie Kincaid in Claiborne County im ländlichen Virginia in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. An der ...


Der neue Roman von Jeannette Walls ist zugleich eine Familiengeschichte und das Porträt der Familie Kincaid in Claiborne County im ländlichen Virginia in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. An der Spitze steht der mächtige Duke Kincaid, von allen nur der Duke genannt. Es ist die Zeit der Prohibition, als durch den 18. Zusatzartikel zur Verfassung die Herstellung, der Verkauf und der Transport von Alkohol verboten ist. Die Regierung hat jedoch keine Möglichkeit, die Befolgung dieses Gesetzes auch durchzusetzen. So gibt es vor allem in den auf dem Land überall illegale Schnapsbrennereien, und die verarmte Mittel- und Unterschicht hält sich mit dem verbotenen Handel über Wasser. Auch der Duke hat seinen Reichtum u.a. auf diese Weise erworben.
Die Familiengeschichte der Kincaids ist in dieser Generation besonders kompliziert, denn der Duke ist viermal verheiratet und hat mehrere Kinder aus diesen Beziehungen. Sallie, die Tochter aus seiner zweiten Ehe, wird von ihrer Stiefmutter zu ihrer Tante Faye, einer Schwester ihrer früh unter zunächst ungeklärten Umständen verstorbenen Mutter geschickt, nachdem sie den kleinen Bruder in Gefahr gebracht hat. Sie lebt neun Jahre in äußerster Armut bei der Tante, bis sie zur Betreuung des Bruders zurückkommen darf. Sie kämpft von da an mit Mut und Stärke um ihre Position in der Familie.
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ihre fehlende Wertschätzung sind eines der zentralen Themen des Romans. Daneben geht es um die wirtschaftlichen Spätfolgen des Krieges, Korruption und Bandenkriege. Sallie macht schlechte Erfahrungen mit den Männern, nicht nur mit ihrem Vater. Sie kann niemandem vertrauen und ist in ihrem Kampf weitgehend allein. “Der Tod scheint überall zu sein. Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck.“ (S. 425) Im Lauf der Zeit kommen immer mehr Familiengeheimnisse ans Licht – vor allem über Mutter und Vater und die Tante.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl es nicht ganz einfach ist, den Überblick über die weitverzweigte Familie zu behalten. Dennoch bleibt für mich “Schloss aus Glas“ das beste Buch der Autorin.

Veröffentlicht am 02.09.2023

Wenn Lügen nicht von der Wahrheit zu unterscheiden sind

Die Lügnerin
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Die Protagonistin in Friedemann Karigs neuem Roman “Die Lügnerin“ ist eine Frau, die sich Clara Konrad nennt. Sie arbeitet für einen Chef, der eine Reihe von Mitarbeitern beschäftigt. Sie geben Anrufern ...


Die Protagonistin in Friedemann Karigs neuem Roman “Die Lügnerin“ ist eine Frau, die sich Clara Konrad nennt. Sie arbeitet für einen Chef, der eine Reihe von Mitarbeitern beschäftigt. Sie geben Anrufern Ratschläge, erzählen eine Menge Lügen und erwirtschaften viel Geld, von dem sie selbst am wenigsten sehen. Clara gibt sich als Hellseherin aus. Sie behauptet, die Sterne deuten zu können. Was sie vorhersagt, wird wahr. Eines Tages spürt eine Frau namens Siri von Morgenstern Clara auf und macht sie zur Partnerin, mit der sie in Las Vegas Unsummen gewinnt, bis sie wieder in die Heimat flieht.
Clara erzählt ihre Geschichte einer Beraterin genannten Therapeutin in einer Einrichtung. Die Therapeutin reagiert zunehmend verwirrt auf die Mischung aus Wahrheit und Lügen, auf all die Erzählungen von Gier, Betrug und Bereicherung durch Lügen, die die offensichtlich psychisch gestörte Patientin ihr auftischt. Clara geht zurück in ihre Kindheit und berichtet über ihre Familie. Auch der Leser fragt sich, was man von diesen Geschichten überhaupt glauben kann, wenn es wohl nicht einmal den Bruder überhaupt gegeben hat, von dem sie mehrfach erzählt.
Karigs Roman über Zufall und Schicksal, Wahrheit und Lüge ist nicht uninteressant, hat mir aber trotzdem nicht besonders gefallen. Mir fehlt da ein bisschen der rote Faden, eine Art eindeutige Botschaft oder klare Auflösung. “Dschungel“ fand ich deutlich besser.

Veröffentlicht am 27.08.2023

Wenn Großmaulrüssler die Hecke zerstören

Hinter der Hecke die Welt
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In Gianna Molinaris Roman “Hinter der Hecke die Welt“ verbinden sich zwei Themen auf ungewöhnliche Weise. Mutter Dora arbeitet auf einem Forschungsschiff in der Arktis. Sie bohrt auf dem Meeresgrund nach ...


In Gianna Molinaris Roman “Hinter der Hecke die Welt“ verbinden sich zwei Themen auf ungewöhnliche Weise. Mutter Dora arbeitet auf einem Forschungsschiff in der Arktis. Sie bohrt auf dem Meeresgrund nach Sedimenten, von denen dann die eine Hälfte untersucht, die andere für später konserviert wird. Ihre Tochter Pina lebt beim Vater Karsten in einem namenlosen Dorf. Hier leben nur noch wenige Menschen und nur zwei Kinder, die seit zwei Jahren nicht mehr wachsen. Dennoch ruht auf ihnen die Hoffnung der Dorfbewohner, die nur noch Leerstände verwalten und hoffen, dass die riesige Hecke, die sie vom Umland trennt, auf Dauer genug Touristen anzieht, damit sich die Dorfkasse nicht völlig leert. Nur die Hecke und das Unkraut wachsen. Alles Übrige unterliegt der totalen Stagnation. Dann wird eines Tages ein Loch in der Hecke sichtbar, es gibt eines nachts einen Brand, und Schädlinge beginnen, die Hecke zu zerstören, die doch die einzige Attraktion des Dorfes ist. Die Zukunftsaussichten sind schlecht. Dem Dorf droht das Verschwinden.
In wechselnden Kapiteln berichtet Molinari aus Doras Sicht über Begebenheiten und Erkenntnisse der kleinen Gruppe in der Arktis und über Geschehnisse im Dorf. Sie beschreibt unbekannte Tierarten und das Schmelzen riesiger Eisberge als Folge des Klimawandels. Der Leser erfährt hier mit Sicherheit vieles, was er bisher nicht wusste. Das ist sowohl interessant als auch besorgniserregend, hat mich aber nicht wirklich begeistert. Die Protagonisten blieben mir fremd, die Ereignisse rund um das Schrumpfen des Dorfes Teil einer nicht als realistisch empfundenen Wirklichkeit. Sprachlich-stilistisch ist das zweifellos gut gemacht, aber ich bin dennoch etwas enttäuscht von dem Roman.