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Veröffentlicht am 19.11.2019

Vom großen und vom kleinen Kurt

Kurt
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„Wir sitzen noch eine Weile nebeneinander, sehen auf unsere Füße, um nicht die geballte Macht des Zimmers ertragen zu müssen, und denken auf unseren Gedanken rum.“

Inhalt

Lena ist mit ihrem Freund Kurt ...

„Wir sitzen noch eine Weile nebeneinander, sehen auf unsere Füße, um nicht die geballte Macht des Zimmers ertragen zu müssen, und denken auf unseren Gedanken rum.“

Inhalt

Lena ist mit ihrem Freund Kurt in ein Haus gezogen, im schönen Brandenburg, im Grünen, mit Garten und dem ganz besonderen Charme eines eigenen Zuhauses. Dort müssen sich die beiden noch einrichten, die Umzugskisten leerräumen und für Kurts Sohn aus erster Beziehung ein heimeliges Plätzchen schaffen. Denn der Kleine, der genauso wie sein Vater heißt, wohnt abwechselnd bei seiner Mutter und dem großen Kurt. Doch während Lena langsam Gefallen an ihrer Rolle als die neue Freundin des Vaters findet und sich mit dem Patchwork-Familienleben anfreundet, passiert ein großes Unglück. Kurt Junior verunglückt – einfach so, im zarten Alter eines Erstklässlers, der gerade die Milchzähne verliert. Die Lücke die er hinterlässt, scheint unüberbrückbar und Lena verliert immer mehr den mentalen Zugang zu den Gedanken ihres Freundes. Plötzlich ist ihr Leben als potentielle Stiefmutter ausgehebelt und sie fragt sich, ob ihre Paarbeziehung diese Belastungsprobe überstehen wird …

Meinung

Dies war mein erster Roman der Autorin, die mit ihren Büchern anscheinend existentielle Themen aufgreift und diese eher direkt und einfühlsam bespricht, förmlich wie aus dem Leben gegriffen. Wahrscheinlich hat sie damit auch großen Erfolg, denn „KURT“ habe ich mir zugelegt, weil mich so viele positive Lesermeinungen angefixt haben und ich unbedingt wissen wollte, ob das Thema wirklich so traurigschön, wie versprochen umgesetzt wurde. Allerdings wird schon nach wenigen Seiten klar, dass mich die alltägliche, fast flapsige Auseinandersetzung mit den Ereignissen in der Familie Horstmann/ Rieß, nicht begeistert. Gerade der erste Teil, in dem der kleine Kurt noch putzmunter ist, liest sich für mich wie ein seichter Frauenroman, ein ganz alltäglicher, kaum beachtenswerter Inhalt.


Leider ändert sich der Erzählton auch im folgenden Text, der durch den Unglücksfall wesentlich mehr Innerlichkeit besitzen müsste, nur geringfügig. Und spätestens da verfehlt diese literarische Umsetzung meinen Lesegeschmack. Das mag daran liegen, dass ich eine komplett andere Erwartungshaltung an dieses Buch hatte (obwohl ich zahlreiche Meinungen wahrgenommen habe, die den Text als mitreißend und emotional beschrieben haben). Ganz klar, die Thematik Trauerbewältigung kann und muss mich nicht nur im Alltäglichen ansprechen, nein sie muss mich zum Nachdenken animieren, sie muss mein Herz erreichen und meine Gedanken – sehr gern sitze ich dann mit Taschentuch da und leide mit den Protagonisten. Und all das, war hier nicht drin, weil sich der Tod eines Kindes irgendwie am Rande abspielt, weil die Gartengestaltung, die Wohnungseinrichtung und das konkrete Leben wesentlich mehr Augenmerk bekommen als das verlorene Kind.


Vielleicht hätte mir eine andere Erzählperspektive besser gefallen, denn die Hauptprotagonistin ist sich selbst nicht sicher, welche Rolle sie im Leben des kleinen Kurt gespielt hat und welche Rolle sie nun bekommt. Auch die Paarbeziehung leidet, wie erwartet, dennoch bleibt auch dieses Miteinander blass. Jeder sitzt irgendwo und betrachtet die Lücke und pflanzt bestenfalls einen Baum, oder vergräbt eine Schaufel oder findet sich mit der Zeit in einem Leben wieder, in dem die Hoffnung über die Trauer siegt.

