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Veröffentlicht am 18.08.2024

Merkwürdiges Ende

Die Gräfin
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Die erst Hälfte des Romans „Die Gräfin“ von Irma Nelles habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Die Gräfin lebt mit ihrem Knecht und ihrer Haushälterin auf einer Hallig. Dort bietet sie nicht nur ausgemusterten ...

Die erst Hälfte des Romans „Die Gräfin“ von Irma Nelles habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Die Gräfin lebt mit ihrem Knecht und ihrer Haushälterin auf einer Hallig. Dort bietet sie nicht nur ausgemusterten Pferden Obdach, sondern verhilft auch denen, die sich vor den Nazis verbergen müssen, zur Flucht. Es ist das Jahr 1944, als ein englischer Pilot auf der Hallig abstürzt und mit seiner Anwesenheit die Halligbewohner in Gefahr zu bringen droht. Er löst in allen dreien unterschiedliche Gefühle aus.
Die Naturgewalten und das einfache Leben auf der Hallig werden sehr eindringlich und anschaulich beschrieben. Zunächst erscheint die Gräfin als eigenwillige, aber durchaus bewundernswerte Person, die allem Komfort eines adeligen Lebens zugunsten einer einfachen, naturnahen Existenz aufgegeben hat. Ihre beiden Mitbewohner sind schon fast mehr Freunde als Angestellte. Und auch mit einigen Festlandbewohnern gibt es engen Kontakt, zumeist aus der gemeinsamem Ablehnung der Nazis heraus.
Mit dem Auftauchen des Fliegers entsteht eine für mich nicht ganz nachvollziehbare Dynamik. Die Gräfin wird zusehends exzentrischer und ihr Verhalten skurriler. Auch der Pilot ist in seinem Verhalten wenig verstehbar: statt dankbar für seine Rettung zu sein, fühlt er sich von den Vergangenheitsgeschichten der Gräfin zunehmend genervt, auch wenn verständlich ist, dass er die lebensrettende Insel so schnell wie möglich verlassen will.
Das Ende lässt dann wirklich alle Fragen offen. Sie verweist auf eine Beziehungsebene zwischen Gräfin und Piloten, die zuvor auch schon einmal kurz angedeutet wurde, als die Gräfin bedauert, dass sie schon zu alt sei und die Liebe im Alter schwinde und schal werde. Irgendwie aber passt ein möglicher amouröser Zug sogar nicht in die Beziehung der beiden, zumal der Pilot sich mehr für die gleichaltrige Meta zu interessieren scheint.
Warum dann noch eine weitere Person auf die Insel kommt und wie es mit allen weitergeht, bleibt völlig unklar. Ein wenig wird sogar angedeutet, dass der Pilot auf der Insel etwas gefunden haben könnte, von dem er noch nicht einmal wusste, dass er es suchte.
Das Ende lässt etwas ratlos und ziemlich unbefriedigt zurück. Schade.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Eine tolle Erzählerin

Nur nachts ist es hell
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Am packendsten an dem Roman „Nur nachts ist es hell“ von Judith W. Taschler fand ich den Erzählstil der Autorin. Sie schildert das Leben der Elisabeth Burger, die gegen alle Widerstände der Zeit Medizin ...

