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Veröffentlicht am 16.09.2020

Eine schöne Liebesgeschichte

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„Die Zukunft des Landes ist für dich sinnlos?« »Ziemlich. Sind wir nicht sowieso alle am Arsch?« »Warum das denn?« »Wenn der Meeresspiegel um dreißig Zentimeter steigt und wir alle überschwemmt werden? ...

„Die Zukunft des Landes ist für dich sinnlos?« »Ziemlich. Sind wir nicht sowieso alle am Arsch?« »Warum das denn?« »Wenn der Meeresspiegel um dreißig Zentimeter steigt und wir alle überschwemmt werden? Das ist mir nicht egal.“ (85%)

Das sagt Joseph, 22, zu Lucy, 42, als sie ihn fragt ob er für oder gegen den Brexit stimmen wird. Die beiden kommen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, haben unterschiedliche Hautfarben und einen großen Altersunterschied. Doch sie verlieben sich ineinander und beginnen eine Beziehung.

Natürlich ist das eine Beziehung, die auf recht wackeligen Beinen steht. Vor allem Lucy denkt zunächst viel über all die möglichen Probleme dieser Partnerschaft nach. Und die Probleme sind mannigfaltig: Sie bewegen sich in unterschiedlichen Kreisen und befinden sich in unterschiedlichen Lebenssituationen. Ganze Lebensplanungen wie z.B. eine mögliche Familiengründung auf Josephs Seite könnten in dieser Beziehung nicht umgesetzt werden. Hinzu kommt, dass die beiden oftmals nicht auf Augenhöhe kommunizieren und sind.

Die Darstellung dieser komplexen Partnerschaft und Liebe finde ich recht gelungen. Sie ist ganz und gar unkitschig. Wir sehen hier zwei Menschen, die sich lieben - egal, wie unterschiedlich sie sind - und die versuchen, diese Liebe zu leben.

Deshalb drei von fünf Sternen.

Doch dann kommt noch eine ganze Menge an wirklich großen Themen hinzu. Allen voran der Brexit. Leider bleibt dieses Thema im Roman ziemlich auf der Strecke. Am Ende sind die Aussagen dazu dann etwa: Leute aus der Arbeiterschicht sind für den Austritt, Bildungsbürger nicht. Zwei Kreuze zu machen ist besser als gar nicht wählen zu gehen. Und Trump ist ein größeres Problem als der Brexit.

Wenn Hornby einen jungen Engländer mit dunkler Hautfarbe über den Brexit nachdenken lässt und dabei aufzeigt, dass Rassismus viele Facetten haben kann, und warum der EU-Austritt auch für unter dem Rassismus leidende Briten in Frage kommen konnte - dann ist das wiederum sehr klug und spannend.

Es kommen aber noch Themen wie das Altern, Scheidung, Trennungskinder, Alkoholismus, Musik, das Schulwesen und das Bildungssystem hinzu. Ach ja, und dann noch... Sex, Sex, Sex. (Darüber wird die ganze Zeit geredet, ohne dass es wirklich spannend wäre oder was Aufregendes passieren würde.)

Der Roman will zu viel auf einmal und Hornby bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Finde ich. Und bin deshalb ein bisschen enttäuscht.

Doch wie gesagt: Die Liebesgeschichte ist ganz schön und dafür lohnt sich der Roman dann doch.

„Sie war glücklich, glücklich in einer Blase, und der einzige Grund, sie platzen zu lassen, war, dass Blasen nicht das wahre Leben waren. Aber Blasen ließen das Leben erträglich werden, und der Trick bestand darin, so viele wie möglich zu machen.“ (33%)

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Veröffentlicht am 09.09.2020

Rückenwind für ein beziehungsorientiertes Miteinander

Mein Familienkompass
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„Das Handeln unseres Kindes als das anzusehen, was es ist: Kein Ärgern, keine Ungehörigkeit, kein Grenzentesten, sondern schlicht: dem eigenen Herzen folgen.“ (222)

Nicht noch ein Erziehungsratgeber! ...

„Das Handeln unseres Kindes als das anzusehen, was es ist: Kein Ärgern, keine Ungehörigkeit, kein Grenzentesten, sondern schlicht: dem eigenen Herzen folgen.“ (222)

Nicht noch ein Erziehungsratgeber! Eltern sollen einfach ihrem Herzen folgen und ihre Kinder intuitiv erziehen!
Oh doch - bitte noch ein Buch über das Elternsein und Kinder-beim-Großwerden-Begleiten! Und zwar dieses!

Nora Imlau greift übrigens auch diese Erziehungsratgeber-Feindlichkeit in ihrem Buch auf. Denn Eltern wird heute mit allen möglichen Vorwürfen, Vorschlägen und Vorurteilen begegnet. Tu dies, aber mach auf keinen Fall das. Und ein Recht überfordert zu sein oder dir auch nur Fragen zu stellen hast du eigentlich nicht!