Fazit

Ich vergebe nur 2 Lesesterne für diesen Roman, der mein Herz nicht erreichen konnte. Viel zu oberflächlich wird der Tod und das Fehlen eines geliebten Menschen greifbar, viel zu einfach sind die Handlungen, viel zu unbedeutend die Ausführung. Wenn ich etwas über den Verlust lernen möchte, etwas über Endlichkeit des Lebens und die Liebe zu Familienangehörigen, muss ich hier mühsam suchen ohne direkt fündig zu werden. Der lockere Schreibstil passt nicht zum Thema, er macht es irgendwie unbedeutend und die Geschichte verliert dadurch ihren Glanz. Gerade eben denke ich an einen kürzlich gelesenen Familienroman mit einer ähnlichen Dramatik (Rhiannon Navin – Alles still auf einmal), der ganz im Gegensatz dazu wirklich emotional und traurig gestaltet ist. Literatur über das Sterben muss für mich traurig sein und nicht so unbestimmt bleiben. Alle die etwas Ähnliches wie ich suchen, sollten sich überlegen, ob sie „Kurt“ entdecken möchten, sicherlich empfiehlt sich eine Leseprobe als Entscheidungshilfe.

Veröffentlicht am 01.02.2019

Zwei Seelen in einer Brust

Krähenmädchen
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„Das Einzige, was er ihr eingeimpft hat, war der Wille zu fliehen. Er hat ihr nie beigebracht bleiben zu wollen.“


Inhalt


Für Victoria Bergman ist ihr Lebensweg eine einzige Tortur, vom Vater schwer ...

„Das Einzige, was er ihr eingeimpft hat, war der Wille zu fliehen. Er hat ihr nie beigebracht bleiben zu wollen.“


Inhalt


Für Victoria Bergman ist ihr Lebensweg eine einzige Tortur, vom Vater schwer missbraucht, traumatisiert und allein versucht sie ihre schlimmen Ereignisse bei der Psychotherapeutin Sofia Zetterlund zu verarbeiten. In ellenlangen Monologen arbeitet sie die monströsen Ereignisse auf, ohne tatsächliche Hilfe zu erwartet, denn wer kann schon eine geschundene Seele heilen? Unterdessen versucht die Kommissarin Jeanette Kihlberg aktuelle Mordfälle aufzuklären, bei der junge Männer, fast noch Kinder verschwinden, misshandelt werden und erst eine Weile nach ihrem Tod wieder an der Oberfläche auftauchen. Einige von ihnen sind nicht einmal gemeldet, sondern höchstwahrscheinlich illegal im Land. Jeanette findet heraus, dass einer der Ermordeten ebenfalls Patient bei Frau Zetterlund war und erhofft sich von ihr, neue Erkenntnisse, um die Aufklärung der Mordfälle voranzutreiben. Schon bald werden aus Sofia und Jeanette Freundinnen, die sich gegenseitig in ihrem schwierigen Privatleben unterstützen, doch manchmal weiß Sofia Dinge, die ihr nie jemand erzählt hat, außer vielleicht Victoria in einer besonders schmerzhaften Phase …


Meinung


Das schwedische Autorenduo, unter dem Pseudonym Erik Axl Sund, greifen in ihrem Auftaktband zur Victoria-Bergman-Reihe, einen sehr interessanten Ansatzpunkt auf, welcher sich in erster Linie mit schweren psychischen Störungen beschäftigt, die sich auf Grund diverser Misshandlungen in der Kindheit manifestieren, um sich dann im Erwachsenenalter mit enormer Kraft ihren Weg zu bahnen.

