Profilbild von kalligraphin

kalligraphin

Lesejury Star
offline

kalligraphin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit kalligraphin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.04.2026

Nach dem Klimawandel

Ins fahle Herz des Sommers
0

„Aber natürlich war nichts dergleichen geschehen, waren die Mahnungen verhallt, war es zu nicht mehr gekommen als zu Absichtserklärungen über Maßnahmen, die weit genug in der Zukunft lagen, um die Wähler ...

„Aber natürlich war nichts dergleichen geschehen, waren die Mahnungen verhallt, war es zu nicht mehr gekommen als zu Absichtserklärungen über Maßnahmen, die weit genug in der Zukunft lagen, um die Wähler in der Gegenwart nicht zu beunruhigen. Und der Ausstoß dieser Gase ... Was war es gewesen? Kohlendioxid? Methan? Egal, jedenfalls war all das munter weiter gestiegen und gestiegen, und die Temperaturen auch. Schlagzeilen wie ‚Der heißeste ... seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“ wurden zu etwas, das man überlas.

Und wie schnell dann alles gegangen war!“

Mit „Ins fahle Herz des Sommers“ liegt der neuste Roman von Andreas Eschbach vor. Eschbach thematisiert die Klimakrise bzw. - und das macht diesen Roman besonders beklemmend - ihre Auswirkungen. Man liest Science Fiction und doch erahnt man, dass ein großer Teil der Geschichte genau so tatsächlich passieren kann. Dass die Ignoranz, mit der wir Menschen dem Klimawandel gerade begegnen, in die Katastrophe führt, die - einmal eingetreten - nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und dem Menschen die Lebensgrundlage entzieht. Und es wird an diesem Punkt auch nicht mehr über das „Hätten wir doch nur…!“ geredet (zumal es nicht mehr viele Menschen gibt, mit denen man überhaupt reden könnte), sondern nur noch ums schiere Überleben gekämpft. Das Szenario hat mich teilweise an den Film „I am Legend“ erinnert.

Vor dem realen und drängenden Hintergrund - der uns durch die Geschichte mahnend vor Augen geführt wird - ist „Ins fahle Herz des Sommers“ ein extrem erschreckender Roman. Eschbach schreibt gewohnt spannend und man kann dieses Büchlein kaum aus der Hand legen, aber die Albträume sind nach dieser Lektüre gewiss.

Ich habe mich zunächst über den Umfang des Buches gewundert, aber die Kürze der Geschichte führt dazu, dass sie besonderes Gewicht hat. Hier wurde nicht zu wenig erzählt. Wir sehen uns mit einem Horrorszenario konfrontiert, das durchaus genau so eintreten könnte. Das schürt eine Angst, die ich auch über einen längeren Lektürezeitraum nicht ertragen hätte.

Es ist kein Geheimnis, dass ich schon seit vielen Jahren Fan von Andreas Eschbach bin und ich bin ihm sehr dankbar, dass er das drängende, wichtigste Thema unserer Zeit auf diese Weise behandelt. Vielleicht vermag dieses Büchlein noch dem ein oder anderen Klimaleugner die Augen zu öffnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.04.2026

Ein Comicroman für junge Leser

DU und ICH gegen das Erdnussbuttermonster
1



„Wir sind natürlich auf Abenteuersuche!“, sagtest du. „Hast du eins gesehen?“
„Hm“, sagte Plotti. „In letzter Zeit nicht, aber ihr könntet es mal in dem düsteren Wald da drüben versuchen. Wälder sind ...



„Wir sind natürlich auf Abenteuersuche!“, sagtest du. „Hast du eins gesehen?“
„Hm“, sagte Plotti. „In letzter Zeit nicht, aber ihr könntet es mal in dem düsteren Wald da drüben versuchen. Wälder sind meistens voller Abenteuer.“

Du und ich machen sich auf in ihr nächstes großes Abenteuer. Sie fallen und fallen und fallen und… in ein tiefes Loch und sie treffen auf das Erdnussbuttermonster (schlimmer noch: sie landen im Bauch des Monsters).

Es ist schwer, die Abenteuer der beiden in einer kurzen Inhaltsangabe zusammenzufassen, so abgefahren ist diese Geschichte! Auch glaube ich, dass man als Erwachsener beim kurzen Blick auf das Cover und in die Geschichte nicht beurteilen kann, wie toll dieses Buch für junge Leser funktioniert.

Die Geschichte besteht aus kurzen Textblöcken, Bildern und Comic-Sequenzen. Textlich ist sie sehr angenehm und funktioniert auch in der Übersetzung für Kinder. Die Story ist spannend, die Wortkreationen und Situationen abgefahren und kreativ.

Junge Leser - selbst diejenigen, die schon recht flüssig und gerne lesen - müssen sich fürs Lesen noch deutlich mehr anstrengen als geübte erwachsene Leser. Sie kommen nicht in den Genuss einer tollen fiktiven Geschichte, wenn sie an der Hürde scheitern, dass die Textmenge und -komplexität sie überfordert und ermüdet. Deshalb sind Bücher wie dieser Comicroman so eine Bereicherung und wunderbar für jüngere Leser. Sie können die Geschichte ganz alleine lesen, haben Lust auf das abgefahrene Thema (das die Erwachsenen vielleicht gar nicht so doll finden) und ein schnelles Erfolgserlebnis.

Wir sind Fans von „Mein Lotta-Leben“, „Greg’s Tagebüchern“, Comics und Comicromanen generell. Und dieses Buch gesellt sich nun in diese Reihe. Es wurde hier vom Zehnjährigen sofort zur Hand genommen und innerhalb kürzester Zeit gelesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.03.2026

Ein tiefes Leseerlebnis

Die beste aller Beziehungen
0

„Bin ich etwa daran schuld, dass er mich so schrecklich liebt? Habe ich etwas getan, um seiner Liebe Nahrung zu geben, habe ich das vielleicht? Er lässt es jedenfalls so klingen; lässt es wie einen furchtbaren ...

„Bin ich etwa daran schuld, dass er mich so schrecklich liebt? Habe ich etwas getan, um seiner Liebe Nahrung zu geben, habe ich das vielleicht? Er lässt es jedenfalls so klingen; lässt es wie einen furchtbaren Vorwurf klingen, wenn er sagt: Ich liebe dich.“

Martina ist Anglistikstudentin und genießt ihre studentischen Freiheiten und die Lust am Philosophieren und Diskutieren. Sie lebt mit ihrer Freundin Harriet in einer WG in Stockholm. Eines Tages meldet sich ein gewisser Gustav bei ihr. Der hat sie bei einem Treffen mit Kommilitonen gesehen, während sie ihn gar nicht richtig wahrgenommen hat. Gustav drängt sich in Martinas Leben, er forciert eine Beziehung und überschüttet sie mit seiner einengenden Liebe. Martina gibt Stück für Stück nach, lernt die Gespräche mit Gustav schätzen. Es entwickelt sich eine ambivalente Beziehung zwischen den beiden, die wir Leser auf über 600 Seiten mitfühlen dürfen.

„Die beste aller Beziehungen“ erschein schon in den Siebzigern und hat sich in Schweden zu einem Literaturklassiker gemausert. Tatsächlich handelt es sich um ein beeindruckendes Buch, ein tiefes Leseerlebnis. Wir erfahren die Geschichte aus Martinas Perspektive. Martina neigt zur Eigenbrötelei und Selbstkritik (obwohl sie sich selbst als selbstbewusst bezeichnet). Sie gerät in eine emotionale Abhängigkeit von Gustav, auch wenn sie stets um ihre Eigenständigkeit kämpft und sich nicht verbiegt. Das und Gustavs ständiges Drängen machen die Beziehung der beiden so schwierig und destruktiv.

Besonders die Figur der Martina hat hohes Identifikationspotential. Ich habe teilweise sehr mitgelitten. So ist das Buch eine unterhaltsame, immer noch moderne Lektüre, die einen großen Sog auf die Leserin ausüben kann, und gleichzeitig eine Geschichte, unter der man furchtbar leiden und die schlechte Laune verursachen kann.
Die Geschichte von Martina und Gustav wird im Kopf bleiben. Ich empfehle die Lektüre uneingeschränkt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.03.2026

Über Mutterschaft und weibliche Solidarität

Das Tränenhaus. Roman
0

"Einmal musste wohl alles dieses von einer Frau gelitten werden, die es nicht nur dumpf quälend fühlt, sondern die es in Erkenntnis umwandeln wird ... jetzt noch nicht - einmal in der Zukunft ... Das geschieht ...

"Einmal musste wohl alles dieses von einer Frau gelitten werden, die es nicht nur dumpf quälend fühlt, sondern die es in Erkenntnis umwandeln wird ... jetzt noch nicht - einmal in der Zukunft ... Das geschieht nur, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Ich meine, wenn da draußen viele sind, die warten, dass eine letzte Türe zu einer Erkenntnis ihnen geöffnet wird.“

1908 ist „Das Tränenhaus“ erstmals erschienen. Gabriele Reuter war zu dem Zeitpunkt schon eine viel gelesene Autorin. Das Buch schlug ein, beschreibt es doch in einer Offenheit ein Frauenerleben, das von der Gesellschaft tabuisiert ist.

Die Protagonistin Cornelie Reimann ist erfolgreiche Schriftstellerin (man kann hier einige autobiographische Parallelen erkennen) und aus einer für sie als Liebe empfundenen Liaison geht eine Schwangerschaft hervor. Reimann ist ledig und hat weder vor, den Vater ihres Kindes zu heiraten oder auch nur in einer Beziehung zu halten, noch ihre Mutter mit ihrer Schwangerschaft zu konfrontieren. Sie zieht sich für einige Monate in eine „Einrichtung“ zurück, die von einer Hebamme in der schwäbischen Provinz geleitet wird. Eigentlich möchte sie hier nur ihre Ruhe finden und ihr aktuelles Werk vollenden, um bei der Geburt des Kindes finanziell besser aufgestellt zu sein. Ihren Rückzug gibt sie allerdings nach und nach auf, als sie merkt, dass sie mit den anderen Frauen - mögen sie auch aus anderen Gesellschaftsschichten kommen - im selben Boot sitzt. Sie alle teilen die Erfahrung der Schwangerschaft und Mutterschaft, die gesellschaftliche Schmähung und das Alleingelassenwerden in dieser Situation. Allzu grobe Ungerechtigkeiten seitens der Hausmutter duldet die ruhige, zurückhaltende Protagonistin nicht. Sie spürt die Verbundenheit zu den anderen Frauen und während sie die gesellschaftlich bedingten Unterschiede zu ihnen erkennt, muss sie dennoch feststellen, dass alle Frauen gewisse Erfahrungen teilen und in der Gemeinschaft auftreten sollten.

"(...) Macht und Gewalt könnte der Gedanke der Liebe gewinnen, wenn er die Frauen zu einer Einheit zusammengießen würde - darin alle für eine und eine für alle stehen in jener Zeit, wo die Frau am meisten Weib, am schutzbedürftigsten ist - und wo der Mann seiner Natur nach versagen muss, wo er dem letzten Weibgeheimnis immer fremd und peinvoll betroffen gegenüberstehen wird.“

Man kann kaum glauben, dass ein Buch mit einer so starken Botschaft schon vor über hundert Jahren erschienen ist. Auch wenn sich einige Zustände zum Besseren gewandelt haben, das Patriarchat ist noch lange nicht beendet und die Forderung nach weiblicher Solidarität ist eine sehr aktuelle. Reuters Buch liest sich also immer noch wie ein aktuelles. Es ist darüber hinaus auch eine warmherzige Geschichte, sprachlich überhaupt nicht angestaubt und eine sehr unterhaltsame Lektüre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.03.2026

Großartiger historischer Roman

Oberammergau
0

"Was war in jener Nacht nur in sie gefahren, Gott ein Passionsspiel zu versprechen, und zwar nicht nur eines davon, sondern unendlich viele, von jetzt bis ans Ende der Zeit?“

Nachdem die Pest in Oberammergau ...

"Was war in jener Nacht nur in sie gefahren, Gott ein Passionsspiel zu versprechen, und zwar nicht nur eines davon, sondern unendlich viele, von jetzt bis ans Ende der Zeit?“

Nachdem die Pest in Oberammergau ganz fürchterlich gewütet hat, bittet man in seiner größten Verzweiflung Gott darum, dass das doch endlich aufhören möge. Man verspricht Ihm im Gegenzug, dass man alle zehn Jahre Passionsspiele abhalten wird. Nun, viele Überlebende gibt es schon nicht mehr und vermutlich war zu dem Zeitpunkt schon das Schlimmste überstanden… Dennoch, das gewünschte Wunder scheint zu geschehen: Es gibt keine weiteren Pestkranken im Dorf.

Johannes, der neue Pfarrer in Oberammergau, entflammt bald für die Idee des Laien-Passionsspiels und wird nach und nach zur treibenden Kraft. Er bildet einen skurrilen kleinen Trupp mit einer resoluten, jungen Witwe, einem zum Dorfsklaven gemachten schwedischen Soldaten, dem talentierten Organisten und ein paar anderen (und durchaus wechselnden) Dorfbewohnern. Doch ihr Vorhaben ist nicht so ohne Weiteres in die Tat umzusetzen, gibt es da doch noch den ein oder anderen Gegenspieler im Dorf…

Historische Romane gibt es wie Sand am Meer. Um so schwieriger gestaltet es sich, die wirklich guten darunter zu finden. „Oberammergau" ist einer von ihnen!
Wer Robert Löhr kennt, hatte das auch schon erwartet. Der Autor hat schon ein paar unterhaltsame historische Romane geschrieben. Nach vielen Jahren liegt nun endlich wieder ein gut recherchierter, sprachlich amüsanter Roman vor. Hier treffen sonderbare Personen aufeinander, keine ist nur gut oder böse, manche hat ihre dunklen Geheimnisse. Letzten Endes versucht fast jede, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, und muss dabei mit dem Widerstand einer anderen umzugehen wissen. Das ist äußerst amüsant; die Lektüre ist trotz der ein oder anderen eingestreuten Grausamkeit eine sehr erbauliche. Ganz nebenbei lernen wir noch etwas über die Geschichte Oberammergaus und den Dreißigjährigen Krieg.

Ich rate nur sehr christlichen und zur Bigotterie neigenden Menschen von der Lektüre ab. Alle anderen werden sich sehr amüsieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere