Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.10.2020

Das Geschäft mit Waisen und "weißen Rettern"

Das Gegenteil von Gut... ist gut gemeint
0

Acht Monate arbeitete Daniel Rössler für eine österreichische Hilfsorganisation als Projektmanager in einer ländlichen Region im Norden Ghanas. Eine seiner Aufgaben: Die Abwicklung eines Waisenhauses. ...

Acht Monate arbeitete Daniel Rössler für eine österreichische Hilfsorganisation als Projektmanager in einer ländlichen Region im Norden Ghanas. Eine seiner Aufgaben: Die Abwicklung eines Waisenhauses. Klingt vielleicht erst einmal hart, doch Rössler fand heraus: Bei den Kindern, die in dem Heim untergebracht waren, handelte es sich gar nicht um Waisenkinder. Sie hatten mindestens einen Elternteil. Und das Waisenhaus in seiner Projektregion, so hörte er damals, sei nicht das einzige dieser Art. Zwei Jahre nach seinem Projekteinsatz war Rössler wieder in Ghana - diesmal, um zu recherchieren, was es mit der implodierenden Zahl von Waisenhäusern in dem westafrikanischen Land auf sich habe.Das Ergebnis ist sein Buch "Das Gegenteil von gut....", das zwar schon vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, aber - das zeigt ein Blick in einschlägige soziale Medien - weiterhin höchst aktuell ist.

In dem Buch geht es um das Geschäft mit der Armut um "weiße Retter" und Voluntourism, die Verbindung von ein bißchen Abenteuerurlaub mit einem Freiwilligeneinsatz - sehr beliebt bei jungen Menschen aus meist gutsituierten Verhältnissen, denn billig ist ein solcher Einsatz nicht - die Vermittlungsorganisationen lassen sich da ordentlich was zahlen. Bei manchen ist (nur) Idealismus im Spiel, bei anderen auch das Wissen, dass sich soziales Engagement und internationake Erfahrung gut im Lebenslauf machen. Und was lässt sich bei den Freunden in der Heimat, auf Instagramm und anderen sozialen Medien besser "verkaufen" als lachende und "dankbare" Waisenkinder?

Gerade die Arbeit mit Waisen ist bei den jungen Freiwilligen beliebt - dabei ist es nicht nur in Ghana so, dass traditionell Kinder ohne Eltern von Angehörigen ihrer Großfamilie aufgenommen werden. In den meisten afrikanischen Ländern waren sie unbekannt abgesehen von Situationen, in denen durch Krieg oder Bürgerkrieg, durch Hungerkatastrophen und ähnlichen Situatione, die die Familien- und Gesellschaftsstrukturen in hohem Maß zerstörten.. Bis die Touristen auf Wohltätigkeittour kamen, die Freiwilligen und die Menschen auf der Suche nach einem afrikanischen Adoptivkind - Madonna lässt grüßen.

Ghana ist kein Eintelfall. Auch an der kenianischen Küste - und auch nur dort, im Touristengebiet - findet man etwa Straßenschilder, die auf Waisenhäuser hinweisen. Und in vielen Facebook-Gruppen und Internetforen fragen Erstbesucher nach Adressen für den Besuch eines Waisenhauses und was man denn so an Geschenken mitbringen sollte.

Gut gemeint, sicher. Aber wie das Sprichwort sagt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Denn anders als Fachkräfte, die bei seriösen Hilfsorganisationen in Projekten arbeiten und Positionen füllen, für die es (noch) nicht genügend einheimische Experten gibt, handelt es sich bei vielen der Freiwilligen um junge Leute, die gerade mit der Schule fertig sind, allenfalls Studenten. Die in ihrem Gap Year etwas erleben wollen. Von Voluntourism ist mittlerweile die Rede. Und die Organisationen, die so einen Aufenthalt etwa in Waisenhäusern organisieren, vermitteln auch ein- oder zweiwöchige Aufenthalte. Dass das nicht nachhaltig und gut für die Kinder sein kann, sollte eigentlich jedem pädagogischen Laien klar sein - zumal die Freiwilligen ja Kontakt zu den Kindern haben sollen/wollen, nicht etwa für Putz- und Küchenarbeiten ihren Einsatz "buchen".

