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Veröffentlicht am 01.08.2017

Die Könige von Loosewood Island

Die Hummerkönige
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„Was ich ihn hätte fragen sollen, war dieses: Wenn er das Rad zurückdrehen und einen Handel mit dem Ozean machen könnte, würde er dann mein Leben gegen das seines Sohnes eintauschen?“

Inhalt

Cordelia ...

„Was ich ihn hätte fragen sollen, war dieses: Wenn er das Rad zurückdrehen und einen Handel mit dem Ozean machen könnte, würde er dann mein Leben gegen das seines Sohnes eintauschen?“

Inhalt

Cordelia Kings lebt seit ihrer Geburt auf der malerischen, wenn auch rauen Insel Loosewood Insland zwischen Neuschottland und Maine und erlebt als Tochter eines alteingesessenen Hummerfischers tagtäglich die Anforderungen, die das Meer an sie stellt. Angefangen bei einer jahrhundertealten Familientradition, die sich auf die Mythologie der Meereswesen stützt bis hin zu den körperlichen Anstrengungen, die sie im Erwachsenenalter als Fischerin und Kapitän eines eigenen Bootes aufbringen muss. Sie hat in der eingeschworenen Gemeinschaft und der Einsamkeit des Meeres ihre Passion gefunden und blickt voller Stolz auf die Geschichte und Vergangenheit ihrer Vorfahren zurück. Gemeinsam mit ihrem Vater hält sie die Tradition aufrecht und kümmert sich ambitioniert um das Fortbestehen der Hummerfischerei in ihrer Heimat. Doch nicht nur eine dunkle Prophezeiung aus grauer Vorzeit trübt ihr persönliches Glück, sondern auch die kriminellen Machenschaften der Konkurrenz, die weder vor Plünderei noch Mord zurückschrecken. Cordelia muss beweisen, dass sie tatsächlich zur Königsfamilie auf Loosewood Island gehört …

Meinung

Der kanadische Autor Alexi Zentner, der bereits für seinen Debütroman „Das Flüstern des Schnees“ für renommierte Literaturpreise nominiert wurde, erzählt in dieser dichten, abwechslungsreichen Geschichte von der Schönheit und Veränderlichkeit des Meeres ebenso wie vom Freud und Leid einer ortsansässigen Familie, die für ihr Auskommen einen profitablen Fischereibetrieb aufrechterhalten muss. Besonders intensiv und anschaulich gestaltet der Autor die Atmosphäre auf den Booten, die Schönheit aber auch Unberechenbarkeit der Natur, die Verlässlichkeit der Menschen aufeinander in ihrem Schaffensprozess und darüber hinaus die Vielfalt menschlicher Beziehungen innerhalb eines Familienverbandes. Gerade dieser Schwerpunkt bringt wundervolle Gedankengänge und echte Emotionen rüber, die von einer intensiven Vater-Tochterbeziehung getragen werden. Aber auch die Liebe der Hauptprotagonistin zu ihrem verheirateten Steuermann, die Zuneigung aber auch Rivalität zu ihren Geschwistern und der Schatten eines tödlichen Dramas aus Kindertagen bereichern den Text und differenzieren die Ursachen für ein Leben in der Gegenwart.

Lediglich die eingeflochtene Erzählung über die bösartige Konkurrenz, die dem Hummerfang eigentlich längst abgeschworen hat und stattdessen nun den Drogenhandel favorisiert, erscheint mir etwas unpassend und bringt zwar einige zusätzliche Spannungsmomente in das Geschehen ein, wirkt auf mich aber aufgesetzt und sehr erzwungen. So wandelt sich eine ansonsten sehr verlässliche, besonnene Cordelia in Anbetracht der Umstände zur Brandstifterin, die ihre Rivalen förmlich ausräuchert. Auch die Grenze zwischen Gewaltbereitschaft und Rechtssprechung der Massen missfällt mir in diesem Zusammenhang sehr und lässt mich hier einige Minuspunkte verteilen. Der Roman wäre auch ohne diese Zwischenpunkte hervorragend ausgekommen und hätte schon allein auf Grund der Naturgewalten eine ganz spezifische Anziehungskraft.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen naturverbundenen Familienroman, der mich durch seine differenzierte Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen innerhalb eines kleinen Familienkreises einnehmen konnte. Erzählt wird eine Geschichte mit viel Liebe zu den Menschen, mit einer ausgeprägt innigen Vater-Tochter-Beziehung und der Möglichkeit, andere in die Mitte einer Gruppe mit aufzunehmen. Dieser Gedanke konnte mich sehr erwärmen und absolut überzeugen, nur die Umsetzung der tatsächlichen Geschehnisse, der Einsatz der Waffen und die dadurch erzwungene Dramatik geben den Ausschlag für meine Bewertung.

