Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.08.2024

Bandenkrieg in Malmö?

Tode, die wir sterben
0

Zwei Ermittler mit privat-beruflichem "Gepäck", der tragische Tod eines 13-Jährigen bei einem Drive by-Shooting in Malmö und ein Polizeiapparat voller Intrigen: "Tode, die wir sterben" von Roman Voosen ...

Zwei Ermittler mit privat-beruflichem "Gepäck", der tragische Tod eines 13-Jährigen bei einem Drive by-Shooting in Malmö und ein Polizeiapparat voller Intrigen: "Tode, die wir sterben" von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson ist ein gelungener Auftakt für eine neue Schwedenkrimi-Serie mit komplexen Plot und zwei gegensätzlichen Partnern, die sich noch zusammenraufen müssen.

Svea Karhuu ist die Arbeit mit einem Partner nicht gewohnt - Jahrelang war sie als verdeckte Ermittlerin im Einsatz. Nachdem sie in Notwehr bei einem Undercover-Einsatz einen Kollegen tötete, wird sie gewissermaßen in Malmö geparkt, um aus der Schusslinie zu kommen, während interne Ermittlungen laufen. Zusammen mit dem langjährigen Mordermittler Jon Nordh soll sie den Tod des 13-jährigen Rashid aufklären.

Die Anzeichen weisen erst einmal auf einen Bandenkrieg hin - Der Junge geriet vor einer Pizzeria in die Schusslinie, in dem Lokal befanden sich zwei Gangmitglieder. Ein älterer Mann, der geistesgegenwärtig reagierte, konnte das Schlimmste verhindern, indem er die beiden jungen Männer umriss, als er den Schützen in einem Auto sah.

Karhuu, die zwar aus dem hohen Norden Schwedens kommt, aber aufgrund ihres Äußeren nicht gerade typisch nordisch aussieht, hat den Verdacht, dass sie aufgrund ihres Aussehens in einen Fall in einem Migrantenviertel einbezogen wurde und ist darüber nicht gerade erfreut. Hinzu kommt, dass Nordh nicht gerade politisch korrekt ist und ausgesprochen launisch erscheint. Was verständlich ist: Seit wenigen Monaten ist er Witwer und alleinerziehender Vater, seine Frau verunglückte tödlich mit seinem Freund und Kollegen, mit dem sie, wie sich herausstellte, eine Affäre hatte. Monatelang war Nordh krankgeschrieben, diese Ermittlung, angegliedert an das Dezernat für Bandenkriminalität, ist vielleicht die einzige Chance, wieder an seine berufliche Karriere anzuknüpfen.

Indiskretionen, die aus dem Dezernat an die Öffentlichkeit gelangen, machen es dem Ermittlerpaar nicht einfacher. Die mutmaßlichen Anschlagsopfer geben sich zugeknöpft, dann kommt der ältere Mann aus der Pizzeria bei einem Brand ums Leben. Zufall? Oder ist ein rechtsextremer Täter nach dem Vorbild früherer Serienmörder auf der Suche nach Migranten? Und welche Rolle spielt ein Jugendlicher, der nach den Schüssen dem Fahrzeug des Schützen auf einem Motorroller folgte?

Bei ihren Ermittlungen müssen Karhuu und Nordh noch manches Mal umdenken, während weitere Tote den Druck der Polizeichefin verstärken. Gleichzeitig müssen sie erst einmal Vertrauen zueinander aufbauen und lernen, an einem Strang zu ziehen.

Ein komplexer Plot und ein Ermittlerteam mit Ecken und Kanten, dazu Gegenwartsbezüge zu politischen und gesellschaftlichen Problemen geben diesen Buch den Mix, den ich an skandinavischen Kriminalromanen so reizvoll finde. Das Ende lässt erkennen, dass es noch mehr mit Karhuu und Nordh geben dürfte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.08.2024

Ermittlungen zwischen Oslo und Edinburgh

Furcht
0

Mit "Furcht" hat der norwegische Autor Sven Petter Ness einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur zwischen Oslo und Edinburgh wechselt und dabei zwei Ermittlungsteams in den Focus stellt, das Buch ...

