Starker Roman über Mutterschaft, Muttersprache und Herkuft
Mutters SpracheWlada Kolosowa hatte mich mit ihrem einzigartigen Roman „Der Hausmann“ (unbedingt lesen!) sehr begeistert, daher habe ich mich sehr auf ihr neues Buch „Mutters Sprache“ gefreut. Allein schon das Cover ...
Wlada Kolosowa hatte mich mit ihrem einzigartigen Roman „Der Hausmann“ (unbedingt lesen!) sehr begeistert, daher habe ich mich sehr auf ihr neues Buch „Mutters Sprache“ gefreut. Allein schon das Cover ist ein Hingucker, inhaltlich darf man es mit dem „Hausmann“ allerdings nicht vergleichen.
Die Protagonistin Lisa kam vor 20 Jahren mit ihrer Mutter aus Russland nach Deutschland. Sie fühlt sich gut integriert und möchte eigentlich nichts mehr von ihrer alten Heimat wissen. Doch mit der Geburt ihres Kindes bröckelt die mühsam errichtete „deutsche Fassade“, denn dummerweise lässt sich ihre kleine Tochter nur von Schlafliedern in russischer Sprache beruhigen. Mit der Muttersprache erwachen auch verdrängte Erinnerungen an die Kindheit im hohen Norden Russlands in Lisa.
Als ihre Hebamme Aljona, die ein Geheimins hat, überstürzt nach Russland aufbricht, kommt Lisa mitsamt Baby mit ihr, um ihre alte Großmutter noch ein letztes Mal zu sehen. Dass bei der Reise hinter den Polarkreis auch ihre heimlichen Gefühle für Aljona eine Rolle spielen, ist ein anderes Thema ...
Die Handlung spielt hier im aktuellen Kontext des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Da Direktflüge unmöglich sind, müssen Lisa und Aljona eine beschwerliche Reise mit Bus und Bahn auf sich nehmen. Dabei wird nicht nur die bedrückende politische und gesellschaftliche Stimmung im heutigen Russland spürbar, sondern auch die düstere Atmosphäre der Nachwendezeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Dank verschiedenen Perspektiven und Rückblicken liest sich dieser Roman spannend, erfordert jedoch auch große Aufmerksamkeit. Erst nach und nach schließt sich der Kreis der Geschichten um die drei Frauen. Vereinzelt hätte eine Straffung den Lesefluss verbessert.
Wlada Kolosowa schreibt gewohnt gut; besonders bei den Passagen über die Heftigkeit der Mutterschaft trifft sie vieles ungeschönt auf den Punkt.
„Der Nutzungsberechtigte ihres Uterus ist zum Eigentümer ihres Lebens geworden. Er gab den Rhythmus ihrer Tage vor: linke Brust, rechte Brust, überschüssige Milch auskotzen lassen, wickeln. Er bestimmte, wann sie schlafen, essen, duschen konnte. Noch nie hatte sie sich so sehr einem anderen Wesen unterordnen müssen. Aljona wurde klar, dass der Schlüssel, den Verstand zu verlieren, darin lag, nicht weiter als einen Tag in die Zukunft zu denken.“
"'Nichts hält einen so lebendig, als sich nützlich zu fühlen', sagte sie. Doch nachts, wenn das Baby sie ständig aufweckte, fühlte sich Aljona nicht lebendig, sondern wie eine Untote. Wenn sie gerade eingeschlafen war und das Baby zwanzig Minuten später wieder in einem Crescendo krächzte, verstand sie, dass Mütter ihre eigenen Kinder misshandeln, sogar töten konnten. Sie verstand es wirklich.
War sie ein Monster? Oder ging es allen Müttern manchmal so, und der Unterschied zwischen Mütter-Monstern und Müttern war bloß der, dass Letztere einen Bremsmechanismus besaßen, der ihre Gedanken nicht Realität werden ließ?"
„Mutters Sprache“ ist ein berührender, starker Roman über Mutterschaft, Herkunft und Sprache, für den ich 4 Sterne vergebe und sehr hoffe, bald wieder etwas Neues von Wlada Kolosowa lesen zu dürfen!