Wenn Menschen nur noch Nummern sind
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104Es ist das Cover, das meinen Blick auf das Buch gelenkt hat. Das Bild des kleinen Jungen, der ganz ruhig da steht und traurig und verlassen wirkt, und die „Nr. 104“ im Buchtitel haben mich gleichermaßen ...
Es ist das Cover, das meinen Blick auf das Buch gelenkt hat. Das Bild des kleinen Jungen, der ganz ruhig da steht und traurig und verlassen wirkt, und die „Nr. 104“ im Buchtitel haben mich gleichermaßen berührt.
Dies ist die Geschichte von Hardy und Margret, die nach dem Zweiten Weltkrieg in einem katholischen Kinderheim aufwachsen. Hardy wird als kleiner Junge gefunden, er spricht nicht, sein Alter wird geschätzt. Margret ist einige Jahre älter als Hardy. Sie nimmt sich seiner an und beschützt ihn, soweit es ihr möglich ist.
Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen, die eine in der Kindheit von Margret und Hardy, die zweite, mit der auch das Buch anfängt, beginnt im Jahr 2006. Wir lernen mit Hardy und Margret, ihrer Tochter Sabine, der Enkelin Julia und der Urenkelin Emily eine Familie kennen, in der es große Probleme gibt, aber auch beklommenes Schweigen herrscht, wenn es um die Vergangenheit geht.
Der Teil, der sich im Heim abspielt, wird von der Autorin Susanne Abel authentisch beschrieben. Es wird nichts geschönt, sondern die Leserinnen und Leser können sich ein glaubhaftes Bild machen. Es geht um Gewalt gegenüber Heimkindern in der deutschen Nachkriegszeit und um sexuellen Missbrauch sowie deren seelische Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.
Mich hat es zutiefst erschreckt zu lesen, wie ein Großteil der Betreuenden mit den Kindern umgegangen ist und was ihnen angetan wurde. Obwohl ich mir kein Urteil erlauben möchte, denke ich, dass es dafür kaum eine gerechte Strafe geben kann.
Ich bin so froh, dass Margret für den kleinen Hardy da war, der sich an ihr festhalten konnte. Betreuerinnen, die versucht haben, den Kindern etwas Freude zu schenken und sie liebevoll zu behandeln, gab es auch einige, aber was aus ihnen wurde, bleibt ein Rätsel.
Mit Susanne Abel habe ich eine Autorin kennengelernt, die das ganze Leid der Kinder in den Heimen, aber auch der späteren Familie mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlungskraft beschreibt. Ich bin gleichermaßen betroffen und fasziniert.