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Veröffentlicht am 04.02.2025

Schwaches Finale

Die Glücksfrauen – Das Geheimnis der Rosen
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Im dritten Teil der „Glücksfrauen“ von Anna Claire wartet der Leser gespannt auf die Auflösung der Rätsel um die drei Freundinnen Luise, Maria und Anni. Während es in den ersten beiden Bänden um Luise ...

Im dritten Teil der „Glücksfrauen“ von Anna Claire wartet der Leser gespannt auf die Auflösung der Rätsel um die drei Freundinnen Luise, Maria und Anni. Während es in den ersten beiden Bänden um Luise ging, die mit dem Geld der Freundinnen in New York ein Café eröffnen wollte, wohin sie vor den Nazis geflohen war, und um die Jüdin Maria, die im letzten Moment auf einer abenteuerlichen Fluchtroute den Nazis entkommen konnte, so geht es im letzten Band um Anni. Sie ist eigentlich glücklich liiert mit Siegfried. Der allerdings arbeitet für die Gestapo, und im Laufe der Zeit wird Anni immer misstrauischer den Zielen der Nazis gegenüber und auch gegenüber Siegfried, der sich nicht so für das Gute einzusetzen scheint, wie er vorgibt. Ein drastisches Erlebnis und ein Verrat durch Siegfried veranlassen Anni zu einer spontanen Flucht nach England, wo sie als Agentin gegen die Deutschen arbeitet. Später dann verschlägt es sie nach Tansania, wo sie eine Rosenfarm gründet, auf der die Enkelinnen von Luise und Maria dann auch Annis Enkelin finden, damit sie gemeinsam den letzten Teil des Rätsels lösen. Dabei geht es auch um die Enkelinnen, ihre Lebensentscheidungen und natürlich um die Liebe.
Schon die ersten beiden Bände zeigen Schwächen bei der Umsetzung einer interessanten Idee mit interessanten Figuren. Aber der dritte Teil übertrifft diese, wie ich finde, bei weitem. Er ist ein mehr als unbefriedigendes Ende einer Buchreihe, die vor allem wegen der Suche nach der Lösung des Geheimnisses von Luise lesenswert erscheint. Allerdings ist diese Lösung wenig plausibel und passt nicht in den Handlungsverlauf. Man fragt sich unwillkürlich, ob man etwas Wichtiges überlesen hat. So geht es an anderen Stellen auch recht unlogisch zu. Und der Stil ist sehr hölzern und schlicht. Die Figur der Anni ist in sich schon nicht stimmig angelegt. Dem naiven Mädchen, die dem Erzählstil eine Kleinmädchenausdrucksweise verleiht, ist eine Karriere als Agentin nicht wirklich zuzutrauen. Das Konzept geht leider gar nicht auf. Sehr schade, denn die Geschichte hätte auf jeden Fall Potential für mehr gehabt. Und auch das Schicksal der Spioninnen im 2. Weltkrieg ist sicherlich ein dankbarer Plot für ein spannendes Buch. Aber Anni kann diesen Erwartungen nicht gerecht werden.

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  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 02.02.2025

Bist du noch gesund oder diagnostizierst du schon?

Digitale Diagnosen
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Erschreckend sind die ganzen selbsternannten Heiler und Therapeuten, aber auch die echten, die auf Social-Media-Kanälen wie TikTok oder Instagram Geld mit der vermeintlichen Krankheit anderer Leute machen. ...


