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Veröffentlicht am 24.12.2020

Nicht ganz fundiertes Zeitreisebuch

Lea und das Labyrinth der Zeit
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Liebe Daisy,

hier kommt meine Rezension zu Michael Englers Lea und das Labyrinth der Zeit, das diese Woche bei Boje erschienen ist. Ich durfte es im Rahmen einer Leserunde von Lesejury.de schon vorab ...

Liebe Daisy,

hier kommt meine Rezension zu Michael Englers Lea und das Labyrinth der Zeit, das diese Woche bei Boje erschienen ist. Ich durfte es im Rahmen einer Leserunde von Lesejury.de schon vorab lesen und freue mich, meine Leseeindrücke mit dir zu teilen.

Inhalt
Die Geschichte folgt Lea, die gerade Schulferien hat. Doch entgegen ihrer Erwartungen und Hoffnungen, kann sie diese nicht mit ihrer besten Freundin zuhause verbringen und an der Eröffnung des neuen Jugendclubs teilnehmen. Nein, sie muss zu ihrer Tante und ihrem Onkel in ein klitzekleines Dorf aufs Land fahren. Auf diese ländliche Einöde hat sie so gar keine Lust. Doch dann reiht sich ein merkwürdiges Ereignis an das nächste. Was steckt hinter den scheinbar simplen Landeiern und welche Schatten verbergen sich im Wald, der das Dorf umgibt?

Falls du mit dem Buch bekannt bist, wird dir auffallen, dass sich meine Inhaltsangabe stark vom Klappentext unterscheidet. Das ist Absicht. Ich finde leider, dass dieser sehr viel vorwegnimmt, was erst nach weiten Teilen des Buches passiert. Liest man ihn, nimmt man dem Buch etwas von seinem Zauber, was ich sehr schade finde.

Schreibstil
Die Geschichte eröffnet mit einem Prolog, der sich sprachlich stark vom Rest abhebt (S. 15) und einen mystischen Märchencharakter hat. Anschließend gehen wir direkt in eine Erzählung in der dritten Person über, die unserer Protagonistin Lea folgt. Apropos Lea: Ich muss zugeben, dass ich bis zum Schluss kein klares Bild von ihr im Kopf hatte. Sie wird einfach nicht beschrieben. Auch dass das Buch in Deutschland spielt, wurde erst nach einiger Zeit und auch da nur indirekt erwähnt (S. 52).
Was dafür um so atmosphärischer beschrieben war, waren Eindrücke der Landschaft. Ich hatte direkt das Gefühl, selbst dort zu sein (z.B.: S. 28). Auch Leas Gefühle, z.B.: ihre Angst auf Seite 33, waren toll beschrieben und greifbar, so dass sie mich beim Lesen direkt mitgerissen haben. Besonders schön war auch die Sequenz zu Träumen (S. 156).
Nicht ganz so gut gefallen haben mir dafür die Dialoge (z.B.: S. 116). Diese fühlten sich oft unnatürlich an und die einzelnen Repliken bezogen sich nicht wirklich aufeinander, so dass ich beim Lesen ins Stocken kam und die Sequenzen mehrfach lesen musste, um den Bogen zu verstehen (z.B.: S. 52–54). Ich glaube, der Autor ist sich bewusst, dass indirekte Erzählungen eher seine Stärke sind: An mehreren Stellen wurde auf die direkte Rede verzichtet und Lea hat stattdessen im Nachhinein von den Gesprächen berichtet (z.B.: S. 42, S. 43, S. 65). Wenn die Dialoge doch ausgeschrieben wurden, zog es sich leider durch das ganze Buch, dass die Gedankensprünge zu groß waren (z.B.: 223).

Sprachlich mochte ich das Buch ganz gerne, mir sind bloß einige Kleinigkeiten aufgefallen. Leas Sprache klingt teilweise etwas hochgestochen, z.B.: „Das führt zu weit“ (S. 263) ist etwas umständlich. An einer Stelle (S. 104) häuften sich Variationen des Wortes „Ekel“. Ich verstehe, dass dieses Gefühl betont werden sollte, aber vielleicht hätte sich da das eine oder andere Synonym finden lassen. Ansonsten findet sich bloß versehentlich eine Präsensform („So entstehen Verschwörungstheorien“) auf S. 122, es fehlt ein Konjunktiv auf S. 157 („die Sonne aufgeht“), ein falsches Demonstrativpronomen hat sich eingeschlichen („Dies Jahr haben wir schon Probleme genug.“ (S. 164)) und der der Beginn von Kapitel 17 (S. 222) fällt etwas aus dem Rest der Erzählung, weil er von einem extrinsischen Erzähler zu stammen scheint. Manchmal war ich etwas verwirrt, zum Beispiel, wenn Lea über „halb nackte goldene Jungen“ (S. 40) nachdenkt – keine der Figuren ist gold. Oder meint sie hier gebräunt? Oder aber bei Gedanken wie: „Es klang nicht mehr bedrohlich. Es klang wie eine Warnung“ (S. 123). Ein Satz, bei dem ich mich gefragt habe, ob der Sinn von Warnungen nicht darin liegt, bedrohlich zu sein. Oder wie Leas Stimme zu zittern beginnen kann, wenn sie gar nicht spricht (S. 187). Schön fand ich dafür die Meta-Ebene, wenn Lea etwa die Tatsache, dass der Fremde genau zur richtigen Zeit – wie im Film– aufgetaucht ist, hinterfragt (S. 56).

Wertevermittlung
Ich möchte an dieser Stelle positiv hervorheben, dass der Klimawandel und dessen verschiedene Auswirkungen mehrfach (u.a. S. 23) erwähnt wird. Keine Sorge, es ist immer gut in die Erzählung eingeflochten und kein Wink mit dem Zaunpfahl. Es hat mir auch gefallen, dass LeugnerInnen aufgegriffen und durch wissenschaftliche Information dazu gebracht wurden, diese Haltung zu hinterfragen (S. 64/S. 70). Ich hatte große Freude daran, eine Protagonistin zu haben, die sensibel ist, was diese Problematik angeht und die auch die Gesellschaft infrage stellt: „Aber wer informiert sich hier schon?“ (S. 28). Zudem finde ich es gelungen, dass sozialkritische Thematiken immer wieder Einzug in die Erzählung fanden, z.B.: „Containern“ (S. 259).

Das Labyrinth der Zeit
Klasse fand ich zudem, wie in diesem Buch immer wieder wissenschaftliche Theorien eingebaut wurden. Die haben Lea in meinem Kopf zwar älter gemacht als die 14 Jahre, die sie sein hätte sollen, haben der Geschichte aber auch eine spannende Facette hinzugefügt (z.B.: S. 91). Insbesondere das Doppelspaltexperiment findet hier Beachtung: „David Deutsch, das ist ein berühmter Physiker, hat mal Photonen, also Lichtteilchen, durch zwei schmale Spalte geschickt.“ (S. 134). Es gefällt mir ausgezeichnet, wie dieses Experiment aufgegriffen wird, um die übernatürlichen Elemente in der Erzählung zu versuchen zu erklären; wobei ich anmerken möchte, dass Photonen eben keine Lichtteilchen sind. Das Experiment hat ja genau gezeigt, dass Licht Welle und Teilchen gleichzeitig ist. Aber das nur am Rande.
Bezüglich Mittel zur Zeitreise war ich zugegeben etwas verwirrt. Mal abgesehen davon, dass sich die Zeitreisen in dieser Erzählung eher nach Doctor Who anfühlten (worauf sogar angespielt wird (S. 192)), habe ich die Art, auf die Moritz reist, nicht verstanden. Wenn er sich jedes Mal ein Labyrinth bauen muss, wie war er denn dann „auf Eisplaneten, wo es so kalt war, dass dir das Blut innerhalb einer Sekunde erfrieren würde“ (S. 190)?

Lea
Ich mag Leas kecke Art und ihren Humor (z.B.: S: 19). Manchmal kippt er leider in Beleidigungen, zum Beispiel, wenn sie die Landbevölkerung als „mental ausbaufähig“ (S. 19) beschreibt. Wobei es die Vielzahl an Vorurteilen, die sie hat (z.B.: „Das ganze Leben besteht hier aus dummen Sprichwörtern und blöden Bauernregeln“ (S. 28)) womöglich braucht, um ihr zu erlauben, diese im Lauf der Geeschichte zu überkommen. Ihre Einstellung zu den DorfbewohnerInnen wird nämlich definitiv zunehmend weniger vorurteilsbelastet; etwa, wenn sie deren Verschwiegenheit ihr gegenüber reflektiert (S. 64) oder deren Einstellung zu Tieren (S. 65).
Ganz allgemein fand ich Lea authentisch geschrieben. Etwa ihre Sorge über das Funkloch (S. 20) oder dass sie darüber nachdenkt, ihre Erlebnisse als Video zu posten (S. 50). Dazu passend, fand ich ihre Suche nach ihrem ganz persönlichen HeldInnen Epos auch sehr amüsant (z.B.: S. 84), bzw. ihre Ambitionen als berühmte Wissenschaftlerin gefeiert zu werden (z.B.: S. 138). Auch wenn es mir dabei die Nackenhaare aufgestellt hat, fand ich den Anglizismus „Superprank“ (S. 144) ebenfalls sehr passend für einen modernen Teenager.
Sympathisch war Lea besonders am Anfang der Erzählung. Für mich konnte sie unter anderem damit punkten, dass sie bodenständige Hobbies hat, wie Teil eines Jugendclubs zu sein (S. 17) oder schwimmen zu gehen (S. 22), und keinesfalls nur rumsitzen möchte (S. 22). Auch, dass sie ziemlich schlau zu sein scheint (S. 24), Dokumentationen schaut (S. 27) und einen starken „Forschergeist“ (S. 26) hat, fand ich sympathisch. Sie ist vorausschauend, indem sie erst überlegt, was sie brauchen könnte, anstatt sich direkt in eine Wanderung zu stürzen (S. 29/S. 71). Allgemein ist sie ziemlich reflektiert (z.B.: S. 37) – ein gutes Vorbild. Gefallen hat mir auch, wie sie versucht, das Mysterium zu lösen. Sie wirkt wie eine meisterliche Detektivin (z.B.: S. 49).
Nach einiger Zeit trifft Lea jedoch auf drei Jungs aus dem Dorf. Ihr Umgang mit diesen hat mich leider einiges an Respekt für sie verlieren lassen, weil sie ungeheuer vorurteilsbelastet und unfreundlich ist (S. 74/76). Nicht, dass diese besonders freundlich ihr gegenüber wären, aber dafür, dass sie sich ihnen erhaben fühlt, hätte ihr Verhalten anders aussehen müssen. Etwas irritiert war ich auch, als Lea fragte „Wohin hast du mich verschleppt?“ (S. 213), nachdem sie selbst vorangegangen war.
Nach einiger Zeit häuften sich in Leas Gedankenstrom leider Instanzen, die sich gelesen haben, als hätte sie eine gespaltene Persönlichkeit, z.B.: „Fort von der Mühle, hin zum Wald. Quatsch! Doch! Etwas leitet dich. Und wie soll Etwas das hinkriegen, bitte schön?“ (S. 90). Ich verstehe, was hier vermittelt werden sollte, aber ich hätte mir gewünscht, dass sich die Darstellung des inneren Konfliktes besser in die Erzählform des restlichen Buches fügt. Besonders irritierend fand ich, als ihre eigenen Gedanken sie stutzig machen, weil sie Dinge gedacht hat, die sie nicht wissen konnte: „Das Andere ist nicht hier, dachte Lea. Noch nicht. Kurz stutzte sie. Das Andere?“ (S. 186). Gleichzeitig passt dieses Verhalten bis zu einem gewissen Grad auch zu ihren sprunghaften Stimmungswechseln (z.B.: S: 265).

