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Veröffentlicht am 24.08.2020

Sagenhaftes Jugendbuch

An Nachteule von Sternhai
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Liebe Daisy,

heute melde ich mich zu einem der großartigsten Jugendbücher für 10–12-jährige, das ich jemals gelesen habe: An Nachteule von Sternhai (Orig. To Night Owl, From Dogfish) von Holly Goldberg ...

Liebe Daisy,

heute melde ich mich zu einem der großartigsten Jugendbücher für 10–12-jährige, das ich jemals gelesen habe: An Nachteule von Sternhai (Orig. To Night Owl, From Dogfish) von Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer, dessen deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz 2019 im Hanser Verlag erschienen ist.

Um etwas auszuholen: Ich weiß nicht, ob du Gut Gegen Nordwind von Daniel Glattauer kennst, aber ich habe es vor Jahren gelesen und mich in den Stil verliebt, einen Roman durch E-Mails zu erzählen. Genauso ist An Nachteule von Sternenhai aufgebaut. Durch verschiedene E-Mails, Briefe und Textnachrichten entfaltet sich die Geschichte von den beiden zwölfjährigen Avery und Bett. Doch was bringt diese beiden Mädchen, die an verschiedenen Enden der U.S.A. leben und unterschiedlicher nicht sein könnten, eigentlich zusammen? Ihre Väter. Bis dato alleinerziehend, haben sie sich bei ihrem ersten Treffen prompt in einander verliebt. Eine Partnerschaft der beiden würde Avery und Bett zu Stiefschwestern machen. Aber eine Patchworkfamilie ist etwas, das sie ganz und gar nicht wollen. Also nehmen die beiden heimlich Kontakt auf, um das Vorhaben zu sabotieren. Doch wie so oft, läuft nicht alles wie geplant und ihr E–Mail Austausch wird immer reger, bis sie eines Tages feststellen, dass sie vielleicht doch, ganz ohne es zu wissen, beste Freundinnen geworden sind.

Die beiden Autorinnen schaffen hier eine ungeheuer sympathische Geschichte, die sich trotz der Medien, durch die sie erzählt wird, sehr unmittelbar anfühlt. Oder vielleicht gerade deshalb? Weil es sich so anfühlt, als dürfte man hier private E-Mails von tatsächlichen Menschen lesen. Allen voran punkteten hier für mich die vielen kleinen alltäglichen Bemerkungen, die ihren Platz in den Mails von Bett und Avery gefunden haben. Von ersten Erfahrungen mit der Pubertät, bis hin zu der Frage, ob Vögel gackern müssen, damit ihre Eier genießbar sind. Diese scheinbar willkürlichen Gedanken haben der Geschichte einen ungeheuren Charme und eine fantastische Leichtigkeit verliehen. Obwohl im Laufe des Romans durchaus ernste Themen wie Freundschaft und Familie behandelt werden, war An Nachteule von Sternenhai somit ein absolutes Wohlfühlbuch für mich.

Besonders gut gefallen hat mir zudem, dass verschiedenste Altersgruppen vertreten sind. Nicht nur den beiden werdenden Teenager, sondern auch der Eltern- und Großelterngeneration kommt eine tragende Rolle zu. Dadurch, dass die Figuren an so unterschiedlichen Punkten ihres Lebens stehen, werden verschiedenste Problematiken aufgemacht und Standpunkte beleuchtet. Das Buch fühlt sich somit ganzheitlich an und wirkt authentisch. Dieser Eindruck wird durch die vielschichten Figuren gestützt. Diese fühlen sich nicht stereotypisch an, sondern haben alle ihre Ecken und Kanten. Diese Eigenheiten sind es, was sie lebendig werden lässt.

An Nachteule von Sternenhai ist zudem ein hervorragendes Beispiel für Repräsentation: Verschiedene Religionen, Ethnizitäten, sexuelle Ausrichtungen, psychische Krankheiten und Familienstrukturen finden alle ihren Platz in der Geschichte. Nicht zu vergessen, verschiedenste Entscheidungen das eigene Leben zu leben, die nicht unbedingt der Norm entsprechen. Auch Vorurteile werden thematisiert. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Büchern handelt es sich hier nicht um eine Idealisierung, bei der am Schluss Friede-Freude-Eierkuchen ist. Es ist wie das Leben: nicht perfekt, aber gespickt mit Momenten, die Hoffnung geben. Verpackt in die charmante Erzählform, lässt einen dieses Buch nachdenklich, aber wie in eine dicke Wolldecke gewickelt, mit einem wohligen Gefühl zurück.

An Nachteule von Sternhai ist für mich ein durch und durch stimmiges Buch, das ich Leserinnen und Lesern ab 10 Jahren wärmstens ans Herz legen würde. Schrecke aber bitte bloß nicht davor zurück, falls du älter sein solltest – in diesem Roman ist wirklich für jedes Alter was dabei.
Wahrhaftig ein Buch, das mein Herz hat klingen lassen.
Deine Daffy

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.07.2020

Solides Jugendbuch mit einigen Schwächen

Royal Horses (1). Kronenherz
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Liebe Daisy,
ich hatte es schon angedeutet und diese Rezension bestätigt es noch einmal offiziell: Ich bin schwach geworden und habe mir Kronenherz von Jana Hoch, das 2020 beim Arena Verlag erschienen ...

Liebe Daisy,
ich hatte es schon angedeutet und diese Rezension bestätigt es noch einmal offiziell: Ich bin schwach geworden und habe mir Kronenherz von Jana Hoch, das 2020 beim Arena Verlag erschienen ist, geholt. Ich weiß, ich weiß, ich hatte mir vorgenommen, erst mal keine neuen Bücher zu kaufen. Aber die Geschichte klang wie ein modernes Märchen und das Cover ist einfach traumhaft schön.

Inhalt
Die Geschichte folgt Greta, die bei ihrem Bruder in London lebt. Nach einem Zwischenfall entscheidet sie sich, ein Sommerpraktikum auf dem königlichen Gestüt Caverley Green zu machen. Sie hat zwar keinerlei Erfahrung mit Pferden, möchte aber um jeden Preis Abstand zu London gewinnen. Doch auch dort kommt sie nicht zur Ruhe: Ihre Vergangenheit beschäftigt sie zu sehr. Zu allem Übel hat es einer ihrer Kollegen darauf abgesehen, ihr Geheimnis zu lüften – kein Wunder also, dass sich die beiden regelmäßig in die Haare kriegen. Wenn dann auch noch das Herz verrückt spielt, ist Drama vorprogrammiert.

Du merkst es schon: Kronenherz ist ein Jugendbuch. Das erwähne ich deshalb so explizit, weil das Cover anmuten lässt, dass es sich um ein Kinderbuch handelt: Die zwei stilisierten Menschen darauf sind eindeutig Kinder. Tatsächlich ist die Protagonistin jedoch ein Teenager. Daran ist absolut nichts Verwerfliches; auch im Genre der Jugendbücher klang die Prämisse vielversprechend und nach einem wunderbaren Sommerbuch. Ich muss jedoch sagen, dass ich einige Probleme damit hatte, die ich im Folgenden gerne genauer beleuchten würde. Ich bemühe mich, die Rezension spoilerfrei zu halten und werde die zwei Unterpunkte, die es nicht sind, markieren, damit du sie überspringen kannst, wenn du das Buch noch nicht gelesen hast.

