der Schein trügt
YesteryearNatalie Heller Mills lebt mit ihrem Mann Caleb und ihren Kindern auf einer Farm in Idaho den amerikanischen Traum. Während Caleb die Farm bewirtschaftet, kümmert sie sich ganz traditionell um den Haushalt ...
Natalie Heller Mills lebt mit ihrem Mann Caleb und ihren Kindern auf einer Farm in Idaho den amerikanischen Traum. Während Caleb die Farm bewirtschaftet, kümmert sie sich ganz traditionell um den Haushalt und die Kinder – und lässt als Influencerin ihre Follower an dem idyllischen Leben teilhaben.
„Die Spielregeln wurden im Gottesdienst und im Bibelkurs und bei jedem Abendessen wiederholt: Eine Frau hatte drei Aufgaben. Eine gute Mutter zu sein, eine gute Ehefrau zu sein und das Haus sauber zu halten. Ach, und immer schön lächeln.“ (S.54)
Natalie wurde religiös erzogen, war immer ein bisschen anders und galt als Außenseiterin. An der Uni lernt sie Caleb kennen, sein Vater ist Politiker, die Familie vermögend und die Zeiten ändern sich für Natalie. Nach der Geburt des ersten Kindes leben sie zunächst bei Calebs Eltern. Natalie muss sich etwas einfallen lassen und kann letztlich ihren Mann von der Idee und ihren Schwiegervater von der Finanzierung einer Farm überzeugen. Dort lebend ergibt sich, dass sie über die sozialen Medien Menschen an ihrem Alltag teilhaben lässt – und es wird zu einem großen Erfolg. Voller Ehrgeiz inszeniert Natalie ein perfektes Leben – und dann wird der Traum zum Alptraum.
„Ich habe die dicksten Kartoffeln“, posaunte Caleb plötzlich heraus. (S.233)
Ja, und genau das beschreibt Natalies Mann perfekt. Ich weiß nicht, ob das Sprichwort hinsichtlich der Ausmaße eines Erdapfels und der Intelligenz des Landwirtes weltweit bekannt ist, aber selten hat es besser gepasst als hier.
Auch die übrigen Charaktere werden nachvollziehbar, mitunter sehr stereotyp und klischeehaft beschrieben – zu dieser sehr amerikanischen Geschichte gehört es jedoch irgendwie dazu.
Natalie erzählt ihre Geschichte in drei Teilen – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – sowie einem Epilog, der fünf Jahre später stattfindet.
Ich habe zunächst nicht nachzuvollziehen können, wie ihr Leben und ihr Traum so krass zum Alptraum werden konnten und weil ich genau das wissen wollte, habe ich weitergelesen. Die Auflösung ist interessant, aber auch irgendwie seltsam.
„Lächeln. Lächeln. Lächeln. Lächeln. Lächeln. Lächeln.
Beten.“ (S.174)
Schon vor diesem Buch sind mir Dokus über traditionelle Hausfrauen begegnet.
Ohne Frage ist es toll, sein Brot selbst zu backen, Marmelade einzukochen, Gemüse anzubauen und frisch, regional und saisonal zu kochen – ich finde es großartig, wenn das gelebt wird und ich dabei auch noch Ideen und Rezepte abgreifen kann.
Wenn damit jedoch ein sehr konservatives Gedankengut einhergeht, es mit Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen, Hautfarben, Lebensentwürfen verbunden ist und man sich eine Zeit, die zum Glück lange vorbei ist, zurückwünscht, dann ist das falsch und die daraus resultierende Gefahr nicht zu unterschätzen!
Die Welt braucht keine Menschen, die Marmeladekochen zur Ideologie machen!
Caro Claire Burke erzählt eine Geschichte, die mich wirklich beschäftigt hat. Natalies Leben, ihre Gedanken, ihre Weltanschauung sind für mich erschreckend und furchtbar und auch wenn ihre Handlungen mitunter nachvollziehbar sind, ergibt sich daraus keine Rechtfertigung für Täuschungen und Lügen. Yesteryear ist eine Geschichte über ein inszeniertes Leben, in dem der Ehemann es mit der Treue nur semi-genau nimmt, das Biogemüse nur dank Pestiziden makellos aussieht und das für soziale Medien arrangierte Familienglück vor allem aus Lug und Trug besteht.
Vorurteile, Vorbehalte, ein unangenehm konservatives Lebensmodell und eine maximal unsympathische Protagonistin – und dabei vermutlich eine Geschichte, wie sie in irgendjemandes Leben Realität ist.
Ein einziger, großer Fiebertraum, den es zu lesen lohnt!