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Veröffentlicht am 27.08.2019

Hart, schnell, spannend

Eifeldeal
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Sprayer wollen die Wahrzeichen von Andernach am Rhein mit ihrem Tag versehen. Doch plötzlich bricht einer zusammen. Im Krankenhaus stirbt er mit Symptomen einer Tropenkrankheit, doch ohne Fieber. Im Blut ...

Sprayer wollen die Wahrzeichen von Andernach am Rhein mit ihrem Tag versehen. Doch plötzlich bricht einer zusammen. Im Krankenhaus stirbt er mit Symptomen einer Tropenkrankheit, doch ohne Fieber. Im Blut finden sich keine Anzeichen von Drogen. Diese muss Hauptmann Paul David a.D. aber leider auf seinem idyllischen Campingplatz im Pöntertal, bei Andernach-Kell beobachten und wirft die Typen hochkannt vom Platz, da versteht er keinen Spaß. Auch nicht, als er plötzlich in der Nähe Schüsse hört, die von der Grillhütte seines Onkels kommen. Ein Jugendlicher hat das Blockhaus gestürmt, wirkt wie von Sinnen und erschießt einen vermeintlichen Zombie, ehe Paul die Hütte erreicht hat und sich ihm ein Bild des Grauens bietet. Auch in seinem Blut sind keine Anzeichen von Drogen zu finden. Das ist für ihn unerklärlich und nagt an ihm. Als ihn dann ein kleiner lokaler Radiosender ins Visier nimmt, ist es zu viel. Alle Ermittlersinne sind geschärft und er beantragt eine Privatermittlerlizenz. Wer immer für diese Gräueltat auf seinem Platz verantwortlich ist, dem wird das Lachen vergehen.

Dies ist der 3. Fall von Paul David, Nato-Sonderermittler a. D., nach einem Bombenanschlag in Afghanistan. Seit diesem Anschlag fehlt Paul der linke Unterarm, der inszwischen durch eine bionische Prothese ersetzt wird. Dieses Handicap führt dazu, daß der Träger mehrerer schwarzer Gurte in diversen Kampfsportarten gerne mal unterschätzt wird. Auch wenn er nun schon in jungen Jahren im Ruhestand im Pöntertal mit seiner Tante Helga einen Campingplatz im Naturschutzgebiet betreibt, kommen seine Kampfkünste erstaunlich oft zum Einsatz. Dabei liegt das noch nicht einmal an seiner Freundschaft zu POK Kalle Seelbach von der PI Andernach. Sein Ermittlerinstikt ist einfach zu sensibel, er riecht den Ärger, 7 Meilen gegen den Wind. Paul ist eine Art-Superheld, eine einarmige-Einmann-Kampfmaschine, die manchmal an die Marvelhelden erinnert. Allerdings ist er bei all seinen vermeintlichen Superkräften sympathisch, was auch an seiner Tante und seinen Freunden liegt. Auch dieser Fall ist wieder hart, rasant und sehr spannend. Mit kurzen Schnitten mit Perspektivwechseln, die z.T. In der Ich-Form aus der Sicht von Paul David und dann wieder aus der distanzierten 3. Person, aus Sicht der Bösen bzw. der Opfer geschildert wird. Das ist als Erzählweise interessant und kurweilig. Auch interessant finde ich nach wie vor den Kniff, der Einspielung verschiedener Radiosender und ihrer unterschiedlichen Arten der Berichterstattung. Ich fand es super so viele bekannte Schauplätze mit zu besuchen und die Ermittlungen von Andernach nach Koblenz, Bonn, ins Ahrtal und in die Eifel zu begleiten. Immer spannend, nie langweilig. Allerdings habe ich immer so ein Problem mit Selbstjustiz und Rache. Gerade am Ende, als scharf geschossen wird, bekam ich Bauchgrummeln, das war Angriff, keine Verteidigung, denn da wo auf ihn geschossen wird, hat er nichts zu suchen, das ist Sache der Polizei. Gut, das kommt in fast jedem amerikanischen Krimi vor. Doch Freund Kalle betont, daß Paul in diesem Fall besonders gründlich ist, zum einen weil er im Visier der Medien gelandet ist und zum anderen weil er Jura studiert hat. Computernerd-Freund Steffen hat mittels inovativster Technik zuvor Unmögliches möglich gemacht, und auch sämtliche datenschutzrechtlichen Bestimmungen und Beweisverwertungsverbote über Bord geschmissen. Ich mag solche Gimmicks, auch wenn die Technik vielleicht noch nicht so weit ist, beim Hacking für einen guten Zweck bin ich mir immer etwas unschlüssig. Doch Paul David mag ich als unbewaffnete Kampfmaschine deutlich lieber, als als ballernder Schütze.

