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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.12.2024

Totenphotographie

Der Herzschlag der Toten
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Dass es diese wirklich gegeben hat, glaubt man erst, wenn man das Nachwort von Ralf Dorweilers Krimi „Der Herzschlag der Toten“ gelesen hat. In der heutigen Zeit ist die Vorstellung, Tote in lebendige ...

Dass es diese wirklich gegeben hat, glaubt man erst, wenn man das Nachwort von Ralf Dorweilers Krimi „Der Herzschlag der Toten“ gelesen hat. In der heutigen Zeit ist die Vorstellung, Tote in lebendige Ensembles hinein zu platzieren und sie wie Lebendige aussehen zu lassen, schon recht makaber und erhöht den Gruselfaktor des Krimis ungemein.
Die Totenphotographie spielt in dem Krimi eine entscheidende Rolle, sie gibt den Hinweis auf den Täter an einer unbekannten Frau. Dieser Fall konfrontiert den Criminalcommissar Hermann Rieker nicht nur mit seiner Vergangenheit, er könnte ihn auch, sollte er scheitern, seine Karriere Kosten. Die Hilfe der ebenso engagierten wie eigensinnigen Richtertochter Johanna Ahrens ist ihm nicht immer willkommen. Zwar kennt sie das Opfer, das Schülerin in ihrer heimlich gegründeten Schule für Frauen aus der Unterschicht war. Aber zugleich bringt sie nicht nur ihr Leben, sondern auch wieder die Karriere Riekers in Gefahr, als sie sich in die Ermittlungen einmischt und den Lockvogel gibt.
Mit den beiden Protagonisten hat Dorweiler spannende Charaktere geschaffen, die auf jeden Fall Zugpferd für die beginnende Krimireihe darstellen. Der Fall ist skurril und spannend. Wer glaubt, dass man einen Spannungsbogen kaum halten kann, wenn man als Leser ab Mitte des Romans zu wissen glaubt, wer der Täter ist, wird hier durch eine unerwartete Wende und einen actionreichen Schluss eines besseren belehrt.
Der Krimi ist nicht nur für Krimifans, die sich gerne ein wenig gruseln, sondern vermittelt auch sehr gelungen Einblicke in das Leben und die Zeit zu Ende des 19. Jahrhunderts. Eine spannende Lektüre für gute Unterhaltung mit Hintergrund!

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Veröffentlicht am 10.12.2024

Für Geschichtsliebhaber

Die Lungenschwimmprobe
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Tore Renberg hat jahrelang akribisch den wahren Fall der Anna Voigt, die des Kindsmordes beschuldigt wurde, recherchiert und zu rekonstruieren versucht. Diese intensive Auseinandersetzung hat Eingang gefunden ...

Tore Renberg hat jahrelang akribisch den wahren Fall der Anna Voigt, die des Kindsmordes beschuldigt wurde, recherchiert und zu rekonstruieren versucht. Diese intensive Auseinandersetzung hat Eingang gefunden in seinen Roman „Die Lungenschwimmprobe“, der damit zugleich dem Beginn der Rechtsmedizin ein Denkmal setzt. Die eher unbekannte Methode der „Lungenschwimmprobe“ wird eingesetzt, um ermitteln zu können, ob ein Kind bei der Geburt noch lebte oder bereits tot war.
Dass derartige Beweise Zulassung vor Gericht in der Mitte des 17. Jahrhunderts fanden, ist eine der Neuheit, die der Roman schildert, und in der sich der Zusammenprall vom Glaube und Aufklärung und der Beginn einer neuen Zeit manifestieren. Von daher ist eine Stimme aus dem Chor der damaligen Zeit, die in diesem Roman Gehör finden, die des Arztes Schreyer. Daneben geht es um den Anwalt Thomasius, der sich als Wegbereiter der Aufklärung gegen Hexenprozesse und Folter ins Feld zog und sich hier des Falls der Anna Voigt annahm. Unter anderem auch, weil Annas Vater ein reicher und einflussreicher Mann war, der nicht nur die Ehre seiner Tochter und damit seine verteidigen wollte, sondern auch gegen seinen persönlichen Widersacher ins Feld zieht. Mit den Stimmen der Aufklärung konkurrieren die, die am Althergebrachten, an der Tradition, den unerschütterlichen Grundpfeilern des Glaubens festhalten wollen, wie die Köchin aus dem Haushalt von Voigt, die für das dumm gehaltene, abergläubische Volk steht, sowie der Ankläger, der
Gesetz auch mit zweifelhaften Methoden „zum Recht“ verhelfen will. So entspannt sich ein spannender Konflikt zwischen Alt und Neu, Tradition und Fortschritt, Glaube und Vernunft, Kirche und Aufklärung. Dass es das Neue und Fortschrittliche in einer engen, mit starren Griff der Kirche gehaltenen Zeit, wo Unwissenheit und Aberglaube gern genutzte Mitteln der Manifestation der eigenen Macht darstellten, nicht leicht hatten, machen die Person des Arztes und des Anwalts deutlich, die bereit sind, für ihre Ideale auch die drohenden Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Dabei geht es allerdings mehr um die Idee als um den konkreten Fall oder die konkrete Person der Anna Voigt, die bisweilen etwas in Vergessenheit gerät, und nicht nur Opfer von Verleumdung und Doppelmoral ihrer Zeit wird, sondern auch Opfer im Kampf von Überzeugungen. Es geht hier weniger um die Einfühlung in ihre Sicht der Dinge als stimmlose Frau, die den Männern, dem Aberglauben und den Moralvorstellungen der Zeit unterlegen ist.
Dem Autor geht es um die großen Ideen und den Fülle an Informationen, die er über diese Zeit zusammengestellt hat und der er sowohl bis in die äußeren Gestaltung des Covers und den Schreibstil beeindruckend Rechnung trägt. Allerdings muss der Leser der Leidenschaft für das historische Detail bisweilen über die 700 Seiten mit ein wenig Beharrlichkeit und Ausdauer folgen. Die Menschen sind zu sehr Träger von Überzeugungen, als lebendige Figuren, die den Leser packen und das Geschehen lebendiger machen könnten.
Sicherlich eine großartige literarische und historische Leistung für ein versiertes Publikum!