Mit "Furcht" hat der norwegische Autor Sven Petter Ness einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur zwischen Oslo und Edinburgh wechselt und dabei zwei Ermittlungsteams in den Focus stellt, das Buch hat auch etwas von einem Zwiebelprinzip oder einer russischen Matrjoschka-Puppe: Immer dann, wenn etwas klar erscheint, steckt dahinter nur die nächste Frage, das nächste Geheimnis - und das konsequent bis ganz zum Schluss. Es ergibt sich also so manche überraschende Wendung.

Mit Harinder Singh ist der Protagonist nicht ganz der typische blonde, blauäugige Skandinavier, auch wenn er in Norwegen als Sohn eines indischen Einwanderers geboren wurde. Erwahrungen mit Alltagsrassismus werden allerdings nur eher nebenbei erwähnt, und wenn Singh in seiner Ermittlereinheit aneckt, dann hat das eher mit seiner Hartnäckigkeit zu tun, die von Vorgesetzten manchmal auch als Sturheit oder Eigensinn ausgelegt wird.

Singh ist zunächst einmal als besorgter Verwandter unterwegs: Seine Nichte Amandeep, seit ein paar Monaten als Austauschstudentin an der Universität Edinburgh, wurde misshandelt und halbtot aus dem Fluss geborgen, liegt im künstlichen Koma. Sie wurde auf der Rückkehr von einer Bergtour entführt. Ihre Mutter ist Singhs Halbschwester, und so reist er einerseits zur emotionalen Unterstützung nach Schottland, andererseits aber auch mit dem Wunsch, herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Sowohl seine norwegischen Vorgesetzten als auch die schottischen Kollegen weisen ihn darauf hin, dass er keinerlei Ermittlungsbefugnisse hat, doch Singh ist wie gesagt eigensinnig.

Als seine norwegische Kollegin auf seine Bitte Amandeeps Ex-Freund befragt, kommen neue Einzelheiten ans Licht, die plötzlich einen Ermittlungsansatz bieten könnten: Denn Amandeep hatte mehr als ein Jahr lang in einem Club gejobbt, der einem Brüderpaar gehört, das in der Organisierten Kriminalität von Oslo ganz oben mitmischt - nur nachweisen lässt sich das nicht. Ein Informant wurde kürzlich erschossen aufgefunden, die Tatweise erinnert an einen zweiten Mord, dessen Opfer aber in keinerlei Zusammenhang zur OK steht. Hat Amandeep etwas gesehen, was sie nicht sehen sollte, war das Studium im Edinburgh eher eine Flucht? Ein schottischer-Ex-Polizist, den Singh einmal bei einer Interpol-Tagung kennenlernte, glaubt an eine Verbindung zu einem einheimischen Gangsterboss, hinter dem er viele Jahre vergeblich her war.

Eine Spur Oslo-Edinburgh? Wie gesagt, in diesem Fall gibt es eine Reihe von Wendungen und Ermittlungsansätze, die in beiden Städten die Ermittler auf Trab halten. Naess schafft es, beiden Teams zu folgen, ohne auszuufern, vernachlässigt auch die persönlichen Aspekte nicht und sorgt buchstäblich bis zur letzten Seite für Spannung. Ich kannte den Autor bisher nicht, werde jetzt aber auf jeden Fall nach anderen Büchern Ausschau halten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.08.2024

Sensitivity-Managerin auf Mördersuche

Harz aber herzlich
0

Hamburgerin Ariane bricht zu neuen beruflichen Feldern auf, nach ihrem Volontariat die erste Festanstellung für die Mittvierzigerin. Dafür kehrt sie Ehefrau Katja, Hund Woodie und der Großstadt den Rücken, ...

Hamburgerin Ariane bricht zu neuen beruflichen Feldern auf, nach ihrem Volontariat die erste Festanstellung für die Mittvierzigerin. Dafür kehrt sie Ehefrau Katja, Hund Woodie und der Großstadt den Rücken, um im Harz bei der örtlichen Tourismusorganisation als Sensitivity-Managerin zu arbeiten. Allerdings in der Außenstelle in Düsterode, wo sie schnell merkt, dass sie dicke Bretter bohren muss - ihre neuen Kollegen verfrachten sie am ersten Arbeitstag als Hexe vom Dienst in eine fensterlose Kammer. Sieht also nicht so aus, als ob ihr Bemühen um mehr Diversity und politische Korrektheit auf fruchtbaren Boden fällt.