Allerdings kann man diesen Prozess nur mäßig gut nachvollziehen, da die Handlung selbst sehr sporadisch und undurchsichtig verläuft. Immer wieder werden neue Aspekte aufgegriffen, die zunächst in keinerlei Kontext zu stehen scheinen. Mal taucht der Leser in Victorias Psyche ein, kurz darauf in die schwierige Beziehung zwischen Jeanette und ihrem Mann, dann wieder hin zu misshandelten Kindern im Krieg und neuen Erkenntnissen auf Grundlage der laufenden Autopsien. Dadurch ist es ein stetes Auf und Ab, dem es über weite Teile schlicht und einfach an Spannung mangelt.

Erst im zweiten Teil wird dieser Thriller deutlicher, weil sich plötzlich Parallelen zeigen, die im Vorfeld keinen Sinn ergaben. Doch auch nun, bezugnehmend auf die psychische Komponente, bleibt der Text hinter meinen Erwartungen zurück. Nicht zuletzt die Tatsache, dass dieses Buch ein offenes Ende hat, dessen Fortsetzung sich in den Folgebänden entfalten wird, stimmt mich eher frustriert.

Tatsächlich gelingt es den Autoren nicht, mich von den Charakteren, den Opfern und Tätern aber auch nicht von den Ermittlern zu überzeugen. Die guten Ansätze verlaufen zusehends im Sand. Am meisten störte mich die sprunghaft wechselnde Perspektive in Kombination mit unglaubwürdigen Ereignissen und unrelevanten Problemen, wie z.B. die kurz vor dem Aus stehende Ehe der Kommissarin – ein unschöner Lückenfüller, der aber nicht die beabsichtigte Nähe zum Charakter herstellt, sondern vollkommen zusammenhangslos erscheint.


Fazit


Ich vergebe 2 Lesesterne für diesen Thriller, der leider nicht das erhoffte Ergebnis erzielt, weil es ihm nicht gelingt mich für die Geschichte zu sensibilisieren. Die Schreibweise ist gar nicht mal so verkehrt, es hätte mir aber sehr geholfen, wenn ich Bilder vor Augen gehabt hätte, wie z.B. in einem Film, denn allein der Text war mir zu verworren und die schöne, grausame Victoria hat ebenso wenig Bestand, wie die unentschlossene Jeanette, die allzu schnell die Flinte ins Korn wirft. Ganz klar: diese Reihe werde ich mit gutem Gewissen nicht fortsetzen – mögen sich die Protagonisten auch weiterentwickeln, mir ist es einerlei in welche Richtung. Obwohl ich schwedische Kriminalromane sehr gerne lese, fällt mein Urteil hier sehr schlecht aus – schade, denn die Ansatzpunkte waren mal etwas ganz anderes, mit viel Potential für einen grausigen, psychologischen Thriller jenseits des Mainstream.

Veröffentlicht am 29.04.2018

Unglückliche Bilanz eines ach so normalen Lebens

Die Lichter unter uns
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„Anna wollte protestieren. Wollte ihm erklären, dass es kein Glücksrezept gab, nicht seine, nicht ihre Art von Familie und auch nicht das Alleinsein. Dass kein Mensch es aushielt, wenn alle Hoffnungen ...

„Anna wollte protestieren. Wollte ihm erklären, dass es kein Glücksrezept gab, nicht seine, nicht ihre Art von Familie und auch nicht das Alleinsein. Dass kein Mensch es aushielt, wenn alle Hoffnungen eines anderen auf ihm lasteten.“
Anna und Jo verbringen ihren Urlaub auf Taormina, einer sizilianischen Insel, auf der sie einst auch ihren Honeymoon gefeiert haben. Diesmal jedoch ist die Beziehung nicht mehr so jung, frisch und unbelastet, denn die beiden Kinder Bruno und Judith nehmen einen Großteil ihrer Freizeit in Anspruch und ein finanzieller Engpass zwingt sie dazu, von allem die Billigvariante zu ergreifen, statt das erhoffte Luxusmodell. Frust, Unzufriedenheit und erkaltete Gefühle prägen den Alltag der beiden. Da kommt Anna der attraktive Schwimmer Alexander, der mit seinem Sohn und seiner blutjungen, schwangeren Freundin Zoe ebenfalls auf Taormina Urlaub macht, wie gerufen. Endlich ein Lichtblick in ihrem Leben, ein Fremder, der ihr Beachtung schenkt und doch so distanziert bleibt. Denn anders als Anna vermutet, hat auch Alexander ein schweres Päckchen zu tragen und längst ist nicht alles so perfekt, wie es scheint …
Von diesem Roman habe ich mir eine tiefgreifende, emotionale Geschichte über den Verlust der Träume erwartet, eine potentielle Antwort auf den Sinn des Lebens, eine Reflexion über innere Gedanken, vermeintliche Fehler und die ehrliche Antwort auf die Frage, ob andere glücklicher sind, als man selbst und warum überhaupt dieser Gedankengang so existentiell, so notwendig erscheint. Doch zu meiner Enttäuschung, vermag es die junge deutsche Autorin Verena Carl, die bereits mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, nicht meine Empathie zu gewinnen. Das große Manko dieses Romans ist meiner Meinung nach sein Triviallität, das ständige Verfallen der Personen in allzu vorhersehbare Muster und ihr dramatisches Auftreten auf der eigentlich entspannten Urlaubsbühne.
Zunächst einmal mangelt es dem Text schon deshalb an Dichte und Innerlichkeit, weil er statt einer Hauptprotagonistin (so wie ich erwartet habe) gleich mehrere Personen ins Zentrum rückt. Dadurch bekommt man als Leser einerseits den Überblick über zahlreiche zwischenmenschliche Befindlichkeiten, verliert aber andererseits den Bezug zu einer speziellen Person. Erschwerend empfinde ich dann die klischeehafte Ausarbeitung der Darsteller, die ich hier bewusst so nennen mochte, da mich die Szenen des Buches vielmehr an einen Film erinnert haben, als mir lieb gewesen wäre. Da findet man die enttäuschte Mittvierzigerin, die sich Abwechslung und Abenteuer wünscht und stattdessen von den anstrengenden Kindern genervt wird. Den schweigsamen Ehepartner, der sich in seiner Jugend auch zu Männern hingezogen fühlte. Die quirlige Vorpubertierende, die an jeder Ecke ein neues Drama in Gang setzt und auf der anderen Seite eine Familie, die alles andere sind als eine Gemeinschaft, sondern in erster Linie Einzelkämpfer mit fragwürdigen Wertvorstellungen.
Und obwohl die Personen sehr bildlich und umfassend gezeichnet werden, bleiben sie mir allesamt fremd, ja schlimmer noch, sie erfüllen mich mit Abscheu und Schrecken und einem zunehmenden Unverständnis für die Realität des Lebens. Das Unglück, die Melancholie, die die Stimmung des Textes mit sich bringt, führe ich im Wesentlichen auf das Unvermögen der Personen zurück, die verlernt haben, miteinander zu kommunizieren, die sich auf fragwürdige Experimente einlassen und denen es an Schaffenskraft und Mut fehlt. Nicht nur, um sich die selbstgelegten Fesseln abzunehmen, sondern auch, um einen generellen, geglückten Neuanfang in die Wege zu leiten.
Einzig der Schreibstil, die Wortwahl und die stilistisch schönen Sätze konnten mich hier ein wenig von der oberflächlichen Handlung ablenken und mich beim Roman halten, den ich ansonsten auf Grund seiner Handlung spätestens ab der Hälfte des Buches wohl abgebrochen hätte.
Fazit: Ich vergebe 2 Lesesterne für einen Roman, der ganz und gar nicht meiner Erwartungshaltung entsprach. Gefunden habe ich anstrengende Menschen, in alltäglichen Handlungen, mit einem kalkulierbaren Vorleben und keinerlei Entwicklungspotential. Viele Klischees, viel Drama um Nichts, wenig Handlungsanreize aber leider auch kein Gedankenkonstrukt der philosophischen Natur. Sacht und leise, plätschert das Geschehen vor sich hin und verliert sich im Nirgendwo, genau wie die Aufräumarbeiten zum Ende der Urlaubssaison, werden die Stühle gestapelt, die Böden gekehrt und die Türen verschlossen – bis irgendwann ein neues, allzu gleiches Intermezzo beginnt.

