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Veröffentlicht am 02.03.2021

Ein Sommer des großen Glücks, des tiefen Schmerzes

Hard Land
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Was für eine Lesereise! An der Seite von Sam den Sommer zu erleben, der alles verändern soll, ist so viel: Abenteuer, Liebe, große Trauer. Oder kurz gesagt, pure „Euphancholie“ – ein Wort, das Wells eigens ...

Was für eine Lesereise! An der Seite von Sam den Sommer zu erleben, der alles verändern soll, ist so viel: Abenteuer, Liebe, große Trauer. Oder kurz gesagt, pure „Euphancholie“ – ein Wort, das Wells eigens für diesen Roman geschaffen hat.
Die Metamorphose, die Sam in nur wenigen Monaten durchläuft, gleicht der einer Raupe zum Schmetterling. Vielleicht noch nicht voll entwickelt, aber im Entstehen begriffen und dabei, seine Flügel langsam zu entfalten. Aus dem schüchternen introvertierten Einzelgänger wird ein junger Mann, der durch das Wunder der Freundschaft und Liebe lernt, seine Scheu vor Menschen zu überwinden und sich mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen. Ihn dabei begleiten zu dürfen, hat mich zum Staunen, Schmunzeln, Lachen gebracht – und mir wunderbare Lesestunden bereitet.
Doch Glück und Unglück liegen oft so nah beieinander – und sind hier die zwei Seiten eines Sommers. Der Verlust, den Sam so tragisch erleiden muss, ist derart heftig und elementar, dass er droht, seine alte und neue Welt aus den Fugen zu heben und all das Schöne in Frage zu stellen. Doch gerade seine Freunde und seine Liebe sind es dann, die ihn durch diese erste Zeit des Schmerzes tragen und ihn einen Weg zurück ins Leben finden lassen.
Dass mich ein Buch zu Tränen rührt – war das jemals der Fall? Wells hat es vermocht, und es hat mir gefallen: so nah bei Sam und seiner Geschichte zu sein, die Intensität seiner Gefühle in mir selbst zu spüren, mit ihm Stunden der Fülle und des Überflusses zu erleben. Dankbar und euphancholisch bis zur letzten Seite.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.02.2021

Grandios – ein großer Erzähler, eine Landschaft voll überbordender Schönheit

Big Sky Country
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Groß und weit wie das Land und der Himmel, der dieses überspannt, legt Callan Wink seine epische Erzählung über Aufwachsen, Leben und Sein in Montana an. An Augusts Seite habe ich mich in die raue Landschaft ...

Groß und weit wie das Land und der Himmel, der dieses überspannt, legt Callan Wink seine epische Erzählung über Aufwachsen, Leben und Sein in Montana an. An Augusts Seite habe ich mich in die raue Landschaft mit ihren Gebirgen, Seen und der schier überbordenden Natur verliebt, habe das harte, einfache, ursprüngliche Leben als Rancher zu schätzen gelernt und Alleinsein als etwas erfahren, das Ruhe, Glück und Gelassenheit gebären kann.
Gerade diese Reduktion, Entschleunigung, das ruhige, gemächliche Tempo sind es letztendlich auch, was mich an diesem Roman so fasziniert und ihn für mich in die Tradition der großen amerikanischen Erzähler stellt. Die Handlung entwickelt sich langsam, unaufgeregt, Höhepunkte sind sparsam gesetzt. Und doch geschieht ganz viel, in der Entwicklung der Charaktere – geprägt, verflochten und als Teil der Landschaft, die maßgeblich auch zum Teil der eigenen Persönlichkeit wird. Die Liebe zu dem Land und seiner Schönheit scheint dabei zwischen den Zeilen jeder einzelnen Seite durch und wird zu einer Schönheit des Textes, seiner Bilder, seiner Figuren.
Rau ist jedoch nicht nur die Landschaft, auch das Leben seiner Menschen kann es sein. Gewalt – auch sexuell motivierte –, Unfälle, Entbehrungen – Callan Winks Figuren haben so einiges zu erdulden. Jedoch sind Schmerz, Leid und Qual auch Teil ihres Reifeprozesses und der Anpassung an eine Natur, die nicht nur zu geben sondern auch zu nehmen vermag und oftmals keine Gnade kennt.
„Big Sky Country“ ist für mich eine große Entdeckung – eines begnadeten Erzählers, eines Landes – wunderschön und so gewaltig – und vieler Leben, die Einzug in mein Herz gefunden haben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.02.2021

