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Veröffentlicht am 22.03.2025

Kanzleipleite und Fußballträume

Pirlo - Doppeltes Spiel
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Eigentlich hatten die Düsseldorfer Rechtsanwälte Anton Pirlo und Sophie Mahler in den vergangenen reichlich schlagzeilenträchtige Mandanten und Prozesse, die den beiden Strafverteidigern ordentlich Aufmerksamkeit ...

Eigentlich hatten die Düsseldorfer Rechtsanwälte Anton Pirlo und Sophie Mahler in den vergangenen reichlich schlagzeilenträchtige Mandanten und Prozesse, die den beiden Strafverteidigern ordentlich Aufmerksamkeit verschafften- Im vierten Band von Ingo Botts Justizkrimi-Serie steht Pirlos Kanzlei dennoch vor dem wirtschaftlichen Aus. Und die privaten Schwingungen zwischen den beiden Anwälten sind ungeklärter denn je. Kurz, die Stimmung ist aufgeladen in der Kanzlei am Düsseldorfer Karlsplatz.

Da kommt Pirlos älterer Bruder Ahmid mit einer neuen Geschäftsidee - und sie ist, oh Wunder angesichts der Vergangenheit von Pirlos Bruder, sogar legal. Die beiden sollen ins Fußballgeschäft einsteigen, Spielermanagement und mit einem jungen Talent hat Ahmid sogar schon einen Spieler ausgeguckt. Der 16-jährige ist ein Riesentalent, hat mit einem Siegestor bei einem Lokalderby auf sich aufmerksam gemacht, neigt aber auch schon allein altersbedingt zu ein paar Dummheiten und zweifelhaften Kontakten. Wer könnte dafür mehr Verständnis haben als Ahmid, bei dem beides ein bißchen länger angedauert hat als das Teenageralter!

Pirlo soll dem ganzen Unternehmen die nötige Seriosität verleihen - Anwalt im Anzug usw, und natürlich Verträge und Kleingedrucktes im Auge haben. Doch schnell stellen die Brüder fest, dass ihre Kontaktaufnahme im Verein überhaupt nicht gerne gesehen wird. Schnell kommt es zu Anfeindungen, dann gibt es einen Toten, und Pirlo findet sich plötzlich sogar als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft wieder.

Es bleibt nicht bei einem Toten, und alle Opfer stammen aus dem Umfeld des jungen Talents. Dass ein ehrgeiziger Journalist und Podcaster mit seiner sensationsheischenden Berichterstattung mit rassistischen Elementen die Stimmung noch weiter anheizt, ist der Begleitung des jungen Talents nicht gerade förderlich. Und mehr und mehr kommen Pirlo und Mahler zu der Überzeugung, dass ihnen ihr junger Klient irgendetwas Wichtiges verschweigt.

Ungeachtet von Pirlos Manierismes habe ich auch den vierten Band der Düsseldorfer Anwaltsserie gerne gelesen. Diesmal findet das Geschehen weniger in Gerichtssälen statt als in den Vorgängerbänden, doch sowohl der Hickhack zwischen Pirlo und Mahler als auch das ambivalente Verhältnis zwischen Pirlo und Ahmid sind ein wiederkehrendes und unterhaltsames Element. Die Auflösung des Plots ist schlüssig und überraschend zugleich. Gerne mehr davon.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Die Rache der alten Damen

Hieb und Strich
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Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen ...

Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen nun die Frauen zurück. Mit einer Länge von gerade mal 48 Seiten handelt es sich eher um eine Kurzgeschichte als eine Novelle, die aber ist vergnüglich zu lesen.

Ein bißchen erinnert die Handlung an das Sprichwort, wonach Rache am besten kalt gegessen wird: Eine Gruppe alter Damen, allesamt aus dem akademischen Lehrbetrieb, wollen sich an einer Gruppe Männern rächen, die einst die literarische Karriere einer Freundin mit Verrissen und hämischer Kritik in einer Literaturzeitschrift zerstörten. Die Autorin hatte sich nie von den Attacken des Männerklüngels erholt und ihr literarisches Potential ausgelebt, inzwischen ist sie todkrank. Späte Gerechtigkeit soll her. Die mobbenden Herren müssen bestraft werden, das aber endgültig.

