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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.09.2021

Der Hund Blumenkohl und andere Verrücktheiten

Leo und Lucy 1: Die Sache mit dem dritten L
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Ein Jugendbuch für 10- bis 13-Jährige, so prall gefüllt mit Humor und verrückten Ideen, mit schrägen und liebenswerten Menschen, mit ernsthaften und witzigen Themen, so blitzschnell springend zwischen ...



Ein Jugendbuch für 10- bis 13-Jährige, so prall gefüllt mit Humor und verrückten Ideen, mit schrägen und liebenswerten Menschen, mit ernsthaften und witzigen Themen, so blitzschnell springend zwischen kindlichen und reiferen Problemen, dass es dem Leser ganz schwindlig werden könnte bei all den temporeichen Sprüngen.

Leo hat es nicht leicht. In einem Hochhaus in Köln-Chorweiler zu leben mit einem Skateboard aus dem Sperrmüll, das ist schon krass. Umso mehr, wenn beim Vorlesen die Buchstaben Ringelreihen tanzen und Leo jede Menge Spott erntet. Gut, dass es die feste Freundschaft zu Lucy gibt, die im Rollstuhl sitzt und tolle kluge Sätze sagen kann. Leo’s größter Wunsch ist das Super-Skateboard XW-90. Als genau dieses Skateboard als Hauptgewinn bei einem Vorlesewettbewerb ausgerufen wird, ist klar, dass Leo diesen Hauptgewinn erringen MUSS, und das, obwohl er der schlechteste Vorleser weit und breit ist. Er ahnt nicht, was alles geschehen wird…

Das Wichtigste voran: Das Buch zu lesen macht Spaß! Es liest sich absolut kurzweilig, abwechslungsreich, mit immer wieder neuen überraschenden Ereignissen. Die Charaktere sind sehr liebenswert geschildert in ihren Besonderheiten, Stärken und Schwächen, egal ob erwachsen oder Kind. Niemand ist vollkommen. Besonders wichtig empfinde ich persönlich, dass eine Fülle von wichtigen Themen im Buch Platz haben. Legasthenie, fremdländische Herkunft, Mobbing, Behinderung, Armut – all diese Themen finden kindgerecht im Buch ihre Stelle, ohne dass sie sich in den Vordergrund drücken und als vorsätzlich problematisch thematisiert werden. Beschützend und stärkend legt sich das große Thema Freundschaft über all das Schwierige im Leben und zeigt, was wirklich wichtig ist. Die äußerst temporeiche Erzählweise lässt zwar wenig Platz für Tiefe, aber die im Hintergrund eine Rolle spielenden ernsten Themen entwickeln dennoch ihre ganz eigene Wirkung, lange nachdem die rasante Geschichte ausgelesen wurde. Sehr, sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 31.08.2021

Der Autor muss sich entscheiden

Stupid ways to die
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Drei Themen hat sich der Autor auserwählt, um uns unsere möglicherweise schädlichen Gewohnheiten vor Augen zu führen, nämlich unseren Zuckerkonsum, die versteckten Gefahren von Aluminium und die positive ...



Drei Themen hat sich der Autor auserwählt, um uns unsere möglicherweise schädlichen Gewohnheiten vor Augen zu führen, nämlich unseren Zuckerkonsum, die versteckten Gefahren von Aluminium und die positive Kraft von Wasser. Dafür hat Marco Hahn viel Recherche-Arbeit investiert, um seine Ausführungen so umfassend wie möglich wissenschaftlich zu untermauern und für uns verständlich und praktikabel zu „übersetzen“.

Die Ernsthaftigkeit seines Anliegens verliert allerdings leider durch den mitunter allzu flapsigen Schreibstil, denn ein Sachbuch, das ernst genommen werden möchte, sollte meiner Meinung nach auch in entsprechend ernsthaftem Ton geschrieben sein. Insofern sollte der Autor sich entscheiden, ob er unterhaltsame und informative Zeitschriftenartikel schreiben will (dann kann er sich alle beeindruckenden Literaturlisten sparen), oder ob er ein ernst zu nehmendes Sachbuch vorlegen will, das nach der entsprechenden Sprache verlangt. Wobei ein fachlich kompetentes Lektorat und Korrektorat dringend anzuraten wären! Es gibt so manchen Fehler im Text, der durchaus eine komische Komponente hat. Wenn zum Beispiel Neil Armstrong eine Reiskostenabrechnung abgegeben hat (vielleicht für einen Reiskocher, wer weiß…) Gut gefallen haben mir die Karikaturen als belebende und den Inhalt unterstreichende Beigabe.