"Unqualifizierte weiße Jugendliche mit der Fürsorge verletzbarer afrikanischer Kleinkinder zu betrauen, ist weder lokal gewollt noch pädagogisch legitim oder entwicklungspolitisch relevant. Es ist sogar das Gegenteil davon. ", schreibt Rössler. "Diese "Hilfe" schadet mehr als sie nützt, setzt eine gehörige Portion Überheblichkeit der "Helfer" voraus und orientiert sich in erster Linie und viel mehr an ihren Bedürfnissen als an jenen der Menschen vor Ort - und hat damit nichts mit seriöser Freiwilligenarbeit gemein" Wenn die Helfer glaubten, sie könnten vor Ort wirklich etwas bewirken - unqualifiziert, ohne sprachliche oder kulturelle Kompetenz, und das besser als Einheimische - dann offenbare sich hier eine "falsche Selbsteinschätzung und ein bedenkliches Maß an Überheblichkeit."

Denn für die Freiwilligeneinsätze gelte ja: "Ein wenig Spaß machen müsste es, es sollte schöne Bilder ermöglichen und im Idealfall auch für den Lebenslauf was hermachen. Die Arbeit im nächstgelegenen Altersheim oder in der städtischen Behindertenwerkstatt eignet sich hierzu nicht besonders gut ... während diese Tätigkeiten hauptberuflichen, meist schlecht bezahlten Fachkräften überlassen bleiben, zieht es die jungen Helfer bevorzugt in exotische Gefilde."

Das Ziel der seriösen Helfer ist letztendlich, überflüssig zu werden, die Verantwortung an Menschen vor Ort weiter zu geben und sich zurückziehen zu können. Bei den Waisenhäusern in Ghana, so recherchierte Rössler, sei es ganz anders - die würden immer mehr. Angebot und Nachfrage eben, und wo es keine Waisen gibt, müssen welche "gemacht" werden. Nicht nur in seinem Projektgebiet wurden Kinder in einem Waisenhaus untergebracht, die Eltern hatten. Eltern, die von den Betreibern überredet wurden, dass es das Beste für die Kleinen sei - dass sie drei Mahlzeiten am Tag erhielten, Kleiderspenden und Geschenke, die die Helfer oder Besucher mitbrächten.

Zunächst seien die Kinder immer wieder in ihre Familien zurückgekehrt, wenn die Freiwilligen abgereist waren - doch mehr Freiwillige, rund ums Jahr, das hieß mehr Geld für den Direktor, den Vermittler, die Organisation. Plötzlich wurde das Waisenhaus trotz eigener Familie die Normalität der Kinder.

Rössler sprach mit ghanaischen Sozialpolitikerinnen und Pädagoginnen, die darauf verwiesen, dass der ständige Abbruch von Beziehungen durch die rotierende Helferschar den Kindern und ihrer Entwicklung schadeten. Und er erkannte den Schaden auch in der Dorfgesellschaft - denn die "Waisen" wurden ihrer eigenen community entfremdet, als "white kids" gehänselt, die vielleicht Turnschuhe oder ein Handy besäßen, aber nicht mehr auf dem Feld oder mit dem Vieh arbeiten könnten oder wollten. Spätestens wenn sie mit 18 Jahren das Waisenhaus verließen, rächte sich das bitter. Denn zukunftsfähig seien diese jungen Leute dann nicht mehr in den Augen ihrer Gemeinschaft.

Das "weiße Helfer Syndrom" ist in den vergangenen Jahren zunehmend kritisiert worden, nicht zuletzt durch die "Geholfenen" Rössler stellt auch einen Zusammenhang zu kolonialem Blick auf Afrika her: "Im Business um hilfsbedürftige Schwarze und hilfeleistende Weiße spiegeln sich Zuschreibungs- und Handlungslogiken wider, die im Zuge jahrhundertelanger europäischer Vorherrschaft am afrikanischen Kontinent hervorgebracht, systematisch aufrechterhalten und global verbreitet wurden, und die von findigen Personen mit Geschäftssinn genutzt und kommerzialisiert werden."
Abgesehen von der manchmal etwas blumigen Sprache und den Stellen des Buches, in denen er sich nicht auf Fakten konzentriert sondern Ereignisse fiktionalisiert, hat Rössler meiner Meinung nach ein wichtiges Buch geschrieben - auch mit Blick auf die letztlich ausgenutzten Helfer, die es ja oft nur gut meinten.