Bei Gin Tonic, Weinschorle und Cola light planen die alten Damen ihren Rachefeldzug. Es gibt schließlich viel Diskussionsbedarf, wenn acht - oder waren es neun? - Männer ermordet werden sollen. Natürlich so, dass die später an die Reihe kommenden nicht gewarnt werden und die Polizei den Frauen nicht auf die Schliche kommt. Sind überhaupt alle gleich schuldig? Wird das Trio seine mörderischen Pläne umsetzen?

Hier soll natürlich nicht gespoilert werden, aber der ironische Stil Atwoods und die Dialoge des mörderischen Trios sorgen für ausgesprochenes Lesevergnügen. Da hätte Atwood gerne noch ein paar Seiten dranhängen können.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Leise Geschichte aus dem hohen Norden Kanadas

Wie Zugvögel
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"Wie Zugvögel" von Elizabeth Hay startet langsam, und das passt zu dieser langsamen Geschichte über Menschen im hohen Norden Kanadas. Wer in der Stadt Yellowknife nahe der arktischen Wildnis lebt, ist ...

"Wie Zugvögel" von Elizabeth Hay startet langsam, und das passt zu dieser langsamen Geschichte über Menschen im hohen Norden Kanadas. Wer in der Stadt Yellowknife nahe der arktischen Wildnis lebt, ist - mit Ausnahme der indigenen Menschen - ein Zugezogener, in so manchem Fall auf der Flucht vor sich selbst oder der Vergangenheit. In der klaren Luft des Nordens und seinen hellen Sommern scheint so mancher Neuanfang möglich.

Die Protagonisten arbeiten bei einem lokalen Rundfunksender, ihre Schicksale sind zunehmend miteinander verwoben: Harry, der unfreiwillige Sendechef mit Alkoholproblem, der sich erst in die Stimme, dann hoffnungslos in die schöne Sprecherin Dido verliebt. Doch die steht mehr auf den kompromisslosen Techniker Eddie. Die kluge, belesene Sendersekretärin Eleanor beobachtet die Vorgänge und sorgt auf unaufdringliche Art für mehr Harmonie. Gwen, eine junge Frau aus dem Osten, ist voller Unsicherheiten und wird in Yellowknife während ihrer einsamen Nachtschichten im Sender nach und nach aufblühen.

"Wie Zugvögel" wird ruhig erzählt, porträtiert entwurzelte Menschen, die die Chance haben, sich neu zu erfinden, zeigt aber auch eine Welt im Umbruch und voller Konflikte: Eine Ölpipeline soll gebaut werden, deren Auswirkungen für die Umwelt nach Ansicht der Kritiker dramatisch sein könnten. Vor allem die Indigenen fürchten die Konsequenzen für ihre traditionelle Lebensform. Hinzu kommt, dass die Landrechte der Menschen, die hier seit Jahrhunderten heimisch sind, noch immer ungeklärt sind. Die Anhörungen eines Richters, der eine Empfehlung für die kanadische Regierung erstellen soll, werden zu einem Kaleidoskop der Konflikte: Umwelt oder Profit? Wessen Interessen zählen? Und auch die Auseinandersetzung mit Rassismus und der Zerstörung der Kultur und Lebensweise der Indigenen, die gewaltsame Assimiliation an Internatschulen und sexuelle Ausbeutung werden thematisiert.

Hays Roman spielt in der zweiten Hälfte der 1970-er Jahre, doch die Themen des Buches sind gleichbleibend aktuell. Vor allem die Beschreibung der Natur und des Lichtes im hohen Norden sind beeindruckend. Ein Buch, auf das man sich einlassen und dem man Zeit geben muss, seine Wirkung zu entfalten.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Kultige Liebesgeschichte

Harold und Maude
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Harold und Maude, das ungleiche, ein wenig exzentrische und sehr liebenswerte Liebespaar aus dem gleichnamigen Film, sind Kult. Was ich bis zur Wiederauflage im Rahmen von Diogenes Modern Classics Reihe ...

