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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.07.2018

Fesselnd und frustrierend

Das Meer löscht alle Spuren
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„Das Meer löscht alle Spuren“ hat mich gefesselt und frustriert. Einerseits erzählt Lone Theils eine hochaktuelle Geschichte auf spannende Weise und in einem flüssig zu lesenden Stil. Andererseits hat ...

„Das Meer löscht alle Spuren“ hat mich gefesselt und frustriert. Einerseits erzählt Lone Theils eine hochaktuelle Geschichte auf spannende Weise und in einem flüssig zu lesenden Stil. Andererseits hat der Krimi für meinen Geschmack einige strukturelle Schwächen.

Die Rahmenhandlung bildet die herzerwärmende, aber tragische Liebesgeschichte des iranischen Dichters Manash und seiner Frau Amina. Sie müssen aus ihrer Heimat fliehen, werden aber unterwegs ungewollt getrennt. Amina verschwindet spurlos. Manash landet in einem Flüchtlingsheim in Dänemark. Dort fleht er die Journalistin Nora Sand an, Amina zu finden und verspricht ihr im Gegenzug ein Exklusiv-Interview. Nora nimmt sich der Aufgabe an und stößt auf erschreckende Vorgänge, in die skrupellose Großunternehmen verwickelt sind.

Das Thema Flucht greift die Autorin auf sensible Weise auf. Sie verdeutlicht, wie unterschiedlich Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft behandelt werden und welche Abgründe es zwischen Menschlichkeit und Profitgier gibt. Letztendlich beschäftigt sich nur ein kleiner Teil der komplexen Handlung mit Geflüchteten. Für meinen Geschmack hätte der Kriminalroman ruhig noch politischer ausfallen können, aber als Unterhaltungsbuch eignet er sich in seiner jetzigen Form sehr gut.

Etwas ratlos hat mich das Ende zurückgelassen. Auf der persönlichen Ebene der Charaktere fällt der Schluss sehr emotional aus (Nein, ich habe nicht geweint, ein Allergieanfall hat meine Augen zum Tränen gebracht.). Aber die (…ähm, spoilerfreie Formulierung…) strafrechtlich relevanten Geschehnisse enden viel zu abrupt. Natürlich bin ich froh, dass es kein Klischee-Ende gibt – nach dem Motto die Guten gewinnen und die Bösen verlieren. Aber irgendwie scheinen die Vergehen der Unternehmen und die Grenzüberschreitungen der Geheimdienste so gar keine Konsequenzen zu haben. Die Geschichte endet einfach, ohne dass die Autorin diese Konflikte wirklich auflöst. Dabei hätten sie so viel erzählerisches Potential gehabt.

Streckenweise wirkt die Handlung zudem etwas konstruiert. Neben ihrer Suche nach Amina erhält Nora weiterhin reguläre Aufträge zu Artikeln, die sie für ihre dänische Zeitung schreiben soll. Auf den ersten Blick haben die Themen überhaupt nichts mit ihrer Suche zu tun, aber gerade dann, wenn Nora nicht weiterweiß, werden ihre Recherchen für die anderen Artikel plötzlich relevant. Was mit Amina geschehen ist, wird dann gegen Ende ziemlich offensichtlich, auch wenn Nora die Zusammenhänge noch gar nicht erkannt hat.

All diese Kritikpunkte stören mich aber auch nur so sehr, weil der Kriminalroman ansonsten wirklich sehr gut war. Aktuelle Themen mit hohem Spannungspotential, Ermittlungen mal nicht aus Sicht der Polizei, eine verwickelte Handlung und interessante Charaktere: „Das Meer löscht alle Spuren“ lohnt sich.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Dichter Thriller mit überraschenden Wendungen

Der Kreidemann
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Mit einem unerwarteten Brief wird ein 30 Jahre zurückliegender Mordfall plötzlich wieder aktuell. Im Sommer 1986 entdeckten der 12-jährige Eddie und seine vier Freunde eine zerstückelte Leiche. Weitere ...