Poesie und wunderschöne Worte für eine Kindheit voll Schmerz und Einsamkeit

Kindheit
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Was für ein wunderbares Büchlein! Nur gering an Seiten, ist es doch randvoll mit ganz viel Großem – zuvorderst einer Sprache, so voller Poesie, Gefühl und Gedanken, die mich verzaubern, hinfort tragen. ...

Was für ein wunderbares Büchlein! Nur gering an Seiten, ist es doch randvoll mit ganz viel Großem – zuvorderst einer Sprache, so voller Poesie, Gefühl und Gedanken, die mich verzaubern, hinfort tragen. Doch so schön in Wort und Bild, so bedrückend, gar traurig ist das Geschilderte.
Tove fühlt sich nicht zugehörig – weder der Familie, den Klassenkameraden noch der Gesellschaft. Sie unterscheidet sich, ihre Sicht auf die Welt ist eine andere, und immer wieder sind da die Worte, die sie durchströmen, durchdringen, ihr eine eigene Sprache geben. Das macht sie zu einer Einzelgängerin, der die Identifikationsmöglichkeiten und Verständnis anderer fehlen, der Austausch mit Menschen, die ihren Gedanken und Gefühlen und zuvorderst ihrem Schreiben gegenüber offen und vorurteilsfrei sind. Immer wieder wünscht sie sich nur den einen Menschen, der ihre Gedichte versteht, der diese mit Interesse und Ernsthaftigkeit betrachtet, sie als das zu sehen vermag, was sie sind: Kunst.
Sind Toves Empfinden, ihre Weltsicht und ihre hohe literarische Begabung das, was sie von anderen trennt, so ist ihre Poesie zugleich auch ihre Zuflucht in einer Zeit der Einsamkeit und Traurigkeit. Ohne eine wahre Freundin oder Freund an ihrer Seite, ohne einen Seelenverwandten das Erwachsenwerden erleben zu müssen, ist eine große Bürde für sie, verstärkt durch die fehlende emotionale Nähe in ihrer Familie. Toves Flucht in ihr Schreiben ist eine Flucht in sich selbst, ihre Worte, mit denen sie Gefühlen Ausdruck verleiht, die sie sonst mit keinem teilen, auf keinem anderen Wege zu äußern zu vermag.
Dieses Leseerlebnis war ein ganz besonderes. Schon lange hat mich ein Buch nicht mehr so berührt, angesprochen, mit in eine Welt lange vor meiner eigenen gezogen. Eine große Entdeckung für mich, die Entdeckung einer großen Schriftstellerin. Dafür bin ich dankbar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 24.01.2021

Die Entrechtung einer Frau – und dann die große Liebe?

Hingabe
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Verwirrt, erschrocken, ratlos – selten hat mich ein Buch so zurückgelassen, hat derart unerwartete und zum Teil auch widersprüchliche Gefühle in mir ausgelöst. Das Zusammenleben, ja vermutlich auch das, ...

