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Veröffentlicht am 05.10.2019

Jorinde und Joringel

Bratapfel am Meer (Neuauflage)
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Caro ist Krankenschwester auf der Intensivstation und obwohl der Dienst sehr anstrengend und der Krankenhausalltag hart ist, nimmt sie sich für ihre Patienten Zeit. „Du fühlst mit und vergisst dabei dich ...

Caro ist Krankenschwester auf der Intensivstation und obwohl der Dienst sehr anstrengend und der Krankenhausalltag hart ist, nimmt sie sich für ihre Patienten Zeit. „Du fühlst mit und vergisst dabei dich selbst.“ (S. 22) Manche von ihnen kennt sie schon seit Jahren, wie die alte Frau Fischermann. Caro erinnert sie an ihre frühere Freundin Jorinde, sagt sie immer wieder und zeigt ihr eines Tages eine außergewöhnliche Kette. Caro soll sie zurück nach Juist bringen, zu ihrer großen Liebe. Aber noch bevor sie ihr mehr erzählen kann, verstirbt die Patientin. Caro fühlt sich an das Versprechen gebunden und fährt über den Jahreswechsel nach Juist.

Eigentlich wollte ich gestern Abend nur kurz in das neue Buch von Anne Barns reinlesen, doch Caros Geschichte und das Geheimnis um die Kette der verstorbenen Patientin hatte mich so gepackt, dass ich das Buch erst um 1 Uhr nachts wieder zugeklappt habe – natürlich ausgelesen. Schließlich MUSSTE ich ja wissen, wie es ausgeht.

Caro lebt von ihrem Mann getrennt, weil der eine Affäre hatte. Doch langsam fragt er sich, ob er nicht einen Fehler gemacht hat: „Du bist das Beste, was mit je passiert ist, und ich habe es vermasselt.“ (S. 16) Er will Caro zurück, aber kann sie ihm wirklich vergeben? Sie will die Zeit auf Juist nutzen, um sich über ihre eigenen Gefühle für ihn und ihre weitere berufliche Zukunft klarzuwerden, denn der Tod ihrer Patientin hat sie sehr mitgenommen. Doch schon beim Losfahren fällt ihr ein Tramper mit dem Schild „IRGENDWOHIN“ auf. Caro kennt ihn von früher und nimmt ihn mit, gibt sich aber nicht zu erkennen.

Die Zeit auf Föhr tut Caro unendlich gut. Sie besinnt sich auf ihre Träume und das, was sie im Leben (noch erreichen) will. Dabei helfen ihr die sympathischen und hilfsbereiten Inselbewohner, allen voran Merle, Conny und Amanda aus „Apfelkuchen am Meer“. Die vermitteln ihr auch den Kontakt zu den ältesten Insulanern, die Caro bei der Suche nach der großen Liebe ihrer ehemaligen Patientin unterstützen. Dabei wird ihr eines klar: „Die Vergangenheit ist ein Sprungbrett, kein Sofa.“ (S. 213)

„Bratapfel am Meer“ ist ein tolles Wintermärchen, eine Wohlfühlgeschichte mit viel Gefühl, Nordseefeeling und einem spannenden Geheimnis.
Abgerundet wird die Story durch die bezaubernde Musik von „Scheer“ und die tollen winterlichen Rezepte im Anhang.

Veröffentlicht am 04.10.2019

In fünf Schritten zum Glück

Fünf Wörter für Glück
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„Wer niemals hinfällt, kann das Aufstehen nicht lernen.“ (S. 109)
Die angehende Schauspielerin Heidi stürzt beim Joggen und wacht erst auf der Intensivstation wieder auf – ihr rechtes Bein musste unterhalb ...

„Wer niemals hinfällt, kann das Aufstehen nicht lernen.“ (S. 109)
Die angehende Schauspielerin Heidi stürzt beim Joggen und wacht erst auf der Intensivstation wieder auf – ihr rechtes Bein musste unterhalb des Knies amputiert werden. „Ich war gefangen in einem Albtraum.“ (S. 21) Sie ist am Ende, die Schmerzen sind unerträglich und sie kann ihren Eltern ansehen, wie sehr sie mit ihr leiden und trotzdem versuchen, für sie stark zu bleiben. Einzig ihr Mitbewohner Dougie fasst sie nicht mit Samthandschuhen an: Glaub bloß nicht, dass dich dieser Vorfall davon abhalten kann, dein Leben zu leben.“ (S. 47)

In der Reha begegnet ihr die 80jährige Maud. Sie teilen das gleiche Schicksal und ein Zimmer. Maud kommt anscheinend viel besser mit der Situation zurecht, die sie ja sowieso nicht ändern können, und baut Heidi immer wieder auf. „Ich brauchte sie – sie musste stark bleiben, für uns beide.“ (S. 95) Und dann ist da noch Mauds Enkel Jack, der sie regelmäßig besucht und sich bald auch um Heidi kümmert. Er sagt ihr, sie soll sich Ziele abseits der Reha stellen und unterstützt sie dabei, diese zu erreichen.

Das Schicksal von Heidi und ihrer Familie hat mich sehr bewegt. Mit viel Gefühl erzählt die Autorin Ella Dove, wie Heidis Freunde und Familie unter der Situation leiden, wie verschieden sie damit umgehen und welche Schuldgefühle Heidi quälen, weil sie ihnen so einen Kummer bereitet. Ganz bezaubernd fand ich, wie offen und vorurteilsfrei ihr ihre kleine Nichte nach dem ersten Schreck gegenübertritt und ihr eine einbeinige Puppe als Freundin schenkt. Auch die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen Heidi und Jack anzubahnen scheint, hat mir gut gefallen.
Außerdem muss sich Heidi klar werden, was sie in Zukunft machen will, denn sie will auf keinen Fall ihre „Behinderung“ als Schauspielerin offen zu Schau stellen.

„Fünf Wörter zum Glück“ ist ein ungemein berührendes Buch, in welchem die Autorin ihre eigene Geschichte verarbeitet hat. Ihr ist genau dieser Unfall passiert und sie hat ihren Unterschenkel verloren. Aber es ist keine Autobiografie, sondern ein Roman, darauf weist sie ausdrücklich hin. Trotzdem merkt man dem Buch natürlich an, dass sie genau weiß, worüber sie schreibt. Schonungslos und offen beschreibt sie das grausame Erwachen nach der OP und die nicht enden wollenden Schmerzen, die Zeit im Krankenhaus und in der Reha. „Ich fühlte mich zerbrechlich, wie papierdünnes Glas.“ (S. 39) Wie es ist, wieder bei Null anzufangen, sich erst an den Stumpf und dann die Prothese zu gewöhnen, wieder Laufenlernen zu müssen.

„Fünf Wörter zum Glück“ ist ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit und appelliert an unser Mitgefühl und unsere Hilfsbereitschaft. Ich glaube, jeder Leser wird nach diesem Buch seinen Umgang mit Behinderten und Behinderungen überdenken.

Veröffentlicht am 02.10.2019

Theater, Theater

Die Flucht der Meisterbanditin
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Eines vorweg: „Die Flucht der Meisterbanditin“ ist der zweite Teil einer Reihe und ich würde empfehlen, vorher unbedingt den ersten Teil zu lesen, dann erschließen sich einige Zusammenhänge besser. (Marie ...

Eines vorweg: „Die Flucht der Meisterbanditin“ ist der zweite Teil einer Reihe und ich würde empfehlen, vorher unbedingt den ersten Teil zu lesen, dann erschließen sich einige Zusammenhänge besser. (Marie war die Tochter eines Bauern, die sich bei der Gräfin Wilhelmine von Gräfenitz verdingt hatte und von ihr als Diebin und Spionin ausgebildet wurde.)