Der Fall ist spannend und leider realistischer als man meinen möchte, denn die Versuche in Militärlaboren der USA gab es früher tatsächlich und wahrscheinlich werden sie in einigen Ländern von bestimmten Regimen noch immer betrieben. Auch Hitler träumte von den Supersoldaten dank des LSD-Derivates Pervitin. Dennoch habe ich moralische Bauchschmerzen und ziehe trotz der tollen Schauplätze und der durchgängigen Spannung auf hohem Niveau einen Stern ab und komme auf gute 4 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 22.08.2019

Einfühlsam, spritzig und witzig!

Ich bin dann mal Prinzessin – Wie küsst man einen Prinzen?
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Ihre königliche Hoheit Olivia Grace Clarisse Mignonette Harrison Renaldo weiß nun seit rund 6 Monaten, daß sie von königlichem Geblüt ist und wohnt bei ihrer Familie im Palast von Genovien. Langsam gewöhnt ...

Ihre königliche Hoheit Olivia Grace Clarisse Mignonette Harrison Renaldo weiß nun seit rund 6 Monaten, daß sie von königlichem Geblüt ist und wohnt bei ihrer Familie im Palast von Genovien. Langsam gewöhnt sie sich ein, aber noch ist alles ziemlich neu. Ihre Halbschwester Mia und ihr Mann Michael (ja die aus dem Disney-Hit „Plötzlich Prinzessin“) erwarten nun jederzeit Zwillinge und im Fürstentum wütet „La Grippe“ eine üble Erkältungswelle. Obwohl Olivia und Prinz Khalil während der Sommerferien so viel Zeit mit einander verbracht haben und Pool-Tischtennis spielten und Leguane beobachteten, kommt er nun gar nicht mehr vorbei und verhält sich auch sonst ganz anders. Oliva kann es sich nicht erklären, sie waren doch so gute Freunde! Ihre New Yorker Freundin Nishi wittert amouröse Verwirrungen, aber sie ist ja auch voll jungsverrückt, das kann man nicht ernst nehmen. Viel ernster nimmt sie das Problem, daß alle sie überreden wollen mit zu den Winterspielen der königlichen Schulen in Stockerdörfl, dem Heimatort von Prinz Gunther zu fahren. Aber sie kann doch gar nicht Skifahren! Was soll sie da? Sie will doch auch auf keinen Fall die Geburt der königlichen Babys verpassen, aber wegen „La Grippe“ fehlt es an Teilnehmern und Begleitpersonen. Erstmals in der Geschichte dieser Winterspiele von blauem Geblüt, droht die Teilnahme der Royal Genovian Academy auszufallen. Quelle horreur!

Diese Reihe ist ein Spin off von Mega Cabots Erfolgsreihe „Plötzlich Prinzessin“, so daß man nebenbei auch erfährt, wie es Prinzessin Mia so ergeht und auch Grandmére bleibt den Fans erhalten. Über sie können meine Tochter und ich uns immer besonders amüsieren! Wer nun Angst hat, die ganzen familiären Verbindungen durcheinander zu bringen, der sorgt sich umsonst. Im Einband befindet sich ein von der Autorin gezeichneter Stammbaum, für dessen Richtigkeit Meg Cabot mit ihrem guten Namen steht. Einzig Lady Luisa, die gemeine und intrigante entfernte Cousine und Klassenkameradin von Olivia ist nicht verzeichnet, aber bei einer so großen Familie, ist nur Platz für ihre wichtigsten Mitglieder. Außerdem stellt Luisa dank ihrer Gemeinheiten jederzeit sicher, daß sie unvergesslich bleibt. Ihre Intrigen sind der wunderbare Kontrapunkt zur herzensguten und lieben Olivia, die sie natürlich furchtbar langweilig und eine Spaßbremse findet. Das kann diese nicht auf sich sitzen lassen, wodurch sie immer wieder in ganz schön peinliche Situationen gerät. Wie gut, daß auch sie Tagebuch führt, denn einige Gedanken sind so vertaulich, daß sie sie nicht einmal Nishi anvertrauen kann, nur ihrem Tagebuch. Aber auf so einer Fahrt ist Tagebuchschreiben manchmal ein wenig ungünstig, was immer wieder zu weiteren heiteren Komplikationen führt. Ein wahres Wechselbad der Gefühle für die bald 13-jährige Olivia. Sie schwankt zwischen Freude, Peinlichkeit, Wut, Mitleid, Entschlossenheit, Hilfsbereitschaft.... ganz schön viel, was sie sich da vorgenommen hat und Luisa und Grandmère machen es ihr auch nicht immer leichter.

