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Veröffentlicht am 01.05.2026

Den Faden verloren

Die Straße
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Seethaler porträtiert in seinem gleichnamigen Roman eine beliebige Straße in einer Stadt. Es gibt eine Bäckerei, ein Antiquariat, ein Lokal, eine Arztpraxis, eine Art Heilanstalt und verschiedene Wohnungen, ...

Seethaler porträtiert in seinem gleichnamigen Roman eine beliebige Straße in einer Stadt. Es gibt eine Bäckerei, ein Antiquariat, ein Lokal, eine Arztpraxis, eine Art Heilanstalt und verschiedene Wohnungen, die je für den verschiedenen sozialen Status ihrer Bewohner stehen. Wir verfolgen des vielgesichtige Schicksal der Anwohner dieser Straße über ein Jahr kaleidoskopartig und episodenhaft. Der Autor springt – häufig personal oder neutral in Form wörtlicher Rede erzählt – von Schicksal zu Schicksal, bisweilen montageartig aneinander gereiht, bisweilen nur als kurzes Intermezzo von Sätzen oder Ausrufen.
Das ganze wird von der expressiven Erzählstimme Lars Brandts eingelesen, der er es für mich aber auch nicht zu verhindern vermag, dass ich schon bald die Orientierung darüber, wer gerade was sagt, und damit den roten Faden verloren habe. Ich habe weitergehört, aber schon recht bald nicht gewusst, wo das Ganze hinführen soll. Manche Erzählstränge habe ich für längere Zeit aus den Augen verloren, manche tauchen wieder auf, aber für mich war es dann schwierig, an das vorher Gehörte anzuknüpfen. Ich habe – trotz großartiger Beschreibungen: die Sprache ist für mich das Überzeugendste an dem Buch – kein Gefühl und schon gar keine Bilder für die Figuren und für die Zeit, in der das ganze Straßenleben spielt, entwickeln können.
Vielleicht mag das besser gelingen, wenn man den Roman liest statt ihn zu hören. Vom Hörbuch würde ich eher abraten.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Unruhige Zeiten

Blankenese - Zwei Familien
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Einen spannenden Zeitabschnitt hat die Autorin Michaela Grünig für den Abschlussband ihrer Familientrilogie in Blankenese ausgewählt: Beginnend mit den Studentenunruhen im Jahr 1968 bis hin zum Höhepunkt ...

Einen spannenden Zeitabschnitt hat die Autorin Michaela Grünig für den Abschlussband ihrer Familientrilogie in Blankenese ausgewählt: Beginnend mit den Studentenunruhen im Jahr 1968 bis hin zum Höhepunkt des deutschen Terrors im Herbst 1973 schildert sie die Lebenswege der verschiedenen Generationen der Reedereifamilie Casparius und dem jüdischen Teil der Verwandtschaft, der Familie Jacobson. Da sind einmal die beiden Schwestern Ulrike und Sabine, die auf ihrer Suche nach ihrem Weg in Kontakt kommen mit den Studenten, die eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit und eine gesellschaftliche Erneuerung fordern. Auf der anderen Seite kämpft auch Kurt Jacobson als Staatsanwalt für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und den Erhalt der jungen Demokratie in Deutschland.
Die Darstellung dieser Zeit ist sehr spannend und lebendig und gibt einen guten Einblick in die dichten Geschehenisse von der Erschießung Benno Ohnesorgs über Beate Klarsfelds Nazi-Jagd, das Attentat während der olympischen Spiele in München bis hin zu den Befreiungsversuchen der RAF-Anführer aus ihrer Haft in Stammheim. Die Hintergründe sind sehr gut recherchiert und sehr detailliert dargestellt, doch zugleich auch so, dass jeder, ob er sich in der Zeit nun auskennt oder nicht, gut und gerne folgen kann und mag. Die allgemeine Zeitgeschichte ist stimmig mit den Entwicklungen im Leben der Protagonisten verwoben. Mit ihnen erhält die Zeit ein Gesicht. Das ist der Vorteil gegenüber der reinen Schilderung historischer Abläufe. Geschichtsunterricht mit hohem Unterhaltungsfaktor.
Besonders gut gelungen, finde ich die Diskussionen der Figuren über die drängenden Fragen der Zeit: Umgang mit Schuld und Verantwortung, Frage nach Opfer und Täter, Umgang mit Isreal und Antisemitismus, die Frage nach den Grundsätzen eines demokratischen Staates, insbesondere im Umgang mit dem Terror, der seine Autorität untergräbt und seine Grundsätze in Frage stellt.
Das alles sind aktuelle Themen, die hier äußerst differenziert und beeindruckend klar diskutiert werden, ohne dass es dabei langweilig würde oder die Gespräche gekünstelt wirkten. Das ist für einen Unterhaltungsroman ein hoher Anspruch, der sehr gelungen umgesetzt wurde.
Einzig ein wenig störend empfand ich die bisweilen sehr emotionale Ausgestaltung der Figuren wie z. B. Sabine oder Michael, den „Jungen aus dem KZ“. Die Figurenzeichnung gerät hier zum Teil ein wenig einseitig und übertrieben.
Aber insgesamt ist der Roman gemäß seinem Titel, „Zeitensturm“, so spannend zu lesen, dass man ihn stellenweise gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Witzig und frech

Das Klugscheißerchen
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Nur echte Klugscheißer können es sehen – das Klugscheißerchen von Marc Uwe Kling. Da hat es bei Familie Theufel mit Th allerdings große Chancen, der hier weiß jeder alles besser.
Mit wunderbarem Humor ...