Erschreckend sind die ganzen selbsternannten Heiler und Therapeuten, aber auch die echten, die auf Social-Media-Kanälen wie TikTok oder Instagram Geld mit der vermeintlichen Krankheit anderer Leute machen. Und dabei liefern sie selbst erst einmal die Definitionen, mit Hilfe derer sich unsichere, überforderte, in dieser großen, weiten Welt orientierungslose Menschen eine Krankheit diagnostizieren, deren Lösung dann wieder in der Ratsuche auf eben jenem Kanal besteht, der einem die Diagnose bescherte. Ein Teufelskreis, wie es scheint!
In ihrem Buch „Digitale Diagnosen“ erklärt Laura Wiesböck sehr klug und weitsichtig die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Definitionen von Gesundheit und Krankheit und darauf basierenden Heilsversprechen des Internets. Dabei zeigt sie stets Respekt für alle medizinisch diagnostizierten psychischen Erkrankungen und verneint auch nicht die Errungenschaften moderner digitaler Kommunikation, die für die Betroffenen Möglichkeit des Austausches mit Leidensgenoss:Innen sein kann, Enttabuisierung bestimmter Krankheitsbilder möglich macht und den Erkrankten eine Plattform bietet, sich anonym öffnen zu können. Insbesondere auch dann, wenn professionelle Hilfe nicht erreichbar oder finanzierbar ist. Gleichzeitig zeigt sie aber auch sehr deutlich, welches Schindluder auf allen Seiten mit diesem Trend betrieben wird: Da sind zum einen die, die es besser wissen müssten: die ausgebildeten professionellen Therapeuten, die auf einen Trend aufspringen, um an den großen finanziellen Gewinnmöglichkeiten beteiligt zu sein. Da sind die Influencer:Innen, die ohne Vorbildung und oft ohne Kenntnis, Bilder von dem entwerfen, was einen gesunden Menschen ausmacht, oder sich zu einem ästhetischen Bild des leidenden Kranken stilisieren, das sich gut vermarkten lässt, gestützt auf eine ganze Industrie von Selfcare-Produkten und Angeboten, mit denen man Menschen auf der Suche nach einem Sinn im werte- und traditionsleeren Leben ködern kann. Und dann sind dann zum Schluss eben diese Menschen, die häufig nach medizinischen Standards vielleicht gar nicht krank sind, sondern gerade eine miese Zeit haben, ein Tief oder eine schlechte Erfahrung gemacht haben, die zum menschlichen Leben dazugehört wie die Sonnenseiten. Diese nutzen dann die angebotenen Diagnoseverfahren, die ihnen ermöglichen, sich ein Krankheitsbild anzueignen, das sie von jeder Selbstverantwortung, das Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, entbindet oder für das es im Netz zahlreiche „Therapiemöglichkeiten“ gibt, die der Selbstoptimierung mit dem Versprechen der Heilung dienen.
In Anbetracht eines zunehmenden Trends, die Sinnleere des eigenen Lebens mit Achtsamkeits-, Meditations-, Yoga oder sonstigen Lifestyle-Retreats zu füllen, ist dies ein wichtiges Buch, das eine ganze Industrie hinter diesem Trend entlarvt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält, die das, was gesund ist, zu wenig schätzt und diejenigen, die wirklich krank sind, nicht genügend ernst nimmt, wenn sie glaubt, Krankheit mit einem Videotutorial oder frei verkäuflichen Gesundheitspräparaten welcher Art auch immer begegnen zu können.

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Veröffentlicht am 24.01.2025

Das erklärt vieles!

Somebody told me
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Der Ratgeber über Ernährung für die Frau in den Wechseljahren teilt sich in einen Theorieteil, den ich schon sehr praktisch fand, und einen Praxisteil, den ich eher theoretisch fand.
Im Theorieteil machen ...

