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Veröffentlicht am 03.10.2020

Ein Haus und seine Bewohner

Märchen aus meinem Luftschutzkeller
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Mtit "Märchen aus meinem Luftschutzkeller" zeichnet Oleksij Tschupa ein Bild der Ukraine jenseits der Klischees wogender Weizenfelder und blondbezopfter Frauen in buntbestickten Bauernblusen, aber auch ...

Mtit "Märchen aus meinem Luftschutzkeller" zeichnet Oleksij Tschupa ein Bild der Ukraine jenseits der Klischees wogender Weizenfelder und blondbezopfter Frauen in buntbestickten Bauernblusen, aber auch jenseits der mittlerweile zur Routine gewordenen und schon halb vergessenen Szenen des andauernden militärischen Konflikts. Es ist eher eine Sammlung von Kurzgeschichten als ein Roman, die einzige Klammer ist das Haus in der Stadt Makijiwka, in der alle Figuren wohnen. Jede Episode ist mit einer Wohnung verbunden, vom Erdgeschoss bis zur dritten Etage.

Makijiwka ist auch die Geburtsstadt des Autors in der Ostukraine, im Donbas, dem Kohlerevier, Teil der international nicht anerkannten Republik Donezk. Wenn hier von Nationalisten die Rede ist, sind die Anhänger der Regierung in Kiew gemeint. Doch die Notwendikeit eines Luftschutzkellers wird allenfalls im Nachwort Tschupas erläutert, denn die meisten seiner Hausbewohner haben entweder mit genügend Problemen ihres eigenen Alltags zu kämpfen, sind schon viel zu alt und abgeklärt, um sich übermäßig über die Gegenwart zu sorgen oder haben einen Wodkapegel erreicht, in dem eh alles egal ist.

Rentnerinnen, die auf den Tod warten, kleine Gauner, Säufer, Einsame - Tschupa nähert sich ihnen mal mit gerade zu poetischen Beschreibungen, mal mit rauem Realismus, mal mit Ironie. Es gibt eine Episode, die als fantastische Literatur einzuordnen ist und andere, die Charakterstudien und Porträts ihrer Protagonisten sind.

"Märchen aus meinem Luftschutzkeller" ist mit 208 Seiten ein eher schmaler Band, doch Tschupa schafft es, mit seinen Skizzen Eindrücke zu hinterlassen. Etwa Klawa, deren Einsamkeit wegen ihrer Taubheit nur noch größer ist, in "Stille als Gendefekt", oder das stille unspektakuläre Auseinanderbrechen einer Ehe. Oder die Geschichte einer bereits auf den Tod wartenden Großmutter und ihrer Enkelin, die mit isländischer Musik der Oma nicht nur neuen Lebenswillen vermittelt, sondern auch das zu Sprachlosigkeit erstarrte Verhältnis wieder belebt. Einen Knalleffekt liefert gleich das erste Kapitel mit der Begegnung eines unglücklichen Bankberaters mit der Skandalnudel des Hauses, der angejahrten und dauerbesoffenen Lebefrau Vira, die seit 30 Jahren das Zusammenleben der Hausbewohner erschüttert.

Für mich sind die "Märchen aus dem Luftschutzkeller" eine Entdeckungsreise nicht nur Makijiwkas und seiner Einwohner, sondern auch mit einem Autor, von dem ich vorher nicht gehört habe und der mich neugierig gemacht hat.

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Veröffentlicht am 03.10.2020

Schnulzen für Alpha-Männer

The Secret Book Club – Ein fast perfekter Liebesroman
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Beruflich könnte es für Baseball-Profi Gavin Scott gar nicht besser laufen - seit seinem entscheidenden Home Run der Saison wird er von Kollegen und Fans gefeiert. Von Hochgefühlen kann dennoch keine ...