Nur echte Klugscheißer können es sehen – das Klugscheißerchen von Marc Uwe Kling. Da hat es bei Familie Theufel mit Th allerdings große Chancen, der hier weiß jeder alles besser.
Mit wunderbarem Humor und großartigem Sprachwitz, aber auch mit viel Liebe und Zärtlichkeit erzählt der Autor die Geschichte, wie die beiden Kinder Tina und Theo auf dem Dachboden das Klugscheißerchen entdecken. Und sofort entfalten sich schnelle Dialoge darüber, wie die Dinge richtig sind oder heißen. Denn ein Klugscheißerchen hat einen absoluten Sinn für die Richtigkeit aller Dinge und ist da mehr als penibel.
Mit dem Hörbuch zeigt der Autor, dass er nicht nur witzige und freche, unterhaltsame und spannende Bücher schreiben, sondern sie auch genauso vorlesen kann. Mit großer Leichtigkeit schlüpft er in die verschiedenen Rollen und verleiht jeder eine eigene Ausdrucksweise. So wird der Vortrag überaus lebendig und mitreißend. Die musikalischen Noten dazu wirken häufig wie ein lustig-ironischer Kommentar zu Handlung.
Absolut empfehlenswert zu lesen oder besser noch sich vorlesen zu lassen vom Autor selbst!

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Auf Verbrecherjagd

Die Bibliothek meines Großvaters
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Ich muss gestehen, ich hatte etwas anderes erwartet, als ich „Die Bibliothek meines Großvaters“ zu hören begann. Dass es sich bei dem Großvater vor allem um einen großen Krimifan handelte, der damit seine ...

Ich muss gestehen, ich hatte etwas anderes erwartet, als ich „Die Bibliothek meines Großvaters“ zu hören begann. Dass es sich bei dem Großvater vor allem um einen großen Krimifan handelte, der damit seine Enkelin begeisterte, die sich dann auch in Kreisen aufhielt, die mit viel Freude am Spürsinn Kriminalgeschichten anhängt, war nicht meine erste Vermutung.
So führt die Enkelin mit dem Großvater stets aufs Neue größtenteils überraschend scharfsichtige Dialoge über mysteriöse Vorfälle, zu denen sie stets mehrere Geschichten durchspielen. Herangetragen werden diese meist durch Freunde oder Bekannte an sie. Doch war ich mir am Ende häufig nicht sicher, ob es sich dabei nur um bloße Geschichten oder um „wahre“ Begebenheiten handeln sollte. Noch unklarer war, welche Folgen nun die detektivische Arbeit von Großvater und Enkelin haben sollten. Ein wenig monoton war auf Dauer auch der Ablauf, bei dem der Großvate immer viele Dinge durchaus mit scharfer Beobachtungsgabe erschließen konnte, teils aber auf Wissen zurückgreifen musste, von dem mir nicht klar war, woher er es haben konnte.
Spannend wird es zum Ende hin, als die Enkelin selbst zum Opfer eines Verbrechens zu werden droht.
Die Geschichte spielt in Japan, und das japanische Flair wird in diesem Roman auch sehr gut zum Ausdruck gebracht.
Die Erzählstimme ist angenehm, wenngleich auch ein wenig monoton.
Wer mehr an Bibliotheken und Büchern im allgemeinen als an Kriminalliteratur im speziellen interessiert ist, wird hier vielleicht nicht ganz so auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Sehr düsteres Thema für ein Bilderbuch

Emma und der traurige Hund
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Auch wenn der Titel „Emma und der traurige Hund“ schon auf ein trauriges Thema verweist, zeigt doch das Titelbild eher etwas vom Trost der Gemeinschaft: Hund und Kind in trauter Zweisamkeit blicken auf ...

Auch wenn der Titel „Emma und der traurige Hund“ schon auf ein trauriges Thema verweist, zeigt doch das Titelbild eher etwas vom Trost der Gemeinschaft: Hund und Kind in trauter Zweisamkeit blicken auf die Unendlichkeit des Meeres.
Doch der Hund ist traurig, ohne Grund und ohne Perspektive auf Besserung. Zugute halten muss man dem Buch, dass es das Thema der Depression sehr ernst nimmt und keine schnelle oder einfache Lösung anbietet, so nach dem Motte: einmal pusten und dann ist alles wieder gut. Einzig tröstende Figur ist die optimistische, lebensbejahende Figur Emma, die sich um den Hund bemüht. Nachdrücklich, aber auch vorsichtig. Mit Respekt vor seinen Gefühlen.
Die Bilder changieren zwischen poetisch und düsterem Gekritzel, das auch etwas Aggressives hat. So stelle ich mir gerade die Buchinnendeckel vor, als ob jemand seine Wut mit wilden, dicken Zickzacklinien zum Ausdruck gebracht hat.
Für mich als Erwachsene hat das Buch interessante Aspekte bereit. Doch muss man Kinderseelen schon so früh mit so schweren, schwarzen Themen trüben? Zumal es für die Kinder oft der Hund ist, der der tröstende Spielgefährte ist, und nicht der, der Hilfe braucht und dem Kind die Rolle des Therapeuten auflastet. Ist es kleinen Kindern, für die man sich ja Bilderbücher meist denkt, möglich, den Transfer zu leisten, in dem traurigen Hund eben nicht nur einen traurigen Hund zu sehen? Welche Botschaft sollen sie empfangen? Worauf sollen sie wie reagieren?

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