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Veröffentlicht am 24.10.2021

Eurowaisen und Frauen mit Italiensyndrom

Wenn ich wiederkomme
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Im neuen Roman von Marco Balzano geht es um eine rumänische Familie: Daniela und Filip und ihre Kinder Manuel, 12 und Angelica, 20. Eines Tages verlässt die Mutter nachts unangekündigt ihre Angehörigen, ...

Im neuen Roman von Marco Balzano geht es um eine rumänische Familie: Daniela und Filip und ihre Kinder Manuel, 12 und Angelica, 20. Eines Tages verlässt die Mutter nachts unangekündigt ihre Angehörigen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Sie will ihre Familie aus der Armut befreien und den Kindern gute Schulabschlüsse und ein Studium finanzieren, damit sie es einmal besser haben als ihre Eltern und Großeltern. Die Kinder nehmen der Mutter die Abreise übel. Sie leiden trotz des telefonischen Kontakts unter der Trennung, zumal sie auch vom Vater verlassen werden, der wenig später als Lastwagenfahrer in Polen arbeitet. Nur die Großeltern kümmern sich noch um die Geschwister.
In drei Abschnitten erfahren wir, wie das Leben von Manuel, Daniela und Angelica weitergeht, welche Schwierigkeiten vor allem der Sohn in seinem Leben ohne die Mutter hat, denn trotz des Wiedersehens in jedem Sommer kommt es schon bald zu einer gravierenden Entfremdung zwischen Daniela und ihren Kindern. In dem Abschnitt über Daniela wird deutlich, wie hart das Leben dieser ausländischen Pflegekräfte und Kindermädchen ist. Viele leiden bald unter einem Burnout, denn besonders für diejenigen, die alte und kranke Menschen pflegen, gibt es häufig weder eine rechtliche Absicherung noch ausreichend Freizeit oder Schlaf. Sie reiben sich auf, ohne dass ihre wertvolle Arbeit angemessene gesellschaftliche Anerkennung findet.
Für den Autor ist es ein offensichtliches Anliegen, all diese Probleme zu verdeutlichen. Anders als in “Ich bleibe hier“ geht es nicht um ein historisches Thema, sondern um ein aktuelles gesellschaftliches Problem in der Beziehung von reichen Ländern zu ärmeren, die von der Not der Menschen gedankenlos profitieren. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 06.10.2021

Von Schicksalsschlägen gebeutelt

Der Kolibri
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Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis 2020 mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman “Der Kolibri“ steht der Augenarzt Marco Carrera. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie in Florenz, wird selbst später ...


Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis 2020 mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman “Der Kolibri“ steht der Augenarzt Marco Carrera. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie in Florenz, wird selbst später in Rom tätig sein. In 46 Kapiteln erzählt der Autor eine außergewöhnliche, etwa 70 Jahre umfassende Familiengeschichte, jedoch nicht chronologisch, sondern mit ständigen Zeitsprüngen. Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Der Psychoanalytiker seiner Frau bricht seine ärztliche Schweigepflicht, weil er glaubt, dass Marco in Gefahr ist. Seine Frau erwartet ein Kind von einem deutschen Piloten und wird ihn verlassen. Mit ihr hat er die geliebte Tochter Adele, die angesichts der Scheidung und des Rosenkriegs der Eltern psychische Auffälligkeiten entwickeln wird. Das Scheitern seiner Ehe ist jedoch nicht das einzige Unglück, das Marco zustößt. Er verliert im Laufe der Zeit vier geliebte Familienmitglieder. Er selbst will keine Veränderungen, sondern den absoluten Stillstand – wie der Kolibri, der mit unendlich vielen Flügelschlägen erreicht, dass er auf der Stelle verharren kann, aber diesen Wunsch vereitelt das Schicksal immer wieder durch den Tod von Angehörigen. Kolibiri wurde er als Kind genannt, weil er extrem klein, aber sehr beweglich war. Erst eine Therapie verhalf dem 15jährigen zu einem sprunghaften Wachstum und zu normaler Größe.
Die Todesfälle in seinem Umfeld waren aber nicht der einzige Grund, warum aus Marco kein glücklicher Mensch wurde. Schon als Jugendlicher verliebte er sich in Luisa, liebte sie ein ganzes Leben lang, aber nie wurde eine Beziehung daraus. Sie schrieben sich, sahen sich eine Zeit lang im Sommer am Meer, aber es blieb eine unerfüllte Liebe, weil Marco keinen Schritt auf sie zuging. Der einzige Lichtblick in seinem Leben ist die geliebte Enkelin Miraijin, die er im Auftrag seiner früh verstorbenen Tochter Adele zum Menschen der Zukunft erzieht. Sie ist wunderschön und hochbegabt und wird die Welt zu einer besseren machen.
Der sprachlich und gedanklich anspruchsvolle Roman ist keine leichte Lektüre. Die unzähligen Zeitsprünge und Ortswechsel setzen ein überdurchschnittliches Durchhaltevermögen voraus. Ohne die Jahresangaben zu Beginn der Kapitel wäre auch der noch so anstrengungsbereite Leser überfordert. Mir hat der Roman nicht so gut gefallen wie andere Bücher von Veronesi.