Leas Beziehung zu anderen Figuren
Leas Beziehung zu dem Unbekannten im Wald blieb für mich leider durchgehend merkwürdig. Die beiden schleichen über weite Strecken des Buches umeinander herum. Erst bevormundet sie ihn (z.B.: S. 55), bevor sie dazu übergeht, ihm konsequent vorzuwerfen, ihr nichts zu sagen – obwohl er es tut (z.B.: S. 188). Und dann schwärmt sie plötzlich wie verrückt für ihn, ohne dass man weiß, woher diese Gefühle kommen (S. 214) – oder ist das eine Schockreaktion? Ich wusste bei den beiden jedenfalls nie wirklich woran ich bin.

Auch Leas Beziehung zu Lennard war etwas unnachvollziehbar, weil in der Entwicklung viele Sprünge waren, z.B.: auf S. 94, wenn sie plötzlich ganz vertraut miteinander umgehen, obwohl er kurz davor enttäuscht von ihr von dannen gezogen ist. Sie verhält sich ihm gegenüber unfassbar unhöflich über weite Strecken des Buches (z.B.: S. 118), so dass ich mich gefragt habe, ob sie ihn überhaupt mag und was er an ihr findet. Dann aber, denkt sie wieder darüber nach, nur noch mit ihm und nicht mehr alleine in den Wald gehen zu wollen (S. 133), um kurz darauf berechnend zu beschließen, Lennard zu manipulieren (S. 134). Soll das nun als Freundschaft gewertet werden? Es fühlte sich nicht so an.

Der Spannungsbogen
Nach einem packenden Auftakt, der mich völlig gefesselt hat, hat das Buch nach etwa einem Drittel leider an Zug verloren. Besonders die Szenen zwischen Lea und Moritz hatten für mich nicht die Dringlichkeit, die sie entsprechend der Ereignisse, die sich überschlagen, haben müssten (z.B.: S. 145, S. 152, S. 191, S. 262, S. 276). Wobei Dringlichkeit generell etwas ist, das in dem Buch zu kurz gekommen ist für mein Verständnis: Quasi von Anfang an wird davon gesprochen, dass es gefährlich für Lea ist, das Haus zu verlassen. Und dennoch tut sie eben das nach Lust und Laune, ganz ohne Probleme; auch, dass sie zum Schützenfest geht, steht nie in Frage. Sollte man eine derartige Veranstaltung nicht verschieben, wenn das gesamte Dort in Aufruhr wegen einer Gefahrenquelle ist?

Das Buch hat dann im letzten Drittel durchaus nochmal Spannung aufgenommen (besonders S. 258) und ich war wieder mit Feuereifer dabei. Es gab weiterhin einige Ungereimtheiten (z.B.: Warum ein Nachrichtensender etwas von vor zwei Wochen ausstrahlen sollte (S. 243)), aber auch einige richtig tolle atmosphärische Instanzen (z.B.: S. 267)

Das Ende war dann aber leider dennoch unzufriedenstellend. Es fühlte sich nicht an, als wären alle losen Enden verknüpft worden; ich hatte vielmehr das Gefühl, dass mich das Buch mit lauter Fragezeichen zurückgelassen hat. Leas Beziehungen zu den verschiedenen anderen Figuren fühlen sich allesamt an als wären sie in der Schwebe. Die Mystik, die der Prolog aufgeworfen hat, wird leider in keinen Kontext gebracht, so dass ich ihn bis zum Schluss nicht ganz einordnen konnte (oder ist das besagtes quitt sein, von dem der Bösewicht spricht (S. 279)?). Ich frage mich auch noch immer, woher das Amulett kommt. Und wieso Lea, wenn sie zurückkehrt, um die Vergangenheit zu ändern, Dinge ändert, die davor so nicht passiert sind (S. 272). Und wieso der Bösewicht sie in ihr Zimmer gesperrt hat, wo es doch in seinem Interesse gelegen haben müsste, dass sie im Wald unterwegs ist. Fragen über Fragen...

Fazit
Du merkst es schon, ich stehe dem Buch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Es hatte für mich einen tollen Start, sowohl was Spannung als auch die Figuren anging. Leider nahm beides nach einer Weile ab. Obwohl die Spannung am Schluss wieder aufkam, hat mich das Buch mit unzähligen offenen Fragen zurückgelassen. Leider. Womöglich haben jüngere LeserInnen ab 10 trotzdem Spaß an dem Buch; aktuell ist es jedenfalls. Aber mich als alten Hasen in dem Genre konnte es leider nicht ganz überzeugen.


Deine Daffy

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  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Fantasie
Veröffentlicht am 19.12.2020

Phänomenales Kinderbuch

Brombeerfuchs. Das Geheimnis von Weltende
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Liebe Daisy,

heute melde ich mich mit meiner Rezension zu Brombeerfuchs. Das Geheimnis von Weltende von Kathrin Tordasi, das im Herbst 2020 bei Sauerländer erschienen ist. Ich hatte das außergewöhnlich ...

Liebe Daisy,

heute melde ich mich mit meiner Rezension zu Brombeerfuchs. Das Geheimnis von Weltende von Kathrin Tordasi, das im Herbst 2020 bei Sauerländer erschienen ist. Ich hatte das außergewöhnlich große Glück, ein Exemplar bei Lovelybooks zu gewinnen und im Rahmen einer Leserunde in dieses Buch abtauchen zu dürfen. Und lass mich dir sagen: Ich habe schon lange kein so facettenreiches Kinderbuch mehr gelesen.

Schon in dem Moment, als ich das Paket erhalten habe, wusste ich, dass es sich hierbei um ein ganz besonderes Leseabenteuer handeln würde. Nicht nur, dass es einmalig liebevoll von der Autorin zusammengestellt worden war, das Cover hat mich auch auf den ersten Blick verzaubert. Ein großes Kompliment an dieser Stelle an Maximilian Meinzold für die Umschlaggestaltung und -abbildung. Ich fühle mich geehrt, so ein wunderschönes Buch in meinem Regal stehen haben zu dürfen.

Inhalt
In Brombeerfuchs reisen wir gemeinsam mit Portia nach Wales. Die Umstände haben es gefordert, dass sie den Sommer dort bei ihren Tanten in einem kleinen verschlafenen Städtchen verbringt, anstatt Urlaub in Andalusien mit ihrer Mama zu machen. Doch entgegen ihrer Erwartung, wartet dort das größte Abenteuer ihres Lebens auf sie. Gut versteckt im Haus ihrer Tanten entdeckt sie nämlich einen Schlüssel. Einen Schlüssel, der die Tür in die Anderswelt öffnet. Dort werden all die alten Geschichten und Legenden Wirklichkeit. Ahnungslos, was sie damit in Gang setzt, stolpert Portia gemeinsam mit ihrem neugefundenen Freund Ben geradewegs durch das Weltentor. Doch dabei vergessen sie etwas Wesentliches: Die Tür hinter sich zu schließen. Und so gelingt es den Schwaden des Grauen Königs die Zwischenwelt zu verlassen – etwas, das alle anderen Welten bedroht.

Schreibstil
Ich habe es schon mehrfach gesagt und ich werde es noch ganz oft sagen: Ich bin völlig in Kathrin Tordasis Schreibstil verliebt. Sie schreibt ungemein eloquent und atmosphärisch. Das Buch hat mich ab der ersten Seite völlig in seinen Bann gezogen. Der Stil trifft genau das richtige Maß an Detailreichtum. Nicht zu viele, als dass sie den Lesefluss unterbrechen und von der Handlung ablenken würden. Aber doch genug, dass ich beim Lesen direkt Bilder und Szenen vor meinem inneren Auge hatte. Dies gilt auch für Gefühle, die sich außergewöhnlich gut vermittelt haben; besonders die kindliche Faszination wirkte direkt greifbar (z.B.: S. 107). Kurzum: Das Buch ist ein sprachlicher Traum.
Die Geschichte wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Die meiste Zeit alterniert die Erzählung zwischen einer Fokalisierung in der dritten Person durch Portia und Ben. Dieses Schema wird nur in einzelnen Instanzen für Zwischenspiele gebrochen, die von Geschehnissen abseits der beiden ProtagonistInnen erzählen. Diese Mischung aus Erzählperspektiven hat mir ausgezeichnet gefallen. Die Einblicke in die verschiedenen Sichtweisen und Erfahrungen von Portia und Ben haben einander toll ergänzt. Die Zwischenspiele haben das Gefühl von Dringlichkeit immer wieder verstärkt. Zudem gibt es Kapitelüberschriften, die nicht nur einen guten Überblick geben, sondern auch an mehreren Stellen zusätzliche Spannung schaffen.

Figuren
Wir haben es hier mit einem relativ kleinen Ensemble zu tun. Aber wie heißt es so schön: Qualität vor Quantität. Die Figuren, die ich kennenlernen durfte, waren dafür um so besser herausgearbeitet. Ich hatte zu allen direkt ein Bild und ein Gefühl im Kopf. Etwas, das bei mir normalerweise oft relativ lange dauert. Nicht so bei Brombeerfuchs: Hier ist die Charakterisierung so elegant mit der Erzählung verwoben, dass ich direkt eine Verbindung zu den Figuren herstellen konnte. Nicht zuletzt, weil sie jeweils stark individuelle Stimmen haben, was bei den wechselnden Perspektiven besonders deutlich wird. Ben und Portia sind stark konträre Figuren, die ein breites Identifikationsspektrum bieten. Während Portia sich impulsiv von einem Abenteuer in das nächste stürzt, ist Ben eher zurückhaltend und rational. Er denkt die Dinge durch, bevor er handelt. Wirken sie auf den ersten Blick noch so unterschiedlich, so merkt man als LeserIn doch bald, dass sie einander ausgezeichnet ergänzen könnten. Ich hatte große Freude daran, der Freundschaft zwischen den beiden beim Wachsen zuzusehen.
Doch keiner von beiden ist perfekt. Sie haben ihre Schwächen und müssen sich somit ihren jeweils eigenen Herausforderungen stellen. Die beiden bleiben immer menschlich (zumindest, was ihre Charaktereigenschaften angeht), denn auch in prekären Situationen, die das Potential für heroische Taten bergen, verschwinden ihre Schwächen nicht (z.B.: S. 96). Ben und Portia wird der nötige Raum gegeben, diese zu reflektieren und sich folglich weiterzuentwickeln. Dabei werden sie über große Teile des Buches von erwachsenen Figuren unterstützt. Diese helfen, wo nötig, geben den beiden Kindern aber nötigen den Raum und die Gelegenheit, eigene Erfahrungen zu machen und an diesen zu wachsen.

