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Veröffentlicht am 20.03.2025

Prophetisch und aktuell

Über Freiheit
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Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes ...

Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes Buch, "Über Freiheit" ist eher philosophisches Nachdenken über den Freiheitsbegriff und was Freiheit ausmacht, wie ein Individuum ein freier Mensch wird und welche Mechanismen Freiheit bedrohen. Dabei blickt Snyder auch auf sein eigenes Leben und seine Erfahrungen - wie er als kleiner Junge auf der Farm seiner Großeltern im Jahr der amerikanischen Zweihundert-Jahr-Feier eine Freiheitsglocke geläutet hat, wie er als Student in Ostmitteleuropa die ersten Kontakte zu den Bürgerrechtlern und Intellektuellen knüpfte, die 1989 die historische Wende durchsetzten und plötzlich, wie Vaclav Havel, vom Dissidenten zum Präsidenten wurden.

"Über Freiheit" könnte theorielastig erscheinen, wäre da nicht die Gegenwart, in der wir leben. Snyder zeigt die Bedrohung von Freiheit, etwa in der Ukraine. Die Unterhöhlung demokratischer Strukturen durch Oligarchen, die Verlagerungen von Entscheidungen von Parlament hin zu Einzelpersonen mit sehr viel Geld. Dabei hat er die jüngsten Entwicklungen in Washington noch gar nicht kennen können, sein Buch ist im Original 2023 erschienen und nimmt Bezug auf die erste Trump-Amtszeit. Die Rolle, die Elon Musk derzeit spielt, zeigt deutlich, wie begründet Snyders Warnungen waren.

Ausführlich widmet er sich auch dem System Putin und dessen Vision einer Wiederherstellung des russischen Imperiums. Manches, was wir derzeit erleben, wird in "Über Freiheit" warnend vorweggenommen. Das macht dieses Buch geradezu prophetisch und sehr aktuell. Snyder ist Universitätsprofessor, da geht man gerne ins Detail. Insofern hat auch sein Buch einige Längen und Wiederholungen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren.

Freiheit und ihr akademischer Überbau, das mag für manche ein wenig trocken klingen, aber dieses Buch bietet viele Denkanstöße. Und wer sich angesichts der täglichen Nachrichten aus Washington fragt, wie viel schlimmer es eigentlich noch kommen kann in dem Land, das sich so stolz als "Land of the free and home of the brave" bezeichnet, der kommt an "Über Freiheit" eigentlich nicht vorbei.

Veröffentlicht am 19.03.2025

Engagierte Anwältin mit einem Dilemma

Dunkle Momente
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Mit "Dunkle Momente" hat die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven weniger einen Justizroman als einen Reihe von Fallgeschichten geschrieben, eingebettet in eine Rahmenhandlung um die engagierte Strafverteidigerin ...

Mit "Dunkle Momente" hat die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven weniger einen Justizroman als einen Reihe von Fallgeschichten geschrieben, eingebettet in eine Rahmenhandlung um die engagierte Strafverteidigerin Eva Herbergen. Sie trifft gleich auf den ersten Seiten des Buches eine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft. Die in den folgenden Kapiteln vorgestellten Fälle sind sowohl Erläuterung, wie es zu dieser Entscheidung kam als auch (Selbst-)-Rechtfertigung der Erzählerin für Entscheidungen, die nicht allesamt mit Recht und Gesetz zu tun hatten, sondern eben auch mit Gerechtigkeitsempfinden und moralischem Kompass. Und es geht um die Frage, wie weit eine Verteidigerin gehen kann im Interesse ihres Mandanten oder ihrer Mandantin.

Richterinnen und Richter müssen "unabhängig und nur dem Gesetz" verpflichtet sein - Strafverteidiger sind Partei, müssen das Bestmögliche für Angeklagte erreichen - egal, ob diese schuldig oder unschuldig, sympathisch oder nicht sind. In einem Strafprozess hat jeder Angeklagte das Recht auf Unschuldsvermutung und fairen Prozess - egal wie abscheulich die ihnen vorgeworfenen Taten sind. Und oft werden Verteidiger, gerade in Strafsachen mit hohem Gesprächs- und Aufmerksamkeitswert, von einigen angegriffen und angefeindet, weil sie einen bestimmten Angeklagten verteidigen.

Ich-Erzählerin Herbergen ist Strafverteidigerin aus Überzeugung und Leidenschaft, die auch Grenzen des Statthaften überschreitet. Das moralische Dilemma, das ihre Entscheidungen hervorruft, lässt sie irgendwann nicht mehr ruhen. Die "Dunklen Momente" sind auch die Bilanz eines Juristenlebens, das alles andere als Dienst nach Vorschrift bedeutete. Auch eine erfahrene Anwältin kann getäuscht werden oder beim Abwägen von Recht und Gerechtigkeit - beides ist bekanntlich nicht immer identisch - schwierige Entscheidungen treffen.

Einige der vorgestellten Fälle mögen bekannt klingen und orientieren sich an tatsächlichen Strafprozessen, die ähnliches behandelt haben. Als Justiz-Profi hat Hoven sicherlich einen engen Einblick in die Denk- und Argumentationsmuster von Juristen, in das, was noch möglich ist und das, was eine Grenzüberschreitung ist.

Liebhaberinnen von Justizthrillern mögen diesem Buch die eher nüchterne Sprache, eher reflektierend als emotional , ankreiden. Aber ein Verfahren nach der deutschen Strafprozessordnung hat nun mal eine völlig andere Dramaturgie und Sprache als in einem Hollywood-Justizkrimi. Gerade weil die Autorin "vom Fach" ist, ist die eher nüchterne Sprache - Juristendeutsch eben! - überzeugend und glaubwürdig. Bei diesem Buch fiebert man als Leserin vielleicht nicht unbedingt mit, gewinnt aber ein besseres Verständnis für die Herausforderungen und Abgründe, vor denen sich die Eva Herbergens des wahren Lebens befinden.

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Bassd scho!

Gebrauchsanweisung für Franken
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Ewald Arenz ist nicht nur in Franken geboren und aufgewachsen, auch seine Romane spielen häufig in der Region, in den Dörfern und Kleinstädten mit ihrem nicht gerade zu rheinischer Kommunikationsfreude ...

Ewald Arenz ist nicht nur in Franken geboren und aufgewachsen, auch seine Romane spielen häufig in der Region, in den Dörfern und Kleinstädten mit ihrem nicht gerade zu rheinischer Kommunikationsfreude auflaufenden Menschen. Da liegt es nahe, ihn als Reiseführer und Erklärer der Region in der Reihe "Gebrauchsanweisung für..." einzusetzen, und Arenz ist der Aufgabe offenbar hochmotiviert nachgekommen. Zu dem Ergebnis würde man in Franken vermutlich knapp sagen: Bassd scho. Das ist, wie auch Arenz in seiner Beschreibung fränkischer Mentalität erzählt, geradezu überschwengliches Lob.

Arenz nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise kreuz und quer durch Franken, ausgehend von Nürnberg, schildert Lokalrivalitäten zwischen Ober- Mittel- und Mainfranken, zwischen Nürnberg und Fürth und zwischen Franken und Bayern sowieso. Denn eines müssen Franken-Besucher gleich von Anfang an verinnerlichen: Franken fühlen sich ganz überwiegend nicht als Bayern!

Arenz´Gebrauchsanweisung für lieblich-romantische Landschaften, schmucke Dörfer und Kleinstädte mit wenig Tourismus und manch architektonischem Juwel ist launig geschrieben, mit heiterer Ironie und einer Mischung aus Nähe und Distanz. Der Autor, der sich gerne auf dem Fahrrad durch Franken bewegt, plädiert für das langsame Reisen durch eine uralte Kulturlandschaft, wo alle schon mal waren - die Kelten, die Römer und selbst die Preußen. Von Bratwurst und Bier ist die Rede, von Mainschleife und Bochsbeutel, den Spuren der Bauernkriege und des Nationalsozialismus.

Vor allem aber ist es ein Beschreibung von Idylle und einem irgendwie langsameren Leben jenseits hipper Metropolen. Man sollte schon das Kleine, Überschaubare lieben, sanftes Hügelland und plätschernde Bäche, wenn man sich auf eine Franken-Tour begibt. Hungrig und durstig wird man jedenfalls nicht enden, wenn man Arenz´ Ratschläge berücksichtigt.

Veröffentlicht am 16.03.2025

Träume im Plattenbau

Achtzehnter Stock
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Sperrmüll im Flur, Pissegestank im Fahrstuhl und rundum eher keine heile Welt: Die Schauspielerin und alleinerziehende Mutter Wanda lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem Berliner Plattenbau und träumt ...

Sperrmüll im Flur, Pissegestank im Fahrstuhl und rundum eher keine heile Welt: Die Schauspielerin und alleinerziehende Mutter Wanda lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem Berliner Plattenbau und träumt von der Welt der Schönen, Reichen und Berühmten. Das prekäre Leben ist ihr von Kolleg*innen peinlich, wenn sie einen Casting-Termin oder gar ein Engagement hat, und zwischen Vorsprechen, Frust und Hoffnung auf den großen Erfolg verliert Wanda manchmal wesentliches aus dem Blickfeld - etwa dass ihre Tochter schwerer krank ist als es mit einem eiternden Ohr zunächst den Eindruck hat.

In "Achtzehnter Stock" lässt Sara Gmuer Ich-Erzählerin Wanda zwischen Schnoddrigkeit und Poesie, großen Erwartungen und Ernüchterung, Leidenschaft und Verzweiflung erzählen. Auch bei chronischem Geldmangel steht für Wanda immer fest - in den Plattenbau gehört sie nicht, die Umstände müssen sich ändern und sie wird ihrer kleinen Karlie (die für eine Fünfjährige eher unglaubwürdig weil ungemein erwachsen klingt) schon irgendwann etwas Besseres bieten.

