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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.01.2020

Melancholisch und poetisch

Eine fast perfekte Welt
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Die Autorin wünscht sich den idealen Leser als einen, der sich in einer Rettungsaktion engagiert, bei der alles, was verloren zu gehen droht, vor dem Vergessen bewahrt wird. Dieser Gedanke hat mich eine ...


Die Autorin wünscht sich den idealen Leser als einen, der sich in einer Rettungsaktion engagiert, bei der alles, was verloren zu gehen droht, vor dem Vergessen bewahrt wird. Dieser Gedanke hat mich eine ganz andere Seite des Lesens erkennen lassen: Der Autor beschreibt etwas, und der Leser bewahrt es. Ein Leben vielleicht, Erfahrungen, Erlebnisse, Entdeckungen. Im vorliegenden Buch geht es um Sardinien, so wie es vor drei Generationen war, steinig, ursprünglich, arm. Und um Menschen auf der Sinnsuche.

Nur 200 Seiten, aber diese Seiten sind so prall voller Warten, Sehnsucht, Traurigkeit, Liebe, Hoffnung, Zorn, Gelassenheit – voller Leben.
Ester wartet Jahre auf ihren Geliebten, und als sie ihn endlich heiraten kann und nach Genua zieht, ist sie unglücklich, sehnt sich nach ihrem Dorf zurück. Aber auch dort bleibt in ihr diese ewige Sehnsucht. Ihre Tochter Felicita lebt sich leichter, denn sie ist ein in sich ruhender, gelassener Mensch. Deren Sohn Gregorio jedoch ist unstet, es zieht ihn fort, egal wo er ist, er läuft weg.

Melancholisch und humorvoll, träumerisch und in zarten Farben, zuweilen in eindringlich dichten Szenen erzählt Milena Agus von Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihr Leben teils passiv hinnehmen, teils aktiv gestalten, teils nur davon träumen, was sein könnte. In einer sehr berührenden poetischen Sprache, unaufdringlich und leise beschreibt die Autorin Außergewöhnliches und Alltägliches. Und genau diese leise Erzählweise ist es, die dem Leser im Herz haften bleibt.

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Veröffentlicht am 17.01.2020

Geistreicher, bissig-witziger Lesegenuss

Im Netz des Lemming
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Der Autor war mir bislang nicht bekannt, was bedeutet, dass mir offensichtlich Einiges entgangen ist. Wer einen ausrollbaren Zebrastreifen erfunden hat, muss mit besonderen Maßstäben gemessen werden, ...


Der Autor war mir bislang nicht bekannt, was bedeutet, dass mir offensichtlich Einiges entgangen ist. Wer einen ausrollbaren Zebrastreifen erfunden hat, muss mit besonderen Maßstäben gemessen werden, schon klar. Und wer sich mit der Verwertung von Gedankenüberschüssen befasst, sowieso. Wenn auf dem Buch eines solchen Autors „Kriminalroman“ steht, kann so allerlei Überraschendes im Inhalt stecken, ganz bestimmt nicht das, was üblicherweise unter einem Kriminalroman zu verstehen ist.

Der Lemming, ehemaliger Kriminaler, jetzt als Nachtwächter tätig, ist irgendwie nicht zeitgemäß. Er hat keine Ahnung von den Tiefen des Internets und dessen spezieller Sprache. So versteht er auch oftmals nicht, worüber sein kleiner Sohn Ben mit seinem Freund Mario spricht. LOL. Als der Lemming per Zufall mit Mario gemeinsam in der Straßenbahn fährt, erhält dieser plötzlich per Handy eine schockierende Nachricht, rennt aus der Bahn und springt von einer Brücke in den Tod. Der Lemming ist schockiert, umso mehr, als kurz darauf ein Shitstorm losgetreten wird, da man ihn als Pädophilen abstempelt, und dies nur, weil er in der Straßenbahn wenige Minuten vor dem Suizid noch mit Mario gesprochen hatte. Das Drama weitet sich aus und zieht weitere Menschen ins Unglück. Lemming und Chefinspektor Polivka wollen herausfinden, was in Wirklichkeit hinter Marios Tod steckt und stochern immer tiefer im Sumpf von Korruption, Fremdenfeindlichkeit, rechter Szene und Vorverurteilung durch Presse und Internet.