Repräsentation
Ich möchte an dieser Stelle gerne positiv hervorheben, wie gut es mir gefallen hat, dass in diesem Buch keine Klischees bedient wurden und stattdessen Repräsentation eines heterogenen Ensembles an Figuren geschaffen wurde. Wie du bestimmt schon an meiner groben Charakterisierung von Portia und Ben gemerkt hast, bedienen unsere beiden ProtagonistInnen in keiner Weise die klassischen Geschlechterklischees. Vielmehr werden diese umgekehrt. Etwas, das hervorragend funktioniert. Portia ist inspirierend mit ihrem starken Willen und Aktionismus und der sanftmütige, bücherliebende Ben ist eine ungemein sympathische Figur. Ich finde es toll, dass hier Vorbilder geschaffen werden, die nicht auf die üblichen patriarchal geprägten Eigenschaften reduziert werden. Analog wird hier die Struktur der traditionellen Kernfamilie auf verschiedene Arten infrage gestellt und es werden stattdessen andere Zusammenstellungen vorgelebt. Derartige Diversität ist leider noch immer selten und ich freue mich um so mehr, sie hier derartig selbstverständlich umgesetzt zu lesen
Auch, dass eines der wesentlichen Motive, der Umgang mit Verlust und Trauer, ist, fand ich sehr positiv. Sowohl Ben als auch Portia müssen auf ihre Art lernen mit diesen umzugehen. Ich bin überzeugt, dass der Brombeerfuchs durch das breite Identifikationspotential, das er bietet, helfen kann, diese schwierigen Themen auch für jüngere LeserInnen greifbar zu machen.
Großartig finde ich auch, dass das Buch seinen pädagogischen Auftrag sehr geschickt erfüllt; sei es nun, in dem es vermittelt, dass man nicht auf Wunden greifen soll, dass es normal ist, dass die Füße einem wehtun, wenn man auf großer Abenteuerreise ist (vgl. S. 117), oder, dass man die Konsequenzen bedenken sollte, bevor man wild darauf losstürmt (vgl. S. 149). Dies sind nur einige der wichtige Botschaften, die im Brombeerfuchs charmant verpackt sind.

Fazit
Brombeerfuchs ist ein fantastisches und wundervolles Kinderbuch, das nicht nur mit starken Charakteren und Wertvorstellungen glänzt, sondern auch noch ein sprachlicher Traum ist. Ich kann es ausnahmslos allen Leserinnen und Lesern ab 10 Jahren, die eine magische Reise nach Wales unternehmen wollen, wärmstens ans Herz legen. Ich freue mich schon, wenn wir uns das nächste Mal sehen, damit ich es dir mitbringen kann – Brombeerfuchs ist ein literarisches Abenteuer, das du keinesfalls verpassen darfst.

Deine Daffy

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.11.2020

Gelungenes Jugendbuch mit einigen Schwächen

Secret Academy
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Liebe Daisy,
heute melde ich mich zu einem Buch, dessen Erscheinung wir wohl beide entgegengefiebert haben: Secret Academy. Verborgene Gefühle von Valentina Fast, das 2020 bei One erschienen ist.

Die ...

Liebe Daisy,
heute melde ich mich zu einem Buch, dessen Erscheinung wir wohl beide entgegengefiebert haben: Secret Academy. Verborgene Gefühle von Valentina Fast, das 2020 bei One erschienen ist.

Die Geschichte folgt Alexis. Nach dem unerwarteten Ableben ihrer Eltern, sind sie und ihre Schwester im Waisenhaus gelandet. Eine Adoption scheint schwierig, da die beiden um jeden Preis zusammenbleiben wollen. Doch dann bekommt Alexis auf einmal einen Platz an der London Secret Academy angeboten, an der sie zur Agentin des geheimen MI20 ausgebildet werden soll. Wild entschlossen, für eine bessere Zukunft für sich und ihre geliebte Schwester zu kämpfen, nimmt sie an. Doch die Ausbildung fordert ihr alles ab und noch bevor sie diese beendet hat, merkt sie, dass ihr Beruf nicht nur ihr eigenes Leben gefährdet. Sie ist gezwungen alles zu hinterfragen – selbst die Loyalität ihrer KommilitonInnen.

Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Vor langer, langer Zeit (na gut, Anfang 2017), habe ich die Royal Serie von Valentina Fast entdeckt. Und verschlungen. Und sie dir zum Lesen gegeben. Und sie selbst nochmal gelesen. Und dann Stunden damit zugebracht, mit dir darüber zu diskutieren. Das waren noch Zeiten…

Zurück zum Punkt jedenfalls: Seit damals wollte ich für eine vergleichende Analyse ein weiteres Buch von Valentina Fast lesen. Bloß, dass sich das nie ergeben hat. Bis jetzt. Obwohl ich mit SuperheldInnen eigentlich nicht so viel anfangen kann, klang das Buch vielversprechend und ich wollte ihm auf jeden Fall eine Chance geben.

Erzählstil
Das Buch ist eine Erste-Personen Erzählung im Perfekt. Wir erleben die Geschichte somit unmittelbar durch die Augen der Protagonistin Alexis. Obwohl es einige Zeit her ist, dass ich Royal gelesen habe, würde ich sagen, dass sich der Stil der Autorin nicht groß verändert hat. Er lässt sich mehrheitlich flüssig lesen. Es gab jedoch einige Aspekte, die mich stutzig gemacht haben.
Es gab etwa einige grammatikalische Ungereimtheiten, die meinen Lesefluss unterbrochen haben. Teilweise waren es lediglich uneindeutige Personalpronomen, die dazu geführt haben, dass ich einen Abschnitt (insbesondere S. 100f.) mehrfach lesen musste, um zu verstehen, wie viele Leute überhaupt anwesend sind und welches Personalpronomen sich auf wen bezieht; andernorts waren die Personalpronomen schlichtweg falsch gewählt z.B.: „Vielleicht war die Person [...] auch schon so geübt, seine [sic] Gefühle zu verbergen […]“ (S. 225). An wieder anderen Stellen sind dem Lektorat Fehler im Satzbau entgangen, z.B.: […] erwiderte er auf meinen genervten Tonfall sanft […]“ (S. 230).
Des weiteren stimmen einige Anschlüsse der Sätze einfach nicht: [D]ie Explosion hat viel Schaden angerichtet. Außer ein paar Schrammen haben die Zivilisten nichts abbekommen.“ (S. 330) und manchmal ist das Subjekt einfach nicht klar, z.B.: „[…] ein Lächeln entfuhr mir und lächelte noch immer als [...]“ (S. 365). Ich muss auch sagen, dass mir der Schreibstil stellenweise etwas zu salopp bzw. umgangssprachlich in den Erzählpassagen war z.B.: „Bam. Auf den Platz verwiesen.“ (S. 277). Zudem haben doppelte Verneinungen wie z.B.: „[..] warum er weder geöffnet war, noch nirgendwo erwähnt wurde […]“ (S. 302) den Text unnötig verkompliziert. Hier hätte ich mir ein aufmerksameres Lektorat gewünscht.

Zusätzlich fanden sich unzählige Wiederholungen einiger Motive, die für mich leider sehr dem Wink mit dem Zaunpfahl glichen, z.B.: wenn Alexis nervös ist und andauernd schaut, ob eine neue Nachricht angekommen ist (S. 251 (2x), S. 252 (2x), S. 253, S. 254, S. 265.). Auch der Gedanke, dass sie eine Geisel retten muss, wiederholt sich ab einem gewissen Punkt etwas zu oft (z.B.: S. 292) dafür, dass sie keine entsprechenden Handlungen setzt. Ich muss auch sagen, dass sich manche Dialoge extrem unnatürlich und gemacht angefühlt haben (z.B.: S. 392f.).

Ein weiterer Aspekt, den ich vorbringen möchte, ist der Spannungsbogen, der für mich nicht unbedingt Sinn ergeben hat. Das Buch kommt schnell ins Rollen und schafft es, in kurzer Zeit einen spannenden Konflikt zu etablieren. Ich hatte viel Spaß daran, mit Alexis in ihren neuen Lebensabschnitt zu starten. Und wie nicht anders zu erwarten, spitzt sich die Lage zunehmend zu und es kommt zu einem Höhepunkt. Der kommt jedoch schon relativ früh in der Geschichte, sodass man danach noch einen beachtlichen Teil des Buches vor sich hat, in dem gefühlt nichts passiert. Ich hatte große Schwierigkeiten, mich durch diese Längen zu kämpfen, auch wenn ich zugeben muss, dass die Geschichte auf den letzten paar Seiten noch einmal Fahrt aufnimmt. Vielleicht hätte es hier geholfen, sich mehr an der Spannungsbogenstruktur klassischer HeldInnenerzählungen zu orientieren.

Ich möchte im Folgenden im Detail auf einige weitere Aspekte eingehen. Das schaffe ich leider nicht, ohne zu spoilern. Falls du das Buch also noch nicht gelesen haben solltest, klicke jetzt am besten weg.

Alexis
Der erste Punkt, auf den ich detaillierter eingehen möchte, ist die Protagonistin Alexis. Mit ihren 19 Jahren ist sie im letzten von fünf Ausbildungsjahren (S. 47) an der London Secret Academy, um Agentin des MI20 zu werden.
Doch obwohl ihre Loyalität zu ihrer Schwester ehrenwert und ihr Ehrgeiz bewundernswert ist, hatte ich einige Probleme mit der Figur. Ich hatte das Gefühl, dass Valentina Fast sehr darum bemüht war, hier eine starke, kämpferische Frauenfigur zu entwickeln. Das ist ihr in vielerlei Hinsicht auch gelungen. Doch in manchen Aspekten ist sie über ihr Ziel hinausgeschossen. Insbesondere wenn es um physische Gewalt geht, wie etwa auf S. 196, wo Alexis‘ Gewaltproblem offensichtlich wird. Das ist leider kein Einzelfall: Etwas später (S. 282) kann sie nicht mit ihren Gefühlen umgehen und geht zum Boxtraining, um Dampf abzulassen. Dabei spürt sie, dass sich ein Kommilitone von hinten nähert und schlägt auf ihn ein, ohne auch nur zu schauen, um wen es sich handelt: „Mit einer fließenden Bewegung drehte ich mich um und schlug blind zu.“ (S. 282). Ich sage nicht, dass eine derartige Ausbildung keine psychische Belastung darstellt; doch sicherlich müsste ein solches Institut psychologische Unterstützung für die Auszubildenden zur Verfügung stellen? Das Verhalten, das Alexis an den Tag legt, das an keiner Stelle kritisch hinterfragt wird, ist jedenfalls ganz und gar nicht zu unterstützen und sollte keinesfalls als Vorbild fungieren.