Der Ratgeber über Ernährung für die Frau in den Wechseljahren teilt sich in einen Theorieteil, den ich schon sehr praktisch fand, und einen Praxisteil, den ich eher theoretisch fand.
Im Theorieteil machen die Autorinnen deutlich und klar verständlich, was im weiblichen Körper passiert, wenn er in die Wechseljahre kommt. Dabei geben sie schon ein paar einfach umzusetzende Tipps gegen Wechseljahrbeschwerden. Im zwei Teil werden dann die vier Säulen, auf denen das Leben nicht nur der Frauen in den Wechseljahren ruht: Vorsorge, Bewegung, Erholung und Ernährung. Der Schwerpunkt ruht hierbei auf dem Ernährungskonzept, dass die beiden Autorinnen, Ernährungswissenschaftlerin und Gynäkologin, speziell zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden, aber auch nicht unschmackhaft und ungesund für den Rest der Familie entwickelt haben. Auch hier vermitteln sie viel Wissenswertes und für mich auch viele neue Erkenntnisse, die aber, wenn man sich und seinen Körper betrachtet, sinnvoll erscheinen. Allerdings geht es hier nicht um konkrete Rezepte, für die man Beispiele auf der homepage zum Buch (eigentlich ist es mehr das Buch zur homepage) finden kann. Von daher bleibt für mich das Ernährungskonzept sehr theoretisch und mir fehlt ein wenig die Idee, wann esse ich was, zumal ich von einigen der hier vorgestellten guten Nahrungsmitteln noch nie gehört haben. Die Autorinnen räumen auch selber ein, dass die Umstellung anfangs schon umständlicher und aufwändiger sei. Dies ist auch der Eindruck, der sich mir vermittelt, da die Umstellung doch mit sehr vielen Ernährungsgewohnheiten bricht, auch wenn die versprochenen Resultate wünschenswert sind. Auch die vielen Fachbegriffe für chemische Elemente und Reaktionen und deren Produkte sind für mich etwas sperrig, auch wenn das Konzept im Ganzen verständlich und auch plausibel ist.
Der Schreibstil ist durch die direkte Ansprache an den Leser recht vertraut, und der Leser fühlt sich an vielen Stellen verstanden und in seinen Problemen ernst genommen. Die Autorinnen sind in ihrer Aussagen nicht dogmatisch und versuchen, den Leser zu ermutigen, Dinge auszuprobieren ohne Perfektionismuszwang oder einem Ansatz von Ganz oder Gar nicht. In Aussicht gestellt werden keine Wunder von ewiger Jugend und Schönheit, sondern ein gesünderes Leben mit mehr Wohlbefinden und das ist doch etwas, wofür es sich den Versuch, dies selbst in die Hand zu nehmen, lohnt.
Insgesamt fand ich den Ratgeber eine lohnenswerte Lektüre mit viel Empathie, Ermutigung und praktischen Anregungen, die jetzt auf entspannte Umsetzung warten.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

"und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen"

Ginsterburg
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Ginsterburg ist eine kleine Stadt mit historischem Kern (n)irgendwo in Deutschland. Mosaikartig entfalten sich vor des Lesers Augen Lebensausschnitte unterschiedlicher Bewohner: des jungen Lollo mit seiner ...