Veröffentlicht am 18.01.2018

Variationen eines fragilen modernen Lebens

Nussschale
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„Meine getreue Schnur, die Lebensader, die mich nicht erwürgte, stirbt plötzlich den ihr bestimmten Tod. Ich atme. Köstlich. Mein Rat an Neugeborene: Schreit nicht, schaut euch um, schmeckt die Luft.“


Inhalt


Trudy ...

„Meine getreue Schnur, die Lebensader, die mich nicht erwürgte, stirbt plötzlich den ihr bestimmten Tod. Ich atme. Köstlich. Mein Rat an Neugeborene: Schreit nicht, schaut euch um, schmeckt die Luft.“


Inhalt


Trudy und Claude führen eine halboffizielle Liebesbeziehung, mit familiärem Hintergrund. Denn während Trudy hochschwanger mit ihrem Schwager verkehrt und ihr neues Liebesglück feiert. Wächst der ungeborene Sohn in ihrem Bauch als ein Überbleibsel der vergangenen Beziehung. Aber der gehörnte Ex namens John gibt nicht so schnell auf, schließlich ist er Dichter und konnte Trudy bereits vor einiger Zeit mit Poesie begeistern. Doch diesmal hat er die Rechnung ohne seine Frau und seinen Bruder gemacht, ganz zu schweigen von dem kleinen Menschlein mit seinem Erbgut, eines ist mehr als klar – John Cairncross muss endgültig von der Bildfläche verschwinden, diesmal jedoch für immer …


Meinung


Ich mag den besonderen Schreibstil des britischen Autors Ian McEwan sehr gern, in seinen Romanen gelingt es ihm menschliche Gefühle regelrecht zu sezieren und die Bedeutsamkeit der Emotionen an die Oberfläche zu holen. Auch hier in der abgeschirmten Welt eines noch ungeborenen Kindes tobt ein wahrer Sturm an diversen Befindlichkeiten, doch leider konnte mich seine „Nussschale“ nicht so gefangen nehmen, wie ich es mir erhofft habe. Schon seit seinem Erscheinen 2016 schlummerte der Roman in meinem Bücherregal und ich freue mich, ihn nun gleich zu Beginn des Lesejahres ans Licht geholt zu haben, selbst wenn es meinerseits so einige Kritikpunkte gibt.


Erzählt wird die Geschichte aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive, nämlich aus Sicht eines ungeborenen Kindes, welches auf Gedeih und Verderb den Befindlichkeiten und der hormonellen Achterbahnfahrt seiner hochschwangeren Mutter ausgesetzt ist. Gerade dieser Blick auf einen Hauptprotagonisten ohne Namen, macht den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Denn irgendwie finde ich diese Idee sehr alternativ und überaus spannend. Rückblickend war sie tatsächlich das ausschlaggebende Erzählelement, welches mich dazu bewogen hat, das Buch zu beenden.


Die Handlung selbst ist wahrlich nichts Neues und birgt keine Überraschungen. Der Leser trifft eine Frau, die sich einen Liebhaber genommen hat, der sie sexuell beglückt. Das dieser nun gerade der Bruder ihres Noch-Ehemannes ist, scheint eher ein Zufall zu sein als Beabsichtigung. Auch der betrogene Ehemann wirkt nicht gerade ambitioniert, mal abgesehen von seiner dichterischen Ader, die er in selbstgeschriebenen Reimen zum Besten gibt. Und der ungehobelte Klotz von Mann, der nun der Auserwählte ist, verfügt nach Meinung des Erzählers nicht einmal über Benehmen, geschweige denn über Stil oder Grips.