Am packendsten an dem Roman „Nur nachts ist es hell“ von Judith W. Taschler fand ich den Erzählstil der Autorin. Sie schildert das Leben der Elisabeth Burger, die gegen alle Widerstände der Zeit Medizin studieren und als Ärztin arbeiten kann. Sie muss sich aber nicht nur mit den gesellschaftlichen und politischen der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, sondern auch mit den Geheimnissen ihrer Familie. So birgt fast jedes ihrer Mitglieder sein eigenes Geheimnis, das seinem Leben eine entscheidende Wendung gibt.
Erzählt wird aus Sicht Elisabeths selbst. Sie richtet sich dabei, wie man nach und nach erfährt, rückblickend an die Enkelin ihres Bruders Eugen.
Geschickt beginnt die Autorin mit einer Kurzversion des Lebens von Elisabeth, in der dem Leser blitzlichtartig einige Stationen ihres Lebens vor Augen aufflammen und mehr Fragen hinterlassen als Übersicht zu geben. Damit ist die Neugier geweckt, was sich hinter den Geschehnissen verbirgt, in der Ahnung, dass da noch mehr sein müsse als die Fakten eines Lebenslaufes.
Die Autorin wählt einen Erzählstil, dem ich sehr viel abgewinnen kann. Indem sie die Protagonistin selbst zu Wort kommen lässt, vermittelt sie dem Leser ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Man sieht die Ereignisse der Zeit in den Augen der sympathischen und interessanten Frauenfigur vorüberziehen. Reizvoll daneben stehen die Lebensausschnitte der anderen Familienmitglieder wie der Mutter oder des Bruders Eugen, die über Briefe oder wiedergegebene Gespräche vermittelt werden, sodass trotz der Ich-Perspektive auch die Innensicht in andere Figuren dieser exzeptionellen Familienkonstellation möglich ist.
Dabei enthüllt sich dem Leser oft Ungeheuerliches, das dem Leben der Figuren eine bisweilen grausame Wendung des Lebens zuteil werden lässt. Dabei handelt es sich nur periphär um die zeitgeschichtlichen Gegebenheiten, die die Autorin geschickt, eher en passant in die Geschichte einfließen lässt, mit denen sie aber zugleich mit interessantem Detailswissen ein lebendiges Porträt der Zeit erschafft. Es sind vielmehr die persönlichen Geschicke und Entscheidungen, die auch der Romanhandlung immer wieder unvermutet Wendung geben.
Gerade dadurch, dass die Autorin sehr sparsam mit Gefühlsäußerungen und Wertungen ist, lässt sie dem Leser Raum für eigene Gedanken und dafür, den Gefühlen selbst nachzuspüren. So kann er – insbesondere mit der Hauptfigur – eine zarte Bindung aufbauen und fühlt sich durch die eingestreuten Anreden an die Enkelin des Bruders selbst als Adressat der Erzählung.
Wunderbar zu lesen, mit großer Sympathie für die Figuren und von daher berührend!

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Veröffentlicht am 10.08.2024

Neue Einblicke in das Leben zur Zeit der Wikinger

Yrsa. Journey of Fate (Yrsa. Eine Wikingerin 1)
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Wer bei Wikingern und in Anlehnung an das Cover erwartet, von Seefahrten und Raubzügen zu lesen, der wird enttäuscht. Yrsa, die junge Heldin, hat überwiegend festen Boden unter den Füßen. Sie ist eine ...

Wer bei Wikingern und in Anlehnung an das Cover erwartet, von Seefahrten und Raubzügen zu lesen, der wird enttäuscht. Yrsa, die junge Heldin, hat überwiegend festen Boden unter den Füßen. Sie ist eine beeindruckende junge Frau, die ihren Bruder suchen muss, der entführt wurde. Ganz auf sich allein gestellt macht sie, die Kämpferin werden will, auf den Weg nach Haitabu, um dem Grund für das Verschwinden ihres Bruders auf die Spur zu kommen. Dabei droht ihr ausgerechnet von den Menschen aus ihrem Dorf Verderben, während sie in der Stadt unvermutet helfende Hände findet und auch ihrem Traum, eine Kriegerin zu werden, ein Stück näher kommt.

Anhand der Figur Yrsa führt uns die Autorin des gleichnamigen Romans ein in eine andere Welt zur Zeit der Wikinger. Zum einen ist es eine junge Frau, die sich dem Heiraten verweigert und ihren eigenen Weg gehen will, auch wenn dieser oft schwer und einsam ist. Zum anderen erfahren wir hier neben den Kämpfern etwas über die Leute, die an Land blieben und den Alltag bestritten: die Händler, die Schmiede, die Seherinnen und Heilerinnen. Mit großer Kenntnis lässt Alexandra Bröhm ein lebendiges Bild der damaligen Zeit vor Augen entstehen und führt ein in das Alltagsleben, aber auch in die Religion und Mythologie, die unlösbar mit dem Leben verbunden war und alles Lebendige durchdrang: die Opfergaben an Trolle und Waldelfen, die Schaden abwenden, aber auch herbeiführen konnten. Düstere Seher mit magischen Kräften, die Verwünschungen ausstießen, und Seherinnen, die ihre Gabe in die Gunst der Menschen stellten, stehen miteinander in Konkurrenz. Diese Atmosphäre der Naturmagie und des Wunderglaubens durchdringt das ganze Buch.

Das Nachwort skizziert sehr erhellend den aktuellen Forschungsstand zu den Wikingern und erklärt eben den Umstand, dass die Wikinger, die auf Schiffen auszogen, plünderten und Schrecken verbreiteten, nur ein Teil der damaligen Lebenswelt darstellten. Die Autorin stellt uns einen anderen, nicht ganz so bekannten, sehr anschaulich vor.

Bisweilen hat die sehr umfangreiche Story so ihre Längen und scheint den ein oder anderen Handlungsfaden für kurze Zeit schon einmal aus den Augen zu verlieren. Aber meist macht das der kurzweilige und vorwärtsdrängende Erzählstil der Autorin wieder wett. Auf jeden Fall eine spannende Lektüre!

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Veröffentlicht am 01.08.2024

Rettet die Bücher!

Die magische Bibliothek der Buks 1: Das Verrückte Orakel
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Die Buks sind die letzten Bewahrer der Bücher in einer Welt der absoluten (Gedanken)Kontrolle. Sie wohnen ganz geheim in einem Haus hinter dicken Mauern, umwuchert von dornigem Dickkicht. Wehe, wenn jemand ...

Die Buks sind die letzten Bewahrer der Bücher in einer Welt der absoluten (Gedanken)Kontrolle. Sie wohnen ganz geheim in einem Haus hinter dicken Mauern, umwuchert von dornigem Dickkicht. Wehe, wenn jemand von „Draußen“ von ihrer Existenz und der Existenz der Bücher, die sie in ihrer Bibliothek und in ihrem Keller vor der Menschheit, die nicht mehr liest und das Träumen verlernt hat, bewahren, erfährt! Aber die Buks haben ein Problem: Die Bücher leiden an einer seltsamen Krankheit, ihre Schrift schwindet dahin. Und auch ihre Königin, Queen Buk, scheint immer mehr Wörter zu vergessen. Da kann nur noch das Verrückte Orakel helfen. Aber kann man einem verrückten Orakel trauen, vor allem wenn es Hilfe von „Draußen“ prophezeit in Form von fünf Kindern. Aber dann kommen auf wundersame Weise nur vier von ihnen zu den Buks: Finn, der Finder, Nola, die Kriegerin, Mira, die Wundersame und Thommy, der Doppelgesichtige. Mit ihrer Hilfe sollen die Buks die Bücher retten. Aber sie verbergen einige Geheimnisse und immer mehr Rätsel tun sich den Kindern auf: Wer meint es ernst mit ihnen, wer gehört zu den Bücherfreunden und wer will im Namen des Ministerium die Bücher vernichten, die den Menschen nur dumme Flausen in den Kopf setzen? Als dann noch das Orakel prophezeit, ein Kind gehe verloren und eines werde zur Heldin, scheint klar zu sein, dass der Weg, die Bücher zu retten, ein gefährlicher ist.
Das Buch mit dem tollen Cover, auf dem dem Leser die Augen der Buks aus dem Dunkel der Bibliothek entgegenglühen, ist ein Lesespaß für Klein und Groß. Die Geschichte ist spannend und packend bis zur letzten Seite – und darüber hinaus. Die Figuren könnten vielfältiger nicht sein. Da sind auf der menschlichen Seite die vier Kinder, die in ihrer Welt Fürsprecher und Widersacher finden. Auf der Seite der Buks begegnen uns Gestalten, die wir aus anderen Büchern, aus der Geschichte kennen oder die eine buchspezifische Gabe haben. Neben Queen Buk sicher der bekannteste ist Scherloko-Buk, ein eigensinniger Detektiv. Rebella Buk macht ihrem Namen alle Ehre und erinnert ein wenig an Ronja Räubertochter, Attila Buk ist ein kleiner Kämpfer mit großem Herz, auch wenn er das gut zu verborgen weiß. Dann gibt es z. B. noch Romantika Buk, ihre Eigenschaft ist selbsterklärendd, und die Buchheiler Typografica Buk, um nur noch einige zu erwähnen. Die Figuren zeigen, in welche schillernd phantastische Welt uns dies Buch entführt. Es treibt mit Worten Scherze und spielt auf allerleit bekannte Bücher der Welt-, insbesondere der Kinderbuchliteratur an. Es spricht nicht nur über die Magie des Lesens und die Kraft der Bücher, sondern es stellt sie selbst dar, verzaubert sie doch die Leser mit seiner Geschichte. Und es stellt ihm schmerzlich vor Augen, wie eine Welt ohne Bücher aussehen könnte. Dieses Buch ist eine gelungene Kampfansage gegen eine Welt ohne Imagination, wie sie nur Bücher hervorbringen können. Denn Bücher stehen für „Freiheit mit Flügeln aus Papier“ und „stecken die Menschen mit Möglichkeitssinn an“, denn alles ist möglich in Büchern und in der Welt der Buks.
Das Hörbuch zum Buch wird lebendig und gut vorgelesen von Marian Funk, der insbesondere den vielen verschiedenen Buks eine je eigene Stimme verleiht.