Harold und Maude, das ungleiche, ein wenig exzentrische und sehr liebenswerte Liebespaar aus dem gleichnamigen Film, sind Kult. Was ich bis zur Wiederauflage im Rahmen von Diogenes Modern Classics Reihe nicht wusste: Es handelte sich um eine Literaturverfilmung. Nun ist der Roman von Colin Higgins wieder erschienen und ich habe ihn mit Begeisterung gelesen.

Die Geschichte ist vermutlich allen, die nun zum Buch greifen, bekannt: Der 19 Jahre alte Harold ist reich, aber unglücklich. Mit fingierten Selbstmorden versucht er die Aufmerksamkeit seiner stets abgelenkten Mutter zu gewinnen, doch die sorgt sich vor allem um den Ruf der Familie angesichts des exzentrischen Sprösslings, der mit Vorliebe Beerdigungen besucht. So lernt er auch Maude kennen, 79 Jahre und im Unterschied zu Harold ausgesprochen lebensfroh, optimistisch und mit kreativem Temperament.

Spoiler-Gefahr besteht angesichts der Bekanntheit der Verfilmung wohl nicht. Was mir nun aber klar ist - der Film hat den Charakter des Romans wunderbar getroffen. Es ist vielleicht unvermeidlich, dass beim Lesen des nicht einmal 200 Seiten langen Buches Kopfkino abläuft. Doch auch ganz für sich bezaubert der Roman mit seinem leichten Ton, der ironischen Beobachtung von Harolds Umfeld und eben der bittersüßen Beziehung zwischen Harold und Maud, die keine lange Zukunft hat. Maudes Lebensfreude ist ansteckend, und wie sie Harold aus seiner privilegierten Einsamkeit ins Leben holt, ist einfach wunderbar zu lesen.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Prophetisch und aktuell

Über Freiheit
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Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes ...

Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes Buch, "Über Freiheit" ist eher philosophisches Nachdenken über den Freiheitsbegriff und was Freiheit ausmacht, wie ein Individuum ein freier Mensch wird und welche Mechanismen Freiheit bedrohen. Dabei blickt Snyder auch auf sein eigenes Leben und seine Erfahrungen - wie er als kleiner Junge auf der Farm seiner Großeltern im Jahr der amerikanischen Zweihundert-Jahr-Feier eine Freiheitsglocke geläutet hat, wie er als Student in Ostmitteleuropa die ersten Kontakte zu den Bürgerrechtlern und Intellektuellen knüpfte, die 1989 die historische Wende durchsetzten und plötzlich, wie Vaclav Havel, vom Dissidenten zum Präsidenten wurden.

"Über Freiheit" könnte theorielastig erscheinen, wäre da nicht die Gegenwart, in der wir leben. Snyder zeigt die Bedrohung von Freiheit, etwa in der Ukraine. Die Unterhöhlung demokratischer Strukturen durch Oligarchen, die Verlagerungen von Entscheidungen von Parlament hin zu Einzelpersonen mit sehr viel Geld. Dabei hat er die jüngsten Entwicklungen in Washington noch gar nicht kennen können, sein Buch ist im Original 2023 erschienen und nimmt Bezug auf die erste Trump-Amtszeit. Die Rolle, die Elon Musk derzeit spielt, zeigt deutlich, wie begründet Snyders Warnungen waren.

Ausführlich widmet er sich auch dem System Putin und dessen Vision einer Wiederherstellung des russischen Imperiums. Manches, was wir derzeit erleben, wird in "Über Freiheit" warnend vorweggenommen. Das macht dieses Buch geradezu prophetisch und sehr aktuell. Snyder ist Universitätsprofessor, da geht man gerne ins Detail. Insofern hat auch sein Buch einige Längen und Wiederholungen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren.

Freiheit und ihr akademischer Überbau, das mag für manche ein wenig trocken klingen, aber dieses Buch bietet viele Denkanstöße. Und wer sich angesichts der täglichen Nachrichten aus Washington fragt, wie viel schlimmer es eigentlich noch kommen kann in dem Land, das sich so stolz als "Land of the free and home of the brave" bezeichnet, der kommt an "Über Freiheit" eigentlich nicht vorbei.