Veröffentlicht am 06.10.2021

Familiengeheimnisse und Traumata

Die andere Tochter
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Antonia - genannt Toni - Petzold hat einen Arbeitsunfall, bei dem sie fast erblindet, als sie eine Wohnung entrümpelt. Durch eine Hornhauttransplantation kann sie wieder sehen. Sie bedankt sich bei der ...


Antonia - genannt Toni - Petzold hat einen Arbeitsunfall, bei dem sie fast erblindet, als sie eine Wohnung entrümpelt. Durch eine Hornhauttransplantation kann sie wieder sehen. Sie bedankt sich bei der unbekannten Familie der Spenderin durch ein Schreiben an die Datenbank. Wenig später nimmt die Mutter Kontakt zu ihr auf, und sie fährt zu Familie Mertens in Frankfurt. Sie wird herzlich aufgenommen, vor allem von Susannes - Zsazsas - Mutter Clara, die sie bald liebt wie eine Tochter. Clara ist ganz anders als ihre eigene Mutter, die ihr stets so distanziert und kalt begegnete, dass sie sie nie anders als “Brigitte“ genannt hat. Clara beauftragt sie, die Wohnung der Tochter auszuräumen, und durch die Dinge, die sie dort findet, taucht sie in das Leben der jungen Frau ein. Nur deren Schwester Evelyn begegnet ihr feindselig, vermutlich, weil sie zur Konkurrentin um die Liebe der Mutter geworden ist und sogar ein Verhältnis mit dem Ex-Verlobten der Schwester anfängt. Toni wundert sich über den unermesslichen Reichtum der Familie Mertens und stellt Nachforschungen an. Sie findet heraus, dass es Geheimnisse in dieser Familie gibt, und zwar nicht nur um die Todesursache der Tochter. Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass es auch in ihrer eigenen Familie Dinge gibt, über die nie gesprochen wurde, z.B. warum der Großmutter das Sorgerecht übertragen wurde, als Toni fünf war und sie erst mit zwölf zu den Eltern zurückkehrte. In der Erzählgegenwart ist ein Verbrechen geschehen, wodurch die Wohnung der Eltern zum Tatort wurde und versiegelt ist. Toni verschafft sich Zugang, u.a. um nach einem Spenderausweis zu suchen, denn die Mutter liegt schwer verletzt im Koma.
Die Geschichte hat eine raffinierte Zeitstruktur, denn sie beginnt im Oktober 2019 und holt die vergangenen 6 Monate bis zur Gegenwart nach. Erzählt werden die Geschichten zweier Familien, aber es geht auch um Traumaverarbeitung und -vererbung, um Organspende, vor allem um die psychischen Veränderungen beim Empfänger durch eine Transplantation von Gewebe oder ganzen Organen, außerdem um Raubkunst und Restitution im Zusammenhang mit der Nazizeit. Man verfolgt gespannt, wie Toni alle Geheimnisse lüftet und endlich auch begreift, dass ihre wiederkehrenden Albträume nichts mit der Transplantation, sondern mit der Verarbeitung von Traumata zu tun haben. “Die andere Tochter“ ist ein anspruchsvoller Roman mit Krimielementen und wird dadurch zu einer spannenden Lektüre. Auch seine sprachliche Qualität hat mich überzeugt.

Veröffentlicht am 16.09.2021

Weihnachten in einer dysfunktionalen Familie

SCHWEIG!
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In Judith Merchants Roman “Schweig!“ geht es um die Schwestern Esther und Sue. Esther ist mit Martin verheiratet, hat zwei Kinder, einen Job und wohnt in der Stadt. Sue lebt seit ihrer Scheidung von Robert ...