Meine Tochter (12) war sofort wieder in Olivias königlicher Welt drin und erzählte mir alles über Olivias Hund und den verzogenen von Grandmère und die Wetten der Buchmacher.... klar, sie hat ja auch die Hörbücher der ersten zwei Bände ein paar mal mehr gehört als ich. Aber auch ich habe sofort wieder hineingefunden und bin dann durch die Seiten geflogen. Viel zu gut habe ich mich amüsiert, um nicht sofort wieder weiter zu lesen! Sehr locker flockig geschrieben, zwischendurch sind ein paar Handynachrichten an Nishi eingeflochten, auch wenn sie dieses Mal bei all dem Trubel nicht allzu viel Zeit hat, ihr alles zu berichten. Außerdem hat die Autorin immer wieder kleine Zeichnungen eingefügt, die Dargestellten wunderbar treffend charakterisieren.

Ja, es geht diesmal tatsächlich um die erste Liebe, aber ganz zart, so daß ich den Originaltitel „Royal Crush“ in etwa königliche Schwärmerei passender findet. Angst vor Knutschszenen ist unbegründet, die Zielgruppe sind immerhin Mädchen von 10 – 12 Jahren, also jünger als bei „Plötzlich Prinzessin“. Meine Töchter gehören beide zur Zielgruppe und finden die Reihe sehr witzig. Auch dieser Band hat uns nicht enttäuscht und wir sind schon sehr neugierig, wie es weitergeht und freuen uns auf weitere Fiesheiten von Lady Luisa, die der Serie die richtige Würze verleiht. Tatsächlich werden auch Probleme und Themen angesprochen, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte: Empathie, Mitgefühl und ein achtsamer Umgang miteinander.

Veröffentlicht am 18.08.2019

Diese Hausgemeinschaft ist etwas Besonderes

Familie Flickenteppich 1. Wir ziehen ein
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Emma (8 ¾, 3. Klasse), Ben (10, 4. Klasse), Jojo (4,5 Jahre, Kindergarten) und Papa und bester Koch der Welt Olly Engl müssen umziehen. Nachdem Mama beschlossen hat mit ihrem neuen Freund in Australien ...

Emma (8 ¾, 3. Klasse), Ben (10, 4. Klasse), Jojo (4,5 Jahre, Kindergarten) und Papa und bester Koch der Welt Olly Engl müssen umziehen. Nachdem Mama beschlossen hat mit ihrem neuen Freund in Australien auf Tour zu gehen und sich ihren Lebenstraum zu erfüllen, ist ihr Haus zu groß und teuer. Nun rücken sie enger zusammen und ziehen in eine der Wohnungen im Haus Nr. 11. Als Emma das Abendessen zubereiten will, fallen ihr die Eier für die Pfannkuchen herunter und was anderes fürs Abendbroten haben sie noch nicht. So lernt Emma fast alle Nachbarn und ihre Besonderheiten kennen und vor allem die Zwillinge Aylin und Tarek, die so alt sind wie sie und in der Wohnung gegenüber mit ihrer Mutter Selda wohnen. Außerdem lebt die liebe, alte Frau Becker unterm Dach, ebenso wie Stella und Doris mit ihren Tieren. Im Erdgeschoss bei den Wohnungen mit den Gärten ist es anders. In der einen wohnen Erbsenzähler, die sich zum Glück als die Großeltern von Bens neuem Klassenkameraden Freddy herausstellen und der geheimnisvolle Graf, den nie jemand zu Gesicht bekommt. Freddys Großeltern meinen sogar, er sei untergetaucht. Doch warum steht dann ein blitzsauberes Fahrrad in seinem Kellerverschlag und die Gardinen bewegen sich? Das müssen die Kinder aus der Nr. 11 ergründen!

