Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.10.2025

Karriere eines Opportunisten

Chamäleon
0

Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat ...

Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat seine besten Berufsjahre hinter sich. Für das Zeitalter der sozialen Medien und permanenten Selbstvermarktung fehlt ihm ein wenig der Biss, vor allem aber der Instinkt, sich in den Vordergrund zu drängen. Und auch seine Ausgewogenheit, sein Harmoniebedürfnis haben eine kurze Zeit der Fernsehpräsenz und damit eines gestiegenen Bekanntheitsgrads schnell wieder sinken lassen. Er fühlt sich in die mediale und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken - und das gefällt ihm gar nicht.

Dies alles ändert sich, als Shai nach einem wütenden Social Media Post die Aufmerksamkeit eines rechtspopulistischen Senders erhält. Man interessiert sich für ihn, bietet ihm eine Plattform, instrumentalisiert ihn. Immer mehr wird Shai nur Sprachrohr der Einflüsterungen eines Politfunktionär des Regierungschefs. Während alte Freunde und Nachbarn auf die Straße gehen gegen dessen Politik, verteidigt Shai sie mit immer beißenderer Polemik, nur um sich Aufmerksamkeit und mediale Präsenz zu erhalten. Auch innerhalb der eigenen Familie ist er immer isolierter.

Sarid zeigt die Karriere eines Opportunisten und Mitläufers, eines, der gegen besseres Wissen und seine alten Überzeugungen, die er immer radikaler verleugnet, sich an die Macht und die erhoffte Popularität anbiedert. Da das alles aus seiner Perspektive mit einer Mischung von Rechtfertigung und Selbstgerechtigkeit erzählt wird, wirkt dieser Charakter nur umso widerlicher.

Zugleich zeigt der Autor die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft in politische Lager, ethnische Gruppen, Religiöse und Säkulare, ein schwarz-weiß-Denken und eine zunehmende Polarisierung, die auch in den privaten Bereich geht. Im Roman wie im wirklichen Leben wird der 7. Oktober zur Zäsur, denn Shais Tochter im Teenageralter wollte zu einem Musikfestival im Süden Israels. Erst die Ungewissheit und Todesangst um seine Tochter sind der Moment, in dem Shai innehalten und sich fragen muss, was ihm am wichtigsten ist.

Sarid erzählt eher langsam. Die Entwicklung zum Jasager, der sich instrumentalisieren lässt, geht über die israelische Gegenwart hinaus und ist überall denkbar.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.10.2025

Die Pläne der Rechtspopulisten

Das Sterben der Demokratie
0

Nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellt sich die Frage, wie stark westliche Demokratien sind, um autokratische Bestrebungen und den Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit ...

Nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellt sich die Frage, wie stark westliche Demokratien sind, um autokratische Bestrebungen und den Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit einem fraglichen Demokratieverständnis zu stoppen. Deutschland mit der nicht immer erfolgreichen "Brandmauer" gegen die AfD steht nicht alleine da, in anderen Ländern sind die Entwicklungen zum Teil schon deutlich weiter. In ihrem Buch "Das Sterben der Demokratie" untersuchen Richard Schneider und Peter Neumann die Entwicklungen und Pläne der Rechtspopulisten in Italien, Ungarn, den Niederlanden, Frankreich und den USA.

Im komprimierten Vergleich ist die Situation besorgniserregend - jedenfalls für alle, die sich bisher noch keine Sorgen über die Zukunft demokratischer Gesellschaften gemacht haben. Oder würden diese das Buch gar nicht erst lesen, weil sie sich keine Sorgen machen? "Das Sterben der Demokratie ist weder Zufall noch unabwendbares Schicksal", so die Autoren. Allerdings dürften sich diejenigen, die die liberale Demokratie retten wollten, keinen Illusionen hingeben: "Einfache oder schnelle Lösungen gibt es nicht".

In den untersuchten Ländern - und das entspricht auch der Erfahrung mit dem Aufkommen der AfD in Deutschland - sprechen Rechtspopulisten Menschen an, die sich vergessen und mit ihren Problemen nicht wahrgenommen fühlen. Man sieht es ja an Trump - der Millionär behauptet vor Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz zu sein, irgendwie einer von ihnen zu sein. Und mit Parolen wie "Wir sind das Volk" okkupieren Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland die Parolen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR, sie behaupten die Deutungshoheit, wer denn eigentlich zum Volk gehört. Die Diskussion um Migration ist da ein in allen betroffenen Ländern hervorstechendes Beispiel. Eindringlich warnen die Autoren davor, sich Parolen der Rechtspopulisten zu eigen zu machen und die Brandmauer bröckeln zu lassen. Wer das Sterben der Demokratie verhindern wolle, dürfe sich nichtt zum Steigbügelhalter machen, heißt es in dem Buch.