Eltern stehen heute an einem schwierigen Punkt. Sie wollen es besser machen, wollen die Beziehungen zu ihren Kindern liebe- und respektvoll gestalten. Wollen nicht schimpfen und bestimmen oder gar bestrafen.

Doch so einfach ist es nicht, denn selbst sind sie in den meisten Fällen ganz anders erzogen worden. Und die strenge Erziehung zum Gehorsam hat auch leider noch nicht ganz ausgedient. Man begegnet ihr immer wieder. Und wird in seinem liebevollen Umgang mit Kindern manchmal sogar angefeindet, mindestens aber belächelt: Helikoptereltern eben!

Nora Imlau spricht alle diese Themen in ihrem vierhundert Seiten umfassenden Familienkompass an. Sie zeigt auf, wie ein beziehungsorientiertes Miteinander funktionieren kann und gibt dabei den Rückenwind, den Eltern gut gebrauchen können: Ein respektvoller Umgang mit deinen Kindern ist niemals falsch. Und wenn mal nicht alles glatt läuft, ist das auch ganz normal.

Letzten Endes geht es einfach darum, dass wir freundlich zueinander sind und uns nicht verstellen; dass wir auf gelingende Beziehungen setzen statt auf blinden Gehorsam der Schwächsten.

Es ist ganz einfach und doch gerät man immer mal wieder ins Straucheln oder meint sich verteidigen zu müssen. Oder man kämpft mit seinen eigenen perfektionistischen Ansichten.

Ich fand dieses Buch ganz wunderbar. Es ist sehr charmant und blitzgescheit geschrieben - und gehört nun zu meinen Top-5-Büchern zum Thema Eltern-Kind-Beziehung.
Vielen Dank für diesen tollen Kompass - er macht Spaß und Mut!

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Veröffentlicht am 03.09.2020

Eine liebevolle Geschichte, voller Herzenswärme

Eine Hühnerschaukel für Rosa
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Hermine muss das Dach ihrer alten Villa reparieren. Das wird eine Weile dauern. „Nur so ein, zwei Stündchen. - Allerhöchstens fünf.“, kündigt sie ihrer Henne Rosa an. Der wird so langsam aber sicher ganz ...

Hermine muss das Dach ihrer alten Villa reparieren. Das wird eine Weile dauern. „Nur so ein, zwei Stündchen. - Allerhöchstens fünf.“, kündigt sie ihrer Henne Rosa an. Der wird so langsam aber sicher ganz schön langweilig. Nun gut, dann beschäftigt Rosa sich eben selbst. Zum Beispiel mit dem riesigen Paket, das der Postbote bringt und das der Hofhund Herr Zottel stellvertretend für Hermine in Empfang nimmt. Wer weiß, vielleicht ist eine Hühnerschaukel für sie darin?

Wie Rosa dann vor lauter Ungeduld von einem Schlamassel ins nächste flattert, erfahren wir in diesem liebevoll illustrierten Buch. Und eines ist gewiss: Hermine findet am Ende des Tages eine passable Lösung für alle.

Dieses Buch sprach mich direkt an, weil die Illustrationen mich so sehr an die Bilderbücher und Tiergeschichten meiner Kindheit erinnern. Die Bilder flirren vor sommerlicher Wärme und strahlen Geborgenheit aus. Sie sind fast ein bisschen kitschig. Und so detailliert, dass das zuhörende Kind die ganze Zeit etwas Neues entdecken kann.

Die Geschichte ist in einer - zu den Illustrationen passenden, - sehr schönen, bildhaften Sprache erzählt. Hermine hat ein liebevolles Zuhause für sich und ihre Tiere geschaffen. Jedermanns Anliegen wird hier ernst genommen - sei es das eines ungeduldigen Huhns oder das eines Hofhundes, der gesiezt wird. Und auch Hermines Bedürfnisse kommen nicht zu kurz.

„Eine Hühnerschaukel für Rosa“ ist eine sehr liebevolle Geschichte, voller Herzenswärme. Ein Wohlfühlbuch, das wir sehr gerne lesen.

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Veröffentlicht am 01.07.2020

GroßartigesSachbuch

Expedition Natur: WILD! Die Wildkatze
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„Wildkatzen leben in den Wäldern Europas. Sie mögen es unaufgeräumt, lieben ihre Verstecke und fressen gern Mäuse. Schon seit 300.000 Jahren gibt es sie in unseren Wäldern.“ (40)

Doch leider wurde auch ...

„Wildkatzen leben in den Wäldern Europas. Sie mögen es unaufgeräumt, lieben ihre Verstecke und fressen gern Mäuse. Schon seit 300.000 Jahren gibt es sie in unseren Wäldern.“ (40)

Doch leider wurde auch die Wildkatze von uns Menschen irgendwann gejagt und nahezu ausgerottet. Dank Schutzprogrammen gibt es nun wieder mehr Wildkatzen in unseren Wäldern. Im Buch erfährt man, wo die Wildkatze genau lebt, welchen Lebensraum und welche Umgebungsbedingungen sie braucht. Wir erfahren, wie wir Menschen die Wildkatze durch unsere Lebensweise bedrohen - auch, wenn wir sie nicht mehr jagen.

Das Buch beginnt mit einer spannenden Geschichte, die aus dem Leben einer Wildkatzenmutter erzählt, und besonders Kinder auf das Thema toll einstimmt.
Erst dann folgt der Sachteil des Buches: Wo leben Wildkatzen, wie kommunizieren sie, wie sieht ihr Alltag aus und wie wachsen die kleinen Wildkatzen auf?
Immer wieder werden Zusammenhänge deutlich gemacht und ganz nebenbei wird vermittelt, warum Umwelt- und Naturschutz so wichtig sind. Wir Menschen beeinflussen das Leben anderer Tiere enorm und auf vielfältige Weise. Oftmals ist uns das gar nicht so bewusst. Deshalb ist sowohl das Verhalten jedes einzelnen wichtig, als auch Schutzprogramme, die Tieren ihren Lebensraum zurückgeben.

Selten habe ich ein so faszinierendes und umfassendes Kindersachbuch gelesen. Es informiert nicht nur über das Leben der Wildkatze, sondern vermittelt Kindern ein erstes Gefühl für Naturschutz und Tierliebe.

Schön, wenn wir unseren Kindern auf so elegante und spielerische Art die wichtigen Themen des Lebens beibringen können!

„Denn unsere Wiesen, Wälder, Hecken, Flüssen und Seen sind ein Zuhause für viele aufregende wilde Tiere. Komme mit und lerne sie kennen!“ (Vorwort)

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Veröffentlicht am 01.06.2020

Genial!

Mode und andere Neurosen
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„Die Ambivalenz ist die Essenz des menschlichen Daseins, und sie ist auch die Essenz der Mode. Genau das macht das Leben so schön – und diese Schönheit gilt es auszuhalten.“ (Der letzte Satz des Buches.)

Mode ...

„Die Ambivalenz ist die Essenz des menschlichen Daseins, und sie ist auch die Essenz der Mode. Genau das macht das Leben so schön – und diese Schönheit gilt es auszuhalten.“ (Der letzte Satz des Buches.)

Mode - ein glamouröses Thema, dem immer auch Oberflächlichkeit und vielleicht ein Hauch Hysterie anhaftet. Kommt also ein Buch zu diesem Thema heraus, kann das doch kein relevantes und noch dazu blitzgescheites sein, oder?

Oh doch! Katja Eichinger hat ein sehr kluges und wichtiges Buch geschrieben! Und ich muss zugeben, dass sie auch mich damit überrascht hat. Ein charmantes, kurzweiliges Buch über Mode - ein Thema, an dem ich generell interessiert bin - hatte ich erwartet; aber kein aufrüttelndes oder politisches.
Doch Eichinger bringt die unterschiedlichsten Modephänomene zur Sprache und deckt auf, warum Mode niemals oberflächlich ist, sondern immer auch politisch ist und gesellschaftlich relevante Angelegenheiten zum Ausdruck bringt. 
Aktuelle und wichtige Themen wie Fast Fashion (mit einem positiven Blick in die Zukunft - danke!), Feminismus und die Einflüsse des Patriarchats auf die Mode (die doch heute eher als weibliches Metier gilt) werden angesprochen. Und auch Modeerscheinungen in Subkulturen und der High Society werden unter die Lupe genommen.

Dabei schreibt die Autorin auf unterhaltende und sehr intelligente Art. Dieses Buch ist voll kluger Gedanken. Und übrigens auch kein Buch, das nur Frauen ansprechen sollte.

Abgerundet wird es durch spannende Fotos von Christian Werner. Auch hier darf man keine klassischen Modefotografien erwarten, sondern bekommt Bilder präsentiert, auf die man länger schauen muss und die teilweise verwirren.

„Mode und andere Neurosen“ ist eine Perle unter den aktuellen Sachbüchern. Lest dieses Buch - ich kann es euch nur empfehlen!

„Egal wie en vogue Gleichberechtigung und Frauenrechte derzeit scheinen, egal wie prominent Themen wie Gender und nicht-binäre Gender-Identität gehandelt werden, der männliche Blick dominiert.“ (90%)

„Die Fleeceweste ist das nächste an der Pille-für-den-Mann, was derzeit auf dem Markt ist.“ (74%)

„Leben ist das Gegenteil von Luxus.“ (84%)

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