Mit einem unerwarteten Brief wird ein 30 Jahre zurückliegender Mordfall plötzlich wieder aktuell. Im Sommer 1986 entdeckten der 12-jährige Eddie und seine vier Freunde eine zerstückelte Leiche. Weitere Unfälle und Tragödien erschüttern die englische Kleinstadt in dieser Zeit. Erst im Jahr 2016 erfahren Eddie und Co, was damals wirklich passiert ist. Bis zum dramatischen Finale enthüllt die Autorin geschickt nach und nach die Ereignisse. Die Kapitel erzählen abwechselnd die Ereignisse von 1986 und 2016, wobei viele Kapitel mit einem Cliffhanger enden. Dadurch lässt sich das Buch streckenweise kaum aus der Hand legen. In der Mitte verliert der Thriller allerdings etwas an Tempo, weshalb sich das gewisse Kribbeln erst später wieder einstellt. Trotzdem ist „Der Kreidemann“ insgesamt ein gelungenes Debüt mit einer clever konstruierten Geschichte, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Brutaler Thriller, der gut zum aktuellen politischen Klima passt

Fake
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"Fake" spielt geschickt mit politischen Ambitionen, der Manipulierbarkeit der Medien, übertriebener Sensationsgier, internationalen Verschwörungen und skrupelloser Selbstüberschätzung. Die US-amerikanische ...

"Fake" spielt geschickt mit politischen Ambitionen, der Manipulierbarkeit der Medien, übertriebener Sensationsgier, internationalen Verschwörungen und skrupelloser Selbstüberschätzung. Die US-amerikanische Ärztin Catherine Finch, in Syrien vom IS entführt, wird zum Spielball unterschiedlicher Männer, die alle auf Catherines Kosten ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Da zunächst die vielen verschiedenen Charaktere mit ihren teils sehr unterschiedlichen Ambitionen vorgestellt werden, fand ich den Anfang etwas ermüdend. Dabei sind die Widersacher auch noch echte Klischee-Bösewichte, die durch und durch schlecht sind. Die Protagonisten, die angeblich aus Sympathie für den Friedensprozess handeln, sind hier deutlich komplexer gestaltet, da keiner wirklich gut oder uneigennützig denkt.
Erst später nach der Vorstellung aller Charaktere baut sich echte Spannung auf, die James Rayburn durch einige überraschende Wendungen aufrechthält. Der Autor nutzt eine ausdrucksstarke Sprache und einen anschaulichen Schreibstil, sodass man gedanklich sofort mit ihm in die USA, nach Syrien, Jordanien und Indonsesien reist. Allerdings wirken dadurch auch die Gewalt- und Kampfszenen sehr plastisch und äußerst brutal, was mir manchmal etwas zu viel wurde. Auch die immer wieder verwendeten Schachtelsätze mit ihren oft überflüssigen oder umständlich eingebauten Einschüben stören den Lesefluss ein bisschen.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Zwiespältige Lektüre

Als die Tage nach Zimt schmeckten
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„Als die Tage nach Zimt schmeckten“ hat mich zum Teil berührt und zum Teil ziemlich frustriert. Dramatische, bewegende Szenen wechseln sich hier mit emotionalem Kitsch ab. Der Roman erzählt eine iranische ...

„Als die Tage nach Zimt schmeckten“ hat mich zum Teil berührt und zum Teil ziemlich frustriert. Dramatische, bewegende Szenen wechseln sich hier mit emotionalem Kitsch ab. Der Roman erzählt eine iranische Familiengeschichte, die vier Generationen umfasst. Im Mittelpunkt stehen Noor, die im Iran geboren wurde, und ihr Vater Zod. Auf das Drängen ihres Vaters hin wanderte Noor als 17-Jährige gegen ihren Wilen in die USA aus, um die Chance auf eine bessere Zukunft zu haben. Nach der Trennung von ihrem untreuen Mann kehrt sie erstmals nach Teheran zurück. Mit ihrer 15-jährigen Tochter Lily will Noor in den Sommerferien Zod besuchen. Doch schnell stellt sich heraus, dass ihr Vater unheilbar krank ist.