Die Autoren plädieren für eine Offensive der politischen Bildung, und zwar auch in den sozialen Medien, wo die Rechtspopulisten schon lange erfolgreiche Kampagnen führen und vor allem die junge Generation erreichen, die sich zu einem großen Teil schon länger nicht mehr aus traditionellen Medien informiert.

Das Buch untersucht die Strategien und Positionen rechtspopulistischer Parteien sowohl beim Versuch, an die Macht zu kommen, als auch die Konsequenzen, wenn sie die Regierung (mit) stellen, insbesondere das Vorgehen gegen die Gewaltenteilung, die Versuche, eine unabhängige Justiz zu gängeln oder gar zu verhindern, und Versuche, Macht zu konsolidiere , indem entsprechende Gesetzte die Exekutive stärken. Ein (weiterer) Warnruf, der sich in die Reihe vorangegangener Analysen zu dem Thema stellt.

Veröffentlicht am 18.10.2025

Literarische Dystopie

Was wir wissen können
0

Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen ...

Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen Zeit und Erzählperspektiven geschrieben. Damit überzeugt er sowohl inhaltlich als auch erzählerisch und bietet viel Stoff zum Nachdenken.

Das Buch führt in eine gerade mal knapp 90 Jahre entfernte Zukunft, doch völlig andere Welt. Die Regierungen haben die Kipppunkte ignoriert, um die Erderwärmung zu stoppen oder zumindest zu mindern. Schmelzen der Polkappen und Anstieg der Meeresspiegel sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern die Realität einer Menschheit, in der Weiße selten geworden sind, die Menschheit besteht überwiegend aus verschiedenen Schattierungen von braun und die neue Supermacht heißt Nigeria. KIs kontrollieren einen großen Teil des Lebens und werden gerade von den jungen Menschen nicht hinterfragt.

Europa hat seine Konflikte und Kriege ebenso schlecht überwunden wie die Klimaveränderungen, die etwa Großbritannien zu einer Insellandschaft machten. Als das Meer die Küstenregionen und die dortigen Städte verschlang, ging auch viel wissen zugrunde. Bibliotheken und Hochschulen sind nunmehr in Höhenlagen angesiedelt. Mit dem Wissen gingen auch Technologien verloren. Die Welt dieser Zukunftsmenschen, ihr Bewegungsradius, sind geschrumpft. Und die Menschen sind mit dem verlorenen Wissen irgendwie dümmer geworden.

Literaturwissenschaftler Tom, der auf der Suche nach einem verschollenen Gedicht des Dichters Francis Blundy ist, muss allerhand Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, um in einer mehrere Tagesreisen mit Fähre, Seilbahn und primitivem Fahrrad entfernte Bibliothek zu erreichen ,die das Archiv von Blundys Ehefrau Vivian enthält. Die Frau, die er nie gesehen hat und die ihre eigene wissenschaftliche Karriere für Blundy aufgegeben hat, fasziniert Tom so sehr, dass seine Freundin eifersüchtig wird. Ein Gedicht, nur einmal vorgetragen und danach verschwunden, zu Vivians Geburtstag geschrieben - geht es noch romantischer?

Oder war alles ganz anders? Denn im zweiten Abschnitt des Buches kommt Vivian zu Wort. Und so manches unterscheidet sich von dem posthum gezeichneten Bild. Zu den Besonderheiten gehört es, die akademischen Klüngel von 2014 und 2119 in ihren gewaltigen Unterscheidungen zu erleben, aber auch die Unterschiede in Diskussionen, Wissenschaft und Lebensstil. Für Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Hochschulbetrieb zu tun haben, dürfte "was wir wissen können" deshalb einen zusätzlichen Reiz haben. Ein vielschichtiger, fulminanter Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.10.2025

Party, Erpressung, Leichen

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
0

Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - ...

Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - praktisch, wenn man auf einer Insel in den Großen Seen lebt, wo eisige Winter garantiert sind. Das eher zurückgezogene Rentnerdasein wird jäh gestört, als eine Nachbarin zur Party ins feudale Herrenhaus einlädt - mit dem Hinweis, dass Rosie besser kommt. Andernfalls werde ihr gut gehütetes Geheimnis ans Licht kommen.