Marie und ihr Geliebter Jost arbeiten immer noch als Schauspieler in La Boneilles Truppe und führen ansonsten ein sehr ruhiges Leben. Da holt Josts Vergangenheit ihn ein – er soll vor Jahren einen Soldaten erschlagen haben. Er wird verhaftet, aber Marie kann ihn aus dem Kerker befreien. Eine wilde Flucht beginnt. Sie werden allerdings nicht nur von Josts Häschern verfolgt, auch die Gräfin schickt ihnen ihre Leute hinterher, denn Marie hat ein Kästchen dabei, dass Wilhelmine unbedingt zurückhaben will ...

Die Bücher von Silvia Stolzenburg sind ein Garant für unterhaltsame und spannende historische Unterhaltung.
Marie und Jost haben bei La Boneilles gelernt, wie man sich nicht nur verkleidet, sondern in seiner Rolle aufgeht. Das kommt ihnen bei ihrer Flucht zu gute. Immer wieder ändern sie ihr Aussehen, um ihren Verfolgern zu entkommen. Beide sind sehr gewitzt, doch Marie ist die Mutigere und Offensivere von ihnen. Manchmal schien es, als hätten sie die Rollen getauscht. Sie übernimmt immer wieder die Führung und fällt Entscheidungen, während Jost zur Vorsicht mahnt und seine Ängste ihn zu fesseln drohen.

Auch das Setting passt hervorragend zur Handlung. Marie und Jost verstecken sich in einer großen Stadt und erleben dabei am eigenen Leib, wie groß die Unterschiede zwischen arm und reich sind. Dabei werden sie in einen Mordfall hineingezogen und geraten in noch größere Gefahr.

„Die Flucht der Meisterbanditin“ ist eine sehr spannende und unterhaltsame Maskerade, eine aufregende Verfolgungsjagd inkl. Versteckspiel vor großer historischer Kulisse.

Veröffentlicht am 01.10.2019

Die Satteltaschenbibliothek

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht
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Kentucky 1937: Alice ist Engländerin und hat ihren Mann Bennett van Cleve während dessen Europareise kennengelernt. Er sieht sehr gut aus und war der Erste, der ihr den Hof gemacht hat, also hat sie ihn ...

Kentucky 1937: Alice ist Engländerin und hat ihren Mann Bennett van Cleve während dessen Europareise kennengelernt. Er sieht sehr gut aus und war der Erste, der ihr den Hof gemacht hat, also hat sie ihn vor seiner Heimreise geheiratet. Doch die Flitterwochen sind schnell vorbei und die Realität ist hart. Statt in New York wohnen sie in einer Kleinstad mitten in den Bergen von Kentucky. Sie haben kein eigenes Haus sondern nur ein Zimmer im Haus ihres Schwiegervaters, der über jeden Lebensbereich bestimmt. „Sie hatte, wie ihr schnell bewusste wurde, nur ein häusliches Gefängnis gegen ein anderes getauscht.“ (S. 31)

Der Landstrich ist weit und wer nicht in der Mine der van Cleves arbeitet, lebt abgeschieden auf einer Farm. Um alle Bewohner mit Büchern versorgen zu können, wird eine mobile Bibliothek nach dem Vorbild von Elena Roosevelt gegründet wird. Die Frauen tragen die Bücher zu Pferd breit. Da Alice seit ihrem vierten Lebensjahre reitet und dem Haus der van Cleves wenigstens für einige Stunden am Tag entkommen will, meldet sie sich gegen den Willen ihres Schwiegervaters freiwillig.
Insgesamt sind sie vier Satteltaschenbibliothekarinnen. Margery fasziniert Alice sofort, da sie sich wie ein Mann benimmt und in ihrer Freiheit nicht einschränken lässt. Sie will sich nie wieder jemandem unterordnen müssen und darum unverheiratet bleiben. Durch sie lernt Alice das Land kennen, in dem sie jetzt lebt, seine Bewohner und seine Geschichte(n).
Izzy leidet an Kinderlähmung und kann kaum laufen, aber reiten. Obwohl sie sich gegen diese Tätigkeit sträubt und von ihrer Mutter dazu gezwungen werden muss, liebt sie es bald. Sie wird endlich gebraucht und geachtet und niemand hänselt sie mehr wegen ihrer Behinderung.
Betty entflieht mit dieser Arbeit dem Schicksal, ihrem Vater und den Brüdern den Haushalt führen zu müssen. Aber eigentlich träumt sie davon, die Welt zu bereisen.
Schnell ist es für die Frauen nicht nur ein Job – sie werden echte Freundinnen, halten immer zusammen und erleben auf den Pferderücken eine ungeahnte Freiheit. „Ich fühle mich dort oben einfach ... mehr wie ich selbst.“ „Dort draußen sein, das tut der Seele gut.“ (S. 87)

