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Veröffentlicht am 27.04.2022

Wennschon, dennschon

Von oben fällt man tiefer
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Theophil Kornmaier hat als Kind bei einem Bergunglück seinen Bruder verloren und immer noch Albträume davon. Er ist sich nicht sicher, ob er ihn damals nicht vielleicht gestoßen hat. Nach einem Jahr erfolgloser ...

Theophil Kornmaier hat als Kind bei einem Bergunglück seinen Bruder verloren und immer noch Albträume davon. Er ist sich nicht sicher, ob er ihn damals nicht vielleicht gestoßen hat. Nach einem Jahr erfolgloser Therapie schlägt seine Psychologin ihm eine Konfrontationstheorie vor – er soll noch einmal zum Wandern in die Berge fahren. Zufällig stößt er in einem Reiseführer auf den Fernwanderweg E5, von Bregenz nach Bozen, und denkt sich: wennschon, dennschon. Da die Strecke allein zu gefährlich ist, schließt er sich einer Wandergruppe an. Aber nicht nur benötigte (grelle) Funktionsbekleidung und Rucksäcke, („Die Ästhetik des Bergwanderns ist eine Katastrophe.“ (S. 9)) auch seine Mitreisenden sind ihm suspekt.
Sexbombe Johanna verdreht allen Männern den Kopf („Sie war jung, sie war schön. Ein Geschenk.“ (S. 13)), dabei soll sie eigentlich die unscheinbare Laura begleiten.
Gerlinde und Gerald sind mitten im verflixten siebenten Jahr. Sie will schon lange heiraten und Kinder, erhält sie hin, überlegt, wie er sich endlich von ihr trennen kann.
Die gemütliche Hausfrau Bruni hat sich von ihrem sportbegeisterten Detti zum 25. Hochzeitstag eine kleine Wanderung gewünscht. Er wollte den E5 schon lange gehen und sieht seine Chance gekommen – jetzt kann er gleich 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Bergführer Josef hat von Beginn an kein gutes Gefühl bei dieser Anfängergruppe. „Hauptsache, sie würden sich nicht gegenseitig abmurksen.“ (S. 67) Er träumt von einer eigenen exklusiven Bergschule nur für Fortgeschrittene, aber noch ist es leider nicht soweit.

Auf der Wanderung kochen die Emotionen ziemlich schnell hoch. Kornmaier sondert sich stets von der Gruppe ab, will allein sein um sein Traum zu verarbeiten, an das ihn hier in den Bergen jeder Schritt, jeder Fels, jeder Abhang erinnert. Johanna überlegt, wem sie wie als nächstes den Kopf verdrehen kann und löst damit bewusst Unruhe, Eifersüchteleien und Streitereien aus. Laura sieht so traurig und deprimiert aus, dass sich die anderen ständig um sie sorgen, dabei wäre sie am liebsten unsichtbar oder gar nicht mehr da. Gerlinde klammert, Gerald versucht sie abzuservieren und Bruni merkt, was für ein rücksichtsloser Idiot ihr Detti eigentlich ist … Und dann ertönt ein markerschütternder Schrei, 2 Leute werden vermisst, eine Leiche gefunden …

Eins vorweg, Anne Bandel hat in meinen Augen eher einen Spannungsroman als eine Bergkrimi geschaffen, denn die erste Leiche taucht erst im letzten Viertel auf. Trotzdem ist „Von oben fällt man tiefer“ sehr fesselnd, denn es liefert ein detailliertes Psychogramm aller Protagonisten, zeigt, wie sich die Gruppendynamik und das zwischenmenschliche Verhalten (vor allem unter den Paaren) entwickeln, wenn man plötzlich 24 Stunden zusammen ist, sich aufeinander einstellen und in den Berghütten zusätzlich auf engstem Raum fast ohne Privatsphäre miteinander auskommen muss.

Bei einem bin ich mir nach dem Lesen sicher – eine Bergwanderung mache ich, wenn überhaupt, nur allein und in entsprechender Funktionskleidung .

