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Veröffentlicht am 19.09.2020

Von Ahas zu Hiskia

Sei du meine Stärke
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Mit ihrer neuen Reihe „Die Chroniken der Könige“ begibt sich Lynn Austin in das Zeitalter der Könige Israels. Ihr erster Band „Sei du meine Stärke“ spielt im 8. Jahrhundert vor Christus, zur Zeit der Könige ...

Mit ihrer neuen Reihe „Die Chroniken der Könige“ begibt sich Lynn Austin in das Zeitalter der Könige Israels. Ihr erster Band „Sei du meine Stärke“ spielt im 8. Jahrhundert vor Christus, zur Zeit der Könige Ahas und Hiskia.

Das Südreich Juda ist dabei in keiner guten Verfassung: schwere militärische Niederlagen führen dazu, dass Juda zu einem Vasallenstaat der Assyrer wird. Außerdem werden in Jerusalem sogar im Tempel andere Götter angebetet.

Nur wenig erfährt man in den Büchern der Chroniken und der Könige über diese Zeit. Lynn Austin gelingt es, aus den knappen biblischen Informationen eine spannende Geschichte entstehen zu lassen. Schon der Beginn des Romans hat es in sich: der älteste Sohn des Königs soll dem Gott Moloch geopfert werden. Dennoch gelingt es Hiskias Mutter Abi, dass ihr Sohn in der Thora unterwiesen wird. Das Buch endet damit, dass Hiskia nach Ahas‘ Tod zum neuen König wird und das Land wieder zurück zum JHWH-Glauben führt.

Die Mischung aus Fiktion und Fakten überzeugt, auch wenn manches eher unserer Zeit entspricht, etwa die starke Fokussierung des Opfers auf den Aspekt der Vergebung. Gottestreue und Vertrauen stehen im Zentrum vieler Gespräche, sodass es nicht verwundert, dass viel aus dem Buch der Psalmen zitiert wird. Etwas anachronistisch sind die Verweise auf die Gottesebenbildlichkeit des ersten Schöpfungsberichts und auf Hiob – beide Texte waren zur Zeit der Handlung noch nicht bekannt.

Sehr gelungen ist das Einfühlungsvermögen in die Figuren. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird das Geschehen beleuchtet, sodass man die Gedankenwelt am Königshof, am Tempel und die der Propheten kennenlernt.

Für mich war der Hauptbeweggrund, das Buch zu lesen, die Möglichkeit, eher unbekannte biblische Texte kennen zu lernen. Das gelang mir bereits bei Lynn Austins Buchreihe über die Rückkehr aus dem Exil nach Israel.

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Veröffentlicht am 11.09.2020

Verlust der eigenen Identität

Der verlorene Sohn
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Olga Grjasnowa begibt sich in ihrem neuen Roman „Der verlorene Sohn“ in ferne Welten: Jamalludin ist Sohn eines kaukasischen Herrschers. Als der Krieg gegen Russland verloren scheint, wird Jamalludin zum ...

Olga Grjasnowa begibt sich in ihrem neuen Roman „Der verlorene Sohn“ in ferne Welten: Jamalludin ist Sohn eines kaukasischen Herrschers. Als der Krieg gegen Russland verloren scheint, wird Jamalludin zum Spielball der Mächte: Der Zar lässt das Kind im Sommer 1839 nach St. Petersburg verschleppen, wo er am Hof des russischen Zaren aufwächst.

Die Absicht des Zaren ist klar: er will später in Jamalludin einen treuen Vasallen als kaukasischer Herrscher haben. Jamalludin wächst in einer russischen Familie auf, ohne Kontakt zu seiner echten Familie. Er schlägt schließlich sogar eine militärische Laufbahn ein – wohl wissend, dass er eines Tages gegen das russische Militär in den Krieg ziehen könnte.

Jamalludin, selbst Muslim, wächst in einer ganz anderen Kultur auf als die eigene. Nach Jahren rechnet er gar nicht mehr damit, jemals wieder nachhause zu kommen, verlobt sich sogar mit einer Russin. Doch sein Vater, Schamil, kann seine Freilassung vom Zaren erpressen. Wieder zuhause, in seiner Familie, wird er mit Argusaugen beobachtet. Man traut ihm nicht über den Weg, er muss noch beweisen, ob er einer der Ihrigen ist. Denn: „Ihre Vertrautheit lag zu lange zurück und sie wussten nicht, wie sie an die Vergangenheit anknüpfen sollten.“

So hat Olga Grjasnowa einen Roman verfasst, der den Verlust der eigenen Identität thematisiert, ohne auf eine starke erzählerische Entfaltung zu verzichten. Denn Jamalludin erweist sich unter anderem als ein genauer Beobachter der russischen Verhältnisse, der Unzufriedenheit in der Bevölkerung und des Arrangements der Macht am Ende des Zarenreichs.

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Veröffentlicht am 10.09.2020

Ein Buch über das Loslassen

Sterben im Sommer
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Zsuzsa Bánks Vater László, geboren 1933 in Ungarn, starb im September 2018. Ihr neues Buch „Sterben im Sommer“ schildert den Umgang der Familie mit der Krebserkrankung und dem Tod des Vaters über den Zeitraum ...

Zsuzsa Bánks Vater László, geboren 1933 in Ungarn, starb im September 2018. Ihr neues Buch „Sterben im Sommer“ schildert den Umgang der Familie mit der Krebserkrankung und dem Tod des Vaters über den Zeitraum von gut einem Jahr.

Zsuzsa Bánk hat ein intensives, eindringliches Buch geschrieben. Sie beschreibt, was sie beobachtet, wie sie es wahrnimmt. Die Realisierung der Krankheit mit ihren Folgen, das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein. Die Bedeutung des Vaters für die Familie, die Erinnerung an das gemeinsam Erlebte. Die Erfahrungen im Krankenhaus von Frankfurt-Höchst. Und immer wieder: das Klären von Fragen innerhalb der Familie. Der unerfüllbare Wunsch des Vaters, in Ungarn begraben zu werden. Das, was als Erinnerungsstücke bleiben soll, das was nach dem Tod des Vaters aufgelöst, weggegeben wird. Das Loslassen.

Zsuzsa Bánk hat kein Buch über den Tod geschrieben. Es ist ein Buch über das Abschiednehmen, über den Verlust eines Elternteils. Sie beschreibt das Abschiednehmen im Alltäglichen:

"Der Tod schneidet sich durch unser Leben, etwas müssen wir loslassen, in dieser sich weiterdrehenden Welt müssen wir etwas verlassen und hergeben."

Gekleidet hat Zsuzsa Bánk all dies in eine Sprache, die ohne allzuviel Metaphorik, dafür aber durch ihre vielen Wiederholungen und Wortverknüpfungen mit einem intensiven Sprachduktus versehen ist. Es ist ein Selbstgespräch, in das man als Leser nach und nach immer mehr hineingezogen wird.

Wer selbst schon den Verlust eines Elternteils erlebt hat, wird sich in Zsuzsa Bánks Buch wiederfinden.

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Veröffentlicht am 01.09.2020

Auszeit in Südafrika

Nächster Halt: Wildnis
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Sabbatjahr in Südafrika: In ihrem Buch „Nächster Halt Wildnis“ schildert Stefanie Vetter ihre Erlebnisse in Südafrika, wo sie eine Ausbildung zum Tour Guide machte.

Ihr halbes Jahr in Südafrika hat Sefanie ...

Sabbatjahr in Südafrika: In ihrem Buch „Nächster Halt Wildnis“ schildert Stefanie Vetter ihre Erlebnisse in Südafrika, wo sie eine Ausbildung zum Tour Guide machte.

Ihr halbes Jahr in Südafrika hat Sefanie Vetter tief beeindruckt. Das spürt man auf jeder Seite. Als Leser ist man mit dabei, wenn die abenteuerlustige junge Frau sich in einem Camp in Südafrika zurechtfinden muss – und auch mal unter freiem Himmel übernachtet, wenn sie sich Gedanken über das Gemeinschaftsleben der Löwen macht (ja, die Löwin führt das Rudel an!), wenn sie sich Sorgen um ihr Englisch macht, wenn sie auf Prüfungen büffelt.

Das, was Kinfofilme erfolgreich gemacht hat, was Verkaufszahlen von Reiseerzählungen hochschnellen ließ, findet sich auch bei Stefanie Vetter, nur etwas milder dosiert. Es ist keine Weltreise, die sie absolviert, nur eine Ausbildung zum Tour Guide. Sie muss sich nicht an ganz unterschiedlichen Orten zurechtfinden, sondern wechselt nur einmal das Camp. Und dennoch erfährt Stefanie Vetter ihre Auszeit als einmalig. Eine dieser einmaligen Erfahrungen hört sich so an:


"Ich lerne eine wichtige Lektion. Mir wird bewusst, dass ich ungeduldiges Wesen hier im Busch ganz neu lerne zu warten. Zu warten, ohne dabei Aufgaben zu erledigen, meine Liste abzuhaken. Zu warten und dabei ganz einfach in die Gegend zu schauen."

In ihrem Buch singt Stefanie Vetter ein Loblied auf die Schönheit der Schöpfung und fragt, wie wir uns so sehr von ihr entfernen konnten. Betrachtet man die wunderschönen Bilder, die sich zu den Texten im Buch gesellen, kann man diese Frage mehr als verstehen.

Immer wendet sich Stefanie Vetter dabei auch an ihre Leser, stellt ihnen Fragen, gibt ihnen Anregungen zum Nachdenken.

Ja, Stefanie Vetter gelingt es, dass einen die Abenteuerlust packt. Nicht nur nach wilden Tieren und einer wilden Landschaft. Es gelingt ihr auch, dass man sich selbst befragt, wo im eigenen Leben das Abenteuer zu finden ist. Oder, um es mit Stefanie Vetter zu sagen:


"Ich glaube, dass wir uns mit der Wildnis verbinden müssen, um unsere Balance wiederzufinden, weil sie das Herz Gottes spiegelt."

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Veröffentlicht am 12.08.2020

Vater-Sohn-Geschichte

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens
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Ein Vater-Sohn-Buch vor interessanter Kulisse: Das ist Tom Barbashs Buch „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens„. Vater und Sohn: das sind Buddy Winter und sein Sohn Anton. Die Kulisse: ...

Ein Vater-Sohn-Buch vor interessanter Kulisse: Das ist Tom Barbashs Buch „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens„. Vater und Sohn: das sind Buddy Winter und sein Sohn Anton. Die Kulisse: das Haus „Dakota“, einer der teuersten Flecken in New York, wo auch John Lennon gelebt hat. Buddy Winter ist der Moderator einer Late-Night-Show, bis er einen Nervenzusammenbruch hat. Sein Sohn Anton kommt – er muss die Nachwirkungen einer Malaria-Erkrankung auskurieren – aus Gabun zurück und entschließt sich, seinem Vater zu helfen, wieder ins Showbusiness einzusteigen.

Tom Barbash erzählt die Geschichte aus Antons Sicht, der sich klar darüber werden muss, was er aus seinem Leben machen will. So ist das Jahr 1979, in dem die Handlung spielt, für Anton auch das Jahr der Entscheidung, was er aus seinem Leben machen will.

Auch wenn Anton den Job eines Abräumers annimmt: Wir befinden uns im gehobenen Bildungsbürgertum, entsprechend viel Bücher und Musik wird erwähnt. Fast schon ein wenig zu viel – viele Bücher werden einfach als Reiseliteratur genannt, ohne dass es irgendeine Relevanz hätte.

Mir war „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ viel zu geschwätzig. Anton fand ich als Person nicht so spannend, dass ich immer wissen müsste, welchen Schritt er als nächstes tut. Und kleinschrittig geht die Handlung voran, zumeist versehen mit etwas zu viel an direkter Rede. Bobby trifft sich mit diesem und jenem, Anton hat diese und jene Idee – ach ja, und John Lennon kommt auch noch vor. Auch sonst gibt es viele Nebenhandlungen, wie etwa der Wahlkampf für Ted Kennedy. Freilich ändern diese Nebenhandlungen auch nichts daran, dass die Handlung des Buches einfach vor sich hin plätschert.

Die Beschreibung des bekannten Appartmenthauses „The Dakota“ und seiner Geschichte hingegen hat mir sehr gefallen. Hier gelingt es Barbash, eine Stimmung zu erzeugen, die mir im restlichen Teil des Buches gefehlt hat.

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