Figuren
Ich möchte gerne mit einem meiner Hauptkritikpunkte anfangen: dem Verhalten von Gretas Kollegen Edward. Ich behaupte nicht, dass er eine platte Figur ist; er hat einige Facetten und funktioniert in vielerlei Hinsicht. Nichtsdestotrotz ist sein Verhalten gegenüber Greta im ersten Drittel völlig untragbar. Sein Verhalten bei ihrer ersten Begegnung kann man auf die äußeren Umstände schieben, aber sobald Greta auf dem Gestüt angekommen ist, gilt diese Ausrede einfach nicht mehr. Als Beispiel möchte ich die Situation auf S. 27 erwähnen, in der er sich völlig respektlos und übergriffig verhält: „[…] versperrte Edward mir den Weg mit seinem Körper. Ich zuckte zusammen, als er die flache Hand blitzschnell neben mir an die Wand legte. […] Ich wollte zurückweichen, doch Edward griff nach meinem Arm.“ In der folgenden Auseinandersetzung behandelt er Greta extrem bevormundend und urteilt anhand ihres Äußeren über sie (S. 28f.) – er macht ihr Vorwürfe und behandelt sie als Bedrohung, obwohl es keinen glaubwürdigen Anlass dafür gibt. Somit ist sein Verhalten ihr gegenüber nicht nur respektlos, sondern wirkt auch überzogen und unglaubwürdig: er verhält sich wie ein bockiges kleines Kind.
Dieses Verhalten zieht sich leider durch große Teile des Buches. Etwa auf S. 85, wenn er wegen eines flapsigen Kommentares von Greta völlig ausflippt. Der Kommentar selbst ist zwar unglücklich formuliert, aber faktisch nachvollziehbar – somit würde man meinen, dass Edward mit etwas Zeit zum Nachdenken zur Vernunft kommt. Falsch gedacht. Diese Aussage ist der Auslöser für einen kapitellangen Konflikt. Allgemein macht Edward öfter aus Mücken Elefanten. Er scheint auch nicht sonderlich reflektiert zu sein, sondern brüllt mit Anschuldigungen um sich, wobei sein Verhalten Greta gegenüber weiterhin respektlos bleibt, etwa auf S. 144, auf der er so tut als wäre sie nicht anwesend und (unnachvollziehbar) schlecht über sie redet. Wenn er dann doch direkt mit ihr redet, stellt er (falsche) Mutmaßungen auf z.B.: „Ich weiß, dass dein Leben in London ein kleines, wildes Abenteuer ohne Regeln ist […]“ (S. 150). Er ist allgemein sehr schnell darin, sich auf Grund sehr weniger Informationen ein Bild von Greta zu bilden und dieses nicht infrage zu stellen, bis er dazu gezwungen wird. Ab diesem Punkt bessert sich sein Verhalten etwas. Und ich verstehe auch, dass die Autorin eine Figurenentwicklung zeigen wollte, aber ich frage mich, ob das nicht respektvoller – und tatsächlich auch glaubwürdiger – gegangen wäre. Dieses grundlos gemeine Verhalten hat mir leider wirklich die Freude am Lesen genommen. Und es gab auch nach seiner Einsicht Momente, in denen ich nur den Kopf über diese Figur schütteln konnte, etwa wenn Edward extrem rechthaberisch darüber spricht, dass er ja angekündigt hatte, ihr Geheimnis herauszubekommen (S. 170). Es macht ihn leider nicht sympathisch, dass er die Grenze, die Greta aufgestellt hat, nicht respektiert.

Nun zu Greta. Wie schon aufgeführt, wird sie ungerecht behandelt. Ich weiß, sie ist ein Teenager und entsprechend noch nicht so selbstsicher, wie eine gestandene Frau es vielleicht wäre. Aber ich fand es dennoch schade, dass sie so selten für sich eingestanden ist. Etwa, wenn Edward ihr, wie bereits erwähnt alle möglichen Anschuldigungen an den Kopf knallt (S. 150f.) und sie diese nicht widerlegt, obwohl er ganz klar falsch liegt. Ich muss auch sagen, dass ich sie als sehr gefühlsgeleitet und oftmals überemotional wahrgenommen habe; wobei das für Teennager natürlich keine gänzlich unüblichen Verhaltensweisen sind.
Was ich schade fand, war, dass man als Leserin wenig über Greta erfahren hat. Beziehungsweise, dass beim Lesen viele Fragen offengeblieben sind. Etwa warum ihre Eltern so oft umziehen müssen. Oder welche Sprache überhaupt ihre Muttersprache ist bzw. welche Sprachen sie überhaupt spricht. Und warum sie so wenig Kontakt zu ihrer Familie hat. Ist das Verhältnis schlecht oder wollte die Autorin die Figur von jeglichen Autoritätsfiguren isolieren?

Rollenbilder
Ich muss leider sagen, dass ich auch ein maßgebliches Problem mit der Darstellung der Geschlechter hatte. Wie schon gesagt, verhält sich Edward der Protagonistin gegenüber wiederholt respektlos. Er wird dafür nie zur Rede gestellt. Doch es endet leider nicht bei dieser Figur, auch ihr Kollege Sixton zeigt ähnliche Verhaltensmuster: Er macht sich etwa einen Spaß daraus Greta und seine Schwester Joan aufzuziehen (S. 67) und Greta mit einer leeren Plastikflasche zu schlagen (S. 96). Ich finde es auffällig, dass im Laufe des Buches ausnahmslos den Männern eine Machtposition eingeräumt wird.
Ganz ungut fand ich auch eine Auseinandersetzung zwischen den Figuren des Liebesdreiecks (natürlich gibt es eins, was hast du denn erwartet?): Hierbei messen sich die beiden männlichen Figuren, während über Greta gesprochen wird, als wäre sie ihr Spielball (S. 212). Ich denke, ein Zitat von S. 159 fasst die Einstellung der männlichen Figuren gegenüber der weiblichen ganz gut zusammen. Hier beschreibt Edward eines der größten Probleme, das er in Greta sieht: „Sie ist zu clever […]“.

Edward, Alice, James…
Etwas, was mir wiederholt durch den Kopf geschossen ist, als ich diesen Roman gelesen habe, sind die Parallelen zu Twilight von Stephenie Meyer und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob es sich hierbei um eine ehemalige Twilight Fanfiction handelt. Das offensichtlichste Merkmal sind wohl die Namen, doch auch die Figuren wiesen sehr klare Parallelen zu denen aus der Bis(s) Serie auf. Edwards bevormundendes, ablehnendes Verhalten, Greta/Bellas Unsicherheit und Selbstzweifel, Joans/Alices flippige Art, der bärenhafte Sixton/Emmett, die hochnäsige, aber wunderschöne Brina/Rosalie, Yorkick/Carlisle als liebenswerter Ziehvater, James/Jacob als Gegenspieler für Edward, der eigentlich viel netter zu Greta/Bella ist… du merkst schon: sobald ich den Gedanken einmal gehabt habe, drängten sich mir die Parallelen förmlich auch. Ebenso bei der Figurenentwicklung. Edwards erst grundlos ablehnendes und gemeines Verhalten, bis er dann plötzlich zum liebenswürdigen Schoßhund wird und alles auf eine romantische Ballszene in einem Pavillon hinausläuft… Ich kann doch nicht alleine mit dieser Assoziation sein? [Spoiler Ende]