Beruflich könnte es für Baseball-Profi Gavin Scott gar nicht besser laufen - seit seinem entscheidenden Home Run der Saison wird er von Kollegen und Fans gefeiert. Von Hochgefühlen kann dennoch keine Rede sein, denn seine Ehe steckt in einer tiefen Krise: Ausgerechnet beim Feier-Sex nach eben jenem Homerun musste er nämlich feststellen, dass Ehefrau Thea ihm seit nun mehr drei Jahren Orgasmen vorgetäuscht hatte. Da hilft auch der perfekt durchdefinierte Körper nicht - wenn es darum ging, die eigene Frau zu befriedigen, hat Gavin offensichtlich nicht nur kläglich versagt, sondern das noch nicht einmal mitgekriegt. Zutiefst verunsichert verzieht er sich zunächst ins Gästezimmer und wird von Thea, die seine Reaktion nicht nachvóllziehen kann, rausgeschmissen. Die Scheidung scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Wie gut, dass Gavin in seinen Mannschaftskollegen gute Freunde hat. Einige von ihnen hatten in der Vergangenheit ebenfalls schon Ehekrisen - und ein ungewöhnliches Mittel zur Aufarbeitung von Kommunikationsproblemen gefunden: Die Lektüre historischer Liebesromane half ihnen zu verstehen, wie Frauen ticken - und wie die schwülstigen tall dark and handsome Helden ein romantisches Happy End bewerkstelligen.

Männer und Liebesschnulzen - ein Coming Out in der Profi-Liga könnte nicht weniger Schockwellen bereiten. Kein Wunder, dass der Lesezirkel geradezu konspirativ auftritt - Secret Book club eben, so der Titel des Auftakts der bromance-Reihe von Lyssa Kay Adams. Und kein Wunder, dass die erste Regle der Eingeweihten lautet: Kein Wort nach außen. Es wäre schließlich nicht dem Image knallharter Hockeyprofis, Baseballstars und Alpha-Männer aus Politik und Wirtschaft förderlich, wenn herauskommt, dass sie ausgerechnet in der Schnulzenecke die Lösung für ihre privaten Probleme suchen müssen. Auch wenn sie, da erinnern sie schon wieder an das Auftreten in einer College-Verbindung, die Sex-Szenen für so anregend halten, dass sie ein eigenes Punktesystem für die LL (Lese-Latte) erstellt haben.

Sven Macht als Sprecher der Hörbuchversion dieses Liebesroman zwischen Persiflage und Schnulze kann alle Register ziehen, wenn er mal die Sicht des nun nicht nur wegen seines Stotterns verunsicherten Gavin, mal die von Thea zeigt. Da wird geraunt, geschnurrt, markige Männlichkeit und aufbegehrender Trotz intoniert.

Denn auch Thea schleppt ihre eigenen inneren Dämonen mit sich herum - als Kind litt sie unter der gescheiterten Ehe der eigenen Eltern, der notorisch untreue Vater heiratet gerade zum vierten Mal, und die einst rebellische Künstlerin, die wegen der Schwangerschaft mit Zwillingen und anschließenden Heirat ihr Studium unterbracht, hasst das Dasein als WAG. Wenn sie sieht, dass sie im Laufe ihres Daseins als Spielerfrau zur in Pastelltöne gekleideten Southern Belle mutiert ist, erkennt sie sich selbst kaum wieder. Sie will ihr altes, besseres Leben zurück. Doch mit oder ohne Gavin? Denn der lässt sich von Romanfigur Benedict, einem englischen Earl, beim Kampf um Theas Liebe inspierieren.

Inhaltlich ist natürlich vieles voraussehbar - welche Liebesschnulze darf schon ohne Happy end und viele Komplikationen und Missverständnisse zwischendurch enden? Dass die Figuren nicht durch sonderliche Tiefe überzeugen werden, ist auch von vornherein klar. Unterhaltsam ist das Konzept des "secret book club" allemal und beschert so manchen heiteren Hörmoment. Auch starke Männer dürfen bei Romanzen schwach werden.

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Veröffentlicht am 29.09.2020

Abgründe und Geheimnisse

Ihr Königreich
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Missbrauch, Schuldgefühle, dunkle Familiengeheimnisse - Mit "Ihr Königreich" hat Jo Nesbo einen psychologischen Thriller mit überraschenden Wendungen über ein Brüderpaar in einem entlegenen norwegischen ...

Missbrauch, Schuldgefühle, dunkle Familiengeheimnisse - Mit "Ihr Königreich" hat Jo Nesbo einen psychologischen Thriller mit überraschenden Wendungen über ein Brüderpaar in einem entlegenen norwegischen Bergdorf geschrieben, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Roy ist Automechaniker, betreibt die Dorftankstelle. Er ist derjenige, der geblieben ist, seit seiner Jugend berüchtigt als Schläger, ein Mann ohne Freunde, ein Einzelgänger.

Ganz anders Carl, der ein Jahr jüngere, der nach vielen Jahren zurückkommt mit einer kanadisch-karibischen Ehefrau und dem wegen einer geplanten Umgehungsstraße vor dem Aus stehenden Dorf neues Leben verspricht: Ein Berghotel soll her, für das Carl die Unterstützung der ganzen Gemeinde braucht. Carl war stets der Womanizer, der golden boy mit den vielen Freunden, im Gegensatz zum Bruder in der Schule erfolgreich, verkörpert gewissermaßen das Aufstiegsversprechen - dabei war die Jugend der beiden alles andere als einfach, starben ihre Eltern doch bei einem Autounfall, als die Söhne 16 und 17 waren. Im Cadillac des auf alles Amerikanische verrückten Vaters stürzten sie in den Abgrund an der steilen Straße zum einsamen Berghof.

Doch war es wirklich ein Unfall? Und warum verschwand damals der Dorfpolizist, der den Vorfall untersuchte? Nun ist es sein Sohn, ebenfalls Polizist, der Roy Fragen stellt nach den damaligen Vorgängen. Der tödliche Abgrund, er spielt in diesem Thriller gleich mehrfach eine Rolle. Abgründig und tief ist auch die Handlung. Immer wieder schafft es Nesbo, scheinbar sicher Geglaubtes zu erschüttern und mit der Enthüllung eines Details der Handlung eine ganz neue Wendung zu geben. Dabei geht es nicht nur um die Dynamik zwischen Roy und Harry und ihren Geheimnissen, sondern auch um die des Dorfes.

Die isolierte Dorfgemeinschaft, Machtspiele und Intrigen, Erpressung und Druck, Verrat und Schuld - es gibt kein schwarz-weiß in diesem düsteren Königreich. Hier hat so ziemlich jeder eine eigene Wahrheit, viele haben Dreck am Stecken, doch welche Wahrheit tatsächlich stimmt, das erfährt der Leser erst in einer dramatischen Zuspitzung.

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Veröffentlicht am 28.09.2020

Aufträge aus dem Jenseits

Das Gewissen der Toten
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Dreht Carter McLean langsam durch? Vorgesetzte und Kollegen sind besorgt, ob der Polizist auch nach 18 Monaten Krankschreibung und Büroarbeit wieder in der Lage zum aktiven Dienst ist. An seiner physischen ...

Dreht Carter McLean langsam durch? Vorgesetzte und Kollegen sind besorgt, ob der Polizist auch nach 18 Monaten Krankschreibung und Büroarbeit wieder in der Lage zum aktiven Dienst ist. An seiner physischen Leistungsfähigkeit besteht kein Zweifel - bei einem Marathon hat er gerade deutlich jüngere Kollegen hinter sich gelassen. Doch Carter ist schwer traumatisiert als einziger Überlebender eines Flugzeugabsturzes, bei dem seine vier besten Freunde ums Leben kamen - ausgerechnet auf dem Weg zu einem Junggesellenabend.

Carter hat Schuldgefühle - seine Kumpel wären mit einer traditionellen Pubtour und gemeinsamen Besäufnis zufrieden gewesen, doch er, der finanziell Unabhängige in der Gruppe hatte das Flugzeug nach Amsterdam gechartert. Und er sieht und riecht seine schwer verbrannten Freunde bei allen möglichen Gelegenheiten. Erst wenn er eines ihrer unerfüllt gebliebenen Herzensanliegen verwirklicht, scheinen die (Un-)Toten Ruhe zu finden in dem Kriminalroman "Das Gewissen der Toten" von Joy Ellis.

Kein Wunder also, dass Carters Vorgesetzte, die Polizeipsychologin und eine befreundete Kollegin in Sorge um den Ermittler sind - und wer will schon in einer Gefahrensituation im Polizeialltag auf einen Kollegen bauen, der Stimmen aus dem Jenseits hört? Die Situation ist um so kritischer, da einer der aktuellen Fälle die Frau eines der Toten betrifft. Sie verschwand offenbar drei Tage vor dem Flugzeugabsturz. Im Wohnhaus des Paares wurde viel Blut gefunden, doch ob die Frau gewaltsam entführt wurde oder tot ist, das bleibt lange fraglich in diesem Whodunnit mit paranormalen Elementen.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, ob tatsächlich Tote zu Carter sprechen, sondern auch um die Frage, was unter den Freunden womöglich ungesagt blieb, wie es wirklich um die Ehe der verschwundenen Frau aussah und ob Carter unter dem seelischen Druck zusammenbricht. Joy Ellis teilt links und rechts Spuren und Hinweise aus - doch welche sind Finten und welche dienen am Ende der Wahrheitsfindung? Der Leser begleitet die Ermittler auf einem Zickzackkurs voller Andeutungen, Verdächtigungen und toter Enden - eigentlich klassisch-britisch, mit teils exzentrischen Ermittlern. Und auch wenn am Ende die Lösung schlüssig scheint, gibt es noch einen dramatischen Überraschungseffekt. In diesem Krimi gibt es sowohl Spannung als auch interessante psychologische Elemente.