Doch Ariane, die mit ihren Sneakern auf die Berge des Harz ähnlich gut vorbereitet ist wie ihre neuen KollegInnen auf das angestrebte Sensitivity-Programm, gibt nicht auf in "Harz aber herzlich" von Peter Godazgar und Alexandra Kui, Unverdrossen, Fußblasen und wundgescheuerten Fersen trotzend, erklimmt sie ihren ersten Harz-Gipfel um ein sexistisch umgestaltetes Wanderschild ausfindig zu machen. Immerhin ist es gemeldet worden, so viel Sensitivity ist also immerhin vorhanden in Düsterode.

Ariane findet nicht nur das Schild, sondern auch eine Leiche. So hat sie sich den Jobeinstieg wirklich nicht vorgestellt. Leicht hysterisch und mit blutigen Füßen ruft sie bei der Polizei an - und landet bei Andreas Anton, dem einzigen Polizist des Ortes, Typ gemütliches Schwergewicht mit Harmoniebedürfnis. Ariane findet: Er nimmt sie irgendwie nicht ernst genug. Immerhin hat der Provinzbulle eine sympathische Hündin, Frau Krause. Und obwohl Berg- oder Waldluft doch so gesund sind, bleibt es nicht bei einer Leiche. Trotz aller Gegensätzlichkeiten und beiderseitigen Misstrauens: Da müssen Ariane und Andreas ran. Irgendwie gemeinsam. Auch wenn die Gegensätze unüberwindbar zu sein scheinen.

"Harz aber herzlich" ist ein augenzwinkernder Cozy-Krimi mit satirischen Untertönen. Im Jahr 2024 wirkt die Ossi-Wessi-Schiene, die immer wieder bemüht wird, zwar etwas aus der Zeit gefallen, aber abgesehen davon war das Autorenteam offensichtlich mit viel Lust und Spaß bei der Sache. Schräge Harzbewohner, ein cholerischer Vorgesetzter namens "Super Mario", amouröse Verstrickungen und eine zarte Hundeliebe - man sollte diesen Cozy nicht zu ernst nehmen und sich einfach daran freuen. Hat Spaß gemacht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2024

Warnung und Analyse

Rechtsextrem, das neue Normal?
0

Die Nervosität im Superwahljahr 2024 kommt nicht von ungefähr. Wo man sich auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene umschaut - populistische und nationalistische Parteien und Politiker treten ...

Die Nervosität im Superwahljahr 2024 kommt nicht von ungefähr. Wo man sich auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene umschaut - populistische und nationalistische Parteien und Politiker treten nicht nur zu Wahlen an, sie sind dort auch ziemlich ergolgreich. Und in Deutschland? Die AfD ist in den Parlamenten vertreten und macht sich Hoffnungen, im Osten Deutschlands nicht nur Rathäuser und Landratsämter, sondern auch die erste Landesregierung erobern zu können. In dieser Gemengelage erscheint der Essayband "Rechtsextrem, das neue Normal?", herausgegeben von Matthias Quent und Fabian Virchow.

Für diejenigen, die sich schon länger mit der AfD beschäftigen, bietet der Band nicht allzuviel Neues oder gar Überraschendes, auch wenn es in einigen Detailbereichen Vertiefung gibt. Wer sich (warum eigentlich erste jetzt???) angesichts Umfragewerten einerseits und der immer lauteren Auftritte des rechtsextremen Flügels um Björn Höcke entscheidet, sich einmal näher mit der Partei zu beschäftigen, findet ein Kompendium unter verschiedenen Aspekten.

Die Autoren sind Politikwissenschafterinnen und -wissenschaftler, Experten aus der Extremismuspräventiion, Journalisten und andere, die meist schon seit Jahren den Blick auf die AfD, auf Rechtsextremismus und gesellschaftliche Reaktionen richten. Angesichts der einzelnen Aufsätze kommt es gelegentlich zu Überschneidungen und Wiederholungen, andererseits lässt sich dadurch auch durch das Buch "springen" und je nach besonderem Interesse schwerpunktmäßig lesen.