Doch findet er damit auch Gehör? Ich fürchte, nur bei denjenigen, die seine Haltung teilen. Das Internet ist nach wie vor voll mit denjenigen, die voller Stolz das präsentieren, das eine andere Kritikerin als "MONGOS" bezeichnete (My own NGO), mit Bildern und stolzen Berichten ihrer Geschenkübergabe, mit Bildern und Verweis auf die ach so dankbaren armen Menschen, denen sie zu einem besseren Leben zu verhelfen meinen - und die dabei nur allzu oft von dem ausgehen, was sie für richtig und nötig halten.

Veröffentlicht am 08.10.2020

Suche nach den Wurzeln

Das weite Herz des Landes
0

Eins mit der Natur und trotzdem unvertraut mit den eigenen Wurzeln - das ist für Franklin Starlight, den Protagonisten von Richard Wagameses Roman "Das weite Herz des Landes" kein Widerspruch. Denn der ...

Eins mit der Natur und trotzdem unvertraut mit den eigenen Wurzeln - das ist für Franklin Starlight, den Protagonisten von Richard Wagameses Roman "Das weite Herz des Landes" kein Widerspruch. Denn der 16-jährige Ich-Erzähler, der bei einem Ziehvater auf einer entlegenen Farm aufwächst und schon als Kind selbständig jagte, tagelang allein in der Wildnis unterwegs war, weiß kaum etwas über seine Familie. Seine Mutter kennt er überhaupt nicht, seinen alkoholkranken Vater hat er nur selten gesehen und dann nicht in bester Erinnerung erhalten. Doch nun bittet der ihn um einen buchstäblich letzten Wunsch: Zum Sterben will er in die Berge, ein Tal überblicken und dann im Sitzen mit dem Gesicht nach Osten begraben werden, so wie einst die Krieger seines Volkes, von denen er eigentlich nichts weiß.

Auch Richard Wagamese fand laut Klappentext erst als Erwachsener zu seinen indigenen kulturellen Wurzeln. Die Starlights sind "McJibs" - Nachkommen von Ojibwe-Indianern und Schotten, und als einziges nicht-weisses Kind in der Klasse hat Franklin oft die Frage umgetrieben, was er eigentlich sei. Sein Ziehvater, fast durchgehend im Buch nur "der Alte" genannt, ist weiß, hat aber sein Bestes getan, ihm "Indianersachen" nahe zu bringen, allen voran das Eins sein mit der Natur, den Respekt vor ihr, vor den gejagten Tieren, die man zwar tötet, bei denen man sich aber auch bedankt. Der Alte ist kein Mann vieler Worte, eher so ein knorriger Rancher, wie man sie auch aus klassischen Western kennt.

Wagameses ruhige Erzählweise lässt den Leser eintauchen in die kanadischen Wälder, in die Begegnung mit einem Grizzly, die Jagd, die Weite der Landschaft und der Menschen, die mit, nicht gegen die Natur leben. Die Vater-Sohn-Geschichte ist zugleich eine Coming of Age-Erzählung, wobei Franklin reifer wirkt als mancher doppelt so alte Mann. Die Tage mit dem unsentimental beschriebenen Vater, der immer weiter abbaut, sind buchstäblich die letzte Gelegenheit für beide, eine Vergangenheit aufzuarbeiten, von der Franklin nichts weiß. Das letzte Kapitel im Leben des Einen wird so auch zu einem neuen für den Anderen.

Manchmal ist Wagamese so lakonisch wie der "Alte", mal sind seine Beschreibungen von spröder Poesie. Die Enwurzelungvon Franklins Vater Elrond, der in einer schmutzigen Fabrikstadt Gelegenheitsarbeiten nachgeht, steht im starken Kontrast zu dem naturverbundenen Leben auf der Farm. Doch über ihr kulturelles Erbe müssen Vater und Sohn gleichermaßen rätseln. Auch wenn die Geschichte der "first nations" nicht die Hauptrolle spielt, ist der Verlust dieser Identität unter den Nachfahren der indianischen Ureinwohner ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht. Anders als etwa in W.P. Kinsellas "Dance me outside"-Kurzgeschichten geht es hier nicht um das oft depremierende, von Alkohol- und Drogenmissbrauch und hohen Selbstmordraten geprägte Leben in den Reservationen, sondern um die entfremdet jenseits alter Gemeinschaften aufgewachsenen indigenen Menschen.