Ich muss auch sagen, dass ich mir allgemein nicht so sicher bin, wie viel sie von ihrer Ausbildung mitgenommen hat. Einer Ausbildung, die angeblich die beste für GeheimagentInnen im gesamten Vereinigten Königreich ist. Wie bereits erwähnt, steht Alexis kurz vor ihrer Abschlussprüfung dieser Ausbildung. Doch ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sich entsprechend verhalten hat. Etwa wenn sie erpresst wird und sich nicht anders zu helfen weiß, als klein bei zu geben und die Sache für sich zu behalten (S. 222). Oder wenn sie sich bei einem Einbruch von einem Kommilitonen erwischen lässt, weil sie zu unvorsichtig und unaufmerksam ist (S. 269). Es sind Momente wie diese, in denen ich mich gefragt habe, was sie die vergangenen 4 ½ Jahre an dieser Ausbildungsstätte gelernt hat. Diese Frage stellt sich mir auch später, wenn sie die Erkenntnis hat, dass ihr Schweigen über die Erpressung als Verrat gesehen wird (S. 405) und ihr einzig logischer Schluss ist, es weiter zu verschweigen, anstatt sich an eine Vertrauensperson zu wenden, um die TäterInnen zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist auch nicht so, dass sie nicht wüsste, dass sie eben das tun sollte – das weiß sie (S. 411). Aber sie schiebt ihr Geständnis immer weiter vor sich her – über 50 Seiten lang. Irgendwann verliert dieser Bogen leider auch den Spannungsfaktor, da er einfach nur von ihrer Feigheit zeugt.

Etwas fragwürdig fand ich zudem Alexis‘ Urteilsvermögen bzw. Taktgefühl. Etwa, wenn sie ganz entspannt mit einem anderen Agenten über dessen Ausbildung quatscht – Sekunden nachdem sich ein Selbstmordattentäter neben ihr in die Luft gesprengt hat (S. 318). Wenig später steht eine dringliche Rettungsmission an – der perfekte Augenblick, so findet Alexis, um sich ihren lustvollen Gefühlen hinzugeben und sich ganz auf die Reaktionen ihres Gegenübers zu konzentrieren: „Er knurrte und seufzte zugleich.“ (S. 336).

Ich verstehe aber auch nicht ganz, wieso sie sich dazu befähigt fühlt, einem Mann vorzuwerfen, dass sie ihm zu wenig bedeutet, nachdem sie gerade selbst fremdgeknutscht hat (S. 391). Wobei sie zu besagtem Mann ohnehin ein eigenwilliges Verhältnis hat: „[W]eil ich dich mag! Ich habe dir ein verdammtes Messer an die Kehle gehalten, [sic] und du hast mich nicht umgebracht, sondern wolltest mir die ganze Zeit helfen. [...] Wir sind verdammt nochmal Freunde!“ (S. 392). Kurz darauf spricht sie dann davon, dass er wie ein Bruder für sie ist (S. 392). Ein Bruder, für den sie offenbar romantische Gefühle hegt; den sie zugunsten eines anderen jungen Mannes abblitzen lässt, bloß um kurz darauf zu sagen, dass sie nicht möchte, dass er die Academy – und damit sie – verlässt (S. 392). Ich kann mir nicht helfen, diese ganze Szene ist merkwürdig. Das selbstmittleidige Verhalten von eben jenem jungen Mann macht das Ganze leider kein Stück besser (insb. S. 391).
Ich muss also leider sagen, dass ich mit Alexis nicht sehr viel anfangen konnte. Besonders gegen Ende hin fand ich ihr Verhalten zunehmend unnachvollziehbar. Somit habe ich weder besonders mit ihr mitgefiebert noch mitgelitten, wodurch das letzte Drittel des Buches deutliche Längen für mich hatte.

Geschlechterdarstellung
Das bringt mich direkt zu meinem nächsten Punkt: der Geschlechterdarstellung. An sich habe ich es positiv gewertet, dass an der Academy Frauen und Männer zugelassen sind. Obgleich die Relation von drei Frauen zu fünf Männern in Alexis‘ Jahrgang leider noch immer in die falsche Richtung unausgewogen ist. Aber sei es drum. Das wäre etwas, über das ich hinwegsehen könnte. Auch darüber, dass der Schulleiter natürlich ein Mann ist. Ebenso wie der Antagonist. Auch dass eine von Alexis‘ Kommilitoninnen lediglich ein Modepüppchen ist und all die Leute, die sie im Zuge von Aufträgen beschützen oder retten müssen, Frauen sind.
Aber spätestens bei Sprüchen wie „[Das ist] eine Frauensache.“ (S.273), die verwendet werden, um vom Thema abzulenken, auf die die männliche Figur dann „Bitte rede nicht weiter“ (S. 273) antwortet, fühlte ich mich wirklich in das Patriarchat des Mittelalters zurückversetzt. Inklusive aller dazu passenden Tabuthemen. Entsprechend dazu werden Themen wie Menstruation natürlich auch nicht angesprochen.

Dazu passend wird das Mysterium der Jungfräulichkeit bzw. der Bedeutsamkeit, eben jene zu verlieren, in diesem Buch sehr, sehr, SEHR großgeschrieben. Natürlich nur im Bezug auf Frauen, wie es sich für eine patriarchale Gesellschaft gehört. Dies wird deutlich, wenn etwa einer der Männer meint: „Jungfrau? […] Das erklärt so einiges.“ (S. 215). Als würde das Durchführen des sexuellen Aktes eine Frau von Grund auf verändern. Auch die Damen dieser Geschichte scheinen diese Auffassung zu vertreten (z.B.: S. 402). Wobei sexuelle Handlungen für Alexis schnell mit schlechtem Gewissen verbunden zu sein scheinen: „Ich fühlte mich wie ein Miststück“ (S. 397); im Gegensatz dazu, wird sehr früh klar gemacht, dass die Herren damit kein Problem zu haben scheinen: „War es mal wieder eine von deinen Wochenendfreundinnen?“ (S. 33).

Positiv hervorzuheben finde ich Alexis‘ Verliebtheit. Es ist nachvollziehbar, dass sie die Annäherungsversuche des jungen Mannes, der sie ins Auge gefasst hat, kritisch sieht (z.B.: S. 283) und ihm anfangs nicht traut; besonders charmant fand ich zudem ihre Unsicherheit im Umgang mit ihm, als sie merkt, dass vielleicht mehr entstehen könnte (z.B.: S. 305). Fraglich fand ich dafür leider wieder, und hier schließt sich der Bogen zur Sexualität, dass sie ihm etwas Wesentliches über ihre nahe Zukunft verschweigt, und ihn somit dazu bringen möchte, mit ihr zu schlafen (S. 414ff.).

Die Secret Academy und das MI20
Das MI20 ist ein hoch ominöser Verein. Ohne gefragt zu werden, bekommt Alexis nach einem Unfall ein Serum injiziert, das ihr übermenschliche Fähigkeiten verleiht (S. 16ff.). Erst danach wird sie gefragt, ob sie überhaupt eine Ausbildung an der Secret Academy machen möchte (S. 19ff.). Wenn das mal kein guter Start ist.

Was ich an der Secret Academy mochte, war, dass Valentina Fast gezeigt hat, wie vielfältig der Unterricht war. Immer wieder waren verschiedenste Lehrstunden, von körperlichem Training, über Sprachen, zu Informatik, in die Erzählung eingeflochten. Das hat Authentizität geschaffen. Und ich muss ja gestehen, dass ich beim Lesen starke Assoziationen zu Dem Geheimen Club der Zweitgeborenen Royals (Disney, 2020) hatte – faszinierend, wie zwei so ähnliche Geschichten quasi zeitgleich erscheinen können.

Ich war etwas verwirrt, was die Anzahl der SchülerInnen an der Academy anging. Alexis vermittelt die Information, dass sich in ihrem Jahrgang acht SchülerInnen befinden, was laut ihr eher wenig sei. Es seien immer zwischen 5 und 15 SchülerInnen pro Jahrgang. Von ihren Informationen ausgehend müssten in den anderen Jahrgängen mindestens gleichviele, aber eher mehr SchülerInnen geben. Somit müsste es mindestens 40 SchülerInnen an der Academy geben. Es gibt aber nur 39 (S. 47). Irgendwo steckt da der Wurm drinnen.

Das aber nur als Anekdote am Rande, bevor wir zu meiner wirklichen Frage kommen: Was lernt man an dieser Academy wirklich und was kann das MI20 eigentlich? Zu ersterer möchte ich auf eine Situation eingehen, in der Alexis angeschossen worden ist und ein Kommilitone bei ihr bleibt, bis die Einsatzkräfte kommen (S. 103). Anstatt zu versuchen, die Blutung zu stillen, hält er ihre Hand und flirtet mit ihr. Selbst mit meinem mehr als lückenhaften Erste-Hilfe-Wissen weiß ich, dass man Druck auf die Wunde ausüben muss. Wieso weiß der junge Mann das nach über vier Jahren Training, das auch eine medizinische Ausbildung beinhaltet, nicht?

Es gibt im Laufe des Buches zudem eine Szene, bei der Alexis in einer Simulation (die mich stark an Divergent (Roth, 2011) erinnerte) auf dem Boden liegt und einen Mann, der die Straße entlang geht, erschießen soll. Die Schwierigkeit dabei besteht darin, dass er 3000 Meter entfernt ist. (S. 262) Das sind 3km. Eine Strecke, die ein durchschnittlicher Läufer in etwa 12 Minuten läuft (der Weltrekord liegt bei 07:20). Ich frage mich, inwiefern ich mir das vorstellen darf. Wie genau versteckt sie sich liegend im Unterholz und schafft es, durch eben dieses aus solcher Entfernung hindurch auf den Mann zu zielen? Oder hat sie eine Kugel, die zickzack fliegt und den Hindernissen ausweichen kann? Ich sag nicht, dass es technisch nicht möglich wäre, über solche Distanzen zu schießen; würde sie sich auf einem erhöhten Standpunkt befinden, würde ich diese Übung nicht infrage stellen. Aber auf dem Boden liegend wirkt es doch etwas utopisch, dass ihr nichts im Weg steht.

Meine nächste Frage bezieht sich auf den Stützpunkt des MI20. Ebenjenen Stützpunkt, aus dem Alexis mit Leichtigkeit aus- und wieder einbricht (S. 187), ohne dass jemand etwas davon mitbekommt. Wenn das so einfach ist, wird sie nicht die Einzige sein, der das gelingt? Eventuell sollten sie ihre Sicherheitsvorkehrungen überprüfen.

Analog möchte ich die Effizienz der ausgebildeten AgentInnen infrage stellen. Alexis bekommt in einer Prüfung die Aufgabe, jemanden, der unter der Aufsicht eines fertig ausgebildeten Agenten steht, zu bestehlen. Etwas, das ihr gemeinsam mit ihrem Partner mit Leichtigkeit gelingt, da sie den Agenten mit einem koketten Flirt ablenkt, während ihr Partner den Raub begeht (S. 313). Wenn es so leicht ist, Agenten abzulenken, sind sie wohl doch nicht so gut, wie man denken würde.
Wenig später brechen Alexis und ihr Team im Zuge einer Rettungsmission ein. Sie gehen davon aus, dass die Tür, durch die sie müssen, entweder einen Alarm auslöst oder mit einem Sprengsatz versehen ist (S. 346). Ihre weitere Vorgehensweise besteht darin, einfach durch die Tür zu gehen. Etwas, das für mich absolut keinen Sinn ergeben hat.

