Ein gesellschaftskritischer Roman, aus der Perspektive einer Frau erzählt.
LilSarah Cutting, die Erzählerin des Romans und eine Nachfahrin der fiktiven Hauptfigur Lillian Cutting, auch Lil, ist als Journalistin beim Wall Street Journal, derzeit krankheitsbedingt beurlaubt, mit ...
Sarah Cutting, die Erzählerin des Romans und eine Nachfahrin der fiktiven Hauptfigur Lillian Cutting, auch Lil, ist als Journalistin beim Wall Street Journal, derzeit krankheitsbedingt beurlaubt, mit ihrer Dobermann-Hündin Miss Brontë an ihrer Seite, wohl imaginär mit ihr im Dialog. Als reiche, exzentrische Eisenbahnmagnatin im New York um 1880 bewegt sich Lil nach eigenem Lebensstil fern gängiger Konventionen, was Machtkämpfe mit dem Sohn und herrschenden Familien der Stadt provoziert. Als unabhängige Frau plötzlich entmündigt und unter Morphium in der Psychiatrie weggesperrt, findet sie in ihrem Rachefeldzug gegen Familie und High Society zurück in ihr Metier. In dieser Gesellschaftskritik mit Familientragödie um Macht und Geld, dem herrschenden Frauenbild und voller Rassismus nicht nur gegenüber Juden bleiben die meisten Charaktere doch sehr blass. Die Rolle des egozentrischen Psychologen Fairwell mit seinen Ausführungen und Arbeitsweisen in der Klinik wird als fragwürdig in ihren wissenschaftlichen Anfängen zum Ende des 19. Jahrhunderts dargestellt, seine spätere Rolle mit den Elfen wirkt irreal. Lil steht hier beispielhaft für einige schnell als „nervenkrank“ abgestempelte, selbstsichere Frauen, die von ihren Ehegatten so leicht „entsorgt“ werden konnten, sollten sie sich nicht den allgemein geltenden Gesellschaftsnormen unterordnen. Die feine Gesellschaft in ihrer Menschen verachtenden Art, Verlogenheit, Übersättigung und Selbstverliebtheit wird auch kritisch in sarkastischem Schreibstil dargestellt. Die zwei Erzählebenen mit Sarahs Sommer 2017 und Lils New York der 1880 - er Jahre ergänzen sich fließend. Damals wie heute könnte man sich hier fragen, wer eigentlich soziale und kulturelle Normen festsetzt, wenn man z.B. länger als sechs willkürlich fixierte Monate trauert und dann bei Dauerüberschreitung schon als psychisch krank kategorisiert wird. Abweichungen jedweder Art sollten in einer freiheitsliebenden, offenen Gesellschaft möglich sein.
Ein Roman zum Nachdenken! 3,5*