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Veröffentlicht am 28.07.2025

Familiengeschichte voller Liebe, Lügen und Geheimnissen

Wohin du auch gehst
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Was für ein wunderbares Debüt mit spannenden, lebensnahen Protagonistinnen! "Wohin du auch gehst" von Christina Fonthes packt und berührt mit einer Familiengeschichte zwischen Kinshasa und London, voller ...

Was für ein wunderbares Debüt mit spannenden, lebensnahen Protagonistinnen! "Wohin du auch gehst" von Christina Fonthes packt und berührt mit einer Familiengeschichte zwischen Kinshasa und London, voller Liebe, Lügen und Familiengeheimnisse, die erst nach und nach entschlüsselt werden. Es geht um Identität und Queerness, afrikanische Spiritualität und Diaspora-Community, um die Demokratische Republik Kongo, das frühere Zaire, dieses schöne geschundene Land mit seiner Gewalt und seiner Musik.

Fonthes Protagonistinnen sind zwei Frauen, zwei Generationen - Bijoux und ihre Tante Mira. Als zwölfjährige wurde Bijoux zur Tante nach London geschickt, angeblich wegen der zunehmend gefährlichen Lage in ihrer Heimatstadt Kinshasa. Für die Tochter einer recht privilegierten Familie ist es ein Schock, sich plötzlich in einer Sozialsiedlung wiederzufinden, mit einer Tante, die vor allem schweigt.

Was Bijoux nicht weiß und was sich in Rückblicken entblättert: Mira ist so etwas wie die verlorene Tochter der Familie. Einst das verwöhnte Nesthäkchen, das aus dem behüteten Leben ausbrach, mit 16 Jahren schwanger wurde und vom Vater verstoßen wurde. Mira irrte jahrelang durchs Leben, in Brüssel, in Paris, schließlich London, wo sie in einer evangelikalen Gemeinde eine Heimat fand und ein äußerst respektables Leben begann.

Auch Bijoux fühlt sich in der Gemeinde heimisch. Doch sie ist lesbisch - etwas, was sie ihrer Tante lange verschweigt. Erst als sie einen jungen Mann aus der Gemeinde heiraten soll, offenbart sie sich, mit harschen Konsequenzen. Denn Homosexualität gilt als "unafrikanisch". Kann sie sie selbst sein, oder ist sie zu einem Leben in ständiger Selbstverleugnung gezwungen?

Fonthes schafft es, Schablonen und Schwarz-Weiß-Bilder zu vermeiden. Sie beschreibt queere Community und religiöse afrikanische Diaspora gleichermaßen mit Wärme und ohne zu verurteilen. Sie zeigt die Brücken zwischen dem Heimatkontinent und den Afrikanern in der Ferne, ihre Märkte und Frisierläden als Orte, in denen ein Stück Heimat in die Fremde geholt werden kann, Solidarität und Klatsch. Nur am Rande wird der Konflikt im Ostkongo mit seinen Grausamkeiten erwähnt, doch die Gewalt und das Chaos des Landes sind unterschwellig präsent, zumal Bijoux´ s Mutter Ärztin bei MSF ist. "Wohin du auch gehst" ist ein Buch voller Liebe und starker Frauen, über die Suche nach Glück und Wahrheiten, die manchmal sehr spät kommen.

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Idylle mit Untiefen

Gerächt sein sollst du
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Die Finnland-Krimis, die ich bisher kennengelernt habe, fallen entweder durch eine gewisse Kauzigkeit der Charaktere oder eine Noir-Stimmung auf. "Gerächt sein sollst du" von Kaisu Tuokko fällt in keine ...

Die Finnland-Krimis, die ich bisher kennengelernt habe, fallen entweder durch eine gewisse Kauzigkeit der Charaktere oder eine Noir-Stimmung auf. "Gerächt sein sollst du" von Kaisu Tuokko fällt in keine der beiden Kategorien, sondern versucht eine gewisse hyggelige Gefühligkeit einfließen zu lassen, die mich nicht wirklich überzeugt hat.

Journalistin Eevi erfährt vom Fund einer Leiche und eilt zu den Klippen des idyllischen Küstenorts Kristinestad. Die Ermittlungen um den Tod des 17-jährigen Jonas leitet ausgerechnet ihr Jugendfreund und erste Liebe Mats, der in seinem alten Heimatort eigentlich nur ein paar Tage ausspannen sollte (bin mir nicht sicher, wie realistisch das sein soll, dass ein Polizist auf Urlaub mal eben die Ermittlungen übernimmt).

Jonas was ein Eigenbrötler ohne echte Freunde, wurde gemobbt. War es Selbstmord? Seine Mutter schließt das aus. Dann tauchen schwere Vorwürfe gegen den Jugendlichen auf. Sowohl Eevi als auch Mats begeben sich auf Wahrheitssuche, die eine als Journalistin, der andere als Ermittler. Dabei kommen sie sich auch menschlich wieder näher.

Die Autorin packt durchaus relevante Themen an - Mobbing, MeToo, das nichts vergessende Internet. Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn sie das stärker focussiert hätte. So aber spielen die persönlichen Befindlichkeiten und emotionalen Achterbahnfahrten ihrer Protagonisten eine große Rolle mit erwartbaren Klischees. Natürlich fällt Mats beim Wiedersehen mit Eevie ein, dass es in seiner Ehe nicht toll läuft und er seine alte Freundin eigentlich immer noch sehr anziehend findet.

Eevie wiederum leidet unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit und hat ständig nah am Wasser gebaut. Dass eine mit knapp 40 Jahren nun doch schon erfahrene Journalistin die Fassung verliert, wenn sie von einem Todesfall berichtet, dass sie es nicht schafft, professionelle Distanz zu halten, macht sie in meinen Augen unglaubwürdig und ein bißchen nervig. Die Entwicklung des Plots ist auch recht absehbar, was den Spannungsbogen eher flach hält. Immerhin wirkt die trügerische Idylle Kristinestads anziehend. Insofern ganz nett - aber leider mit einigen Schwächen

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Mutter-Tochter Konflikt auf der entlegensten Insel der Welt

Entscheidungen auf Tuga
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Um eine seit Jahren komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung aufzuarbeiten, ist eine kleine Insel womöglich nicht der ideale Ort. Schon gar nicht, wenn es sich um die entlegenste Insel der Welt handelt, ...

Um eine seit Jahren komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung aufzuarbeiten, ist eine kleine Insel womöglich nicht der ideale Ort. Schon gar nicht, wenn es sich um die entlegenste Insel der Welt handelt, wie in "Entscheidungen auf Tuga" von Francesca Segal. Im vergangenen Jahr habe ich mich erstmals von der Autorin auf die Insel Tuga entführen lassen, um der introvertierten Forscherin Charlotte Walker zu folgen bei ihren Irrungen und Wirrungen beruflicher wie emotionaler Art.

Inzwischen ist Charlotte seit mehr als einem Jahr auf Tuga und erforscht nicht nur die seltenen Goldmünzenschildkröten, die es nur auf Tuga gibt, als provisorische Insel-Tierärztin ist sie auch für Kühe, Schweine und Esel zuständig.Und auch ihre Beziehung zu Levi Mendoza, erst Vermieter, jetzt Liebhaber, läuft gut. Bis mitten in der Sturmsaison, in der keine Schiffe auf Tuga anlegen, der Notruf einer Yacht aufläuft und das örtliche Rettungsteam ausrückt. Und zurückkommt mit einer resoluten und so gar nicht kranken Frau, die sich zu Charlottes Entsetzen als ihre Mutter entpuppt.

Lucinda Compton-Neville ist so gar nicht introvertiert, sondern eine resolute und selbstbewusste Kronanwältin, entschlossen, ihre einzige Tochter dem aus ihrer Sicht primitiven Inselleben zu entreißen. Damit bringt sie nicht nur Charlottes Leben durcheinander, sondern sorgt auch auf der Insel für manche Verwerfung. Werden die beiden ungleichen Frauen doch noch zueinander finden oder sich entgültig entzweien? Wird sich Charlotte gegenüber ihrer Mutter durchsetzen - und was will sie überhaupt? Während Levi plötzlich andere amoureuse Interessen entwickelt, fragt sich Charlotte, welchen Sinn ein Verbleib auf Tuga hat - vor allem, da ihr Forschungsstipendium ausläuft. Heißt ihre Zukunft doch London?

Daneben gibt es in "Entscheidungen auf Tuga" ein Wiedersehen mit vielen der liebenswerten und teils exzentrischen Insulaner und ihres ganz besonderen, gewissermaßen basisdemokratischen Gemeinwesens. Segal schildert Tuga und seine Bewohner auf eine liebenswerte und warmherzige Art. Es macht Spaß, sich auf diese fiktive Insel entführen zu lassen, auch wenn sich am Ende ernstere Töne abzeichnen. Bleibt die Frage: Ist damit bereits alles gesagt zu Charlotte und ihrem Inselleben?

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Der weltweite Aufstieg der Rechten

Die globale Rechte
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Ein Abriss der Geschichte, Ideologie und Entwicklung der globalen Rechten - das ist ein umfangreiches Thema. Marcel Lewandowsky beschränkt sich in seinem Buch "Die globale Rechte" auf 143 Seiten - mehr ...