Zuletzt möchte ich noch das Wertesystem der Secret Academy ansprechen. Es wird im Laufe des Buches wiederholt angesprochen, dass persönliche Beziehungen zwischen den auszubildenden AgentInnen verboten sind und bestraft werden (z.B.: S. 236). Jedoch erfahren wir sehr früh, dass die Academy genau der Ort war, an dem sich Alexis‘ Eltern kennengelernt haben (S. 19); und auch in Alexis‘ Jahrgang musste ich mich bemühen, den Überblick zu behalten, wer gerade etwas mit wem hatte. Eine offenkundig ineffiziente Regel also, die damit völlig redundant wird. Zumal ich nicht ganz verstehe, warum die Academy derartige Beziehungen nicht fördert, da sie das Risiko, dass Informationen zu außenstehenden BeziehungsparterInnen durchsickern, auslöscht.

Auch finde ich die Vorwürfe des Hochverrates, mit denen eine Figur konfrontiert wird und deren Konsequenzen sie tragen muss (S. 423) etwas übertrieben. Das Verhalten der Figur war womöglich nicht richtig, da sie das Wohl eines Einzelnen über die Loyalität zur Academy gestellt hat. Gleichzeitig war das Verhalten mehr als menschlich und es ist offensichtlich, dass sie sich alternativenlos gefühlt und aus Angst gehandelt hat; zumal ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist. Dafür sollte ihr doch eine gewisse Kulanz eingeräumt und eine zweite Chance gegeben werden. Dem scheint allerdings nicht so zu sein. Das MI20 scheint blinden Gehorsam zu fordern – und wo wir mit der Forderung landen, wissen wir wohl alle…

Gaben
Jetzt kommen wir zum übernatürlichen Teil der Erzählung. Dem Serum, das gewisse körperliche und psychische Fähigkeiten optimiert. Es resultiert darin, dass die AgentInnen Fähigkeiten haben, die an die Cullens (Meyer, Bis(s) zum Morgengrauen, Orig. 2008) erinnern: Alexis kann Gefühle wahrnehmen und verändern (Jasper), es gibt jemanden, der übernatürlich stark ist (Emmett), jemand, der die Zukunft voraussehen kann (Alice), etc.

Mein größtes Problem mit diesen Gaben lag darin, wie inkonsequent die Ausführung war. Zu Anfang des Buches wird etabliert, dass Alexis jede Nacht aus dem Waisenhaus, in dem sie untergekommen ist, klettert, um Luft zu schnappen (S. 13). Nachdem sie das Serum bekommen hat, wird jedoch behauptet, dass sie eben jenen Weg nur durch die zusätzliche Kraft, die das Serum ihr verliehen hat, bewältigen kann (S. 61). Ist das Inkonsequenz oder ist der ganze Effekt bloß Placbeo? Wohl eher Ersteres, wenn man sich eine spätere Passage ansieht, in der einer von Alexis‘ Kommilitonen „das Gewicht eines Kleinwagens“ (S. 281), also etwa eine Tonne, in der Kraftkammer stemmt. Aber wenn das Serum so starke physische Verbesserungen bewirkt, wie kann es dann sein, dass Alexis in einer Notsituation, in der zusätzlich noch Adrenalin in ihrem Körper sein wird, dennoch zu schwach ist, um Fesseln zu lösen (S. 354)?

Auch die psychische Komponente von Alexis‘ Fähigkeiten war für mich leider nicht ganz stimmig. Es wirkte völlig willkürlich, nach welchem Schema sie die Gefühle von Leuten fühlen konnte. Teilweise wurde behauptet, dass es auf die Person ankommt, teilweise dringen nur gewisse Emotionen durch, teilweise kann eine Person sie (zwischenzeitlich) blockieren. Es wirkte für mich leider nicht wie eine konsequent durchgezogene Gabe, sondern wie ein Hilfsmittel der Autorin, um einen Haufen Gefühle aufzulisten, anstatt sie erfahrbar zu machen (z.B.: S. 425).

Agenda der Antagonisten
Zu guter Letzt möchte ich noch die Agenda der Antagonisten ansprechen. Ich habe sie leider einfach nicht verstanden. Allen voran die des Selbstmordattentäters. Wir leben in einer Zeit, in der man leider weiß, dass es deren Ziel ist, möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Warum also sprengt diese Person sich in die Luft, ohne auch nur zu versuchen, in die Nähe von Alexis, der Gegnerin, zu kommen (S. 318)?

Ich verstehe auch die Geiselnahme nicht ganz. Wie kommen die TäterInnen bloß auf die Idee, dass ihnen diese Geisel tatsächlich die Person, die sie kriegen wollen, in die Arme treibt? Es wirkte leider etwas an den Haaren herbeigezogen für mich.

Fazit
Bei Secret Academy handelt es sich um ein actiongeladenes Buch. Sofern einen gewisse sprachliche und inhaltliche Ungereimtheiten nicht stören und man sich vom Plot mitreißen lassen kann, wie mir das auch über weite Strecken gelungen ist, kann einem Secret Academy bestimmt packende Lesestunden bescheren. Ich hatte leider Probleme mit einigen Thematiken, allen voran mit der Protagonistin und der Geschlechterdarstellung, aber das heißt nicht, dass es ein schlechtes Buch ist. Lies auf jeden Fall einmal rein, wenn dir der Sinn nach Abenteuern mit romantischen Elementen steht. Allgemein würde ich es LeserInnen ab 12 empfehlen.
Deine Daffy

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.11.2020

Vielversprechende Idee mit einigen Schwächen

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«
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Liebe Daisy,
liebe Daffy,
wie schön, euch beide so schnell wieder hier bei mir zu Gast zu haben. Heute einmal mit einem bisher unüblichen Genre für euren Rezensionskanon, oder? Erzählt mir doch einmal, ...

Liebe Daisy,
liebe Daffy,
wie schön, euch beide so schnell wieder hier bei mir zu Gast zu haben. Heute einmal mit einem bisher unüblichen Genre für euren Rezensionskanon, oder? Erzählt mir doch einmal, wie es dazu kam, dass ihr das eBook „Zwei Theaterstücke“ von Martin Schörle gelesen habt.
Daffy
Vor einiger Zeit erreichte uns eine Nachricht des Autors, der uns ein Rezensionsexemplar im Gegenzug für eine ehrliche Rezension angeboten hat. Da theatrale Erlebnisse momentan ja leider eingeschränkt sind, hat uns dieses Angebot doppelt gefreut und wir haben dankend angenommen.
Daisy
Hier möchte ich noch hinzufügen, dass „Zwei Theaterstücke“ 2016 im Engelsdorfer Verlag erschienen ist. Außerdem kann ich mich Daffy nur anschließen und mich beim Autor für dieses Rezensionsexemplar bedanken.

Und worum geht es in diesem Stückeband?
Daisy
Wie der Titel “Zwei Theaterstücke” schon verrät, handelt es sich um zwei Dramen. In “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten” erleben wir einen fiktiven Arbeitstag eines Beamten. Das zweite Stück heißt “Einladung zum Klassentreffen”. Zwei ehemalige Klassenkameraden führen ein Telefonat, in dem es um zweite Chancen, verpasste Gelegenheiten und Neuanfänge geht.

Das klingt nach zwei spannenden, alltagsnahen Themen. Bleiben wir zunächst beim ersten Stück. Könnt ihr hier noch näher auf Inhalt und Form eingehen?
Daisy
In diesem Stück lernen wir den Beamten Fredenbek kennen. Martin Schörle gibt uns zum Einstieg in das Stück eine kurze Beschreibung des Bühnenbilds, als auch der Figur Fredenbeks. Wir lernen, es handelt sich um einen eher einsamen, skurrilen Mann mittleren Alters. Im Laufe seiner Arbeitsjahre hat er sich wohl zu sehr in seinem Büro und der Bürokratie vergraben und einen offenen Blick für diese Welt verloren hat.
Der Autor lässt seine Figur zerstreut auftreten, wodurch wir in eine komische Szene katapultiert werden. Fredenbek echauffiert sich über das Verschwinden eines Radiergummis und zeigt daraufhin die unterschiedliche Nutzung verschiedener Radiergummis auf. Die Doppeldeutigkeit in dieser Szene festigt zum einen die Figur Fredenbeks als schrullige, engstirnige Persönlichkeit, als auch seine durchaus sexistische (und frustrierte) Seite, die im Laufe des Stückes noch von Bedeutung werden soll.
Daffy
Das Stück ist in Form eines Monologes geschrieben. Dieser ist lediglich von Regieanweisungen und einzelnen Aussagen von anderen Figuren aus dem Off unterbrochen. Wie Daisy schon erwähnte, wird in einem einleitenden Text die Exposition erläutert. Wobei ich mich frage, ob es diesen gebraucht hätte oder ob sich dies aus dem Stück selbst ergibt. Und wenn dem nicht so ist, frage ich mich weiterführend, in welcher Weise diese Information an potentielle Zuschauerinnen und Zuschauer bei tatsächlichen Aufführungen vermittelt würde. Im Programmheft?
Ich muss auch sagen, dass ich die Regieanweisungen inkonsequent fand. Mal waren sie kaum vorhanden, mal extrem restriktiv und es war klar, dass der Autor ein klares Bild vor Augen hatte. Wobei ich sagen muss, dass ich bei Letzteren das größere Problem sehe. Der Autor gibt oftmals unfassbar präzise gewählte Haltungen und Substitute vor; dabei hatte ich das Gefühl, dass er den Rollenerarbeitungsprozess, den einE RegisseurIn und einE SchauspielerIn in diesem Fall vornehmen würden, zu sehr einzuschränken versucht. Richtungen vorzugeben ist wichtig, aber es gibt Passagen, in denen sich das Korsett, das er schreibt, zu eng anfühlt, um einen fruchtbaren künstlerischen Prozess zu erlauben. Ein Prozess, der ganz besonders bei einem Einpersonenstück elementar ist.
Daisy
Wo du das Einpersonenstück ansprichst, Daffy : Es gibt durchaus einen Auftritt von den KollegInnen Fredenbeks. Auf S. 33 kommen diese ins Büro gestürmt, laufen einmal um den Schreibtisch und gehen wieder ab. Später hört das Publikum Stimmen aus dem Off, die mit Fredenbek kommunizieren. (S. 46f.) Hier stellt sich mir die Frage, ob die Möglichkeit bestünde, im Vorfeld mit SprecherInnen im Studio die Textpassagen einzusprechen und während einer potenziellen Aufführung abzuspielen. Außerdem frage ich mich, ob es den Auftritt der KollegInnen tatsächlich braucht, da sie keinen Mehrwert für die Szene bietet. Vorrangig denke ich hier daran, dass ein Theater SchauspielerInnen anstellen würde, damit Stimmen aus dem Off kommen können. Oder würden diese von anwesendem Theaterpersonal gesprochen werden? Die Wirtschaftlichkeit bleibt für mich etwas offen.
Daffy
Ein interessanter Einwand. Ich hatte bei diesen Segmenten tatsächlich sofort an vorab angefertigte Tonaufnahmen gedacht, die auf Stichwort eingespielt werden können. Denn wie du richtig anspricht, wäre es für kein Theaterhaus wirtschaftlich, SchauspielerInnen für solche kurzen Auftritte zu engagieren. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Schauspieler von Fredenbek einen Augenblick aus seiner Rolle schlüpft, um die der anderen Figuren einzunehmen. Wobei hier natürlich untersucht werden müsste, inwiefern dieser Brecht’sche Zugang sich in das restliche Stück einfügt oder deplatziert wirkt. Wobei er durchaus dazu passt, dass die Vierte Wand häufig gebrochen und das Publikum direkt angesprochen wird. Das kann man allgemein mögen oder nicht, es bewegt sich hier jedoch sehr dicht an der Grenze dazu, überstrapaziert zu werden, da es in einer inflationären Häufigkeit verwendet wird.