Jojo Moyes schildert in ihrem neuen Buch das harte Leben der einfachen Leute in der Weite Kentuckys, der Minenarbeiter und deren Familien. Oft regieren Alkohol und Gewalt – auch gegen Frauen und Kinder. Die Bibliothekarinnen beweisen bei ihrer Arbeit Leidenschaft, Mut, Hingabe und Aufopferung und bringen den Menschen nicht nur Literatur, sondern damit auch Bildung und Hoffnung. Leider werden sie bald von Männern angefeindet und angegriffen. Angeblich verhalten sie sich unweiblich und halten die Ehefrauen und Töchter von der Hausarbeit ab, verbreiten obszöne Schriften und wiegeln die Farmer zum Widerstand gegen die Minenbesitzer auf.

„Wie ein Leuchten in dunkler Nacht“ ist traurig, erschütternd und unglaublich berührend. Es erinnert uns, was Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt bewirken können und dass man nie den Mut verlieren darf. „Es hat keinen Zweck, sich darum Sorgen zu machen, was man in der Stadt über sie denkt – daran können Sie ohnehin nichts ändern. Aber wenn sie den Blick nach vorn richten, gibt es eine ganze Welt voller Schönheit zu sehen.“ (S. 61)
Es ist ein großartiges, sehr emotionales Buch und berichtet vom Kampf der Frauen um Selbstbestimmung und gegen Vorurteile, Männer und Naturgewalten.

Veröffentlicht am 30.09.2019

Weihnachtswunder

Omas Inselweihnacht
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Herbststürme jagen ums Haus und Weihnachten rückt langsam näher. Da kann man schon mal den ersten Weihnachtsroman lesen – zumal, wenn er am Meer spielt.

„Obwohl Heiligabend in ihrem Haus also ein Garant ...

Herbststürme jagen ums Haus und Weihnachten rückt langsam näher. Da kann man schon mal den ersten Weihnachtsroman lesen – zumal, wenn er am Meer spielt.

„Obwohl Heiligabend in ihrem Haus also ein Garant für Streit war, gab Imke die Hoffnung nicht auf. Diese Jahr sollte alles anders werden.“ (S. 18)
Oma Imke freut sich auf das Fest mit der ganzen Familie, hat tolle Geschenke für alle besorgt und einen Plan: Dieses Jahr wird nicht gestritten, sondern getanzt! Doch dann erfährt sie, dass ihr Sohn lieber mit seiner neuen Freundin im Golfclub feiern will und ihre Tochter mit Familie eine Last-Minute-Reise gebucht hat. Wird sie Heiligabend etwa allein verbringen?

Imkes Weihnachtskekse, etwas zu viel Lametta, Weihnachtslieder und sehr viel Schnee bilden die perfekte Kulisse für „Omas Inselweihnacht“ von Janne Mommsen.
Imke ist eine herrlich unangepasste Siebzigjährige, die ihr Leben und ihre Familie meist fest im Griff hat. Kurzweilig und amüsant wird erzählt, wie sie die auftretenden Probleme mit der lieben Verwandtschaft auf ihre ganz eigene Art löst und schon mal Zuflucht in der Ü30-Inseldisko sucht, wenn ihr alles zu viel wird.

Mein Fazit: Janne Mommsens Buch macht Lust auf Weihnachten auf der Insel Föhr – ob nun mit oder ohne nervige Familie.