Ginsterburg ist eine kleine Stadt mit historischem Kern (n)irgendwo in Deutschland. Mosaikartig entfalten sich vor des Lesers Augen Lebensausschnitte unterschiedlicher Bewohner: des jungen Lollo mit seiner Passion fürs Fliegen und seiner Mutter, sozialistisch ausgerichteter Buchhändlerin, des Journalisten und späteren Schritleiters Eugen nebst erkalteter Gattin und entflammter Tochter, den zarte Bande mit Merle verbinden. Und kameradschaftliche mit dem Blumengroßhändler und frisch ernanntem Keisleiter Otto Gürckel mit den Zwillingen Knut und Bruno, strammen Hitlerjungen, und ohne Ehefrau, die ihn wegen eines „Goldfasans“ in Berlin hat sitzen lassen. Sowie mit Clemens Jungheinrich, Papierfabrikant, zuerst für Bücher, dann für Granatenanzünder. Alle drei alte Frankreich-Überlebende aus dem ersten große Krieg. Und dann gibt es noch den Militärarzt Gustav Hansemann, dessen Einsatzgebiet sich aber zunehmen nach Osten verlagert. Daneben noch eine Figuren Nebenpersonal, Nachbarn, Freunde usw. Anhand von drei Stichproben aus der Zeit des 1000jährigen Reiches: Aufstieg 1935, Höhpunkt 1940 und Fall 1945 zeigt Arno Frank, wie es den Bewohnern ergeht: aus den Kindern werden Kriegshelden oder -opfer, aus den Politikern und Industriellen werden Profiteure und Kriegsgewinnler, denen aber private Tragödien nicht erspart bleiben, manch einer macht Karriere im Reich, andere verlieren ihre Existenz oder auch ihr Leben. Schon in der scheinbaren Idylle im Jahre 1935, als alles noch ganz harmlos schien und es so langsam wieder aufwärts ging mit dem von Ersten Weltkrieg gebeugten Deutschen Reiches, tauchen Vorahnung auf das bevorstehenden Grauen in einzelnen lakonischen Sätzen auf. Auch 1940 ist der Krieg wenig präsent in Ginsterburg. Er dringt eher in Form von Meldungen über Heldentaten an die Bewohner. Auch wenn der Held dann auch den Heldentod gestorben ist. Die Verbrechen, die den Aufstieg des Deutschen Reiches begleiten, werden mehr angedeutet als ausgeführt. Da verschwinden schon mal Familien oder eine mit einem Juden verheiratete Schwester muss aufgenommen werden. Hansemann, der Arzt, der so gerne Experimente durchführt, hat viel zu tun im Osten, was genau, bleibt ausgespart, aber denkbar. Ab und an schleicht sich ein leiser Zweifel ein bei dem ein oder anderen, wird aber nicht lauter. Und 1945 geht dann alles ganz schnell. Die einen feiern noch die letzten Orgien vor dem Fall und dann schreitet Gott mit lautem „Bumbumbum“ durch das Paradies Ginsterburg auf der Suche nach den sündigen Menschen, die sich versteckt haben, weil sie etwas Verbotenes getan haben. Auch Ginsterburg geht unter wie der Rest des Reiches. Und wie im Rest des Reiches sterben auch die Unschuldigen und die Opfer und überleben die Schuldigen und tauchen ab im allgemeinen Untergang, tauchen später in der Geschichte vielleicht wieder auf als ehrenwerte Namensgeber von Schulen oder bleiben spurlos verschwunden. Und deshalb ist der Krieg schlimmer als die Hölle, denn er trifft Sünder und Unschuldige gleichermaßen und ohne erkennbares Muster.
