ein großartiger Roman!
Real AmericansReal Americans / Rachel Khong
„Deutschland liest ein Buch“ – ein wunderbares Herzensprojekt von Kiepenheuer & Witsch, los geht’s mit: „Real Americans“.
1999 – Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, ...
Real Americans / Rachel Khong
„Deutschland liest ein Buch“ – ein wunderbares Herzensprojekt von Kiepenheuer & Witsch, los geht’s mit: „Real Americans“.
1999 – Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, arbeitet als Praktikantin in einem Medienunternehmen. Ihre Eltern sind Wissenschaftler, und für ihre Tochter haben sie sich ein erfolgreiches Leben mit einer Tätigkeit, die sie glücklich macht, gewünscht – sie soll es einmal besser haben.
Auf einer Party lernt sie den wohlhabenden Matthew kennen, die beiden verlieben sich ineinander. Lily lernt, ihr neues Leben zu akzeptieren, gewöhnt sich an den Reichtum, an Matthews Kreditkarte und an die einflussreichen Menschen um sich herum. Ein gemeinsames Kind rundet das perfekte Leben ab. Ist das Glück von Dauer?
2021 – Nick lebt mit seiner Mutter abgeschieden und in einfachen Verhältnissen auf einer kleinen Insel bei Seattle. Er ist kurz vor dem Schulabschluss, und ebenso wie die Frage, auf welches College er gehen soll, beschäftigt ihn auch die Frage, wer sein Vater ist. Groß, blond, blauäugig scheint er rein optisch nichts mit seiner Mutter gemeinsam zu haben. Ein heimlicher DNA-Test führt zu einem unerwarteten Ergebnis und bringt sein Leben – und alles, was er bisher zu wissen glaubte – völlig durcheinander.
2030 – Mai blickt auf ihr Leben zurück – ein Leben, das nicht immer einfach war, geprägt von einer harten Kindheit in China, einer abenteuerlichen Flucht, einem Neuanfang in Amerika und einem Leben, das sie voll und ganz in den Dienst der Wissenschaft gestellt hat – bis an die Grenzen des Denkbaren und darüber hinaus.
Drei Leben: getrennt und doch untrennbar miteinander verbunden
Drei Menschen auf der Suche nach Glück, dem richtigen Weg und Zeit
Gegliedert in drei Teile, beginnend mit Lily (1999), dann Nick (2021) und abschließend Mai (2030) erfährt der Lesende nach und nach, wie ihre Geschichten miteinander verbunden sind – was sie trennt und doch eint.
Es wird nachvollziehbar, warum Szenen, die zunächst faltenbringendes Stirnrunzeln verursacht haben, gar nicht anders sein konnten. Handlungsweisen, die nicht greifbar waren, werden verständlich, und es wird deutlich, dass wir alle unsere Geschichte haben und wie sehr die Liebe in ihrer vielfältigen Art darauf Einfluss nimmt. Mich haben besonders die Schilderungen des Lebens von Mai in China zur Zeit von Mao Zedong berührt.
Rachel Khong hat mich in einigen Momenten an T.C.B. erinnert, der ja immer wieder schöne Szenerien mit störenden Elementen bricht:
„Die Äpfel in den Bäumen waren golden. Auch auf dem Boden lagen Äpfel, braun und verfault. Überall schwirrten Fliegen um das matschige Obst herum. Doch wir sahen nur die Äpfel, die noch hingen, leuchtend, an Ästen wie Armen, die sich uns entgegenstreckten.“ (S.129)
Die drei Hauptcharaktere verbindet, dass sie immer wieder Momente erleben, in denen die Zeit stillsteht – mich hat dies zunächst verwirrt, aber um ehrlich zu sein: kennen wir nicht alle die Situationen, in denen wir uns genau das wünschen?
„Hätte ich die Zeit anhalten können, hätte ich es getan: Ich wäre in diesem Augenblick geblieben, solange ich nur konnte – mein gesamtes Leben lang.“ (S.196)
Der Roman wirft große, ethische Fragen auf, fragt was Wissenschaft darf, welche Grenzen es gibt, ob es überhaupt Grenzen geben darf – und zeigt, dass gut gemeint und gut gemacht eben doch nicht dasselbe ist.
Und neben all den großen Fragen, einer spannenden Familiengeschichte ist es auch ein Roman, der von Liebe in vielfältiger Weise erzählt: von glücklicher Liebe und Liebe, die wehtut, von Liebe, die wir vielleicht nicht verstehen und Liebe, die nicht sein kann.
All das jedoch nicht kitschig oder maximal herzschmerztriefend, sondern real, verständlich und nachvollziehbar.
Ich werde hier jetzt nicht mit Superlativen um mich werfen, aber aus tiefster Überzeugung möchte ich mit maximal-ostwestfälischer Emotion sagen:
das ist ein richtig gutes Buch!
Ein großer Roman, der mich absolut begeistert hat. Rachel Khong erzählt mitreißend von Lily, Nick und Mai – nimmt uns mit in ihre Leben, lässt uns sie verstehen, an ihnen zweifeln und stets hoffen, dass alles gut wird.
Ganz große Leseempfehlung!