Dass Wanda sich für etwas Besseres als ihre Nachbarn hält, wird schon davon deutlich, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, den Namen der hilfsbereiten türkischen Nachbarin zu lernen, die sich immer wieder um Karlie kümmert - die heißt durchgehend bloß Aylins Mama.

Die Autorin schreibt in einem angenehmen, gut lesbarem Stil, schafft es aber nicht, Stereotypen und Klischees zu vermeiden: sei es die raue aber herzliche Platten-Nachbarschaft, in der die Hartz 4-Nachbarn recht uniform prollig dargestellt sind, sei es die Welt der der Filmproduzenten und -Sets mit Schampus und ChiChi und schönem Schein. Insofern ist "Achtzehnter Stock" zwar gut lesbar und hat durchaus seine Momente, bietet aber auch viel Oberflächlichkeit und eine Protagonistin, mit der ich angesichts ihrer Ichbezogenheit nicht wirklich warm werden konnte.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Von Sprache, Familie und Krieg

Russische Spezialitäten
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Wenn man als Kind in ein neues Land mit einer neuen Sprache kommt, dann droht buchstäblich das Entgleiten der Muttersprache. Denn selbst wenn die zu Hause gesprochen wird - Kinder können sprachliche Mimikrys ...

Wenn man als Kind in ein neues Land mit einer neuen Sprache kommt, dann droht buchstäblich das Entgleiten der Muttersprache. Denn selbst wenn die zu Hause gesprochen wird - Kinder können sprachliche Mimikrys sein. Und anders als für die Erwachsenen in der Familie "reift" ihre muttersprachliche Sozialisation nicht mit dem Erwachsenwerden häufig nicht mit, sondern behält eine gewisse Kindlichkeit, die später Befremdlichkeit auslöst, erneut ganz buchstäblich: Sie haben zwar eine Muttersprache, sind aber irgendwie fremd in hier. In "Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman geht es stark um Sprache als Heimat und den Heimatverlust, der auch Sprachverlust sein kann. Ganz besonders wenn politische Entwicklungen die Identität erschüttern und innerhalb der Familie zerreißen:

Der Erzähler, in Kiew geboren und im Grundschulalter nach Deutschland gekommen, und seine Familie waren russischsprachige Ukrainer. Der Krieg spaltet die Familie. So sehr die Mutter sich voller Zuneigung an Kiew erinnert, so gläubig lauscht sie nun den russischen Propagandasendungen, die sich auch an die russischsprachige Diaspora in Deutschland wenden. Ich-Erzähler Dmitrij (es bleibt offen, inwieweit die familiäre Zerrissenheit autobiografisch ist, wenn auch Erzähler Dmitrij und Autor Dmitrij vieles gemeinsam haben) fühlt sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, die gegen die russische Aggression kämpfen. Und hadert plötzlich mit der Sprache, die er so liebt und die plötzlich die Sprache des Feindes ist:

"Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen ebenfalls Russisch sprechen höre."

Die Zerrissenheit ist umso größer, da sich das ganze Leben der Familie auch beruflich in einem postsowjetischen Mikrokosmos in Leipzig bewegt, dem "Magazin", jenem Geschäft für russische/ukrainische/georgische usw Spezialitäten, das auch kulinarisches Heimweh bedient. In den Corona-Jahren ist Dmitrij hierhin zurückgekehrt als Manager, die alternden Eltern sollen so geschützt werden. Von den Pandemiejahren hat sich der Laden nie erholt, und auch das gesellschaftliche Klima tut ihm nicht gut, während eine gegen Migranten hetzende Partei immer mehr Zuspruch erhält.

Kapitelman beschreibt, wie der Krieg Familien spaltet und Freundschaften zerstört, wie Dmitrij schließlich noch einmal in seine Geburtsstadt fährt, seinen Sandkastenfreund Rostik besucht, immer mit der Angst im Hinterkopf, er könnte trotz deutscher Staatsbürgerschaft an der Ausreise gehindert und in die Armee eingezogen werden. Die Schilderungen dieser Erfahrungen zwischen Raketenalarm und Zusammengehörigkeitsgefühl, Nostalgie und Trauer über die Zerstörungen sind besonders eindrucksvoll in diesem Buch, dass trotz schwerer Themen eine gewisse Leichtigkeit bewahrt. Das Verhältnis des Autors zu seinen Eltern - liebevoll, wütend, besorgt wird mit einer Prise Humor und viel Wärme gezeichnet. Ein Buch, das den Krieg und das, was er mit den Menschen macht, auch denjenigen näherbringen kann, die Nachrichtensendungen ignorieren.

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