Authentizität
Wie schon ausgeführt, fand ich Edwards Verhalten leider mehrfach unglaubwürdig. Es gab zudem einige andere Sequenzen, die mich stutzig gemacht haben, etwa dass Figuren so schusselig sind, Bücher versehentlich in Töpfen zu platzieren (S. 82); ein schönes Bild, aber ob das wirklich so passiert? Oder Greta, die tagelang in „viel zu großen“ (S. 113) Gummistiefeln herumläuft – sowas gibt doch Blasen? Über die Authentizität in Bezug auf den Umgang mit den Pferden kann ich mich leider nicht äußern, weil mir die Expertise fehlt, aber im Bezug auf den Zwischenfall, der Greta dazu gebracht hat, London zu verlassen, schon.
Die Darstellung von diesem Vorfall ist leider denkbar ungeschickt umgesetzt. An sich ist es glaubwürdig, dass so eine Situation passieren gehen könnte. Worin ich allerdings ein Problem sehe, ist Folgendes: Es gibt ein Video von der Mutprobe, bei der Greta mit ihrer besten Freundin und deren Freund im Auto der Eltern der besten Freundin durch London gefahren ist. Der Freund saß am Steuer und ist suizidal durch die Stadt gerast; sie saß hinten und hat Panik bekommen, was er gefilmt hat. Es ist ihr nun peinlich, dass dieses Video existiert. So peinlich, dass sie aus London geflüchtet ist.
Ich verstehe, dass das eine traumatische Ausnahmesituation war und die Emotionen überhandnehmen; ich verstehe auch, dass man Abstand von der Person, die einen in diese Situation gebracht hat, bekommen möchte; ich verstehe sogar die Schuldgefühle – nicht selten haben Opfer diese. Was ich nicht verstehe ist, dass an keiner Stelle thematisiert wird, dass sie keine Schuld an der lebensgefährlichen Situation, in die sie geraten ist, trägt. Das finde ich unverantwortlich. Sie mag die Freundin überredet haben, die Schlüssel zu klauen, aber es war die Freundin, die es durchgeführt hat. Und am Steuer saß der Freund, nicht sie. Er war verantwortlich. Ja, es hätte negative Schlagzeilen gegeben, wäre das Video publiziert worden, aber auch hier gilt: es wäre nicht sie gewesen, die daran Schuld gehabt hätte. Mal abgesehen davon, dass ich es hoch verwunderlich finde, dass das Handy, was der Freund in der Hand hatte, als der Unfall passierte, diesen überstanden hat – die Fliehkraft müsste ihm dieses aus der Hand gerissen haben und wenn man bedenkt, wie wenig Handys aushalten… Zurück zum Thema: Gretas größte Sorge im Bezug auf den Unfall ist, wie sie auf diesem Video wirkt. Sie sieht sich selbst in einem denkbar schlechten Licht, wenn sie darüber nachdenkt: „Mich. Ausgeliefert. Schutzlos. Panisch … Gebrochen.“ (S. 168) – wie gesagt: es war eine traumatische Erfahrung, nicht unwahrscheinlich, dass sie an einer PTBS leidet, aber es wäre notwendig gewesen, zu thematisieren, dass ihr Verhalten in der Situation, nämlich zu sagen: „Verdammter Idiot, guck nach vorne. Willst du uns alle umbringen […] Ich will aussteigen. Halt an, Eth!“ (S. 162) genau das richtige war. Dass es kein Zeichen von Schwäche ist zu sagen: „Bis hier hin und nicht weiter. Das ist meine Grenze.“ – hier hätte es dann doch eine Autoritätsperson gebraucht, die sich kümmert und nicht einen gleichaltrigen männlichen Gegenspieler, der ihr Selbstwertgefühl bloß weiter mindert.
[Spoiler Ende]

Schreibstil
Zuletzt möchte ich noch auf den Schreibstil eingehen, der allgemein leicht und flüssig zu lesen war. Entsprechend werden auch eher unerfahrenere LeserInnen Freude an dem Buch haben. Es handelt sich um eine Narration in der ersten Person, somit erleben wir die Geschehnisse gemeinsam mit der Protagonistin Greta. Wobei der Eindruck an einzelnen Stellen gebrochen wurde, wenn die Autorin Dinge beschrieben hat, die Greta so nicht wahrnehmen konnte; etwa wenn sie zum ersten Mal auf dem Gestüt ankommt, in einem Auto, das durch den strömenden Regen fährt, und dabei Dinge beschreibt, die sich auf der Rückseite des Hauses, das sie sieht, befinden (S. 24). Leider waren die Beschreibungen in dieser Situation, aber auch an anderen Stellen des Buches, nicht besonders gut mit der Narration verflochten, so dass sich ganze Textblöcke an reinen Beschreibungen fanden; ich würde mir mehr „show, don’t tell“ wünschen.
Ich sprach davon, dass auch jüngere LeserInnen sprachlich gut durch das Buch kommen werden; ich möchte jedoch erwähnen, dass häufig ¬– meines Erachtens nach unnötig – geflucht wird. Somit stellt sich mir die Frage, ab welchem Alter das Buch wirklich zu empfehlen ist; zu alt sollten LeserInnen jedoch auch nicht sein, da es für mich als erfahrene Leserin extrem vorhersehbar war; einer der großen Knackpunkte des Finales war für mich etwa bereits im ersten Kapitel ersichtlich. Auch die Analogien, die die Autorin verwendet hat, die mir an sich gut gefallen haben, waren teilweise ein sehr eindeutiger Wink mit dem Zaunpfahl (z.B.: S. 115) – das ist vollkommen legitim; ich möchte nur erwähnen, dass subtile Hinweise nicht die Stärke dieses Buches sind. Auch fanden sich einige Motive mehrfach, z.B.: dass Greta lauscht, um an Information zu kommen – hier wäre etwas Abwechslung wünschenswert gewesen. Der Vollständigkeit halber möchte ich zudem erwähnen, dass sich einige kleine Grammatikfehler (z.B.: „Es hatte etwas Friedliches, beinahe schon romantisch.“ (S. 193)/ „Ein letzte bescheuerte Rebellion“ (S. 304)) eingeschlichen haben.
Es gab jedoch auch charmante Szenen und Momente, in denen die Figuren respektvoll miteinander umgegangen sind und Situationen die Chance hatten, sich zu entfalten (z.B.: S. 112 und S.133); das waren auch die Situationen, in denen Greta nicht in Selbstzweifel/-mitleid vergangen ist, sondern aufgeschlossen auf die jeweilige Situation reagiert hat. Davon gerne mehr!

Du merkst, ich stehe dem Buch sehr zwiespältig gegenüber. Das erste Drittel ist voller Post ist (um Stellen zu markieren, zu denen ich mich zu Wort melden wollte) und hätte von mir vermutlich bestenfalls zwei Sterne bekommen. Danach wurde es zum Glück authentischer und auch weniger schwierig mit meinen Wertvorstellungen zu vereinbaren. Ich hoffe, dass das zweite Buch in der Trilogie sich an den letzten zwei Drittel dieses Buches orientieren wird, dann wird es nämlich ein locker flockiges Jugendbuch, das ich gerne lesen möchte. Ich halte dich auf dem Laufenden.

Deine Daffy

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Veröffentlicht am 07.07.2020

Fulminantes Schauspiel

Mord hinter den Kulissen
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Ein Interview in 5 Akten

Persona Dramatis
Daffy, ein “Wells&Wong”-Fan
Daisy, ein “Wells&Wong”-Fan
ein Erzähler

Der Schauplatz ist ein bescheidener Instagrambücherblog.

Erster Akt
Erzähler. Wir schreiben ...

Ein Interview in 5 Akten

Persona Dramatis
Daffy, ein “Wells&Wong”-Fan
Daisy, ein “Wells&Wong”-Fan
ein Erzähler

Der Schauplatz ist ein bescheidener Instagrambücherblog.

Erster Akt
Erzähler. Wir schreiben das Jahr 2020. Inmitten von geschichtsträchtigen Ereignissen begeben sich zwei junge Damen auf eine Gedankenreise in ein Theater nahe Covent Garden, London. Die roten Sitze erheben sich um sie herum, während die Bühne magisch glänzt. Was ist hier geschehen, welche Wunder verbergen die Kulissen?
Daffy. Welche Wonne, welche Lust, zurück zu sein, in den magischen Hallen eines Theaters. Man schmeckt die Wunder, die sich hier zuzutragen vermögen, förmlich in der Luft.
Daisy. Welch’ imposanter Anblick. Mich dünkt, dies Haus mag dir wohl bekannt sein, liebe Freundin.
Daffy. Fürwahr, Teuerste. Ich besuchte es erst vergangenen Winter. Welch’ prächtiges Theater: die roten Samtsitze, das goldbestückte Proszenium, all die prächtigen Details. Ein Renaissance Theater der Extraklasse.
Daisy. Ein Haus mit Geschichte, wie ich zu sagen pflege.
Daffy. Absolument. Obgleich die Figuren in dem Stück, das ich sah, weniger weit in die Vergangenheit springen als wir es bei Mord hinter den Kulissen taten. Hier wurde nämlich keine dunkle Magie inszeniert, sondern eine von Shakespeare’s bekanntesten Tragödien: Romeo und Julia.
Daisy. Shakespeare im Herzen Londons zu geben, ist wohl das Prächtigste, das ich mir denken kann.
Daffy. Und dann auch noch in solch’ einem gewagten Regiekonzept. Wie mein Schauspiellehrer immer zu sagen pflegte-
[ein lautes Geräusch lässt die zwei herumfahren]
Daffy. Halt ein. Welch’ übler Halunke vermag es uns in diesen heiligen Hallen zu stören?
[zwei Mädchen in Straßenkleidung erscheinen. Hinter ihnen eine Frau mittleren Alters]
Daisy. Schauet und staunet, sind das nicht die ehrenwerte Daisy Wells und die famose Hazel Wong? Oh, wahrlich, sie sind es. Die berühmtesten Detektive von hier bis da. Wo diese beiden auftauchen, bleibt kein Puls ruhig…oder gar zu ruhig?

Zweiter Akt
Erzähler. Ihren Weg durch das Haus fortsetzend, nähern sich die beiden jungen Damen den Garderoben. Zuerst werfen sie jedoch einen Blick in des Portiers Heiligtum und staunen über all die Berühmtheiten, die sich schon in diesem Haus eingefunden haben, um Großes zu bewirken.
Daffy. Welch’ präzise Liste vom Portier geführt wird. Etwa hier: 11. Mai 1936. Alle Gäste des Hauses fein säuberlich notiert: Frances Crompton, Theresa Johnson, Inigo Leonies, Rose Tree-
Daisy. Sagest du DIE Rose Tree? Mir war, als sah ich sie letztens erst in einem anderen Stück. Eine wahrhaftig große Nummer. Sie wird die Julia spielen? Oh, du Freudentanz in meinem Innern. Und nein, Lysander Tollington als Romeo. Ich bin einer Ohnmacht nah. Er ist so stark, so mannhaft, so vollkommen.
Daffy. Und hier: Simon Carver. Ich hörte, er vermag Außergewöhnliches auf der Bühne zu bewirken. Und direkt darunter: Martita Torrera als Amme. Welch’ mutige Besetzungsentscheidung. Sie jung zu besetzen, meine ich; selbstverständlich nicht, eine diverse durchwachsene Cast zu haben.
Daisy. Alle gekleidet in Annie Joys hinreißende Robe. Oh, seht doch nur, dort flaniert die ehrenwerte Daisy Wells als wunderschöne Rosalinde und hinter ihr der wagemutige Page Schmorpfanne. Hazel? Hazel, bist du es? Wie großartig verkleidet ihr seid.
Daffy. Doch wir dürfen uns nicht hinreißen lassen, uns von der schönen Fassade blenden zu lassen. Die ganze Welt ist ein Theater und nirgends sind Intrigen so geläufig, wie an eben diesem. Wer vermag zu wissen, was sich hinter dem schönen Schein zu verbergen vermag?

Dritter Akt
Erzähler. Offene Puderdosen, ausgelassene Säume, verrutsche Haarnadeln in Perücken - der Zauber der darauf wartet, zum Leben erweckt zu werden. Doch halt, ein Geräusch? Schritte entfernen sich rasch, schnell hinterher. Nicht verlieren, aber auch nicht entdeckt werden, ist nun die Devise der jungen Damen. Wohin verschwindet der Schatten? In den Keller? Ein Brunnen? Oh, welch’ Tragik muss sich hier abgespielt haben.
Daffy. Wahrhaftig. Hier spielen sich Dramen nicht nur auf der Bühne, sondern im gesamten Theater ab. Oh nein, teurer Leser, nicht die Divendramen, die du aus modernen Darstellungen zu erwarten weißt. Hier handelt es sich um die wahren Abgründe des menschlichen Wesens.
Daisy. Und manch’ Abgrund ward dein letztes Ziel. Sehet da, dort schwimmt… oh weh, halt mich, dort tief im Brunnen, eine Leiche!
Daffy. Trügt der Schein oder kann es wirklich- fürwahr. Welch’ Schande, dass dieser glänzende Theaterstern Opfer eines solchen Verbrechens wurde. Doch wer vermag es zwischen Requisiten, Kostümen und Proben zu diesem Ort gelangt zu sein, um die Gräueltat verübt zu haben?
Daisy. Ohne Zweifel wird das Ermittlerinnen-Duo Wells & Wong die Spur aufnehmen. Fußspuren analysieren und das Fallbuch füllen. Jede und jeder ist verdächtig. Niemand kann ausgeschlossen werden. Die Angst geht um, ich spüre es in den Knochen.
Daffy. Wer verleugnete seinen Vater, seinen Namen und war bereit zum Äußersten zu gehen? Welch’ Wohltat zu wissen, dass die zwei tapferen Mädchen ebenfalls bereits sind, alles zu geben, um die Wahrheit an’s Licht zu bringen - möge sie auch noch so gräuelvoll sein. Mich dünkt nämlich, dass es sich hierbei um einen ausgesprochen kniffligen Fall handelt, für den es Ermittlungserfahrung braucht.

Vierter Akt
Erzähler. Romeo und Julia - ein dramatisches Liebespaar. Liebe und Leid. Wunder und Geheimnisse. Die Liebe, sie überwindet Grenzen. Grenzen, die wahrlich nicht geschlossen werden dürften und deren Freiheit hart erkämpft sei.
Daffy. Oh Liebe, du süße Pein, dir wird hier wahrlich eine Bühne gegeben. In so vielen deiner Formen.
Daisy. Wie unvorstellbar es für uns scheint, in der Öffentlichkeit nicht zeigen zu dürfen, dass wir lieben. Ist die Liebe nicht das wunderbarste Gefühl von allen? Gehört Liebe nicht zu uns allen? Doch es vermag Zeiten zu geben, in denen die Freiheit der Liebe beschränkt, gar verboten. Schande!
Daffy. Eine fürwahr gelungene Darstellung dieser bedrückenden Zeit. Und all dies’ im Rahmen einer Produktion, deren Protagonisten bereit sind, alles für besagte Liebe zu opfern. Welch’ perfides Sinnbild.
Daisy. Unser aller Anliegen darf wohlan sein, der Literaturgarten in allen Farben des Regenbogens zu bepflanzen, zu gießen und zu pflegen.
Daffy. Wie schon Shakespeare zu sagen pflegte: Dies über alles, sei dir selber treu.

Fünfter Akt
Erzähler. So schließen wir alsbald, doch nicht ohne Feuerwerk. Eine Freundschaft, wie sonst keine. Eine Leistung, die oft unerkannt. Eine Botschaft, die in die Welt getragen gehört.
Daffy. Und welch’ Leistung wir hier beobachten dürfen. Freundschaft, welch’ beide Dirnen über ihre Grenzen gehen lässt und ihnen indes erlaubt, jede für sich, aber auch gemeinsam zu wachsen.
Daisy. Der Individualität bester Freund sein und aus dieser Verschiedenheit Kraft ziehen. So vermögen diese Freundinnen zu erklimmen, gemeinsam die Bergspitze. Denn stellt Zeit die Frage: Trägt nicht jeder Part einer Zweisamkeit gleichermaßen zum Erblühen des Erfolgs bei?
Daffy. Fürwahr teure Freundin, wenn uns die Bühne eines gelehrt hat, dann dass der Erfolg einer Aufführung an jedem Einzelnen hängt und auch die Hauptdarsteller nur glänzen können, wenn alle anderen zusammenarbeiten. Eine Lehre, die die beiden Mädchen auch zusehends mehr lernen, so dünkt mich der Schein.
Daisy. Wohl gesprochen. Ein Zeichen für die Welt verbreitet sich von dieser Freundschaftserzählung. Weiden wir uns an dem Wachstum, dem Respekt und dem Zusammenhalt, denen diese beiden Mädchen mit jedem Tag aufs Neue nachgehen.

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Veröffentlicht am 29.06.2020

Ein kritischer Blick

Wildflower Summer – In deinen Armen
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Liebe Daffy,
heute erreicht dich ein Brief über einen von mir im Voraus lange erwarteten Liebesroman. Du weißt, wie gerne ich mich bei Kyss umschaue und durch diesen Verlag durfte ich Kelly Moran schon ...

Liebe Daffy,
heute erreicht dich ein Brief über einen von mir im Voraus lange erwarteten Liebesroman. Du weißt, wie gerne ich mich bei Kyss umschaue und durch diesen Verlag durfte ich Kelly Moran schon kennen lernen, weil ihre „Redwood Love“-Reihe umwerfend war. Dementsprechend neugierig war ich auf „Wildflower Summer“, welches diesen Mai auf dem deutschen Markt erschien und wieder von Vanessa Lamatsch übersetzt wurde. Das englischsprachige Original erschien 2017 unter dem Titel „Redemption“.

Inhalt
Wildflower Ranch. So heißt die Farm, die Olivia Cattenach erfolgreich führt. Nach dem Tod ihrer Eltern, steht sie vor einem erneuten Schicksalsschlag. Ihr jüngerer Bruder wurde beim Auslandseinsatz getötet und sein Kamerad aus Armeezeiten Nate Roldan steht eines Abends unvermittelt in ihrer Küche. Er hatte den Auftrag, einen Abschiedsbrief vom Bruder an Olivia zu überbringen. Doch das allein führt Nate nicht an diesen schönen Ort. Er hat versprochen, auf Olivia aufzupassen.

Erwartungshaltung
Ich habe es oben schon angesprochen, dass ich große Freude an Kelly Morans Büchern habe. Hat das meine Erwartungshaltung für dieses Buch beeinflusst? Auf jeden Fall. Die Autorin hat es in der oben genannten Reihe geschafft, diverse Figuren zu schaffen und körperliche und geistige Behinderungen in ihre Geschichten zu verflechten. „Redwood Love“ war keine stereotypische Liebesromanreihe, sondern eine Bereicherung in diesem Genre, wie ich finde.
Als ich erfahren habe, dass es nun um einen ehemaligen Soldaten gehen wird, der vom Auslandseinsatz zurückkehrt und unter PTBS leidet, war ich vollkommen beeindruckt von dieser Idee. Doch wie hat sich dieses Thema beim Lesen entfaltet und wie habe ich das Buch als Ganzes empfunden? Darauf möchte ich nun im Einzelnen eingehen, wodurch diese Rezension nicht spoilerfrei bleibt.

Schreibstil
Es handelt sich bei „Wildflower Summer“ um einen typisch aufgebauten Liebesroman. Wer sich eine Weile in diesem Genre aufhält, weiß darum, dass es sich um eine vorhersehbare Abfolge von Ereignissen handelt. Das ist in keinster Weise als Kritik gemeint, denn ich greife nicht umsonst regelmäßig zu diesem Genre, wenn ich eine ruhige Zeit mit einem Buch verbringen möchte. In der Regel lese ich Liebesromane in einem oder zwei Tagen durch. Das liegt an eben diesem genannten typischen Aufbau, der einem ein Gefühl von „nach Hause kommen“ gibt. Aber auch an dem flüssigen Schreibstil, der einen durch die Sätze fliegen lässt. In „Wildflower Summer“ finden sich viele Redewendungen wieder, die wir von Kelly Moran schon kennen, was ihre Geschichten unverwechselbar zu ihren macht.
Doch leider habe ich dieses Buch etwas anders empfunden, als ihre vorherigen Geschichten. Obwohl der Handlungsaufbau wieder wie gewohnt und auch Redewendungen wiederzuerkennen waren, fand ich dieses Buch als streckenweise langweilig, die Figuren nicht genügend ausgearbeitet und die erotischen Szenen durchaus vulgär beschrieben, was ich bei ihr bisher nicht so empfunden habe. Außerdem werden einige Beschreibungen überstrapaziert. Besonders störend war die ununterbrochene Wiederholung von Olivias „kornblumenblauen Augen“.

Zudem hatte ich das Gefühl, Kelly Moran hat bei ihrer Überarbeitung des Textes einiges gestrichen, was uns jedoch eine nützliche Information gewesen wäre. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Sätze fallen sollten wie: „Irgendwie war sie zurückgefallen in ihr Verhalten vor diesem ersten Abend auf der Veranda.“ (S. 85) Nate war erst abends auf der Ranch angekommen, Olivia trifft ihn, als sie von der Arbeit ins Haus kommt. Er nennt ihr seinen Namen und warum er gekommen sei, daraufhin braucht sie einen Moment für sich und tritt dann zu ihm nach draußen auf der Veranda. Da war also überhaupt kein Verhalten, in das sie zurückfallen konnte, es sei denn, er meint Verwirrung und Schock, weil ein Fremder im Haus ist.
Genauso kurios empfand ich die Szene, in der Nate anbietet, Olivia eine Tasse Tee zu machen. Er geht jedoch nicht nach unten in die Küche, die er kennt, sondern nach oben, wo sie lebt, woraufhin der Satz „[D]ann brummte er überrascht: 'Du hast hier eine richtige kleine Wohnung.'“ (S.118) kommt. Wie wollte er denn Tee kochen? Ist es in den USA üblich, einen Wasserkocher im Schlafzimmer zu haben? Denn er wusste ja nicht, dass es mehr als ein Schlafzimmer ist. Diese etwas unlogischen Momente haben meinen Lesefluss immer wieder unterbrochen.

PTBS
Hier muss ich festhalten, dass ich keinerlei psychologische Ausbildung habe, genauso wie ich kein detailliertes Wissen über PTBS zur Grundlage vorweisen kann. Umso wichtiger finde ich Bücher, die die Leichtigkeit eines Liebesromans mit einem ernsten Thema verknüpfen. Kelly Moran hat veröffentlicht, dass ihr Lebenspartner selbst an PTBS leidet, wodurch sie selbstverständlich einen persönlichen Bezug in diese Geschichte einbringen konnte. Ein Satz, der mir besonders ins Auge gesprungen und ans Herz gegangen ist, war „Die typischen Schuldgefühle der Überlebenden.“ (S.320). Ich kann mir gar nicht vorstellen wie sich der Beruf für SoldatInnen anfühlt und welche Emotionen sie in ihr (hoffentlich sicheres) Zuhause mitbringen.
Aus diesem Grund bitte ich darum, meine folgenden Kritikpunkte nicht zu verurteilen, sondern mir Hilfestellung zu geben, wenn ich etwas falsch verstanden und interpretiert habe.
Nate erzählt Olivia von einer Bewältigungsstrategie, bei der schlechte Erinnerungen mit positiven Erfahrungen überlagert werden müssen. Er wendet diese Taktik bei ihr an und es scheint zu funktionieren. Im Umkehrschluss möchte Olivia auch ihm helfen. Seine Kindheit war eine schreckliche Zeit und seine Jugend hat er in einer fragwürdigen Gang verbracht. Diese Jugenderinnerungen will Olivia mit neuen, positiven Erfahrungen überlagern. Auf Seite 227 wird suggeriert, das wäre auch gelungen und Nate würde beim Gedanken an diese Zeit nur noch an Olivias Küsse denken. Ich habe mich an dieser Stelle gefragt, ob das Buch nicht doch etwas stark romantisiert. Könnten PTBS und andere mentale Erkrankungen so leicht geheilt werden, würde niemand darunter leiden?
Zusätzlich dazu empfand ich es als eine fragwürdige Handlung Olivias, dass sie auf Seite 343 auf Nate zugeht und wie von Sinnen mit den Fäusten auf seinen Oberkörper trommelt. Es hatte ein großes Missverständnis und Sorgen um ihn ihrerseits gegeben. Doch ist es jemals korrekt auf jemanden einzuprügeln? Wenn man gerade zeigt, wie sehr man jemanden liebt und welche Sorgen man sich gemach hat? Nachdem eine Freundin von beiden auf der Ranch Zuflucht finden musste, weil sie von ihrem Ehemann verprügelt wurde? Wenn man auf jemanden mit den Fäusten losgeht, der an PTBS leidet? Es sind viele Fragen, die ich mir in dieser Szene gestellt habe und die mich hier etwas ratlos zurück gelassen haben.