Veröffentlicht am 26.06.2017

Die unerzählbare Geschichte

Hier sind Drachen
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„Der Zufall ist trivial, nicht wahr? Man bringt die Ereignisse des Lebens lieber miteinander in Verbindung, weil sie dann einen Sinn ergeben könnten. Also kleben die Menschen alles, was ihnen geschieht, ...

„Der Zufall ist trivial, nicht wahr? Man bringt die Ereignisse des Lebens lieber miteinander in Verbindung, weil sie dann einen Sinn ergeben könnten. Also kleben die Menschen alles, was ihnen geschieht, zu einer Narration zusammen, zu ihrem Lebenslauf, zu ihrer Identität.“

Inhalt

Caren, eine junge Journalistin, die für das Magazin Independent schreibt, hatte schon mehrfach in ihrem Leben unwahrscheinliches Glück. Immer auf der Suche nach brandaktuellen Storys reist sie rund um den Erdball und befasst sich in ihren Artikeln in erster Linie mit diversen Terroranschlägen, Attentaten und ihren Verursachern oder anderen vernichtenden Ereignissen, die viele Unschuldige erbarmungslos mit in den Tod reißen. Doch wie durch ein Wunder, war sie zwar immer hautnah am Geschehen, doch passiert ist ihr nichts. So erschüttert es sie auch nicht an diesem Tag, als sie auf dem Flughafen in Heathrow festsitzt, weil es anscheinend einen anonymen Anrufer gab, der eine Bombendrohung ausgesprochen hat. In der erzwungenen Wartezeit unterhält sie sich mit einem Mann, den sie Wittgenstein nennt, weil er just in diesem Moment die Schriften des gleichnahmigen Philosophen studiert und wie sich wenig später herausstellt, Zufallsforschung betreibt. Doch noch während die beiden in eine Unterhaltung über den Sinn des Lebens, das Schicksal ganz allgemein und bloße Zufälle an sich vertieft sind, erfüllt sie die schlechteste aller Möglichkeiten, denn das angedrohte Attentat nimmt seinen Lauf … und nichts wird mehr sein, wie es war…

Meinung

Ein ungewöhnlicher Buchtitel und eine spannende Ausgangssituation haben mich dazu animiert, mich mit der Lektüre des neuen Romans der deutschen Autorin Husch Josten, die ich bisher nicht kannte, zu befassen und in dieses kurze Kammerspiel über Schicksalhaftigkeit und Willkür einzutauchen. Der Inhalt selbst bleibt bis zum Ende etwas rätselhaft und undurchsichtig, gleichwohl die aktuelle Thematik von Terrorismus und Fanatismus immer wieder gestreift wird, handelt es sich dennoch um einen sehr persönlichen Text, der sich mit den Lebensumständen und Beziehungen der Hauptprotagonistin beschäftigt. Caren ist der Inbegriff einer Frau, die einerseits genauso lebt, wie sie es möchte, nämlich frei, engagiert, sattelfest im Job und emanzipiert und die dennoch nicht das gefunden hat, was sie sich wünscht, nicht in dem Maße, wie sie es selbst erhofft. Wittgenstein, der charismatische Fremde, der vom Sicherheitspersonal als potentieller Täter verdächtigt wird, weckt in ihr Gedankengänge, die sie sich bisher verboten hat, sät Zweifel und schürt Hoffnungen bezüglich ihrer direkten Zukunft. Und dann gibt es da noch Ben, Carens sporadischen Lebensgefährten, den sie nie so lieben kann, wie sie es sich vorstellt und dennoch nicht ohne weiteres gehen lassen kann …

Denkansätze, philosophische Betrachtungen und alternative Lebensmodelle streift das Buch sehr oft und setzt sie wie kleine Stücke aneinander, so dass der Leser nach und nach ein Gesamtbild konstruieren kann, welches mit der schicksalhaften Verkettung aller Umstände ein jähes Ende findet. Und genau diese leicht diffuse Erzählung, gespickt mit fundamentalen Wahrheiten und weitreichenden Entscheidungen konnte mich leider nicht so ganz fesseln. Zu schwammig war mir die Intention der Autorin, zu wenig greifbar die Kernaussage des Buches, zu zerstreut und unentschlossen die Protagonistin.