Nur weil Kinder das gleiche Alter haben, müssen sie sich nicht automatisch verstehen. Zum Glück stimmt in der Nummer 11 die Chemie unter den Kindern! Welch eine Erleichterung, als Emma und Ben bei ihrer Tour durchs Haus, als sie bei Selda, Aylin und Tarek klingeln.. Zuvor waren sie bei den Erbsenzählern, die doch eher einschüchternd waren! Wie es im Leben ist, ist jeder Jeck anders, man muß ihn nur zu nehmen wissen. So wächst auch die Hausgemeinschaft, dank der quirligen Kinder und ihren vielen Ideen schnell zusammen. Dabei haben die Kinder viele moderne Probleme, auf die Stefanie Taschinski sehr sensibel und einfühlsam eingeht. Da kann man leicht schon einmal eine Mücke in die Augen bekommen. Die berufstätigen Eltern haben wenig Zeit für die Kinder und lösen dieses Problem auf unterschiedliche Weise. Der etwas wilde Freddy ist ständig bei seinen strengen Großeltern, die für Zucht und Ordnung sorgen, während Emma, Ben und Jojo lernen müssen selbstständig zu werden und auf einander aufzupassen, während ihr Vater sein Restaurant leitet. Selda hat da mehr Zeit, kann sie aber nicht immer für die Kinder nutzen, weil die Traurigkeit über den Unfalltod ihres Mannes sie lähmt. Auch hier müssen die Kinder immer wieder Verantwortung übernehmen. Meine Tochter (10) war doch recht erstaunt, wieviel diese Grundschüler schon alles selbst auf die Reihe bekommen müssen, da wird auch bei den Hausaufgaben schon mal geschludert, sehr zum Missfallen von Freddys Großeltern.Im direkten Vergleich merken Kinder, daß beide Betreuungsvarianten seine Vor- und Nachteile haben. Die Freiheit des fröhlichen Spielens am Nachmittag, hat als Kehrseite, daß die Kinder sich auch öfters selbstständig ins Bett bringen müssen, was gerade die Jüngste nicht gut schafft. Die Kinder sind dennoch sehr fröhlich und offen und machen das Beste aus ihrer Situation, auch wenn sie dafür schon mal komisch angeguckt werden. Aber ihr Zusammenhalt wächst dadurch umso mehr, ebenso wie durch ihre großen und kleineren Geheimnisse und ihre Aktionen Mädchen gegen Jungs. Bei diesen müssen sie oft genug feststellen, daß es gemeinsam besser klappt, als gegeneinander. Der Schreibstil ist sehr flüssig und kindgerecht. Geschildert werden die Erlebnisse aus Emmas Sicht, aus der Ich-Perspektive. Man hat das Gefühl ganz in Emmas Gedanken hineinkriechen zu können. Das spricht natürlich Mädchen mehr an als Jungs ab 8 Jahren, für die diese turbolent-tolerante Familiengeschichte dennoch auch abenteuerlich-unterhaltsam ist. Die farbigen Illustrationen lockern den Text fröhlich auf. Aufgrund der Zielgruppe ab 8 Jahren, ist die Schrift noch größer, aber von den Kapitellängen und der Textmenge her richtet es sich eindeutig an Leser und nicht Lesemuffel. Allerdings ist es auch sehr gut zum Vorlesen geeignet, auch für jüngere Kinder, sofern sie sich auf längere Texte ohne Bilder konzentrieren können.

Das Geheimnis des Grafen hat mich nicht ganz überzeugt, dafür hätte ich bei einem Erwachsenenbuch einen Stern abgezogen. Meine Tochter fand es jedoch einleuchtend und aus Kindersicht ist es plausibel. Das ist es, was für mich zählt, fast so sehr, wie sein gutes Herz.

Meiner Tochter hat dieses Buch sehr gut gefallen. Als ich sie fragte, was ihr am Besten gefallen habe: Das Freddys Großeltern letztendlich doch lieb sind, da ist mir ein Stein für ihn vom Herzen gefallen.

Einfühlsam und unterhaltsam, so sollen Familiengeschichten sein!

Wir bedanken uns ganz herzlich beim Oetinger Verlag und Lovelybooks für diese Leserunde.

Veröffentlicht am 16.08.2019

Internatsgeschichte auf Ausbrecherniveau!