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Veröffentlicht am 25.04.2022

Nur ein großer Wunsch

Warten auf ein Wunder
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Dublin 2010: Jede Woche treffen sich Caroline, Natalie und Janet in einer Selbsthilfegruppe für Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Sie haben (fast) keine Geheimnisse voreinander, teilen sie doch ...

Dublin 2010: Jede Woche treffen sich Caroline, Natalie und Janet in einer Selbsthilfegruppe für Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Sie haben (fast) keine Geheimnisse voreinander, teilen sie doch das gleiche Schicksal. Nur Ronnie, die Neue, schweigt sich aus.

Irland 1976: Als Catherine mit 17 unverheiratet schwanger wird und ihr Freund sich nicht zu dem Kind bekennt, wird sie in ein katholisches Mutter-Kind-Heim abgeschoben. Als sie ihr Kind dann nicht zu Adoption freigeben will, löst sie einen Skandal aus.

„Warten auf ein Wunder“ ist mir extrem nahe gegangen. Was die Frauen in der Hoffnung auf ein eigenes Kind alles auf sich nehmen, die unzähligen Behandlungen, Operationen und Schmerzen, den physischen und psychischen Druck, ist unvorstellbar. Leider bleiben ihre Beziehungen dabei oft auf der Strecke, weil der Wunsch nach dem Kind irgendwann größer ist als die Liebe zu ihrem Partner. „Acht Jahre, vier Operationen, sechs IVFs, ein toter Hund und ein Ehemann, der mich soeben verlassen hat, und sogar ich will noch mal von vorne anfangen.“ (S. 33) Trotzdem können sie den einen großen Wunsch einfach nicht loslassen – und obwohl ich ihre körperlichen Schmerzen beim Lesen selber spüren konnte, habe ich sie verstanden, mit ihnen gehofft und gebangt und auch geweint, wenn es wieder einen Rückschlag gab – vielleicht auch darum, weil ich selber keine Kinder bekommen kann.

Während ich mit Caroline, Natalie, Janet und Ronnie eher mitgelitten habe, hat mich Cathrines Geschichte sehr wütend und traurig gemacht. Obwohl sie auf einem Bauernhof lebt, wurde sie nie aufgeklärt, wusste nicht, wie ein Baby entsteht. „Woher weißt du, dass du schwanger bist?“ „Weil meine Mami mich geschlagen hat.“ (S. 99)
Was sie in dem Heim erlebt, lässt sich nur mit unmenschlich bezeichnen. Die schwangeren, oft minderjährigen Mädchen bekommen (angeblich zu ihrem Schutz) neue Namen und eine Arbeitsnummer, mit der sie gerufen werden – das hat bei mir sofort Assoziationen an die Verhältnisse in den KZ´s geweckt. Sie werden wie Dreck behandelt, müssen bis zum Umfallen arbeiten und bekommen meist erst dann medizinische Betreuung, wenn es schon zu spät ist. Nicht wenige Mädchen sterben bei der Geburt. Das ist aber egal, denn die Nonnen interessieren sich sowieso nur für die Babys, die sie für viel Geld an neue Eltern vermitteln. „Wir waren alle Gefangene in dem engen Netz aus einer engstirnigen Gesellschaft und Eltern, die uns jegliche Unterstützung verweigerten, einer Kirche, die uns als verdorbene, unzüchtige Sünderinnen hinstellte, und einem Geschäftsmodell, welches Kinder gegen Spenden an Adoptiveltern vermittelte, sowohl innerhalb Irlands als auch ins Ausland.“ (S. 223) Vor allem war es mit der Geburt für Cathrine noch nicht vorbei, ganz im Gegenteil, der von vornherein fast aussichts- und hoffnungslose Kampf um ihr Kind beginnt erst danach richtig …

Anna McPartlins neues Buch ist eine emotionale Achterbahnfahrt, hat mich sprachlos, wütend und traurig gemacht. Abwechselnd erzählt sie sehr einfühlsam Carolines, Natalies und Janets zum Teil verzweifelte Anstrengungen auf dem Weg zum eigenen Kind und lässt Ronnie immer ein bisschen mehr von sich preisgeben. Der Zusammenhalt und die beispiellose gegenseitige Unterstützung, das Mutmachen, aber auch die Versuche, sich von dem Kinderwunsch zu lösen haben mich sehr berührt. „Manchmal müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir haben, anstatt auf das, was wir nicht haben.“ (S. 152)
Parallel dazu wird Cathrines Geschichte weitererzählt, wie schwer es ihr fällt, nach der Geburt wieder Fuß zu fassen, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie weiß nicht, ob sie je wieder Vertrauen zu einem Mann fassen und eine körperliche Beziehung zulassen kann, denn eigentlich haben die Nonnen sie gebrochen.

„Warten auf ein Wunder“ ist ein ganz besonderes und sehr emotionales Lesehighlight für mich.

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Veröffentlicht am 22.04.2022

Im Fenster brennt noch Licht

Morgen kann kommen
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Nachdem ich „Morgen kann kommen“ von Ildikó von Kürthy bereits gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen Ildikós Stimme gelauscht, während sie mir ihr Buch nicht einfach nur vorgelesen, sondern die Geschichte ...

Nachdem ich „Morgen kann kommen“ von Ildikó von Kürthy bereits gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen Ildikós Stimme gelauscht, während sie mir ihr Buch nicht einfach nur vorgelesen, sondern die Geschichte erzählt hat.

Als Ruth erkennt, dass ihr Mann sie betrügt, fährt sie kurzentschlossen mit Auto und Hund aber ohne Gepäck in das einzige Zuhause, in dem sie sich je wohl gefühlt hat – die Villa ihrer Großeltern in Hamburg. In ihrem Zimmer dort brannte immer eine kleine Lampe im Fenster, wie bei einem Leuchtturm, damit sie sich im Dunklen nicht fürchtete und nach Hause fand. Sie hat das Haus zuletzt vor 15 Jahren betreten, bevor es zum großen Knall kam, bevor sie sich mit ihrer Schwester Gloria zerstritten hat. Der gehört das Haus jetzt, doch sie bewohnt es nicht allein. Gloria wirkt nach außen sehr barsch, hat aber ein großes Herz. Jeder der ein offenes Ohr oder einen Unterschlupf braucht, findet das bei ihr. Wie Rudi, der gute Sozi, der Ordnung liebt und immer für andere da ist. Er wird nicht mehr lange bleiben, nur noch bis zu seinem selbstbestimmten Tod. Oder der exaltierte Erdal, der eigentlich gerade eine Detox-Kur macht, die er aber nicht erträgt. Er bringt seine Cousine Fatma und ihre Teenager-Tochter mit, die das Fass zum Überlaufen bringen …

Nicht zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass ich beim Hören einen anderen Focus auf ein Buch habe als beim Lesen, andere Stellen werden plötzlich wichtig. Mir fallen die Ähnlichkeiten und Unterschiede der Schwestern stärker auf, ihre früher extrem innige Beziehung, wie sehr sie sich gegenseitig Mut und Halt gegeben haben.
Außerdem finde ich den Kontrast zwischen Ruth, die gerade mit einem Knall zurück ins Leben findet, und Rudi stärker, der sich immer mehr verabschiedet, ganz leise, um niemanden zu stören. Mir wird bewusster, wie er den Bezug zur Wirklichkeit und Realität immer mehr verliert, wie seine Angst vorm Tod immer kleiner wird, während die vorm Dahinsiechen zunimmt. Welche seiner Ängste gewinnt am Ende? Und natürlich stellt sich mir dann die Frage, wie mutig man sein muss, um seinem Leben ein Ende zu setzen, bevor eine Krankheit das übernimmt.
Aufgelockert werden diese schwierigen Themen durch Erdal, der immer im genau richtigen Moment schonungslos offen das ausspricht, was andere nicht mal zu denken wagen und die Situationen dadurch auflockert. Die Balance zwischen Humor und den nachdenklichen Stellen gelingt Ildikó von Kürthy sehr gut, auch bei der Modulation ihrer Stimme trifft sie immer genau die richtige Nuance Gefühl oder Witz.

Ildikó von Kürthy hat es auch mit ihrem Hörbuch geschafft, mich zum Lachen und Weinen zu bringen, zum Nachdenken und Träumen. „Morgen kann kommen“ hat mich sprachlos gemacht und erschüttert – aber gleichzeitig auch Hoffnung verbreitet.

Und wenn ich mich jetzt am Ende zwischen Buch oder Hörbuch entscheiden müsste, dann könnte ich das ehrlich gesagt nicht. Mir hat es sowohl beim Selbstlesen als auch Zuhören sehr gut gefallen und extrem berührt. Ich bin gespannt, ob und wie Ruths und Glorias Geschichte weitergeht. Denn jedem Ende wohnt ein Anfang inne …

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Veröffentlicht am 21.04.2022

Brot mal anders

Die Gemüsebäckerei
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Nicht erst seit der Mehlknappheit „strecke“ ich Brot mit Gemüse. Vor allem mein Apfel-Möhre-Mehrkornbrot erfreut sich bei Familie und Freunden großer Beliebtheit, weil es sehr gut schmeckt und durch das ...

Nicht erst seit der Mehlknappheit „strecke“ ich Brot mit Gemüse. Vor allem mein Apfel-Möhre-Mehrkornbrot erfreut sich bei Familie und Freunden großer Beliebtheit, weil es sehr gut schmeckt und durch das Obst und Gemüse im Teig auch länger frisch bleibt. Im Sommer backe ich gern mit Zucchini und im Herbst und Winter mit Kürbis – aber letztendlich greift man immer auf die gleichen Rezepte zurück.
Darum war ich so gespannt auf „Die Gemüsebäckerei“ von Lina Wallentinson. Was die Abwechslung und Inspiration ihrer Rezepte betrifft, wurde ich auch nicht enttäuscht. Egal ob Brötchen, Knäckebrot, Weichgebäck oder süße Köstlichkeiten, Gemüse nimmt stets eine zentrale Rolle ein und die ausprobierten Rezepte (Süßkartoffelwaffeln, Möhrenbrötchen, grüne Baguettes mit Spinat und Zucchini, Kartoffel-Tartelette und Rote-Beete-Kuchen) waren auch sehr lecker, nur im Grützbrot fehlt eindeutig Brotgewürz oder Ähnliches.

Allerdings hat das Buch einige Mankos vorzuweisen, die es vor allem Anfängern schwer machen werden. Die Bäckerin ist Schwedin und mir ist klar, dass die Mehlsorten dort anders heißen als bei uns, aber ich habe auch durch Googeln nicht herausbekommen, was das Gegenstück zu Weizen-Spezialmehl oder grobem Roggenmehl ist – evtl. feiner Roggenschrot? Es fehlt einfach grundsätzlich die Angabe, welcher Mahlgrad jeweils gemeint ist und auch beim Backen werden zwar Temperaturen angegeben, aber nicht die Backart (also Heißluft, Ober/Unterhitze etc.). Zudem habe ich nur einmal die Menge fertiger Gebäckstücke herausbekommen, die im Buch angegeben wird – ansonsten wurden es statt 20 Brötchen nur 13 (ziemlich kleine) und statt 12 Waffeln sogar nur 4. Auch der Rote-Beete-Gugelhupf füllte die Form gerade mal zur Hälfte aus, ertrank dafür aber in dem Guss. Außerdem sind die Brot- und Brötchenteige extrem weich und mit der Hand kaum zu verarbeiten, werden darum oft nur aufs Blech oder in eine Form „geklickert“ (mit einem Esslöffel portioniert). Da wird viel Potential verschenkt und ich frage mich, ob die Rezepte schlecht übersetzt oder nicht noch einmal ausprobiert wurden.

Mein Fazit: Die Grundidee ist super und die Gebäckstücke sind lecker, aber bei der Umsetzung und Anwenderfreundlichkeit lassen die Rezepte leider zu wünschen übrig.

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Veröffentlicht am 21.04.2022

Emanzipation Ende des 19. Jahrhunderts

Die Frauen vom Karlsplatz: Auguste
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Auguste ist 15, als sie mit ihren Eltern nach Lichterfelde an den neu gebauten Karlsplatz zieht. Sie darf noch ein Jahr eine höhere Mädchenschule besuchen, um auf ihr Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet ...

Auguste ist 15, als sie mit ihren Eltern nach Lichterfelde an den neu gebauten Karlsplatz zieht. Sie darf noch ein Jahr eine höhere Mädchenschule besuchen, um auf ihr Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet zu werden – für einen Mann, den ihre Eltern für sie aussuchen werden. Sie macht sich keine Gedanken deswegen, das ist in ihrer Gesellschaftsschicht eben so. „… es stand ihr nicht zu, eine Meinung zu haben, das verstand sie wohl und war nicht traurig deswegen.“ (S. 15)
Doch ihre neue Schule ist sehr fortschrittlich und vertritt die These, dass Frauen nicht nur für die die Ehe trainiert, sondern auch eine gute Bildung erhalten sollten. „… Wissen ist das Schönste, was das Leben zu bieten hat, und Klugheit die größte Zierde einer Frau.“ (S. 27) Augustes neue beste Freundin Lotte träumt sogar davon, Ärztin zu werden und lehnt sich gegen die Zukunftspläne ihrer Eltern auf. „Es ist wie im Gefängnis. Das ist kein Leben, Auguste. Jedenfalls nicht für mich.“ (S. 42) Schnell werden die beiden unzertrennlich, aber dann soll Auguste verlobt werden und widerspricht zum ersten Mal ihren Eltern. Und Lotte lässt sich zu einer folgenschweren und unüberlegten Handlung hinreißen die alles verändert …

Anne Stern siedelt ihre beiden Protagonistinnen in einer Zeit an, in der sich die Welt schon im Umbruch befindet, die bigotte Elterngeneration aber noch an alten Traditionen und Werten hängt. Mädchen werden von klein auf in ein Korsett gezwängt – im wirklichen und übertragenen Sinn. Sie brauchen keine Bildung oder gar einen Beruf, ihr ganzes Streben soll einem Mann und Kindern dienen.
Auguste hat dieses Leben nie in Frage gestellt, bis sie Lotte kennenlernt. Deren moderne Ansichten und unrealistischen Wünsche erschrecken sie und imponieren ihr gleichermaßen. Sie beginnt, über ihre eigene Zukunft nachzudenken und sich immer mehr zu emanzipieren.

Die Autorin schildert eine sehr zarte und innige Beziehung zweier junger Frauen, die sich regelrecht von der Welt abkapseln. „Zwei Mädchen in schwarzen Kleidern, mit Spitzensaum und schmaler Taille, die durch eine gläserne Schneekugel wanderten, abgeschirmt von der Welt, aber auch eingeschlossen in ein Gefängnis aus Schnee und Glas.“ (S. 110) Das weckt in ihren Eltern die Angst, dass die Beziehung über das Schickliche hinausgeht.

Es war erschreckend zu lesen, wie eingeengt und vorbestimmt Augustes und Lottes Leben war und ich bin froh, dass ich das Buch jederzeit zuklappen und in meine Zeit zurückkehren konnte.

„Die Frauen vom Karlsplatz: Auguste“ ist ein schöner Reihenauftakt. Ich mag die poetische Sprache und das emotionale Drama um die beiden Freundinnen, allerdings war die Handlung für mich etwas zu vorhersehbar.

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