Nachdem wir das erste Stück nun etwas kennen gelernt haben, wäre es schön, wenn ihr „Einladung zum Klassentreffen“ zusammenfassen könntet.
Daisy
In diesem Stück lernen wir Marina und Carsten kennen. Sie sitzt in der Bahn auf dem Heimweg von der Arbeit, ihn sehen wir zunächst gar nicht, sondern hören ihn nur am Telefon. Beide haben zusammen Abi gemacht und nun soll ein Klassentreffen stattfinden, zu dem Carsten Marina einlädt. Die Lage ist etwas surreal, da wir als LeserInnen/ TheaterzuschauerInnen miterleben, wie beide zum ersten Mal nach zwanzig Jahren miteinander sprechen. Das langsame Antasten an die alte Bekanntschaft, das Sprechen über andere MitschülerInnen, all das lässt uns die Situation langsam durchschauen. Dann lernen wir, dass zwischen den beiden Protagonisten mehr war als nur eine Schulkameradschaft, beide verbindet eine Liebelei.

Es handelt sich ja um zwei Stücke - inwiefern hattet ihr eine unterschiedliche Leseerfahrung bei den beiden?
Daisy
Das ist wirklich eine interessante Frage, weil mein Leseerlebnis bei beiden sehr unterschiedlich war. Von den Seitenzahlen müssten beide Stücke circa gleich lang sein. Ein großer Unterschied ist jedoch direkt zu erkennen: Das erste Stück kommt als geballter Blocksatz, das Zweite besteht aus recht kurzen Sätzen in Dialogform. Dadurch liest sich “Einladung zum Klassentreffen” sehr flüssig und schnell. Als ich es beendet hatte, habe ich dich, Daffy direkt gefragt, wie lang du das Theaterstück einschätzen würdest, wenn es dann auf der Bühne ist.
Daffy
Stimmt, ich erinnere mich. Mir ging es ganz ähnlich. Die Dialogform ließ sich schneller lesen. Einerseits, weil die Seite weniger gefüllt war, andererseits, weil der Schlagabtausch gelungen geschrieben war. Der Dialog las sich flüssig und ich konnte nachvollziehen, wie sich das Gespräch entwickelte. Das ließe sich bestimmt als Einakter von 60 Minuten inszenieren. Was “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten” angeht, habe ich auch einige Zeit gebraucht. Die Pause, die der Autor geschrieben hat, ist dringend notwendig. Und selbst damit bräuchte es wohl geschickt gesetzte Striche eines geschulten Dramaturgen, um es auf Theaterabendlänge zu kürzen. Aber auf die Striche komme ich gleich nochmal zurück.
Daisy
Ich stimme Daffy zu, im Gegensatz zum zweiten Stück, hatte auch ich ein anderes Leseerlebnis bei “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten”. Das Stück hatte auf mich den Eindruck eines sehr energischen Vortrags, was mich viele Pausen gekostet hat. Ich musste immer wieder den Schritt aus dem Stück machen und meine Gedanken sammeln. Die Figur des Fredenbek ist sehr intensiv und oftmals moralisch verwerflich.
Daffy
Ich glaube, Letzteres hat bei mir auch maßgeblich das Gefühl von Längen bewirkt. Natürlich braucht es mehr Zeit, um Haltungswechsel und Drehpunkte aufzubauen, wenn der/die DialogpartnerIn und damit der extrinsische Anlass dafür fehlt. Dadurch, dass ich mit der Figur des Fredenbek aber auch so wenig anfangen konnte, weil er von meinem Erfahrungshorizont und meinem Wertesystem so weit weg ist, war ich emotional weniger involviert als dies vielleicht notwendig gewesen wäre. Da hatte es das zweite Stück mit seiner Dialogform schon einfacher, da mehr Figuren vorkamen und es somit größeres Identifikationspotential angeboten hat.

Aus sicherer Quelle weiß ich, dass ihr beide gerne Zeit im Theater verbringt. Wie beurteilt ihr das Potential, das diese Text bergen?
Daisy
Es stand außer Frage, dass wir wohl beide mit genau diesen Gedanken an die Stücke gegangen sind, schließlich verraten sowohl Titel, als auch äußere Form, dass es sich um Dramen handelt. Wir bekommen einen Überblick über die Personen und auch eine Exposition wie die Bühne auszusehen hat.
Somit war die Erwartungshaltung direkt darauf ausgerichtet, die Stücke vor dem inneren Auge auf eine Bühne zu stellen und zu jedem Zeitpunkt zu überlegen, wie die jeweilige Szene aussehen könnte. Von der äußerlichen Betrachtung, könnte ich mir beide Stücke aufgrund ihrer Dynamik auf der Bühne vorstellen.
Daffy
Mir ging es ganz ähnlich. Ich habe die beiden Stücke auch direkt auf einer Bühne gesehen. Wobei ich sagen muss, dass mir das bei Zweiterem leichter gefallen ist, weil es einer klareren Spannungsbogenstruktur mit eindeutigen Wendepunkten in den Beziehungen der Figuren gefolgt ist. Bei Ersterem hatte ich eher das Gefühl, dass es vor sich hinplätscherte. Somit hatte ich dabei größere Schwierigkeiten mir eine packende Inszenierung auszumalen.
Daisy
Dem kann ich nur zustimmen. Ich empfand das zweite Stück als eines, das ein breiteres Publkum ansprechen könnte. Nicht nur, dass wir mehr Figuren auf der Bühne erleben, es findet auch eine Entwicklung statt. Wir lernen Motivationen und Wünsche der Charaktere kennen.
Bei “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten” haben wir schon über die Form gesprochen. Auch im zweiten Stück gibt der Autor ein mögliches Bühnenbild vor. Was sich mir hier nicht erschließt, ist die Position von Carsten. Steht er durchgehend auf der Seitenbühne und das Publikum hört ihn ausschließlich?
Das kann sehr ermüdend sein und gibt der halbierten Bühne keine Daseinsberechtigung. Wozu sollte das Publikum das ganze Zeit über auf Marinas Wohnung schauen, wenn dieser Platz nicht weiter genutzt wird?
Geschickter wäre es, Carsten im Publikum zu platzieren oder abseits am Bühnenrand, aber für das Publikum jederzeit sichtbar. Dies bietet auch viel mehr Möglichkeiten für schauspielerischen Ausdruck.
Außerdem könnte ich mir eine Drehbühne gut für dieses Stück vorstellen, um mehr Dynamik auf die Bühne zu bekommen. Marina verändert während des Spiels regelmäßig ihren Standort und springt zwischen Gegenwart und vergangenen Ereignissen. Eine Drehbühne könnte all diese Orte darstellen und es müsste nicht umgebaut werden.
Daffy
Nicht, dass ich deine Vorschläge nicht auch spannend fände, aber ich muss tatsächlich gestehen, dass ich mir den zweigeteilten Bühnenraum sehr gut vorstellen konnte. Tatsächlich alles wieder eher abstrahiert als naturalistisch, in seiner Darstellung, aber an sich eine Bühnenhälfte für jede der beiden telefonierenden Figuren. Und sobald wir dann in Marinas Vergangenheit eintauchen, kann Carsten durch Gegenlicht aus dem Fokus gebracht werden. Ich glaube, dass durch Licht auch ohne Umbauten einiges an Abwechslung in den Raum gebracht werden kann.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass sich mittlerweile in einer genauen Textanalyse und privaten Diskussionen herausgestellt hat, wie es sein kann, dass wir so unterschiedliche Vorstellungen zu dem Text hatten: Wir haben die Regieanweisung im Bezug auf Carsten anders gelesen. Diese ist leider missverständlich formuliert, so dass die Grammatik des Satzes anmuten lässt, dass Carsten gar nicht für das Publikum sichtbar ist und nicht nur, so wie ich interpretiert habe und es vermutlich intendiert war, nicht erkennbar ist, dass er vor Marinas Wohnung platziert ist.

Da ihr euch die Stücke beide gut bis sehr gut auf der Bühne vorstellen könnt, wäre es doch eine gute Gelegenheit, eine mögliche Bühnenadaption durch zu denken. Wie könntet ihr euch eine Umsetzung vorstellen? Gäbe es Änderungsvorschläge?
Daisy
Ich habe schon angesprochen, dass ich die Figur Fredenbek als problematische empfinde. Der Autor hat mit ihm eine Figur geschaffen, die mithilfe von u.a. diskriminierenden, fremdenfeindlichen und frauenverachtenden Kommentaren, witzig sein soll. Ich denke, hier wäre es hilfreich, wenn ich ein Beispiel nenne, um zu verdeutlichen, was mich an der Figur gestört hat. Auf Seite 19 beginnt eine Szene, in der sich Fredenbek darüber wundert, welche irrsinnigen Gesetze es in Deutschland gibt. So gibt es eine Vorschrift, die das Verhalten bei Überschwemmungen in größeren Städten definiert. Die Vorschrift ist wahrhaftig absurd und birgt ein großes Potenzial, sehr viel Komik auf die Bühne zu bringen. Doch leider wird “zum Wohle der Unterhaltung” - ich setze es bewusst in Anführungszeichen - eine Diskriminierung von Kleinwüchsigen vorgenommen. Davon abgesehen, dass der gewählte Begriff “Liliputaner” (S. 20) eine Diskriminierung darstellt, empfinde ich es als überhaupt nicht notwendig, die Szene auf diese Weise mit “Witz” zu versehen. Mein Vorschlag wäre, dies aus der Szene zu streichen, da sie noch immer einwandfrei funktionieren würde. Die Vorschrift an sich und Fredenbeks Überlegungen, was passieren würde, würden die SchwimmerInnen die Stadtgrenze passieren, ist lustig, sie würde die Schrulligkeit des Beamten nach wie vor darstellen und das Wichtigste: Sie funktioniert ohne Diskriminierung auf einer Theaterbühne.
Daffy
Ich kann mich Daisy nur anschließen. Wie ich bereits erwähnt habe, wäre ich auch maßgeblich für eine Strichfassung, ganz besonders von “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten”, zu begeistern. Es wird hier, wie du, Daisy, richtig sagst, zu salopp mit sensiblen Themen umgegangen und Witze auf Kosten von Minderheiten gemacht. Ich sage nicht, dass es kein Publikum dafür gäbe - das gibt es. Leider. Aber Theater hat nicht nur einen reinen Unterhaltungs-, sondern auch einen Bildungsauftrag. Somit können derartige Äußerungen, die, wie Daisy ganz richtig ausgeführt hat, einfach ersetzt werden können, ohne dass der Szene Abbruch getan wird, nicht unkommentiert stehen gelassen werden. Selbstverständlich ist es etwas Anderes, arbeitet eine Inszenierung in so einem Fall gegen den Text. Ich habe im Vorfeld schon viel mit Daisy darüber gesprochen und bin noch immer nicht ganz sicher, ob ich es mir vorstellen könnte; aber ein Vorschlag, um subversiv mit dem stark präsenten Sexismus umzugehen, könnte sein, die Rolle des Fredenbek mit einer Frau zu besetzen. Es müsste genauer geprüft werden, inwiefern dies reichen würde, um den Text im Bezug auf Sexismus infrage zu stellen und ob er dennoch funktionieren kann, aber das wäre eine Frage, die ich tatsächlich gerne auf einer Bühne beantwortet sehen würde.
Daisy
Ich könnte mir auch vorstellen, dass ein starker Schauspieler, die Kritik an Fredenbek in sein Spiel integrieren könnte. Wir erleben die Figur beispielsweise bei einem imaginierten Italienurlaub. Auf S. 14f. wird vom Schauspieler ein Absatz auf Italienisch gefordert. Hierfür müsste der Unterschied deutlich werden, wann der Schauspieler als Fredenbek, wie beschrieben, gebrochen Italienisch spicht und wann wie ein Muttersprachler antwortet. Da diese Leistung vom Schauspieler gefordert wird, könnte es auch an anderer Stelle gelingen, die Figur als fragwürdig darzustellen. Wie Daffy schon ansprach, Theater hat den Auftrag, zum Nachdenken anzuregen, Offenheit und Gleichberechtigung in der Kunst zu verarbeiten und zu vermitteln.