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Veröffentlicht am 01.08.2024

Künstliche Intelligenz, echte Froindschaft

Ada und die Künstliche Blödheit – Ein Roboter auf der Flucht
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Ada ist ziemlich einsam. Sie ist eine perfekte Schülerin, ernsthaft, verantwortungsbewusst und intelligent. Aber sie hat keine Freunde. Und auch in der Familie dreht sich alles um die kleine Schwester ...

Ada ist ziemlich einsam. Sie ist eine perfekte Schülerin, ernsthaft, verantwortungsbewusst und intelligent. Aber sie hat keine Freunde. Und auch in der Familie dreht sich alles um die kleine Schwester Tiffany. Ada wünscht sich eine Freundin, oder besser gesagt: eine Froindin. Sie hat lange auf einen humanoiden Roboter gespart, eine künstliche Intelligenz, und sich auch genau überlegt, wie sie sein soll: schön, makellos, hypterintelligent und eben immer für sie da. Und dann rast etwas in ihr Leben, das alles andere ist als das. Sie nennt ihn „KB“, für künstliche Blödheit. Er weiß nichts, redet viel Unsinn und ist ziemlich ungelenk. Aber Adas Opa, der eigentlich von all dem neumodischen Zeug einer durchtechnologisierten Welt so gar nichts hält, findet ihn einen Superkumpel. Und alle Mitschüler von Ada sind völlig begeistert: eine KI, die so menschlich, so fehlbar und dabei so nahbar ist. Und es gibt noch jemand, der hinter KB her ist: Biberkopf und die Frau mit den bleichen Haaren und den blauen Lippen. Eine perfekte Gelegenheit für Ada, den Produktionsfehler KB gegen ihre Traum-KI einzutauschen oder?
„Ada und die künstliche Blödheit“ von Franziska Gehm ist nicht nur äußerlich ein buntes, knalliges und lustiges Buch über ein ernstes Thema. Die Geschichte ist unterhaltsam, sehr spannend zu lesen und mit tollen Bildern von Stefanie Jeschke illustriert. Die Figuren sind lustig, auch wenn Adas Opa manchmal ein wenig zu durchgeknallt ist. Und zugleich geht es um so gewichtige Themen wie Freundschaft und die Gefahren von humanoiden Robotern, die die „perfekteren“ Menschen zu sein scheinen. Aber sind sie überhaupt Menschen? Und was machen sie mit den Menschen, denen sie ihre Unzulänglichkeit widerspiegeln? Dagegen stellen KB und Ada den Wert des Unperfekten, der das Menschliche ausmacht und zu wahrer Freundschaft führt. Auf jeden Fall ein kurzweiliges Lesevergnügen mit einer Botschaft!

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