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Veröffentlicht am 23.09.2020

Spurensuche auf dem Oregon Trail

Volkswagen Blues
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Sie sind ein ungleiches Paar, der introvertierte frankokanadische Schriftsteller mit dem angelsächsichen Pseudonym und die lesewütige junge Mechanikerin Pitsemine, wegen ihrer langen dünnen Beine auch ...

Sie sind ein ungleiches Paar, der introvertierte frankokanadische Schriftsteller mit dem angelsächsichen Pseudonym und die lesewütige junge Mechanikerin Pitsemine, wegen ihrer langen dünnen Beine auch die "Große Heuschrecke" genannt. Jacques Poulin, ebenfalls Frankokanadier, lässt sie in seinem Roman "Volkswagen Blues" per Zufall auf einem Campingplatz auf der Halbinsel Gaspé zusammenkommen - der Schriftsteller übernachtet in seinem umgebauten VW-Bus, die junge Frau ist per Anhalter unterwegs. Aus einer angepeilten kurzen Strecke wird eine lange gemeinsame Reise, aus Fremdheit wird Vertrauen und Freundschaft in diesem langsam erzählten Buch, in dem es immer wieder auch um Bücher und Worte, um Entdeckungen und die Spuren nordamerikanischer Entdecker und Pioniere geht.

Der Schriftsteller sucht seinen Bruder Théo, zu dem er seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Eine alte Postkarte mit einer merkwürdigen alten Schrift ist der einzige Hinweis, dem er folgt - und die junge Frau kann das Puzzlestück einordnen - es handelt sich um einen Text von Jacques Cartier, dem Entdecker, der Kanada einst für den König von Frankreich beanspruchte.

Es ist ein wenig ironisch, dass der Hinweis auf die kolonialen Entdecker in Nordamerika ausgerechnet von Pitsemine kommt, die Halbindianerin ist und daher besonders sensibel auf das Thema Eroberung und Besiedlung des Kontinents - auf Kosten der einheimischen Bevölkerung reagiert, zugleich aber ihren eigenen Platz in der Gesellschaft nicht wirklich einordnen kann. Als dritter im Bundes ergänzt ein kleiner Kater die Reisegruppe im VW-Bus.

Die Geschichte der Entdecker und Voyageure, der frankokanadischen Pelzjäger, die häufig mit Indianervölkern lebten und indianische Frauen hatten, zieht sich wie ein roter Faden durch "Volkswagen Blues". Denn auch Théo scheint diesen Spuren gefolgt sein, oder zumindest ihren Routen - über die Grenze in die USA, in die Prärieregionen, schließlich auf den Oregon Trail an die Westküste, die für viele Siedler zum gelobten Land wurde, das sie nie erreichten. Die tragische Geschichte der "first nations", die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen und die Kriege der Eroberer gegen die indianischen Völker, setzt immer wieder dunkle Akzente.

Der Schriftsteller und Pitsemine folgen diesen Spuren nicht nur auf der Straße, sondern auch mit Büchern und Karten. Für den Schriftsteller mit Schreibblockade und die lesewütige Mechanikerin (die sich als ein Segen für den alten und nur begrenzt für den langen Road Trip geeigneten VW-Bus erweist) sind Bücher die Orte, die sie verbinden, zwei Einzelgänger, die eigentlich am liebsten allein sind und nun doch zusammen reisen.

"Volkswagen Blues" ist ein ruhig erzähltes Buch vom Unterwegssein, in dem auch für die Protagonisten der Weg letztlich das Ziel ist. Denn auch wenn die Reise endet, wenn die Suche nach Théo ihren Abschluss findet, wird Pitsemine auf der Straße weiterreisen. Und auf den Schriftsteller, der gesagt hat, Schreiben sei für ihn eine Entdeckungsreise, wartet eine Reise anderer Art. Schöne Sprachbilder und Beschreibungen lassen beim Lesen Bilder von Weite und dem schier endlosen Band der Straße aufkommen.

Volkswagen-Blues ist ein Reiseroman voll melancholischer Poesie, der den Leser mitnimmt auf eine Entdeckungsreise durch Raum und Zeit.

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