Der Autorin gelingt es ziemlich gut, den krassen gesellschaftlichen Umschwung nach der Iranischen Revolution 1979 zu beschreiben, und zeigt, wie der Alltag vor allem für die Frauen plötzlich extrem schwierig wurde. Noors Eltern sind direkt und auf grausame Weise betroffen. Nachdem sie mit ihrer Tochter in den Iran reist, spüren auch Noor und Lily die Einschränkungen der Islamischen Republik am eigenen Leib, besonders als sie das Mädchen Ferry kennenlernen. Hier gelingen Donia Bijan einige wirklich berührende und gleichzeitig gesellschaftskritische Szenen.

Das Café Leila, das Zods Eltern gründeten, ist bei all den Unruhen der Ankerpunkt und Rückzugsort der Familie. Hier und im angrenzenden Haus von Zod scheinen die Regeln der Islamischen Republik nicht zu gelten und die Frauen der Familie können sich uneingeschränkt und frei bewegen. Das finde ich etwas merkwürdig und unrealistisch, da das Café letztendlich ein öffentlicher Ort ist, den jeder während der Öffnungszeiten betreten kann. Zod erinnert sich sogar daran, Ajatollah-Anhänger bedient zu haben. Trotzdem wirkt das Familiengrundstück in der Beschreibung der Autorin wie eine seichte, politfreie Zone, in der Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Noor und Lily legen beispielsweise immer erst Kopftücher an, wenn sie das Grundstück verlassen, und Lily kann ohne Probleme Zeit mit einem Jungen verbringen.

Der Klappentext des Romans verspricht ein sinnliches Lesevergnügen. Das stimmt zum Teil, denn ein wesentliches Motiv ist das Kochen. Die Autorin beschreibt wirklich anschaulich die Gerüche und Geschmäcker der exotischen Gerichte. Das Kochen und Bewirten von Familie und Gästen wird hier als sinnliches Erlebnis sowie als Symbol für Traditionsbewusstsein, Kulturbewahrung und Familiensinn verwendet. Die verschiedenen Charaktere kochen Gerichte aus ihrer eigenen Kindheit und vermitteln die Rezepte an die nächsten Generationen weiter – so entsteht eine Verbindung über das Essen. Wenn es um die Themen Essen und Kochen geht, schafft Donia Bijan plastische Bilder und beschwört eine wunderbare Atmosphäre herauf, die mich absolut gefangen gehalten hat. Hier hat ihr die Ausbildung als Köchin sicher geholfen. Leider hält dieser Stil nicht an. In vielen Rückblenden auf Zods Jugend zum Beispiel rattert sie wichtige Ereignisse einfach nur herunter, statt ihnen eine ähnliche emotionale Dichte zu geben. Viel verschenktes Potential.