Nun haben wir schon viel gehört und mögliche Umsetzungen durchdacht. Könntet ihr noch ein kurzes Fazit ziehen?
Daisy
Zuerst möchte ich betonen, wie viel Freude mir diese Dramenbesprechung bereitet hat. Wir durften zwei unterschiedliche Stücke lesen und uns dazu positionieren. Beide bieten Potential, um auf der Bühne inszeniert zu werden. “Einladung zum Klassentreffen” kann sicher ein breites Publikum ansprechen, da hier ein Alltagsthema besprochen wird und unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten bestehen, sehe ich hier die Möglichkeit für einen kurzweiligen Theaterabend.
Auch “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten” würde sicher sein Publikum finden. Hier rate ich aber dringend zu einer Überarbeitung. In dieser Fassung würde ich das Stück ungern auf der Bühne sehen, da mich die Diskriminierung, die zum Zwecke der “Komik” eingesetzt wird, stark abschreckt. Es geht nicht darum, eine moralisch einwandfreie Figur des Fredenbeks zu zaubern, es geht mehr darum, der Figur Werte und Moral gegenüber zu stellen, sodass das Publikum der Figur kritisch begegnet. Ohne hier das Ende zu verraten, aber es ist keinerlei Legitimierung, nach allen Seiten zu treten, nur weil man selbst verletzt wurde bzw. sich ungerecht behandelt sieht.
Daffy
Ich möchte mich an dieser Stelle ebenfalls noch einmal beim Autor für das Rezensionsexemplar bedanken. Die Inhalte entsprechen, trotz meiner Leidenschaft für Theater, leider nicht meinem Interessenskanon; analog kann ich mich auch nur bedingt mit den dargestellten Werten identifizieren. Dennoch denke ich, dass die Stücke als Kammerspiele durchaus umsetzbar wären und auch ihr Publikum finden würden - nur bitte hoffentlich in einer überarbeiteten Fassung, die sich nicht auf Minderheiten stützt, um Witze zu machen.

Danke euch beiden für dieses Gespräch.

Anmerkung 08.11.2020
Da es einige Nachfragen zu den von uns angesprochenen Problematiken im Bezug auf “Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten” gab, möchten wir an an dieser Stelle gerne eine detailliertere Analyse hinzufügen.

Sexismus
Auffällig ist etwa der Zugang, den Fredenbek zu jungen Frauen hat, insbesondere zum Mythos der Jungfräulichkeit. Es wird hier über eine Metapher gearbeitet, aber die Aussage bleibt unverändert fragwürdig: „Jungfräulich und rein. Kleine Lolitas. Wie sie daliegen, so unschuldig. Aber das ist es ja gerade! Diese vermeintliche Unschuldige, Unberührte impliziert tatsächlich, gewissermaßen hintergründig, die Aufforderung zuzugreifen. […] Sie kokettieren wie weiße, geschmeidige, unbekleidete Mädchenkörper am Strand.“ (S. 12) Man beachte hier nicht nur die pädophile Richtung, die seine Gedanken einschlagen, sondern auch den unterschwelligen Rassismus. Die Passage führt dann darauf hinaus: „Sie wissen, dass man da nicht widerstehen kann, diese kleinen Luder. Herrgott, ich bin auch nur ein Mann! […] Wo bist du, du Miststück?“ (S. 12) – um das sinngemäß zusammenzufassen: Fredenbek reduziert junge (impliziert minderjährige) Mädchen am Strand auf ihr Äußeres und darauf, ihn verführen zu wollen; etwas, das sie in seinen Augen gleichzeitig zu einem „Miststück“ macht. Typisch misogynes Verhalten.

Ein weiteres Beispiel, das ich gerne darlegen möchte, ist die immer wieder betonte patriarchale Struktur in dem Büro, in dem er arbeitet. Hier bringt eine gewisse Kollegin immerzu die Milch, etwas, das Fredenbek ebenfalls sexuell konnotiert (S. 31); seine Assistentin ist gemäß patriarchaler Strukturen natürlich auch eine Frau (S. 35).
Zumal auch die Frauenfigur der Kollegin, die die Milch bringt, auf ihr Äußeres reduziert wird und Fredenbek es sich herausnimmt, über sie zu urteilen: „Sie schaut recht gut aus für ihr Alter. Sehr gut sogar […] Letzten Sommer […] trug sie ihr blaues Kleid mit den weißen Punkten und das hat mich herausgefordert.“ (S. 31) Hier findet sich wiederum eine Situation, in der eine Frauenfigur objektiviert und auf ein Lustobjekt für Fredenbek reduziert wird. In der folgenden Passage malt dieser sich aus, wie er sie verführen kann; nicht respektvoll, sondern mit eiskalter Berechnung: „Sie spielen den Ergebenen, dabei sind Sie derjenige, der führt. An unsichtbaren Fäden lassen Sie die Puppe tanzen. […] Und sie, meine Damen, schätzen hoffentlich realistisch ein, was da heute Nacht auf Sie zukommt.“ (S. 32) Es handelt sich somit offenkundig um keine gleichberechtigte Beziehung. Der Mann wird hier als Machthabender dargestellt, der die Zügel in der Hand hat, während die Dame nach seiner Pfeife zu tanzen hat. Ähnliches Verhalten legen auch einer von Fredenbeks Klienten gegenüber dessen Ehefrau, welche er somit ebenfalls objektiviert, an den Tag: „[Meine Frau] ist gelenkig und in alle Hinsichten … offen. Da werden Sie viel Spaß haben. Nennen Sie Ort und Zeit zwecks Übergabe von meiner Frau.“ (S. 24).
Ein weiteres Beispiel dafür, dass Frauen in diesem Drama in sämtlichen Lebenslagen sexualisiert wahrgenommen werden, findet sich später: „Eine Frau, die ihre Haarspange öffnet, signalisiert damit unverhohlen ihre … naja egal…“ (S. 37) Manchmal öffnet eine Frau aber auch einfach deshalb ihre Haarspange, weil ihr danach ist und nicht, weil sie einem Mann etwas signalisieren möchte; so schwer diese Erkenntnis in einem Patriarchat zu finden ist, so wahr ist es doch, dass sich nicht sämtliches Handeln von Frauen darum dreht, Männer zu beeindrucken. Wo ich beim Patriarchat bin: Männer, die ihre Machtpositionen ausüben, werden selbstverständlich ebenfalls erwähnt (S. 42).

Auch der Bezug zur Hysterie der Frau, die Freud einst ausgeführt hat, ist gegeben: „Wenn man als Frau nach Jahren […] enthaltsamskeitbedingter Frustration plötzlich die Geborgenheit spürt, die man schon zu lange vermisst … das ist ja auch überwältigend. Da liegen die Nerven blank, das kann man doch verstehen. […] Dieses lodernde Feuer, das einer Frau naturgemäß innewohnt … das muss irgendwann raus!“ (S. 33) Ein wunderbares Exempel dafür, wie Frauen in diesem Drama von Männern abgesondert werden.
Besonders deutlich wird dies auch in der folgenden Passage, die sich mit dem Selbstbild von Frauen und den „Abgründe[n] der weiblichen Seele“ (S. 34) befasst: „Sie passieren essentielle Stationen der weiblichen Seele: die Zelle für Eifersuchtsdramen, die Synapse für Telekommunikationsangelegenheiten (das sogenannte Klatschzentrum), die Notrufsäule für impulsives Einkaufen […]. Sie lassen den Nerv für hysterische Überteibungen, die Bedarfsanmeldungsdrüse für Tupperwareartikel und die Membran für anlassunabhängige Verstimmungen hinter sich.“ (S. 34).
Ich sage nicht, dass solche Überspitzungen kein Potential für Humor bieten können; jedoch werden diese hier ausschließlich auf Kosten weiblicher Klischees und Stereotypen gemacht. Wie schon zuvor erwähnt, bräuchte es hier einen Gegenpol – entweder eine andere Figur oder eben Fredenbek selbst, der auch die männliche Psyche als Kontrast „untersucht“. Doch dies passiert nicht. Im Gegenteil. Es folgt der eindrucksvolle Satz: „Bei Frauen spielt sich alles in der linken Gehirnhälfte ab, Männer haben auch eine rechte.“ (S. 35), der impliziert, dass Frauen eine geringere Gehirnleistung haben als Männer; etwas, das wissenschaftlich keineswegs korrekt ist. Dieser behauptete Unterschied ist jedoch ein wiederkehrendes Motiv z.B.: „Jetzt fragen Sie sich sicher: Woher weiß der das alles … ähm, dass zwischen so grundverschiedenen Dingen wie … Gehirn, Seele und Frau ein Zusammenhang besteht?“ (S. 35), hier wird impliziert, dass Frauen weder ein Gehirn noch eine Seele haben, da diese drei Parteien erst in einen Zusammenhang gebracht werden müssen; Analoges geschieht auch am Ende des Stückes, wenn er zwischen Menschen und seiner Frau differenziert (S. 48).

Diskriminierung
Des Weiteren möchten wir auf die in den Kommentaren an uns herangetragene Aufforderung eingehen, Fredenbek als eine Figur zu betrachten, deren moralisch verwerfliche Äußerungen erst den Charakter formen. Wir möchten darauf hinweisen, dass wir genau das in unserer Besprechung aufgegriffen haben. Zu keinem Zeitpunkt stempeln wir das Stück ab, sondern bieten Möglichkeiten einer Umsetzung auf der Bühne an. Wir bewerten den Text, der uns vorliegt; wir können eine Wertung nicht dahingehend auslegen, wie es werden könnte, wenn der dramaturgische Feinschliff vorgenommen wurde.