Leider konnte mich die aufgegriffene Geschichte ganz und gar nicht begeistern. Denn obwohl es um einen Mord geht, noch dazu einen absolut sinnlosen, bleibt die Story so schwammig wie nur denkbar, möglicherweise ist das durch die Verbindung aus dem Mutterleib nicht anders denkbar, vielleicht sogar gewollt, doch dann hätte der Umfang einer Kurzgeschichte ausgereicht. Sehr bitter aufgestoßen haben mich die vielen Nebensächlichkeiten, die tatsächlich keine sind: die werdende Mutter hängt an der Flasche, aber der Embryo schätzt die Vorzüge eines guten Weines und ist Kenner auf diesem Gebiet. Die Mutter selbst empfindet zwar Wollust beim Liebesspiel, doch kümmert sie sich nicht einmal emotional um das kleine Wesen in ihrem Bauch. Und so wird das Baby zum ungeliebten Mittelpunkt dieser Erzählung, ungewollt, immer im Weg und dann auch noch in der Lage dazu, seine Mutter und ihren neuen Gefährten aufzuhalten, indem es die Fruchtblase zerstört. Einmal abgesehen von einigen humoristischen Passagen, die mich zum Lachen gebracht haben, finde ich wenig lobenswerte Punkte. Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob ich das Buch nun gelesen hätte oder nicht, in Erinnerung bleibt es nicht und wenn dann eher mit negativen Attributen versetzt.


Fazit


Ich vergebe müde 2 Lesesterne für diesen ungewöhnlichen Roman, bei dem die Idee zur Umsetzung noch das Beste war. Wenig Aussagekraft, eine Handlung, die man bereits zu Beginn voraussehen kann und sehr idiotische Charaktere – alles wird bewusst überspitzt dargestellt. Ein bitterböser Humor kommt noch dazu, der mir doch das ein oder andere Lächeln entlocken konnte. Insgesamt leider eine schwache Leistung, die ich nur widerwillig beendet habe. Sehr schade, denn aus dem Ansatz hätte eine wunderbare Geschichte werden können, zumindest in meiner Vorstellung. Möglicherweise kann man dieses Buch in der Interaktion mit anderen Lesern besser verstehen. Ich könnte es mir sehr gut als Oberstufenlektüre vorstellen, vielleicht habe ich den Knackpunkt der Story nur ganz falsch verstanden …

Veröffentlicht am 22.10.2017

Wenn du Freunde hast, brauchst du keine Feinde

Und es schmilzt
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„Letztlich war der Unterschied zwischen Lachen und Weinen gar nicht so groß. Sie verhielten sich zueinander wie Weggehen und Heimkommen – auch dafür brauchte es lediglich ein Haus.“


Inhalt


Eva kehrt ...

„Letztlich war der Unterschied zwischen Lachen und Weinen gar nicht so groß. Sie verhielten sich zueinander wie Weggehen und Heimkommen – auch dafür brauchte es lediglich ein Haus.“


Inhalt


Eva kehrt nach vielen Jahren in ihren kleinen Heimatort zurück, nachdem sie eine Einladung von ihrem ehemaligen Klassenkameraden Pim erhalten hat. In Bovenmeer einer beschaulichen belgischen Gemeinde, in der jeder Jeden kennt und man sich über nachbarschaftliche Lebensläufe unterhält, ruht Evas Vergangenheit mit all ihren dunklen Geheimnissen. Doch diesmal kommt die junge Frau nicht nur zur Gedenkfeierstunde anlässlich des Geburtstages eines längst verstorbenen Schulfreundes, sondern sie kommt ein letztes Mal, um aufzuräumen, was geblieben ist, um wahr zu machen, was einst ein Rätsel war und um endlich einen Schlussstrich unter all die Verfehlungen ihrer Jugend zu ziehen. Dazu hat sie sich einen riesigen Eisblock in den Kofferraum gelegt, der hoffentlich bis zum Zielort seine Form behält und damit seinen Zweck erfüllt.


Meinung


Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch die vielen eindrücklichen Rezensionen, die mich wirklich neugierig gemacht haben, was es denn nun mit diesem Eisblock auf sich hat. Aber mir war auch von Anfang an klar, dass die Lesermeinungen hier sehr weit auseinanderdriften, insbesondere was die Thematik und Bedeutsamkeit der Erzählung anbelangt. So habe ich eine ambivalente Stimmung erwartet und war in gewisser Weise „vorgewarnt“ – dieser Roman begeistert die einen, während er die anderen enttäuscht. Und nach der Lektüre kann ich nur so viel sagen: Lize Spit will schockieren, sie fordert den Leser heraus und konfrontiert ihn mit menschlichen Abgründen. Dieses Buch eignet sich hervorragend für Diskussionsrunden, weil es unheimlich schwer ist, bei dem Gelesenen eine neutrale Haltung zu bewahren. Ich glaube man liebt es, oder man schüttelt nur noch den Kopf – lesen sollte man es aber auf jeden Fall.