Ein Abriss der Geschichte, Ideologie und Entwicklung der globalen Rechten - das ist ein umfangreiches Thema. Marcel Lewandowsky beschränkt sich in seinem Buch "Die globale Rechte" auf 143 Seiten - mehr als ein Abriss kann es also nicht sein. Dennoch, als kompakter Einstieg in die Thematik ist dieses Sachbuch sicherlich gut geeignet und bietet Ansatzpunkte zum Weiterlesen.

Auch wenn der Autor die weltweite Entwicklung zeigt - Trumps Aufstieg und die MAGA-Bewegung in den USA, das politische Erbe des Faschismus in Italien, die rechtskonservativen Regierungen in Polen unter der PiS und in Ungarn anhaltend unter Victor Prban, die Entwicklung in Russland unter Wladimir Putin - ist doch ein Schwerpunkt die Geschichte rechter und rechtspopulistischer Parteien in Deutschland.

Dabei zeigt er nicht nur die Entwicklung von der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis in die Bundesrepublik, sondern gibt auch der Frage Raum, wie mit rechten Parteien umzugehen sei. Funktioniert der Konsens der demokratischen Parteien, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten? Und was folgt, wenn konservative Parteien versuchen, rechte Wählerstimmen zu bekommen, indem sie deren Positionen näherrücken? Vieles von dem, was Lewandowsky schildert, sehen die Leser*innen längst im politischen Alltag.

Das Buch regt zum Nachdenken an - was bedeutet die Existenz rechter Parteien und die Reibung an ihnen für die demokratische Gesellschaft? Bei wem schrillen schon die Alarmglocken und wer denkt noch, es sei alles nicht so schlimm? Dabei macht der Autor deutlich, dass Minderheiten sich bereits bedroht fühlen, wenn andere, die weniger ein Feindbild rechter Parteien abgeben, noch beschwichtigen. Zugleich führt er an Beispielen der jüngsten Vergangenheit die Auswirkungen auf Justiz, Medien, und eine funktionierende Gewaltenteilung vor Augen, wenn rechte Parteien an die Macht kommen.

Veröffentlicht am 14.07.2025

Claire und ihr Hammer

My Life as a Serial Killer
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Wenn Claire durch Menschen buchstäblich hindurchblicken kann und sie gewissermaßen als Geister wahrnimmt, hat das nichts Gutes zu bedeuten. Denn Claire, künstlerisch begabt und auch durchaus ambitioniert, ...

Wenn Claire durch Menschen buchstäblich hindurchblicken kann und sie gewissermaßen als Geister wahrnimmt, hat das nichts Gutes zu bedeuten. Denn Claire, künstlerisch begabt und auch durchaus ambitioniert, hat mörderische Impulse und sieht keinerlei Sinn darin, sie nicht auszuleben. In Joanna Wallaces "My Life as a Serial Killer" hinterlässt sie eine Blutspur und blickt zurück auf eine mörderische Laufbahn, die im zarten Alter von sieben Jahren begann. Damals lernte sie den besonderen Nutzen eines Hammers kennen, ein Werkzeug, dass sie seitdem gerne bei sich führt.

Ein Mensch hat Claire bedingungslos geliebt, einschließlich ihrer finsteren Seite - ihr vor kurzem verstorbener Vater, der in den letzten Jahren seines Lebens an präseniler Demenz litt. In dieser Lage macht Claire etwas, was eigentlich nicht ihrer Art entspricht: Sie schließt sich einer Trauergruppe an, kurz nach dem letzten Mord, wegen dem sie dummerweise erpresst wird - von einem weiteren Mitglied der Gruppe.

Irgendwie klar, dass das für die Erpresserin nicht gut enden kann. Doch irgendwie hat noch jemand Wissen von Claires Aktivitäten. Hat die Trauer sie unvorsichtig gemacht? Können die Durchschnittsmenschen, wie Claire die Normalos um sich herum nennt, doch komplexer sein als gedacht und ihre dunkle Seite wahrnehmen? Und wie viele Menschen muss sie noch umbringen, bis sie endlich ihre Ruhe hat?

"My Life as a serial killer" hat bitterbösen britischen Humor und durchaus komische Seiten, wenn Claire quasi im Plauderton als Ich-Erzählerin übers Morden erzählt und Betrachtungen über die seltsame Welt der Durchschnittsmenschen anstellt. Klar, so richtig sympathisch ist eine Serienkillerin nicht. Die Frage, wer als nächstes dran glauben muss und ob Claire endgültig enttarnt wird, sorgt aber dennoch für spannende Unterhaltung.

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