Figuren
Damit komme ich zu den Figuren. Einem Knackpunkt an diesem Buch, da mir beide Hauptfiguren fremd geblieben sind und ich sie als nicht tiefgründig ausgearbeitet empfunden habe. Das möchte ich an einigen Beispielen verdeutlichen.

Nate:
Es wird schon deutlich geworden sein, dass ich auf Nate und seine Geschichte sehr gespannt war. Ich hatte mir erhofft, einen Einblick in sein berufliches Leben zu bekommen, von dem ich bisher noch nicht viel gelesen habe. Weder darüber, noch die Belastungsstörung, die leider viele SoldatInnen nach ihren Einsätzen in ihr Privatleben mitbringen müssen.
Zusätzlich dazu wurde seine Kindheit beleuchtet, welche schrecklich gewesen sein muss. Aus der Summe all dieser Erfahrungen hat sich ein emotional instabiler Mann entwickelt, der sich nicht traut Gefühle wie Liebe und Zuneigung zuzulassen. Eine Ausnahme bildete in seinem bisherigen Leben Olivias Bruder, den er als Freund bezeichnet. Aus diesem Grund ist es nachvollziehbar, dass er dessen letzten Willen in die Tat umsetzt und auf der Wildflower Ranch auftaucht. Bis hier hin finde ich die Figur und ihren Hintergrund absolut stimmig.
Der Wunsch des Bruders war, auf Olivia aufzupassen. Gesagt, getan. Nate taucht auf der Ranch auf und ist einer vollkommen fremden Frau gegenüber direkt in einer Alphatier-Stimmung, die sich mir nicht erschlossen hat. Er kennt die anderen Mitarbeiter nicht und schirmt Olivia vor allen ab. Es sind doch aber ihre Kollegen, die sie seit Jahren kennt, sie ist sogar deren Vorgesetzte. Wieso muss man sich da wie der Bodyguard der Königin zwischen stellen?
Hinzukommt ein etwas eigenartiger Schreibstil, die Handlung in spannende Szenen zu leiten. Olivia schwebt regelmäßig aus heiterem Himmel in Gefahr. Lebte sie schon immer so gefährlich? Dann sollte sie mittlerweile gelernt haben, sich nicht mehr in derartige Gefahr zu begeben. Oder brechen die Un- und Überfälle über sie herein, seit Nate aufgetaucht ist, weil das Schicksal beschlossen hat, sie hätte nun einen Beschützer? Das war nicht stimmig und leider auch nicht spannend zu lesen, da die Situationen immer dann eintraten, wenn Nate sich schon Sorgen um sie gemacht hat, es gab bis dahin allerdings keinen Anlass zur Sorge (S.92).
Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, da sich Nate das Gefühl der Liebe verbietet, aber ich möchte es für das nächste Thema trotzdem als Liebe auf den ersten Blick beschreiben. Diese lebt er nämlich nicht nur in Form eines ausgeprägten Beschützerinstinkts aus, sondern auch in Form von Eifersucht. Die beiden waren schon zusammen im Bett, wobei Nate ihr von seinen vorherigen sexuellen Erfahrungen und Praktiken erzählt hat. Bei einem Zusammentreffen mit Freunden geht es um Olivias Erfahrungen in der Schulzeit. Nate reagiert auf jede Andeutung mit Anspannung und wenn er erfährt, dass nichts zwischen ihr und anderen Mitschülern gelaufen ist, atmet er tief durch. (S.284f.) Er darf also eine Vergangenheit haben, der Gedanke, dass Olivia aber eventuell schon ein Leben vor ihm gehabt haben könnte, ist ihm nicht recht? Wäre er in einer anderen Ausgangslage, würde ich diesen Punkt nicht ansprechen, doch er darf ihr ja auch während des Geschlechtsverkehrs von seinem bisherigen Sexleben berichten. Das ist keine gleichwertige Beziehung. Besonders wenn man bedenkt, dass er vollkommen ausflippt, als es um ihn geht und er mit „Ich bin keine verdammte Jungfrau, und ich bin bin verdammt gut im Bett.“ (S. 113) reagiert. Seine Reaktionen implizieren aber, dass er es von ihr erwartet hätte.
Das führt mich zu einem anderen Punkt in der Geschichte. Nate hatte Olivia zu Beginn nicht alles über den Tod ihres Bruders erzählt und es quält ihn seitdem. Es war ersichtlich, dass dieses Geheimnis den großen Konflikt, der in jedem Liebesroman im letzten Drittel auftritt, darstellen würde. So war es auch hier, doch die Art und Weise hat mir nicht gefallen. Nate wird immer bewusster, dass er Olivia die ganze Geschichte erzählen muss. Er merkt, dass sie in ihn verliebt ist und bereit ist, ihm das auch zu sagen. Das möchte er um jeden Preis verhindern, da er weiß, nach Lüftung des Geheimnisses könnte ihre Beziehung beendet sein. Er ringt mit sich, da er merkt, er liebt sie auch und sie sei das Wichtigste in seinem Leben. Ist dem wirklich so? Wie wichtig kann sie ihm sein, wenn er meint, sie zu belügen sei einfacher? Er beschließt, bevor und während sie miteinander schlafen, ihr am nächsten Tag die Wahrheit zu sagen und dann zu gehen. (S.298f.)
Es tut mir leid, aber ich sehe hier nicht die große Liebe, sondern eine körperliche Beziehung. Es mag sein, dass es ihm schwer fällt, über die Vergangenheit zu sprechen, dass er es sich nicht leicht damit macht, Liebe zu empfinden. Doch er hat es sich selbst schon eingestanden, dann hätte er auch mit ihr sprechen können und danach mit ihr schlafen, wenn sie dazu noch bereit ist. Sie vertraut ihm in diesem Moment sehr viel an und er nutzt es wissentlich aus, um nochmal Vergnügen zu haben?

Olivia:
Kommen wir zu unserer weiblichen Hauptfigur Olivia. Mir gefällt, dass Kelly Moran hier (bewusst oder unbewusst) eine Romanfassung der Figur der Claire aus der Fernsehserie „McLeod's Töchter“ geschaffen hat. Eine hart arbeitende junge Frau, die zusammen mit ihren Rancharbeitern Arbeit, Natur und Freundschaft zu schätzen weiß. Ihre Unbeholfenheit, was das Flirten angeht, fand ich absolut charmant und es hat mich sehr an Claire erinnert.
Leider veränderte sich dieses Bild, als Nate auf der Bildfläche auftauchte und ich wusste nicht mehr, wofür die Figur wirklich steht. Von einer Minute auf die andere verwandelt sie sich von einer ungeschickt flirtenden Frau in eine sinnliche Verführerin, die andauernd Körperkontakt sucht. Von einer Ranchbetreiberin, die auf ebendieser Farm geboren und aufgewachsen ist, zu einer Frau, die nicht einmal weiß, wie sich ein Pferd anfühlt. (S.109)
Letzteres hat mich als Reiterin oftmals innehalten lassen beim Lesen. Das Thema Pferd steht nicht im Zentrum der Geschichte und doch versucht Kelly Moran mit Details zu zeigen, dass die Arbeit mit Pferden eine Rolle spielen soll. Leider empfinde ich dies als missglückt. So wählt Olivia für den großen und schweren Nate bei seinem allerersten Ausritt einen dreijährigen Hengst aus. Es ist nicht die beste Wahl, ein noch nicht ausbalanciertes und gerade erst eingerittenes Tier für einen Anfänger zur Verfügung zu stellen. Außerdem zeigt Olivia wenig Pferdekenntnis und müsste als Halterin wissen, dass Geschlecht und Größe eines Pferdes sich nicht bedingen: „Für ein Vollblut war Firestorm ein ziemliches Riesenbaby. Andererseits … Er war männlich. Was konnte man da schon erwarten.“ (S. 159)
Es war mir leider alles zu sehr auf Äußerlichkeiten aufgebaut. So konfrontiert Olivia Nate zum Beispiel oben auf Seite 112 mit „In der einen Minute benimmst du dich, als würde meine Nähe dir Schmerzen bereiten, und in der nächsten berührst du mich, als wolltest du der richtige Mann sein.“
Auf der gleichen Seite unten lesen wir jedoch: „Sie ging im Kopf die wenigen Gespräche durch, die sie geführt hatten.“ Den Charakter des „richtigen“ Mannes lernt man also nicht kennen, indem man Gespräche führt, er ist es nur in seinem Aussehen und körperlichen Handlungen?
Ich habe ja schon bei meinem Text über Nate angesprochen, dass er einen großen Beschützerinstinkt Olivia gegenüber hat. Es kommt auf der Hälfte des Buches auch zu einem Unfall Olivias. Nate hatte den schon vorhergesehen und war schon lange nervös. Als er sie endlich findet, liegt sie bewusstlos in einem Fluss, sie erzählt nach dem Aufwachen, sie hatte sich nur die Hände waschen wollen und sagt dann zu ihm: „Ich … hab's dir doch gesagt. Ich hatte … recht. Du bist ein … Held.“ (S. 186) Habe ich überlesen, warum sie sich den Kopf aufgeschlagen hat? Beim Hände waschen holt man sich nicht so leicht eine Gehirnerschütterung. Hat sie es also geplant und wollte gerettet werden? Ich kann dieser Figur leider keine Glaubwürdigkeit abgewinnen, da sie sich seit Nate aufgetaucht ist, nicht so verhält, wie ich es mir von einer emanzipierten Frauenfigur erhoffe.