In ihrem Debütroman sticht die junge belgische Autorin unmittelbar in ein Wespennest und scheut vor Dramatik, Abscheu und Ekel nicht zurück. Sie forciert Grenzen regelrecht und überschreitet sie stellenweise auch. Was wie ein normaler Sommer mehrerer Jugendlicher beginnt, entwickelt sich zu einem Schreckensszenario, welchem der Leser erst nach und nach auf die Spur kommt. Eine Zufallsfreundschaft, geboren aus der räumlichen Nähe und den fehlenden Alternativen führt Eva und ihre beiden Freunde Pim und Laurens zusammen. Gemeinsam beschließen sie ihren Alltag mit einem Spiel zu bereichern und ebenso wie die berühmten Musketiere zusammenzuhalten, egal was passiert. Doch wie so oft im Leben ist es nicht diese Momentaufnahme, die Veränderungen bringt, sondern viele, kleine Risse im zwischenmenschlichen Bereich, die schließlich zur fatalen Wende führen.

Erzählt wird einzig aus Sicht der Hauptprotagonistin, was dazu führt, dass alle anderen Charaktere im Hintergrund bleiben und nur die eingeschränkte Sichtweise eines verstörten, tief verletzten jungen Mädchens zur Sprache kommt. Sichtbar wird zwar das Fehlverhalten aller Beteiligten, doch als Leser gelingt es nicht, die wahren Beweggründe zu erforschen. Diese bewusst gewählte Einseitigkeit hat mich etwas gestört und konnte auch nicht über die beiden Zeitebenen hinwegtrösten, die sehr gut gewählt wurden. Denn nicht nur der Sommer 2002 ist Handlungsschwerpunkt, sondern auch die Gegenwart, die durch die Präsenz des Eisblocks für den nötigen Unterhaltungswert sorgt. Denn eines kann man diesem Buch nicht absprechen: es fesselt ungemein und lässt den Leser nicht mehr los, solange bis man alle Schichten der Wahrheit aufgedeckt hat.

Sehr intensiv und ausdauernd beschreibt Lize Spit ein Verlorensein, eine zerrüttete Familiensituation, eine dörfliche Gemeinschaft, die zwar funktioniert aber keinen Platz für wahre Nähe zulässt. Menschen, deren Desinteresse so stark ist, dass sie nie nachfragen, sich nie erkundigen und eigentlich für immer Fremde bleiben, die sich eher zufällig den gleichen Lebensraum teilen und nun gezwungen sind, oberflächlich miteinander auszukommen. Aber auch die zentralen Themen der Jugend, die zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Chance auf Abgrenzung basieren, kommen zur Sprache, wenn auch beides in gewisser Weise unbefriedigt bleibt.


Fazit


Leider kann ich für diesen ungewöhnlichen Roman nur 2 Lesesterne vergeben, weil mir die inneren Beweggründe aller Beteiligten so wahnsinnig fremd geblieben sind, weil die Autorin einen kalten, distanzierten Erzählton wählt und dadurch weder mein Verständnis noch eine innere Beteiligung wecken konnte. Streckenweise ist der Text sehr langatmig und verweilt bei unrelevanten Dingen, während die wichtigen Ereignisse zwar detailliert dargestellt werden jedoch ohne die notwendige Beurteilung. Am meisten frustriert hat mich die Tatsache, dass die Protagonistin so stillschweigend, so passiv bleibt und sich nicht wehrt, keine Selbstreflexion vornimmt und sich auf eine fragwürdige Zukunft einlässt, bei der man schon ahnt, wie fragil sie sein wird. Dieser Roman bleibt mir sicherlich in Erinnerung allerdings befremdet mich das Gesamtkonzept im Wesentlichen, so dass ich nur wenig Gesagtes in die Realität mitnehmen werde.