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Veröffentlicht am 10.12.2024

Thomas Mann, neu belebt

Gefährliche Betrachtungen
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Die Idee, anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Zauberberges und seines bevorstehenden hundertfünfzigsten Geburtstages neues Leben in das Thomas-Mann-Universum zu bringen, halte ich für sehr gelungen. ...

Die Idee, anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Zauberberges und seines bevorstehenden hundertfünfzigsten Geburtstages neues Leben in das Thomas-Mann-Universum zu bringen, halte ich für sehr gelungen. Auseinandersetzungen mit Autor und Werk gibt es unzählige, sowohl wissenschaftliche als auch massentaugliche, in Wort und Bild. Es erscheinen auch immer wieder literarische Adaptionen seiner Werke, wie zuletzt „Zauberberg 2“ von Heinz Strunk, auf dessen Lektüre ich mich freue.
Aber Tilo Eckards Roman „Gefährliche Betrachtungen: Der Fall Thomas Mann“ ist gleich in mehrfacher Hinsicht originell: Auch wenn der Roman dann doch nicht so viel Krimi ist, wie der Untertitel nahelegt, trägt die Handlung doch Züge eines Krimis, die für Spannung sorgen. Da ist die Begegnung zwischen Thomas Mann und dem litauischen Übersetzer, den ich hier der Einfachheit halber, wie auch im Roman, „Müller“ nenne. Dieser verliert Thomas Manns Redemanuskript wider die Entwicklungen im Deutschen Reich und damit einen brisanten Stoff. Die Suche danach und das Verschwinden einer Person aus dem Haushalt Thomas Manns bieten also Stoff für Spürnasen.
Zum anderen legt Tilo Eckard die Handlung auf den abgeschiedenen Schauplatz des Ferienhäuschens der Familie Mann auf der Halbinsel Nidden, das Mann vom Geld für den Literaturnobelpreis erworben hatte, aber nur einmal besuchen konnte, da es für ihn durch den Aufstieg des Nationalsozialismus und seines Exils bald in unerreichbare Ferne rückte. Dieser Schauplatz bietet nicht nur genügenden Qualitäten für eindrückliche Naturbeschreibungen, ist es doch landschaftlich ein sehr reizvoller Ort. Nidden war darüber hinaus Künstlerkolonie und damit Rückzugsort für viele Andersdenkende, feinfühlige Köpfe, die hier ihre Ruhe und Distanz zum aufkommenden braunen Barbarismus suchten.
Damit bietet sich für Eckard ein phantastisches Panorama der Geistes- und Kulturgeschichte auf einer seiner Höhepunkte vor dem bodenlosen Fall in die Unkultur und in Spannung zu der gesamtgeschichtlichen Entwicklung der Welt mit dem aufkommenden Faschismus. Feinfühlig und voller Kennerschaft zeichnet der Autor ein differenziertes Bild, in dem der Wunsch des Künstlers nach Rückzug, Ruhe und musische Inspiration mit der empfundenen politischen Verantwortung wider den undeutschen Geist in Wettstreit tritt.
In meinen Augen eröffnet der Roman einem breiten Publikum, das nicht nur Thrill und Blutrünstigkeit als Anspruch an einen Krimi hat, die Möglichkeit, Thomas Mann in den Spannungen seiner Zeit zu begegnen und eingeführt zu werden in eine (auf andere Art) spannende Welt der Kultur- und Geistesgeschichte, die vor den politischen Hintergründen zur Stellungnahme aufgefordert ist. Ein auch heute (wieder) aktuelles Thema!

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Veröffentlicht am 10.12.2024

Wunderschöne Aufmachung

Lina und der Schnee-Engel
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Ein alter Glaube besagt, dass der Schneeengel für den Menschen, der ihn gemacht hat, zum Schutzengel wird. So erscheint Linas Schneeengel ihr während ihrer langen Krankheit und gibt ihr Mut und Hoffnung, ...

Ein alter Glaube besagt, dass der Schneeengel für den Menschen, der ihn gemacht hat, zum Schutzengel wird. So erscheint Linas Schneeengel ihr während ihrer langen Krankheit und gibt ihr Mut und Hoffnung, wieder gesund zu werden. Daraufhin sucht sie ihn immer wieder, um sich zu bedanken, aber sie versucht auch, anderen die Magie der Schutzengel zuteil werden zu lassen.
Die Geschichte ist manchmal ein wenig traurig, manchmal auch ein wenig furchteinflößend, wenn der Engel aus dem Nichts erscheint oder wenn Lina ihn durch gefährliche Aktionen herbeizurufen versucht. Aber ich denke, dass man das Buch mit kleineren Kindern zusammen liest und ihre Fragen und Ängste thematisieren kann.
Ich finde, dass gerade das Unbegreifliche, das ein Wunder ausmacht, in diesem Buch gut zum Ausdruck kommt. Insbesondere in der phantastischen Aufmachung. Die Bilder verbreiten einen Zauber und eine magische Kraft, die den Engel umgibt, auf beeindruckende Weise. Sie sind für mich ein Sinnbild dafür, welche Schönheit in der Welt und im Leben möglich sind, und geben allein damit schon Hoffnung darauf, dass Wunder möglich sind.
Für mich vermittelt das Buch die Freude am Schauen, am Lesen und Zuhören sowie Trost, Hoffnung und das Gefühl, nicht allein zu sein.

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Wie fühlt sich einer, vor dem alle Angst haben?

Lucy und das Dunkel
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Das Bilderbuch „Lucy und das Dunkel“ nimmt auf eine wunderbare Weise die Angst vor dem Dunkel und macht die Entdeckung des Dunkeln zu einer spannenden und heiter unbeschwerten Abenteuerreise, wie sie ...


Das Bilderbuch „Lucy und das Dunkel“ nimmt auf eine wunderbare Weise die Angst vor dem Dunkel und macht die Entdeckung des Dunkeln zu einer spannenden und heiter unbeschwerten Abenteuerreise, wie sie nur die kindliche Wahrnehmung erzeugen kann.
Zum einen sind es die tollen Bilder, die die Geschichte so bestaunenswert machen. Auch die dunklen Farben wirken hier nicht bedrohlich, sondern sie bringen die helleren zum Strahlen und erschaffen so eine Atmosphäre, die es ohne sie nicht gäbe: Wer sähe die Schönheit der Sterne ohne die Dunkelheit des Alls? Wer wüsste die Buntheit der Welt zu schätzen ohne den Kontrast zum Dunklen?
Und das genau ist zum anderen das Reizvolle an diesem Buch: die Frage, wie die Welt wohl ohne das Dunkel wäre! Denn das Dunkel begibt sich mit seiner neuen kleinen Freundin Lucy, die zunächst nicht im Dunkeln schlafen wollte, eine abenteuerliche Reise zu den dunklen Orten, den Höhlen, den Friedhöfen, dem Abendhimmel. Und oh Wunder: das Dunkel, das zuvor jeder zu fürchten, nicht zu mögen und zu verbannen schien, wird von allen schmerzlich vermisst.
Ein berührendes Bilderbuch, nicht nur fürs Auge, auch fürs Herz! Es eröffnet einen neuen Blick auf die Welt, insbesondere den Teil, der im Dunkeln liegt und vor dem wir daher gerne die Augen verschließen. Und es nimmt die Angst vor dem Dunkel, das nicht Feind, sondern eigentlich Freund ist. Mit diesem Wissen lässt es Groß und Klein gleich viel besser schlafen!

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