Fern von jeglicher Indianerromantik und Naturkitsch ist "Das weite Herz des Landes" unsentimental, aber nicht ohne Optimismus. Der Ausspruch "In der Stille liegt die Kraft" hat für dieses Buch und seinen jungen Protagonisten allemal Gültigkeit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.10.2020

Zeit für Masala und Kurkuma

Kochen wie in Indien
0

Meine erste Begegnung mit der indischen Küche fand nicht an den Stränden von Goa, im Gewusel von Mumbai oder im Schatten des Taj Mahal statt. Im "Balti triangle"des englischen Birmingham dürfte sie aber ...

Meine erste Begegnung mit der indischen Küche fand nicht an den Stränden von Goa, im Gewusel von Mumbai oder im Schatten des Taj Mahal statt. Im "Balti triangle"des englischen Birmingham dürfte sie aber ebenso authentisch gewesen sein, mit unspektakulären aber leckeren Restaurants zwischen Läden, die Saris und Stoffe, Ghee und damals noch sehr exotische Früchte verkauften und die meisten Menschen in den Restaurants hatten indische oder pakistanische Wurzeln.

Es war kulinarische Liebe auf den ersten Biss, und deshalb freue ich mich immer, ein neues Kochbuch kennen zu lernen, dass mir neue Variationen der vielfältigen indischen Küche näher bringt. "Kochen wie in Indien" von Robi Banerjee und Indrani Roychoudhury ist so ein Buch. Wie bei ähnlichen Büchern der von G+U publizierten Reihe darf ein bißchen Landeskunde nicht fehlen - die Top-five-Zutaten ebensowenig wie das, was man in Indien unbedingt sehen und erleben sollte. Klar, dass Kurkuma und Masala nicht fehlen dürfen.

Einige basics wie Chutney, Raita oder Naan zum Selbermachen werden vorgestellt, und auch sonst sind die Rezepte so zusammengestellt, dass die Zutatensuche zur zeitraubenden Recherche wird. Nicht nur in Großstädten mit internationaler Zusammensetzung sind Supermärkte hier ja mittlerweile gut aufgestellt, auch bei Gewürzen, die in der deutschen Küche eher nicht eingesetzt werden.

In der kalten Jahreszeit tut scharfes Essen ja besonders gut, wärmt es doch nicht nur den Magen auf. Das Garnelen-Masala klingt da sehr vielversprechend für Gäste oder einen Verwöhn-Abend. Das im Backofen vor sich hin garende Auberginencurry dürfte ein gutes Gericht sein, wenn vor dem Essen noch einiges andere zu erledigen ist und auch das würzige Auberginenpüree als südasiatische Antwort auf mein geliebtes Baba ganoush wird demnächst sicher ausprobiert. Ein bißchen Crossover ist auch vertreten - etwa Kürbiscurry und Kidneybohnencurry, die ich beide nicht in einem indischen Kochbuch erwartet hätte. Oder, es muss schließlich nicht immer Reis sein, ein Hirse-Pilao, das ein etwas anderes Geschmachserlebnis verspricht.

Ergänzt ist auch dieses Buch mit farbenfrohen indischen Straßenszenen. Die dazugehörige Garküche muss man sich am heimischen Herd einfach dazu denken. Namaste!

Veröffentlicht am 04.10.2020

Coming of Age Story zwischen Swahili-Küste und China

Das Meer der Libellen
0

Wer schon einmal auf den Inseln des Lamu-Archipels war, weiß: Es ist, wie in eine andere Zeit, ein anderes Tempo einzutauchen. Die Inseln, auf denen sich die Traditionen der Swahili-Kultur besonders lebendig ...

Wer schon einmal auf den Inseln des Lamu-Archipels war, weiß: Es ist, wie in eine andere Zeit, ein anderes Tempo einzutauchen. Die Inseln, auf denen sich die Traditionen der Swahili-Kultur besonders lebendig erhalten haben, sind geprägt vom Rhythmus des Meeres, vom Ruf des Muezzin, von afrikanischem und omanischem Erbe, dem Schmelztiegel alter Handelsstädte - auch wenn von der einstigen Bedeutung auf den Routen, auf denen schon Sindbad der Seefahrer unterwegs gewesen sein dürfte, nicht mehr viel zu spüren ist. Das Leben scheint dort langsamer, gemächlicher voranzustreiten.