Arno Frank erzählt in gewohnt begeistertem Stil, der den Leser leicht durch Schweres und Tiefgehendes führt. Franks Figuren sind menschlich, keiner ist gut, schillernder Held, oder widerwärtig und böse, der reine Antagonist. Jeder hat eine eigenen Geschichte, macht Fehler, tut Gutes, erfährt Gutes und erleidet Schlimmes. Menschlich, allzu menschlich sind die Figuren. Und die Menschen sind eben gut und böse, die einen mehr, die anderen weniger. Gerade hinter dem Menschlichen verbirgt sich auf die Unmenschlichkeit, der Abgrund, der sich in Franks Erzählung zwischen den Zeilen manchmal auftut und in einzelnen Sätzen. Sein leises, feines Erzählen kommt ohne gewaltige Bilder, übermächtiges Grauen und große Gebärde aus. Dafür bleibt es lange im Kopf, lässt lange die Gedanken über das Gelesene nachdenken. Und doch nicht so ganz begreifen. In dem Figurenmosaik fällt es bisweilen schwer, den Faden der einzelnen Figuren zu verfolgen. Es ist dem Leser nicht vergönnt, bei einer zu verweilen, sich einzudenken und -zufühlen. Viele Fragen bleiben am Ende offen: Was wird aus Lollo und seiner Jugendliebe, Eugens Tochter? Was wird aus Kreisleiter Gürckel, was aus seiner mit der Haushälterin türmenden Frau? Was aus dem Arzt Hansemann, der kurz vor dem Untergang wieder in Ginsterburg auftacht? Welche Ginsterburger findet Gott mit seinem „Bumbumbum“ im Padadies? Wer kommt davon? Wofür steht der blaue Fuchs, der Uta Mohelsky am Ende den Weg „nach Hause“ zeigt? Welche Funktion hat der Wanderzirkus mit der Weissagerin Zola Vovoni, die in Anbetracht, was sie in der Zukunft der Ginsterburger sieht, verrückt wird? Sind diese Fragen überhaupt wichtig?
Vielleicht nicht, aber offene Fragen am Ende sind oft schwer auszuhalten.
Am Modell, quasi en miniature, zeigt Frank ein beeindruckendes Bild des Gesamtdeutschen Reichs in seinen drei Etappen, des 1000jährigen Reichs, das innerhalb von 12 Jahren Aufstieg, Höhepunkt und Untergang hingelegt hat und dabei ganz unterschiedliche Gesichter seiner Bewohner zum Vorschein gebracht hat. Es geht mehr um das Schildern und das Beobachten von Entwicklungen, von Schicksal, Fügung, Glück und Unglück, von Plänen und Zufällen, weniger um das Bewerten und Urteilen von Gut und Böse. Am Ende nach gefallenem Vorhang sieht sich der Leser mit vielen offenen Fragen, ohne tragischen Helden und ohne Moral von der Geschicht.

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Veröffentlicht am 19.01.2025

"Seltsamer als Fiktion"

Alexandria - Auf der Suche nach der verlorenen Stadt
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um eine Kapitelüberschrift aus dem Buch selbst zu zitieren, mutet die Lebensbeschreibung des aus der britischen Armee in Asien desertierten Sodaten James Lewis alias Charles Masson an. Nur mit dem Ziel, ...

um eine Kapitelüberschrift aus dem Buch selbst zu zitieren, mutet die Lebensbeschreibung des aus der britischen Armee in Asien desertierten Sodaten James Lewis alias Charles Masson an. Nur mit dem Ziel, der Fron als einfacher Soldat in den britischen Reihen zu entkommen, dem keine Aussicht auf Besserung seiner Stellung beschieden ist, macht er sich eines Tages auf den Weg durch ein nicht nur ihm fremdes, wildes und nicht ungefährliches Land. Er wandert durch Gebirge und Wüsten ohne Kenntnis der Sprache und der Gepflogenheiten. Es ist allein schon ein Wunder, dass er als hellhäutiger, rothaariger Brite die immense Kraft der Sonne übersteht. Vielmehr noch ein Wunder ist, dass er durch Gegenden kommt, die noch nie ein Europäer gesehen hat – und auch das irgendwie lebend, mehr schlecht als recht, in Lumpen, ohne Schuhe, mit Blasen an den Füßen, halb verhungert … Und ein noch größeres Wunder ist, dass er nicht nur die Anfeindungen, Plünderungen und Prügel der Menschen, die ihm auf dem Weg begegnen, einigermaßen unbeschadet übersteht, auch wenn er manchmal wortwörtlich nur mit dem nackten Leben davonkommt. Nein, vielmehr gelingt es ihm, die Mechanismen der Gesellschaft in diesen rauhen Ländern zu durchschauen. Als Geschichtenerzähler, der seine Identität immer wieder neu erfindet und neben seinen Geschichten Wunder und Heilungen verkauft, findet er nicht nur einzelne Wohltäter, die ihm ihre Gastfreundschaft gewähren. Denn auch diese ist ein Spezifikum der Lande, die nicht nur Massons Überleben, sondern auch seinen sozialen Aufstieg ermöglichen. Bald schon spricht er vor den Größten des Landes und lernt die Sitten und Gebräuche und politisch verwirrenden Machtverhältnisse so gut kennen, wie kein Europäer außer ihm. Somit wird er wieder interessant für die Britische Ostindienkompanie, die aus ihm einen Spion machen will. Aber eigentlich hat Masson auf seinen Wanderungen durch die Länder Afghanistan und Indien eine ganz andere Bestimmung gefunden: die Suche nach den Spuren und den Stätten des großen Alexander. Und auch wenn er vielleicht kein weiteres Alexandria findet, so macht er doch eine außerordentliche Entdeckung über das Verhältnis des vermeintlich überlegenen Westens, der mit Alexander die Kultur und Zivilisation in die Barbarei des Ostens bringen wollte, wie man immer noch glaubt. Doch das Schicksal spielt dem in seiner Begeisterung für die Geschichte und die Geschichten so sympathischen, bescheidenen und in seiner Leidensfähigkeit bewunderungswürdigen Mann übel mit. Immer wieder wird er zum Opfer der Selbstüberschätzung und des überheblichen Machtwillens anderer und seiner Schwäche, nicht Nein sagen zu können.
Welche Bedeutung der schillernden und in historischen Zeugnissen schwer fassbaren Figur des James Lewis/Charles Masson eigentlich beikommt, macht das Buch „Alexandria Auf der Suche nach der verlorenen Stadt“ von Edmund Richardson deutlich. Nach einem beachtlichen Quellenstudium und einer über zehn Jahre dauernden Recherche ist Richardson zu einem glaubwürdigen Bild eines teilweise unglaublichen Lebens eines Mannes gelangt, um den sich und um den er selbst viele Ranken des Mythos geschlungen haben. Beachtliches Wissen um die geschichtlichen Zusammenhänge in so unübersichtlichen Ländern wie Afghanistan, Indien und Persien Anfang des 19. Jahrhunderts und eine unermüdliche Suche nach Spuren rund um den Globus erlauben dem Autor eine vertrauenswürdige Einschätzung dessen, was als wahr und was als Legende zu gelten hat. Er zeigt uns mit Masson nicht nur einen abenteuerlustigen Entdecker wie Schliemann oder Evans, sondern auch einen klugen Kopf, den die Liebe zu dem für sich entdeckten Land Afghanistan und die Begeisterung für die legendäre Figur Alexander des Großen zu einem Kritiker der Politik des britischen Empire und den westlichen Kolonialismus werden lässt. Seine Idee vom Zusammenspiel von West und Ost enthält auch heute noch bedenkenswerte Ansätze über den Umgang mit anderen Kulturen und dem Postulat der vermeintlichen Überlegenheit einer Kultur über die andere. Sein Blick auf das Leben in Afghanistan, das des einfachen Bauern und Händlern sowie das der herrschenden Machthaber, zeigt ein Land mit einer ganz eigenen reichen kulturellen Vergangenheit, die man nicht übersehen sollte, wenn man in ihm heute nur noch das Machtgebiet einer unaufgeklärten, alle Kultur unterdrückenden islamistischen Terrorbewegung sieht.
Das Buch ist ein spannend, aber nicht einfach zu lesendes, bisweilen verblüffendes und ungemein lehrreiches Lesevergnügen. Für den Nichtfachmann bisweilen ob der Fülle an Namen und Allianzen und Mesalliancen verwirrend und von daher auch nicht immer flott und vergnüglich, wie es die Bemerkung des Guardian, man habe hier einen Roman oder Thriller von John Le Carré vor sich liegen, vielleicht irreführend nahelegt. Es ist schon auch ein Stück Arbeit, das einem - mir zumindest - die Augen öffnet – mal wieder -, wie viel man von der Welt, von der Geschichte und von einigen Kulturen sowie von einzelnen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, aber durchaus beachtlichen Menschen nicht weiß. Ein Charles Masson hätte es nicht nur wegen der Abenteuerlichkeit seines Lebens auf jeden Fall verdient, den Rang eines Schliemanns einzunehmen. Also ein sehr lesenswertes, gelehrsames Buch, keine leichte Unterhaltungslektüre, aber lohnende Lektüre mit hohem Unterhaltungsfaktor.

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