Während des Lesens entfalten sich zwei Welten, zum einen die persönliche Hintergrundgeschichte von Caren und zum anderen das Geschehen auf dem Flughafen – beide Erzählstränge wechseln nahtlos, manchmal auch spontan aber immer sehr gut nachvollziehbar. Auch die Sprache der Autorin lebt von bedeutungsschweren Sätzen und schönen Formulierungen, die den Leser gefangen nehmen und ihn trotz der Kürze des Textes einen gewissen Mehrwert erschließen lassen. Distanziert aber nicht unpersönlich, aussagekräftig aber nicht aufdringlich – so führt Husch Josten den Leser durch die Stationen des Buches und weckt immer wieder neues Interesse.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für ein nicht alltägliches, alternatives Buch, welches die großen Fragen unserer Zeit mit den noch größeren Fragen eines erfüllten Lebens kombiniert. Die Lektüre selbst spricht für sich und zielt sehr genau auf die Objektivität und Beobachtungsgabe des Lesers. Tatsächlich fordert der Roman ein „um die Ecke“ denken, ein Abweichen von vorgegebenen Mustern und hinterfragt diverse Handlungsweisen. Dieses gedankliche Konstrukt, wirkt neuartig und gut, hat aber zur Folge, dass sich jeder Leser genau die Dinge entnehmen kann, die ihm wichtig sind und diese verlieren sich leider über die Zeit, so dass mir am Ende des Buches schlicht und einfach eine konkrete Aussage fehlte. Empfehlenswert ist der Roman auf jeden Fall, denn so ungewöhnlich wie sein Titel ist auch die verborgene Geschichte – jeder wird sie wohl anders empfinden.



Veröffentlicht am 05.07.2021

Wir waren, die wir waren

Schicksal
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„Was bedeutet schon der Verzicht auf ein bisschen Bequemlichkeit gegenüber dem Streben nach etwas, das größer ist als du selbst, größer als deine Bedürfnisse.“

Inhalt

Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ...

„Was bedeutet schon der Verzicht auf ein bisschen Bequemlichkeit gegenüber dem Streben nach etwas, das größer ist als du selbst, größer als deine Bedürfnisse.“

Inhalt

Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist ein Verstorbener Mann, der bei beiden Frauen zu Lebzeiten Spuren hinterlassen hat. Für Rachel war er ein Verbündeter im Kampf gegen die Obrigkeit und ihr erster Ehemann, auch wenn die Verbindung nur ein Jahr hielt. Für Atara war er der Vater, den sie zwar liebte, aber nie richtig durchschaute. Die Tochter setzt nun alles daran, jene alte Frau kennenzulernen, die ihren Vater in jungen Jahren liebte, doch mit dem es keine Zukunft gab. Noch während des ersten Treffens ist sie sich unsicher, was genau sie eigentlich wissen möchte, doch eine seltsame Nähe zwischen den beiden stellt sich dennoch ein. Rachel ist sogar bereit sie nochmals zu empfangen, um ihr mehr zu erzählen, doch Atara trifft dabei eine folgenschwere Entscheidung, die ihr im Nachhinein unverständlich erscheint. Warum nur schenkt sie der Vergangenheit so viel Aufmerksamkeit, während ihr gegenwärtiges Glück restlos zerbricht?

Meinung

Dies war mein erster Roman der Autorin, die bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hat und sich in der zeitgenössischen Belletristik einen Namen erarbeitet hat. Auch der Klappentext hat mich angesprochen, denn eine schicksalhafte Begegnung, die alles in Frage stellt und zahlreiche familiäre Verstrickungen empfinde ich als eine gute Basis für ein Buch über Schuld, Liebe und das Leben selbst. Doch so intensiv wie der Klappentext ist die folgende Geschichte eher nicht, was an allerlei Dingen liegt, die mich im Einzelnen gar nicht so gestört haben, in ihrer Gesamtheit jedoch das Lesevergnügen irgendwie trübten.

Bereits im ersten Drittel des Buches hat mich in erster Linie der zwischenmenschliche Kontext angesprochen, denn die Gefühlsebene der Protagonisten wird lebendig, sie formt aus bloßen Namen echte Charaktere, lässt das Leben authentisch erscheinen und macht Erinnerungen sichtbar, die Spuren hinterlassen haben. Die zahlreichen Sprünge zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit haben mich zwar etwas irritiert aber nicht weiter gestört, da der Text von zwei vollkommen verschiedenen Erzählerinnen wiedergegeben wird und diese haben auch einen ganz anderen Hintergrund und damit individuelle Schwerpunkte. Was mir aber zunehmend Bauchschmerzen bereitet hat, war die mäandernde Erzählweise, die einfach nicht auf den Punkt kommt. Mal geht es um zerbrochene Freundschaften, die durch politische Verfolgungen ausgelöst wurden, mal um die Mutterschaft, die anklagend hinterfragt wird und bei der es nicht um die Kinder geht (die noch dazu längst erwachsen sind), sondern um die Mütter und ihre angeblichen Verfehlungen. Alles blieb so seltsam blass und unbestimmt, dass es mir schwerfiel eine gewisse Aussagekraft zu extrahieren.

Im zweiten Teil des Buches verstärkt sich leider dieser Eindruck, mittlerweile geht es eher um den Verlust geliebter Personen und die damit reuevoll einhergehende Selbstzerstörung, die ständig um die Frage kreist: „Warum habe ich mich so entschieden? Hätte ich das Schicksal nicht aufhalten können? Wenn ich mich doch nur anders entschieden hätte, dann wäre alles anders gekommen? Dabei versinkt gerade die jüngere Protagonistin Atara immer mehr in dieser Spirale der Selbstanklage und fällt in eine ausgewachsene Depression, die leider mit der ursprünglich aufgenommenen Handlung nur noch wenig Berührungspunkte aufweist.

Eine Abwärtsspirale setzt ein, die mich als Leser immer mehr auf Distanz bleiben lässt, denn wie müßig und überflüssig sind doch diese Fragen und selbst Antworten würden den Verlust nicht mildern – das ist zu wenig Stoff für ein Buch, welches mit dem Kampf einer Idealistin begonnen hat, die in der Untergrundmiliz gegen die Engländer und für einen israelischen Staat kämpfte. Gerade die fehlenden Berührungspunkte der zwei Frauen, die beide kein leichtes Schicksal hatten, waren mir zu dürftig und ihre Persönlichkeiten über die Länge des Buches doch sehr anstrengend.

Positiv bewerten möchte ich hingegen den Schreibstil, der nicht nur sehr treffende Attribute findet und tiefgreifende Gedankengänge impliziert, sondern sprachlich anspruchsvoll und stellenweise sehr literarisch wirkt. Ebenso treffsicher ist auch die Reflexion der Gedankenwelt gelungen, die mich zumindest in ihrer Ausführung überzeugen konnte, dass diese beiden Pluspunkte allein noch nicht die mäßig interessante Handlung wettmachen, steht auf der Gegenseite und lässt mich zu einer eher mittelmäßigen Bewertung tendieren.

Fazit

Ich vergebe 3 Lesesterne für einen zeitgenössischen Roman, der durch zwei Menschenleben führt und deutlich macht, wie dünn die Verkettung mancher Bindung sein kann, wie willkürlich das Schicksal zuschlägt und welch elementare Spuren es dennoch hinterlässt. Außerdem habe ich mir eine andere Art der Lektüre vorgestellt mit deutlichen Handlungsschwerpunkten und einer größeren Fokussierung.

Dem Text fehlt es an Durchschlagskraft, an Stärke und Bedeutung, dafür bietet er das Psychogramm der menschlichen Anklage gegen sich selbst und fehlerhafte Entscheidungen in Verbindung mit etwas anstrengenden Protagonisten – das muss man hier aushalten können, andernfalls sinkt die Leselust mit jeder weiteren Seite. Der Autorin werde ich aber noch eine zweite Chance geben, hier liegt meine Kritik in erster Linie bei der Handlung, die mich viel zu wenig angesprochen hat, da muss noch ein weiteres Buch mehr Klärung bringen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2021

Der bewegungslose Moment der Mitte

Alte Sorten
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„Sie sah, dass keiner verstand, warum man keine Fragen stellte, wenn man sah, dass man keine Antworten bekommen würde.“

Inhalt

Sally und Liss sind Einzelgängerinnen, sie fühlen sich von anderen Menschen ...

„Sie sah, dass keiner verstand, warum man keine Fragen stellte, wenn man sah, dass man keine Antworten bekommen würde.“

Inhalt

Sally und Liss sind Einzelgängerinnen, sie fühlen sich von anderen Menschen bevormundet, gegängelt oder schlicht und einfach missverstanden, deshalb lebt jede ihr Leben in einer Blase. Sie empfinden menschliche Nähe als Möglichkeit, ziehen aber die Einsamkeit vor, weil sie sich der zahlreichen Auseinandersetzungen nicht gewachsen fühlen, die Kommunikation mit sich zu bringen scheint. Doch während die 17-jährige Sally erst kürzlich ihre Zeit in einer Klinik für Essgestörte verbrachte, hat sich die 50-jährige Liss ein einfaches Leben auf dem elterlichen Bauernhof aufgebaut, den sie nun fast allein bewirtschaftet. Seltsamerweise fühlen sich die beiden Frauen auf Anhieb miteinander wohl, weil sie die gleiche Lebenseinstellung teilen und plötzlich merken, dass sie gar nicht allein dastehen, auch wenn man sie jahrelang so behandelt hat, als wäre es ihre eigene Schuld, dass sich keiner mit ihnen wahrhaftig beschäftigen möchte. Sally beschließt auf unbestimmte Zeit bei Liss zu bleiben und ihr bei den zahlreichen Arbeiten auf dem Hof zu helfen, Liss weiß, dass die gemeinsamen Stunden endlich sind, denn schließlich ist Sally weggelaufen und wird schon als vermisst gemeldet, dennoch gibt sie der jungen Frau ein Alibi und lässt sie bei sich wohnen. Denn auch sie merkt, wie schön es ist, einen Menschen bei sich zu haben, der so viele Erinnerungen weckt, der die Vergangenheit wieder lebendig werden lässt und dabei zwar in alten Wunden rührt, aber auch neue Hoffnung weckt …

Meinung

Nachdem ich vor kurzem den Roman „Der große Sommer“ des deutschen Autors Ewald Arenz gelesen habe und davon sehr begeistert war, habe ich mir kurzentschlossen dieses Buch geholt, um abermals in die Welt seiner erschaffenen Protagonisten einzutauchen. Dementsprechend hoch war auch meine Erwartungshaltung an die Lektüre, die von zahlreichen Lesern als positiv und empathisch bezeichnet wird. Doch leider kann ich mich dieser weitläufigen Meinung nur bedingt anschließen, weil dieses Buch für mich eher ein schön geschriebener Wohlfühlroman mit wenig Berührungspunkten war. Ich möchte ihn als klassische Unterhaltungsliteratur mit einprägsamen Naturbeschreibungen kennzeichnen, die mir aber gerade auf emotionaler Ebene sehr fremd und wenig aussagekräftig blieb.

Prinzipiell ordne ich meine Kritikpunkte aber den persönlichen Befindlichkeiten unter, denn dieses Buch trifft sicherlich den Nerv vieler Leser, weil es in einem einprägsamen, alltagstauglichen aber gleichermaßen schönen Schreibstil verfasst wurde, der sich flüssig lesen lässt, zum Verweilen einlädt und eine eigene kleine Welt heraufbeschwört. Mein Missfallen bezieht sich auch in erster Linie auf den Inhalt, weniger auf die Ausführung.

Diesen Roman kennzeichnet eine gewisse Handlungsarmut, denn das Augenmerk liegt oft im Bewältigen der zahlreichen Aufgaben, die ein Bauernhof mit sich bringt. Deshalb erfährt der Leser meines Erachtens zu detailliert, wie Brot gebacken, Kartoffeln geerntet, Trauben gelesen, Schnaps gebraut und Traktoren gefahren werden. Dadurch entsteht zwar ein gewisses Flair, welches das Landleben gekonnt heraufbeschwört, es ergibt sich aber auch eine Entschleunigung, die mir hier eher kontraproduktiv erschien.

Gerade der zwischenmenschliche Bereich kommt in der ersten Hälfte des Buches zu kurz, denn entweder gehen sich die Protagonisten aus dem Weg, oder sie schreien sich an oder sie versinken in ihrer eigenen Welt, zu der ich keinen Zugang gefunden habe. Besonders schade fand ich die Tatsache, dass gerade die Vergangenheit der beiden Frauen eher stiefmütterlich behandelt wird, denn das wäre genau der Punkt gewesen, der mich interessiert hätte – warum sind sie so geworden, was ist ihnen zugestoßen? Dieser Thematik widmet sich der Autor allerdings erst im letzten Drittel und dann nimmt der Text zwar an Fahrt auf, aber es bleibt einfach zu wenig Zeit, um die Hintergründe noch entsprechend zu würdigen, zumal sich die ein oder andere dramatische/ aufgesetzte Wende ergibt. Tatsächlich lädt der bildhafte Schreibstil zu einer Verfilmung ein, die ich hier wahrscheinlich sogar besser finden würde, als das Buch.

Fazit

Ich vergebe leicht enttäuschte 3 Lesesterne für diesen etwas glatten, für mich unbedeutenden Wohlfühlroman, der zwar einprägsame Bilder heraufbeschwört und eine nette Geschichte erzählt aber längst nicht mit meinen Erwartungen Schritt halten konnte. Ich habe mich stellenweise etwas gelangweilt und vergeblich versucht, den beiden Protagonistinnen etwas abzugewinnen oder wenigstens ihr Wesen besser zu verstehen. Beides ist mir nicht gelungen. Die Prämissen, die mir bei der Bewertung einer Lektüre wichtig sind, wurden hier vernachlässigt und ich werde den Inhalt deshalb nicht in Erinnerung behalten. Das Buch ist mir zu seicht, zu unbedeutend und zu wenig mitreißend verfasst. Das sich alles in Wohlgefallen auflöst, passt zum Kontext, erscheint mir aber irgendwie irrelevant, weil mich die Geschichte davor einfach nicht richtig packen konnte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2021

Diener der idealen Gerechtigkeit

Das Haus des Windes
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„Und wie seltsam, wie merkwürdig, dass etwas so mächtig werden kann, wenn es am falschen Ort Wurzeln schlägt. Ideen auch, murmelte ich. Ideen.“

Inhalt

Joe Coutts steht an der Schwelle zur Pubertät und ...

„Und wie seltsam, wie merkwürdig, dass etwas so mächtig werden kann, wenn es am falschen Ort Wurzeln schlägt. Ideen auch, murmelte ich. Ideen.“

Inhalt

Joe Coutts steht an der Schwelle zur Pubertät und verbringt seine Nachmittage gerne draußen im Indianerreservat in Gesellschaft seiner Freunde, mit denen er alle Gedanken teilt, die sich ihm aufdrängen. Bis eines Tages seine Mutter Opfer einer Vergewaltigung wird und sich wie ein Häufchen Elend in ihr Zimmer verzieht und fortan weder für den Vater, noch den Sohn ansprechbar ist. Für Joe bricht eine Welt zusammen, nicht nur weil die Erwachsenen mehr zu wissen scheinen als er, sondern vor allem weil sein geordneter, friedvoller Familienalltag vollkommen auf den Kopf gestellt wurde. Langsam nähert sich der Heranwachsende einer Wahrheit, die er zwar eigentlich nicht kennen möchte, die ihm aber hoffentlich die Mutter zurückbringt, deren körperliche Hülle mittlerweile wieder durchs Haus eilt, die aber dennoch eine gebrochene Frau ist. Als der mutmaßliche Vergewaltiger wieder ganz in der Nähe auftaucht, reift in Joe ein mörderischer Plan, denn Gerechtigkeit, die nicht vollzogen wird, macht nichts ungeschehen und wenn kein anderer dazu fähig ist, Rache zu üben, dann wird er eben selbst die Dinge, die getan werden müssen, in die Hand nehmen …

Meinung

Der vorliegende Roman der amerikanischen Bestsellerautorin, die hiermit den National Book Award für den besten Roman des Jahres erhielt, thematisiert nicht nur die Vergewaltigung und Selbstjustiz, sondern zeigt ein buntes Leben zwischen der Tradition und der Moderne in den Indianerreservaten von North Dakota. Während die Handlung des Buches im Jahre 1988 angesiedelt ist, schildert der Erzähler die Dinge aus seiner Erinnerung, die durchsetzt ist mit zahlreichen Momentaufnahmen, zwischen dem ganz normalen Leben als Teenager, seiner Identität und Herkunft im Reservat und den Handlungen, denen er sich schuldig gemacht hat. Es sind also eine Menge Hintergründe und viele Jahre des Lebens, die sich hier auf eine relativ kurze Zeitspanne erstrecken und an deren Ende ein abgeschlossener Reifungsprozess steht, bei dem ein Junge zum Mann geworden ist.

Das Buch stand nun schon etliche Jahre ungelesen im Regal, da ich aber nach dem Werk „Der Gott am Ende der Straße“, welches ich im Erscheinungsjahr gelesen habe, unbedingt noch ein weiteres Buch der Autorin kennenlernen wollte, habe ich nun dieses hier in Angriff genommen und bin mit einer bestimmten Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen. Erhofft habe ich mir einen emotional-intensiven Roman über die Frage der Schuld und die Fallen der Entscheidungsgewalt in Verbindung mit dem Leben eines Jungen, der Rache üben möchte und dem es auch gelingt – jedoch mit der Ambivalenz widerstreitender Gefühle, die die Grenzen zwischen Recht und Gerechtigkeit verwischen lassen. Und dieser Sachverhalt wird im vorliegenden Text stiefmütterlich behandelt, weil er eigentlich nur der Aufhänger für die Story ist und das eigentliche Setting ganz andere Prioritäten setzt.

Viel intensiver und konkreter wird das alltägliche Leben im Reservat beleuchtet, ebenso wie die Gefühlswelt heranwachsender Jungen, die sich plötzlich fürs weibliche Geschlecht interessieren und heimlich Bier trinken. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt, um ein Leben in einem Grenzgebiet, wo es klare Richtlinien und unterschiedliche Gesetze gibt und die Menschen sehr genau darauf achten, wer mit wem Umgang pflegt. Tatsächlich hat mir dieser ausufernde, umfassende Stil, der so viele Aspekte aufgreift am allerwenigsten gefallen, denn der Text mäandert und kommt vom Hundertsten ins Tausendste, ohne eine klar erkennbare Linie, eine zielgerichtete Struktur. Die Inhalte, die der Klappentext verspricht, sind dabei eher Nebensächlichkeiten und gehen irgendwo zwischen der Stimmung und den Menschen der Geschichte verloren.

Sprachlich hingegen habe ich kaum etwas zu meckern. Louise Erdrich schreibt formschön, lässt Bilder lebendig werden und bündelt Gefühle an der richtigen Stelle, dass die Inhalte dabei schwanken, ist für die Geschichte rund um Joe Coutts nicht störend, wohl aber für die Gesamtausrichtung des Romans. Für mich war das Lesen ein ständiges Auf und Ab, ein Wechsel zwischen langatmigen, uninteressanten Passagen und dann wieder dem Aufblitzen genialer Gedankengänge, denen ich voller Eifer folgen konnte. Die Story ist also weder langweilig noch absolut spannend, sie entspricht nur nicht meinen persönlichen Ansprüchen.

Fazit

Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen Roman über das Erwachsenwerden eines jungen Mannes, der von Rachegelüsten gequält wird und der in einer Welt aufwächst, die sehr genau zwischen Gut und Böse unterscheidet. Leider konzentriert sich das Buch vielmehr auf das Leben im Indianerreservat als auf die tatsächlichen Ereignisse zwischen Vergewaltigung, Rachegedanken und Mord und dadurch hat es mir diesbezüglich eindeutig zu wenig Input geliefert. Die fehlende Ausrichtung und die verschwimmenden Konturen sind Kritikpunkte, die mich ebenfalls sehr gestört haben, so dass ich ein im Kern gutes Buch eher als enttäuschend empfand und es nur bedingt weiterempfehlen kann.

Zunächst dachte ich, dass ich mit „Der Gott am Ende der Straße“ ein inhaltlich schwächeres Buch der Autorin erwischt hätte, doch nun merke ich, dass auch dieses hier nicht ganz meinen Geschmack trifft. Im Regal wartet nun noch „Ein Lied für die Geister“ auf mich, sollte auch dieses nur eine mittelmäßige Bewertung schaffen, dann werde ich die Autorin von meiner Liste streichen, nicht weil sie schlecht schreibt, sondern weil mir die Bücher zu wenig Gedankenfutter liefern und mich emotional nicht erreichen können.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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