Verwirrt, erschrocken, ratlos – selten hat mich ein Buch so zurückgelassen, hat derart unerwartete und zum Teil auch widersprüchliche Gefühle in mir ausgelöst. Das Zusammenleben, ja vermutlich auch das, was viele gemeinheim als Beziehung bezeichnen würden, von Tomás und Suiza beginnt mit Vergewaltigung, Entführung, Missbrauch und fußt bis zum Schluss auf einem Ungleichgewicht beider Partner – und der Unterdrückung und für mich auch Entrechtung Suizas. Und das war es auch, was mir über weite Strecken den Zugang zu dem Buch erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht hat.
Suiza ist Tomás Besitz, daraus macht er keinen Hehl – weder mit Worten noch mit Taten. Und dies ist auch gar nicht nötig, scheint diese Form des Denkens und Handeln doch allgemein akzeptiert und weit verbreitet zu sein. Suiza ist ihm unterstellt, er ist ihr Herr, ihr Lehrer, derjenige, der Rahmen und Spielregeln ihres Zusammenlebens setzt. Und doch besitzt auch Suiza eine Macht über Tomás, und zwar eine emotionale, die ihn an sie kettet, eine sexuelle, die ihn schier rasend macht in seiner Gier, seiner Begierde, seinem Trieb, und zudem die Macht, Prozesse des Wandels - und möglicherweise der Entwicklung - in seinem Charakter, Denken und Verhalten in Gang zu setzen. Tomás und Suiza treten damit in eine gegenseitige Abhängigkeit, ketten sich aneinander, empfinden schließlich möglicherweise eine Art von Liebe füreinander. Eine Liebe, die mit dem klassischen, romantischen Verständnis von Liebe wenig zu tun hat, die sich mit körperlichen und seelischen Gewaltakten vereinbaren lässt.
Belpois hat eine wunderschöne, poetische Sprache, die mir über die Momente des größten Schreckens, des Widerwillens und auch der Abneigung immer wieder hinweggeholfen hat. Das erkenne ich an als eine große Leistung, denn solche Momente gab es zahlreich. Und auch dass ein Buch derartige Reaktionen in mir hervorruft, mich nicht loslassen will, ich ein „Warum“ einfach nicht erkennen, eine Erklärung für mich nicht finden kann, ist es etwas Besonderes. Leider in Teilen auch etwas besonders Schmerzhaftes, Verstörendes, Trauriges.

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Veröffentlicht am 29.12.2020

„88 Namen“ für: Das ist wirklich abgedreht!

88 Namen
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Nach den ersten Seiten war ich erst einmal irritiert. Was sind das für Abkürzungen, was bedeuten diese Begriffe, in welcher Welt bewege ich mich eigentlich gerade? Und dabei dachte ich, dass mir Gaming, ...

Nach den ersten Seiten war ich erst einmal irritiert. Was sind das für Abkürzungen, was bedeuten diese Begriffe, in welcher Welt bewege ich mich eigentlich gerade? Und dabei dachte ich, dass mir Gaming, Computerspiele gar nicht mal so fremd sind – allerdings eher aus der Außen- als aus der Innenperspektive. Und wie ich jetzt weiß: Das macht einen großen Unterschied. Zum Glück habe ich da diesen einen Freund. Der, der viele seiner Tage und Nächte in virtuellen Welten verbringt und mir als lebendiges Wiki geduldig den einen und auch den anderen Begriff erklärt hat, mir so ganz viel dabei geholfen hat, mich in Ruffs virtuellen Welten zurechtzufinden und zugleich meine Neugierde auf Onlinerollenspiele geweckt hat. Da wollen wir zukünftig ansetzen…
Dank dieser individuellen Betreuung haben wir über die Advents- und Weihnachtszeit nicht nur unseren Kontakt wieder intensiviert – was für ein wunderbarer Nebeneffekt dieses Buches! –, sondern auch die Geschichte hatte so die Möglichkeit, mich immer weiter in ihren Bann zu ziehen. Und Ruff bietet dem Leser so einiges, wenn dieser es nur vermag und gewillt ist, sich auf schräge Figuren, Handlungen fernab des Gewöhnlichen und auf einen Plot einzulassen, der so wohl nur in einer seiner Welten zu einem Plot werden kann. Womit er mich letztendlich aber so richtig gekriegt hat, war eine wirklich, wirklich coole Weltraumschlacht – gleich gefolgt von einer Zombiewelt, die mir eine wohlige Gänsehaut unter dem Weihnachtsbaum zauberte. Großartig!
Ich habe diesen Ausflug auf für mich unbekanntes Terrain nicht bereut – im Gegenteil. Auch, wenn ich mich nach den ersten Seiten ein wenig verzweifelt gefragt habe, ob ich wohl überhaupt zu der angestrebten Zielgruppe dieses Romans zähle. Aber vielleicht ist es genau das, was Ruff möchte: irritieren, verwirren, das Infragestellen des Gewohnten. Hat er alles bei mir geschafft. Und was er letztendlich noch geschafft hat: Ich fühlte mich gut unterhalten – in der VR in meinem Kopf.

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