Die Unausstehlichen & ich - Das Leben ist ein Rechenfehler
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Enni (11) ist ein Heimkind, das schon in verschiedenen Heimen, WGs und auch Pflegefamilien war. Doch mit ihren Wutausbrüchen, bei denen es in ihren Ohren rauscht und sie nur noch rot sieht, bleibt sie ...

Enni (11) ist ein Heimkind, das schon in verschiedenen Heimen, WGs und auch Pflegefamilien war. Doch mit ihren Wutausbrüchen, bei denen es in ihren Ohren rauscht und sie nur noch rot sieht, bleibt sie nirgends lange. Bis sie in eine wirklich nette Pflegefamilie kommt, die sie wie eine Tochter behandelt. Ihr Pflegebruder Noah (12) ist einsame Spitze! Hier will sie nie wieder weg. Doch dann muß der Pflegevater beruflich in die Schweiz, da soll Enni dann doch nicht mit. Noah flippt aus und zieht Enni in seinen unüberlegten Plan mit hinein. Da ist Ärger vorprogrammiert und Enni landet in einem piekfeinen Privatinternat für Schüler mit besonderen Bedürfnissen. Eigentlich ist es dort gar nicht schlecht, selbst die Lehrer erkennen ihre mathematische Begabung. Doch Enni will abhauen und Noah finden. Leider gleicht Internat Saaks fast einer Festung und diese zu verlassen wird ihre kniffeligste Knobelaufgabe, bei der sie zwangsläufig Hilfe braucht....

Nach ihrer Ausbruchsaktion muß Enni zum Schulpsychologen, da erzählt sie dann die ganze, wahre ungeschönte Geschichte. Natürlich mit den in Saaks verpönten und strafbewehrten Flüchen und Schimpfwörtern. Aber was soll man schon sagen, wenn das Leben …. Eben! Der Psychologe lässt sie ungeschönt reden, aber in einem Kinder- und Jugendbuch? Da hilft nur die Zensur und an Stelle jedes unziemlichen Begriffes gibt es längere oder kürzere Zensurpiepse, je nachdem wie ausschweifend sie sich auslässt. Was beim Lesen lustig ist und seiner Schimpfkreativität freien Lauf lässt, kann beim Hören bisweilen ganz schön nerven, insbesondere wenn Enni auf 180 ist. Zum Einschlafen stört es ganz besonders, man gewöhnt sich langsam daran, aber es ist suboptimal.
Durch die Ich-Perspektive weiß der Hörer immer nur so viel, wie Enni bzw. so viel, wie sie von sich Preis gibt, denn über ihre Eltern spricht sie nicht und wehe wer sie bei dem Namen nennt, den ihr ihre Eltern gaben! Das dürfen nur diese.

Enni hat viel mitgemacht bisher in ihrem Leben und sich diverse Überlebensstrategien angeeignet, über die die meisten Hörer aus behüteten Elternhaus nur staunen können (und die sie hoffentlich nicht anwenden wollen).

Richtig toll finde ich den Inklusionsgedanken in dieser Geschichte. Alle haben ihren Ballast mit sich herum zu tragen, aber niemand möchte deswegen bemitleidet werden, sondern als Mensch für voll genommen werden. So lernt man durch Enni, die fast schon alles gesehen hat, ihre Mitschüler mit ihrem Blick kennen, immer erst die Person mit ihren Besonderheiten, bis auf das Handicap, das erwähnt sie immer so nebenbei. Das finde ich sehr charmant, mal den Focus weg von der Behinderung zu nehmen und sei es „Diätis“ (dieser Begriff, ist doch ein Knaller, oder?). Jeder von ihnen trägt sein Päckchen mit sich herum, dennoch hatte ich jetzt nie den Eindruck, daß die Autorin es jeder Minderheit recht machen wollte, damit sich jeder angesprochen fühlt. Nein, die Personen werden ungeschönt dargestellt, mit ihren Stärken, aber auch Schwächen. Die einen werden dadurch sympathischer, aber nicht alle - wie im echten Leben.