An welchen Stellen wäre eine Überarbeitung, in Form von Textänderungen oder dem eben bereits angesprochenen Hinzufügen einer weiteren Figur oder Kommentierens Fredenbeks unserer Auffassung nach erforderlich?
Bereits ausgeführt wurde von uns die Nutzung des Begriffs „Liliputaner“ (S. 20). Der Duden gibt einen besonderen Hinweis: „Die früher übliche Bezeichnung für kleinwüchsiger Mensch gilt heute weitgehend als diskriminierend und sollte nicht mehr verwendet werden.“ (Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Liliputaner) Wir empfinden die Szene mit der Überschwemmung durchaus als gelungene Komik, wenn es darum geht, die doch eher absurden Vorgaben des Gesetzes zu befolgen. Die Komik der Szene soll aber offensichtlich vorrangig auf Kosten von kleinwüchsigen MitbürgerInnen passieren, die dann auch noch diskriminiert werden. Es sollte ohne Diskriminierung funktionieren und dafür setzen wir uns ein. Selbiges gilt bei einer weiteren Szene, die Diskriminierung gegenüber körperlichen Behinderungen beinhaltet, die vermutlich für Lacher im Publikum sorgen soll: „Nehmen wir doch nur mal die Kommunikationsmöglichkeiten eines … sagen wir mal … Karl Dall. Die liegen auch nur geringfügig über denen von Goldfischen. Unter Ekstasegesichtspunkten sind sie ihm sogar überlegen. Dennoch hat er es zu etwas gebracht. […] Karl Dall als grüßender Steueroberamtsrat per Fahrrad, also umweltfreundlich, auf dem Weg zur Dienststelle. Darunter in großen Lettern: 'Können diese Augen lügen?'“ (S. 22f.)

Fredenbek präsentiert sich als belehrende Figur. Ob er Statistiken vorträgt oder die korrekte Anwendung von Grammatik und Rechtschreibung predigt. Genau diese Methoden hätten an Stellen zum Einsatz kommen müssen, wenn er selbst moralisch verwerfliche oder politisch inkorrekte Aussagen trifft. Beispielsweise hätte er darauf hinweisen können, dass die korrekte Bezeichnung auf Seite 22 „islamisch“ und nicht „islamistisch“ wäre.
Zusätzlich dazu sollte aus aktuellem Anlass noch einmal hervorgehoben werden, dass die Szene auf Seite 44f. keinerlei Komik unterliegt, die Weiterführung der Szene lässt aber darauf schließen, dass es komisch gemeint sein sollte. Das bedeutet nicht, dass wir das Thema aus der Kunst verbannen möchten - keinesfalls. Es geht uns nur darum, unmissverständlich klar zu machen, dass sensible Themen mit Bedacht inszeniert werden müssen.

Dass sich die Figur des Fredenbek diskriminierend gegenüber Menschen aus Italien äußert und sein Verhalten auch noch für richtig hält, haben wir ebenfalls schon angesprochen und Vorschläge gemacht, wie diese Szene auf der Bühne sensibel umgesetzt werden könnte. Doch derlei systematischer Rassismus steckt in einigen seiner Aussagen. Über einen Kollegen sagt er: „[E]in bissiger, furzender Pumuckl, der seine Bösartigkeit kaschiert, indem er eine samtrote 1001-Nacht-Pluderhose … und spitz zulaufende Schuhe trägt. Sie wissen schon, mit diesem runden Bommel an der Spitze. Ein orientalischer Aggressions-Muck.“ (S. 26) Auch hier wäre eine Fredenbek gegenüber gestellte Figur angebracht, um derartige Äußerungen zu hinterfragen.
Der Text präsentiert sich, wie wir schon ausführten, als Monolog, welcher dem Publikum sicher einiges an Konzentration abverlangt. Bleibt den ZuschauerInnen genügend Zeit, um diesen Gegenpol zu Fredenbek zu bilden und sämtliche politisch inkorrekten Aussagen, gedanklich einzuordnen und zu korrigieren? Kommt das Publikum überhaupt zu Wort? Eine weitere Figur könnte stellvertretend die Stimme des moralischen und feministischen Standpunktes des Publikums sein. Wenn keinerlei Änderungen oder Ergänzungen vorgenommen werden, würde dieser Text zu einem Theaterabend führen, der Diskriminierung, Sexismus und Rassismus das Wort erteilt.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.11.2020

Erfrischend andere Dystopie

Blue Sky Black. Ohne Dunkelheit keine Sterne
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Liebe Daisy,

heute möchte ich dir von Blue Sky Black von Johanna Danninger erzählen. Ich habe es jüngst auf Instagram entdeckt, wo es beworben wurde, da es eben erst (September 2020) bei Carlsen erschienen ...

Liebe Daisy,

heute möchte ich dir von Blue Sky Black von Johanna Danninger erzählen. Ich habe es jüngst auf Instagram entdeckt, wo es beworben wurde, da es eben erst (September 2020) bei Carlsen erschienen ist. Das Cover hat mich sofort in seinen Bann gezogen (gestaltet von Znaev/Kokarev/Banan/Peratek) und der Klappentext klang vielversprechend, so dass ich dem Buch unbedingt eine Chance geben wollte.

Die Protagonistin Mila lebt in einer von Naturkatastrophen geplagten Welt. Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche – ein Unglück jagt das nächste und das Leben, wie sie es bisher kannte, findet mit einem Schlag ein jähes Ende. Sie flieht von ihrer Heimat in den USA nach Kanada, das zumindest halbwegs verschont geblieben ist. Und während sie dort um ihr Überleben kämpft, formt sich eine neue Weltordnung. Angeführt von einer Weltregierung. Mila nimmt diese und die Regeln des neuen Regimes nur am Rande wahr – bis eines Tages ein junger Mann in ihr Leben stolpert und sie dazu bringt, diese zu hinterfragen. Kann es sein, dass die Regierung die unglückselige Situation für ihre eigenen Ziele ausnützt?

Genre
Ich möchte meine Buchbesprechung mit der Frage nach dem Genre dieses Buches beginnen. Einer durchaus schwierigen Frage. In dem Buchladen meines Vertrauens war es bei den Jugendbüchern ab 12 einsortiert. Online wird es bei demselben Anbieter ab 16 Jahren empfohlen. Es scheine also nicht nur ich Schwierigkeiten zu haben, es einzuordnen. Wobei ich eine Empfehlung ab 12 Jahren durchaus vertretbar finde. Aber zurück zu der Frage nach dem Genre. Woher rühren die Schwierigkeiten es zuzuordnen?
Ich glaube, zu einem gewissen Teil kommen sie von den Assoziationen, die das Cover auslöst. Es erinnert sehr an zahlreiche romantisch-erotische New Adult Romane, die momentan groß im Trend liegen. Entsprechend hatte ich etwas Angst, dass die Handlung zugunsten eintöniger Bettgeschichten zu kurz kommen würde, wie es bei New Adult Romanen oft der Fall ist. Hier aber – zum Glück! – nicht. Es ist insofern ein New Adult Buch, als dass sich die ProtagonistInnen alle in ihren 20ern befinden und sich selbst und ihren Platz in der Welt zu finden versuchen. Liebe spielt eine Rolle, aber (für mich zumindest) keine so tragende, wie der Text auf der Rückseite des Buches: „Wenn die Hoffnung stirbt, dann kämpfe, um zu lieben.“ anmuten lässt.
Also, wie klassifiziert sich dieses Buch? Ich würde es als romantische Dystopie bezeichnen.

Klischee Dystopie?
Das Wort Dystopie wird vermutlich auch für dich direkt Assoziationen hervorrufen. Der Dystopien Trend, der mit Den Tributen von Panem (Suzanne Collins) 2008 begonnen und etwa 2012 seinen Höhepunkt gefeiert hat, ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Die Klischees, die in fast jedem der unzähligen damals erschienenen Bücher vorkamen, sind uns noch immer bekannt: Eine scheinbar völlig durchschnittliche Protagonistin, die in einem unterdrückenden System lebt und dann auf einmal merkt, dass sie die Auserwählte ist, die die Gesellschaft von ihren UnterdrückerInnen befreien muss. Der Sturz des Systems im dritten Band der Trilogie. Nicht zu vergessen das obligatorische Liebesdreieck. All diese Bücher folgten unverkennbar diesem Schema. Doch wo reiht sich Blue Sky Black ein? Ich muss sagen, dass ich an dieser Stelle sehr positiv überrascht war. Gewisse Strukturen sind natürlich erhalten geblieben, sonst wäre es ein anderes Genre. Aber im Großen und Ganzen hat die Autorin hier etwas wunderbar Eigenständiges auf die Beine gestellt.

Erzählstil
Wesentlich war für mich hierfür der Erzählstil. Im Gegensatz zu vielen Dystopien, handelt es sich hier nicht um eine Erste-Person-Erzählung, die der Protagonistin folgt. Blue Sky Black ist in der dritten Person geschrieben und folgt den verschiedenen handelnden Figuren. Dadurch lernen wir verschiedene Standpunkte kennen und können diese, durch die externe Fokalisation, kritisch reflektieren.
Die Autorin schreibt in einem flüssig zu lesendem Stil, der auf blumige Beschreibungen verzichtet und sehr handlungsorientiert ist. Das unterstützt den dichten Plot, so dass sich die Spannung immer weiter aufbaut.

Die Figuren
Trotz der Erzählperspektive der dritten Person, hatte ich das Gefühl, dicht an den Figuren dran zu sein. Auch hier war wieder ein klarer Gegensatz zu denen aus Nullachtfünfzehn Dystopien zu erkennen: Es handelt sich um keine Stereotype, sondern um eigenständige Figuren. Ich hatte nicht das Gefühl, alles über sie zu wissen, aber es reichte, um mir ein Bild von ihnen, ihren Motivationen und Moralvorstellu zu machen. Wie allgemein in diesem Buch, hat die Autorin zugunsten des Plots auf einen Überfluss an Informationen über die Figuren verzichtet; ganz ähnlich wie Suzanne Collins das in Den Tributen von Panem getan hat.

Der Plot
Ich muss gestehen, dass ich den Plot nicht immer hundertprozentig schlüssig, beziehungsweise einige Entscheidungen nicht ganz nachvollziehbar fand. Aber diese Instanzen waren eher die Ausnahme als die Regel. Im Großen und Ganzen ist das Buch eine ausgesprochen runde Sache und die Welt, in der Mila lebt, wird schlüssig etabliert und im Folgenden auch, ganz ohne Hokuspokus, erklärt; nichts Selbstverständliches bei Dystopien. Auch nicht, dass das Ganze innerhalb eines Buches abgehandelt wird – das hat der Geschichte gutgetan.
Insbesonders spannend waren zudem die zeitgenössischen Corona Bezüge in diesem Buch. Keine Sorge, hier wurde nicht mit dem Holzhammer gearbeitet, aber immer wieder Dinge, wie ein gezüchteter Virus, ein Lockdown oder eine Figur, die das Reisen vermisst, eingeflochten. Somit konnte man direkt Bezüge zu den Problematiken der dargestellten Dystopie herstellen. Diese Parallelen zur realen Welt haben das Identifikationspotential gesteigert.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass mich dieses Buch auf allen Ebenen positiv überrascht hat. Es ist eine schlüssige Dystopie, die mich von Anfang an in ihren Bann gezogen hat. Falls du also ein Fan von der Mazer Runner Reihe (James Dashner), Uglies (Scott Westfield) und Den Tributen von Panem (Suzanne Collins) bist – das hier ist eine topaktuelle Mischung, die das Beste aus den drei Trilogien in einem kompakten Einzelband verbindet.

Deine Daffy

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