Manchmal wären mir auch kürzere Koch-Beschreibungen zugunsten einer besseren Zeichnung der Charaktere lieber gewesen. Gerade die Nebenfiguren sind arg schablonenartig. Da ist zum Beispiel die mütterliche Naneh Goli, die ihr Leben aufopferungsvoll der Familie Yadegar widmet, oder der fleißige junge Diener Karim, der alles für Lily tut, weil er in sie verliebt ist. Auch Noor als Protagonistin ist merkwürdig unentschieden, ängstlich und passiv ihrem Schicksal gegenüber. Erst auf den allerletzten Seiten trifft sie selbstbewusst eine Entscheidung für sich, davor lässt sie sich immer wieder von ihrer Tochter, ihrem Vater, ihrem Mann und so ziemlich jedem, dem sie begegnet, rumschupsen. Dazu kommt, dass sich in den Szenen zwischen den Charakteren viele übertriebene Emotionen, plötzliche Stimmungsschwankungen und Eskalationen eingeschlichen haben. Verkürzter Beispiel-Abschnitt von Seite 333:
- Noor stellt eine einfache Frage.
- „Mhm.“ Ferry zuckt mit den Schultern.
- Noor gibt eine belanglose Weisheit von sich.
- Ferry schreit ihre Antwort und fängt an zu weinen.
- Ferry, Noor und Lily holen tief Luft und gehen weiter.
Das Buch strotzt vor diesen übertriebenen emotionalen Ausbrüchen, für die es keinen richtigen Anlass bzw. keine Hinleitung gibt und die genauso schnell vorbei sind, wie sie angefangen haben. Diesen Stil empfand ich als sehr ermüdend, zumal die Autorin an vielen anderen Stellen beweist, dass sie bessere Dialoge und Szene schreiben kann.

Zudem erscheint mir der Plot an vielen Stellen etwas zu konstruiert. Besonders frustrierend war Lilys zweiter Besuch im Schwimmbad, der unnötig riskant und gefährlich war und ihr selbst Angst gemacht hat. Gerade angesichts Lilys eigentlichen Ziels hat der Abstecher in der Story überhaupt keinen Sinn gemacht – er wirkte nachträglich nur wie eine Idee der Autorin, die es Lily erlaubt, den eigentlichen Zweck ihrer Flucht vor ihrer Mutter zu verschweigen und damit Konflikte zu vermeiden. Lilys anschließender Wandel vom launisch-stereotypischen Teenie zur empathischen, selbstlosen jungen Frau wirkte auf mich auch zu plötzlich.

Der Roman hat trotz einiger wirklich berührender und intelligenter Szenen für meinen Geschmack leider starke Schwächen. Gerade stilistisch und erzählerisch ist er ziemlich inkonsistent. Wenn ich mich emotional eingefühlt hatte, wurde ich ziemlich schnell wieder rausgerissen. Schade.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Zwei unterschiedliche Frauen suchen ihren Platz im Leben

Die Schönheit der Nacht
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In „Die Schönheit der Nacht“ stehen zwei unterschiedliche Frauen im Mittelpunkt, die voller Zweifel an verschiedenen Punkten ihres Lebens angekommen sind. Da ist die rationale, nüchterne Claire, die als ...

In „Die Schönheit der Nacht“ stehen zwei unterschiedliche Frauen im Mittelpunkt, die voller Zweifel an verschiedenen Punkten ihres Lebens angekommen sind. Da ist die rationale, nüchterne Claire, die als etablierte Wissenschaftlerin beruflich erfolgreich, aber emotional unausgefüllt ist. Die junge Julie ist über ihre Zukunft unsicher, aber sie sehnt sich nach einem Leben voller Leidenschaft in allen Liebes- und Lebenslagen. Doch irgendwie materialisieren sich ihre Träume nie richtig, bis sie Claire kennenlernt. Die beiden unterschiedlichen Frauen begegnen sich erstmals zufällig in einem Pariser Hotel. Wenig später lernen sie sich offiziell kennen – denn Julie ist mit Claires Sohn Nicolas liiert. Claire und ihr Mann laden Julie in ihr Ferienhaus an der französischen Küste ein, wo die vier einen aufwühlenden Sommer erleben.

Die Handlung ist ziemlich überschaubar. Den Großteil des Romans machen die inneren Monologe, Gefühle und Erinnerungen der beiden Protagonistinnen aus. Dadurch erhält der Leser spannende Einblicke hinter die Fassade der Charaktere. Im Mittelteil verlor das Konzept für meinen Geschmack etwas an Spannung. Nina George schreibt in einem bombastischen Stil, der auf mich mal poetisch und mal etwas schwülstig wirkt. Prinzipiell hat es jedoch Spaß gemacht, diesen Roman der leisen Töne zu lesen.