Enni ist so ungewöhnlich, daß die Geschichte zu überraschen mag. Es ist nicht von Anfang an klar, was mit Enni passiert, man weiß nur sie hat Ärger und echt was auf dem Kerbholz und muß nun mit einem Psychodoc sprechen, wer das aber ist, zeigt sich erst nach ein paar Kapiteln, weil diese Erkenntnis bereits etwas über das Ende verrät, aber es ist ja auch eine Fortsetzung mit den Unausstehlichen geplant, da wird Enni wohl kaum von diesen getrennt werden. Dennoch eine wirklich erfrischende Erzählweise.

Da ich beruflich den ganzen Tag mit Dingen zu tun habe die schief gehen und mein Mann Sonderpädagoge ist, war es mir wichtig, mit den Kindern Geschichten kennen zu lernen, in dem Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu Wort kommen und die Geschichte aus ihrer Sicht schildern dürfen, denn dann klingt es oft ganz anders. Es geht mir auch um das Vermitteln von Respekt! Auch diesen Kindern gegenüber, die aus welchen Gründen auch immer, nicht bei ihren Familien leben. Das ist Vanessa Walder, der Autorin von „Das wilde Mäh“ und noch über 80 weiteren Kinder- und Jugendbüchern, ausgezeichnet gelungen. Dabei geht es nicht um pädagogische Phrasen, sondern es wird eine spannende Internatsgeschichte auf Ausbrecherniveau mit besonderen Schülern. Dabei wird es am Ende noch mal besonders spannend und mit einem ganz erhebenden Solidarisierungsende – da bleibt kein Herz unbewegt und das Auge nicht unbedingt trocken.
Maximiliane Häcke ist eine perfekt gewählte Sprecherin. Sie klingt jung, etwas eckig und kantig. Da klingt das „Vorsicht, nicht anfassen!“ gleich schon in der Stimme mit. Sie beherrscht die Emotionenklaviatur von rotzig-rebellisch bis unsicher und verstört. Das ist auch dringend nötig, da einige der Mitschüler sich nicht ganz so tough präsentieren wie sie. Die Lautstärke ist sehr gut ausbalanciert. Schwankungen sind lediglich gefühlt, aber nicht real, d.h. der Lautstärkeregler kann durchgehend auf einer Position bleiben. Alles ist gut verständlich. Im Innenteil der Klapphülle findet man eine farbige Illustration von Barbara Korthues mit den Hauptdarstellern und Infos zur Specherin und Autorin.
Die Geschichte und die Sprecherin haben uns ausgezeichnet gefallen, das Zensur-Gepiepse leider nicht. Beide Töchter (und die Mutter) warten schon ganz gespannt auf die Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Geschichte für ältere Kinder ab 9/10 Jahren.

Veröffentlicht am 09.08.2019

Lauft, Mädchen, lauft!

Der Blütenjäger
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Laura Kern ist Spezialermittlerin beim LKA Berlin und wird hinzugezogen, wenn es kniffelig wird. Dies ist z.B. der Fall, wenn wie aktuell zwei sehr junge Frauen, kurz nacheinander erschossen im Spanndauer ...

Laura Kern ist Spezialermittlerin beim LKA Berlin und wird hinzugezogen, wenn es kniffelig wird. Dies ist z.B. der Fall, wenn wie aktuell zwei sehr junge Frauen, kurz nacheinander erschossen im Spanndauer Forst gefunden werden. Beide barfuß und mit funkelnden Abendkleidern, eine Blüte neben sich und ein Foto, welches sie in provozierenden Tanzposen in der Disco zeigt. Ist dies der Beginn einer Mordserie und heißt das, daß weitere Morde zu erwarten sind? Während der Ermittlungen tappen die Kriminalisten lange im Dunkeln, doch Laura spürt die Dämonen der Vergangenheit sich nähern. Sie verbindet mit den jungen Opfern mehr, als ihre Kollegen ahnen, daher kniet sie sich besonders in die Arbeit. Es scheint eine Verbindung zwischen den Opfern zu geben, daher wird die Psychologin Dr. Niemeyer hinzugezogen, um ein Täterprofil zu erstellen. Dennoch scheinen alle Überlegungen im Sande zu verlaufen, bis sie mit ihrem attraktiven Kollegen Taylor nachts bei einer illegalen Überwachung ein weiteres Opfer findet und dieses auf eine weitere Vermisste hinweist. Der Zeitdruck ist nun enorm!

Auch ohne Vorkenntnisse zur Reihe bin ich gut in den Fall hineingekommen. Laura offenbart dem Hörer ihr traumatisches Geheimnis, daß selbst ihre Kollegen und ihr Liebhaber Taylor nicht kennen dürfen. Zu empfindlich ist auch nach 20 Jahren ihre Seele noch in Bezug auf das Erlebte. Für Neueinsteiger ist eine solche Schlüsselszene natürlich optimal.
Laura ist verschlossen, aber durchaus sympathisch und engagiert. Gerne arbeitet sie mit anderen zusammen, gerade wenn sie wie hier, völlig im Dunkeln tappt, da kann jeder neue Gedanke hilfreich sein. Sehr lange folgt man den Opfern nacheinander durch den dunklen Wald, verfolgt von einem Peiniger, den sie nicht sehen. Über Wurzeln stolpernd, einer vergeblichen Hoffnung auf Rettung folgend. Man lernt die Opfer in ihrer Gefangenschaft kennen, wie sie Kontakt zu einander aufnehmen und begreifen, daß sie auf Vorrat gefangen werden, damit sie ahnen, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Die wachsende persönliche Bindung untereinander, machte das Grauen vor der bevorstehenden Jagd auf sie unerträglicher.

Zudem werden Rückblicke zu einem Familiendrama vor 20 Jahren eingeblendet, in welchem die konsultierte Psychologin Dr. Niemeyer behutsam versucht Jungen, die eine Tragödie erlebt haben, bei der Freilegung ihrer Erinnerungen zu helfen. Doch wie gehören die beiden Fällen zusammen? Der Hörer beginnt sich zu fragen, was sie verschweigt.

Man folgt den Ermittlern in die Welt der Discotheken und zwielichtiger Gestalten. Nicht nur der Besitzer des Clubs ist suspekt und Laura zutiefst unsympathisch. Es bieten sich auch weitere Verdächtige an, aber keiner scheint so richtig zu passen.

Der Thriller baut seine Spannung aus dem Element der Verzweiflung, dem Wissen der Opfer, dass ihre Zeit bald abläuft und dem stetig wachsenden Ermittlungsdruck auf. Wie eine Blüte entblättert sich Hinweis für Hinweis, unter Druck aber mit der erforderlichen Zeit, bis sich am Ende die Ereignisse überstürzen. Es geht um Psychologie und Geheimnisse aus der Vergangenheit, nicht um Ekel. Für einen Thriller ist dieser Fall recht unblutig und der Hörer steht auch nicht mit am Seziertisch. Dennoch fiebert man mit und möchte wissen, wer denn die Grausamkeit besitzt junge Frauen zu fangen, zu Jagen und aus dem Hinterhalt zu erschießen.

Soweit fand ich die Geschichte auch schlüssig. Was mich während des Hörens aber immer beschäftigte, war die Frage, weshalb Taylor der nun gerade seinen Profilinglehrgang beendet hat, kein eigenes Profil erstellt, sondern gleich eine externe Psychologin? Er ist ein gewiefter Ermittler mit brillanten Verstand und logischen Überlegungen, aber das gerade Erlernte, wird noch nicht einmal ansatzweise eingebracht. So uneigenständig im Denken, daß er wegen einer beigezogenen Spezialistin auf eigenes Denken verzichtet, erscheint er mir nicht. Er ist sich seiner Fähigkeiten eigentlich durchaus bewußt, ohne falsche Scheu.

Mit diesem Band der Reihe wechselt die Sprecherin von Svenja Pages zu Beate Rysopp. Svenja Pages ist auch eine gute Wahl, die ich mir sehr gut vorstellen kann, aber auch Beate Rysopp finde ich gelungen. Der Prolog beginnt aus Sicht des jüngsten Opfers, was mich etwas zweifeln ließ, denn nach Partymäuschen klingt sie nicht so recht, dafür ist ihre warme Stimme zu reif, aber für die erfahrene Ermittlerin, die bisweilen zwischen ihren eigenen Ängsten, Bedürfnissen und ihrer eigenen Anspruchshaltung hin- und her gerissen ist, passt sie sehr gut. Sie schafft es gekonnt die Klaviatur der Gefühle stimmlich in voller Bandbreite abzurufen. Wie alt Laura Kern ist, erfährt man zumindest in diesem Fall nicht.

484 Minuten rätselhafte Spannung, bei der ich gebannt mitfieberte und über mögliche Täter und Zusammenhänge nachgrübelte. Ungekürzt.