Wie hätte diese Geschichte anders aufgebaut werden können?
Ich habe nun einige Kritikpunkte geäußert, um zu beleuchten, warum diese Geschichte und ich nicht zusammen gefunden haben. Mein Hauptproblem wird die sehr hohe Erwartungshaltung gewesen sein, die ich an Kelly Moran hatte. Die Grundidee zu dieser Geschichte ist nach wie vor grandios. Auch das Setting einer Ranch in den Bergen gefällt mir und ich hatte direkt Assoziationen zu Fernsehserien, die ein ähnliches Setting hatten, wodurch ich mich gleich heimelig gefühlt habe.
Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich die Liebesgeschichte besser hätte nachvollziehen lassen. Abgesehen von der etwas eigenartigen Einstellung der beiden Figuren, sehr auf Äußerlich- und Körperlichkeiten bedacht zu sein.
Es hätte die Liebe der beiden nachvollziehbarer gemacht, hätte Olivias Bruder seinen Kollegen Nate schon bei Heimatbesuchen mit auf die Ranch gebracht und Olivia und Nate hätten sich so schon kennen gelernt. Es wäre glaubwürdiger gewesen, warum der Bruder Nate auf die Ranch schickt, da dieser dort ja schon ein Zuhause gefunden hätte. Die gemeinsame Trauer um den Bruder wäre auf einer anderen Ebene gewesen und es wären nicht zwei Fremde aufeinander getroffen. Warum sie sich so gut wie unmittelbar verfallen sind, war für mich nicht nachvollziehbar und hätte es mit dieser anderen Handlung aber sein können.
Die Geschichte wurde nicht so aufgebaut, doch ich wollte meinen Vorschlag trotzdem zu Papier bringen. Um nicht nur zu kritisieren, sondern zu zeigen, was es für mich zu einer runderen Geschichte gemacht hätte. Außerdem möchte ich keinesfalls sagen, dass dieses Buch nicht sein Publikum finden wird. Für mich blieb die Geschichte fremd und ich werde im zweiten Band nicht auf die Wildflower Ranch zurück kehren. Doch ganz sicher gibt es LeserInnen, für die Nates und Olivias Geschichte genau zur richtigen Zeit kommt.

Zum Cover bleibt mir zu sagen, dass ich hellauf begeistert von meiner Ausgabe bin. Kyss hat jedes Mal so wunderschöne, hochwertige Bücher, dass ich mich nicht statt sehen kann. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine nachhaltige Produktion handelt, bei der die Klimaneutralität in den Fokus rückt. Das finde ich mehr als unterstützenswert.
Ein kleiner Hinweis an den Verlag wäre, dass sich in diesem Buch einige Druckfehler verstecken. Ich möchte ganz sicher keine Liste anfertigen, nur beispielhaft „ihre Magen“, statt „ihr Magen“ auf Seite 222 und „ihn ihr“ statt „in ihr“ auf Seite 266 nennen. Ansonsten bin ich mit der Qualität des Buches vollkommen zufrieden und werde mich weiter im Kyss-Sortiment umsehen.

Deine Daisy

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.06.2020

Kniffliger Fall für die beliebteste Detektei

Tödliches Spiel in Hongkong
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Liebe Daisy,
Liebe Daffy,
ihr Weitgereisten, seid also wieder zurück? Wohin ging es denn diesmal für euch?
Daisy: Dieses Mal stand uns wohl das größte Abenteuer bevor. Zusammen mit Hazel sind wir in ihre ...

Liebe Daisy,
Liebe Daffy,
ihr Weitgereisten, seid also wieder zurück? Wohin ging es denn diesmal für euch?
Daisy: Dieses Mal stand uns wohl das größte Abenteuer bevor. Zusammen mit Hazel sind wir in ihre Heimat Hongkong gereist. Doch, was sage ich da? Mit Hazel und Daisy selbstverständlich. Mittlerweile habe ich mich so sehr mit ihr identifiziert, dass es mir wie von selbst über die Lippen kam, Hazel gefolgt zu sein. Allerdings ist hier auch wieder eine Menge Wahrheit dran. Daisy Wells, Daffy und meine Wenigkeit haben alle eine Welt betreten, die uns gänzlich fremd war. Das war auf jeder einzelnen Buchseite absolut hervorragend herausgearbeitet und hat ein ganz besonderes Lesegefühl hinterlassen.
Daffy: Dem kann ich mich nur anschließen. Wir wussten ja seit Band 1, dass Hazel in Hongkong groß geworden ist und haben auch ab und an Einblicke in ihre Kindheit dort bekommen. Aber diese für uns als Mitteleuropäerinnen fremde Stadt an ihrer Seite zu erleben, war noch einmal etwas ganz Anderes und hat dem Buch einen ganz eigenen Charme verliehen.

Eine Reise nach Asien also. Ich nehme an, dass auch dieser sechste Band der Reihe von Robin Stevens in den 1930er Jahren gespielt hat. Wie hat sich das denn bemerkbar gemacht?
Daisy: Das ist vollkommen korrekt. Wegen einer familiären Angelegenheit wird Hazel von ihrem Vater nach Hongkong zurückgerufen. Wir gehen Mitte Januar 1936 mit ihr und Daisy an Bord und überqueren die Weltmeere, um in dieser aufblühenden Stadt zu landen. Ich möchte nichts aus dem Nachwort der Autorin vorweggreifen, doch hier beschreibt Robin Stevens ganz ausgezeichnet, wie sie sich diesem Thema selbst genähert hat. Absolut lesenswert! Ich habe gelernt, dass das Hongkong der 1930er Jahre so gar nicht mehr ganz nachvollziehbar zu erleben ist, wenn man heutzutage eine Reise dorthin unternimmt. Dementsprechend konnte ich beim Lesen keinerlei Wissen von neuzeitlichen Reiseberichten zum Tragen kommen lassen. Wie kann ich also bewerten, ob es sich um eine gute Darstellung handelt? Ehrlich gesagt: Ich kann es nicht. Doch ich möchte es! Robin Stevens hat das große Talent, ihre Geschichten greif- und erlebbar zu machen. Sie weiß mit Worten umzugehen, baut Details liebevoll ein und erschafft so eine Welt, die sich real und richtig anfühlt. Wie sie das 30er Jahre Honkong beschreibt, möchte ich es wahrnehmen.
Daffy: Wie Daisy schon schreibt, sind es die kleinen Details, mit denen Robin Stevens das Hongkong der 1930er Jahre lebendig werden lässt. Etwa, dass die Schifffahrt von England nach Hongkong mehrere Wochen in Anspruch nimmt. Etwas, das in Zeiten des Flugverkehres undenkbar ist. Solche Details stärken das Gefühl, beim Lesen tatsächlich in die Vergangenheit zu reisen.

Das klingt nach einer äußerst authentischen Darstellung. Aber jetzt erzählt doch mal, wie es euch ergangen ist. Ich habe gehört, es gab wieder ein Verbrechen aufzuklären?
Daisy: Wohl wahr! Was wäre ein Abenteuer von Hazel und Daisy ohne ein Verbrechen? Die beiden scheinen Mordfälle anzuziehen wie das Licht die Motten. Dieser Fall war besonders schrecklich. Doch nicht, dass jetzt der Gedanke kommt, der Fall sei schlecht ausgearbeitet gewesen oder langweilig. Nein! Er ging mir schrecklich nahe. Die emotionale Ausgangslage zu Beginn des Buches ging mir schon ans Herz, da Hazel einen geliebten Menschen verloren hat. Doch sie wird hart auf die Probe gestellt, als sie in Hongkong ankommt: Ihr kleiner Bruder wird entführt.
Mehr kann ich gar nicht sagen, ohne der Geschichte zu viel vorweg zu nehmen. Der Titel “Tödliches Spiel” verrät schon, dass es auch dieses Mal einen Mord geben wird und dass dieser Fall an Hazels Substanz geht, hat mich tief getroffen. Doch sie und Daisy wären nicht die über Englands Grenzen hinaus berühmte Detektei Wells&Wong, wenn sie nicht ihre Spürnasen zum Einsatz bringen würden.
Daffy: Wie Daisy schon sagt, handelte es sich um einen höchst emotionalen Fall. Und knifflig war er noch dazu. Es gab viele kleine Hinweise, die über das Buch hinweg verstreut waren und einen immerzu neue Personen verdächtigen haben lassen - niemand war vor Anschuldigungen sicher. Weder im Rahmen des Romans noch in unserer Leserunde.

Solche gemeinen Verbrecher! Aber ich nehme an, die Detektei Wells und Wong hat sich nicht lang bitten lassen und sich sofort in’s Abenteuer gestürzt. Ihr hattet ja schon angemerkt, dass es in früheren Bänden spannende Entwicklungen von Hazel und Daisy gab. Wie ging es euch mit dem Zusammenspiel der beiden Mädchen in diesem Buch?
Daisy: Das ist eine hoch interessante Frage. Tatsächlich gibt es in diesem Buch noch weitere Entwicklungen der beiden. Sie sind die allerbesten Freundinnen, das ist ganz klar. Doch etwas liegt in der Luft - und es ist nicht der für Daisy ungewohnte Geruch. Wir lernten Hazel als den größten Daisy-Fan kennen. Von Buch eins an hat sie sie auf ein Podest gestellt und fast wie eine Göttin verehrt. Mit den Fällen werden beide Mädchen älter und reifer. Doch manchmal auch pubertärer. Der Streit um einen Jungen in einem vorherigen Band hat das schon zu Tage getragen. Jetzt lernen wir Hazel in ihrer Heimat kennen; dort wo sie nicht die Außenseiterin ist. Sie spricht die Sprache, sie ist in der Kultur aufgewachsen, es ist ihre Familie, bei der sie wohnen.
Während sie nach Hause kommt, betritt Daisy ein Land, das ihr vollkommen fremd ist. Wir kennen Daisy und ihre aufbrausende, vorlaute Art - und hier lernen wir eine ganz neue Seite an ihr kennen. Sie ist oftmals überfordert, unsicher, in der Rolle der Beobachterin.
Nun stellt sich die Frage, ob Hazel sie integriert oder ihr das Eintauchen erschwert. Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, Hazel genieße es, etwas zu können und kennen, das Daisy fremd ist. Es findet keine Integration von Hazels Seite statt, sondern ein unausgesprochener Machtkampf. Das war sehr spannend zu beobachten und hat den Figuren wieder einmal Dimensionen gegeben, die sie nur umso menschlicher erscheinen lassen.
Daffy: Ich fand es auch sehr spannend zu beobachten, wie die beiden damit umgegangen sind, dass die Machtverhältnisse erstmals umgedreht worden sind. Etwas, das für beide spürbar ungewohnt war. Wie Daisy schon sagt: Sie bleiben dabei sehr menschlich imperfekt, lernen aber beide durch die Erfahrung dazu. Und selbst wenn manche Situationen schwierig sind, gibt es genug Momente, in denen man merkt, dass die beiden trotz allem ein Team sind und es auch bleiben werden.

Bei früheren Interviews habt ihr angemerkt, dass es der Autorin Robin Stevens gelingt, gesellschaftlich relevante Bezüge zu der Zeit einzubauen. Wie war das hier? Und inwiefern wurde die Kultur Hongkongs dargestellt?
Daisy: Ich hatte schon erwähnt, dass es sich für mich auf jeder Seite mehr und mehr entfalten konnte und ich mich von Hongkong umgeben gefühlt habe. Robin Stevens nutzt herausragend das Prinzip des “Show don’t Tell”. Wenn Daisy und Hazel in Hongkong anlegen, habe ich das Gefühl gehabt, zu riechen, was beide riechen, obwohl ich selbst noch gar nicht dort war. Der Regen, die Temperaturen, die Tiger, die durch die Stadt stromern könnten…all das hat eine Nebenrolle gespielt und doch war es so präsent, dass es das Setting ins Detail bereichert hat. Hazel geht sehr viel darauf ein, wie schwer es für Daisy nachzuvollziehen sei, dass Hazels Familienverhältnisse so gänzlich anders sind, als wir es aus Europa (hier spielt es keine Rolle, ob 1930er oder gegenwärtig in Europa) kennen. Das Wort Patchworkfamilie wird dem doch nicht gerecht, auch wenn es erstmal ähnlich wirkt. Nicht, dass wir nicht noch immer in einer patriarchalen Welt leben würden - leider! Allerdings erlebt Hazel doch noch gänzlich andere Verhältnisse, als ich mir heute in meinem familiären Umfeld vorstellen könnte.
Mein größtes Problem lag definitiv darin, mir die Namen zu merken. Robin Stevens hat in jedem Buch eine vorangestellte Personenliste und die habe ich bei dieser Geschichte oft konsultiert. Da habe ich definitiv Nachholbedarf meinen kulturellen Horizont zu erweitern und zu schärfen.
Daffy: Daisy’s Ausführungen zu den Namen kann ich nur voll und ganz zustimmen. (lacht) - es sind so ungewohnte Lautfolgen, dass es ungewohnt lange dauerte, bis ich sie mir alle eingeprägt hatte. Besonders gefallen haben mir jedenfalls auch dieses Mal wieder die Karten zu Beginn des Buches. Bereits beim ersten Blick darauf wurde klar, dass die Architektur in Hongkong ganz anders ist als die aus dem europäischen Raum, die in früheren Bänden dargestellt worden ist. Wie Daisy schon sagt, wurde die Kultur in diesem und in ganz, ganz vielen anderen Instanzen sehr harmonisch in die Narration integriert, so dass ich beim Lesen nie das Gefühl des Winks mit dem Zaunpfahl hatte. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass uns Robin Stevens die Welt von Hongkong der 1930er Jahre respektvoll näherbringt.

Wisst ihr denn schon, wohin es euch als nächstes verschlagen wird?
Daisy: Das wird wieder ein aufregendes Abenteuer, das spüre ich ganz genau. Ich habe aufgehört, die Klappentexte der Bücher zu lesen und lasse mich ganz unvoreingenommen in den nächsten Hazel und Daisy Fall fallen. Doch es wird ein Ausflug auf die Bretter, die die Welt bedeuten und ich könnte mich nicht mehr freuen. Los geht’s, Daffy!
Daffy: Auch ich habe bisher nur einen Blick auf das Cover geworfen, aber ich spüre schon jetzt: es ist was faul im Staate Großbritannien - und ich kann es gar nicht erwarten, gemeinsam mit Daisy herauszufinden, was es ist.

Na dann sehen wir uns ja bestimmt bald wieder. Bis dahin frohes Ermitteln ihr beiden!

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  • Handlung
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