Abgesehen von meinen oben formulierten grundsätzlichen Kritikpunkten habe ich das Büchlein mit großem Interesse gelesen und mancherlei neue Informationen erhalten, die mich zum Nachdenken brachten. Gerade zum Thema Aluminium stellte ich fest, viel zu wenig informiert zu sein und hier achtsamer sein zu müssen.

Fazit: Ein Büchlein mit leicht lesbaren, gut fundierten Ausführungen, das noch einmal gründlich überarbeitet werden sollte.

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Veröffentlicht am 30.08.2021

Herzergreifend und herzerwärmend gleichermaßen

Das geheime Leben des Albert Entwistle
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Welch eine Entdeckung! Ich kannte den Autor bislang nicht und wurde überrascht von diesem Roman, der mich völlig in seinen Bann zog.

Albert Entwistle ist 64 und ein Postbote mit Sozialphobie. Er tut ...



Welch eine Entdeckung! Ich kannte den Autor bislang nicht und wurde überrascht von diesem Roman, der mich völlig in seinen Bann zog.

Albert Entwistle ist 64 und ein Postbote mit Sozialphobie. Er tut seine Arbeit von Jugend an immer gleich pflichtbewusst und gewissenhaft. Dabei ist er stets bemüht, sich möglichst wenig menschlichen Kontakten auszusetzen. Gesprächen geht er eilig aus dem Weg, denn „die Briefe tragen sich nicht von selbst aus“. Seine Kollegen haben sich an den Sonderling gewöhnt und ignorieren ihn. Albert liebt seine Katze Grace. Abends sitzt er mit ihr vor dem Fernseher und hält ihr Pfötchen. Als er von seiner bevorstehenden Pensionierung erfährt und zeitgleich Grace stirbt, bricht sein gesamtes inneres Schutzsystem mit einem Mal zusammen. Und Erinnerungen kommen hoch von Zeiten vergangenen Glücks und tief empfundener Schuld. Er macht sich tatsächlich auf die Suche….

Der Roman ist eine ungewöhnliche Coming-Out-Geschichte. Lange verharrt sie in Zeiten der Einsamkeit, der selbstgewählten Enge und eines erlittenen Verlustes, der sich durch Einschub einzelner erinnerter Szenen dem Leser erst nach und nach erschließt. Ungewöhnlich ist die Geschichte, weil ein Mann im Pensionsalter erstmalig lernt, zu sich selbst zu stehen. Ungewöhnlich auch, weil der Autor eine ganz großartige Mischung zwischen bewegend- trauriger und schräg- komischer Erzählweise gefunden hat, womit die lauernde Gefahr, in Kitsch abzugleiten, gebannt wurde. Albert ist ein ungemein liebenswerter Mensch, rührend sowohl in seiner tiefen Einsamkeit als auch auf seinem Weg in die Welt, was der Leser mit großer innerer Anteilnahme verfolgt. Matt Cain erzählt so detailreich und sensibel, dass man jede Szene, jedes Umfeld, jede Stimmung mitempfindet. Manche Sätze bleiben in ihrer Poetik im Kopf, wenn zum Beispiel der Himmel die Farbe „von einem besonders schmerzhaften Bluterguss“ hat.

Fazit: Ein Buch, das herzergreifend und herzerwärmend gleichermaßen ist, sensibel und einfühlsam, mit leisem Humor geschrieben. Absolut empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 27.08.2021

Etwas zu glatte und unkritische Darstellung einer emanzipierten Frau

Vor Frauen wird gewarnt
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Der geschickt gewählte Buchtitel in Anlehnung an den berühmten Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum und die Art Deco Elemente auf dem Cover und zu den Kapitelanfängen fielen mir als erstes sehr ...


Der geschickt gewählte Buchtitel in Anlehnung an den berühmten Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum und die Art Deco Elemente auf dem Cover und zu den Kapitelanfängen fielen mir als erstes sehr positiv auf. Vicky Baum war mir schon seit mehr als 50 Jahren als eine Autorin bekannt, die ich damals sehr gerne gelesen hatte. Deshalb interessierte mich der Roman von Heidi Rehn sehr.
Das Buch gibt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem bewegten Leben von Vicky Baum wider. Zwar nennt die Autorin keine Jahreszahlen, aber es geht um die Zeit ungefähr zwischen 1926 und 1931, also eine relativ kurze Zeitspanne. Erzählt wird, wie Vicky Baum getrennt von Mann und Kindern nach Berlin zieht, um im Ullstein-Verlagshaus Schritt für Schritt Karriere zu machen. Sie behauptet sich in einer von Männern dominierten Branche und lebt ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben. Wir verfolgen, wie sie nach und nach die Achtung aller erringt und ihre Romane ihr schließlich zum Ruhm als eine der bekanntesten Unterhaltungsschriftstellerinnen ihrer Zeit verhalfen.
Vielleicht hätte ich das aufschlussreiche Nachwort von Heidi Rehn zuerst lesen sollen. Denn hier findet all das Erwähnung, was ich im Roman vermisste.
Der Schreibstil, der etwas umständlich, manchmal fast antiquiert wirkt, passt perfekt zum historischen Rahmen, der sich genau zwischen konservativem, altertümlichem Denken und fortgeschrittener moderner Aufgeschlossenheit bewegt. Mir fehlt es mitunter an detailgenaueren, nachvollziehbareren Schilderungen. So wird zum Beispiel von einem halbstündigen Einkauf im KaDeWe erzählt, der angeblich aus Vicky eine selbstbewusste Frau machte. Womit? Das verrät uns die Autorin leider nicht. Solche „Blanko“-Stellen gib es leider mehrfach im Buch. Vicky wird als Person insgesamt sehr lebendig dargestellt. Sie ist arbeitswütig und unermüdlich in ihrem Bestreben, die Achtung ihres Umfeldes zu erringen. Ich empfand die Darstellung der Person Vicky Baum allerdings als zu glatt, zu perfekt, zu fleißig, ohne Fehl und Tadel, ohne Marotten, ohne Alkohol. Einzige Schwachstelle vielleicht ihr Hingezogensein zu Bengt. Es gibt im Roman keine wirklich bewegenden Szenen von Sehnsucht nach Mann und Kindern, von selbstkritischem Reflektieren, von depressiven Phasen. Ebenso glatt werden die allzu bewundernden Kolleginnen geschildert. Immer sind ihr alle wohlgesonnen, kein Neid, keine Intrigen. Diese unrealistische heile Welt-Schilderung mit den ewigen Lobhudeleien für Vicky nerven irgendwann. Die politische Brisanz dieser Zeit wird weitgehend, bis auf wenige kurze Szenen, völlig ausgespart. Dafür werden die Leser mehrfach darüber informiert, was es im Ullstein-Kasino zum Mittagessen gibt. Wo bleibt da eine gewisse kritische Distanz?
Fazit: Unterhaltsam zu lesen, aber leider insgesamt zu flach.

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Theologisch zu abgehoben

Beseeltes Alter
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„Über Hoffnung und Zuversicht im Spätherbst des Lebens“ ist der Untertitel dieses Buches und Hoffnung und Zuversicht zu finden, war mein Motiv, das Buch zu lesen. Doch leider fand ich nichts von dem, ...


„Über Hoffnung und Zuversicht im Spätherbst des Lebens“ ist der Untertitel dieses Buches und Hoffnung und Zuversicht zu finden, war mein Motiv, das Buch zu lesen. Doch leider fand ich nichts von dem, was Titel und Untertitel versprechen.

Der Autor hat versucht, verschiedene seiner eigenen vorhandenen Quellen, nämlich Vorträge, Zeitschriftenbeiträge und Essays, zu einem Buch zusammenzufügen. Dies allein musste bereits scheitern, weil das Zielgruppenpublikum dieser Quellen ein völlig anderes gewesen war und deshalb einen Durchschnittsbuchleser ohne Theologiestudium gar nicht erreicht, gar nicht erreichen kann. Weder wird er sich in die Fragen der Diakonie im Spagat zwischen Erhaltung von Selbständigkeit und zunehmender Abhängigkeit vertiefen wollen, noch sich in tiefergehende theologische Exkurse begeben wollen, inwieweit zum Beispiel der Begriff Seele (Seelsorge) eine Metapher für geprägte Lebendigkeit, für das Leben mit Gott als Desiderat evangelischer Theologie ist. Oder wie unsere fragile physische und psychische Bedürftigkeit eine theologische Klärung der Fragen, wovon und woraufhin wir leben, braucht. Näher kommt dem theologisch weniger versierten Leser das Kapitel „Alter(n)sbilder“ mit Gedanken zur Altersgestaltung, doch auch in diesem Kapitel sind nicht unbedingt die zahlreichen Zitate aus den Psalmen wirklich hilfreich.

Geblieben ist mir persönlich die klare Analyse, dass man im Alter meistens beurteilt wird nach dem, was man (noch) KANN, nicht nach dem, was man IST. Und leider, leider hilft mir das Buch ganz und gar nicht auf der Suche nach dem, was ich (im Alter) bin und was mein Gegenüber ist, obwohl mir scheint, dass genau hier die Quelle für Hoffnung und Zuversicht stecken könnte, im übrigen nicht nur im Alter.

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