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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.01.2023

Eine gut erzählte Familiengeschichte, der etwas mehr Emotionalität gutgetan hätte

Saubere Zeiten
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In dem melancholisch angehauchten Roman "Saubere Zeiten" von Andreas Wunn ist der Titel Programm, denn in der Familie Auber ist nicht alles so sauber, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Als Jakobs ...

In dem melancholisch angehauchten Roman "Saubere Zeiten" von Andreas Wunn ist der Titel Programm, denn in der Familie Auber ist nicht alles so sauber, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Als Jakobs Vater Hans nach einem erlittenen Schlaganfall im Sterben liegt, reist Jakob von Berlin nach Trier. In dem Haus seines Vaters findet sich Jakob mit Tonbandaufnahmen seines Vaters und Tagebucheinträgen seines Großvaters Theodor Auber konfrontiert, die ihm ein bis dahin unbekanntes Kapitel der eigenen Familiengeschichte offenbaren. Während er die Tonbandaufnahmen sich anhört und die Tagebucheinträge seines Großvaters liest, erfährt er mehr über die Kindheit seines Vaters und dem Aufstieg und Fall seines Großvaters, dem das bekannte Waschmittel Auber gehörte und durch dieses zu Reichtum gelangte, bis er dieses jedoch durch Fehlinvestitionen verlor. In den Erinnerungen taucht auch der Name Bella auf und Jakob begibt sich auf der Suche nach ihr, eine Suche, die ihn bis nach Brasilien führt.

Wechselnd zwischen Vergangenheit und Gegenwart folgt man gebannt den drei Männern der Familie Auber und stößt dabei auf ein wiederkehrendes Muster, eine fehlende emotionale Nähe und das Verdrängen bzw. Schweigen über Familienangelegenheiten, die die jeweiligen Vater-Sohn-Verhältnisse prägten. Besonders die fehlende Emotionalität spiegelt sich auch im Schreibstil des Autors wieder. Zwar liest sich der Roman flüssig dank der kurzen Sätze und des eindringlichen Schreibstils, aber eine emotionale Nähe lässt sich trotz guter Charakterzeichnung nicht zu den handelnden Personen aufbauen. Dadurch verliert die Geschichte etwas an Schlagkraft, was etwas schade ist, denn es handelt sich um eine lesenswerte und gut konstruierte Familiengeschichte, die so wirklich hätte sich ereignen können.

Der Roman erzählt aber nicht nur eine spannend erzählte Familiengeschichte, sondern auch eine Reise Jakobs zu sich selbst. Im Verlaufe seiner Recherche reflektiert Jakob seine eigenen Beziehungen und Gefühle und erfährt so einiges über sich selbst, versinnbildlicht wird diese durch Erinnerungen an seine Kindheit, an seine gescheiterte Ehe und an Momente mit seinem Sohn.

"Saubere Zeiten" ist insgesamt ein gut erzähltes Familienporträt über verschiedene Generationen, über die Folgen des Schweigens und dass sich Vater und Sohn manchmal näher und ähnlicher sind, als man zunächst denkt. Einzig ein emotionaler Schreibstil hätte der Geschichte gutgetan, so verbleibt diese teilweise doch etwas oberflächlich.

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Veröffentlicht am 02.01.2023

Nacht der Naivität und der Absurdität

NIGHT – Nacht der Angst
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Der wendungsreiche, aber insgesamt wenig überzeugende Thriller "NIGHT - Nacht der Angst" von Riley Sager spielt im Jahr 1991 und handelt von Charlie, einer filmbegeisterten Studentin.
Charlie ist auf der ...

Der wendungsreiche, aber insgesamt wenig überzeugende Thriller "NIGHT - Nacht der Angst" von Riley Sager spielt im Jahr 1991 und handelt von Charlie, einer filmbegeisterten Studentin.
Charlie ist auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit für die sechsstündige Autofahrt in ihre Heimatstadt in Ohio, als sie Josh an der Mitfahrzentrale trifft, der in die gleiche Richtung fährt, wie sie. Als Charlie ins Auto steigt, wächst bei ihr nach und nach der Verdacht, dass Josh Baxter der "Campus-Killer" sein könnte, ein Serienmörder, der unter anderem ihre ehemalige Mitbewohnerin und Freundin Maddy kürzlich ermordet hat. Charlie fühlt sich für den Tod ihrer Freundin verantwortlich und wird von filmähnlichen Halluzinationen heimgesucht, die ihr es schwer machen, zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden. Ist Josh wirklich der "Campus-Killer" oder spielt ihr Gehirn ihr einen Streich? Was ist in der Nacht, in der Maddy ermordet wurde wirklich passiert und wird Charlie diese Autofahrt überleben?

Die Prämisse des Thrillers sprach mich zunächst an, auch konnte man dank des gut zu lesenden und spannend gehaltenen Schreibstils schnell in die Handlung eintauchen. Zudem war eine düstere und leicht klaustrophobische Atmosphäre spürbar. Doch leider verlor der Thriller nach dem vielversprechenden Beginn schnell an Spannung, die er erst wieder zum Ende hin zunahm, dafür driftete die Handlung dann ins Absurde ab, sodass aus einem mittelmäßigen Thriller ein schlechter wurde. Ich erwarte von Thrillern nicht zu viel Realismus, aber die Handlung sollte an sich schon glaubwürdig und nicht zu sehr an den Haaren herbeigezogen sein.
Anstatt auf Logik und gesunden Menschenverstand zu setzen, standen eindeutig billige Tricks im Vordergrund, um künstlich Spannung und Überraschungsmomente zu erzeugen, wie man es von schlechten Filmen kennt. Die Glaubwürdigkeit der Protagonistin durch Halluzinationen und vorheriger Medikamenteneinnahme infrage zu stellen, hat sich als Stilmittel überholt. Wenig überzeugend ist auch, dass Charlie ohne große Bedenken mit einem ihr fremden Mann sich auf eine mehrstündige Autofahrt begibt, nachdem erst kürzlich ihre beste Freundin ermordet wurde und dann das sich nicht versucht, vor Josh zu fliehen, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätte. Was die Naivität und Leichtgläubigkeit von Charlie bis dahin noch nicht geschafft hatte, schafften dann die "Twists" am Ende, um den Thriller endgültig ins Lächerliche zu ziehen, sodass man sich wie bei einer schlechten Kinovorstellung sein Geld zurückwünscht.

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Veröffentlicht am 02.01.2023

Atmosphärischer Reihenauftakt mit Potenzial nach oben

Verschwiegen
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3,5/5

Elma ist nach dem Ende ihrer langjährigen Beziehung nach Arkanes zurückgekehrt, und ihr erster Fall hat es in sich. Elísabet die nach einer schlimmen Kindheit aus Arkanes geflohen ist, wird tot ...

3,5/5

Elma ist nach dem Ende ihrer langjährigen Beziehung nach Arkanes zurückgekehrt, und ihr erster Fall hat es in sich. Elísabet die nach einer schlimmen Kindheit aus Arkanes geflohen ist, wird tot in einem der Leuchttürme der Stadt gefunden. Warum ist sie zurückgekommen und warum musste sie sterben?

"Verschwiegen" ist ein gut durchdachter und atmosphärischer Island-Krimi, der aus Sicht verschiedener Charaktere erzählt wird, mit zwei sich abwechselnden Zeitebenen. Die Haupthandlung spielt in der Kleinstadt Akranes Ende 2017 mit zahlreichen Rückblenden auf die Ereignisse in derselben Stadt in den Jahren 1989 bis 1992.
Mit Elma als Protagonistin bietet der Krimi auch eine unerschrockene Ermittlerin, die auch nicht vor unbequemen Fragen zurückschreckt. Sie ist entschlossen, etwas über das frühere Leben und die Geheimnisse des Mordopfers zu erfahren und Informationen von denen zu sammeln, die sie dreißig Jahre zuvor kannten.

Gut gefallen hat mir der lebendige und stimmungsvolle düstere Schreibstil, auch war der Fall an sich gut konzipiert, jedoch das Erzähltempo und der Aufbau konnten mich nicht restlos begeistern. Insgesamt kam nicht viel Spannung auf und auch die verschiedenen Perspektiven und die Rückblicke, zwar interessant besonders in Bezug auf erlittenes Trauma und dessen Folgen, waren dem Erzählfluss auf Dauer aber eher abträglich. Ich fand die Abschnitte in 2017 interessanter, und ich denke, weniger Rückblenden hätten ausgereicht.
Auch blieben mir die Charaktere seltsam fremd und ich fühlte wenig Verbindung zu ihnen.
Erst gegen Ende des Buches wird enthüllt, wie die beiden Zeitebenen zusammenhängen, jedoch werden nicht alle aufgeworfene Fragen geklärt, sodass meiner Meinung nach zu viele losen Handlungsfäden verknüpft bleiben. Das Cliffhanger-Ende soll offensichtlich Lust auf den nächsten Band in der Reihe um Elma machen, ein bisschen mehr Aufklärung hätte ich mir trotzdem gewünscht.

Alles in allem ist "Verschwiegen" ein vielversprechender Auftakt einer neuen Krimireihe aus Island mit Potenzial nach oben.

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Veröffentlicht am 02.01.2023

Ein Buch, das zu viel auf einmal sein will

Anatomy
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Die 17-jährige Lady Hazel Sinnett aus gutem Hause möchte im frühen 19. Jahrhundert in Edinburgh Chirurgin werden, aber die Gesellschaft und ihre Familie sind nicht begeistert davon, soll sie doch ihren ...

Die 17-jährige Lady Hazel Sinnett aus gutem Hause möchte im frühen 19. Jahrhundert in Edinburgh Chirurgin werden, aber die Gesellschaft und ihre Familie sind nicht begeistert davon, soll sie doch ihren Cousin, den Sohn des Vicomte von Almont, heiraten. Nachdem sie sich eines Nachmittags in einen chirurgischen Kurs geschlichen hat, beschließt Hazel, dass es das Beste ist, sich als ihr verstorbener Bruder George auszugeben, um so ihr Examen als Chirurgin ablegen zu können.
Sie lernt einen Jack Currer, einen jungen Mann und Grabräuber kennen, der Leichen an die Anatomiegesellschaft verkauft, bei der sie studieren möchte. Während sich beide näherkommen, werden in der Zwischenzeit die Armen von Edinburg entführt und gegen ihren Willen an ihnen chirurgische Operationen praktiziert.

Die Inhaltsangabe von "Anatomy" von Dana Schwartz machte Lust auf eine historische Gothic-Fiction, verknüpft mit einer süßen und verbotenen Liebesgeschichte über eine junge Frau, die davon träumt, Chirurgin zu werden, und einen jungen Mann, der Leichen aus den Gräbern stiehlt, um sie an Chirurgen zu verkaufen. Aber die Romanze steht in dieser Geschichte nicht im Vordergrund. Tatsächlich spürt man erst am Ende das Gewicht der Gefühle, die Jack und Hazel füreinander haben. Und genau hier liegt eines der Probleme, die ich mit "Anatomy" hatte, den beim Lesen war ich mir nicht sicher, ob das Buch nun eine Liebesgeschichte, ein Krimi, ein historischer Gothic-Roman oder eine Coming-of-Age-Erzählung sein wollte. Es war etwas von allem, aber leider nicht auf eine gute Art und Weise. Das Tempo der Romanze war perfekt, aber es gab nicht genug davon, um in die Kategorie "Liebesgeschichte" zu fallen. Das Mysterium ist kaum ein Mysterium, es ist mehr oder weniger ein Gespräch über einige seltsame Ereignisse, alle paar Kapitel. Ich habe keine Ahnung, in welche Kategorie ich dieses Buch einordnen soll, denn das einzige Genre, in das es sich einordnen lässt, ist das Historische.
Abgesehen davon schritt auch der größte Teil der Handlung ziemlich langsam voran, um dann in einen sehr offenen Schluss überstürzt zu enden und eine übernatürliche Richtung zu nehmen, die nicht wirklich zum Rest der Geschichte passte, die eher düster und realitätsnah war. Am Ende bleiben mehr Fragen offen, als geklärt wurden.
Gut gefallen hat mir der sehr atmosphärische und flüssige Schreibstil, der einem beim Lesen direkt in das Edinburg um 1800 versetzte. Man folgt gespannt Jack bei seiner Arbeit als Grabräuber und spürt richtig die düstere Stimmung, die auf den Friedhöfen vorherrscht. Ebenso lebendig ist Hazels Weg, eine Chirurgin zu werden, beschrieben.

Insgesamt ist "Anatomy" ein Buch mit einer vielversprechenden Prämisse, deren Umsetzung mich leider nicht vollständig überzeugen konnte. Einzig der stimmungsvolle und lebendige Schreibstil konnten mich begeistern, das Erzähltempo und die Ausarbeitung einiger Handlungspunkte weisen Schwächen auf.

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Veröffentlicht am 30.12.2022

Leichte Kost für zwischendurch – für Fans von „Die Ärztin“

Die Töchter der Ärztin
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Wie der Name der Trilogie "Die Töchter der Ärztin" schon andeutet, stehen im ersten Band die beiden Töchter Henny und Antonia von Ricarda Thomasius, die manchen aus der "Die Ärztin" – Trilogie schon bekannt ...

Wie der Name der Trilogie "Die Töchter der Ärztin" schon andeutet, stehen im ersten Band die beiden Töchter Henny und Antonia von Ricarda Thomasius, die manchen aus der "Die Ärztin" – Trilogie schon bekannt sein dürfte, im Mittelpunkt der Handlung.
Die beiden Schwestern könnten kaum unterschiedlicher sein, Antonia "Toni" ist im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Henny eher abenteuerlustig und hat ihren eigenen Kopf. So macht sich Toni nach Beendigung ihres Medizinstudiums auf den Weg nach Daressalam in Afrika, um dort sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben anstatt wie von Henny erhofft mit ihr gemeinsam in Hennys Arztpraxis in Berlin-Mitte zu arbeiten.
In Afrika angekommen ist jedoch für Toni vieles anders als gedacht, so fehlen Medikamente und medizinische Ausrüstung in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet auch wird sie vom Leiter der Klinik schikaniert.
In Berlin folgt man Henny, wie sie als Ärztin in ihrer eigenen Praxis mit einem neuen Röntgenapparat ihren Weg geht und wie privat ihr Leben und das ihrer Tochter durch die Rückkehr ihres Ex-Mannes auf dem Kopf gestellt wird.
Neben den beiden Handlungssträngen der Schwestern spielt auch die Handlung um Ricarda und ihrer weiteren Familie eine Rolle, wodurch man auch einen Einblick in Zeit der Goldenen Zwanziger in Berlin bekommt.

Verschiedene Schauplätze und mal mehr oder weniger dramatische Ereignisse sorgen dafür, dass der Erzählfluss nicht ins Stocken gerät. Leider fehlt es aufgrund der Fülle an handelnden Personen und Geschehnissen der Handlung teils deutlich an Tiefe. Auch fällt außer für Toni und Henny die Darstellung der anderen, insbesondere der männlichen Charaktere etwas oberflächlich aus. Ebenso hätte ich mir manchmal auch etwas mehr Fokus auf den medizinischen Aspekt gewünscht, so liest sich besonders der Handlungsstrang rund um Toni in Afrika mehr als Abenteuerroman.
Trotz des leicht zu lesenden und bildlichen Schreibstils, der dafür sorgt, dass man schnell in die Geschichte rund um die Töchter der Ärztin Ricarda sowie deren Familie hineinfindet, konnte mich zu keinem Zeitpunkt die Geschichte so richtig in ihren Bann ziehen.
Fans von "Die Ärztin" werden bestimmt mehr Gefallen an dem Roman finden.

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