Die Entstehungsgeschichte der AfD mit ihren Richtungs- und Flügelkämpfen wird ebenso beschrieben wie das offene Abdriften Höckes und seiner Anhänger in rechtsextreme Positionen. Die "Remigrations"-Debatte wird ebenso beschrieben wie die Nähe zu Russland und die Haltung zu Minderheiten. Immer wieder wird auch über die Landesgrenzen geschaut, auch zur Vernetzung rechter und rechtsextremer Gruppen. Mit den Porträts bekannter Westdeutscher am rechten Rand der AfD wie der einstige Spiegel-Feuilletonist Matussek wird mit dem Mythos aufhgeräumt, die AfD sei vor allem ein ostdeutsches Problem. Auch das Wählerpotential der Partei wird unter die Lupe genommen: Wer entscheidet sich für die AfD, und warum?

Immer wieder geht es auch um das "Verstummen der Mitte" und die zunehmende Akzeptanz radikaler Positionen, aber auch die Versuche anderer Partei, mit der AfD umzugehen bzw sich klar abzugrenzen, ohne weiter Wähler zu verlieren,

Die knappen, aber keineswegs oberflächlichen Kapitel dürften gerade denjenigen den Zugang erleichtern, die einen Einstieg in die Thematik suchen.

Veröffentlicht am 08.08.2024

Mord vor der Hochzeit

Zorniges Herz
0

Hochzeitsvorbereitungen können schon unter normalen Umständen stressen. Polizeichefin Katze Burkholder in einer Kleinstadt in Ohio bekommt mit gleich zwei Morden wenige Tage vor ihrer Hochzeit in Linda ...

Hochzeitsvorbereitungen können schon unter normalen Umständen stressen. Polizeichefin Katze Burkholder in einer Kleinstadt in Ohio bekommt mit gleich zwei Morden wenige Tage vor ihrer Hochzeit in Linda Castillos "Zorniges Herz" gleich im Doppelpack mehr Arbeit, als sie eigentlich gerade gebrauchen konnte.

Wieder einmal stellt Castillo Burkholder, die früher zu den Amischen gehörte und nun ein ambivalentes Verhältnis zu der Religionsgruppe hat, in den Mittelpunkt. Dabei fließt dank der Hochzeitsvorbereitungen noch mehr "Privates" als ohnehin in den mittlerweile 14 Vorgängerbänden ein.

Der Tod eines 21 Jahre alten Amischen während seiner "Rumspringa" wirft Rätsel auf: Ersten wurde er grausam mit einer Armbrust getötet - eine nicht ganz übliche Mordwaffe. Zweitens galt der junge Mann als allseits beliebt, hilfsbereit und sympathisch. Wer kann ihn so gehasst haben?

Der zweite Mordfall betrifft eine junge Frau, übel zugerichtet und, wie sich herausstellt, Teilzeitprostituierte aus einer mehrere Dutzend Meilen entfernten Stadt. Zwei Fälle, die nicht zusammenzupassen scheinen. Die beiden Opfer lebten schließlich in verschiedenen Welten, Rumspringa hin oder her, wenn junge Amische vor der entdgültigen Entscheidung zur Annahme aller Regeln eine Zeit der Freiheit haben.

Die Ermittlungen in der Community sind einmal mehr schwierig - Amische wollen nicht viel mit der Polizei zu tun haben. Doch mit Hartnäckigkeit und auf ihr Bauchgefühl hörend stößt Burkholder auf ein paar Ungereimtheiten, die ein neues Licht auf das Mordopfer werfen. Auch unter den Amischen gibt es dunkle Geheimnisse. Wird Kate Burkholder es überhaupt zur eigenen Hochzeit schaffen?

Bei Castillos Burkholder-Romanen ist das Reizvolle der Blick auf die abgeschlossene Welt der Amischen, die lieber für sich bleiben und den Kontakt zu den "Englischen" auf das Notwendige beschränken, aber doch auch nicht so ganz isoliert vom 21. Jahrhundert bleiben können. Gerade die Beschreibungen und Dialoge in dieser für Außenstehende geheimnisvollen Welt machen den Reiz des Buches aus. Für den Plot legt Castillo eine Reihe von Spuren und Verdächtigen aus, die den Spannungsbogen hoch halten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere