Über Mutterschaft und weibliche Solidarität
Das Tränenhaus. Roman"Einmal musste wohl alles dieses von einer Frau gelitten werden, die es nicht nur dumpf quälend fühlt, sondern die es in Erkenntnis umwandeln wird ... jetzt noch nicht - einmal in der Zukunft ... Das geschieht ...
"Einmal musste wohl alles dieses von einer Frau gelitten werden, die es nicht nur dumpf quälend fühlt, sondern die es in Erkenntnis umwandeln wird ... jetzt noch nicht - einmal in der Zukunft ... Das geschieht nur, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Ich meine, wenn da draußen viele sind, die warten, dass eine letzte Türe zu einer Erkenntnis ihnen geöffnet wird.“
1908 ist „Das Tränenhaus“ erstmals erschienen. Gabriele Reuter war zu dem Zeitpunkt schon eine viel gelesene Autorin. Das Buch schlug ein, beschreibt es doch in einer Offenheit ein Frauenerleben, das von der Gesellschaft tabuisiert ist.
Die Protagonistin Cornelie Reimann ist erfolgreiche Schriftstellerin (man kann hier einige autobiographische Parallelen erkennen) und aus einer für sie als Liebe empfundenen Liaison geht eine Schwangerschaft hervor. Reimann ist ledig und hat weder vor, den Vater ihres Kindes zu heiraten oder auch nur in einer Beziehung zu halten, noch ihre Mutter mit ihrer Schwangerschaft zu konfrontieren. Sie zieht sich für einige Monate in eine „Einrichtung“ zurück, die von einer Hebamme in der schwäbischen Provinz geleitet wird. Eigentlich möchte sie hier nur ihre Ruhe finden und ihr aktuelles Werk vollenden, um bei der Geburt des Kindes finanziell besser aufgestellt zu sein. Ihren Rückzug gibt sie allerdings nach und nach auf, als sie merkt, dass sie mit den anderen Frauen - mögen sie auch aus anderen Gesellschaftsschichten kommen - im selben Boot sitzt. Sie alle teilen die Erfahrung der Schwangerschaft und Mutterschaft, die gesellschaftliche Schmähung und das Alleingelassenwerden in dieser Situation. Allzu grobe Ungerechtigkeiten seitens der Hausmutter duldet die ruhige, zurückhaltende Protagonistin nicht. Sie spürt die Verbundenheit zu den anderen Frauen und während sie die gesellschaftlich bedingten Unterschiede zu ihnen erkennt, muss sie dennoch feststellen, dass alle Frauen gewisse Erfahrungen teilen und in der Gemeinschaft auftreten sollten.
"(...) Macht und Gewalt könnte der Gedanke der Liebe gewinnen, wenn er die Frauen zu einer Einheit zusammengießen würde - darin alle für eine und eine für alle stehen in jener Zeit, wo die Frau am meisten Weib, am schutzbedürftigsten ist - und wo der Mann seiner Natur nach versagen muss, wo er dem letzten Weibgeheimnis immer fremd und peinvoll betroffen gegenüberstehen wird.“
Man kann kaum glauben, dass ein Buch mit einer so starken Botschaft schon vor über hundert Jahren erschienen ist. Auch wenn sich einige Zustände zum Besseren gewandelt haben, das Patriarchat ist noch lange nicht beendet und die Forderung nach weiblicher Solidarität ist eine sehr aktuelle. Reuters Buch liest sich also immer noch wie ein aktuelles. Es ist darüber hinaus auch eine warmherzige Geschichte, sprachlich überhaupt nicht angestaubt und eine sehr unterhaltsame Lektüre.