Hier siedelt die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor ihren neuen Roman "Das Meer der Libellen" an. Es ist nicht automatisch eine Welt, die der in Nairobi geborenen Owuor, deren familiäre Wurzeln dem Namen nach eher im Westen des Landes liegen dürften, automatisch vertraut sein dürften."Die Küste ist nicht Kenia" heißt es an einer Stelle, und immer ist in dem Buch vom Unterschied der Küstenbewohner zum Hinterland, den Bürokraten von Upcountry die Rede.

Vor allem aber geht um eine, eigentlich zwei Frauen, die in dieser konservativen, teils archaischen Umgebung mit festen Vorstellungen von Sittsamkeit und Ehre,ihren eigenen Weg gehen. Owuor beschreibt das Heranwachsen von Ayaana, die quasi durch Geburt eine Außenseiterin ist:Ihre Mutter Munira gehörte einst zu einer der tonangebenden, einflussreichen Familien. Doch dass sie vom Studium in Nairobi mit einem unehelichen Kind zurückkehrte und noch nicht mal den Namen des Vaters nennen konnte - das war eine so große Schande, dass ihre Familie die Heimatinsel Pate verließ. Munira musste bleiben, betreibt in ihrem Haus einen Schönheitssalon, während Ayaana, weniger beaufsichtigt als andere Mädchen, früh eine Faszination für das Meer entwickelt. Der ehemalige Matrose Muhidin wird für sie die Vaterfigur, die sie selbst erwählt hat.

Ihre Andersartigkeit wird für Ayaana zu einer Chance, die mit guten und schlechten Erfahrungen verbunden sein wird: Als "Nachfahrin" wird sie als eine Art Sonderbotschafterin mit Studienmöglichkeit nach China eingeladen, verkörpert sie nach Ansicht chinesischer Wissenschaftler doch das Erbe jener chinesischen Seefahrer, die vor Jahrhunderten als Teil einer Expedition durch den "westlichen Ozean" an der ostafrikanischen Küste landeten. In einer Zeit, in der sich China bereitmacht, wirtschaftlich in Afrika Fuß zu fassen, kommt dieses chinesisch-afrikanische Erbe gerade recht.

Owuor erzählt in bildhafter, poetischer Weise vom Weg einer jungen Frau, die aufgrund ihrer Andersartigkeit teils für sie gefährliches Interesse und Begehren weckt, einer Frau, die von den Traditionen ihrer Heimat geprägt ist, aber auch gegen sie aufbegehrt und mit Verlust und Verrat konfrontiert wird.

Die Rolle Chinas in Afrika wird in diesem Roman ebenso thematisiert wie das Werben radikaler Islamisten um die jungen Männer der Inseln, den Hass, der ebenso unerbittlich ist wie der Krieg gegen den Terror, in dem das Zerbrechen Unschuldiger als Kollateralschaden gilt. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben jenseits des Meeres, das skrupellose Geschäftemachern von Schleusern, das Schicksal von Migranten - die Themen und Krisen des 21. Jahrhunderts sind verbunden mit der Lebensgeschichte Ayaanas.

"Das Meer der Libellen" ist ebenso die epische Geschichte einer starken Frau wie ein Roman dieser Zeit und globaler Probleme. Swahili-Weisheiten zu Beginn eines jeden Kapitels schlagen dabei den Bogen zu der alten Kultur der Inselwelt. Bei diesem Buch hat man förmlich den Geruch von Zimt und Kardamon in der Nase, den Klang von Taarab-Musik in den Ohren und schmeckt das Salz in der Küstenbrise.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.10.2020

Der unbekannte Aufstand

Der Aufstand von Treblinka
0

Wenn vom Holocaust und den deutschen Todeslagern die Rede ist, dürften nicht nur in Deutschland die meisten Menschen an Auschwitz denken - das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager, das ...

Wenn vom Holocaust und den deutschen Todeslagern die Rede ist, dürften nicht nur in Deutschland die meisten Menschen an Auschwitz denken - das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager, das Lager mit den meisten Toten. Von mindestens 1,1 Millionen Opfern geht die Forschung aus. Die Namen Treblinka, Sobibor oder Belzec dürften in Deutschland viel weniger Menschen vertraut sein, dabei waren diese Lager reine Todesfabriken. Wer in Auschwitz als ankommender Häftling die Selektion an der Rampe überstanden hatte, hatte zumindest theoretisch eine Chance zum Überleben, jedenfalls so lange die Kraft für die Zwangsarbeit ausreichte.

Wenn die mit deportierten Juden vollgepfernchten Güterzüge nach Treblinka oder Sobibor rollten, führte der einzige Weg in die Gaskammern, über die von den Nazis zynisch so genannte Himmelfahrtsstraße. Im Rahmen der "Operation Reinhardt" wurde die jüdische Bevölkerung der ostpolnischen Stetl ermordet, Treblinka wurde zum Friedhof der Warschauer Juden, die vor dem Krieg ein Drittel der Bevölkerung der polnischen Hauptstadt ausgemacht hatten. Nur wenige hundert jüdische Häftlinge waren als Mitglieder des Sonderkommandos gezwungenermaßen Helfer und Augenzeugen des Massenmordes. Ihnen war klar, dass die Täter nicht vorhatten, sie mit diesem Wissen überleben zu lassen.

Der Aufstand von Sobibor im August 1943, die versuchte Flucht von Mitgliedern des dortigen Sonderkommandos, ist durch zahlreiche Veröffentlichungen und einen Film bekannt geworden. Der polnische Journalist Michal Wojcik hat sich mit seinem Buch "Der Aufstand von Treblinka" auf den deutlich weniger bekannten Widerstand in Treblinka konzentriert.

Besonders interessant dabei: Das Buch schildert die Ereignisse vor allem aus der Perspektive der Häftlinge, greift auf die wenigen Berichte von Überlebenden des Aufstands und der anschließenden Flucht zurück. Denn wie so oft, wenn es um das Thema Holocaust geht, sind die meisten Dokumente aus der Täterperspektive zu finden - Akten, Briefwechsel, Berichte usw. Doch rund 300 der 700 Teilnehmer des Aufstand der meist jüdischen Häftlinge war die Flucht gelungen, etwa 85 von ihnen überlebten den Krieg.

Eine fesselnde Lektüre ist die Schilderung des Widerstands, angesichts der Verhälntnisse ein David gegen Goliath-Kampf, so oder so. Auch auf das System des Massenmords, die Lagerverwaltung, das Wissen und die Tauschgeschäfte der umliegenden Dorfbewohner mit Arbeitshäftlingen in den Wäldern geht Wojcik ein. Am eindrucksvollsten vermittelt er das Grauen des Lagers dort, wo die Häftlinge des Sonderkommandos in den Transporten auf Bekannte stoßen, in den Kleidern der Ermordeten Kleidung von Familienangehörigen erkennen. Da kommt eine Ahnung auf, wie hoch der emotional und psychische Preis des Überlebens gewesen sein muss.

Die schon vor ein paar Jahren in Polen erschienene Version des "bunt w Treblince" war auch eine Abrechnung mit Heldenmythen in der "historischen Politik" der nationalkonservativen Regierung, die sich in den vergangenen Jahren vor allem auf die Arbeit und die Förderung von Museen und Ausstellungen auswirkte - Die Kontroversen um das Museum des Zweiten Weltzkriegs in Danzig und die Besetzung des Direktorpostens des Polin-Museums über die Geschichte der polnischen Juden waren da nur zwei besonders prominente Beispiele.

Wenn etwa Dorfbewohner im Austausch gegen Geld oder Schmuck ermordeter Juden Häftlinge mit Lebensmitteln versorgen, hat das eben einen ganz anderen Ton als der Mythos von der selbstlosen, aufopferungsvollen Hilfe der polnischen Patrioten für ihre polnischen Mitbürger, den regierungsnahe Historiker seit Jahren pflegen. Hier wäre für die deutsche Ausgabe ein einordnender Kommentar sicherlich sinnvoll gewesen. Als Beitrag zu einem vielen gerade in Deutschland wohl unbekannten Aspekt des Holocaust ist "Aufstand in Treblinka" aber auch ohne solche Hintergrundkenntnisse wichtig.