Stefan Slupetzky schreibt so böse-witzig, wie es wohl nur ein Österreicher kann, ganz in der Tradition eines Helmut Qualtinger. Er übt scharfe Gesellschaftskritik, nicht ohne seine Sätze mit netten Schleifchen zu verzieren. Sein geistreiches Politisieren, seine bösen Hiebe auf die Politiker, die sich mediengerecht selbst inszenieren, überreicht er dem Leser quasi in einer Pralinenschachtel verpackt, vordergründig süß und harmlos. Denn Stefan Slupetzky kann mit Sprache spielen, dass es eine wahre Freude ist. Und so wird der Krimi zu einer bitterbösen Persiflage, zu einer Polit-Satire mit Wiener Schmäh, verziert mit unvergleichlich malerischen Schilderungen, wie zum Beispiel des Würstelmanns in seiner Bude mit seiner besonderen Weisheit. Die Niedertracht, die primitive Gehässigkeit im Netz, Entwürdigung und mangelnder Respekt, all die Risse und Fronten in der Gesellschaft liegen beim Lesen schwer im Magen, auch wenn man sie vordergründig weglachen kann dank der intelligenten Wortspiele und des hinterkünftigen Humors des Autors. Ich habe jede Seite dieses geistreichen Buches genossen!

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Veröffentlicht am 15.01.2020

Mitreißend geschrieben

Die schöne Tote
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Ein Thriller, der mit durchgängiger Spannung und einer fesselnden Erzählweise überzeugt.

Die Polizeireporterin Harper McClain hatte sich in der Vergangenheit die Abneigung der Polizei von Savannah zugezogen, ...


Ein Thriller, der mit durchgängiger Spannung und einer fesselnden Erzählweise überzeugt.

Die Polizeireporterin Harper McClain hatte sich in der Vergangenheit die Abneigung der Polizei von Savannah zugezogen, weil sie ihren früheren Vorgesetzten als Mörder enttarnt hatte. So ist sie bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt und kann nur unter Schwierigkeiten ihrem Job gerecht werden. Eines Abends hält sie sich bei ihrer Freundin Bonnie in einer Innenstadt-Bar auf. Auf dem Heimweg entdecken die beiden mit Entsetzen, dass Naomi, bildhübsche, allseits beliebte Studentin und Kollegin von Bonnie, mitten auf der Straße erschossen worden war. Die Polizei ist sich sehr schnell sicher, dass der Täter Naomis Freund ist. Doch sowohl Harper als auch der Vater von Naomi bezweifeln dies. Und so begibt sich Harper auf die Suche nach der Wahrheit….

Absolut positiv fiel mir als erstes die Erzählweise von Christi Daugherty auf. Da gibt es kein ewiges Vor und Zurück, kein Springen zwischen Örtlichkeiten und Zeiten. Sie erzählt folgerichtig, logisch, lebendig, mit genau dem richtigen Maß an Details und lebensecht wirkenden Dialogen. So überlässt sie damit den Leser ganz direkt der Handlung, die sich ohne Schnörkel in einer permanenten Spannung aufbaut. Der Leser muss sich nicht mühsam alle paar Seiten neu orientieren. Eine Wohltat! Harper als Polizeireporterin ist eine ungewöhnliche Hauptperson, da ihre Ermittlungsmöglichkeiten als Reporterin natürlich begrenzt sind, umso mehr als sie bei der Polizei aufgrund der Vorgeschichte immer wieder gegen verschlossene Türen rennt. Doch dies ist ein geschickter Schachzug der Autorin, denn genau dadurch geht der Leser Schritt für Schritt mit durch die einzelnen Ermittlungsfortschritte, teils mit überraschenden Wendungen. Die Autorin lässt einige Handlungsstränge offen, sodass man über das vorliegende Buch hinaus neugierig bleibt. Man empfindet viel Sympathie für Harper, da sie empfindsam ist, dabei auch impulsiv und spontan. Dass es eine rätselhafte Geschichte um die Ermordung ihrer eigenen Mutter gibt, macht ihre Persönlichkeit zusätzlich psychologisch verständlicher.

Fazit: Ein mitreißender, lebendig und spannend geschriebener Thriller und bestimmt nicht mein letztes Buch von Christi Daugherty.

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Veröffentlicht am 13.01.2020

Weniger wäre mehr gewesen

Sweet Sorrow
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Da ich von David Nicholls noch nichts gelesen hatte, sehr wohl aber einiges über ihn bzw. über frühere Bücher von ihm, begann ich den vorliegenden Roman mit relativ hohen Erwartungen. Die leider enttäuscht ...


Da ich von David Nicholls noch nichts gelesen hatte, sehr wohl aber einiges über ihn bzw. über frühere Bücher von ihm, begann ich den vorliegenden Roman mit relativ hohen Erwartungen. Die leider enttäuscht wurden.

Worum geht es? Charlie Lewis erinnert sich an seine erste große Liebe vor zwanzig Jahren. Er erinnert sich an dieses aufregende Gefühl der Jugend, wenn die Zukunft wie eine Wundertüte an Überraschungen vor einem liegt. Und er erinnert sich, als er, der Durchschnittsschüler mit „Mangel an Eigenschaften“, mit Fran Fisher einen unvergesslichen Sommer erlebte.

So weit so gut. David Nicholls kann schreiben, keine Frage. Was er jedoch offensichtlich nicht kann, ist, sich im Schreiben zu beschränken, sich zu reduzieren auf Essentielles. Zunächst hatte ich große Mühe mit dem Schreibstil, der mich nicht „mitnahm“. Ich ertappte mich des öfteren beim rein mechanischen Lesen ohne jegliche innere Beteiligung. Das wurde im Laufe des Buches zwar besser, dafür jedoch wuchs das Gefühl in mir, von der Fülle an Details erstickt zu werden und mich durch das permanente Drehen im Kreis der gleichen Themen schwindlig zu lesen. Auch die oftmals sehr kurzen Zeitsprünge empfand ich als anstrengend. Gut dagegen gefiel mir der immer wieder aufblitzende Humor, der möglichem Abgleiten in den Kitsch keine Chance ließ. Gut gefielen mir auch die schönen Schilderungen der leisen Szenen der Wehmut, der aufblitzenden Erinnerungen an die kleinen Dinge, an Freuden und Niederlagen. Und gut gefiel mir, dass Shakespeare immer wieder durch die Zeilen blinzelte.
Fazit: Gut geschrieben, aber weniger wäre mehr gewesen.

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Veröffentlicht am 12.01.2020

Habe schon Besseres von der Autorin gelesen

Die Wälder
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Wenn man mit nichts als der Erwartung auf eine spannende Unterhaltung an das Buch herangeht, wird man nicht enttäuscht sein. Die Autorin versteht es auch in dem vorliegenden Thriller, den Leser zu packen, ...


Wenn man mit nichts als der Erwartung auf eine spannende Unterhaltung an das Buch herangeht, wird man nicht enttäuscht sein. Die Autorin versteht es auch in dem vorliegenden Thriller, den Leser zu packen, und dies bis zum Ende.

Nina erfährt, dass Tim, ein richtig guter Freund aus Kindertagen, plötzlich gestorben ist. Unfassbar. Für Nina bricht eine Welt zusammen, umso mehr als Tim kurz vor seinem Tod offensichtlich mehrfach vergeblich versucht hatte, sie zu erreichen. Und es kommt noch schlimmer: Tim hat Nina eine geheimnisvolle Nachricht mit einem Auftrag hinterlassen. Sie soll, falls er die Angelegenheit nicht mehr selbst zu Ende bringen kann, seine vor vielen, vielen Jahren verschwundene Schwester Gloria finden. Er sei kurz vor Aufdeckung ihres Verschwindens. Das jedoch bedeutet, dass Nina in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehren muss, etwas was sie nie mehr hatte tun wollen. Ein Dorf, das von schier endlosen finsteren Wäldern umgeben ist, aus denen es kein Entkommen geben kann…

Raffiniert strickt Melanie Raabe aus zwei Handlungssträngen ein dichtes Spannungsgeflecht. Im einen Erzählbereich aus der Vergangenheit geht es um eine Kinderfreundschaft im Dorf am Rand der undurchdringlichen Wälder, eine Freundschaft, die unerwartet und traumatisch ihre kindliche Unschuld verliert. Im zweiten Handlungsstrang, in der Gegenwart, verfolgen wir Nina, die über sich hinauswächst, als sie versucht, dem Wunsch ihres verstorbenen Freundes Tim gerecht zu werden. Über allem Geschehen liegt eine permanente, nicht wirklich fassbare Bedrohung, die den Leser durch die Seiten jagen lässt.

Wie bereits weiter oben gesagt: Spannung steht an erster Stelle bei dieser Geschichte. Und dies ist Melanie Raabe mit großer Raffinesse und ohne dramatisches Blutvergießen gelungen. Ich habe den Thriller in einem Zug und teilweise atemlos durchgelesen. Doch es empfiehlt sich, nicht allzu viel nachzudenken über die bedrückend düstere Handlung bzw. über die Glaubwürdigkeit der geschilderten Vorkommnisse. Denn dann würden sich etliche Einwände finden. Auch überzeugte mich die relativ einfache Sprache ganz und gar nicht. Ich habe schon Besseres gelesen aus der Feder von Melanie Raabe. Aber spannend ist das Buch allemal. Ist ja auch schon was.

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