In Judith Merchants Roman “Schweig!“ geht es um die Schwestern Esther und Sue. Esther ist mit Martin verheiratet, hat zwei Kinder, einen Job und wohnt in der Stadt. Sue lebt seit ihrer Scheidung von Robert allein in dem großen Haus im Wald und lässt die Natur auf sich wirken. Am Tag vor Heiligabend besucht Esther ihre Schwester unangekündigt mit einem Geschenk und einer Flasche Wein. Ester gibt sich als liebevolle, besorgte ältere Schwester, Sue dagegen wirkt einsilbig und abweisend und will sie nur loswerden. Dann kommen beide Schwestern im Wechsel zu Wort und später auch Martin und das Mädchen, hinter dem sich Esther in der Kindheit verbirgt, und es ergibt sich ein völlig anderes Bild. Esther ist manipulativ, boshaft und zeigt ein penetrantes Dominanzverhalten, gegen das niemand ankommt – Sue genauso wenig wie der unterwürfige Ehemann. Was Esther nicht will, passiert nicht. Sie biegt sich stets die Realität zurecht, wie es ihr passt und das schon seit der Kindheit. Seit damals nennt sie die Schwester Schnecke, was sich auf einen traurigen Vorfall in der Kindheit bezieht und keineswegs liebevoll gemeint ist. Esther inszeniert Aufführungen von glücklicher Ehe und stimmungsvollen Weihnachtsfesten, aber in Wirklichkeit ist alles anders.
Verunglückte Weihnachten haben in dieser Familie Tradition, nicht nur das Fest ein Jahr zuvor, bei dem Esther die Schwester am liebsten in die Psychiatrie hätte einweisen lassen, sondern auch ein Weihnachtsfest in der Kindheit der Schwestern, als der alkoholkranke Vater Selbstmord beging, was aber nur Esther wusste. Seitdem erfüllt sie mehr als gewissenhaft den Auftrag der Mutter, auf die jüngere Schwester aufzupassen, was ihr als Kontrollfreak vollkommen entspricht.
In den zahlreichen Kapiteln mit ständig wechselnder Perspektive wird eine bedrohliche Stimmung aufgebaut, die ebenso wie die frühe Ankündigung, dass nicht alle dieses Weihnachten überleben werden, dem Leser signalisiert, dass etwas Schlimmes passieren wird. Am Ende sind die Dinge nur scheinbar wieder in Ordnung. Die alte Machtverteilung bleibt, und Esther entlässt niemand aus ihrem Klammergriff. Der Roman über eine dysfunktionale Familie packt den Leser, obwohl es bis zum Finale ein paar Längen gibt. Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt.

Veröffentlicht am 07.09.2021

Nichts wirklich Schönes kann je nutzlos sein

Der perfekte Kreis
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Benjamin Myers neuer Roman beschreibt einen Sommer im Leben der Freunde Ivan Robin Calvert und Redbone. Die beiden Freunde wollen im Sommer 1989 ein ganz besonderes Projekt verwirklichen. In zehn Nächten ...


Benjamin Myers neuer Roman beschreibt einen Sommer im Leben der Freunde Ivan Robin Calvert und Redbone. Die beiden Freunde wollen im Sommer 1989 ein ganz besonderes Projekt verwirklichen. In zehn Nächten schaffen sie ebenso viele Kornkreise im Südwesten Englands, von denen jeder schöner und komplizierter ist als sein Vorgänger. Redbone entwirft die Skizzen, und Calvert erkundet die Umgebung ihres Heimatorts, um das perfekte Gelände für den geplanten Kreis zu finden. Sie haben ihren eigenen Verhaltenskodex. Niemand darf erfahren, wer sie sind und was sie tun, denn ihre nächtlichen Aktivitäten sind natürlich nicht legal: sie betreten fremdes Eigentum. Ihr Motto: „Nähre den Mythos und strebe nach Schönheit, ja, aber offenbare nie die Wahrheit.“ (S. 23) Die Freunde stehen einander sehr nahe, behalten aber den größten Teil ihrer persönlichen Geschichte für sich. Wir wissen, dass Calvert ein durch den Falkland-Krieg schwer traumatisierter Soldat ist und dass auch Redbone mit seinen inneren Dämonen kämpft. Beiden hilft ihr Projekt, die Traumata zu verarbeiten oder zumindest zeitweilig zu vergessen. Es gelingt ihnen, neun Kreise weitgehend ohne Störung zu schaffen – einmal müssen sie die Arbeit vorzeitig abbrechen. Als sie ihr Meisterwerk, die Honigwabe-Doppelhelix, fast fertiggestellt haben, passiert etwas Unvorhergesehenes.
"Der perfekte Kreis" ist eine handlungsarme Geschichte mit zwei sympathischen Protagonisten, aber auf äußere Handlung kommt es nicht an. Der Autor punktet in anderen Bereichen. Interessant ist die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Kunstwerke. Es erscheinen Zeitungsartikel, in denen Verschwörungstheoretiker und andere Spinner zu Wort kommen. Für die meisten stecken Aliens hinter den Kunstwerken. Die Kreise ziehen eine Vielzahl von Besuchern an, die die Felder zertrampeln und die Ernte vernichten. Redbone und Calvert gehen sehr behutsam mit der Natur um. Sie knicken nicht einen Halm und verletzen kein Tier. Im gesamten Roman wird deutlich, wie sehr der Autor die Schönheit der englischen Landschaft liebt und wie wichtig ihm insgesamt der Schutz des Planeten ist. 1989 war der Klimawandel mit der globalen Erwärmung noch nicht eingetreten, aber er kündigte sich an.
Mir gefällt der Roman sprachlich genauso gut wie zuvor “Offene See“. Diese Poesie macht dem Autor so schnell keiner nach. Ein wunderschönes Buch.