Soweit die Ausgangslage von "Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste" von Kelly Mullen. Rosemary weiß - vor dieser Einladung kann sie sich nicht drücken. Sie kommt allerdings mit Rückendeckung in Form ihrer Enkelin Addie, als Spieleerfinderin rätselerprobt. Eine wichtige Eigenschaft, wie sich schon bald zeigen wird. Denn die etwas dahindümpelnde Party geht auf die Mitternachtsdrinks zu, als es dramatisch wird: Eine Leiche wurde gefunden - und dabei handelt es sich um die Gastgeberin. Opfer eines anderen, eher gewaltbereiten Erpressungsopfers? Oder Opfer einer tödlichen Intrige?

Rosie und Addie machen es sich zur Aufgabe, den Täter oder die Täterin zu finden. Nicht jeder ist davon begeistert, denn im Rahmen ihrer Ermittlungen stoßen sie bei den teils illustren, teils exzentrischen, immer aber potentiell verdächtigen Gästen auf manche bisher erfolgreich verborgene Peinlichkeit und potenzielle Motive. Die Zahl der Verdächtigen schrumpft, denn es bleibt nicht bei einem Mord. Dann fällt auch noch der Strom aus, die Partygäste sind im Haus eingeschlossen, einem Haus, das selbst so manches Geheimnis besitzt.

Mullens Cozy-Krimi mit ihren mitunter naiv-unbedarften Ermittlerinnen im winterlichen Locked Room-Setting ist ein unterhaltsamer Rätselspaß. Das erinnert ein bißchen an Miss Marple und Agatha Cristie, auch in der manchmal etwas betulichen Erzählweise. Sicher kein Buch für Leser*innen, die knallharte Spannung oder einen Plot im Noir-Stil bevorzugen. Wer einen klassischen Whudunit ohne viel Blutvergießen mag, wird zufrieden sein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.10.2025

Seniorenquartett als Codeknacker

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
0

Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub ...

Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code." Von Ruhestand kann bei den mittlerweile immerhin über 80-Jährigen trotz scheinbar beschaulicher Seniorenresidenz wirklich keine Rede sein. Dabei hatte ich schon befürchtet, der vierte Band könnte so eine Art Schwanengesang sein.

Doch weit gefehlt - auch wenn das Alter und seine Einschränkungen durchaus zu Einschränkungen führen und der Gedanke an die eigene Endlichkeit nie ganz weg - Joyce, Elisabeth, Ibrahim und Ron stellen sich auch weiter den Herausforderungen.

Im Fall von Joyce: Die Hochzeit ihrer Tochter. Endlich! Und sogar mit einem ausnehmend sympathischen Schwiegersohn! Im Fall von Ron: Seinen Schwiegersohn hat er ja noch nie sonderlich gemocht. Aber dass die Ehe seiner Tochter mit einem koksenden Kriminellen von Gewalt geprägt ist, das hat er nicht geahnt. Auch steife Gelenke und schmerzende Knie werden ihn nicht davon abhalten, für Gerechtigkeit zu sorgen!

Was Ibrahim angeht, der führt mit Drogenhändlerin Connie sein ganz persönliches Resozialisierungsprojekt durch, während Elisabeth nach wie vor um ihren toten Ehemann trauert. Kein Mord also? Weit gefehlt, als der Trauzeuge von Joyce´s Schwiegersohn spurlos verschwindet, ein Auto explodiert und ziemlich viele Menschen hinter einem Zettel für Kryptowährung her sind. Der befindet sich in einem Schließfach, das durch einen Code geschützt ist - und schnell ahnen die vier Hobby-Ermittler, dass der Code womöglich auch mit dem verschwundenen Trauzeugen zusammenhängt.

Doch wo in diesem Fall die Guten und wo die Bösen sind, ist den Clubmitgliedern diesmal lange nicht ganz klar. Hilfe gibt es von zwei gewitzten Teenagern. Damit funktioniert der Cozy Crime mit bewährtem britischen Humor auch generationsübergreifend.In der Hörbuchversion sorgen einmal mehr Johannes Steck und Beate Himmelstoß als Sprecher und Sprecherin dafür, dass jedes Mitglied des Quartetts eine ganz andere Sprachnote hat, die dem Charakter entspricht und einen hohen Wiedererkennungswert hat.

Und wichtiger als alles andere ist, dass das Seniorenquartett sich gegenseitig (unter-)stützt und hilft - bei den Ermittlungen ebenso wie in Alltagskrisen. Obwohl oder vielleicht auch gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten. Mögen sie einander - und den Lesern Osmans - noch lange erhalten bleiben!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere